Sonntag, 25. Januar 2026

Das Maß des Glaubens

Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias, 25.1.2026über Apostelgeschichte 10,21-35


Petrus kam herunter vom Dach des Hauses, auf dem er gebetet hatte,

und sprach zu den Männern, die Kornelius zu ihm gesandt hatte:

Ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr hier?

Sie sprachen: Dem Centurio Kornelius,

einem rechtschaffenen und gottesfürchtigen Mann,

der bei allen jüdischen Stämmen einen guten Ruf besitzt,

wurde von einem heiligen Engel geweissagt,

er solle dich in sein Haus bestellen und Worte von dir hören.

Da lud Petrus die Männer ein und nahm sie gastlich auf.


Nachdem er am Morgen aufgestanden war, brach er mit ihnen auf,

und einige von den Brüdern aus Joppe gingen mit ihm.

Am nächsten Tag erreichte er Cäsarea.

Kornelius hatte sie erwartet

und seine Verwandten und engsten Freunde zusammengerufen.

Wie Petrus eintrat, traf er auf Kornelius,

der ihm zu Füßen gefallen war und ihn anbetete.

Petrus aber zog ihn hoch und sagte:

Steh auf, auch ich bin nur ein Mensch.

Er ging mit ihm plaudernd hinein

und stößt auf eine große Versammlung.

Er sagte zu ihnen:

Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist,

einen Stammesfremden zu berühren oder sich ihm zu nähern.

Mir aber zeigte Gott,

dass man keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll.

Darum war ich willig zu kommen, als man mich rief.

Ich frage nun: Aus welchem Grund habt ihr mich gerufen?


Kornelius sagte: Vor vier Tagen um diese Zeit

war ich zum Nachmittagsgebet in meinem Haus.

Da stand ein Mann vor mir in glänzender Kleidung und sagte:

Kornelius, dein Gebet ist erhört

und deiner Spenden ist vor Gott gedacht worden.

Schicke nun nach Joppe

und lasse Simon holen, den man Petrus nennt.

Er wohnt im Haus Simons des Gerbers am Meer.

Sofort schickte ich nach dir,

und du bist freundlicherweise gekommen.

Jetzt sind wir also alle vor Gott beisammen,

um alles zu hören, was dir von Gott aufgetragen wurde.


Petrus hob an und sprach:

Wahrhaftig, ich erkenne, dass Gott nicht parteiisch ist,

sondern wer aus jedem Volk ihn fürchtet

und die Gebote hält, der ist ihm willkommen.



Liebe Schwestern und Brüder,


was muss man für seinen Glauben tun?

Was ist das Mindeste, das der Glaube verlangt,

und wie viel muss man zu tun bereit sein,

wenn man an Gott glaubt?


Diese Frage stellen sich gläubige Menschen hin und wieder.

Denn der Glaube ist ja etwas Existentielles.

Es geht dem Glauben ums Ganze unserer Existenz.

Unser ganzes Leben, unser ganzes Sein wird von Gott beansprucht.

Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir,”

schreibt Paulus an die Galater (Gal 2,20).


Das bedeutet nicht, dass Christus uns von innen auffrisst

und nichts mehr von uns übrig lässt als eine Hülle -

kein eigener Wille mehr, kein Ich, kein Selbst.

Aber es ist doch so, dass der Glaube an Christus mich bestimmt:

Ich lebe, weil Christus für mich gestorben ist.

Das ist ein für allemal am Kreuz geschehen

und will doch täglich neu von mir ergriffen werden.

Und worin besteht dieses Ergreifen, wenn nicht darin,

mir bewusst zu machen und bewusst zu sein,

dass dieser Tod Jesu am Kreuz aus Liebe geschah.

Aus Liebe, auch zu mir.


Auch zu mir - nicht wie zu einem Nachzügler oder Appendix,

nicht als Almosen oder Gnadenakt.

Sondern Jesus ist gerade für mich am Kreuz gestorben,

und für dich - und dich - und dich -,

weil er mich liebt - und dich - und dich - und dich.


Diese Liebe Gottes zu mir, aus der ich lebe,

will weitergegeben werden, strahlt auf andere aus.

Und da fragt man sich hin und wieder: Ist es genug?

Werde ich der Liebe, die Gott zu mir hat, gerecht,

wenn ich meinen Alltag lebe und tue, was ich kann,

oder muss es mehr sein, muss ich mehr tun?


