Samstag, 5. August 2017

Komm doch mal ins Licht

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 6. August 2017, über Jesaja 2,1-5:

1 Was Amoz‘ Sohn Jesaja in Bezug auf Juda und Jerusalem sah:
2 In den letzten Tagen wird sich der Tempelberg an die Spitze aller Berge setzen
und sich über die Hügel erheben.
Alle Völker werden zu ihm strömen.
3 Große Völker werden kommen und sagen:
Auf! Lasst uns auf den Tempelberg steigen,
zum Haus des Gottes Jakobs!
Gott wird uns seine Wege lehren,
dass wir auf seinen Pfaden wandeln.
Von Zion wird Tora ausgehen,
Gottes Wort von Jerusalem.
4 Gott wird zwischen den Völkern richten
und Recht sprechen für große Völker.
Sie werden ihre Schwerter zu Spaten
und ihre Spieße zu Winzermessern umschmieden.
Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben;
sie werden das Kriegshandwerk nicht mehr erlernen.
5 Haus Jakobs, auf!
Lasst uns zum Licht Gottes gehen!


Liebe Schwestern und Brüder,

„denn man sieht nur die im Lichte,
die im Dunkeln sieht man nicht“.
Dieser Satz von Bertold Brecht ist eine Binsenweisheit,
auf den ersten Blick jedenfalls.
Ohne Licht kann man nichts sehen.
Was im Dunkeln bleibt, ist nicht zu erkennen, bleibt unsichtbar.

Aber der Satz Bertold Brechts ist mehr als eine Binsenweisheit.
Das liegt daran, dass wir mit „Dunkel“ bestimmte Dinge assoziieren.
Und das sollen wir auch.
Das Dunkle wird als bedrohlich, unheimlich, feindlich empfunden.
Wer sich im Dunkeln aufhält, will nicht erkannt werden.
Ist selbst nicht geheuer, wirkt gefährlich
oder hat etwas zu verbergen, was nicht ans Licht kommen darf.

I
Jesaja hat eine Vision, zu deutsch: ein Gesicht.
Er sieht etwas.
Sehen kann man aber nur, was im Licht ist.
Auch für eine Vision ist Licht nötig.
Freilich nicht das Licht der Sonne, das Licht der Lampen.
Das Licht, das die Vision Jesajas ermöglicht, ist ein besonderes Licht:
Es ist das Licht Gottes.
Im Lichte Gottes sieht Jesaja den Jerusalemer Tempelberg in einem neuen Licht.
Er sieht ihn mit anderen Augen, nicht so, wie sonst und nicht so, wie er ist.

Der Tempelberg: Seit jeher ein Ort, um den gestritten wird.
Ein umkämpfter Ort.
König David hatte ihn mit Gewalt von den Jebusitern erobert (2.Samuel 5).
Seitdem standen immer wieder feindliche Heere vor den Toren Jerusalems.
Bis die Babylonier die Stadt schließlich einnahmen und den Tempel zerstörten.
Nach dem Wiederaufbau des Tempels durch Nehemia kamen die Römer und zerstörten ihn ein zweites Mal - und damit endgültig.
Ihnen folgten die Muslime, mit denen sich die Kreuzritter blutige Schlachten lieferten.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts kehrten zionistische Juden nach Israel zurück und gründeten den Staat Israel,
der unzähligen verfolgten Jüdinnen und Juden Rettung, Zuflucht und Heimat wurde.
Aber der Tempelberg blieb und bleibt umkämpft.

Dieser Konflikt um den Tempelberg zwischen Juden und Muslimen
ist nicht nur eine innere Angelegenheit des Staates Israel,
in die wir uns nicht einmischen dürfen.
Er ist auch ein Symbol.
Ein Symbol für unsere Tendenz, Konflikte mit Gewalt lösen zu wollen.
Ein Symbol für unsere Unfähigkeit zu einem echten, vermittelnden Gespräch, zu einem Ausgleich verschiedener Interessen.
Als Symbol macht er traurig,
weil er uns unsere Unfähigkeit zur Gewaltlosigkeit ständig vor Augen hält.

II
Diese unsere Unfähigkeit hat letztlich zur Atombombe geführt.
Damals, als die Atombombe entwickelt wurde,
glaubte man, mit ihr das Mittel gefunden zu haben,
die Vision Jesajas Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Atombombe stellt die extremste, überhaupt noch vorstellbare Form von Gewalt dar.
Ihre Wirkung - das war der Gedanke - ist so schrecklich, so abschreckend,
dass sie niemals angewendet werden wird.
Allein ihre bloße Existenz würde alle Kriege beenden.

Die Geschichte zeigt, wie furchtbar falsch diese Überzeugung war.
Nicht nur führte die Atombombe zum „kalten Krieg“,
der Europa und die Welt in zwei Teile spaltete.
Auch sind im Schatten der Atombombe weiterhin unzählige Kriege geführt worden.
Und die Bombe selbst bleibt eine Versuchung für alle totalitären Machthaber.

Aber deshalb ist unsere Unfähigkeit,
ohne Gewalt oder deren Androhung zu einem Ausgleich der Interessen zu kommen, kein Merkmal des modernen Menschen.
Diese Unfähigkeit ist tief in uns verwurzelt, ist zutiefst menschlich.
Auch Jesaja und seine Zeitgenossen besaßen sie.
Deshalb kann man Jesajas Vision als Folie benutzen,
vor der sich die Verhältnisse seiner Zeit abheben:

Völker regeln ihre Streitigkeiten mit Gewalt.
Es gibt kein international anerkanntes Recht,
schon gar keinen internationalen Gerichtshof.
Man produziert Waffen anstelle von Ackergeräten.
Vielleicht hat man damals schon Werkzeug zu Kriegswaffen umgeschmiedet, wie man in den beiden Weltkriegen die Kirchenglocken einschmolz.
Und man lehrt die Kinder, Soldaten zu werden, statt Bauern und Winzer.

