Donnerstag, 2. April 2026

Keimzelle

Predigt am Gründonnerstag, 2.4.2026, über Exodus 12,1-14

Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Ägypten:
Dieser Monat soll für euch der wichtigste Monat sein;
er soll bei euch den Monaten des Jahres vorangehen.
Sprecht zur ganzen Gemeinde Israel:
Am Zehnten dieses Monats nehmt euch jeder pro Familie einen Bock, einen Bock pro Haus.
Und wenn in einem Haus für einen Bock zu wenig sind,
soll man den seinem Haus nächstgelegenen Nachbarn
zu der Anzahl der Essenden hinzunehmen,
je nachdem, wieviel jeder von dem Bock isst.
Der Bock soll einwandfrei, männlich und einjährig sein.
Von den Schafen oder den Ziegen sollt ihr ihn nehmen.
Und ihr sollt ihn zurückbehalten bis zum vierzehnten Tag dieses Monats.
Dann soll die ganze Versammlung der Gemeinde Israel
ihn in der Abenddämmerung schlachten.
Danach sollt ihr von dem Blut nehmen
und es an die beiden Türpfosten und den Türsturz eurer Häuser streichen, wo ihr ihn essen werdet.
Ihr sollt das Fleisch in dieser Nacht essen,
überm Feuer gebraten, mit Mazzen und bitteren Kräutern sollt ihr es essen.
Ihr sollt es nicht roh essen noch in Wasser gar gekocht, sondern überm Feuer gebraten,
sein Kopf mit seinen Schenkeln und den Innereien noch zusammenhängend.
Ihr sollt davon nichts übrig lassen bis zum Morgen.
Den Rest sollt ihr bis zum Morgen im Feuer verbrennen.
So sollt ihr ihn essen:
Um die Hüften gegürtet, eure Sandalen an den Füßen,
euren Stock in der Hand, sollt ihr es hastig essen.
Es ist das Passa für den Herrn.
In dieser Nacht werde ich durch Ägypten gehen
und alle Erstgeborenen bei Mensch und Tier in Ägypten erschlagen.
Und über alle Götter Ägyptens werde ich Strafgericht halten.
Ich bin der Herr.
Das Blut an euren Häusern, in denen ihr euch aufhaltet,
soll ein Zeichen zu eurem Schutz sein:
Wenn ich das Blut sehe, will ich an euch vorbeigehen,
und ihr werdet von der Plage des Verderbers verschont, wenn ich Ägypten schlage.
Dieser Tag soll euer Gedenktag sein.
Ihr sollt an ihm ein Fest für den Herrn feiern.
Allen kommenden Generationen soll dieses Fest eine ewige Satzung sein.


Liebe Schwestern und Brüder,

die Erzählung von der Einsetzung des Passafestes macht deutlich,
wie weit die Welt der Bibel von unserer heutigen Wirklichkeit entfernt ist.
Als diese Erzählung aufgeschrieben wurde,
herrschte im Mittelmeerraum die Bronzezeit -
während die Menschen, die damals hier in Mecklenburg lebten,
von Bronze wahrscheinlich noch gar nichts gehört hatten.
Die Ereignisse, von denen sie berichtet,
reichen noch viel weiter zurück, in die ausgehende Steinzeit.

Was da erzählt wird, erscheint uns heute befremdlich:
Blut, das an die Türrahmen gestrichen wird;
ein Todesengel, der „Verderber”, der nachts herumgeht
und alle Erstgeborenen erschlägt.
Wenn man dieses Fremde und Abständige einmal beiseite lässt,
kommt ein Gründungsdokument zum Vorschein:
Hier wird erzählt, wie es zum Passafest kam,
dem wichtigsten Fest im Judentum,
und warum es bis heute gefeiert wird.

Mit dem Passafest tritt der jüdische Glaube ins Dasein.
Natürlich gab es schon vorher jüdische Gläubige -
die Bibel berichtet von Abraham, Isaak und Jakob,
dessen Nachkommen das Volk Israel wurden.
Doch dieses Volk Israel liegt im Dunkel der Vergangenheit.
Als die Erzählungen der Bibel niedergeschrieben wurden,
gab es bereits das Judentum - jüdische Gemeinden,
die nach den Geboten lebten, die Mose dem Volk Israel gegeben hatte,
die Gottesdienste und bestimmte Feste feierten, wie eben das Passafest.

An dieser Gründungserzählung des Passafestes fällt auf,
dass zwar von der „Gemeinde Israel” die Rede ist.
Aber das, worum es geht, spielt sich in den „Häusern” ab,
in einzelnen Familien, die sich mit anderen zusammentun,
wenn eine Familie zu klein ist.

Das „Haus” war auch die Keimzelle des Christentums.
„Sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern,”
heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 2,46).
Bevor die Christen römische Kaufhäuser, die Basiliken,
für ihre Gottesdienste übernahmen und Kirchen bauten,
feierten sie zuhause Gottesdienst, im Wohnzimmer.
Mit anderen Worten: Der Hauskreis ist die Urform der Gemeinde.

Und auch heute, am Gründonnerstag, hören wir im Evangelium,
wie Jesus sich mit seinen Freunden privat trifft,
in einem Haus, zu einem letzten Abendessen.
Und wie er ihnen vor dem Abendmahl die Füße wäscht.

II

Die Erzählung von der Einsetzung des Passa
wirkt befremdlich und abschreckend durch das Blut,
das vergossen und an die Türrahmen gestrichen wird.
Es ist ein Zeichen, heißt es -
keines, das man aufstellt oder an die Wand malt,
wie wir das mit dem Kreuz tun,
oder das man sich um den Hals hängt.

„Im Blut ist das Leben”, so steht es in der Noahgeschichte (1.Mose 9,4).
Das Blut ist ein Zeichen für den Wert des Lebens:
Das Leben ist kostbar.
Darum muss auch der Bock ganz aufgegessen werden.
Ein Zeichen der Achtung vor dem Leben.

Aber wenn das Leben so kostbar ist,
warum tötet Gott dann alle Erstgeborenen in Ägypten
bei Menschen und Tieren?

Die Erzählung von der Einsetzung des Passa ist eine Geschichte, kein Tatsachenbericht.
Da war damals keiner, der mit Stift und Notizblock aufschrieb,
was genau sich alles in jener Nacht ereignete -
wie auch am Gründonnerstag niemand Protokoll schrieb,
was Jesus tat und zu seinen Jüngern sagte.