Diese Frage wird auch von außen an uns herangetragen,

von gläubigen und ungläubigen Menschen gleichermaßen.


Ungläubige fragen, was Kirche eigentlich macht.

Dann verweisen wir auf die diakonischen Einrichtungen.

Aber so ganz überzeugend ist der Hinweis nicht:

Nur wenige Gläubige arbeiten direkt mit Menschen,

denen sie Gottes Liebe weitergeben können.


Und manchen wiederum, die an Gott glauben,

ist das, was die Mehrheit der Christenmenschen tut, zu wenig.

Von Anfang an haben Menschen nach Wegen gesucht,

ihr Leben ganz und gar dem Glauben zu weihen.

Sind als Einsiedler in die Wüste,

als Mönche und Nonnen ins Kloster gegangen;

haben als Diakonissen zusammen gelebt und gearbeitet.

Ihr dem Glauben geweihtes Leben

sahen manche als leisen oder lauten Vorwurf,

das, was die Mehrheit der Gläubigen tue, sei zu wenig.


Und dann gab und gibt es die Märtyrer,

die bereit waren, um ihres Glaubens willen

Nachteile, Verfolgung, Leiden

und sogar den Tod auf sich zu nehmen.

Wenn man die Haltung dieser Glaubenszeug:innen betrachtet,

fragt man sich unwillkürlich:

Könnte ich auch so zu meinem Glauben stehen?


Diese Frage stellte sich auch dem römischen Hauptmann Kornelius.

Und mit ihm vielen Menschen zur Zeit Jesu,

die in der Bibel als „Gottesfürchtige” bezeichnet werden.

Gottesfürchtige” nannte man Leute,

die vom jüdischen Glauben ergriffen worden waren.

Sie nahmen am Gottesdienst in der Synagoge teil,

lernten den Glauben kennen, verrichteten die Gebete.


Aber den letzten, entscheidenden Schritt

des Übertritts zum Judentum gingen sie nicht.

Denn ein Übertritt hätte damals für sie bedeutet,

ihre gesellschaftliche Stellung zu verlieren,

mit ihrer Herkunft, ihren Familien und Freunden zu brechen

und zu einer Außenseiterin, einem Außenseiter zu werden.


Der Hauptmann Kornelius ist darum sozusagen

der Extremfall eines Gottesfürchtigen;

bei ihm ist der Konflikt des Glaubens auf die Spitze getrieben.

Er ist ein Repräsentant des römischen Staates,

der die Juden tolerierte, aber nicht akzeptierte.

Bei einem Übertritt zum jüdischen Glauben

hätte er alles verloren, was er war und besaß.


Was Kornelius tun kann, ohne aufzufallen,

ohne seinen Platz in der Armee und in der Gesellschaft zu verlieren,

ohne Misstrauen oder Ärgernis zu erregen, das tut er:

Im Schutz seines Hauses betet er.

Und er spendet der jüdischen Gemeinde Geld,

die es an Arme und Bedürftige weitergibt.


Er würde wohl gern richtig dazugehören -

das scheint der Inhalt seines Gebetes gewesen zu sein,

das schließlich von Gott erhört wurde.

Aber wie sollte das möglich sein?


Petrus zeigt ihm einen Weg, den er gehen kann:

Wer aus jedem Volk Gott fürchtet

und die Gebote hält, der ist ihm willkommen.”

Gott fürchten - das bedeutet hier,

wie überall in der Bibel, nicht,

dass man Angst vor Gott haben muss.

Mit Gottesfurcht ist die Ehrfurcht gemeint,

die dazu führt, dass man Gott als Schöpfer seines Lebens

und als Herrn über sich und sein Leben anerkennt.


Was aber ist mit den Geboten?

Die hält Kornelius nicht in ihrer Gesamtheit,

wie es - zumindest als Absicht - vom jüdischen Glauben gefordert ist.

Als Soldat hat er auch keine Chance dazu;

das fünfte Gebot, „Du sollst nicht töten,” kann er nicht erfüllen.


Offensichtlich gilt es als Erfüllung der Gebote,

dass er der Gemeinde etwas spendet.

Das ist mehr als ein symbolischer Akt,

aber als Akt des Glaubens auch nicht wirklich überzeugend.

