Sonntag, 30. März 2025

wahres Leben

Predigt am Sonntag Lätare, 30.3.2025, über Johannes 6,47-51

Christus spricht: Wirklich und wahrhaftig, ich sage euch: Wer glaubt, hat ewiges Leben. Ich in das Brot des Lebens. Eure Väter aßen das Manna in der Wüste und starben. Meine Wenigkeit ist das vom  Himmel kommende Brot, damit, wer von ihm isst, dann auch nicht stirbt. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel kam. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot aber, das ich geben werde, ist meine körperliche Existenz für das Leben der Welt.

Liebe Schwestern und Brüder,

bei ihrer übereilten Flucht aus Ägypten konnten die Israeliten wenig mitnehmen - nur das, was sie zu tragen vermochten. Bald waren die Vorräte erschöpft, und aus dem Volk war Murren und Magenknurren zu hören. Da sprach Gott zu Mose: „Ich will Brot vom Himmel regnen lassen” (2.Mose 16,4). Dieses Himmelsbrot ist das Manna, das am nächsten Morgen das Lager wie Reif bedeckte. Die Israeliten fragten: „Man hu? - Was ist das?”, daher der Name: Manna.

Das Manna ist ein Wunder. Und ein Zeichen göttlicher providentia, göttlicher Fürsorge. Dieselbe Fürsorge erweist Jesus den Fünftausend, die ihm in die Wüste gefolgt waren, als er sie mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen satt macht. Es bleiben sogar zwölf Körbe mit Brocken übrig.

Die Israeliten dagegen durften von dem Manna nur soviel sammeln, wie jede und jeder am Tag benötigte. Nichts durfte übrig bleiben. Blieb doch etwas zurück, verdarb es über Nacht und wurde ungenießbar. Mit seinem Brotwunder überbietet Jesus das Mannawunder - und beweist damit mehr als deutlich, von welcher Art er ist.

Aber hier geht es nicht um die körperlichen Bedürfnisse, nicht um die Sicherung der körperlichen Existenz. Die Speisung der Fünftausend soll Jesus als den zeigen, der vom Himmel gekommen ist, so, wie damals das Manna vom Himmel fiel. Und sie soll zeigen, dass der, der für sein Volk in der Wüste sorgte und der, der die Fünftausend nicht hungrig nach Hause schickte, ein und derselbe sind: „Ich und der Vater sind eins,” sagt Jesus (Johannes 10,30).

Doch es gibt einen Unterschied: Gott hat die Welt geschaffen und erhält sie. Er steht außerhalb der Welt, ist ihr Gegenüber - wie man vielleicht über den Gartenzaun hinweg anschaut, was man gesät und gepflanzt hat.

In seinem Sohn begibt sich Gott in die Welt. Seine Fürsorge für die Welt ist nicht die des Gärtners, der seinem Garten beim Wachsen und Blühen zusieht. Jesus wendet sich den Menschen direkt zu und heilt sie, predigt ihnen, macht sie satt und wieder lebendig.

Das aber sind nur Beispiele seiner Fürsorge. Wollte Jesus sich jeder und jedem Einzelnen zuwenden, fände er kein Ende. Bzw. würde er während eines Menschenlebens niemals alle Menschen erreichen. Die direkte Zuwendung zum Mitmenschen ist daher unsere Aufgabe, die seiner Jüngerinnen und Jünger, die ihm nachfolgen. 

Um für alle da sein zu können, für alle sorgen zu können, muss Jesus sich so in die Welt begeben, dass er alle erreicht - wie die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, ubiquitär sind. Jesus löst sich gleichsam in die Welt auf. Darum wählt er das Bild des Brotes, das geteilt und gegessen wird und so alle satt macht.

Jesus setzt seine körperliche Existenz für das Leben der Welt ein. Das darf - das muss - man sich im Wortsinn vorstellen: Jesus gibt seinen Körper, damit wir leben. Nicht umsonst wird Jesus mit dem Pelikan verglichen: Von ihm erzählte man sich, er würde in Zeiten der Not seine Brut mit dem eigenen Blut ernähren.

Die eigene Existenz für das Leben anderer einsetzen - das ist Aufopferung. In Zeiten des Krieges wurden solche heroischen Opfer propagiert, ja geradezu erwartet und verlangt. Nicht nur von den Soldaten an der Front, auch von der Bevölkerung daheim. Sie sollte ihr letztes Hemd geben, damit die Soldaten nicht froren, sollte in Überstunden und Sonderschichten die Waffen schmieden, mit denen die Soldaten an der Front kämpften und durch die sie starben.

Das Selbstopfer Jesu ist meilenweit von derlei propagandistischer Aufopferung entfernt, ja, es ist ihr genaues Gegenteil. Zunächst einmal hat sein Opfer nichts Heroisches. Jesus geht als Unschuldiger in den Tod, aber nicht als Held. Er verbietet seinen Jüngern jedes heldische Gebaren und tadelt Petrus, der dem Knecht Malchus das Ohr abhaut.

Und weiter ist sein Opfer nichts, was in Permanenz vollzogen werden müsste, wie man das im Krieg von den Soldaten und der Bevölkerung verlangte. Jesu Opfer ist einmalig. Und nicht nur das: Es geschieht ein für allemal. Dass Jesus sich für uns opfert,  macht alle weiteren Opfer überflüssig und sinnlos - auch jedes sich selbst Aufopfern.

Jesus opfert sich, damit wir leben. Nicht nur von einem Tag zum nächsten, sondern ewig. Man darf dieses „ewig” nicht zeitlich verstehen. Ewig ist zunächst eine Qualität. Es bedeutet: erfülltes, wahres Leben.

Wahres, erfülltes Leben - darunter kann sich jede und jeder etwas vorstellen. Doch ich bin mir sicher, dass unsere Vorstellungen darüber, was wahres Leben ist, nicht dieselben sind, dass sie sogar ziemlich weit auseinander klaffen. Tun, was einem Freude macht, könnte wahres Leben sein. Etwas leisten, oder sogar die Norm übererfüllen. Wahres Leben könnte sein,  dass man mit sich und der Welt im Reinen ist. Oder in der Sonne am Strand liegt. Vielleicht ist wahres Leben auch einfach das Gefühl, morgens voller Energie und Tatendrang aufzuwachen und zu wissen, dass ein Tag voller Abenteuer, voller Schönheit, voller Möglichkeiten vor einem liegt.