In dieser Erzählung vom Passamahl geht es nicht um die Ägypter, sondern um das Volk Israel.
Die Tötung der Erstgeburt wird erwähnt,
weil das den Israeliten erspart blieb.
Es geht nicht darum, dass Gott soundso viele Menschen und Tiere erschlug,
sondern dass das Volk Israel von diesem Schrecken verschont wurde.

Der Exodus, der Auszug aus Ägypten,
wird damit zu einer doppelten Befreiung:
Befreiung aus der Knechtschaft durch eine Übermacht, die Ägypter,
die das Volk Israel mit Gewalt unterdrücken.
Und Befreiung von der Macht eines blinden Schicksals,
dem Verderber, der durch Ägypten zieht und alle Erstgeborenen erschlägt.

Natürlich erlebten auch die Israeliten,
erleben alle Gläubigen bis heute Schicksalsschläge.
Oft hat man dabei das verzweifelte Gefühl,
das Schicksal habe blind zugeschlagen und den Falschen getroffen.
Man sucht nach einer Erklärung, sucht nach Gründen,
warum es ausgerechnet mich traf.

Der Glaube sagt uns dann: Es gibt keinen Grund.
Du bist nicht schuld.
Du kannst nichts dafür.
Weder dafür, dass es dich traf,
noch, dass es einen Menschen traf, den du lieb hast.
Krankheit und Tod treffen uns alle.
Sie sind keine Strafe, sondern ein Teil des Lebens.
Etwas, das man nicht vermeiden kann,
das man sich nicht aussuchen und bei dem man nicht entscheiden kann,
wann, wenn es denn sein muss, der beste Zeitpunkt dafür wäre.

Gott befreit uns also nicht vom Leid -
dann müsste er uns von diesem Leben befreien.
Gott befreit uns von der Frage nach dem Warum
und von der Verzweiflung, diesem Leid ausgeliefert zu sein.
Gott befreit uns, indem er unser Herr wird,
besser gesagt: Indem wir Gott Herr sein lassen.
Und zwar in dem alten Sinn, den das Wort schon in der Bronzezeit hatte:
Ein Herr, eine Herrin bestimmt,
und seine, ihre Untertanen tun, was sie oder er will.

Im Glauben gibt es keine Demokratie,
sondern nur den Willen Gottes,
dem wir unseren Willen unterordnen.
Das ist kein Kadavergehorsam,
kein blindes Ausführen von Befehlen.
Gottes Wille für uns ist ja, dass wir frei sein sollen,
glücklich sein sollen - und ebenso unsere Mitmenschen.

Manche bekommen es ganz gut hin,
dass es ihnen gut geht, dass sie glücklich sind.
Aber dass es allen Menschen gut geht,
das hat noch kein Mensch geschafft,
das kann menschliche Klugheit und Vernunft nicht fertig bringen.
Darum ist Gottes guter Wille so wichtig - für uns, und für unsere Welt.

III

Wir feiern Gründonnerstag,
den Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahles.
Das Gründungsdokument für dieses Fest
sind nicht die Einsetzungsworte, die Paulus überliefert,
nicht die Abendmahlsberichte bei Matthäus, Markus und Lukas.
Es ist die Erzählung von der Fußwaschung,
die dem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern vorangeht.

Wie die Erzählung von der Einsetzung des Passamahles
begründet auch diese Erzählung eine Gemeinschaft -
in diesem Falle unsere christliche Gemeinde.
Eine Gemeinde, die sich in den Häusern trifft.
Eine Gemeinde, für die das Haus - das private Wohnzimer
oder das Haus Gottes, die Kirche -
bis heute den Kern, den Kristallisationspunkt bildet.

Vor dem gemeinsamen Mahl, vor den Einsetzungsworten,
mit denen Jesus das Brot mit seinem Tod verbindet
und den Wein mit dem neuen Leben, das er schenkt,
steht die Fußwaschung: Jesus bückt sich,
kniet vor seinen Jüngern und wäscht ihnen die Füße.
Eine Arbeit, die damals Haussklaven verrichteten.

Der Herr wird zum Knecht, zum Sklaven,
und gibt seinen Jüngern damit ein Beispiel:
Wir Christinnen und Christen „kommen einander mit Ehrerbietung zuvor” (Römer 12,10).
Ehrerbietung erkennt den Wert des anderen an:
Jedes Menschenleben ist kostbar,
weil Gott jeden Menschen so sehr liebt wie uns.

Aus dieser Erkenntnis heraus ist Dienen keine Demütigung,
sondern ein Erweis des Respekts, den auch ich verdiene.
Wer dienen kann, macht einen Unterschied.
Kann unterscheiden zwischen dem Respekt, den jeder Mensch verdient,
und der Unterwerfung, die man niemandem schuldig ist.

Am Gründonnerstag gründet sich die christliche Gemeinde.
Sie ist die Gemeinschaft derer, die einander dienen
und Christus ihren Herrn sein lassen.
Weil Christus unser Herr ist, der seinen Jüngern diente,
für sie und für uns in den Tod gegangen ist, sind wir frei.

Wir kennen keinen anderen Herrn.
Wir haben niemanden sonst über uns.
Nichts und niemand kann und wird über uns Macht gewinnen,
nicht einmal der Tod.

Samstag, 14. März 2026

Erfüllung

Predigt am Sonntag Lätare, 15. März 2026, über Jesaja 66,10-14:

Freut euch an Jerusalem und jubelt über sie alle, die ihr sie liebt.
Freut euch an ihr und seid fröhlich alle, die ihr um sie getrauert hattet.
Denn ihr sollt saugen und satt werden an ihrem tröstenden Busen.
Ihr sollt in vollen Zügen trinken und euch laben an ihrer prall gefüllten Brust.

Denn so spricht der Herr:
Siehe da, ich breite bei euch aus den Frieden wie einen Strom.
Wie ein Wasserlauf strömt der Reichtum der Völker; ihr werdet ihn aufsaugen.
Ihr werdet auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt werden.
Wie man von seiner Mutter getröstet wird, so will ich euch trösten;
durch Jerusalem sollt ihr getröstet werden.
Ihr werdet es erleben, und euer Herz wird sich freuen,
und eure Knochen werden sprossen wie frisches Grün.
Die Hand des Herrn wird offenbar an seinen Knechten
und sein Zorn an seinen Feinden.


Liebe Schwestern und Brüder,

was für ein bewegender Anblick, ein Säugling an der Brust seiner Mutter.
Natürlich schaut man weg, man starrt nicht hin,
wenn eine Mutter in der Öffentlichkeit ihr Baby stillt.
Aber Zuhause, in der Familie, kann man es erleben
und sich mit Kind und Mutter freuen.
Oder hat als Mutter selbst erfahren, wie das ist, sein Kind zu stillen.
Und mancher Vater war stolz und glücklich,
wenn er auch mal sein Kind im Arm halten und ihm die Flasche geben durfte.

