Predigt am Sonntag Lätare, 30.3.2025, über Johannes 6,47-51
Christus spricht: Wirklich und wahrhaftig, ich sage euch: Wer glaubt, hat ewiges Leben. Ich in das Brot des Lebens. Eure Väter aßen das Manna in der Wüste und starben. Meine Wenigkeit ist das vom Himmel kommende Brot, damit, wer von ihm isst, dann auch nicht stirbt. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel kam. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot aber, das ich geben werde, ist meine körperliche Existenz für das Leben der Welt.
Liebe Schwestern und Brüder,
bei ihrer übereilten Flucht aus Ägypten konnten die Israeliten wenig mitnehmen - nur das, was sie zu tragen vermochten. Bald waren die Vorräte erschöpft, und aus dem Volk war Murren und Magenknurren zu hören. Da sprach Gott zu Mose: „Ich will Brot vom Himmel regnen lassen” (2.Mose 16,4). Dieses Himmelsbrot ist das Manna, das am nächsten Morgen das Lager wie Reif bedeckte. Die Israeliten fragten: „Man hu? - Was ist das?”, daher der Name: Manna.
Das Manna ist ein Wunder. Und ein Zeichen göttlicher providentia, göttlicher Fürsorge. Dieselbe Fürsorge erweist Jesus den Fünftausend, die ihm in die Wüste gefolgt waren, als er sie mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen satt macht. Es bleiben sogar zwölf Körbe mit Brocken übrig.
Die Israeliten dagegen durften von dem Manna nur soviel sammeln, wie jede und jeder am Tag benötigte. Nichts durfte übrig bleiben. Blieb doch etwas zurück, verdarb es über Nacht und wurde ungenießbar. Mit seinem Brotwunder überbietet Jesus das Mannawunder - und beweist damit mehr als deutlich, von welcher Art er ist.
Aber hier geht es nicht um die körperlichen Bedürfnisse, nicht um die Sicherung der körperlichen Existenz. Die Speisung der Fünftausend soll Jesus als den zeigen, der vom Himmel gekommen ist, so, wie damals das Manna vom Himmel fiel. Und sie soll zeigen, dass der, der für sein Volk in der Wüste sorgte und der, der die Fünftausend nicht hungrig nach Hause schickte, ein und derselbe sind: „Ich und der Vater sind eins,” sagt Jesus (Johannes 10,30).
Doch es gibt einen Unterschied: Gott hat die Welt geschaffen und erhält sie. Er steht außerhalb der Welt, ist ihr Gegenüber - wie man vielleicht über den Gartenzaun hinweg anschaut, was man gesät und gepflanzt hat.
In seinem Sohn begibt sich Gott in die Welt. Seine Fürsorge für die Welt ist nicht die des Gärtners, der seinem Garten beim Wachsen und Blühen zusieht. Jesus wendet sich den Menschen direkt zu und heilt sie, predigt ihnen, macht sie satt und wieder lebendig.
Das aber sind nur Beispiele seiner Fürsorge. Wollte Jesus sich jeder und jedem Einzelnen zuwenden, fände er kein Ende. Bzw. würde er während eines Menschenlebens niemals alle Menschen erreichen. Die direkte Zuwendung zum Mitmenschen ist daher unsere Aufgabe, die seiner Jüngerinnen und Jünger, die ihm nachfolgen.
Um für alle da sein zu können, für alle sorgen zu können, muss Jesus sich so in die Welt begeben, dass er alle erreicht - wie die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, ubiquitär sind. Jesus löst sich gleichsam in die Welt auf. Darum wählt er das Bild des Brotes, das geteilt und gegessen wird und so alle satt macht.
Jesus setzt seine körperliche Existenz für das Leben der Welt ein. Das darf - das muss - man sich im Wortsinn vorstellen: Jesus gibt seinen Körper, damit wir leben. Nicht umsonst wird Jesus mit dem Pelikan verglichen: Von ihm erzählte man sich, er würde in Zeiten der Not seine Brut mit dem eigenen Blut ernähren.
Die eigene Existenz für das Leben anderer einsetzen - das ist Aufopferung. In Zeiten des Krieges wurden solche heroischen Opfer propagiert, ja geradezu erwartet und verlangt. Nicht nur von den Soldaten an der Front, auch von der Bevölkerung daheim. Sie sollte ihr letztes Hemd geben, damit die Soldaten nicht froren, sollte in Überstunden und Sonderschichten die Waffen schmieden, mit denen die Soldaten an der Front kämpften und durch die sie starben.
Das Selbstopfer Jesu ist meilenweit von derlei propagandistischer Aufopferung entfernt, ja, es ist ihr genaues Gegenteil. Zunächst einmal hat sein Opfer nichts Heroisches. Jesus geht als Unschuldiger in den Tod, aber nicht als Held. Er verbietet seinen Jüngern jedes heldische Gebaren und tadelt Petrus, der dem Knecht Malchus das Ohr abhaut.