III
Die Vision Jesajas lässt sich als eine Vorahnung dessen lesen,
was einmal UNO und Internationaler Gerichtshof heißen sollte.
Aber Jesajas Vision ist anders.
Jesaja ist zu realistisch, um an das Gute im Menschen,
an unseren Willen zum Guten zu glauben.
Wir sind zum Gewaltverzicht nicht in der Lage.
Die UNO-Blauhelmsoldaten haben nur zusehen können,
wie Gewalt eskalierte in Srebrenica oder Ruanda.
Sie konnten, sie durften nicht eingreifen.

Nur Gott selbst kann dem Menschen dazu verhelfen,
sein Unvermögen zum Gewaltverzicht
in die Fähigkeit zur Gewaltlosigkeit umzuwandeln.
Das geschieht nicht durch unsichtbare Kräfte,
nicht durch Wunder oder eine Erweckung.
Es geschieht durch das Unscheinbarste,
das zugleich auch das denkbar Untauglichste für diesen Zweck ist:
Durch das Wort.

Ein Wort sagt man leicht dahin.
Man kann es überhören.
Man kann niemanden dazu bringen oder gar zwingen, es zu hören.
Es kann „zu Boden fallen“, wie es in der Bibel heißt,
völlig ohne Wirkung bleiben.
Es kann einem im Mund herumgedreht,
kann missverstanden, verfälscht, in sein Gegenteil verkehrt werden.
Weil das Wort so gefährdet und verletzlich ist,
muss man äußerst vorsichtig damit umgehen.
Man muss zur Anwältin, zum Anwalt des Wortes werden.
Wie eine gute Anwältin hört man ganz genau zu,
versucht, zu verstehen und sich für die Sache des Wortes einzusetzen.
Wie eine gute Anwältin rechnet man mit dem eigenen Irrtum, dem eigenen Missverstehen:
Was wurde genau gesagt?
Wie war es wirklich gemeint?

IV
„denn man sieht nur die im Lichte,
die im Dunkeln sieht man nicht“.
Zu den tief in uns verankerten, zutiefst menschlichen Eigenschaften gehört auch, eine Seite einzunehmen und Partei zu ergreifen:
Licht oder Dunkel;
Gut oder Böse;
dafür oder dagegen;
Freund oder Feind;
Schwarz oder Weiß.
Wir sind schwer davon zu überzeugen,
dass es Abstufungen gibt, Grautöne;
dass manches nicht eindeutig ist, sondern kompliziert;
dass Dinge manchmal Gut und Böse sein können,
Schwarz und Weiß.

Wir können oft nur in Gegensätzen denken.
Gott aber kann die Gegensätze aufheben
- indem Gott sich sozusagen in die Mitte stellt
und zwischen beiden Seiten vermittelt.
Darum sollen wir „auf Gottes Pfaden wandeln“,
das bedeutet:
Gott Schiedsrichter, Vermittler zwischen unterschiedlichen Positionen sein lassen.
Der Ausgleich der Interessen, der uns mit friedlichen Mitteln nicht gelingt,
sondern immer wieder zu Gewalt führt:
für Gott ist er möglich.
Gott ist in der Lage, beide Seiten zu sehen.
Im Lichte Gottes können auch wir lernen,
die andere Seite zu sehen und zu verstehen.

Wenn wir es aushalten könnten,
dass Gott der Schiedsrichter ist und nicht wir;
dass Gott die Gegensätze verbinden kann,
die uns unüberbrückbar erscheinen,
wäre unser Leben entspannter - und friedlicher.

V
Gott möchte uns die Welt in seinem Licht sehen lassen.
Im Lichte Gottes ist sie nicht schwarz-weiß, sondern bunt.
Soviel Farbe kann anstrengend sein.
Wie soll man sich zurechtfinden,
woran soll man sich orientieren?
Jesaja sagt:
„Von Zion wird Tora ausgehen,
Gottes Wort von Jerusalem.“

Im Judentum werden mit „Tora“ die fünf Bücher Mose bezeichnet.
Gottes Wort, das ist die Bibel.
Seit der Zerstörung des zweiten Tempels
geht Gottes Wort nicht mehr vom Tempel aus, sondern von einem Buch,
das man in der Hand tragen kann.
Gottes Wort, Gottes Tora geht mit uns.
Die Bibel ist unser „tragbares Heimatland“,
In ihr finden wir Gottes Wort für uns
und lernen dadurch, die Welt mit Gottes Augen zu sehen,
in seinem Licht.

Freilich, das Wort kann man missverstehen,
man kann es missbrauchen.
Deshalb müssen wir behutsam mit dem Wort umgehen
und verantwortungsvoll.
Wenn wir lernen, Anwältinnen und Anwälte des Wortes zu sein,
wird es uns auch gelingen,
Konflikte ohne Gewalt zu lösen.
Wie wir Gottes Wort behutsam, aufmerksam, respektvoll behandeln,
so auch unsere Mitmenschen
und sogar die, die wir gar nicht kennen.

Gottes Wort geht von Jerusalem aus.
Israel ist und bleibt Gottes erwähltes Volk,
zu dem wir aufsehen wie zu einer großen Schwester.
Das Mitleiden mit Israelis und Palästinensern,
die Trauer um Jerusalem,
der Schmerz um den Streit über den Tempelberg
hält in uns die Hoffnung Jesajas lebendig:
Dass ein Tag kommen wird,
an dem keine Glocken mehr eingeschmolzen werden für den Krieg,
sondern Kriegswaffen zu Gartengeräten werden.
Ein Tag, an dem Kinder nicht mehr Soldat spielen müssen,
sondern man die Kindersoldaten spielen lässt.
Ein Tag, an dem unsere arme, gebeutelte Erde
ein blühender Garten für alle Menschen wird.