Für Jesus ist wahres Leben noch einmal etwas anderes. Das wertet unsere Vorstellungen vom wahren Leben nicht ab. Aber es relativiert sie. Wahres Leben, wie Jesus es versteht, hat nicht nur der Glückliche, der Gesunde und Sorgenfreie. Nicht nur die, die etwas zu leisten imstande ist, die etwas schafft, sich selbst verwirklicht. 

Das wahre, das ewige Leben ist eine Person: Jesus selbst. - Aber wie kann das sein? Wie kann mein Leben - und daran vor allem das, was mir wirklich viel bedeutet - in einer anderen Person bestehen?

 Wer schon einmal verliebt war; wer sein neu geborenes Kind im Arm hielt; wer einen Freund, eine Freundin fand, als man sie nötig hatte, kann diese Frage für mich beantworten:
In diesem Moment erfüllt sich mein Leben im anderen: in dem Menschen, den ich liebe; in dem Neugeborenen, das ein so schönes, beglückendes, unbegreifliches Wunder ist, das es einen umhaut; in dem Freund, der Freundin, die für mich da ist, das heißt: für die in diesem Moment nur ich zähle und nichts sonst.

In dieser Weise ist Jesus unser Leben. Man kann sich das trotzdem kaum vorstellen, weil Jesus nun einmal nicht unser Liebster, das Neugeborene auf unserem Arm oder der Freund in der Not ist.

Und zugleich ist er all das, und die Choräle im Gesangbuch malen es uns aus. Manchmal spürt man es, wenn man z.B. singt:

„Ich sehe dich mit Freuden an 
        und kann mich nicht satt sehen;
        und weil ich nun nichts weiter kann,
        bleib ich anbetend stehen.
        O dass mein Sinn ein Abgrund wär
        und meine Seel ein weites Meer,
        dass ich dich möchte fassen!”
(EG 37,4)

Oder wenn einem beim Eingangschoral der Matthäuspassion die Augen geöffnet werden und dann fast übergehen:

„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen,
Sehet!—Wen?—den Bräutigam
Seht ihn!—Wie?—als wie ein Lamm.
Sehet!—Was?—seht die Geduld,
Seht!—Wohin?—auf unsre Schuld.
Sehet ihn aus Lieb und Huld
Holz zum Kreuze selber tragen.”

In Jesus haben wir das wahre, das ewige Leben. Wir haben es jetzt, heute, morgen, immer - auch wenn uns heute Nacht eine Stunde davon weggenommen wurde (wir bekommen sie im Herbst zurück).

Jeder Tag, jeder Augenblick ist erfüllt, ist sinnvoll und gut. Nicht eine Sekunde unseres Lebens ist verschwendet. So sind wir frei - frei zu leben und das Leben zu genießen. Ohne Schuldgefühle, weil wir die Zeit nicht genutzt hätten, zu wenig angefangen hätten mit unserer Zeit, nicht intensiv, nicht wild genug gelebt hätten.

Auch Krankheit und Leid können unser Leben nicht entwerten. In Jesus sind auch unsere dunklen Stunden aufgehoben: Angst, Zweifel, Trauer oder Verzweiflung, die uns und unser Leben auffressen; der eintönige Alltag in unerträglichen Verhältnissen.

Unser Leben ist wahr, ist erfüllt, ist ewig, weil Jesus unser Leben ist. Er ist es, ist es immer gewesen und wird es sein. Insofern ist Ewigkeit auch ein Zeitbegriff.
Doch in Christus gibt es keine Zeit. Die Ewigkeit ist der Augenblick, der nie vergeht. In einem Augenblick besteht die Ewigkeit, und in einem Augenblick werden wir verwandelt, zur Zeit der letzten Posaune (1.Korinther 15,52). Es ist derselbe Augenblick, weil in Christus Zeit nicht existiert. Wir sind, die wir waren, die wir sind und die wir sein werden: Gottes über alles geliebte Töchter und Söhne.

Sonntag, 23. März 2025

Anspruch

Predigt am Sonntag Okuli, 23.3.2025, über Jeremia 20,7-11:

Du hast mich überredet, Herr,
und ich habe mich überreden lassen.
Du hast mich überwältigt;
du warst stärker als ich.
Ich werde jeden Tag zum Gespött,
alle machen sich über mich lustig.
Denn jedes Mal, wenn ich rede, schreie ich.
„Unrecht und Gewalt!”, rufe ich.
Doch Gottes Wort brachte mir
täglich Schande und Spott ein.
Als ich mir sagte: „Ich will nichts mehr davon wissen
und nicht mehr in seinem Namen reden”,
da wurde es in meinem Herzen wie brennendes Feuer,
es brannte in meinen Knochen.
Ich versuchte, es auszuhalten,
aber ich schaffte es nicht.
Denn ich höre viele reden: „Er verbreitet nichts als Unheil!
Verklagt ihn! - Ja, wir werden ihn verklagen.”
Alle meine Freunde warten darauf, dass ich falle:
„Vielleicht lässt er sich austricksen, und wir kriegen ihn
und nehmen Rache an ihm!”
Aber Gott ist für mich ein gewaltiger Held,
deshalb werden meine Verfolger stolpern
und nichts erreichen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„du hast mich überredet, Herr,
und ich habe mich überreden lassen,”

beklagt sich Jeremia.
Wer so klagt, hat offenbar das Kleingedruckte nicht gelesen,
als er eine Verpflichtung einging.
Wusste Jeremia nicht, worauf er sich einlässt,
als er das Amt eines Propheten übernahm?

Zu Jeremias Gunsten muss man erwähnen,
dass er versucht hatte, sich zu wehren,
als Gott ihn zum Propheten bestellte:
„Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen,
denn ich bin zu jung,”
hatte er Gott entgegnet.
Aber Gott ließ das nicht gelten:
„Sage nicht: Ich bin zu jung,
sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende
und predigen alles, was ich dir gebiete”
(Jer 1,6-7).

