Freitag, 16. Juni 2017

Anerkennung

Predigt am 1.Sonntag nach Trinitatis, 26.6.2011, über Johannes 5,39-47:

Ihr erforscht die Schriften, weil ihr glaubt, in ihnen das ewige Leben zu haben - und diese sind's, die über mich Zeugnis ablegen. Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr das Leben hättet.
Anerkennung von Menschen nehme ich nicht an, aber ich kenne euch, dass ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt.
Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer in eigenem Namen kommt, den nehmt ihr an. Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Anerkennung von einander annehmt, aber die Anerkennung durch den einzigen Gott nicht sucht?
Glaubt nicht, dass ich euch beim Vater verklage. Es gibt einen, der euch verklagt, Mose, auf den ihr eure Hoffnung setzt. Wenn ihr Mose glauben würdet, glaubtet ihr auch mir. Denn von mir hat er geschrieben. Wenn ihr aber den Buchstaben nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?


Liebe Gemeinde,

es geht um Anerkennung.
Auf Griechisch: doxa.
Doxa bedeutet ursprünglich: das, was man meint. Die Meinung.
Die Meinung, die man hat.
Und die Meinung, die andere von einem haben.
Diese Meinung, die andere von einem haben, ist der Ruf.
Der „gute Ruf“, oder der „gute Name“.
Ist der Respekt, der einem entgegengebracht wird.
Dass man z.B. von Menschen, die man kennt, gegrüßt wird.
Dass man gekannt wird.
Dass man nicht übersehen wird, oder, besser noch:
dass man nicht übersehen werden kann.
Wenn ohne einen nichts geht,
wenn man jemand ist, den man kennen muss
und den jeder gerne kennen lernen möchte
- dann hat man's geschafft.
Dann ist man anerkannt.

Es geht um Anerkennung.
Immer geht es um Anerkennung.
Das Neugeborene sucht den Blick der Mutter.
Es will von ihr erkannt werden.
Das Kind zeigt, was es gemacht hat,
und möchte, dass Eltern oder Großeltern das sehen,
sich darüber freuen, es loben und bewundern.
Die Schülerin zeigt ihre Hausaufgabe,
zeigt ihr Interesse und wünscht sich,
dass der Lehrer sie wahrnimmt und würdigt.
Ein Mensch zeigt sich einem anderen,
und sehnt sich danach, dass der andere ihn ansieht
und ihn anerkennt, wie er ist,
ohne, dass er sich verstellen muss.

Wenn zwei Menschen sich so ansehen,
ohne dass sie sich verstellen
oder sich gegenseitig etwas vormachen müssen,
dann ist es Liebe.
Auch Liebe geht nicht ohne gegenseitige Anerkennung.
Es ist kein Wunder,
dass die Bibel die Liebe zwischen zwei Menschen damit umschreibt,
dass sie sich „erkennen“.

II
Es geht um Anerkennung,
und da erhebt sich die Frage:
Wen erkennen wir an?
Eigenartig, diese Frage.
Wahrscheinlich haben Sie sich diese Frage so noch nie gestellt.
Aber in anderer Form beantworten Sie diese Frage immer wieder,
wahrscheinlich sogar täglich.
Wenn es um Fragen geht wie:
Wer hat Ihnen etwas zu sagen?
Wem würden Sie im Zweifel blind vertrauen?
Wer bedeutet Ihnen etwas?
Auf wen hören Sie?

Wen erkennen wir an?
Als Kind ist das noch keine Frage:
Man hört auf die Erwachsenen.
Auf die Eltern, Großeltern, Lehrer.
Weil man muss. Aber auch, weil man ihnen vertraut.
Irgendwann wird dieses Vertrauen
auf das Wissen und Rechthaben der Eltern zerstört.
Das nennt man dann: Pubertät.
Von der Pubertät an fällt es immer schwerer,
jemanden anzuerkennen,
und es fällt immer schwerer,
Anerkennung zu bekommen.
Die Latte für die Anerkennung wird immer höher gelegt.
Für eine Lehrerin reicht es dann nicht mehr,
dass sie Lehrerin ist.
Wenn sie nicht gut und abwechslungsreich unterrichten kann,
wenn sie nicht etwas ausstrahlt oder hat,
was die Schüler bewundern oder respektieren,
dann wird sie bestenfalls ertragen, geduldet oder erlitten,
aber nicht anerkannt.

Ebenso ist es bei anderen Persönlichkeiten,
die möchten, dass Menschen auf sie hören:
Ärztinnen. Pfarrer. Politiker. Wissenschaftlerinnen.
Sie müssen sich gefallen lassen,
dass man einen hohen Maßstab an sie legt.
Dass man ihre Worte an ihrem Handeln misst
und an ihrer Lebensführung.
Wir können solchen Leuten gegenüber sehr kritisch sein.
Und manchmal mit unserer Kritik auch sehr verletzend.

Und dann wiederum gibt es Menschen,
denen vertraut man blind,
da lässt man alle Maßstäbe fallen,
da entschuldigt man jeden Fehler,
nimmt alles hin.
Bei einem Menschen, den man liebt, ist das so.
Aber auch bei einem Idol, das man anhimmelt.
Immer wieder gab und gibt es Führer, Gurus,
charismatische Politiker, Stars oder Persönlichkeiten,
die eine blinde Anerkennung genießen.

III
Auch beim Glauben geht es im Anerkennung.
Glaube ist Anerkennung - die Anerkennung Gottes und seiner Macht:
Anerkennung, dass Gott einer ist,
der mir im Zweifel sagt, wo's langgeht.
Glaube ist Anerkennung.
Er ist auch die Suche nach Anerkennung durch Gott.
Das Streben danach, dass Gott mich und mein Leben anerkennt.

Es gibt eine sehr erschütternde Szene
im „Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer,
da streitet der frisch aus dem Zuchthaus entlassene Schuster Voigt,
der spätere „Hauptmann von Köpenick“,
mit seinem Schwager über die Anerkennung,
die man seinem Schwager - wie ihm - versagt,
- seinem Schwager, weil man ihn nicht befördert,
obwohl er es verdient hätte,
und ihm, weil er als ehemaliger Zuchthäusler
keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis
und damit keine neue Chance bekommt.

Da stellt Voigt sich vor, wie er eines Tages vor Gott,
seinem Schöpfer, steht, und der fragt ihn dann:

„Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben?
Und da muss ick sagen - Fußmatte, muss ick sagen.
Die hab ick jeflochten im Jefängnis,
und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen.
Und zum Schluss haste jeröchelt und jewürcht
um det bisschen Luft, und denn war's aus.
Det sagste vor Gott, Mensch.
Aber der sagt zu dir: Jeh wech! sagt er! Ausweisung! sagt er!
Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er!
Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?! 
Und denn is et wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis.“

Manche Menschen befürchten, dass Gott so ist,
wie Schuster Voigt ihn sich ausmalt:
Dass er eines Tages unser Leben von uns einfordern wird.
Uns fragen wird, was wir daraus gemacht haben.
Oder dass er, wie Jesus, sagen wird:
„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist.
Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt.
Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet.
Ich bin krank und gefangen gewesen,
und ihr habt mich nicht besucht“ (Matthäus 25,42-43).

Im Predigttext zeichnet Jesus ein ähnliches Bild:
„Glaubt nicht, dass ich euch beim Vater verklage.
Es gibt einen, der euch verklagt, Mose,
auf den ihr eure Hoffnung setzt.“

Mose tritt als Ankläger auf, wie es Abraham im Evangelium tat.
Und wie es dort hieß:
„Sie haben Mose und die Profeten. Auf die sollen sie hören“ (Lukas 16,29),
so wird auch hier auf Mose verwiesen,
der gesagt hat, was gut ist und was Gott von uns fordert.

Was Gott von uns will, liegt offen zutage.
Man muss allerdings danach fragen.
Ob Gott unser Leben anerkennt,
das liegt daran, ob wir Anerkennung durch Gott suchen.
Und das wiederum beginnt mit der Frage nach dem,
was Gott für uns will.

Für manche Menschen ist das offenbar keine Frage.
Ihnen ist nicht so wichtig, dass Gott ihr Leben anerkennt.
Ihnen geht es vielmehr darum,
dass sie von anderen anerkannt werden.
Sie fragen danach, was andere Menschen über sie denken,
nicht, was Gott über sie denkt.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eigestehen:
Uns geht es genauso.