Wir können etwas dafür tun, damit es Tag wird.
„Auf! Lasst uns zum Licht Gottes gehen!“

Amen.

Freitag, 7. Juli 2017

Der Anfang einer neuen Geschichte

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2017, über Genesis 50,15-21:

Nachdem ihr Vater Jakob gestorben war, fürchteten sich die Brüder Josefs. 
Sie dachten: Josef wird uns bestimmt verfolgen und uns alles Böse heimzahlen, was wir ihm angetan haben.
Darum schickten sie folgende Botschaft zu Josef:
„Dein Vater befahl vor seinem Tod: Das sollt ihr Josef sagen: 
Vergib doch bitte die Schuld deiner Brüder und ihre Verfehlung, denn sie taten dir Böses an.
Darum vergib bitte die Sünde der Diener des Gottes deines Vaters.“
Josef aber weinte über ihre Worte.
Da kamen seine Brüder selbst und warfen sich vor ihm nieder und sprachen: 
Sieh, wir sind deine Diener!
Da sprach Josef zu ihnen: Fürchtet euch nicht!
Stehe ich denn an Gottes Stelle?
Ihr plantet zwar Böses gegen mich,
Gott aber plante Gutes,
um zu tun, was jetzt geschieht: ein großes Volk zu retten.
Und nun habt keine Angst!
Ich will euer Leben und das eurer Familien erhalten.
Und er tröstete sie und redete ihnen gut zu.


Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt Unrecht, das kann man nicht vergessen.
Das, was einem da angetan wurde, steht für immer zwischen einem selbst und dem, der es getan hat.
Es zerstört die Freundschaft oder die Beziehung, die man zu diesem Menschen hatte.
Man kann ihm nie mehr so begegnen wie früher.

Wie aber, wenn es der eigene Bruder, die eigene Schwester ist, die einem Unrecht getan hat?
Geschwister kann man nicht loswerden.
So, wie man sein Leben lang ein Kind seiner Eltern bleibt, 
so bleibt man ein Leben lang Bruder oder Schwester.
Wie begegnet man der Schwester, dem Bruder, die einem weh taten, einem Unrecht taten, in Zukunft?
Geht das überhaupt?


I
Josef wurde von seinen zehn Brüdern übel mitgespielt.
Eigentlich hatte Josef elf Brüder, aber Benjamin war damals noch zu jung, als dass ihn Schuld träfe.
Die zehn aber hassten Josef so sehr, dass sie ihn töten wollten.
Erst in letzter Sekunde gelang es Juda, dem Ältesten, die beabsichtigte Todesstrafe in Lebenslänglich umzuwandeln, indem er vorschlug, Josef als Sklaven zu verkaufen.
Die Brüder warfen Josef in einen leeren Brunnen, bis eine Karawane vorbeikam, an die sie ihn verkauften.
Seine Kleidung tränkten sie in Blut und machten dem Vater weis, ein wildes Tier hätte Josef gerissen.

Man kann sich wohl kaum etwas perfideres vorstellen als das, was seine Brüder Josef antaten. 
Da hilft es nicht, dass die Brüder durchaus Grund dazu hatten, Josef zu hassen: 
Er war arrogant, eingebildet und vom Vater verwöhnt.
Für das, was seine Brüder ihm antaten, gibt es keine Rechtfertigung.

Die Karawane zieht nach Ägypten und verkauft Josef an einen Beamten des Pharao. 
Es scheint, als würde sein Blatt sich wenden. 
Doch die Frau des Beamten zeigt ihn wegen sexueller Belästigung an, 
und Josef wandert ins Gefängnis.
Dort wird er dann sozusagen „entdeckt“ und entwickelt für den Pharao ein Wirtschaftsprogramm, mit dessen Hilfe Ägypten zur Kornkammer des Vorderen Orients wird. 
Als eine Hungersnot einsetzt, verdient der Pharao Millionen durch das Getreide, das Josef einlagern ließ, und erhebt Josef in den Rang eines Kanzlers.

Es spricht sich herum, dass es in Ägypten Getreide gibt. 
So treibt die Hungersnot auch Josefs Familie nach Ägypten. 
Josef gibt seinen Brüdern einen Vorgeschmack dessen, was er erleiden musste, indem er sie als Spione verhaften lässt. 
Die Brüder befürchten Schlimmes für sich, doch die Anwesenheit des Vaters schützt die Brüder vor Josefs Rache. 
Als aber der Vater in Ägypten stirbt, bekommen es die Brüder mit der Angst zu tun. 
Wer wird den mächtigsten Mann Ägyptens aufhalten, wenn er es seinen Brüdern heimzahlen will?


II
Was würden wir tun, wenn wir in Josefs Lage wären?
Würden wir unsere Macht ausnutzen und denen mit gleicher Münze heimzahlen, die uns übel mitspielten - selbst, wenn es unsere Geschwister sind?
Wenn einem jemand auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, muss man sehr stark sein, 
um diese Situation nicht auszunutzen. 
Wer andere herumkommandieren kann, tut das nur zu gern. 
Gerade die, auf denen sonst immer herumgetrampelt wird, werden ganz besonders fies, wenn sie einmal Gelegenheit erhalten, auf anderen herumzutrampeln.
Josef aber nutzt die Gelegenheit, es seinen Brüdern heimzuzahlen, nicht aus.
Josef reagiert ganz anders.
Josef weint.

Warum weint er?
Weint er, weil er sich daran erinnert, was seine Brüder ihm antaten?
Weint er, weil sie sich so vor ihm erniedrigen, dass sie erst einen Boten schicken, ehe sie selbst kommen und sich vor ihm niederwerfen, und er das nicht ertragen kann?
Weint er, weil er nicht weiß, ob er ihnen wirklich trauen kann, 
oder weil das Vertrauensverhältnis zu seinen Brüdern zerbrochen ist?
Weint er, weil sie ihm zutrauen, was sie selbst ihm angetan haben?
Oder weint er, weil seine Brüder endlich, endlich ihre Schuld bekennen und ihn um Vergebung bitten?