Andererseits haben wir das nur von Jeremia selbst.
Er wird dieses Gespräch nicht in dem Moment aufgeschrieben haben,
als es stattfand - wenn es denn stattfand.
Denn mit diesem Gespräch legitimiert er sich ja auch
als direkt und persönlich von Gott eingesetzter Prophet.

Wenn Gott so direkt mit ihm verhandelt,
ist natürlich auch Jeremias Predigt,
die ihm viel Widerspruch und Feindschaft einbringt, Gottes Wort.
Als würde Jeremia nur wiedergeben,
was Gott ihm eingegeben hat,
ohne dabei ein eigenes Interesse zu haben.

Möglich, dass es sich genau so abgespielt hat,
wie Jeremia es Jahre später schildert.
Wahrscheinlicher ist jedoch,
dass Jeremia sich dieses Gespräch
zwischen Gott und ihm ausgedacht hat.

Das bedeutet nicht, dass Jeremia die Unwahrheit sagt,
und gar nicht von Gott berufen ist.
Der Dialog zwischen Gott und ihm,
den Jeremia wiedergibt, ist kein Gesprächsmitschnitt.
Er ist ein Stilmittel, das sehr häufig in den Erzählungen der Bibel auftaucht.
Ein Stilmittel, um zu beschreiben,
was Jeremia empfindet und wovon er überzeugt ist:
Dass Gott ihn trotz seiner Einwände beauftragt hat,
in Gottes Namen Gottes Wort zu predigen.

Dass Gott mit Jeremia gesprochen hat,
ist nicht wahr, und es ist nicht falsch.
Es ist wirklich. *)
Wirklich, weil Jeremia es so empfindet
und wir es ihm nachfühlen können.

Jeremia ist es wichtig, Gottes Wort als ein Wort zu beschreiben,
das einen Menschen überwältigen und dazu zwingen kann,
Dinge zu sagen und zu tun,
die er eigentlich nicht sagen und tun möchte.
Jeremia muss im Namen Gottes eine unheilvolle Botschaft überbringen:
Die Zerstörung Jerusalems
und die Wegführung seiner Bewohner nach Babylon.
Das möchte er nicht auf die eigene Kappe nehmen.
Und er möchte auch nicht den Eindruck erwecken,
als sei er damit einverstanden;
als fände er es richtig, dass der Tempel zerstört wird,
an dem sein Vater und seine Vorfahren als Priester gedient hatten.

Gottes Wort zwingt Jeremia dazu, dieses Unheil anzukündigen.
Gehen wir davon aus, dass Jeremia keine Stimme gehört hat,
die ihm diese Worte diktierte,
dann ist Gottes Wort das, was auch wir als Gottes Wort bezeichnen:
die Bibel.
Zu Jeremias Zeiten sah die Bibel noch nicht so aus,
wie wir sie heute kennen.
Aber es gab heilige Schriften, aus denen später die Heilige Schrift wurde.
Schriften, die Gottes Worte enthielten.

Aus diesen Worten hat Jeremia erfahren,
was Gott von uns erwartet.
In seinem Amt als Prophet ist er mit Gott in einer Beziehung,
die ihn davon überzeugt sein lässt, dass Gott ihn berufen hat,
und die ihm die Zuversicht gibt, in Gottes Namen zu sprechen.

In dem Bewusstsein, von Gott beauftragt zu sein,
ist Gott für Jeremia die höchste und letzte Instanz,
an der allein er sich orientiert
und vor der allein er sich rechtfertigen muss.
Und daher ist Gottes Wort,
wie er es in den heiligen Schriften erkennt
und in der Beziehung mit Gott an sich erfährt,
für ihn wegweisend und bindend.
So sehr, dass er sein eigenes Denken und Wollen
diesem Wort unterordnet und es daran ausrichtet.

Denn Jeremia hätte sich Ärger und Feindschaft ersparen können.
Er hätte einfach nur das predigen müssen, was die Leute hören wollten.
Er hätte nicht vor den Babyloniern warnen müssen -
die wären ohnehin gekommen.
Er hätte das Volk nicht mit Gottes Anspruch konfrontieren müssen -
das wollte ohnehin nichts davon wissen.
Er hätte ein angenehmes Leben als angesehener Bürger führen können,
bis die Babylonier gekommen wären
und ihn mit den anderen zusammen weggeführt hätten.

Aber offensichtlich konnte Jeremia das nicht.
Er konnte es nicht, weil er von Hoffnung beseelt war:
Der Hoffnung auf Umkehr.
Der Hoffnung, dass das Volk sich von Gott ansprechen
und Gottes Anspruch für sich gelten lassen würde.
Diese Umkehr könnte vielleicht sogar verhindern,
dass die Babylonier Jerusalem eroberten und den Tempel zerstörten.
Für diese Hoffnung nahm er in Kauf,
dass sogar seine Freunde sich von ihm abwandten.

Diese Hoffnung gegen allen Augenschein
ist der Beweis, dass Jeremia die Wahrheit sagt:
dass er tatsächlich im Namen und im Auftrag Gottes spricht.
Denn Gottes Wort nimmt uns nicht in Anspruch,
damit wir blind gehorchen.
Gott ist kein Despot, der uns nach seiner Pfeife tanzen sehen will.
Gottes Wort nimmt uns ins Anspruch für das Leben.

Wenn Jesus damit recht hatte,
dass die beiden höchsten Gebote Gottes sind,
Gott von ganzem Herzen zu lieben
und seine Nächste, seinen Nächsten wie sich selbst,
dann ist Gottes Anspruch an uns die Liebe:
Die Liebe zu Gott, zu unseren Mitmenschen und zu uns selbst.

Weil Gott uns liebt, darum hält er an seiner Beziehung zu uns fest,
auch wenn wir uns von Gott abwenden.
Gott ruft Menschen zur Umkehr,
damit sie wieder in eine Beziehung mit Gott und seiner Schöpfung,
in eine Beziehung zu ihren Mitmenschen und auch zu sich selbst kommen.

Denn auch die Liebe zu sich selbst bedeutet,
in einer Beziehung zu sein.
Die narzisstische Liebe, die ausschließlich um sich selbst kreist
und von anderen nichts wissen will
außer der Verehrung und der Bestätigung des eigenen Größenwahns -
diese narzisstische Liebe will nicht anerkennen,
dass kein Mensch für sich allein leben kann.