Es gehört sicher zu den schönsten Augenblicken,
sein Kind so nah bei sich zu haben, es sättigen zu können
und dabei zu spüren, wie glücklich es dadurch wird.
Wer das als Mutter oder Vater erlebt hat,
kann aus eigenem Empfinden ermessen,
was das Baby in diesem Moment fühlen muss.
Und auch alle anderen können sich vorstellen,
dass hier die Wurzel für das Gefühl der Geborgenheit liegt.

Man kann es aber nur nachfühlen; man ist gezwungen, es sich vorzustellen.
An die eigene Säuglingszeit hat man keine Erinnerungen -
jedenfalls keine, die man bewusst hervorholen und sich vergegenwärtigen könnte.

Die ersten Lebensmonate, in denen man die Gefühle
der Geborgenheit und der Liebe kennen lernte,
in denen sich das zu formen begann, was wir unser „Ich” nennen,
erinnern wir nur aus zweiter Hand - von Fotos,
oder aus den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern.

Wer ein Kind dabei beobachtet, wie es im Arm seiner Mutter gestillt wird,
spürt dabei ein tiefes Glücksgefühl.
Es ist das Glück, das man selbst empfand, als man im Arm seiner Mutter lag.
Nur hatte man damals noch keine Worte dafür.

II

Woher kommt dieses Glücksgefühl, das der Säugling beim Stillen erlebt?
Zunächst wird man sagen: Das Kind wird satt, darum ist es glücklich.
Jede und jeder, der oder die schon einmal Hunger gelitten hat,
wird sich daran erinnern, wie glücklich man war,
als es endlich wieder etwas zu essen gab.
Auch wenn man nicht kurz vorm Verhungern ist:
Essen macht glücklich - jedenfalls, wenn es lecker und liebevoll zubereitet ist.

Das Kind wird satt, und es wird getröstet.
Ein Baby macht lautstark auf sich aufmerksam,
wenn es Hunger hat, und dabei laufen ihm die Tränen.
Das Schreien ist nicht nur ein Reflex, der nichts weiter zu bedeuten hat.
Das Kind empfindet echten Schmerz, echte Verzweiflung.
Es kann ja noch nicht wissen, dass es nicht verhungern wird.

Die Brust der Mutter ist der Ort,
wo das Baby alles bekommt, was es zum Leben braucht:
Essen, Wärme, Geborgenheit und Liebe.
Sie ist der Ort, der für das Kind das Paradies ersetzt,
das Einssein mit der Mutter, aus dem es bei der Geburt vertrieben wurde.
Sie ist der Ort, der diesem Paradies am nächsten kommt
und an dem es das erhält, was es braucht, um zu wachsen
und es mit der Welt aufzunehmen.

III

Mit seinem Bild vom Saugen und Sattwerden an der Brust der Mutter
beschreibt Jesaja einen paradiesischen Zustand.
Einen Zustand, der für uns in einer Vergangenheit liegt,
die wir nicht mehr selbst erinnern können.
Trotzdem berührt uns dieses Bild,
verstehen wir sofort, was Jesaja damit meint.

Bei Jesaja ist es aber nicht die Brust einer Mutter.
Es ist die Stadt Jerusalem, die ihre Kinder stillt,
sie auf der Hüfte trägt und auf ihren Knien reiten lässt.
Eine Stadt als Mutter, die ihren Kindern alles gibt, was sie brauchen:
Nahrung, Geborgenheit, Schutz und Liebe.
Selbst für Jerusalem klingt das unvorstellbar.

Wir sind also nicht mehr auf dem Boden der Realität.
Es handelt sich um eine Vision Jesajas,
um einen Blick in eine paradiesische Zukunft, zu schön, um wahr zu sein.

Zumal Jerusalem zur Zeit Jesajas in Trümmern liegt -
nicht so heillos zerstört wie der Gaza-Streifen,
aber ohne das Haus Gottes, den Tempel,
ohne schützende Stadtmauer
und ohne all die öffentlichen Gebäude,
die eine Stadt erst zur Stadt machen.

In der Situation, in der sich Jesaja und seine Leserinnen und Leser befanden,
befinden wir uns heute auch.
Zwar leben wir hier zum Glück in Frieden und Sicherheit,
kennen Hunger und Zerstörung nur aus dem Fernsehen.
Aber an vielen Orten der Welt herrscht Krieg, und es drohen weitere Konflikte.
Die unverfrorene Willkür, mit der das Völkerrecht gebrochen,
missliebige Politiker verhaftet oder ermordet und Länder überfallen werden,
hat die gewohnte und bewährte Ordnung über den Haufen geworfen.
Man fragt sich bang, was werden wird.

IV

In diese Angst um die Zukunft spricht Gott uns Trost zu:

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.”

Wenn wir an mütterlichen oder väterlichen Trost denken, erinnern wir uns daran,
wie wir auf den Schoß genommen wurden,
wenn wir hingefallen waren und uns das Knie aufgeschlagen hatten.
Das sanfte Pusten auf unserer Haut,
beruhigende Worte wie „heile, heile Segen …”

Wir erinnern uns an den mitleidigen Blick,
an die Anteilnahme, den Trost, die Ermutigung,
die Schulter zum Anlehnen und Weinen,
wenn uns Liebeskummer plagte.

Wir denken nicht an die Brust unserer Mutter,
wenn wir uns an den Trost erinnern, den wir erfuhren.
Das lag vor unserer Fähigkeit, uns bewusst zu erinnern;
vor der Zeit der Worte, mit denen wir Dinge
und später auch unsere Gefühle zu beschreiben lernten.

Hier bei Jesaja ist Gottes Trost einer, der wie eine Mutterbrust stillt -
den Hunger, und auch die Angst.
Gottes Trost stillt so umfassend,
wie wir das als Säuglinge im Arm unserer Mutter erlebten.

An der Brust der Mutter bekam das Kind alles,
was es zum Leben brauchte - Nahrung und Liebe,
Schutz und Geborgenheit.

Gottes Trost erfüllt uns ebenso: Gott vergewissert uns seiner Liebe,
die uns immer und unter allen Umständen gilt.
Bei Gott sind wir geborgen, weil Gott allem standhält -
er selbst hat Raum und Zeit geschaffen.
Gott sättigt unseren Durst nach Anerkennung, nach Liebe,
nach Leben und nach Sinn.
Und Gott erfüllt, was er verheißt.
Er hat damit schon begonnen.