IV
Die Zeit der Pubertät ist die Zeit der Frage nach der Anerkennung.
Die Autorität, das Wissen, das Rechthaben von Eltern und Lehrern werden hinterfragt.
Und gleichzeitg wird danach gesucht und gefragt,
wen man anerkennen kann.
Mit der Kleidung, der Haarfarbe, dem Verhalten provoziert man,
verletzt Grenzen, grenzt sich gegen die Erwachsenen ab.
Und gleichzeitig sucht man nach Anerkennung durch Freundinnen und Freunde,
durch die Clique,
und ist bereit, sich dafür Zwängen, Verhaltensregeln, einer Uniform zu unterwerfen.

Irgendwann hat man diese schwierige Zeit überstanden - und dann?
Hat man dann Anerkennung gefunden?
Hat man sein Selbst gefunden,
weiß man, wer man ist und was man will?

Die Suche nach Anerkennung,
die Sorge, was andere wohl von mir denken,
hört mit der Pubertät nicht auf.
Im Gegenteil.
Manche empfinden den Druck,
sich rechtfertigen zu müssen,
es allen recht machen zu müssen,
stärker als je zuvor.
Die pingelige Beobachtung durch die Nachbarn;
die erbarmungslose Schärfe des Tratsches;
die ehernen Gesetze des Standes und der gesellschaftlichen Klasse
sind gnadenloser, beängstigender,
als es das Jüngste Gericht je sein könnte.

Und gleichzeitig ist nichts süßer, als anerkannt und gelobt zu werden
- sogar von denen, die keine Ahnung haben;
die gar nicht beurteilen können, was man geleistet hat.
Nichts ist schöner, als sein Gesicht in der Zeitung zu sehen,
jemand zu sein, den man auf der Straße grüßt,
vor dem man den Hut zieht, Respekt hat
- und vielleicht sogar ein bisschen Angst.
Dagegen ist Gottes Liebe,
das leuchtende Antlitz Gottes,
wenn er auf uns und unser Leben sieht,
bloß ein alter Hut.

V
„Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Anerkennung von einander annehmt,
aber die Anerkennung durch den einzigen Gott nicht sucht?“

Ja, wie können wir glauben,
wenn uns die Anerkennung anderer so viel mehr bedeutet
als die Anerkennung durch Gott?

Gar nicht.
Wir können nicht glauben.
Wir sind so heillos verloren
in unserer Sehnsucht nach Anerkennung durch andere,
dass wir niemals zum Glauben finden können.
Wir sind verloren.
Uns droht, was auch Schuster Voigt drohte:
Das Urteil:
„Ausweisung!
Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt!“

Gott sei Dank müssen wir den Glauben nicht aus uns selbst hervorbringen.
Er ist uns geschenkt.
In der Taufe ist der Glauben wie ein Samenkorn in unser Herz gelegt worden,
weil wir damals, in der Taufe, Christus angezogen haben.
Wir haben ihn angenommen,
und er hat uns angenommen.
Gott hat uns in der Taufe als seine rechtmäßigen Kinder anerkannt.
Und diese Anerkennung Gottes hört nicht auf.
Sie hat kein Ende,
und sie ist hat nichts damit zu tun,
wer wir sind, was wir aus uns und unserem Leben machen,
ob wir Fußmatten knüpfen im Gefängnis
oder den Nobelpreis gewinnen.

Gottes Antlitz leuchtet über uns,
ob wir in Mathe eine 5 auf dem Zeugnis bekommen,
ob unsere Freunde uns für einen Langweiler halten,
oder ob wir im Beruf einen Reinfall nach dem nächsten erleben.
Gottes Antlitz leuchtet,
wie nur das Angesicht der Liebsten über dem des Liebsten leuchtet.
Gottes Antzlitz leuchtet,
weil er uns über alles liebt.

Gott liebt uns. Gott erkennt uns an.
Das stärkt uns den Rücken,
wenn unsere Mitmenschen uns die Anerkennung versagen.
Wenn wir es mal wieder keinem recht machen konnten.
Wenn uns niemand versteht
- oder wir uns unverstanden fühlen.

Eines Tages werden wir entdecken,
wie sehr Gott uns liebt.
Dann wird das Samenkorn des Glaubens,
das in unser Herz gelegt wurde
und dort heimlich, still und leise aufgegangen
und herangewachsen ist
- dann wird das Samenkorn des Glaubens
eine Blüte tragen.

Amen.

Mittwoch, 14. Juni 2017

serendipity

Predigt zur Konfirmation am 4. Mai 2003
Predigttext: 1. Könige 19, 3-8
[Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Ba'als mit dem Schwert umgebracht hatte.
Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!]


Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Be'erscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel Gottes kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.


Liebe Gemeinde,
liebe Eltern und Angehörige,
liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!
Bei großen und wichtigen Festen, wie es Eure Konfirmation zweifellos ist, kommt unweigerlich der Moment, an dem man auf das Leben der Gefeierten zurückblickt: Wie war das noch, als ihr klein wart? Es werden Geschichten erzählt von damals, leider auch - oder gerade - die für euch eher peinlichen. Die Fotoalben werden herausgeholt und aufgeschlagen, plötzlich gleitet das Interesse von euch hinüber auf die Hochzeitsfotos eurer Eltern, Fotos von den ersten gemeinsam Urlaubsreisen, und das Gespräch dreht sich nicht mehr um euch. Es wird von der Hochzeit erzählt, oder von der Konfirmation eurer Eltern und Großeltern.
Ein klarer Fall von Serendipity.
I
Auch das, was der Profet Elia in der Geschichte erlebt, die ihr für eure Konfirmation ausgewählt habt, ist Serendipity.

Eine hoch dramatische Geschichte.
Elia ist für seinen Glauben, für seinen Gott zum Mörder geworden. Er hat die Priester des Gottes Ba'al getötet - des Gottes, den seine Königin verehrt. Die Königin hat Rache geschworen und will Elia umbringen lassen. Deshalb flieht er in die Wüste, wo sich Spuren schnell verwischen, wo die Vefolger ihn in der endlosen Weiten und Einsamkeit nicht so schnell aufspüren werden.
Elia geht aber auch in die Wüste, um allein zu sein. Er muss nachdenken. Es wird ihm bewusst, wie schrecklich es ist, was er getan hat. Er war nicht besser als die, gegen die er gekämpft hat.
Die Sünde der Väter: dass sie einem falschen Gott, den Ba'al, gedient hatten, hat er mit einer noch schlimmeren überboten: mit dem Mord.

Wie gesagt: eine hoch dramatische Geschichte, dazu aus einer Zeit, die von der unseren fast dreißig Jahrhunderte entfernt ist: König Ahab regierte mit seiner Frau Isebel von 871 bis 852 vor Christus den damals schon kleinen Staat Israel.
Aber schon zeigt sich eine Brücke aus dieser fernen Zeit in unsere hinüber: Noch heute gibt es in Israel Mord und Totschlag zwischen Eiferern verschiedenen Glaubens. Und noch eine andere Brücke ist da, der Satz: "Ich bin nicht besser als meine Väter".
Um mit diesem Satz bei euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, anzukommen, müssen wir auf den Satz sehen, der vorher da war: "Ich bin besser als meine Väter."
II
"Ich bin besser als meine Mütter und Väter" - dieser Satz ist jetzt für euch dran. Als Kinder waren eure Mutter, euer Vater Vorbilder für euch - und Vorbilder waren Personen, die auch die Rolle von Müttern und Vätern für euch hatten und haben: Großeltern und Paten, Erzieherinnen und Lehrer, Teamer und Pfarrer. Jetzt kommt die Zeit, in der die Sockel dieser Vorbilder rissig werden. Die Zeit, in der ihr euch mit ihnen auseinandersetzt, merkt, dass sie Fehler machen und Fehler haben.
Eine Zeit, in der ihr merkt, dass ihr anders seid, anderes wollt als sie.
Eine Zeit, in der es Streit und Kämpfe gibt, vor allem zwischen euch und euren Eltern. Um die Frage, was man anziehen, wann man nachts nach Hause kommen soll. Um politische Überzeugungen. Oder einfach darum, wer Recht hat.
Es ist aber auch eine Zeit, in der ihr erkennt: "Ich bin nicht besser als meine Väter."
Ihr seid unzufrieden mit euch - eurem Aussehen, euren Fähigkeiten, euren Leistungen. Ihr leidet darunter, dass die Welt so ist, wie sie ist, wollt sie anders haben, wollt selbst anders sein und ahnt doch, dass eure Möglichkeiten sehr eingeschränkt sind.