Wir sind aufeinander angewiesen,
und wir sind auf Gott angewiesen.
Sich selbst zu lieben bedeutet,
dieses Angewiesensein anzuerkennen.
Aus der Bejahung des Angewiesenseins entspringt die Nächstenliebe -
ich erkenne, dass ich meine Mitmenschen brauche und sie mich -,
und daraus entspringt die Liebe zu Gott -
ich erkenne, dass ich existiere, weil Gott mich gewollt hat
und weil Gott mich liebt.

Diese Erkenntnis führt zur Hoffnung.
Hoffnung zielt nicht auf den eigenen Vorteil, das eigene Glück,
sondern auf eine gemeinsame Zukunft
mit Gott, mit den Mitmenschen und mit Gottes Schöpfung.

Jeremia ist von Hoffnung beseelt.
Darum hat er sich von Gott in Anspruch nehmen lassen.
Darum gibt er Gottes Anspruch weiter,
indem er seine Mitmenschen anspricht.
Nicht mit dem, was sie hören wollen.
Sondern mit dem, was sie hören müssen.
In der Hoffnung, dass sie umkehren in eine Beziehung zu Gott,
zu ihren Mitmenschen und zu sich selbst.

Wer Gottes Wort als Anspruch an sich hört,
der, die ist von Gott berufen.
Denn in diesem Anspruch spricht Gott uns an,
als spräche er direkt mit uns,
als gäbe er uns den Auftrag, in seinem Namen zu predigen.

Wir alle, die wir Gottes Anspruch an uns erfahren,
sind von Gott berufen.
Nicht jede, nicht jeder zur Prophetin, zur Predigerin.
Sondern mit unseren Mitteln und Möglichkeiten
unsere Mitmenschen anzusprechen
und sie mit Gottes Wort, Gottes Anspruch zu konfrontieren.

So legen wir, jede und jeder auf seine und ihre Weise,
die Hand an den Pflug und bestellen den Acker,
auf dem Gottes Wort ausgesät wird und keimt
und wächst und Frucht bringt hundertfach,
sechzigfach und dreißigfach (Mt 13,23).



________________________________________________
*)

THE FIRST TIME PERCY CAME BACK

The first time Percy came back
he was not sailing on a cloud.
He was loping along the sand as though
he had come a great way.
”Percy,” I cried out, and reached to him - those white curls -
but he was unreachable. As music
is present yet you can't touch it.
”Yes, it's all different,” he said.
”You're going to be very surprised.”
But I wasn't thinking of that. I only
wanted to hold him. ”Listen,” he said,
”I miss that too.
And now you'll be telling stories of my coming back
and they won't be false, and they won't be true,
but they'll be real.”
And then, as he used to, he said, ”Let's go!”
And we walked down the beach together.


Mary Oliver, Dog Songs (2013)

Sonntag, 16. März 2025

hinsehen

Predigt am 2. Sonntag der Passionszeit, Reminiszere, 16.3.2025, über Johannes 3,14-21

Liebe Schwestern und Brüder,

Mose erhöhte die Schlange in der Wüste - wer die Geschichte nicht kennt, auf die Jesus anspielt, der, dem muss dieser Satz sonderbar vorkommen. Deshalb eine kurze Erinnerung: Das Volk Israel, das unter Moses Führung aus Ägypten geflohen war, musste sehr lange durch die Wüste wandern. Auf dieser Wanderung versorgte Gott das Volk mit Manna, das sie jeden Tag einsammelten. Immer wieder einmal hatte das Volk die Wüste und das eintönige Essen satt. Es machte dann seinem Ärger mit drastischen Worten Mose gegenüber Luft: „Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist weder Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise“ (4.Mose 21,4-9). Doch diesmal waren sie zu weit gegangen. Oder es war dieses Murren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: „Da,“ so heißt es, „sandte Gott feurige Schlangen, die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.

Auf den ersten Blick scheint es, als ließe Gott sein Volk sterben, weil es undankbar ist. Gott - gekränkt von Undankbarkeit, genervt vom Murren? Manche Eltern werden ihren Kindern gegenüber laut und ausfallend, wenn die mit ihrem Gequengel nicht aufhören: Ich mag das nicht. Mir ist langweilig. Wann sind wir endlich da. Aber sie verstehen auch, dass Kinder noch nicht so viel Geduld haben, sich schnell langweilen, nicht so lange still sitzen können. Darum tut es ihnen hinterher leid, wenn sie ihr Kind angeblafft haben. Was wäre Gott für ein Vater, wenn er Undankbarkeit und Gequengel mit dem Tod bestrafte?

Die feurigen Schlangen führen eindrücklich vor Augen, was Worte anrichten können. „Lügen haben kurze Beine“, heißt es. Manchmal haben sie gar keine: Wenn man sie gern hört, wenn sie die eigenen Ansichten bestätigen, schlängeln sie sich mühelos durch unsere Ohren in Herz und Hirn. Andererseits können Kritik oder Herabwürdigungen, wenn man sie immer wieder hört, wie Feuer brennen, können Lebensfreude nehmen, sogar töten, z.B. „Du bist zu fett“, oder „Du taugst nichts, aus dir wird nie etwas werden.“ Auch ständiges Murren und Meckern schafft ein Klima, das krank machen kann. In unserem reichen, gut funktionierendem, freien Land wird auf hohem Niveau gejammert. Es gibt so viel Unzufriedenheit, die in Hass umgeschlagen ist - Hass auf Fremde und Andersdenkende, anders Leben- und Liebende. Hass, der diese Anderen mit Worten kränken und verletzen will und der damit den Weg dafür bereitet, diese Anderen auch mit Taten auszugrenzen und wegzuschaffen.