V

Jesajas Vision beschwört einen paradiesischen Zustand.
Keine Stadt der Welt kann ihren Einwohner:innen
eine Geborgenheit geben, wie man sie im Arm seiner Mutter erfuhr.
Trotzdem ist es keine Utopie, die Jesaja beschreibt, sondern eine Vision.

Eine Utopie, zu deutsch: ein Nicht-Ort, beschreibt etwas,
das sein könnte, aber nicht ist und auch nicht sein wird,
weil der Mensch nun einmal so ist, wie er ist:
Er macht jede Utopie zunichte.

Die Vision, die Jesaja hat, ist dagegen etwas, das tatsächlich geschehen wird,
weil nicht wir sie verwirklichen. Gott tut es.
Sie ist kein Wunschtraum, den Jesajas Phantasie geboren hat.
Sondern Gottes Verheißung, die er seinem Volk und uns verspricht.

Wir feiern heute den Sonntag Lätare.
Inmitten der Passionszeit, die vom Leiden geprägt ist,
von Schuld und vom Gang Jesu an das Kreuz,
ist Lätare ein Vorgeschmack auf die Auferstehung, auf Ostern.

An Ostern erleben und feiern wir, dass Jesus auferstanden ist.
Die Auferstehung ist ebenso unglaublich wie die Vision, die Jesaja uns beschreibt.
Und doch ist es geschehen: Jesus ist auferstanden.
Seine Auferstehung bürgt dafür,
dass Jesajas Worte nicht nur Worte sind, keine Utopie,
sondern eine Vision, die beginnt, Wirklichkeit zu werden.

VI

Bleibt noch eins: Warum ist es Jerusalem, warum ist es eine Stadt,
die Jesaja als Mutter beschreibt?
Warum ist nicht Gott selbst die Mutter,
die uns mit allem erfüllt, was wir zum Leben brauchen?

Weil wir Gott nicht besitzen und nicht über Gott verfügen können.
Schon ein Säugling erlebt, dass er seine Mutter nicht immer zur Verfügung hat.
Wenn es gut geht, dann wird die Liebe seiner Eltern
zu einem unzerstörbaren Teil seiner Persönlichkeit,
auf die er sich ein Leben lang verlassen,
von der er ein Leben lang zehren kann.

Durch den Glauben wird Gottes Liebe ebenso ein unzerstörbarer Teil unseres Ich,
auf die wir uns ein Leben lang verlassen können und die uns durchs Leben trägt.
Aber es braucht eben den Glauben:
Das Vertrauen auf und Festhalten an Gottes Zusage.

Es ist die Stadt, der Ort,
an dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen,
die uns mit Lebendigkeit erfüllt.
Wir gestalten diese Stadt, wir erfüllen sie mit Leben,
weil es uns nicht genügt, dass es uns gut geht,
aber allen anderen nicht.

Und weil wir einander daran erinnern,
dass Gott uns sein Wort gegeben hat und uns über alles liebt -
so, wie uns die Fotos und die Erzählungen
unserer Eltern und Großeltern daran erinnern,
dass wir das Glück und der Augenstern
unserer Eltern waren und sind.

Sonntag, 1. März 2026

Abhängigkeit

Predigt an Reminiszere, 1.3.2026, über Römer 5,1

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben,
haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir haben Frieden mit Gott, schreibt Paulus.
Das ist ein schöner Satz, und ein tröstlicher Gedanke.
Frieden ist etwas Gutes und Erstrebenswertes.
Etwas, von dem alle beteuern, dass sie ihn wollen -
auch und besonders die, die wenig später
ein anderes Land mit Krieg überziehen.

Gerade erfahren wir wieder einmal,
wie leicht Friede gebrochen werden kann,
und wie schwer er wieder zu gewinnen ist.
Friede ist eben nicht nur eine Pause vom Krieg
oder das Versprechen zweier Staaten,
sich nicht gegenseitig anzugreifen.

Im Gegenteil: Friede ist eine hoch komplexe Angelegenheit,
die viel mit dem Ausgleich von Interessen zu tun hat.
Mit gegenseitigem Respekt vor den jeweiligen Eigenheiten
und dem Vertrauen auf die guten Absichten des anderen.
Ein Vertrauen, das nicht mit Worten,
sondern durch Haltung und Taten gerechtfertigt wird.

Friede braucht Zeit, in der solches Vertrauen wachsen kann.
Er braucht Gespräche und Verhandlungen auf Augenhöhe,
Anerkennung der jeweiligen Interessen
und das ernsthafte Bemühen um eine Lösung,
die für beide Seiten annehmbar ist,
weil sie beiden Seiten Vorteile und Sicherheit bringt.

Wir Deutschen haben Erfahrung damit. Sowohl mit dem Krieg,
als auch mit dem mühsamen und langwierigen Prozess des Friedens.
Das, was wir heute Europa nennen, ist das Ergebnis dieses Prozesses.
Seit 80 Jahren leben wir in Europa in Frieden miteinander.
Die Interessen zwischen den Staaten sind ausgeglichen.
Es herrscht ein grundsätzliches Vertrauen,
es gibt Respekt voreinander und Verständnis füreinander.

Die EU ist das Ergebnis der Suche nach Frieden.
Sie entstand durch Gespräche und langwierige Verhandlungen,
durch das Bemühen um Verständigung, durch Begegnungen.
Und auch durch das Eingeständnis der Schuld.
Die EU ist der Beweis dafür, dass ein gerechter Friede möglich ist,
und ein Beispiel, wie viel Zeit und Engagement der Friede braucht.

II

Wir haben Frieden mit Gott, schreibt Paulus.
Diesen Frieden können nicht wir uns zugute halten.
Kein Verhandlungsgeschick, kein Interessenausgleich
haben diesen Frieden bewerkstelligt.
Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten
mit all seinen Waffen, all seiner wirtschaftlichen Macht
könnte Gott nicht zum Frieden zwingen.

Der Friede zwischen Gott und uns kam auf eine Weise zustande,
die das komplette Gegenteil zu dem darstellt,
wie wir Frieden sichern und erhalten wollen:
Wir vertrauen auf Frieden durch Rüstung.
Sie soll uns vor einem möglichen Angriff schützen,
weil, so die Theorie, ein Angriff mit so großen Verlusten
für den Angreifer verbunden wäre, dass er sich für ihn nicht rechnet. 