Denn eine Spende - selbst, wenn sie das Scherflein der Witwe wäre -

ist kein öffentliches Bekenntnis des Glaubens.

Andere tun Gutes mit dem Geld, das man ihnen gab.

Andere zeigen ihren Glauben, bewähren ihn gegenüber der Welt,

während man selbst als Gläubige:r anonym bleiben kann.

Offenbar darf Kornelius seinen Glauben verheimlichen.


Die Geschichte des Hauptmanns Kornelius zeigt,

wie der Glaube an Christus zu den Heiden kam,

die keine Juden waren wie Christus und seine Jünger.

Diese Geschichte schildert und begründet,

dass auch Nichtjuden von Gott eingeladen sind

und zu Gott gehören, wenn sie ihn fürchten

und sein Gebot halten - und nicht,

weil sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.


Diese voraussetzungslose Zugehörigkeit gilt bis heute:

Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist,

und glaubst in deinem Herzen,

dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat,

so wirst du gerettet.

Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht;

und wer mit dem Munde bekennt, wird selig,”

schreibt Paulus im Römerbrief (Römer 10,9-10).


Mehr ist nicht nötig, mehr ist nicht verlangt:

Ein Lippenbekenntnis, im Grunde,

und eine Überzeugung im Herzen,

in das man einem Menschen nicht blicken kann.

Das ist sogar noch weniger, als Petrus von Kornelius will.


Wer zu Gottes Volk gehört und wer nicht,

das wird nicht von anderen entschieden -

nicht von Pastor oder Pastorin,

nicht von einer Gemeinde,

nicht von einer Institution wie der Kirche,

sondern von Gott allein.


Ob jemand Gott fürchtet und sein Gebot hält,

kann niemand von außen beurteilen.

Wozu Gott Menschen beruft

und wie Gott Menschen begnadet,

liegt allein in seiner Macht.

Jeder und jedem von uns überlässt er die Entscheidung,

wie wir unserer Berufung folgen.

Das ist die Freiheit, zu der Christus uns befreit.


Darum gibt es kein Maß für den Glauben,

kein Minimum und kein Maximum.

Wir, die wir in dieser Zeit leben,

in dieser Gemeinde, in dieser Kirche, in dieser Welt,

wir wünschten uns manchmal,

wir selbst, andere würden mehr tun.


Aber mit diesem Wunsch bauen wir nicht Gemeinde,

sondern beschweren die Gewissen -

unseres, und die anderer Gläubiger.


Gott sind wir recht so, wie wir sind.

Ihm genügt unser Glaube, ihm genügt, was wir tun,

auch wenn wir oder andere es für zu wenig halten.


Sonntag, 18. Januar 2026

Vertrauen

 Predigt am 2.Sonntag nach Epiphanias, 18.1.2026, über Jeremia 14,1-9

Was der Herr zu Jeremia wegen der Dürre sagte.
Juda klagt, und seine Tore zerfallen.
Im Trauerkleid sinken sie zu Boden
und in Jerusalem erhebt sich Klagegeschrei.
Mächtige schicken ihre Diener nach Wasser.
Sie kommen zu den Zisternen und finden keins.
Mit leeren Gefäßen kehren sie zurück,
verzweifelt und verzagt verhüllen sie ihr Haupt.
Weil kein Regen fiel, reißt der Boden auf.
Die Bauern sind verzweifelt, verhüllen ihr Haupt.
Sogar die Hirschkuh auf dem Feld
verlässt ihr Kalb nach der Geburt, denn es gibt kein Gras.
Und die Zebras stehen auf kahlen Hügeln,
schnappen nach Luft wie Schakale.
Ihre Augen sind trüb geworden, weil nichts wächst.

Wenn unsere Sünden gegen uns zeugen, Herr,
handle um deines Namens willen.
Denn oft haben wir uns von dir abgewandt,
gegen dich haben wir gesündigt.
Hoffnung Israels, Retter in Notzeiten,
warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer,
der nur zum Übernachten sein Zelt aufschlägt?
Warum bist du wie ein Kopfloser,
wie ein Starker, der unfähig ist zu helfen?
'Du, Herr, bist in unserer Mitte;
dein Name wurde über uns ausgerufen.
Lass uns nicht zurück!