III
Es hat lange gedauert, bis Josefs Brüder gestehen konnten, was sie ihm angetan hatten, 
und es war ein langer Weg bis dahin.
Josef erkennt, dass alles einem Plan folgte.
Alles, was passiert ist, diente einem Ziel: 
Ein großes Volk zu retten.
Die Größe, die Josef erworben hat, ist nicht sein hohes Amt in Ägypten, 
das ihn zum Herren über Leben und Tod macht.
Die Größe, die er erwarb, ist, dass er von sich selbst absehen kann. 
Es geht nicht um ihn, nicht um das, was ihm angetan wurde, nicht um Genugtuung oder Rache.
Es geht darum, ein großes Volk zu retten.
Josef kann von sich absehen, weil er sich von Gott geführt weiß.
Manche empfinden, wie Josef, Gottes Hand, Gottes Führung in ihrem Leben. 
In dem, was andere als „Zufall“ oder „Schicksal“ bezeichnen, sehen sie Gottes Willen am Werk. 
Was als Irrtum, Umweg, verlorene Zeit erscheint, folgt einem Plan.
Josef meint, diesen Plan durchschaut zu haben:
Gott sorgt durch ihn dafür, dass die Kinder Israels die Hungersnot überstehen und am Leben bleiben.
Dafür musste er von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft werden, 
dafür musste er ins Gefängnis, um dort mit seiner Begabung entdeckt werden zu können. 
Josef erkennt, dass all das Gottes Plan diente, und kann dadurch sein schweres Schicksal annehmen: 
„Ihr plantet zwar Böses gegen mich, Gott aber plante Gutes“.
Zum Plan Gottes gehört auch die Versöhnung der Geschwister. 
Wie sonst soll aus den zerstrittenen Söhnen Israels das Volk Israel entstehen?


IV
Wenn wir davon sprechen, dass Josef Gottes Plan durchschaut, 
dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei um eine Geschichte handelt. 
Eine Geschichte ordnet das Geschehen nachträglich in einer Weise, 
dass ein roter Faden oder ein Plan erkennbar wird. 
Das machen wir auch, wenn wir eine Begebenheit aus unserem Leben erzählen. 
Im Rückblick ergeben die Ereignisse einen Sinn, 
oder wir finden einen Sinn darin, den sie nicht hatten, als wir mitten drin steckten.
Den roten Faden, den Plan erkennt man nur in der Rückschau, 
nicht, solange man sich noch mitten im Geschehen befindet. 
Deshalb macht Josef eine ganz wichtige Einschränkung. Er sagt:
„Stehe ich denn an Gottes Stelle?“
Josef sieht sich nicht als Werkzeug Gottes, so wichtig seine Rolle ist. 
Er spricht nicht von sich und seiner Rolle in dem Ganzen. 
Er macht sich nicht zum Helden der Geschichte, 
sondern hält sich selbst zurück und überlässt Gott das Handeln und die Lorbeeren.
Wir bewundern das vielleicht und halten Josef für einen außergewöhnlichen Menschen. 
Dabei können wir das auch. 
Jede und jeder, der schon einmal Verantwortung für andere übernahm, 
hat dabei bemerkt, wie unwichtig die eigenen Sorgen und Bedürfnisse dabei werden. 
Zwar melden sich irgendwann der Hunger oder die Müdigkeit. 
Aber sonst denkt man kaum an sich, 
weil man so sehr damit beschäftigt ist, sich um das Wohlergehen derer zu kümmern, 
die einem anvertraut sind - der kranke Partner, das Kind, die Jugendlichen auf einer Freizeit …
„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“,
fragt Kain scheinheilig. 
In seiner Frage liegt bereits die Antwort: Ja. 
Ja, wir sind Hüterinnen und Hüter unserer Schwestern und Brüder. 
Wir sind für sie verantwortlich. Nicht nur für unsere leiblichen Geschwister. 
Denn, das wissen wir, jede und jeder kann uns zur Nächsten werden.


V
Wir sind Hüterinnen und Hüter unserer Schwestern und Brüder, schön und gut. 
Aber sind wir es auch, wenn sie gemein zu uns waren? 
Kann man einem Bruder, einer Schwester vergeben, wenn sie einem Unrecht taten?

Es gibt Dinge, die einem angetan wurden, die kann man wohl niemals vergessen. 
Manche sind so schlimm, dass man ein Leben lang darunter leidet. 
Aber vielleicht kann man sie eines Tages vergeben, wenn man erkennt, dass es nicht um uns geht. Auch unser Leben ist eingebettet in eine größere Geschichte: 
In die Geschichte Gottes mit uns Menschen. 
In dieser Geschichte spielen wir unsere Rolle, wie Josef sie spielte 
- auch, wenn unsere Rolle vielleicht nicht so groß und bedeutend ist wie die Josefs. 
Wir sind Teil dieser einzigartigen Geschichte Gottes. 
Sie ist unsere Geschichte. 
Ohne uns geht sie nicht weiter, wie sie ohne Josef nicht weitergegangen wäre.

Damit die Geschichte Gottes weitergehen kann, braucht es die Vergebung. 
Denn ohne Vergebung gibt es keinen neuen Anfang, und ohne Anfang keine neue Geschichte.
Amen.

Freitag, 16. Juni 2017

Anerkennung

Predigt am 1.Sonntag nach Trinitatis, 26.6.2011, über Johannes 5,39-47:

Ihr erforscht die Schriften, weil ihr glaubt, in ihnen das ewige Leben zu haben - und diese sind's, die über mich Zeugnis ablegen. Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr das Leben hättet.
Anerkennung von Menschen nehme ich nicht an, aber ich kenne euch, dass ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt.
Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer in eigenem Namen kommt, den nehmt ihr an. Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Anerkennung von einander annehmt, aber die Anerkennung durch den einzigen Gott nicht sucht?
Glaubt nicht, dass ich euch beim Vater verklage. Es gibt einen, der euch verklagt, Mose, auf den ihr eure Hoffnung setzt. Wenn ihr Mose glauben würdet, glaubtet ihr auch mir. Denn von mir hat er geschrieben. Wenn ihr aber den Buchstaben nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?