Unser Friede mit Gott kam zustande,
weil Jesus auf Rüstung und Gewalt verzichtete.
So widerfuhr ihm, was jede:r erlebt,
die|der sich nicht schützt und nicht wehrt:
Jesus erlitt Willkür, Gemeinheit, Bosheit und Gewalt.
Er starb einen qualvollen Tod am Kreuz.
Aber eine Macht, stärker als alle menschliche Macht,
besiegte den Tod und holte ihn zurück ins Leben.
Diese Macht ist Gottes Allmacht: Seine allmächtige Liebe.

Dieser allmächtigen Liebe Gottes hatte Jesus vertraut,
und dieses Vertrauen bot er den Menschen an.
Er lud sie ein, auf Gott, auf die Liebe zu setzen,
nicht auf Waffen, Geld oder Macht.
Er lud sie ein, sich von Gott in seinen Frieden,
sich von Gottes Macht aus dem Tod ins Leben holen zu lassen.

Nur wenige nahmen seine Einladung an.
Vor allem arme Schlucker, wie die Fischer am See Genezareth;
Kämpfer für die Freiheit, Zeloten genannt, wie ein gewisser Kephas
oder die „Donnersöhne” Jakobus und Johannes;
Menschen am Rande der Gesellschaft wie Maria von Magdala. 

Andere hatten kein Interesse an dieser Einladung.
Sie waren satt. Sie hatten alles, was sie brauchten.
Für sie funktionierte die Gesellschaft.
Und auch ihr Verhältnis zu Gott war geregelt.
Aber dieses Verhältnis war Konvention, nicht Notwendigkeit.
Was sie brauchten, verschafften sich diese Menschen selbst;
Gott brauchten sie für ihr Leben nicht.

III

Wir haben Frieden mit Gott, schreibt Paulus.
Dann muss es eine Zeit gegeben haben,
in der zwischen Gott und uns kein Friede herrschte.
Wenn das Gottesverhältnis nicht von Frieden bestimmt ist, wovon dann?
Was war, bevor wir Frieden mit Gott hatten?

Für den Frieden zwischen Staaten
ist ein Ausgleich der Interessen nötig,
gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Vertrauen.
Ein solches Verhältnis schafft Abhängigkeiten.
Kein Staat kann heutzutage Alleingänge unternehmen -
es sei denn, er bricht mit den Regeln der Staatengemeinschaft
und kann seinen Willen militärisch durchsetzen.

Auch wir sind voneinander abhängig.
Nicht nur als Kinder von unseren Eltern
oder als alt gewordene Menschen von unseren Kindern.
Wir wollen diese Abhängigkeiten nicht wahr haben.
Unser Selbstbild ist davon bestimmt,
dass wir unser Leben gestalten,
selbst über unser Schicksal entscheiden.
Durch Leistung und Fleiß kann man es zu etwas bringen, heißt es.
Wer seine Ziele nicht erreicht, hat sich bloß nicht genug angestrengt.

In diesem Selbstbild des Self-made-man
oder der Self-made-woman hat Gott keinen Platz.
Jedenfalls nicht der lebendige Gott in seiner allmächtigen Liebe.

Das ist kein regelrechter Krieg gegen Gott.
Aber es ist die Verweigerung einer wirklichen Beziehung,
die Gott nicht wie ein Maskottchen behandelt,
sondern ihm den Respekt entgegenbringt, der ihm gebührt.

Bevor wir Frieden mit Gott hatten,
befanden wir uns in einer Art Niemandsland.
Wir glaubten nur an uns, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Dadurch gelangten wir nicht über uns selbst hinaus.
Lebten nicht in einer wirklichen Beziehung zu unseren Mitmenschen.
Lebten nicht in einer wirklichen Beziehung zu Gott.

IV

Frieden mit Gott besteht - analog zum Frieden zwischen Staaten - darin,
dass wir in Abhängigkeit von Gott leben
und uns unsere Abhängigkeit eingestehen.
Diese Abhängigkeit ist kein Makel,
den man möglichst schnell beseitigen müsste.
Sie ist das Wesen des Friedens,
wie sie das Wesen jeder Beziehung ist.

Unsere Beziehung zu Gott
wird in der Sprache der Bibel so beschrieben,
dass wir Geschöpfe sind, nicht Schöpfer.
Wir schaffen nicht selbst etwas,
sondern erfahren Gottes Wirken an uns.
Als Geschöpfe sind und bleiben wir mit dem verbunden,
der uns das Leben gab,
uns die Kraft zum Leben gibt
und uns durch seine allmächtige Liebe in ein neues Leben rufen wird.

In diese Beziehung zu Gott hat uns Christus eingeladen,
und wir haben uns einladen lassen.
Wir haben uns von Gott mit seiner Liebe beschenken lassen
und darauf verzichtet, selbst etwas dazu beizutragen.
Darin besteht unsere Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit ist also nicht
ein Leben nach dem Willen und den Geboten Gottes.
Das wäre wieder eine Leistung, die wir erbringen,
kein Geschenk, das wir aus Gottes Hand annehmen.

Unsere Gerechtigkeit besteht darin,
uns das Leben von Gott schenken zu lassen.
Alles andere - der Glaube, das Leben nach den Geboten -
folgt daraus ganz von selbst.

Sonntag, 22. Februar 2026

Mit Gefühl

Predigt am Sonntag Invocavit, 22.2.2026, über Antonio Vivaldi, Stabat mater, RV 621 (1712)

Stabat mater, I-III

Ansprache, Teil 1

Stabat mater, IV-VI

Ansprache, Teil 2

Stabat mater, VII-IX

Liebe Schwestern und Brüder,

das „Stabat mater” stellt uns zu Maria unter das Kreuz „dum pendebat filius” - „als ihr lieber Sohn da hing.” Wären wir jetzt im Dom, sähen wir die Szene direkt vor uns: Das Triumphkreuz in der Vierung des Domes, links daneben die Mutter Jesu, rechts der Jünger, den er lieb hatte. Und mit ihm stehen wir da.

Triumphkreuz in der Vierung des Domes, Blick von der Orgelempore nach Osten

Alle Augen sind auf das Kreuz gerichtet. Auf das, was da zu unserer Erlösung geschieht. Die Reformatoren haben ihr Augenmerk nachdrücklich auf das Kreuz gelegt.

Die Blicke ihrer Zeitgenossen waren ihrer Meinung nach zu sehr auf Maria abgeschweift. In ihren Augen stellt sie nur eine Randfigur dar. Ebenso wie die Heiligen, wie Johannes,  unser Platzhalter unter dem Kreuz Jesu.