Worte verletzen, brennen und beißen wie feurige Schlangen. Wie wird man diese Schlangen wieder los? Nun, zuerst durch die Einsicht, dass man Unrecht getan hat: „Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben.“ Das Volk Israel bittet Gott durch Mose um Hilfe gegen die feurigen Schlangen. Und Gott zeigt Mose, wie das Volk gegen den Biss der Schlangen immun wird: Es soll auf eine bronzene Schlange blicken, die Mose an einem Stab hochhält. Das ist mit der „Erhöhung der Schlange“ gemeint. Die Rettung für das Volk besteht darin, dass es sich ansieht, was es krank gemacht und getötet hat. Die Schlange ist das Symbol für die giftigen Kommentare, den beißenden Spott, das vergiftete Lob, die brennende Scham, die Worte auslösen können. Die Israeliten sollen sich ansehen, was sie getan haben und was sie lassen müssen, wenn sie leben wollen.

Ebenso,“ sagt Jesus, „muss der Menschensohn erhöht werden.“ Eine zynische Formulierung, wenn sie nicht von Jesus selbst käme. Denn mit der Erhöhung ist zunächst das Kreuz gemeint, an das Jesus geschlagen wird. Das ihn den verächtlichen Blicken und dem Spott preisgibt. Und wie die Schlange an Moses Stab symbolisiert, was wir einander mit Worten antun, so symbolisiert das Kreuz, was Menschen einander an Leid und Qualen antun. Das Kreuz erinnert uns an die Bosheit, die Gemeinheit, die Unmenschlichkeit, zu denen jede und jeder von uns fähig ist und die jede jeder schon von uns schon einmal verübt hat. 

Man müsste vor Scham über die eigene Schuld vergehen, wenn man sich das Leiden dieses Unschuldigen, dieses Friedfertigen und Liebevollen am Kreuz vergegenwärtigt: „Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?“ dichtet Adam Thebesius (EG 87).

Doch dazu müsste man wagen, hochzublicken auf das Kreuz, das einem die Bösartigkeit der Welt und die eigene Bosheit vor Augen stellt. Wie soll man diesen Anblick aushalten? Darum meiden böse Taten das Licht, das sie aufdeckt. Nicht nur, um in der Heimlichkeit das Böse zu tun, das man im Licht und vor aller Augen gar nicht tun könnte - jede Art von Lüge und Betrug, die üble Nachrede, das Ränkespiel. Sondern auch, weil man sich dann ansehen müsste, was man getan hat. Auch in denen, die keinen Gott über sich wissen, die niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig sind, gibt es das Bewusstsein, dass ihr böses Tun Unrecht ist - sonst täten sie es nicht heimlich.

Wie also kommt man zu der Erkenntnis, die Adam Thebesius formuliert: „Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet?“ Und woher gewinnt man den Mut und die Kraft, die eigenen Taten anzusehen und zu seiner Verantwortung zu stehen? Jesus sagt: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er sie richte, sondern dass sie durch ihn gerettet werde.“ Jesus ist nicht gekommen, um unsere Schuld aufzudecken, uns bloßzustellen und zu verurteilen. Sondern um alle Schuld auf sich zu nehmen und sie dadurch zu vergeben. Die Schuld, die wir uns ansehen, wurde uns nicht angerechnet - darum können wir sie ansehen und verantworten, darum kann sie ans Licht kommen.

Damit wir die Vergebung unserer Schuld erfahren, muss Jesus erhöht werden. Diesmal ist nicht die Erhöhung ans Kreuz gemeint, sondern die Auferstehung, die Erhöhung „zur Rechten Gottes“. Mit der Auferstehung ist der Tod vernichtet, ist auch alle Schuld getilgt. Jesus setzt sie außer Kraft, sodass sie ihre Macht über uns verliert: Wir sind nicht identisch mit dem, was wir getan haben, und wir sind nicht gezwungen, es zu wiederholen.

Wer das für sich annehmen kann, kann zum Kreuz hinauf sehen und das Leben gewinnen. Das Leben, in dem wir immer wieder schuldig werden und es jedes Mal neu und anders versuchen dürfen. Wir dürfen schuldig werden. Versuch und Irrtum ist die Art, wie wir leben und lernen. Darum müssen wir uns nicht verstecken und auch nicht das, was wir tun. Wir können unsere Fehler in aller Öffentlichkeit begehen, unsere Erfolge öffentlich feiern. Kein strenger, eifersüchtiger und gekränkter Richter blickt vom Himmel auf uns herab, der unerbittlich jeden kleinsten Lapsus penibel bemerkt und mit uns abrechnet. Sondern Gott, der wie eine liebevolle Mutter, ein liebevoller Vater wünscht, dass wir glücklich sind, der um unsere Schwächen weiß - und uns trotzdem, oder gerade deshalb, unendlich liebt. Wer in diesem Bewusstsein lebt, wird „die Wahrheit tun“, d.h. immer wieder und immer mehr versuchen so zu leben, wie Gott es sich für uns wünscht: In Ehrfurcht vor Gott und seiner Schöpfung; in Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. Von dieser Ehrfurcht, dieser Liebe erfüllt, ist man nicht unfehlbar, handelt man nicht immer richtig. Doch im Licht der Auferstehung Jesu „wird offenbar, dass alle unsere Werke in Gott getan sind.

Sonntag, 9. März 2025

Mitgefühl

Predigt am Sonntag Invocavit, 9.3.2025, über Hebr 4,14-16

Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchquert hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns festhalten am Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mit unseren Schwachheiten mitfühlen könnte, sondern der in jeder Hinsicht auf die selbe Weise  auf die Probe gestellt wurde, ohne Sünde. Lasst uns darum voll Vertrauen zum Thron der Gnade kommen, damit wir Mitleid empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe.

Liebe Schwestern und Brüder,

der schlechte Gesundheitszustand des Papstes
beschäftigt nicht nur Katholiken.
Man nimmt als Protestant:in sicher nicht so lebhaft daran Anteil,
wie es die Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom
und vor dem Gemelli-Klinikum tun.
Aber irgendwie beschäftigt eine:n auch, wie es dem Papst geht.
Genauso, wie man auch als Protestantin oder Protestant
die Wahl eines neuen Papstes mitverfolgt.