Liebe Gemeinde,

es geht um Anerkennung.
Auf Griechisch: doxa.
Doxa bedeutet ursprünglich: das, was man meint. Die Meinung.
Die Meinung, die man hat.
Und die Meinung, die andere von einem haben.
Diese Meinung, die andere von einem haben, ist der Ruf.
Der „gute Ruf“, oder der „gute Name“.
Ist der Respekt, der einem entgegengebracht wird.
Dass man z.B. von Menschen, die man kennt, gegrüßt wird.
Dass man gekannt wird.
Dass man nicht übersehen wird, oder, besser noch:
dass man nicht übersehen werden kann.
Wenn ohne einen nichts geht,
wenn man jemand ist, den man kennen muss
und den jeder gerne kennen lernen möchte
- dann hat man's geschafft.
Dann ist man anerkannt.

Es geht um Anerkennung.
Immer geht es um Anerkennung.
Das Neugeborene sucht den Blick der Mutter.
Es will von ihr erkannt werden.
Das Kind zeigt, was es gemacht hat,
und möchte, dass Eltern oder Großeltern das sehen,
sich darüber freuen, es loben und bewundern.
Die Schülerin zeigt ihre Hausaufgabe,
zeigt ihr Interesse und wünscht sich,
dass der Lehrer sie wahrnimmt und würdigt.
Ein Mensch zeigt sich einem anderen,
und sehnt sich danach, dass der andere ihn ansieht
und ihn anerkennt, wie er ist,
ohne, dass er sich verstellen muss.

Wenn zwei Menschen sich so ansehen,
ohne dass sie sich verstellen
oder sich gegenseitig etwas vormachen müssen,
dann ist es Liebe.
Auch Liebe geht nicht ohne gegenseitige Anerkennung.
Es ist kein Wunder,
dass die Bibel die Liebe zwischen zwei Menschen damit umschreibt,
dass sie sich „erkennen“.

II
Es geht um Anerkennung,
und da erhebt sich die Frage:
Wen erkennen wir an?
Eigenartig, diese Frage.
Wahrscheinlich haben Sie sich diese Frage so noch nie gestellt.
Aber in anderer Form beantworten Sie diese Frage immer wieder,
wahrscheinlich sogar täglich.
Wenn es um Fragen geht wie:
Wer hat Ihnen etwas zu sagen?
Wem würden Sie im Zweifel blind vertrauen?
Wer bedeutet Ihnen etwas?
Auf wen hören Sie?

Wen erkennen wir an?
Als Kind ist das noch keine Frage:
Man hört auf die Erwachsenen.
Auf die Eltern, Großeltern, Lehrer.
Weil man muss. Aber auch, weil man ihnen vertraut.
Irgendwann wird dieses Vertrauen
auf das Wissen und Rechthaben der Eltern zerstört.
Das nennt man dann: Pubertät.
Von der Pubertät an fällt es immer schwerer,
jemanden anzuerkennen,
und es fällt immer schwerer,
Anerkennung zu bekommen.
Die Latte für die Anerkennung wird immer höher gelegt.
Für eine Lehrerin reicht es dann nicht mehr,
dass sie Lehrerin ist.
Wenn sie nicht gut und abwechslungsreich unterrichten kann,
wenn sie nicht etwas ausstrahlt oder hat,
was die Schüler bewundern oder respektieren,
dann wird sie bestenfalls ertragen, geduldet oder erlitten,
aber nicht anerkannt.

Ebenso ist es bei anderen Persönlichkeiten,
die möchten, dass Menschen auf sie hören:
Ärztinnen. Pfarrer. Politiker. Wissenschaftlerinnen.
Sie müssen sich gefallen lassen,
dass man einen hohen Maßstab an sie legt.
Dass man ihre Worte an ihrem Handeln misst
und an ihrer Lebensführung.
Wir können solchen Leuten gegenüber sehr kritisch sein.
Und manchmal mit unserer Kritik auch sehr verletzend.

Und dann wiederum gibt es Menschen,
denen vertraut man blind,
da lässt man alle Maßstäbe fallen,
da entschuldigt man jeden Fehler,
nimmt alles hin.
Bei einem Menschen, den man liebt, ist das so.
Aber auch bei einem Idol, das man anhimmelt.
Immer wieder gab und gibt es Führer, Gurus,
charismatische Politiker, Stars oder Persönlichkeiten,
die eine blinde Anerkennung genießen.

III
Auch beim Glauben geht es im Anerkennung.
Glaube ist Anerkennung - die Anerkennung Gottes und seiner Macht:
Anerkennung, dass Gott einer ist,
der mir im Zweifel sagt, wo's langgeht.
Glaube ist Anerkennung.
Er ist auch die Suche nach Anerkennung durch Gott.
Das Streben danach, dass Gott mich und mein Leben anerkennt.

Es gibt eine sehr erschütternde Szene
im „Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer,
da streitet der frisch aus dem Zuchthaus entlassene Schuster Voigt,
der spätere „Hauptmann von Köpenick“,
mit seinem Schwager über die Anerkennung,
die man seinem Schwager - wie ihm - versagt,
- seinem Schwager, weil man ihn nicht befördert,
obwohl er es verdient hätte,
und ihm, weil er als ehemaliger Zuchthäusler
keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis
und damit keine neue Chance bekommt.