Ich muss euch leider aus eigener Erfahrung sagen:
Es wird noch nicht besser, sondern schlimmer.
Die Momente, in denen ihr mit euren Eltern und euren Vorbildern, aber auch mit euch selbst unzufrieden seid, werden eher mehr werden als weniger. Die meisten, die heute hier sind, haben diese Zeit der Pubertät schon durchlebt und neben all dem Schönen dieser Zeit, das hoffentlich überwogen hat, eben auch diese Unzufriedenheit mit den anderen, mit der Welt und auch mit sich durchlebt und durchlitten.
Wie Elia unte dem Wacholder waren auch wir ganz tief unten, waren deprimiert, wollten nicht mehr da sein.
Welcher Engel holt einen aus solch einem Tief heraus?
III
Jetzt ist es an der Zeit, dass ich das eigenartige Wort von vorhin erkläre: Serendipity. Ein Kunstwort, 1754 vom Engländer Horace Walpole erfunden, das eine ganz alltägliche, aber sehr weitreichend Erfahrung beschreibt: Dass man etwas findet, was man nicht gesucht hat.
So wie bei den eingangs erwähnten Fotoalben, oder bei der Suche nach einem bestimmten Buch: Plötzlich schmökert man begeistert in einem ganz anderen Buch als dem, das man ursprünglich gesucht hatte. Christoph Kolumbus wollte eigentlich nach Indien, als er Amerika entdeckte. Wissenschaft und Industrie leben davon, dass Forscherinnen und Forscher immer wieder etwas finden, was sie nicht gesucht hatten - und was dann zu einer großen Entdeckung wird. Serendipity ist auch die Grundlage vieler Beziehungen: Eigentlich hatte man jemand ganz anderen gesucht - und sich dann verliebt in einen Menschen, der so gar nicht dem gesuchten Ideal entspricht, der ganz anders: viel wunderbarer - ist.
Serendipity - finden, was man nicht gesucht hat. Das ist mehr als bloßer Zufall. Auch zufällig kann man finden, was man nicht gesucht hat - aber zufällig hätte Kolumbus Amerika nie entdeckt. Es gehört dazu, dass man schon auf der Suche, dass man vorbereitet ist.
Elia konnte in der Wüste nicht zufällig überleben. Er kam dahin, um zu sterben - und fand das Leben. Aber erst, nachdem er erkannt hatte, was er getan hatte, erst nach dem Satz: "Ich bin nicht besser als meine Väter".
IV
Um aus dem tiefsten Tief herauszukommen, braucht es einen Engel wie bei Elia, der einem die Energie gibt, wieder aufzustehen und weiter zu gehen.
Ein Engel - für manche ist es Musik. So, wie Musik einen herunterziehen kann, so kann sie auch aufbauen, es hell machen. Ein Engel kann auch eine beste Freundin, ein bester Freund sein, jemand, der einem zeigt: du bist OK, oder sogar jemand, der sagt: "Ich liebe dich".
Ein Engel, das ist eine andere Wirklichkeit, die in meine Wirklichkeit einbricht und sie verändert.
Der Satz "Ich bin nicht besser als meine Väter" ist falsch.
Und falsch ist auch der Satz: "Ich bin besser als meine Väter". - Ebenso falsch wie die Vorstellung, die Erde sei eine Scheibe; mit dieser Vorstellung wäre Kolumbus nie in Amerika gelandet: er hätte sich gar nicht erst auf den Weg gemacht.
Ein Engel, das ist eine andere Wirklichkeit.
Was wir Hauptamtlichen und Teamerinnen und Teamer euch in eurer Konfirmandenzeit versucht haben zu zeigen war, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt neben der, die wir greifen können.
Es gibt wahrscheinlich viele andere Wirklichkeiten.
Wirklichkeiten, in denen der Satz stimmt: "Ich bin besser als meine Väter".
Neben der Wirklichkeit, die wir sehen und begreifen können gibt es das, was wir denken und fühlen - und das ist manchmal mächtiger als die Realität. Wenn wir uns einreden - oder einreden lassen -, dass wir dumm, hässlich, nichts wert sind, dann fühlen wir uns so, auch wenn die Realität anders aussieht. Umgekehrt auch: Wenn wir überzeugt sind, im Recht zu sein, besser zu sein, etwas mehr verdient zu haben als andere, muss das nicht unbedingt der Realität entsprechen.
Ich verstehe die Wirklichkeit Gottes als einen Weg, mit diesen vielen Wirklichkeiten in uns und um uns leben zu können. Die Wirklichkeit Gottes befreit von den eingebildeten, eingeredeten Wirklichkeiten und macht uns dazu fähig, die Realität anzunehmen, so wie sie ist - und einen Engel zu erkennen, wenn er uns begegnet.
V
Elia kam in die Wüste als Mörder. Er kam, um zu sterben.
Elia traf einen Engel in der Wüste und fand das Leben. Am Ende, so erzählt die Geschichte weite, stand er sogar seinem Gott gegenüber.
Dass er Menschen getötet hatte, konnte er nicht verleugnen, nicht mehr rückgängig machen - so wie wir es nicht ändern können, was wir sind, was wir getan oder nicht getan, wie wir einmal entschieden haben.
Gott sah Elia nicht als Mörder an, sondern als Menschen.
Er nahm Elia zwar das Profetenamt und gab es einem anderen, aber er ließ Elia in seine Nähe, und am Ende nahm er ihn ganz zu sich.
Gott legt auch uns nicht fest auf das, was wir waren, auf das, was wir getan haben. Es hat Konsequenzen, und dennoch bleiben wir, was wir immer waren: Menschen, Gottes Ebenbilder. Gott vergibt uns immer wieder, Gott nimmt uns immer wieder an und lässt uns in seine Nähe, auch wenn unsere Mitmenschen das nicht können.
Weil Gott uns so ansieht, können wir die Realität wahrnehmen: dass wir vielleicht schrecklich sind, aber nicht so schrecklich. Hässlich, aber nicht so hässlich. Faul, aber nicht so faul.
Oder auch: Schön, aber nicht so schön. Klug, aber nicht so klug.
Sondern dass wir alle geliebt sind, so sehr geliebt, dass Gottes Sohn sogar für uns gestorben ist.
Das ist Gottes Wirklichkeit, die uns hilft, mit der Realität zu leben: die Dinge so anzunehmen, wie sie sind.
Gottes Wirklichkeit, die uns zu Serendipity verhilft: die uns gerade dann, wenn wir es am wenigsten glauben und am dringendsten brauchen finden lässt, was wir nicht gesucht haben.
Ich wünsche euch die Erfahrung von Serendipity. Ich wünsche euch, dass Gottes Wirklichkeit euch hilft, euch, eure Mitmenschen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich sind. Gott hat von ihnen gesagt: Siehe, alles war sehr gut.

Und bei diesem Wort Gottes bleibt es. Amen.

Güntzel Schmidt

Samstag, 10. Juni 2017

Mammon

Predigt am Sonntag Trinitatis, 11. Juni 2017, über Jesaja 6,1-13

Liebe Schwestern und Brüder,

„Gott, du bist groß.
Du bist so groß, dass ich schon nicht mehr bin,
wenn ich mich nur in deine Nähe stelle.
Du bist so dunkel; meine kleine Helle
an deinem Saum hat keinen Sinn.
Dein Wille geht wie eine Welle
und jeder Tag ertrinkt darin.“
So schwärmerisch spricht Rainer Maria Rilke in seinem „Stundenbuch“ von Gott.
Mich erinnern diese Zeilen an die Worte Jesajas:
So, wie Rilke sich als Lichtpunkt am Saum von Gottes Gewand fühlt, so sieht Jesaja diesen Saum, also nur den unteren Rand des Gewandes, den ganzen Tempel ausfüllen.