Auch wir hoffen bei einer solchen Wahl, dass jemand Papst wird,
der die Rechte der Frauen in der Kirche anerkennt,
Frauen den Weg ins Priesteramt ebnet
und den Priestern die Pflicht zur Ehelosigkeit erlässt.
Wir wissen, dass das wahrscheinlich nicht passieren wird -
zu lange schon warten die Gläubigen darauf;
zu oft wurden Reformversuche schon im Keim erstickt;
zu mächtig sind die beharrenden Kräfte in der katholischen Kirche.
Und trotzdem hoffen auch wir Protestantinnen und Protestanten
dass ein neuer Papst eine Veränderung anstoßen könnte.

Auch wenn für uns Protestantinnen und Protestanten
der Papst nur der Bischof von Rom ist,
kann man an seiner herausgehobenen Stellung
und an den Erwartungen, die man an ihn hat,
sehr gut erkennen, was der Hebräerbrief meint,
wenn er von Jesus als dem Hohenpriester spricht:
Wie der Papst ist der Hohepriester derjenige,
auf den sich alle Augen richten,
von dem man Hilfe erwartet und erhofft.

Aber einen wichtigen Unterschied gibt es:
Im Hebräerbrief ist es die Person Jesus,
die ihn zum Hohenpriester macht.
Der Papst dagegen ist der Oberste qua Amt.

Natürlich ist es nicht unwichtig, wer dieses Amt innehat.
Bei Benedikt XVI. alias Kardinal Josef Ratzinger
machte man sich von vornherein keine großen Hoffnungen,
weil man schon wusste, dass mit Ratzinger
ein Erzkonservativer zum Papst gewählt worden war.

Bei Franziskus, der sich als erster Papst
nach Franz von Assisi benannte -
einem Heiligen, der unkonventionelle,
neue Wege mit seinem Glauben ging -
und der aus Südamerika stammt -
nicht aus einem der reichen Länder des Nordens -,
schien es möglich, dass sich etwas ändern könnte.

Es hat sich dann doch nichts geändert.
Ein Papst entscheidet eben nicht allein.
Als Amtsträger ist er denen verantwortlich,
die ihn in dieses Amt wählten
und die ihn täglich beraten und kritisieren.

Das Amt ist eingebettet in Regeln und Ordnungen,
die es legitimieren und tragen.
Ein Pastor z.B. hat sein Amt deshalb,
weil die Kirche beschlossen hat,
die Verkündigung und Sakramentsverwaltung
nicht dem Zufall zu überlassen,
sondern bestimmten Personen,
die sie auswählt und bei denen sie sicher sein kann,
dass sie sich an die Regeln und Ordnungen
und an das Bekenntnis der Kirche halten.

Das Bekenntnis spielt auch im Hebräerbrief eine Rolle:
„Lasst uns festhalten am Bekenntnis”, heißt es da.
Was ist der Unterschied zwischen einer Regel,
einer Ordnung der Kirche, und dem Bekenntnis?
Das Bekenntnis sagt aus, was wir glauben:
Das Bekenntnis: „Jesus Christus ist Gottes Sohn”
macht unseren Glauben zum christlichen Glauben,
und es macht uns zur Kirche Jesu Christi.

Regeln und Ordnungen dagegen geben eine Struktur vor,
innerhalb derer sich das Leben der Gemeinden abspielt.
Diese Strukturen sind zeitlich, man kann sie ändern -
und man muss sie ändern, wenn es nötig wird.
Es wäre schön, wenn sich die Strukturen nicht so häufig ändern würden,
wie sie das zur Zeit bei der Kirche tun.
Aber so ist das eben mit Regeln und Ordnungen:
Sie sind nie allgemein und für alle Zeiten gültig,
sondern nur, solange sie das Problem lösen,
für das man sie eingeführt hat,
und nicht selbst zum Problem werden.

Schlimm wird es, wenn Regeln und Ordnungen
den Charakter eines Bekenntnisses bekommen.
Wie z.B. die Ehelosigkeit der Priester,
oder, dass nur Männer Priester sein dürfen.
Weil dann die Regeln eine Würde erhalten,
die sie nicht haben und nicht verdienen.
Und weil man sie nicht mehr ändern kann,
wenn sie zu einer Sache des Glaubens gemacht werden.
Wenn, dann geschieht eine solche Änderung auf Kosten der Einheit,
wie die Reformation gezeigt hat.

Wenn Regeln und Ordnungen Bekenntnischarakter bekommen,
ist damit der Punkt erreicht,
an dem eine Institution wie die Kirche
nicht mehr barmherzig sein kann.
Wenn diese Regeln z.B. Menschen, die andere lieben
oder anders lieben, von Gottes Segen ausschließen.
Oder wenn Menschen aufgrund ihres biologischen Geschlechts
Ämter in der Kirche nicht wahrnehmen dürfen,
obwohl sie es gern möchten und es auch könnten.

Nicht nur Institutionen wie die Kirche können unbarmherzig sein,
wenn sie eine Regel zum Bekenntnis erheben.
Ganze Staaten werden dadurch unbarmherzig.
Weil z.B. ein willkürliches Merkmal
wie die Abstammung, die Hautfarbe,
die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe
- wie die der Kurden in der Türkei -
oder einer religiösen Gemeinschaft
- wie die der Aleviten in Syrien -
Menschen von der Staatsbürgerschaft
und der gleichberechtigten Mitwirkung im Staat ausschließt.

Dienen Regeln und Ordnungen nicht mehr dazu,
das Zusammenleben fair und gerecht zu gestalten,
sondern bestehende Ungerechtigkeiten zu legitimieren,
bestimmte Menschen von Mitwirkung und Teilhabe auszuschließen
oder Macht über sie auszuüben,
werden sie unbarmherzig.

Das geschieht nicht nur in großen Organisationen
wie Kirchen oder Staaten.
So etwas geschieht auch im Kleinen,
wie etwa in einem Verein oder einer Kirchengemeinde.
Auch da können Regeln oder Traditionen
manchmal wichtiger werden als das Mitgefühl,
das Einfühlen in einen anderen Menschen.

Was Jesus zum Hohenpriester macht, ist seine Barmherzigkeit:
Dass er mit unseren Schwachheiten mitfühlen kann,
weil er sie selbst erlebt und erlitten hat,
ohne ihnen erlegen zu sein.

Barmherzigkeit ist es auch,
was wir von Gott erwarten dürfen,
wenn wir uns ihm voll Vertrauen nähern,
um Mitleid zu empfangen und Gnade zu finden.
Gott, der seinem Volk Israel die Gebote gab -
Regeln für den Glauben und für das Zusammenleben.