Da stellt Voigt sich vor, wie er eines Tages vor Gott,
seinem Schöpfer, steht, und der fragt ihn dann:

„Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben?
Und da muss ick sagen - Fußmatte, muss ick sagen.
Die hab ick jeflochten im Jefängnis,
und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen.
Und zum Schluss haste jeröchelt und jewürcht
um det bisschen Luft, und denn war's aus.
Det sagste vor Gott, Mensch.
Aber der sagt zu dir: Jeh wech! sagt er! Ausweisung! sagt er!
Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er!
Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?! 
Und denn is et wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis.“

Manche Menschen befürchten, dass Gott so ist,
wie Schuster Voigt ihn sich ausmalt:
Dass er eines Tages unser Leben von uns einfordern wird.
Uns fragen wird, was wir daraus gemacht haben.
Oder dass er, wie Jesus, sagen wird:
„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist.
Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt.
Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet.
Ich bin krank und gefangen gewesen,
und ihr habt mich nicht besucht“ (Matthäus 25,42-43).

Im Predigttext zeichnet Jesus ein ähnliches Bild:
„Glaubt nicht, dass ich euch beim Vater verklage.
Es gibt einen, der euch verklagt, Mose,
auf den ihr eure Hoffnung setzt.“

Mose tritt als Ankläger auf, wie es Abraham im Evangelium tat.
Und wie es dort hieß:
„Sie haben Mose und die Profeten. Auf die sollen sie hören“ (Lukas 16,29),
so wird auch hier auf Mose verwiesen,
der gesagt hat, was gut ist und was Gott von uns fordert.

Was Gott von uns will, liegt offen zutage.
Man muss allerdings danach fragen.
Ob Gott unser Leben anerkennt,
das liegt daran, ob wir Anerkennung durch Gott suchen.
Und das wiederum beginnt mit der Frage nach dem,
was Gott für uns will.

Für manche Menschen ist das offenbar keine Frage.
Ihnen ist nicht so wichtig, dass Gott ihr Leben anerkennt.
Ihnen geht es vielmehr darum,
dass sie von anderen anerkannt werden.
Sie fragen danach, was andere Menschen über sie denken,
nicht, was Gott über sie denkt.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eigestehen:
Uns geht es genauso.

IV
Die Zeit der Pubertät ist die Zeit der Frage nach der Anerkennung.
Die Autorität, das Wissen, das Rechthaben von Eltern und Lehrern werden hinterfragt.
Und gleichzeitg wird danach gesucht und gefragt,
wen man anerkennen kann.
Mit der Kleidung, der Haarfarbe, dem Verhalten provoziert man,
verletzt Grenzen, grenzt sich gegen die Erwachsenen ab.
Und gleichzeitig sucht man nach Anerkennung durch Freundinnen und Freunde,
durch die Clique,
und ist bereit, sich dafür Zwängen, Verhaltensregeln, einer Uniform zu unterwerfen.

Irgendwann hat man diese schwierige Zeit überstanden - und dann?
Hat man dann Anerkennung gefunden?
Hat man sein Selbst gefunden,
weiß man, wer man ist und was man will?

Die Suche nach Anerkennung,
die Sorge, was andere wohl von mir denken,
hört mit der Pubertät nicht auf.
Im Gegenteil.
Manche empfinden den Druck,
sich rechtfertigen zu müssen,
es allen recht machen zu müssen,
stärker als je zuvor.
Die pingelige Beobachtung durch die Nachbarn;
die erbarmungslose Schärfe des Tratsches;
die ehernen Gesetze des Standes und der gesellschaftlichen Klasse
sind gnadenloser, beängstigender,
als es das Jüngste Gericht je sein könnte.

Und gleichzeitig ist nichts süßer, als anerkannt und gelobt zu werden
- sogar von denen, die keine Ahnung haben;
die gar nicht beurteilen können, was man geleistet hat.
Nichts ist schöner, als sein Gesicht in der Zeitung zu sehen,
jemand zu sein, den man auf der Straße grüßt,
vor dem man den Hut zieht, Respekt hat
- und vielleicht sogar ein bisschen Angst.
Dagegen ist Gottes Liebe,
das leuchtende Antlitz Gottes,
wenn er auf uns und unser Leben sieht,
bloß ein alter Hut.

V
„Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Anerkennung von einander annehmt,
aber die Anerkennung durch den einzigen Gott nicht sucht?“

Ja, wie können wir glauben,
wenn uns die Anerkennung anderer so viel mehr bedeutet
als die Anerkennung durch Gott?

Gar nicht.
Wir können nicht glauben.
Wir sind so heillos verloren
in unserer Sehnsucht nach Anerkennung durch andere,
dass wir niemals zum Glauben finden können.
Wir sind verloren.
Uns droht, was auch Schuster Voigt drohte:
Das Urteil:
„Ausweisung!
Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt!“

Gott sei Dank müssen wir den Glauben nicht aus uns selbst hervorbringen.
Er ist uns geschenkt.
In der Taufe ist der Glauben wie ein Samenkorn in unser Herz gelegt worden,
weil wir damals, in der Taufe, Christus angezogen haben.
Wir haben ihn angenommen,
und er hat uns angenommen.
Gott hat uns in der Taufe als seine rechtmäßigen Kinder anerkannt.
Und diese Anerkennung Gottes hört nicht auf.
Sie hat kein Ende,
und sie ist hat nichts damit zu tun,
wer wir sind, was wir aus uns und unserem Leben machen,
ob wir Fußmatten knüpfen im Gefängnis
oder den Nobelpreis gewinnen.

Gottes Antlitz leuchtet über uns,
ob wir in Mathe eine 5 auf dem Zeugnis bekommen,
ob unsere Freunde uns für einen Langweiler halten,
oder ob wir im Beruf einen Reinfall nach dem nächsten erleben.
Gottes Antlitz leuchtet,
wie nur das Angesicht der Liebsten über dem des Liebsten leuchtet.
Gottes Antzlitz leuchtet,
weil er uns über alles liebt.