Liebe Schwestern und Brüder,

dies ist kein Text über den Klimawandel;
der war damals noch kein Thema.
Und doch ist die Dürre, um die es hier geht,
in Jeremias Augen keine zufällige Naturkatastrophe.
Auch diese Dürre ist letztendlich menschengemacht.

Der Prophet erklärt das Ausbleiben des Regens damit,
dass Gott sich von seinem Volk abwandte.
Wenn Gott sich abwendet, zieht er all das von uns ab,
worüber Menschen nicht verfügen:
Gesundheit, Frieden, Gemeinschaft;
ein ungestörtes, sicheres Leben.
Und, wie hier, den Regen,
der in der Steppenlandschaft Israels ein Segen ist -
und sein Ausbleiben eine Katastrophe.

Gott, wie der Prophet ihn zu Wort kommen lässt,
bricht die Beziehung zu seinem Volk ab.
Doch den ersten Schritt hat das Volk getan:
es wollte von Gott nichts mehr wissen.

Die „Sünde”, von der hier die Rede ist,
ist nicht die Summe der kleinen und großen Gemeinheiten,
zu denen Menschen fähig sind,
der Bosheit, der Gleichgültigkeit, der Herzenskälte.
Das alles sind Folgen der Sünde.

Die Sünde selbst besteht darin,
dass Gottes Volk sich nicht mehr für Gott interessiert
und darum auch nicht mehr nach Gottes Willen fragt,
der sich in seinen Geboten artikuliert.

Eine Beziehung - nicht nur eine feste Partnerschaft,
sondern jede Form des Miteinanders - ist ein Geben und Nehmen.
Eine Beziehung hat keinen Bestand,
wenn eine Seite nur nimmt und die andere nur gibt,
wenn eine Seite immer Recht hat und die andere immer Unrecht,
wenn eine Seite überlegen ist und die andere unterlegen,
wenn eine Seite bewundert werden will
und die andere das Publikum dafür sein muss.

Eine Beziehung braucht das Miteinander - und lebt davon.
Miteinander bedeutet Gegenseitigkeit:
Man hat Interesse aneinander, ist neugierig aufeinander;
man hilft sich gegenseitig;
man freut sich für den anderen und leidet mit dem anderen;
man kommt einander in Ehrerbietung zuvor.

Grundlage für ein solches Miteinander ist das Vertrauen:
Das Vertrauen, dass man ehrlich ist.
Meint, was man sagt
und einander sagt, was man meint.
Das Vertrauen, dass man sich aufeinander verlassen kann,
zu dem anderen hält
und nichts Schlechtes über ihn sagt.

Gerede ist der Tod jeder Beziehung.
Sobald man anfängt, über den anderen zu reden, statt mit ihm,
ist die Basis für eine Beziehung zerstört.
Dann kann es kein Miteinander mehr geben.

Aber wie kommt es dazu,
dass wir übereinander reden, statt miteinander?
Der Philosoph Paul Watzlawick hat das untersucht
und seine Ergebnisse in dem Buch mit dem sprechenden Titel
„Anleitung zum Unglücklichsein” veröffentlicht.
Darin steht die Geschichte vom Hammer:

Ein Mann braucht einen Hammer. Er möchte ein Bild aufhängen.
Der Nachbar hat einen. Er könnte ihn danach fragen.
Aber da fällt ihm ein:
der Nachbar hat ihn gestern nicht gegrüßt.
Warum grüßt er nicht?
Irgendwas muss er gegen ihn haben - aber was?
Er war doch immer höflich zu ihm.
Wahrscheinlich ist der Nachbar eingebildet.
Der hält sich wohl für was Besseres
und hat es nicht nötig, ihn zu grüßen.
Unerhört, dieses Verhalten!
So etwas muss er sich nicht gefallen lassen!
Er wird ihm mal so richtig die Meinung sagen.
- Und so verlässt unser Mann wütend seine Wohnung,
klingelt beim Nachbarn, und als er öffnet, schreit er ihn an:
„Behalten Sie ihren Hammer, Sie Rüpel!”

Das ist natürlich grotesk übertrieben und frei erfunden.
Aber ein Körnchen Wahrheit ist doch an dieser Geschichte.
Es sind sogar zwei Körnchen.