Wie geht das zusammen - Barmherzigkeit und Gebot?

Das Gebot ist der Maßstab, mit dem alles Handeln gemessen wird.
Was diesem Maßstab nicht entspricht, das ist „Sünde”.
Obwohl es viele Gebote gibt,
ist der Maßstab der Gebote nicht kompliziert,
sodass man jedes Mal einen anderen anwenden müsste.

Es gibt für unser Handeln im Grunde nur drei Kriterien,
an denen man erkennen kann,
ob es dem Willen Gottes entspricht oder nicht:
Zeigt unser Handeln, dass wir Gott lieben?
Zeigt es, dass wir unsere Mitmenschen lieben?
Zeigt es, dass wir uns selbst lieben?

Die Liebe ist der Maßstab, an dem sich unser Handeln messen lassen muss.
Wer Gott liebt, wird versuchen, Gottes Willen zu erfüllen.
Wer seine Mitmenschen liebt, wird Mitgefühl mit ihnen empfinden.
Wer sich selbst lieben kann, kann über sich lachen,
sich selbst nicht so wichtig nehmen und großzügig sein,
weil er, weil sie selbst Gottes Großzügigkeit an sich erfährt.

Darum ist es das Mitgefühl, das Jesus zum Hohenpriester macht.
Jesus hat Mitgefühl mit uns, denn er kennt unser Leben:
Er hat seine Schönheit und seine Härte am eigenen Leib erfahren.
Und dabei doch nie die Liebe verraten
zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst.
Ehrlicherweise muss man zugeben:
Er konnte die Liebe nicht verraten, weil er selbst die Liebe ist.

Glauben bedeutet, auf die Macht dieser Liebe zu vertrauen -
das heißt: auf die Macht Jesu, des Hohenpriesters,
der uns durch alle Himmel hindurch einen Weg zu Gott gebahnt hat.

Wir müssen Gott nicht fürchten,
weil wir seinen Geboten nicht gerecht geworden,
weil wir Sünderinnen und Sünder sind.

´Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns nicht darauf festnagelt,
wer wir waren und was wir getan haben.
Gott gibt uns das Recht, eine Andere, ein Anderer zu werden.
Damit können wir jetzt sofort anfangen.

Sonntag, 2. März 2025

sich irritieren lassen

Predigt am Sonntag vor der Passionszeit Estomihi, 2.3.25, über Lukas 10,38-42

Liebe Schwestern und Brüder,

meine Großmutter hieß tatsächlich Martha:

Martha Stottmeister, geb. Kriege.

An ihrem Geburtstag lud Oma Martha die Verwandten zum Mittagessen ein.

Wenn es an der Tür klingelte, kam sie aus der Küche geeilt,

wischte sich die Hände an der Schürze trocken 

und führte die Gäste ins Wohnzimmer.

Danach ging sie zurück in die Küche.

Im Wohnzimmer unterhielten sich die Erwachsenen,

und wir Kinder spielten möglichst leise - jedenfalls anfangs.

Dann trug Martha die Suppe auf, alle setzten sich an den Tisch und aßen.

Martha räumte ab und brachte das Hauptgericht;

dabei half ihr meine Mutter oder eine der Tanten.

Während alle noch aßen, sprang Martha schon wieder auf,

um den Nachtisch vorzubereiten.

Wenn der Nachtisch abgeräumt war

und es sich alle satt und zufrieden

auf Sofa und Sesseln bequem machten,

verschwand Martha in der Küche, um abzuwaschen.

Nach dem Abwasch deckte sie den Tisch fürs Kaffetrinken ein,

und dann war es schon wieder Zeit,

die Sahne zu schlagen, den Kuchen anzuschneiden und Kaffee zu kochen.

„Herr, fragst du nicht danach,

dass mich meine Schwester lässt allein dienen?

Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!”

Meiner Oma wäre es nie eingefallen, um Hilfe zu bitten.

Und keiner von uns - außer ihre Töchter -

fühlte sich verpflichtet, ihr zur Hand zu gehen.

Wir empfanden es als selbstverständlich,

dass sie uns bekochte und bediente,

und meine Oma offenbar auch.

Auch meine Mutter stand an ihrem Geburtstag in der Küche,

um das Essen für ihre Gäste vorzubereiten.

An unseren Geburtstagen und dem unseres Vaters sowieso,

ebenso an allen Feiertagen.

Meine Mutter hatte nie frei, wenn wir frei hatten.

Und wie ihre Mutter wäre sie nie auf den Gedanken gekommen,

ihren Mann oder uns Kinder um Hilfe zu bitten.

Offenbar braucht Martha für ihren Einwand Mut -

und eine Irritation, die sie überhaupt in die Lage versetzt,

das scheinbar Selbstverständliche infrage zu stellen.

Denn wenn man es gewohnt ist und als seine Pflicht ansieht,

dass man das Essen vorbereitet 

und zwischen Küche und Esstisch hin und her eilt,

während alle anderen gemütlich sitzen und sich unterhalten,

weil das die Mutter und die Großmutter schon so machten,

kommt man gar nicht auf die Idee,

dass es auch anders gehen könnte.

Dass Frauen den Haushalt führten,

die Kinder und ihren Ehemann versorgten,

galt über Jahrhunderte quasi als gottgewollt.

Immer wieder gab es Ausnahmen: Die Marias,

die sich nicht so verhielten, wie es von ihnen erwartet wurde.

Die Marias brachten Frauen und Männer nicht dazu,

über ihre Lage, ihre Rollen zu sprechen und nachzudenken.

Wenn jemand sich nicht so verhielt, 

wie man es erwartete und wie es sich gehörte, 

war er oder sie ein Störenfried, den man missbilligte, 

der sich unterordnen, sich wieder einfügen musste.

Das änderte sich erst in der Neuzeit.

Inzwischen haben wir zumindest theoretisch gelernt,

dass - bis auf das Kinderkriegen und das Stillen -

die Familien- und Hausarbeit 

von beiden Geschlechtern verrichtet werden kann.

Ja, dass das Geschlecht dabei überhaupt keine Rolle spielt.