„Gott, du bist groß“.
Empfinden auch wir das so?
In einem anderen Text, den Herman van Veen geschrieben hat, wird Gott als einer geschildert, der nach langer Abwesenheit nach Haus kommt und sieht, das sich etwas verändert hat, was er nicht versteht:
Während er weg war, wurde eine Kirche gebaut - aber, das ist die Ironie dieses Textes -, Gott erkennt „sein Haus“, die Kirche, nicht. Auf die Frage, warum es so leer in der Kirche ist, bekommt er zur Antwort: Die Menschen glauben, dass sie selber Gott sind, und sitzen lieber faul in der Sonne. Es wundert Gott nicht, dass keiner in die Kirche will, denn es fehlen die Blumen, die Vögel und frisches Wasser. So nimmt er am Ende neben einem, der sich auf einer Parkbank sonnt, Platz, und begrüßt ihn mit den Worten: „Kollege!“

Gott, wie Hermann van Veen ihn beschreibt, ist der „liebe Gott“, den man wohl am liebsten hat. Gott soll nicht so furchtbar groß sein, dass man Angst vor ihm bekommt wie Jesaja, sondern ein netter Kumpel, mit dem man auf Augenhöhe reden kann.
Aber vielleicht ist es dann so, wie aus Hermann van Veens Geschichte auch herausklingt, dass wir glauben, selbst Gott zu sein, wenn wir Gott zu einem von uns machen.

Aber ist Gott nicht genau das geworden: Einer von uns?
War Jesus nicht einer von uns? Und war es nicht sein Anliegen, so sehr einer von uns zu sein, dass er alle Schranken niederriss und sich gerade und besonders bei denen einlud, mit denen sonst niemand etwas zu tun haben wollte? Prostituierten. Kollaborateuren. Aus der Gemeinde Geworfenen.

Jesus hat sich selbst nie als Gott bezeichnet. Er hat sich Gottes Sohn genannt, oder Menschensohn. Aber von Gott hat er immer als seinem „Vater im Himmel“ gesprochen.
Wir feiern heute das Fest Trinitatis.
Wir bedenken dabei, dass Gott einer ist,
der sich uns aber in verschiedener Gestalt zeigt.
In Jesus wurde Gott unser Bruder.
Und trotzdem bleibt Gott auch der ganz Andere:
Gott, der Vater, der so groß ist, dass der Saum seines Mantels den ganzen Tempel ausfüllt.
Gott, der Vater, der so dunkel, so fremd, so unbegreiflich ist, wie es auch ein Vater oder eine Mutter zuweilen für ihr Kind sein kann.

Jesaja nennt dieses Dunkle, Fremde, Unbegreifliche an Gott das Heilige. Das Heilige ist etwas Überwältigendes, manchmal auch Beängstigendes. Jesaja muss sich den Mund verbrennen, um als Bote des Heiligen zu taugen. Moses, als er den brennenden Dornbusch sieht, zieht sich die Schuhe aus, weil der Boden, auf dem er steht, heilig ist. Das Heilige gehört auch zu Gott, und auch daran denken wir an diesem Fest Trinitatis: An den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist kein Gespenst, auch kein Geist aus der Flasche. Er ist die überwältigende, manchmal auch beängstigende oder verstörende Gegenwart Gottes. Manchmal erlebt man sie. Wenn man sich das Panorama der Berge anschaut, z.B., und sich angesichts ihrer schieren Größe so klein fühlt wie ein Lichtpunkt am Saum des Gewandes.
Wenn man am Meer steht und vom seinem Rauschen ganz erfüllt wird, wie der Saum des Gewandes den Tempel ausfüllt.
Manchmal erlebt man Gottes Gegenwart auch in der Kirche, dem Haus Gottes, das Herman van Veen so kritisch beurteilt, weil darin keine Blumen blühen, keine Vögel singen und kein Wasser fließt. Andere würden vielleicht an der Kirche kritisieren, dass es hier kein WLAN gibt.

Dabei sind die Kirchen der letzte Rückzugsort in einer Welt, der nichts mehr heilig ist, weil alles heilig geworden ist.

Alles ist heilig? Was soll das bedeuten?
In unserer Gesellschaft dreht sich alles ums Geld. Das Geld, der Mammon, wie Jesus ihn nennt, wird quasi als Gott verehrt. Es geht nicht ohne Geld, und nichts geht ohne Geld. Geld ist an die Stelle Gottes getreten. Und so, wie König Midas einst alles, was er berührte, zu Gold machte, so wird alles, was mit Geld in Berührung kommt, zur Ware. Alles ist Ware - alles kann man kaufen oder verkaufen. Es gibt nichts mehr - kein Ding, kein Fleckchen Land, kein Lebewesen -, dass man nicht kaufen oder verkaufen könnte. Deshalb ist alles heilig, weil alles zu Geld gemacht und damit dem Gott Mammon geweiht werden kann. Es gibt nur noch einen Ort, an den man sich vor dem allgegenwärtigen Geld zurückziehen kann: Die Kirchen.

Nicht die Gebäude, die wir mit viel Geld erhalten und unterhalten müssen. Auch nicht die Institution, die das Geld zusammenhalten und sorgen muss, woher sie das Geld nimmt, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bezahlen. Sondern die Kirche als Gemeinde, als Leib Christi.
Die Kirchen sind die wenigen Orte, an denen die Macht des Geldes machtlos ist. Der Glaube lässt sich nicht zu Geld machen, weil er auf Ohnmacht und Schwachheit vertraut. Weil er sich den Hilflosen, Ausgegrenzten und Ausgenutzten zuwendet. Weil er das Heil nicht im Kaufen, Raffen, Gewinnen sieht, sondern im Geben und Verschenken - so, wie Jesus nichts daraus gemacht hat, Gottes Sohn zu sein, sondern sein Leben verschenkte.

Wenn alles dem Gott Mammon geweiht ist, weil alles verkauft oder gekauft werden kann; wenn dem Geld alles heilig ist, dann sind die Kirchen paradoxerweise die letzten Inseln der Profanität, die letzten unheiligen Orte, an denen nichts irgendwem gehört, aber jede und jeder zu Gott gehört und damit ganz sich selbst. Gott schützt uns vor dem Zugriff des Geldes, das alles zur Ware macht. Gott beschützt auch die, die uns lieb sind und das, was uns wichtig ist, davor, zur Ware zu werden.

Es sind nicht viele, die sich der Religion des Geldes entziehen konnten. Zu viele sind davon überzeugt, dass Geld alles ist und ohne Geld nichts.
Die Städte sind verödet, weil nur noch die großen Kaufhausketten und Supermärkte das Stadtbild prägen. In jeder größeren Stadt steht das gleiche Einkaufszentrum; wenn man erst einmal drinnen ist, weiß man nicht mehr, in welcher Stadt man sich befindet.
Und auch das Land ist verödet, weil unser Konsum breite Verkehrswege braucht und Stromtrassen; weil die Landwirtschaft kostengünstig und wirtschaftlich produzieren muss und die Felder deshalb immer größer werden - und die Landschaft immer eintöniger.
Und das ist immer noch nicht genug.
Unsere Gier verändert nun auch das Klima.
Dadurch wird das Zerstörungswerk vollendet, das wir mit der Vermarktung unserer Umwelt begonnen haben.

Sind das die „blühenden Landschaften“, die wir uns erhofften? Der Begriff ist irreführend. Wir denken an Blumen, wie sie gerade jetzt die Wege und Ackerränder zieren, aber gemeint war etwas anderes: Autobahnen, Strommasten, rauchende Schlote und rotierende Windräder. Denn die verheißen Arbeit und Wohlstand, während sich für Blumen am Wegrand niemand etwas kaufen kann.

Wir sind Gefangene unseres Wirtschaftssystems, wir sind Weggeführte, wie sie Jesaja beschreibt. Und wir können nicht zurück, denn es geht nichts ohne Geld, und ohne Geld geht es nicht. Wir sind dazu gezwungen, unsere Städte und Landschaften weiter veröden zu lassen, unsere Umwelt noch mehr kaputt zu machen, denn wir können ja nicht einfach von heute auf morgen aufs Auto verzichten. Wir machen so lange weiter, bis es nicht mehr geht - und es wird noch lange weitergehen. Denn wir sind ja nicht die ersten, die nasse Füsse bekommen werden. Das sind die Menschen in Bangladesh. Wir sind auch nicht die ersten, die unter Trockenheit und Dürre werden leiden müssen. Das sind die Menschen im Sahel.

Uns ist nichts mehr heilig, weil alles heilig geworden ist. Und im Rausch der Machbarkeit, im Kaufrausch halten wir uns selbst für Götter, denen nichts unmöglich ist. Gott ist für uns nur noch ein alter Mann auf einer Parkbank.