Und weiter ist sein Opfer nichts, was in Permanenz vollzogen werden müsste, wie man das im Krieg von den Soldaten und der Bevölkerung verlangte. Jesu Opfer ist einmalig. Und nicht nur das: Es geschieht ein für allemal. Dass Jesus sich für uns opfert, macht alle weiteren Opfer überflüssig und sinnlos - auch jedes sich selbst Aufopfern.
Jesus opfert sich, damit wir leben. Nicht nur von einem Tag zum nächsten, sondern ewig. Man darf dieses „ewig” nicht zeitlich verstehen. Ewig ist zunächst eine Qualität. Es bedeutet: erfülltes, wahres Leben.
Wahres, erfülltes Leben - darunter kann sich jede und jeder etwas vorstellen. Doch ich bin mir sicher, dass unsere Vorstellungen darüber, was wahres Leben ist, nicht dieselben sind, dass sie sogar ziemlich weit auseinander klaffen. Tun, was einem Freude macht, könnte wahres Leben sein. Etwas leisten, oder sogar die Norm übererfüllen. Wahres Leben könnte sein, dass man mit sich und der Welt im Reinen ist. Oder in der Sonne am Strand liegt. Vielleicht ist wahres Leben auch einfach das Gefühl, morgens voller Energie und Tatendrang aufzuwachen und zu wissen, dass ein Tag voller Abenteuer, voller Schönheit, voller Möglichkeiten vor einem liegt.
Für Jesus ist wahres Leben noch einmal etwas anderes. Das wertet unsere Vorstellungen vom wahren Leben nicht ab. Aber es relativiert sie. Wahres Leben, wie Jesus es versteht, hat nicht nur der Glückliche, der Gesunde und Sorgenfreie. Nicht nur die, die etwas zu leisten imstande ist, die etwas schafft, sich selbst verwirklicht.
Das wahre, das ewige Leben ist eine Person: Jesus selbst. - Aber wie kann das sein? Wie kann mein Leben - und daran vor allem das, was mir wirklich viel bedeutet - in einer anderen Person bestehen?
Wer schon einmal verliebt war; wer sein neu geborenes Kind im Arm hielt; wer einen Freund, eine Freundin fand, als man sie nötig hatte, kann diese Frage für mich beantworten:
In diesem Moment erfüllt sich mein Leben im anderen: in dem Menschen, den ich liebe; in dem Neugeborenen, das ein so schönes, beglückendes, unbegreifliches Wunder ist, das es einen umhaut; in dem Freund, der Freundin, die für mich da ist, das heißt: für die in diesem Moment nur ich zähle und nichts sonst.
In dieser Weise ist Jesus unser Leben. Man kann sich das trotzdem kaum vorstellen, weil Jesus nun einmal nicht unser Liebster, das Neugeborene auf unserem Arm oder der Freund in der Not ist.
Und zugleich ist er all das, und die Choräle im Gesangbuch malen es uns aus. Manchmal spürt man es, wenn man z.B. singt:
„Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!” (EG 37,4)
Oder wenn einem beim Eingangschoral der Matthäuspassion die Augen geöffnet werden und dann fast übergehen:
„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen,
Sehet!—Wen?—den Bräutigam
Seht ihn!—Wie?—als wie ein Lamm.
Sehet!—Was?—seht die Geduld,
Seht!—Wohin?—auf unsre Schuld.
Sehet ihn aus Lieb und Huld
Holz zum Kreuze selber tragen.”
In Jesus haben wir das wahre, das ewige Leben. Wir haben es jetzt, heute, morgen, immer - auch wenn uns heute Nacht eine Stunde davon weggenommen wurde (wir bekommen sie im Herbst zurück).
Jeder Tag, jeder Augenblick ist erfüllt, ist sinnvoll und gut. Nicht eine Sekunde unseres Lebens ist verschwendet. So sind wir frei - frei zu leben und das Leben zu genießen. Ohne Schuldgefühle, weil wir die Zeit nicht genutzt hätten, zu wenig angefangen hätten mit unserer Zeit, nicht intensiv, nicht wild genug gelebt hätten.
Auch Krankheit und Leid können unser Leben nicht entwerten. In Jesus sind auch unsere dunklen Stunden aufgehoben: Angst, Zweifel, Trauer oder Verzweiflung, die uns und unser Leben auffressen; der eintönige Alltag in unerträglichen Verhältnissen.
Unser Leben ist wahr, ist erfüllt, ist ewig, weil Jesus unser Leben ist. Er ist es, ist es immer gewesen und wird es sein. Insofern ist Ewigkeit auch ein Zeitbegriff.
Doch in Christus gibt es keine Zeit. Die Ewigkeit ist der Augenblick, der nie vergeht. In einem Augenblick besteht die Ewigkeit, und in einem Augenblick werden wir verwandelt, zur Zeit der letzten Posaune (1.Korinther 15,52). Es ist derselbe Augenblick, weil in Christus Zeit nicht existiert. Wir sind, die wir waren, die wir sind und die wir sein werden: Gottes über alles geliebte Töchter und Söhne.