Gott liebt uns. Gott erkennt uns an.
Das stärkt uns den Rücken,
wenn unsere Mitmenschen uns die Anerkennung versagen.
Wenn wir es mal wieder keinem recht machen konnten.
Wenn uns niemand versteht
- oder wir uns unverstanden fühlen.

Eines Tages werden wir entdecken,
wie sehr Gott uns liebt.
Dann wird das Samenkorn des Glaubens,
das in unser Herz gelegt wurde
und dort heimlich, still und leise aufgegangen
und herangewachsen ist
- dann wird das Samenkorn des Glaubens
eine Blüte tragen.

Amen.

Mittwoch, 14. Juni 2017

serendipity

Predigt zur Konfirmation am 4. Mai 2003
Predigttext: 1. Könige 19, 3-8
[Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Ba'als mit dem Schwert umgebracht hatte.
Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!]


Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Be'erscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel Gottes kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.


Liebe Gemeinde,
liebe Eltern und Angehörige,
liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!
Bei großen und wichtigen Festen, wie es Eure Konfirmation zweifellos ist, kommt unweigerlich der Moment, an dem man auf das Leben der Gefeierten zurückblickt: Wie war das noch, als ihr klein wart? Es werden Geschichten erzählt von damals, leider auch - oder gerade - die für euch eher peinlichen. Die Fotoalben werden herausgeholt und aufgeschlagen, plötzlich gleitet das Interesse von euch hinüber auf die Hochzeitsfotos eurer Eltern, Fotos von den ersten gemeinsam Urlaubsreisen, und das Gespräch dreht sich nicht mehr um euch. Es wird von der Hochzeit erzählt, oder von der Konfirmation eurer Eltern und Großeltern.
Ein klarer Fall von Serendipity.
I
Auch das, was der Profet Elia in der Geschichte erlebt, die ihr für eure Konfirmation ausgewählt habt, ist Serendipity.

Eine hoch dramatische Geschichte.
Elia ist für seinen Glauben, für seinen Gott zum Mörder geworden. Er hat die Priester des Gottes Ba'al getötet - des Gottes, den seine Königin verehrt. Die Königin hat Rache geschworen und will Elia umbringen lassen. Deshalb flieht er in die Wüste, wo sich Spuren schnell verwischen, wo die Vefolger ihn in der endlosen Weiten und Einsamkeit nicht so schnell aufspüren werden.
Elia geht aber auch in die Wüste, um allein zu sein. Er muss nachdenken. Es wird ihm bewusst, wie schrecklich es ist, was er getan hat. Er war nicht besser als die, gegen die er gekämpft hat.
Die Sünde der Väter: dass sie einem falschen Gott, den Ba'al, gedient hatten, hat er mit einer noch schlimmeren überboten: mit dem Mord.

Wie gesagt: eine hoch dramatische Geschichte, dazu aus einer Zeit, die von der unseren fast dreißig Jahrhunderte entfernt ist: König Ahab regierte mit seiner Frau Isebel von 871 bis 852 vor Christus den damals schon kleinen Staat Israel.
Aber schon zeigt sich eine Brücke aus dieser fernen Zeit in unsere hinüber: Noch heute gibt es in Israel Mord und Totschlag zwischen Eiferern verschiedenen Glaubens. Und noch eine andere Brücke ist da, der Satz: "Ich bin nicht besser als meine Väter".
Um mit diesem Satz bei euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, anzukommen, müssen wir auf den Satz sehen, der vorher da war: "Ich bin besser als meine Väter."
II
"Ich bin besser als meine Mütter und Väter" - dieser Satz ist jetzt für euch dran. Als Kinder waren eure Mutter, euer Vater Vorbilder für euch - und Vorbilder waren Personen, die auch die Rolle von Müttern und Vätern für euch hatten und haben: Großeltern und Paten, Erzieherinnen und Lehrer, Teamer und Pfarrer. Jetzt kommt die Zeit, in der die Sockel dieser Vorbilder rissig werden. Die Zeit, in der ihr euch mit ihnen auseinandersetzt, merkt, dass sie Fehler machen und Fehler haben.
Eine Zeit, in der ihr merkt, dass ihr anders seid, anderes wollt als sie.
Eine Zeit, in der es Streit und Kämpfe gibt, vor allem zwischen euch und euren Eltern. Um die Frage, was man anziehen, wann man nachts nach Hause kommen soll. Um politische Überzeugungen. Oder einfach darum, wer Recht hat.
Es ist aber auch eine Zeit, in der ihr erkennt: "Ich bin nicht besser als meine Väter."
Ihr seid unzufrieden mit euch - eurem Aussehen, euren Fähigkeiten, euren Leistungen. Ihr leidet darunter, dass die Welt so ist, wie sie ist, wollt sie anders haben, wollt selbst anders sein und ahnt doch, dass eure Möglichkeiten sehr eingeschränkt sind.