Jesaja erinnert uns daran, dass Gott groß ist.
Diese Größe Gottes soll uns Ehrfurcht einflößen.
Ehrfurcht hat nichts mit der Angst zu tun,
dass Gott alles sieht und alles bestraft.
Ehrfurcht hat mit dem Wissen zu tun, dass uns etwas heilig ist. Dass es etwas Unbegreifliches, Überwältigendes gibt, manchmal auch Beängstigendes.
Im Wissen um dieses Heilige erkennen wir unsere Begrenztheit: erkennen wir, dass wir keine Göttinnen und Götter sind, sondern „nur“ Menschen.
Wie wir einen Vater und eine Mutter haben, deren Kinder wir zeitlebens bleiben, auch wenn wir selbst Vater oder Mutter sind, so sind wir Kinder unseres Vaters im Himmel. Wir bleiben zeitlebens Gottes Kinder, kleine Lichtflecke am weiten Saum seines oder ihres Gewandes.

Die Kirche als Gemeinde, als Leib Christi, ist ein sonderbarer Ort. Als Ort, der für das Geld nicht interessant ist, fällt sie aus der Welt. Und als Haus Gottes eröffnet sie uns eine Welt, in der wir nicht nach unserem Wert gemessen und beurteilt werden. Hier können wir uns besinnen, und hier können wir zur Besinnung kommen. Hier kann das Heilige uns berühren und ergreifen, Gottes Heiliger Geist, der uns die Augen öffnet, die Ohren und das Herz.

Montag, 5. Juni 2017

Freunde des Fischers

Predigt zur Konfirmation am Pfingstsonntag, 4. Juni 2017, über Matthäus 4,18-20:
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder: Simon - bekannt unter dem Namen Petrus - und Andreas. Sie warfen gerade ihr Netz aus, denn sie waren Fischer. Jesus sagte zu ihnen: Kommt, folgt mir! Ich mache euch zu Menschenfischern. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.


Liebe Konfirmand*innen,

heute bekommt ihr eine Menge Geschenke.
Die Geschenke sind wohl die schönste Nebensache der Konfirmation. Erstaunlich und bewegend, wer alles an einen denkt, einem gratuliert, Glück und Gutes wünscht. Nicht nur aus der eigenen Familie und der Verwandtschaft, auch Nachbarn schenken etwas. Mitunter kennt man sie gar nicht richtig oder erfährt zum ersten Mal, mit wem man alles verwandt ist.

Ich habe euch heute auch ein Geschenk mitgebracht. Ein ganz kleines nur, ein symbolisches: Eine Tüte „Fisherman’s Friends“. Ihr könnt sie gleich benutzen, wenn ihr einen trockenen Hals habt. Aber deshalb habe ich sie natürlich nicht mitgebracht. Sondern weil ihr genau das seid: Freunde des Fischers.
So jedenfalls erzählt es das Evangelium, das wir gehört haben: Jesus macht Simon und Andreas zu Menschenfischern. Das hat er auch für euch vorgesehen - für uns alle: Menschenfischer zu sein.

Wir vergessen manchmal, dass das unsere Aufgabe ist. Wir denken, der Glaube sei unsere Privatsache. Etwas nur für uns, um uns das Leben nett zu machen. Etwas, damit wir es schön haben in der Gemeinde, in der Kirche.
Manchmal denkt man auch, Glauben könne man sich aussuchen. Ob ich glaube oder nicht, das ist allein meine Sache. Wenn mir das alles nicht mehr gefällt, wenn es mir nicht passt, mir zu peinlich oder zu weltfremd ist, dann lasse ich es einfach. Es muss ja niemand glauben - oder?

Ich bin mir nicht sicher, dass man sich den Glauben wirklich aussuchen kann. Natürlich kann man die Bibel, die Auferstehung, Jesus selbst für ein Märchen halten und beschließen, dass einen das alles nichts angeht.
Aber Glauben bedeutet ja nicht, etwas für wahr zu halten, was viele andere als Erfindung, als Märchen abtun. Glauben ist vielmehr so etwas wie Vertrauen.
Vertrauen kann man nicht lernen. Man kann es üben, aber dafür muss man schon etwas Vertrauen besitzen.

Die kurze Geschichte aus dem Evangelium handelt von diesem Vertrauen: Jesus geht zu Simon und Andreas und sagt: „Kommt, folgt mir! Ich mache euch zu Menschenfischern“, und sie vertrauen ihm und folgen ihm. Wir wollen jetzt mal beiseite lassen, dass man einem wildfremden Menschen eigentlich nicht vertrauen kann und ihm nicht folgen sollte, sondern uns fragen: Wo steckt das Vertrauen in dieser Geschichte?

Ihr habt bisher euren Eltern und Großeltern vertraut: Was sie euch sagten, war richtig. Was sie für euch entschieden, war gut. Ihr wart nicht immer einverstanden damit - und je älter ihr werdet, desto häufiger gibt es Anlass zum Widerspruch. Aber ihr konntet und könnt hoffentlich euren Eltern und Großeltern vertrauen: Sie wollen das beste für euch.

Die Konfirmation markiert einen Punkt, an dem sich das langsam ändert. Ihr bestimmt immer mehr selbst über euer Leben, entscheidet selbst, was gut und richtig für euch ist. Es wird Entscheidungen geben, da seht ihr es ganz anders als eure Eltern. Wem könnt ihr dann vertrauen?
Wichtig ist, dass man Selbstvertrauen hat: Dass man weiß, dieser Weg ist der Richtige für mich.
Vielleicht habt ihr auch Vorbilder - eine Patin, eine Verwandte, eine ältere Freundin - die den Weg gegangen sind, den ihr gehen wollt.
In dieser Hinsicht ist auch Jesus einer, dem ihr vertrauen könnt. Er kann euch nicht bei der Entscheidung helfen, welche Sportart die richtige ist, oder welcher Beruf. Ob ihr Abitur machen sollt und studieren oder eine Ausbildung. Aber wir Christen haben neben unserem „normalen“ Beruf noch einen zweiten, und den haben wir, weil wir dem Vorbild von Jesus folgen: Wir sind Menschenfischer.

Aber was ist das eigentlich, ein Menschenfischer?
Wenn wir J. fragen würden, würde er uns alles über das Angeln erzählen können, welchen Köder man für welchen Fisch nimmt z.B. Aber das hilft einem ja nicht, wenn man Menschen fischen will.
K. weiß als Torfrau, was man tun muss, um möglichst keinen Ball aus dem Netz fischen zu müssen. Sie ist sozusagen Anti-Fischerin. Aber auch das hilft uns nicht weiter.
Wenn man es recht betrachtet, nehmen Simon und Andreas ihr Netz auch gar nicht mit, sie lassen es zurück. Zum Menschenfischen brauchen sie es nicht mehr.

Wie also fischt man Menschen?
Na - zum Beispiel mit Geschenken!
Wenn jemand ein Geschenk macht, kann er ziemlich sicher sein, dass der andere sich freut. Dafür macht man ja Geschenke: Um anderen eine Freude zu machen und sie auf diese Weise für sich einzunehmen. Und genau das ist mit „Menschenfischen“ gemeint: Andere Menschen zu gewinnen, sie für etwas einzunehmen. Man könnte Menschenfischen mit der Werbung verwechseln, die ja auch Menschen dazu gewinnen will, etwas zu kaufen. Aber die Menschenfischerei will nichts verkaufen - nicht einmal den Glauben. Denn der Glaube, das sagte ich vorhin, ist so etwas wie Vertrauen. Und das kann man nicht kaufen, das kann man nur gewinnen.

Man macht Geschenke, um anderen eine Freude zu machen und um sie auf diese Weise für sich einzunehmen. Aber ich schenke ja nicht, damit ich gut dastehe, damit mich jemand toll findet. Ich schenke, um dem anderen eine Freude zu machen. Und eigentlich ist dabei gar nicht so wichtig, was man schenkt, sondern nur, dass man schenkt. Weil es gar nicht so sehr auf das Geschenk selbst ankommt, sondern auf das, was man damit sagt:
Du bedeutest mir viel.
Du bist wichtig.
Du bist wertvoll.

Genau das ist mit dem „Menschenfischen“ gemeint.
Deshalb brauchen Simon und Andreas, deshalb brauchen wir kein Netz, um Menschenfischer zu sein, keine Haken, Fliegen und Blinker. Menschenfischen bedeutet, einem anderen Menschen genau das zu sagen und zu zeigen:
Du bedeutest mir viel.
Du bist wichtig.
Du bist wertvoll.

Im Grunde war das der wichtigste Inhalt des Konfirmandenunterrichts: Euch genau das zu sagen und zu zeigen. Euch spüren zu lassen, dass Gott es ist, der das zu euch sagt:
Du bedeutest mir viel.
Du bist wichtig.
Du bist wertvoll.