Das eine Körnchen ist,
dass wir von anderen in der Regel das Schlechtere annehmen.
In der Geschichte vom Hammer kommt dem Mann nicht in den Sinn,
dass das Nicht-Grüßen seines Nachbarn
gar nichts mit ihm zu tun haben könnte:
Der Nachbar könnte ihn nicht bemerkt haben;
er könnte in Gedanken gewesen sein, müde, oder abgelenkt.
Vielleicht war er in Sorge, oder etwas beschäftigte ihn.

Vielleicht hatte er sogar gegrüßt,
der Mann hatte es nur nicht bemerkt.
Das ist das andere Körnchen Wahrheit:
Wir suchen die Schuld zuerst beim anderen,
und erst dann - wenn überhaupt - bei uns selbst.

Was dem Mann in unserer Geschichte fehlte,
war Vertrauen - das Vertrauen,
dass sein Nachbar ihm helfen würde,
und das vielleicht sogar gern täte.

Vertrauen hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun,
die an das Gute in allen Menschen glaubt
und nicht wahrhaben will, dass Menschen gemein sein können,
andere ausnutzen und übervorteilen,
wenn sie die Gelegenheit dazu haben.

Vertrauen hat vielmehr mit der Wahrnehmung der Realität zu tun:
Es gibt für den Mann in unserer Geschichte keinen Grund, anzunehmen,
der Nachbar hätte etwas gegen ihn.
Das findet nur in seiner Vorstellung statt.
Dass der Mann sich das so vorstellt,
bedeutet nicht, dass es auch so ist.

So ist es mit allem Gerede und allen Gerüchten.
Ob es heißt, dass Empfängerinnen und Empfänger von Bürgergeld
arbeitsunwillig seien und auf Kosten des Staates leben würden,
oder dass Ausländerinnen und Ausländer kriminell seien;
ob man jemandem eine böse Absicht unterstellt,
oder jemanden bezichtigt, einem anderen schaden zu wollen:
Dass man so etwas behauptet und unterstellt
bedeutet nicht, dass es auch so ist.
Es ist eine Vorstellung, die der Realität nicht standhält. 

Und so ist es auch mit Gottes Verhältnis zu seinem Volk.
Jeremia stellt sich vor, die Dürre sei eine Folge davon,
dass Israel sich von Gott abgewandt habe.
Aus Zorn und Enttäuschung habe Gott die Dürre geschickt,
um durch Strafe das Volk zu sich zurück zu führen.

Aber warum sollte Gott mit seinem Volk
auch die unschuldigen Tiere bestrafen,
die durch die Dürre nichts mehr zu Fressen finden
und sogar ihre Jungen dem Tod überlassen müssen?

Warum sollte Gott sein Volk überhaupt bestrafen,
wenn er sie doch aus der Knechtschaft Ägyptens befreit
und ihnen eine Heimat gegeben hat, wo jeder in Frieden
unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen soll?

Es sind Jeremias Zorn und Jeremias Enttäuschung,
seine Erfolglosigkeit als Prophet,
seine Erschütterung darüber,
dass die Leute nicht begreifen wollen,
dass sie auf dem falschen Weg sind,
die er auf Gott überträgt.

So, wie Jugendliche erschüttert sind,
dass wir Erwachsenen nicht begreifen wollen,
wie brandgefährlich die Zeiten sind, in denen wir leben.

So, wie ich als Jugendlicher erschüttert war
über das Wettrüsten in Ost und West,
das nun wieder von neuem beginnt.

In seinem Zorn sieht er die Dürre als gerechte Strafe
und willkommenes Druckmittel für seine Position.
Aber Gott lässt keine Dürre kommen, um Menschen zu bestrafen
oder sie dazu zu bringen, ihn zu lieben,
wenn schon nicht von Herzen, dann aus Furcht -
was wäre das für eine Liebe?

Gott glaubt an sein Volk, und Gott glaubt an uns.
Nicht blauäugig glaubt er an das Gute in jedem Menschen.
Gott kennt uns und weiß,
„das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf.”

Aber Gott weiß auch um unsere Freundlichkeit,
unsere Hilfsbereitschaft,
unsere Fähigkeit, das Richtige, das Gute zu tun.
Gott weiß um die Macht der Liebe.

Gott glaubt an die Liebe.
Gott glaubt, dass die Liebe uns zur Einsicht führen wird,
zum Vertrauen und zu einem Leben in Beziehungen.
Sein Sohn hat es uns vorgelebt.
Er war der lebendige Beweis,
dass die Liebe die größte Macht ist, die es gibt.
Eine Macht, die alles Böse überwinden kann, sogar den Tod.