„Solus Christus!”, schärften sie ein, nur Jesus bewirkt die Satisfaktiondie Rechtfertigung des Sünders vor Gott.  Die Vorstellung, dass Maria „co-redemptrix” sei, am Heil mitwirke, wollten sie unter allen Umständen verhindern.

Sie stellten die Heilsordnung wieder her, indem sie Maria die Rolle zuwiesen, die Frauen in ihrer Gesellschaft hatten und oft bis heute haben: Sie werden ignoriert und verschwiegen.

So schütteten die Reformatoren das Kind mit dem Bade aus: Verbannten die Gottesmutter,  die auch wir Protestant:innen im Credo bekennen, aus dem Gottesdienst und aus dem Glaubensleben.

Doch die Erlösung, die Jesus für uns bewirkte, bleibt abstrakt, wenn sie nicht mit Leben gefüllt wird. Auch wenn Jesus wahrer Mensch ist, der mit uns fühlen und mit-leiden kann, weil er am eigenen Leib erfuhr, was Menschen Menschen antun, was Menschen erleiden, so ist er doch auch wahrer Gott. Er ist wie wir, und doch keiner von uns.

Darum brauchen wir die Randfiguren, für die ja auch Jesus eine besondere Vorliebe hatte. Wir brauchen das Mitgefühl mit Maria, um zu verstehen, was da am Kreuz für uns geschieht.

Unser protestantisch auf das Kreuz gehefteter Blick wird vom Stabat mater auf Maria gelenkt. Wir sehen sie - vielleicht zum ersten Mal bewusst -  und nehmen ihren Schmerz wahr.

Es ist der Schmerz aller Mütter, aller Eltern, die mit ansehen, miterleben müssen, wie ihre Kinder leiden - sei es im Gazastreifen, sei es in der Ukraine, sei es in den Straßen der Vereinigten Staaten oder unter Mitschülerinnen und Mitschülern hier bei uns.

Mütter und Väter leiden mit ihren Kindern und können ihnen doch das Leid nicht abnehmen, können ihnen leidvolle Erfahrungen nicht ersparen. Es zerreißt ihnen das Herz,  es geht wie ein Schwert durch sie hindurch und lässt sie nachts nicht schlafen.

Nicht nur Mütter und Väter - wir alle können mit Maria mitfühlen. Wir alle können uns mit Maria identifizieren auf den unterschiedlichen Stationen unseres Lebens, in unserem Schmerz über das Leid, das wir miterleben müssen und nicht lindern können: Leid bei den Menschen, die uns nahe stehen, und Leid bei Menschen in der Ferne, das wir uns trotz der räumlichen und kulturellen Distanz vorstellen, das wir nachempfinden können.

Es ist eine Gabe, ein Charisma, das Leid anderer wahrnehmen und sich in ihre Lage hineinversetzen zu können. Denn manche können es nicht - oder wollen es nicht. Manche können nur sich sehen; manche schützen sich durch Wegsehen. Manche sind mit dem eigenen Leid so beschäftigt, dass sie keine Kraft mehr haben für das Leid anderer.

Und manche, mancher wünscht sich wohl, er, sie hätte diese Gabe nicht, würde nicht so sehr mit anderen mitfühlen müssen. Gerade in den pflegenden Berufen ist es eine Herausforderung, genug Distanz zum Leiden der Patient:innen zu wahren, um sie pflegen und behandeln zu können. Und zugleich nicht abzustumpfen gegenüber den Umständen und Abläufen, die oft über die Bedürfnisse der Patient:innen hinweggehen; nicht abzustumpfen gegenüber den Bedingungen in Krankenhaus oder Altersheim, die das Leiden der Patient:innen manchmal noch verschlimmern.

Mitgefühl und Identifikation mit den Leidenden führen zu SolidaritätMan will nicht zum Zuschauen verdammt sein, man will nicht nur passiv bleiben. Man möchte helfen, man möchte das Leiden beenden.

Doch das Stabat mater verlangt von uns, sitzen zu bleiben  und das Leiden auszuhalten, das es schildert. Warum tut es das, warum tut es uns das an?

Hören wir die nächsten drei Teile des Stabat mater.

---

Mitgefühl ist ein Charisma, eine Gabe - manchmal eine zwiespältige Gabe, wenn es uns überfordert oder wir gezwungen sind, tatenlos zusehen zu müssen. Es ist eine Gabe, die alle Menschen besitzen. Auch, wenn manche, wie ich vorhin sagte, nicht mitfühlen können oder wollen.

Tatsächlich kann man sich entscheiden, kein Mitgefühl zu haben. Es ist meist keine Entscheidung, die man bewusst trifft. Aber eine, die sich nahe legt - öfter, als man denkt. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die ausreichen, einem anderen Menschen das Mitgefühl zu verweigern.  Es genügt schon, dass einem der oder die andere unsympathisch ist, dass man ihn oder sie nicht mag. 

Geradezu im Recht, einem anderen Menschen das Mitgefühl zu verweigern, wähnt man sich, wenn die oder der andere ein Schweinehund ist.  Jemand, der sich falsch verhält, der gemein ist oder ein Betrüger, hat damit automatisch unser Mitgefühl verspielt. Darum bemühen sich Extremist:innen,  ihre Gegner:innen als schlechte Menschen darzustellen, als Menschen zweiter Klasse. Oder sie vergleichen sie gleich mit Tieren - wie dem Schweinehund, den es zum Glück gar nicht gibt.

Dieses Herabwürdigen anderer Menschen  dringt von den Rändern der Gesellschaft, von den äußersten Enden des Parteienspektrums in die Mitte. Besonders die rechtsradikalen Parteien arbeiten daran, die Herabwürdigung anderer Menschen gesellschaftsfähig zu machen.

Ein anderer Weg, das Mitgefühl zu verlieren, ist, es sich systematisch abzutrainieren. Das klingt völlig unsinnig - warum sollte man so etwas tun wollen? Nun, es wurde bereits getan, in ganz großem Stil.

Während des sogenannten „Dritten Reiches”  wurde unseren Eltern und Großeltern das Mitgefühl abtrainiert. Die Keime dafür waren schon im Kaiserreich gelegt worden - wie es der Spielfilm „Das weiße Band“ eindrücklich zeigt.

Kinder und Erwachsene wurden zu Härte erzogen - Härte gegen sich selbst, vor allem aber gegen andere. „Härte” ist hier gleichbedeutend mit Unmenschlichkeit, weil alles Menschliche - Mitgefühl, Nachsicht, Rücksichtnahme und Verständnis -  als „weichlich” und „weibisch” verunglimpft wurde.