Das ist der Glaube: Darauf zu vertrauen, dass das stimmt, dass ich diesem einen unendlich viel bedeute. Dass einer mich liebt, mich braucht, mich schön findet und gut genug und genau richtig so, wie ich bin.

Menschenfischen bedeutet, das anderen zu sagen und zu zeigen: Dass Gott auch sie so liebt, wie sie sind. Das gelingt aber nur, wenn man sich selbst auch so verhält. Deshalb hat Menschenfischen nichts mit Werbung zu tun. Wir wollen den Glauben nicht verkaufen. Wir wollen, dass Menschen Gott vertrauen. Dazu müssen sie uns vertrauen können. Das können sie nur, wenn das, was wir sagen und das, was wir tun, übereinstimmen. Wenn man von Nächstenliebe redet, aber sich selbst benimmt wie die Axt im Walde, kann solches Vertrauen nicht entstehen. Wenn man von anderen verlangt, was man selbst nicht erfüllen will oder erfüllen kann, auch nicht. Menschenfischen fängt deshalb immer bei einem selbst an.

Ab heute ist das auch eure Aufgabe. Mit der Konfirmation bekommt auch ihr den Auftrag, Menschenfischer zu sein. Ob ihr diesen Auftrag annehmt, ist eure Entscheidung. Aber wie immer ihr euch auch entscheidet: Ihr seid Fisherman’s Friends, Freunde des Fischers.
Es wäre schön, wenn ihr auch andere zu Fischerman’s Friends machtet. - Es wäre schön, wenn wir alle unsere Aufgabe, Menschenfischer zu sein, ernst nähmen. Denn nur dafür ist die Gemeinde, die Kirche eigentlich da, dass wir uns gegenseitig immer wieder sagen und zeigen:
Du bedeutest mir viel.
Du bist wichtig.
Du bist wertvoll.
Denn das kann man eigentlich gar nicht oft genug gesagt - und vor allem: gezeigt - bekommen.
Amen.


Anmerkung:
Die Idee, die Fisherman's Friends-Pastillen auf den Menschenfischer Jesus zu beziehen und sie den Konfirmanden zu schenken, stammt nicht von mir, sondern von einem Kirchenältesten aus St. Petri, Braunschweig, von dem ich sie geklaut habe.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Durst

"Wenn man ihn, Jesus, hat,
braucht man nicht(s) mehr zu trinken.
Aber wenn man nicht mehr trinkt, stirbt man.
Ohne Wasser kann ein Mensch keinen Tag überleben.
Jesus zielt mit seinem Wort also nicht auf das Trinken,
sondern auf den Durst.
Wasser löscht den Durst - aber man wird bald wieder durstig.
Wasser, so gut es sein mag, kann den Durst nicht stillen;
es macht ihn nur für eine Weile vergessen.
Jesus dagegen behauptet, er könne den Durst stillen.
Aber wie?"

Die Predigt für den Sonntag Exaudi ist veröffentlicht bei den Göttinger Predigten im Internet.

Samstag, 20. Mai 2017

Erwartungen

Predigt am Sonntag Rogate, 21. Mai 2017, über Lukas 11,5-13:

Jesus sagte:
„Nehmen wir mal an, ihr hättet einen Freund,
zu dem würdet ihr um Mitternacht gehen und sagen:
‘Mein Freund, leih mir drei Brote! Mein Freund ist auf der Durchreise zu mir gekommen. Ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann.’
Und jener würde von drinnen antworten:
‘Mach keinen Ärger! Ich habe bereits abgeschlossen, die Kinder und ich sind im Bett! Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.’
Ich versichere euch: Wenn er auch nicht aufsteht und ihm aushilft, weil er sein Freund ist, wird er doch wegen seiner Unverschämtheit aufstehen und ihm geben, was er braucht. Darum sage ich euch:
Bittet, und euch wird gegeben.
Sucht, und ihr werdet finden.
Klopft an, und euch wird geöffnet.
Jeder, der bittet, empfängt,
und wer sucht, der findet,
und wer anklopft, dem wird geöffnet.
Wer von euch wird als Vater, den sein Sohn um einen Fisch bittet, ihm statt dessen eine Schlange geben?
Oder ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion?
Wenn nun ihr, obwohl ihr zu Bösem fähig seid, euren Kindern Gutes zu geben wisst, um wieviel mehr wird eurer Vater im Himmel Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

die Geschichte vom Leihen, die Jesus im Evangelium erzählt, möchte ich mit einer anderen Leihgeschichte vergleichen. Manche hat sie bestimmt schon gehört. Sie stammt von Paul Watzlawick und erzählt von einem Mann, der einen Hammer leihen will:
“Ein Mann will ein Bild aufhängen.
Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer.
Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen.
Doch da kommt ihm ein Zweifel:
Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile.
Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was?
Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein.
Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht?
Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen?
Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben.
Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat.
Jetzt reicht’s ihm aber wirklich.
Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er ‘Guten Morgen’ sagen kann, schreit ihn unser Mann an:
‘Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!’”
Zwei Leihgeschichten.
Beide sind erfunden, um damit etwas anschaulich zu machen.
Paul Watzlawicks Geschichte, die sich in seiner “Anleitung zum Unglücklichsein” findet, illustriert in ironischer Übertreibung, wie wir uns und anderen das Leben schwer machen: Wir interpretieren in das Verhalten anderer etwas hinein.
Der hat mich nicht gegrüßt - hat er etwas gegen mich? Oder wir sehen jemanden etwas eigenartiges tun und beziehen es auf uns: Der hat mir einen Vogel gezeigt! Was bildet der sich ein!?

Schlimm ist nicht, dass wir das Verhalten anderer interpretieren. Wir können nicht anders. Unser Miteinander basiert auf einfachen Gesten:
Ein Kopfnicken, das Heben einer Hand bedeuten:
Ich habe dich gesehen, ich grüße dich.
Irritierend wird es, wenn diese selbstverständlichen Gesten nicht funktionieren oder ins Leere laufen:
Wenn man grüßt, und der andere starrt durch einen hindurch, als wäre man Luft, oder schaut zur Seite.
Oder wenn der andere in dem Moment, in dem man ihn ansieht, eine merkwürdige Bewegung macht - z.B. sich an der Nase kratzt:
Hat der mir gerade eine lange Nase gezeigt?
Manchmal genügt es, einen anderen Menschen zu lange anzusehen, dass der sich angegriffen fühlt: “Ey, was glotztn so, Alter!?”

Schlimm ist nicht, dass wir das Verhalten anderer wahrnehmen und interpretieren - wir müssen es tun, es gehört zu unserer Natur.
Schlimm ist, wie wir mit Verhalten umgehen, das nicht unseren Erwartungen entspricht. Solches Verhalten bewerten wir nämlich durchweg negativ. Und nehmen es persönlich, legen es als einen Angriff aus.
Das stammt noch aus den Zeiten, als unsere Vorfahren sich von Ast zu Ast schwangen. Da war es lebenswichtig, das Verhalten anderer zu erkennen, freundliches von feindlichem Verhalten blitzschnell zu unterscheiden. Alles, was nicht den Erwartungen entsprach, war potenziell gefährlich, bedrohte vielleicht das Leben. Deshalb musste man aggressiv reagieren, bereit zur Gegenwehr - oder zur Flucht.

Heute schwingt man sich nur selten von Ast zu Ast. Aber unser Körper hat das nicht mitbekommen und reagiert noch immer wie damals: Mit Stress, sobald etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Darum wird der Mann in Watzlawicks Geschichte am Ende aggressiv und brüllt den Nachbarn an, der ihm doch gar nichts getan hat.

In dem Beispiel, das Jesus erfindet, geht es auch um Erwartungen: Da erwartet jemand dringend die Hilfe seines Freundes, aber er kommt ungelegen. Eine Situation, die uns nicht unbekannt ist:
Man nimmt gern mal ein Paket für die Nachbarin an - aber nicht, wenn man gerade unter der Dusche steht.
Man verleiht gern mal seine Bohrmaschine - aber nicht nachts um Zwei.
Und dann gibt es diese penetranten Leute, denen ein Nein nicht genügt. Die nicht locker lassen, bis sie bekommen, was sie wollen. Man nennt sie “Kinder”.
Kinder scheren sich nicht um ein Nein,
Kinder schauen auch nicht auf die Uhr.
Kindern ist es egal, ob es gerade ungünstig ist:
Sie nerven so lange, bis sie ihren Willen kriegen.
Manchmal, wenn man ausnahmsweise mal ausgeruht und bereit ist, den Kampf aufzunehmen, bleibt das Nein ein Nein. Dann erträgt man Schimpfen, Schreien, Tränen und Wutgeheul.
Manchmal aber liegen die Nerven blank. Dann explodiert man und brüllt sein Kind an (was einem hinterher schrecklich leid tut). Oder man gibt nach und lässt dem Kind seinen Willen.
Oft ist es eine dritte Person - die Oma, die Freundin -, die den Streit schlichten und die Tränen trocknen kann.