Ich muss euch leider aus eigener Erfahrung sagen:
Es wird noch nicht besser, sondern schlimmer.
Die Momente, in denen ihr mit euren Eltern und euren Vorbildern, aber auch mit euch selbst unzufrieden seid, werden eher mehr werden als weniger. Die meisten, die heute hier sind, haben diese Zeit der Pubertät schon durchlebt und neben all dem Schönen dieser Zeit, das hoffentlich überwogen hat, eben auch diese Unzufriedenheit mit den anderen, mit der Welt und auch mit sich durchlebt und durchlitten.
Wie Elia unte dem Wacholder waren auch wir ganz tief unten, waren deprimiert, wollten nicht mehr da sein.
Welcher Engel holt einen aus solch einem Tief heraus?
III
Jetzt ist es an der Zeit, dass ich das eigenartige Wort von vorhin erkläre: Serendipity. Ein Kunstwort, 1754 vom Engländer Horace Walpole erfunden, das eine ganz alltägliche, aber sehr weitreichend Erfahrung beschreibt: Dass man etwas findet, was man nicht gesucht hat.
So wie bei den eingangs erwähnten Fotoalben, oder bei der Suche nach einem bestimmten Buch: Plötzlich schmökert man begeistert in einem ganz anderen Buch als dem, das man ursprünglich gesucht hatte. Christoph Kolumbus wollte eigentlich nach Indien, als er Amerika entdeckte. Wissenschaft und Industrie leben davon, dass Forscherinnen und Forscher immer wieder etwas finden, was sie nicht gesucht hatten - und was dann zu einer großen Entdeckung wird. Serendipity ist auch die Grundlage vieler Beziehungen: Eigentlich hatte man jemand ganz anderen gesucht - und sich dann verliebt in einen Menschen, der so gar nicht dem gesuchten Ideal entspricht, der ganz anders: viel wunderbarer - ist.
Serendipity - finden, was man nicht gesucht hat. Das ist mehr als bloßer Zufall. Auch zufällig kann man finden, was man nicht gesucht hat - aber zufällig hätte Kolumbus Amerika nie entdeckt. Es gehört dazu, dass man schon auf der Suche, dass man vorbereitet ist.
Elia konnte in der Wüste nicht zufällig überleben. Er kam dahin, um zu sterben - und fand das Leben. Aber erst, nachdem er erkannt hatte, was er getan hatte, erst nach dem Satz: "Ich bin nicht besser als meine Väter".
IV
Um aus dem tiefsten Tief herauszukommen, braucht es einen Engel wie bei Elia, der einem die Energie gibt, wieder aufzustehen und weiter zu gehen.
Ein Engel - für manche ist es Musik. So, wie Musik einen herunterziehen kann, so kann sie auch aufbauen, es hell machen. Ein Engel kann auch eine beste Freundin, ein bester Freund sein, jemand, der einem zeigt: du bist OK, oder sogar jemand, der sagt: "Ich liebe dich".
Ein Engel, das ist eine andere Wirklichkeit, die in meine Wirklichkeit einbricht und sie verändert.
Der Satz "Ich bin nicht besser als meine Väter" ist falsch.
Und falsch ist auch der Satz: "Ich bin besser als meine Väter". - Ebenso falsch wie die Vorstellung, die Erde sei eine Scheibe; mit dieser Vorstellung wäre Kolumbus nie in Amerika gelandet: er hätte sich gar nicht erst auf den Weg gemacht.
Ein Engel, das ist eine andere Wirklichkeit.
Was wir Hauptamtlichen und Teamerinnen und Teamer euch in eurer Konfirmandenzeit versucht haben zu zeigen war, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt neben der, die wir greifen können.
Es gibt wahrscheinlich viele andere Wirklichkeiten.
Wirklichkeiten, in denen der Satz stimmt: "Ich bin besser als meine Väter".
Neben der Wirklichkeit, die wir sehen und begreifen können gibt es das, was wir denken und fühlen - und das ist manchmal mächtiger als die Realität. Wenn wir uns einreden - oder einreden lassen -, dass wir dumm, hässlich, nichts wert sind, dann fühlen wir uns so, auch wenn die Realität anders aussieht. Umgekehrt auch: Wenn wir überzeugt sind, im Recht zu sein, besser zu sein, etwas mehr verdient zu haben als andere, muss das nicht unbedingt der Realität entsprechen.
Ich verstehe die Wirklichkeit Gottes als einen Weg, mit diesen vielen Wirklichkeiten in uns und um uns leben zu können. Die Wirklichkeit Gottes befreit von den eingebildeten, eingeredeten Wirklichkeiten und macht uns dazu fähig, die Realität anzunehmen, so wie sie ist - und einen Engel zu erkennen, wenn er uns begegnet.
V
Elia kam in die Wüste als Mörder. Er kam, um zu sterben.
Elia traf einen Engel in der Wüste und fand das Leben. Am Ende, so erzählt die Geschichte weite, stand er sogar seinem Gott gegenüber.
Dass er Menschen getötet hatte, konnte er nicht verleugnen, nicht mehr rückgängig machen - so wie wir es nicht ändern können, was wir sind, was wir getan oder nicht getan, wie wir einmal entschieden haben.
Gott sah Elia nicht als Mörder an, sondern als Menschen.
Er nahm Elia zwar das Profetenamt und gab es einem anderen, aber er ließ Elia in seine Nähe, und am Ende nahm er ihn ganz zu sich.
Gott legt auch uns nicht fest auf das, was wir waren, auf das, was wir getan haben. Es hat Konsequenzen, und dennoch bleiben wir, was wir immer waren: Menschen, Gottes Ebenbilder. Gott vergibt uns immer wieder, Gott nimmt uns immer wieder an und lässt uns in seine Nähe, auch wenn unsere Mitmenschen das nicht können.
Weil Gott uns so ansieht, können wir die Realität wahrnehmen: dass wir vielleicht schrecklich sind, aber nicht so schrecklich. Hässlich, aber nicht so hässlich. Faul, aber nicht so faul.
Oder auch: Schön, aber nicht so schön. Klug, aber nicht so klug.
Sondern dass wir alle geliebt sind, so sehr geliebt, dass Gottes Sohn sogar für uns gestorben ist.
Das ist Gottes Wirklichkeit, die uns hilft, mit der Realität zu leben: die Dinge so anzunehmen, wie sie sind.
Gottes Wirklichkeit, die uns zu Serendipity verhilft: die uns gerade dann, wenn wir es am wenigsten glauben und am dringendsten brauchen finden lässt, was wir nicht gesucht haben.
Ich wünsche euch die Erfahrung von Serendipity. Ich wünsche euch, dass Gottes Wirklichkeit euch hilft, euch, eure Mitmenschen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich sind. Gott hat von ihnen gesagt: Siehe, alles war sehr gut.

Und bei diesem Wort Gottes bleibt es. Amen.

Güntzel Schmidt