„Härte” - und damit Unmenschlichkeit -  war einmal eine Tugend und galt als „männlich”, weshalb Männer auch nicht weinen und keine Schwäche zeigen durften. In der Bibel findet sich diese Hartherzigkeit immer wieder als Strafe Gottes z.B. für den Pharao, der das Volk Israel nicht aus Ägypten ziehen lassen will.

Auch wir trainieren uns das Mitgefühl ab, wenn wir uns lieblos verhalten. Wenn wir meinen, hart bleiben, Härte zeigen zu müssen. Wenn wir uns selbst nicht lieben, auf uns selbst keine Rücksicht nehmen.

Die drei Strophen des Stabat mater, die wir eben hörten, werben eindringlich um unser Mitgefühl. Sie versuchen, unsere Liebe für Maria zu wecken. Nicht umsonst wird Maria in der kirchlichen Kunst  als schöne Frau dargestellt: Um es uns leichter zu machen, sie zu lieben und dadurch mit ihr zu fühlen. Auch die Schönheit der Musik trägt ihren Teil dazu bei.

Das Stabat mater appelliert auch an unsere Dankbarkeit: Dankbarkeit, dass Jesus Leiden und Tod für uns auf sich nahm. Das Stabat mater erinnert uns daran nicht, um uns damit ein schlechtes Gewissen zu machen. Sondern um uns erkennen und begreifen zu lassen, was uns damit geschenkt wurde, dass er „für mich sein Leben gab.”

Die Passionszeit hat begonnen. „Passion” bedeutet „Leidenschaft”, „Gefühl” - „Mit Gefühl” ist in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion „Sieben Wochen ohne”.

Sieben Wochen bis zum Osterfest sind eine Zeit, das Mitgefühl zu üben und als Gabe wert zu schätzen. Uns nicht verhärten zu lassen und auf unsere Sprache zu achten: Dass sie nicht andere Menschen abwertet und ihnen ihre Würde nimmt - der erste Schritt dazu, ihnen das Mitgefühl zu verweigern. Sieben Wochen bis zum Osterfest sind auch eine Zeit, darüber traurig zu sein, wo wir uns selbst  Respekt, Rücksicht und Liebe verweigert haben. Diese Traurigkeit ist die Trauer Gottes, der wie ein Vater, wie eine Mutter trauert, wenn sein Kind leidet.

Wenn wir dem Leiden ein Ende machen, das wir uns selbst zufügen, können wir das Mitgefühl wieder lernen und das Leiden anderer beenden. Der Weg dazu ist die Liebe. Die Liebe, die wir in unser Herz strömen lassen. Sie macht unser Herz weich und weit und entfacht in uns die Liebe zu dem, „der für mich sein Leben gab.”

Amen. 

Sonntag, 1. Februar 2026

Glaube im Alltag

Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias, 1. Februar 2026,
über Matthäus 17,1-9

Liebe Schwestern und Brüder,

was macht ein Leben aus?
Was macht ein Leben zu einem guten, erfüllten Leben?
In dieser Frage sind wir alle Expertinnen und Experten.
Entweder, weil wir zufrieden sind mit unserem Leben.
Oder weil wir gerade unzufrieden sind –
und darum ganz genau wissen,
was uns fehlt und was sich ändern müsste.

Was macht ein Leben aus?
Rückblickend stellt sich heraus,
dass es die besonderen Ereignisse waren -
eine Liebeserklärung, eine Hochzeit, eine Geburt, eine Taufe -
die Hoch-Zeiten und Höhepunkte eines Lebens,
die sich aus einem Leben herausheben,
die unser Leben glücklich, besonders, einzigartig machen.

Zumindest sind sie es wert, erzählt zu werden.
Wen interessiert schon der Alltag,
die eintönige Ebene der ständig wiederkehrenden Aufgaben und Pflichten?
Das Essenmachen, das Gassigehen und Blumengießen,
das Bügeln, Auf­räu­men und Putzen;
die tägliche Fahrt zur Arbeit, der berufliche Trott.
Viel spannender sind da doch eine Urlaubsreise, ein runder Geburtstag,
ein gewonnener Wettkampf, eine Ehrung, die einem zuteil wurde.
Nie vergisst man ein einmaliges Ereignis,
das man miterleben durfte, wie die Wende 1989.
Solche besonderen Ereignisse
heben sich als Höhepunkte aus dem flachen Einerlei heraus -
Höhepunkte, die man nicht übersehen kann
und die man nie mehr vergisst.

Mit dem Glauben ist es nicht anders.
Was uns im Glauben beflügelt, was uns erfüllt
sind einmalige Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Glauben:
die besondere Gemeinschaft auf einer Rüstzeit;
die mitreißende Atmosphäre eines Kirchentages;
eine innige Andacht im kleinen Kreis von Gleichgesinnten;
die Überwältigung durch einen wunderbaren Kirchraum,
durch den Klang einer Orgel, eine feierliche Liturgie;
das Singen oder Hören einer Passion oder eines Oratoriums.
All das sind Gipfelerlebnisse,
an denen sich unser Glaube entzündete,
an denen wir Gottes Nähe spürten
und auf die wir deshalb immer wieder zurückkommen.

Von einem solchen Gipfelerlebnis
erzählt auch das heu­ti­ge Evangelium:
Drei Jünger werden auserwählt,
mit Jesus auf einen Berg zu steigen.
Und wir dürfen mitkommen;
dürfen Zeuginnen und Zeugen dieses besonderen Geschehens sein:
Wie sich Jesus auf dem Gipfel verwandelt,
wie ein Leuchten von ihm ausgeht,
und wie sich die zwei größten Gestalten des Glaubens
Mose und Elia – zu ihm gesellen.
Und dann ertönt auch noch die Stimme Gottes selbst:
Dies ist mein lieber Sohn,
an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!”

Der Berg in der Geschichte der Verklärung Jesu
ist der Ort und das Symbol eines religiösen Gipfelerlebnisses,
einer ganz besonderen Gotteserfahrung.
Schon am Anfang der Geschichte findet sich ein Hinweis,
dass etwas Außergewöhnliches bevor­steht:
Nach sechs Tagen ...,” heißt es da.
Nach sechs Tagen, am siebten Tag, ist Sonntag – so wie heute.
In meiner Kindheit war das ein außergewöhnlicher,
vom Alltag deutlich unterschiedener Tag:
Man zog die Alltagskleidung aus und Sonntagskleidung an.
Es gab Leckeres zu es­sen.
Manchmal machte die Familie einen Spaziergang,
einen Ausflug, oder besuchte Verwandte.