Kinder können ganz schön penetrant oder, wie Jesus es nennt, unverschämt sein. Sie wissen noch nicht, was sich gehört. Sie kennen die Gesten noch nicht, mit denen unser Miteinander funktioniert und grüßen z.B. nicht zurück. Wir nehmen es ihnen nicht übel - es sind ja noch Kinder. Höchstens, dass wir ihnen erklären: Du musst zurückgrüßen, wenn dich jemand grüßt!

Jesus nennt die Kinder als Beispiel, um damit zu zeigen, dass wir eigentlich ganz nett, verständnisvoll und menschlich sein können. Beobachtet man, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen, erlebt man meistens freundliche, zugewandte, liebevolle Menschen.
Manchmal fragt man sich vielleicht unwillkürlich: Warum können wir nicht auch mit anderen, mit Fremden so umgehen wie mit unseren Kindern?
So geduldig, so verständnisvoll, so nachsichtig?

Gott ist so, sagt Jesus.
Gott, den wir unseren Vater nennen, hat Geduld mit unseren Zweifeln, unserer Unsicherheit, unserer Scham in Fragen des Glaubens.
Gott hat Verständnis dafür, dass wir manchmal lügen müssen. Dass wir manchmal zu faul, zu bequem sind, wenn es an uns wäre, etwas zu tun. Dass wir manchmal nicht so nette, liebevolle, zugewandte Eltern sind, wie wir sein könnten und sollten.
Und Gott ist nachsichtig mit uns, wie eine gute Mutter, wie ein guter Vater.
Gott erwartet nicht, dass wir alles können, alles richtig machen. Es genügt, dass wir uns bemühen. Es genügt, gut genug zu sein - als Mutter oder Vater, als Ehemann oder Ehefrau, als Freund oder Freundin, Sohn oder Tochter.

Die Kinder können das noch.
Die müssen noch nicht perfekt sein.
Jesus nennt die Kinder als Beispiel, weil diese penetranten, unverschämten Leute uns zeigen, dass man seinen Willen bekommen kann.
Jesus zeigt uns, dass Bitten sich lohnt.
Oft traut man sich nicht, jemanden um Hilfe oder einen Gefallen zu bitten.
Man möchte dem anderen nicht zur Last fallen.
Man ist zu stolz, um “bitte” zu sagen.
Oder es geht einem wie dem Mann in Watzlawicks Geschichte: Man erwartet, dass der andere sieht, was einem fehlt, was man braucht oder will.
Aber das kann der andere nicht wissen.
Unsere Erwartungen mögen noch so groß sein:
Es ist uns nicht auf die Stirn geschrieben, was wir gerade möchten.
Niemand muss die Erwartungen anderer kennen oder ahnen, so selbstverständlich sie dem anderen erscheinen mögen. Dazu hat uns Gott einen Mund geschenkt: Dass wir sagen können, was wir wollen oder brauchen. Wie die Kinder, die - Gott sei Dank! - nicht auf den Mund gefallen sind.
Und wie die Kinder, so bekommen auch wir, was wir brauchen - wenn wir uns zu fragen trauen.
Dazu will uns Jesus Mut machen:
Zum Bitten, zum Suchen und zum Anklopfen.
Wir werden es nicht vergebens tun.
Auch Gott bittet man nicht vergebens.

Gott hat nicht nur Geduld mit uns, Verständnis und Nachsicht.
Gott schenkt uns auch etwas.
Wie Eltern das gern für ihre Kinder tun (und Großeltern und Paten natürlich auch!).
Gott schenkt kein Playmobil und kein Lego - dafür sind wir wohl zu alt.
Gott schenkt auch kein Geld - schade, eigentlich!
Gott schenkt etwas anderes, das auf den ersten und zweiten Blick gar nicht wie ein Geschenk aussieht:
Gott schenkt uns den Heiligen Geist, seinen Geist.
Den bekommen wir bei unserer Taufe.

Es ist der Geist der Möglichkeiten,
der uns immer wieder zeigt, dass es auch anders geht - und wie es anders gehen könnte.

Es ist der Geist der Geduld,
der uns die Kraft gibt, es immer wieder neu zu versuchen - mit uns selbst, wenn wir nicht so sind, wie wir sein sollten. Mit unserer Partnerin, unserem Partner. Mit unseren Kindern. Mit Nachbarn, Freunden …

Und es ist der Geist der Liebe,
der uns spüren lässt, dass Gott uns unendlich lieb hat und stolz auf uns ist - mindestens ebenso, wie Eltern ihre Kinder lieben und stolz auf sie sind.

Diese Liebe, dieser Heilige Geist erfüllt uns.
Mit dieser Liebe können wir anderen liebevoll und geduldig begegnen,
können ihre Möglichkeiten, ihr Potenzial, sehen,
nicht nur ihre Grenzen.
Die anderen: Das sind unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Liebsten.
Aber auch der nervige Nachbar, die Fremde in der Bahn, die Kollegin auf der Arbeit.

Diese Liebe macht uns frei, nicht so aggressiv reagieren zu müssen wie unsere Vorfahren, sondern neu und anders.
Dann müssen wir den Nachbarn vielleicht nicht mehr anbrüllen, sondern können ihn freundlich und höflich um einen Hammer bitten.
Und er?
Er wird ihn uns geben.
Amen.

Samstag, 29. April 2017

Was möchtest du werden?

Predigt am Sonntag Miserikordias Domini, 30. April 2017, über Ezechiel 34,1-16

Liebe Schwestern und Brüder,

was möchtest du mal werden, wenn du groß bist?
Das werden Kinder von Erwachsenen gefragt.
Das wurden auch wir gefragt, als wir Kinder waren.
Was haben wir da geantwortet?

Oft vielleicht nur mit den Schultern gezuckt:
diese Frage war noch weit, so weit weg.

Oder gesagt, was Vati oder Mutti machten;
das wollten wir auch mal tun:
Traktorist oder Krankenschwester,
Verkäuferin oder Schlosser.

Oder wir nannten die Berufe,
von denen Kinder zu jeder Zeit träumen:
Lokführer und Astronautin,
Pilotin und Prinzessin.

Was möchtest du mal werden, wenn du groß bist?
Ich glaube, niemand von uns wollte Hirtin oder Hirt werden.
Schon zu meiner Kindheit war dieser Beruf so gut wie ausgestorben.
Mein Vater erzählte mir,
wie er als Kind noch die Kühe hüten musste;
wie er und die anderen Jungen sich, um die Zeit zu vertreiben,
aus Spitzwegerich "Kuckucksstühle" flochten
oder Flöten aus Weidenzweigen bauten,
die man schneiden musste, wenn der Saft in ihnen aufstieg,
damit die Rinde abging, die man vorsichtig mit dem Messerrücken losklopfte …
Damals gab es noch richtige Langeweile.
Denn was macht man den ganzen Tag,
wenn man den Kühen beim Fressen,
Wiederkäuen und Dösen zuschaut?
Das war vor 70 Jahren.

Heute sind Hirten selten geworden.
Man sieht ab und zu mal einen im Fernsehen,
oder fährt an einer Schafherde vorbei.
Trotzdem berühren diese alten Worte noch immer unser Herz:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“.
Wir können die Sicherheit und Geborgenheit spüren,
die diese alten Worte vermitteln,
wir wissen, was ein Hirte tut,
auch wenn wir selbst keinen mehr kennen:
Das Schwache stärken,
das Kranke heilen,
das Verwundete verbinden,
das Verirrte zurückholen
und das Verlorene suchen 
und dafür sogar die 99 anderen Schafe zurücklassen.