Gott vertraut uns.
Gott ist mit uns in Beziehung und will es immer sein.
Sollten wir es da nicht auch miteinander versuchen? 

Sonntag, 11. Januar 2026

Wohlgefallen

Predigt am 1.Sonntag nach Epiphanias, 11.1.2026, über Mt 3,13-17


Jesus kam zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

Aber Johannes wehrte ihm und sprach:

Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde,

und du kommst zu mir?”


Liebe Schwestern und Brüder,


Jesus lässt sich von Johannes taufen.

Natürlich, denkt man, so muss es sein:

Die Taufe steht am Anfang der Beziehung zu Gott.

Durch sie gehören wir zu Gott.

Die Taufe begründet die Gotteskindschaft.


Bei der Taufe des Johannes ist das noch nicht so.

Dort begründet die Taufe keine Glaubensbeziehung.

Vielmehr rettet sie die zerstörte Beziehung zu Gott.

Voraussetzung dafür ist die Einsicht,

dass die Beziehung zu Gott gestört ist,

und dass man sie wieder herstellen will.

Voraussetzung ist die Reue.


Wer sich damals von Johannes taufen ließ,

tat es aus Reue. Reue über das, was man getan hatte.

Man bereute die Sünden, die man getan hatte.

Nahm sich vor, sein Leben zu ändern.

Mit diesem Vorsatz stieg man zu Johannes in den Jordan.


Die Taufe wusch gleichsam die Sünden ab.

Aus dem Wasser stieg ein neuer Mensch,

der die Sünde hinter sich gelassen hatte

und es neu mit Gott versuchen wollte.


Sünde” bezeichnet kein moralisches oder kriminelles Fehlverhalten,

auch wenn Sünde und falsches Verhalten oft gleichgesetzt werden.

Tatsächlich können Fehler, Schuld, Straftaten auch eine Sünde sein.

Aber nicht jeder Diebstahl, nicht jede Lüge ist automatisch eine Sünde.

Als im kalten Nachkriegswinter die Menschen in ihrer Not

Kohlen von den Eisenbahnwaggons stahlen,

rechtfertigte Kardinal Frings diesen Diebstahl.

Darum sagte man damals „fringsen”, wenn man Kohlen klaute.


Diebstahl oder Lüge verletzen die Beziehung zu Menschen.

Sünde verletzt die Beziehung zu Gott.

Weil sich der Mensch, der sie begeht,

damit wissentlich und willentlich von Gott trennt.


In der Regel weiß man, dass man eine Sünde beging,

wenn man um Gottes Gebot weiß.

Darum wird man hinterher auch von einem schlechten Gewissen geplagt.

Wenn das schlechte Gewissen zur Reue führt

und die Reue zum Entschluss, nicht wieder so zu handeln,

dann hat man getan, was Johannes fordert: Buße.


Uns ist dieser Zusammenhang von Taufe und Buße nicht mehr bewusst.

Für uns ist die Taufe das selbstverständliche Ritual

der Aufnahme in die Gemeinde, in die Kirche.

Die Taufe steht am Anfang, den die meisten nicht mehr erinnern:

sie wurden als Säuglinge oder Kleinkinder getauft.


Weil die Taufe selbstverständlich am Anfang steht,

nehmen wir das Befremden des Johannes gar nicht wahr.

Du kommst zu mir?,” fragt er Jesus.

Das soll heißen: Du hast doch die Taufe gar nicht nötig!


Das stimmt, Jesus hat die Taufe nicht nötig,

um mit Gott in einer Beziehung zu sein.

Gott ist ja in ihm, er ist Gottes Sohn.

Gottheit und Menschheit vereinen sich beide” in ihm.

Jesus ist die Fleisch gewordene Beziehung von Gott und Mensch.

Er vermittelt diese Beziehung,

weil er zugleich „wahr Mensch und wahrer Gott” ist.


Jesus ist wahrer Gott vom wahren Gott.

Um wahrhaft Mensch zu sein,

muss er sich von Johannes taufen lassen.


Nicht, um seine Sünden abzuwaschen.

Jesus hat keine begangen - er kann keine begehen,

weil Gottes Wille auch sein Wille ist.

Ich und der Vater sind eins”, sagt Jesus.


Auch nicht, um eine Glaubensbeziehung zu begründen.