Nach dem Tod meiner Oma erzählte mir meine Mutter,

dass Martha davon geträumt hatte, Lehrerin zu werden.

Sie war eine sehr gute Schülerin gewesen, wissbegierig und intelligent.

Aber für ein Mädchen aus dem Dorf

war eine solche Laufbahn nicht vorgesehen.

Als erstrebenswert galt es, einen möglichst reichen Bauern zu heiraten,

einen Sohn zur Welt zu bringen, der den Hof einst übernehmen würde,

und Töchter, die im Haus und auf dem Hof mithalfen.

„Maria hat das bessere Teil erwählt.

Das soll nicht von ihr genommen werden.”

1983 kam der Film Yentl in die Kinos.

Darin spielt Barbara Streisand die Tochter eines Rabbis,

die von ihrem Vater zuhause im Talmud unterrichtet wird.

Nach dem Tod ihres Vaters möchte sie gern weiter lernen,

das aber ist nur den Männern vorbehalten.

Also kleidet und verhält sie sich wie ein Mann,

um mit den anderen jungen Männern in die Schul gehen zu können

und den Talmud zu studieren.

Als Mann kann Yentl studieren.

Warum kam 1983, als die Emanzipation fast schon kein Thema mehr war,

dieser Film in die Kinos?

Warum wird dieses Thema einer Frau,

die als Frau nicht tun kann, was Männer tun dürfen,

die in ihrer Rolle und ihren Pflichten gefangen ist,

immer wieder in Filmen behandelt, bis heute? 

Frauen müssen sich heute nicht mehr als Männer kleiden und sich verstellen,

um studieren zu dürfen.

Aber nach wie vor wird aus dem kleinen Unterschied abgeleitet,

dass Männer und Frauen verschiedene Aufgaben haben.

Und es gibt viele, die das Rad der Geschichte wieder zurückdrehen möchten,

nicht nur in den Vereinigten Staaten.

Die Marias und Yentls stellen althergebrachte Rollen,

Traditionen und Institutionen infrage.

Nicht, weil sie sie zerstören wollen.

Sondern weil sie darunter leiden.

Denn sie verhindern, dass sie ihr eigenes Leben leben,

ihren Neigungen, ihren Fähigkeiten, ihrem Herzen folgen.

Indem sie sich anders verhalten, als man es von ihnen erwartet,

zeigen sie uns, dass Veränderung möglich ist

und nicht alles bleiben muss, wie es ist.

Ihr Beispiel lehrt uns, dass auch wir die Rollen nicht ausfüllen müssen,

in die wir hineingewachsen sind,

die Erwartungen nicht erfüllen müssen, die damit verbunden sind.

Die Irritation, die von ihnen ausgeht,

lässt uns unsere Möglichkeiten und Spielräume erkennen.

Maria ist die Irritation, die Martha überhaupt auf die Idee bringt,

sich bei Jesus zu beklagen und um Hilfe zu bitten.

Maria, die sich nicht so verhält, wie es ihrer Rolle als Frau entspricht.

Sie nimmt die Rolle eines der Jünger ein.

Weil Maria aus der Rolle fällt, bringt sie Martha zum Nachdenken.

„Maria hat das bessere Teil erwählt.

Das soll nicht von ihr genommen werden.”

Das bessere Teil - das bedeutet nicht,

dass Maria sich vor dem Küchendienst drücken will.

Während Martha schwitzt, weil sie in der Küche für zwei schuftet,

leidet auch Maria.

Das sieht man ihr nur nicht an.

Die Geschichte erzählt davon,

dass Maria Jesus zu Füßen sitzt und ihm zuhört.

Es wird aber nicht berichtet, worüber Jesus spricht.

Das könnten ihr hinterher die Jüngern erzählen,

dazu müsste sie nicht Martha in der Küche allein lassen.

Es kommt wohl nicht darauf an, was Jesus sagt.

Sondern darauf, dass es Jesus ist, der es sagt.

Jesus steht bevor, hinaufzugehen nach Jerusalem. 

Dort wird alles vollendet werden, 

was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Maria weiß, wohin Jesu Weg ihn führt,

und sie weiß, wie er enden wird.

Darum will sie jetzt bei ihm sein, nicht in der Küche.

Maria spürt, wie wertvoll und einmalig dieser Augenblick ist

und will ihn um nichts in der Welt verpassen.

Wir verpassen so viele einmalige, unwiederbringliche Gelegenheiten,

wenn wir tun, was angeblich unsere Pflicht ist, was man von uns erwartet,

statt das zu tun, was unser Herz uns gebietet.

Meine Oma wollte an ihrem Geburtstag ihren Gästen eine Freude machen.

Sie war so glücklich über den Besuch, und das zeigte sie,

indem sie ihre Gäste verwöhnte.

Doch dadurch hatten ihre Gäste nichts von ihr,

und sie nichts von ihren Gästen.

Meine Oma konnte damals nicht anders handeln,

weil sie es nicht anders kannte.

Es wird trotzdem ein schöner Geburtstag gewesen sein,

weil es allen geschmeckt und alle sich wohlgefühlt hatten.

Aber meine Oma wird beim Abschied eine leise Wehmut gespürt haben,

weil sie so wenig Zeit mit uns verbringen konnte.

Wir leben so, als hätten wir unendlich viel Zeit.

Und so ist es auch.

Als Kind spürt man noch, wie lange eine einzige Stunde dauern kann.

Zugleich ist unsere Zeit begrenzt.

Zum Glück wissen wir nicht um diese Grenze.

Wir leben mit dem Gefühl,

dass wir morgen erledigen werden,

was wir heute nicht besorgen können.

Dadurch beschäftigen wir uns mit oberflächlichen Dingen

und versäumen das Wesentliche: 

die Zeit, die wir miteinander haben.

Martha sollte den Herd ausschalten,

sich die Schürze abbinden

und sich zu Jesus und Maria setzen.

Später gehen sie vielleicht gemeinsam in die Küche

und kochen das Essen zuende.

Oder sie nehmen sich etwas Brot und Wein,

wie wir das gleich tun werden,

und feiern diesen einzigartigen, unwiederbringlichen Moment,

den sie miteinander haben.