Der siebte Tag, der Sonntag, hebt sich heraus aus dem Alltag.
Vielleicht kein Gipfel, aber zumindest ein Hügel.
Eine Erhebung in der Ebene des Alltags,
auf der man Außergewöhnliches erwarten darf.
Und wir werden nicht enttäuscht.
Die Geschichte von der Verklärung hat alles,
was zu einem Gipfelerlebnis des Glaubens gehört:
Die Überwältigung durch das göttliche Licht.
Das besondere religiöse Erlebnis in Gestalt von Mose und Elia.
Die Erfahrung der Nähe Gottes.
Darum möchte Petrus so gern Hütten auf dem Berg bauen:
Er möchte bleiben und dieses Licht nie mehr verlassen.
Er möchte sie fest­hal­ten, die Gottesnähe, dieses Erfülltsein.

Aber als dann Gott mit ihnen redet,
wird es den Jüngern zuviel der Nähe.
Diese Fülle des Heiligen macht ihnen Angst.
Sie werfen sich zu Boden, wie um in Deckung zu gehen,
nicht geblendet zu werden von dem Licht, das sie umstrahlt.

Als sie wieder aufblicken, ist alles vorbei.
Mose und Elia sind verschwunden.
Das Licht ist erloschen. Die Stimme Gottes schweigt.
Als sie Gelegenheit hatten, Gott ganz nahe zu sein,
einzutauchen ins göttliche Licht,
bekamen die Jünger es mit der Angst zu tun.
Soviel religiöses Gipfelerlebnis war zuviel für sie.
Mose und Elia sind verschwunden, das Licht ist erloschen.
Aber Jesus ist noch bei ihnen.
Jesus, wie sie ihn kennen,
in seiner gewöhnli­chen, alltäglichen Gestalt.
In dieser gewöhnlichen, alltägli­chen Gestalt
nicht in Glanz und Glorie – kommt er seinen Jüngern nahe:
Er rührte sie an,” heißt es im Evangelium.

Als Verklärter ist Jesus überwältigend und unnahbar.
Als Mensch ist er der Freund, dessen Nähe beruhigt.
Er ist nahbar, menschlich: Ein Mit-Mensch.
Ob das der eigentliche Grund ist,
warum diese Geschichte erzählt wurde
und immer noch erzählt wird:
Um uns, die wir auf der Suche nach einer Glaubenserfahrung,
nach einem besonderen religiösen Erlebnis sind,
zu zeigen, wo sie tatsächlich zu finden sind?

Nicht auf den Gipfeln der Verklärung,
die uns blenden und überwältigen.
Sondern dann, wenn der Alltag,
der graue Alltag, uns wieder hat.
Im ein­tönigen, schlichten, langweilig-grauen Alltag
rührt Jesus uns an, wie er seine Jünger anrührte.

Wie soll man sich das vorstellen?
Sind religiöse Erlebnisse doch ohnehin selten –
wie sollen sie dann im Alltag zu finden sein?
Wie sollen wir Jesus unter uns erleben können,
ausgerechnet in den alltäglichen Verrichtungen und Routinen?

Die Hö­hepunkte unseres Lebens,
die „Highlights” und Gipfelerlebnisse,
liefern den Stoff der Ge­schichten,
die wir immer wieder erzählen,
auch noch unseren Enkeln und Urenkeln.
Ebenso blicken wir auf die Highlights unseres Glaubens zurück,
wenn man uns fragt, wie wir zum Glauben gekommen sind,
welche Erfahrungen uns zur Kirche, zur Gemeinde geführt haben.

Doch auch unser Alltags ist es wert, erzählt zu werden.
Denn, wenn man genau hinschaut,
passieren die wirklich wichtigen Dinge
in den kleinen, unscheinbaren Szenen des Alltags,
die man so schnell wieder vergisst.

Wie z.B. die Oma das weinende Kind tröstet
mit einem Streicheln ihrer Hand, einem Stück Schokolade.
Wie die Partnerin, der Partner
das Aufstehen mit einem fri­schen Kaffee ans Bett erleichtert.
Wie Nachbarn selbstverständlich halfen,
ohne dass man sie darum bitten musste.
Wie jemand zuhörte, als man sein Herz ausschütten musste.
Wie ein Lächeln, das einem geschenkt wurde,
oder eine kleine Geste der Aufmerksamkeit
einem den Tag rettete.

So viele Geschichten – Ihnen werden noch viel mehr einfallen. 
So viele Geschichten, die nicht erzählt werden, 
weil sie so gewöhnlich erscheinen. 
Erst bei genauerem Hinsehen merkt man, 
wie außergewöhnlich sie sind: etwas ganz Besonderes.

Sie sind besonders, weil hier eine Begegnung stattfindet:
Eine andere, ein anderer begegnet uns 
freundlich, zugewandt, respektvoll, liebevoll: als Mitmensch.

Das ist etwas Besonderes, weil ein solcher Umgang 
nicht selbstverständlich ist - 
nicht die Regel, sondern die Ausnahme. 

Dabei fühlt man: Es könnte, nein, es müsste die Regel sein,
dass Menschen sich menschlich begegnen.
Jesus hat uns diesen Gedanken ins Herz gepflanzt.
Jesus hat so gelebt,
Jesus hat seine Freundinnen und Freunde aufgefordert,
es ihm gleich zu tun.
Und versprochen, dass sie im Mitmenschen ihm selbst begegnen würden.

Nicht auf den Gipfeln der Verklärung werden wir Jesus finden,
sondern in den unscheinbaren Begegnungen des Alltags.
Sie sind es, die unser Leben erfüllen,
die uns glücklich und unser Leben lebenswert machen. 
In ihnen, in diesen gewöhnlichen, alltäglichen Begegnun­gen, 
werden wir von etwas angerührt, das unseren Glauben stärkt,
das uns Mut macht und Hoffnung
und uns zeigt, wie mächtig die Liebe ist - 
gerade im Kleinen und Unscheinbaren.

In solchen scheinbar gewöhnlichen, alltäglichen Begegnungen 
rührt uns einer an, den wir in diesem Augenblich nicht erkennen. 
Wenn wir die Begegnung nicht gleich wieder vergessen,
sondern darüber nach­denken, was uns da gerade widerfahren ist,
erscheint ein Leuchten auf unserem Gesicht. 
Es ist ein Leuchten wie jenes, 
das die Jünger sahen auf dem Berg der Verklärung.