Er ist ja diese Beziehung in Person.

Sondern um Gottes Gebot zu erfüllen.



Lass es jetzt zu!

Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.”


Paulus lehrte, Gottes Gebote seien nicht der Weg,

um Gerechtigkeit zu erlangen,

und damit in einer Beziehung mit Gott zu sein.

Allein der Glaube begründet die Gottesbeziehung.

Wer versucht, durch Erfüllen der Gebote

Gottes Wohlgefallen zu erlangen, muss scheitern.

Wer aus eigener Kraft, aus eigenem Vermögen

Gottes Wohlwollen erreichen will verkennt,

dass ihm diese Kraft, dieses Vermögen von Gott geschenkt sind.

Wer aus eigener Kraft zu Gott kommen will,

verharrt nur bei sich selbst und dringt nicht zu Gott durch.


Das bedeutet nicht, dass Gottes Gebote nicht gelten.

Gott hat sie niemals zurückgenommen.

In ihnen drückt sich Gottes guter Wille

für uns, unsere Mitmenschen und unsere Welt aus.

Nur, weil sie nicht die Glaubensbeziehung begründen können,

heißt das nicht, dass sie überflüssig oder gleichgültig wären

und dass man sich nicht nach ihnen richten müsste.


Gott will, dass wir seinen Willen tun.

Seine Gebote sind nicht das Mittel, Gottes Liebe zu erlangen,

wie man vielleicht versucht, durch besonderen Eifer,

durch Leistung oder zuvorkommendes Verhalten

sich die Liebe eines anderen zu verdienen.


Gott liebt uns bedingungslos.

Also unabhängig davon, was und wieviel wir leisten.

Trotzdem ist ihm nicht gleichgültig, was wir tun.

Denn Liebe ist keine Einbahnstraße;

sie erwartet eine Antwort.


Unsere Antwort auf die Liebe Gottes ist,

dass wir seinen Willen zur Leitschnur unseres Handelns machen.

Weil Gott uns liebt, tun wir, was Gott gefällt.

Damit erwidern wir seine Liebe

und tun uns damit sogar etwas Gutes.


Bei unserer Antwort auf Gottes Liebe

kommt es nicht auf Perfektion an,

nicht darauf, alles richtig zu machen, jedes Gebot zu erfüllen.

Es kommt auf Qualität an, nicht auf Quantität,

auf die Erfüllung, nicht auf die Fülle.


Diese Erfüllung geschieht aus Dankbarkeit.

Dankbarkeit bedeutet, dass man die Liebe empfindet,

mit der Gott uns liebt.

Wer sich dieser Liebe bewusst wird;

wer mit jeder Faser seines Lebens spürt,

wie sehr er, wie sehr sie von Gott geliebt ist,

kann diese Liebe nicht für sich behalten.

Der, die kann nicht anders, als die Liebe weiterzugeben.

Das ist die Erfüllung der Gebote.



Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.”


Gottes Wohlgefallen gilt dem, der seine Gebote hält.

Gott hat Wohlgefallen an Jesus.

Nicht, weil er sein Sohn ist.

Sondern weil er sich von Johannes taufen ließ

und damit Gottes Gebot erfüllte.

Jesus nimmt sich nicht von der Erfüllung der Gebote aus,

als hätte er das als Sohn Gottes nicht nötig.


So ist auch unser Glaube kein End- oder Höhepunkt,

der uns den Niederungen der Anfänger im Glauben enthebt,

die sich noch an die Gebote halten müssen.

Als sei Gottes Wille etwas, das man hinter sich lassen,

über das man erhaben sein könnte.

Was für eine Anmaßung wäre das!

Und welch Verkennung und Missachtung der Liebe,

die Gott uns schenkt.


Gottes Wohlgefallen an Jesus soll unser Ansporn sein,

ebenfalls sein Wohlgefallen zu erlangen.

Nicht seine Liebe - die haben wir schon längst.

Aber wenn diese Liebe uns dazu drängt,

nach Gottes Willen zu fragen und zu leben

und damit Gottes Liebe zu erwidern,

ist das genau das, was Gott sich für uns wünscht.


Dann sagt Gott auch über uns,

was seine Liebe schon immer zu uns sagt:


Du bist meine liebe Tochter,

du bist mein lieber Sohn;

an dir habe ich Wohlgefallen.