Hirten sind selten geworden.
Und doch wissen wir genau,
was eine Hirtin, ein Hirte tut.
Weil wir selbst Hirtinnen und Hirten waren oder sind:
Wir waren oder sind Hirtinnen und Hirten unserer Kinder.
Und wir versuchen, gute Hirten für sie zu sein:
Wir machen sie stark für das Leben
- körperlich, aber vor allem,
indem wir ihnen so viel Liebe und Bestätigung geben wie möglich.
Wir machen uns Sorgen, wenn sie krank sind.
Wir kleben ein Pflaster auf die Wunde,
wenn sie sich das Knie aufschlagen, und pusten.
Wir ertragen, dass sie manchmal Umwege gehen,
nicht genau wissen, was sie wollen.
Und wir gehen ihnen nach, wenn wir uns gestritten haben, wir suchen die Versöhnung.
Das alles - und oft noch weit mehr - tun wir für unsere Kinder.

Manche sind solche guten Hirten auch für ihre Eltern oder Großeltern, die sie pflegen;
für Geschwister, die Probleme haben
oder nach einem Schicksalsschlag nicht wieder auf die Beine kommen;
für eine beste Freundin, einen besten Freund.

Ja, wir wissen, was ein guter Hirte ist und was er tut.
Und wir bemühen uns selbst,
gute Hirtinnen und Hirten zu sein.
Manche von uns sind sogar hauptberuflich Hirtinnen oder Hirten geworden.
Als Krankenschwester oder Pfarrer,
als Ärztin oder Erzieher,
als Politikerin, Mitarbeiter der Verwaltung oder Lehrerin sollen sie tun,
was eine gute Hirtin, ein guter Hirte tun sollte:
Das Schwache stärken,
das Kranke heilen,
das Verwundete verbinden,
das Verirrte zurückholen
und das Verlorene suchen.
Aber oft tun sie es nicht.
Die Krankenschwester hat keine Zeit,
sich den Patienten zuzuwenden;
es ist zu wenig Personal da.
Der Pfarrer wohnt nicht in der Gemeinde.
Man sieht ihn kaum, trifft ihn nicht auf der Straße.
Die Ärztin hört gar nicht richtig zu,
wenn man seine Geschichte erzählen will;
draußen warten noch so viele andere Patienten.
Die Erzieherin, der Lehrer - nehmen sie mein Kind überhaupt wahr?
Wissen sie, so wie ich, was es braucht, was ihm fehlt?
Und die Politiker - wollen die überhaupt noch etwas verändern,
oder denken sie bloß an ihre Diäten und an die nächste Wahl?

Wir sind unzufrieden mit unseren Hirten.
Sie sind manchmal weit davon entfernt, gute Hirten zu sein.
Mancherorts gibt es sogar gar keine Hirten mehr:
Landärzte werden immer weniger;
bei Fachärzten muss man ein halbes Jahr warten,
wenn man überhaupt angenommen wird.
Gemeinden werden zu Landgemeinden zusammengelegt;
jetzt sollen noch größere Verwaltungseinheiten geschaffen werden.
Pfarrstellen werden gestrichen;
die Pfarrerin wohnt jetzt drei Dörfer weiter.
Im Kindergarten, den man sich wünschte,
gibt es keinen Platz mehr.

Wenn es keine Hirten mehr gibt
- wer kümmert sich dann um uns?
Und auf wen soll man dann noch schimpfen?
Wen wundert es da, wenn Menschen sich abwenden
von der Politik, von der Gemeinde,
vom Verein, von der Kirche.
Sie sind zu oft enttäuscht worden.

Wer selber einmal Hirte war
- als Mutter oder Vater,
oder in einem Beruf, in dem man für Menschen da sein soll -,
weiß, wie schwer es ist, eine gute Hirtin, ein guter Hirte zu sein.
Man möchte sein Bestes geben,
aber man ist doch auch nur ein Mensch.
Hat Sorgen, die einen beschäftigen und ablenken,
so dass man nicht richtig zuhört, geistesabwesend ist.
Hat Ärger zuhause, auf der Arbeit,
und plötzlich bricht er aus einem heraus,
weil man den Druck nicht länger halten kann;
dann bekommt es der Patient ab, und es tut einem leid.
Man wird enttäuscht von denen, die man hütet
- dem Kind, den Patienten, den Schülern, der Gemeinde -,
weil sie so gar nicht wahrnehmen,
wie sehr man sich müht,
wie viel man investiert,
wie erschöpft man ist.

Und wenn man dann mal eine Pause macht, heißt es gleich:
Du denkst nur an dich!
Wenn man nach immer nur geben sich auch mal etwas gönnen will,
wird man beneidet.
Wenn man auch mal etwas von denen möchte, für die man so viel getan hat,
wird man im Stich gelassen.

Mit den Hirtinnen und Hirten ist es eine vertrackte Angelegenheit:
Wenn man sie braucht, sind sie oft nicht da,
oder sie enttäuschen einen.
Und man selbst ist auch nicht immer perfekt in seiner Rolle als Hirtin oder Hirt
und ist dann von sich enttäuscht.
Kann ein Hirte es seinen Schafen überhaupt jemals wirklich recht machen?
Und sind die Schafe überhaupt jemals zufrieden mit ihrem Hirten?
„Ich selbst will meine Schafe weiden,
und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.
Ich will das Verlorene wieder suchen
und das Verirrte zurückbringen
und das Verwundete verbinden
und das Schwache stärken
und, was fett und stark ist, behüten;
ich will sie weiden, wie es recht ist.“
Aus dem Hirtendilemma können wir uns selbst nicht befreien:
Als Schafe sind wir unzufrieden mit den Hirten,
und als Hirten können wir es den Schafen nicht recht machen.
Wir sind immer beides, Hirten und Schafe,
wir enttäuschen andere und werden enttäuscht.
Weil wir dieses Dilemma selbst nicht lösen können,
greift Gott ein.
Gott wird unser Hirte, wie wir es im 23. Psalm gebetet haben.
Ein Hirte, der tut, was eine gute Hirtin, ein guter Hirte tun sollte:
Das Schwache stärken,
das Kranke heilen,
das Verwundete verbinden,
das Verirrte zurückholen
und das Verlorene suchen.
Und der das richtig tut, nicht halbherzig, nicht so nebenbei,
wie wir manchmal, wenn wir müde oder erschöpft sind.
Auch nicht unwillig oder genervt,
nicht, indem er eine der anderen vorzieht,
sondern zugewandt und gerecht.

Aber woher wissen wir, dass Gott das tut?
Wann haben wir das je erlebt?
Sind es nicht bloß Worte -
tröstende, Mut machende, zu Herzen gehende Worte:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“,
aber eben bloß Worte?
Das Dilemma bleibt,
dass wir schlechte Hirten sind
und unter schlechten Hirten leiden.

Den guten Hirten gab es tatsächlich.
Deshalb ist er hier, in unserer Kirche,
auf dem Fenster zu sehen.
Wir haben es im Evangelium gehört.
Jesus sagt von sich:
„Ich bin der gute Hirte“.
Jesus hat das Hirtendilemma aufgelöst,
auf eine ziemlich einfache, aber geniale Weise:
Der gute Hirte ist zum Sündenbock geworden.
Er hat auf sich genommen,
was wir all den Hirtinnen und Hirten vorwerfen,
die uns so oft enttäuschen.
Er hat auf sich genommen,
worin wir als Hirtinnen und Hirten so oft versagen.
Er wurde der Sündenbock für uns,
damit wir aufhören können, andere Hirten zu kritisieren.
Und damit wir aufhören können,
uns selbst schuldig zu fühlen,
weil wir nicht so gute Hirtinnen und Hirten sind, wie wir sein müssten.
Jesus, der Hirte, hat sich zum Sündenbock machen lassen,
damit wir uns nicht mehr davor scheuen müssen,
an seiner statt Hirtinnen und Hirten zu sein.
Statt auf eine Hirtin, einen Hirten zu warten,
nehmen wir die Sache selbst in die Hand.
Statt zu kritisieren, machen wir es besser - oder zumindest auf unsere Art falsch.

Jesus stärkt uns, wenn wir schwach sind.
Jesus heilt uns, wenn wir krank sind.
Verbindet das Verwundete,
holt das Verirrte zurück,
sucht uns, wenn wir uns verloren haben.

Nicht auf magische Weise tut er das,
nicht mit einem Wunder.
Sondern indem er Menschen bewegt,
unsere Hirtin, unser Hirt zu werden.
In ihnen begegnet er uns.

Es geschieht in solchen Begegnungen,
das sich das Hirtendilemma auflöst:
Dass wir einer guten Hirtin, einem guten Hirten begegnen.
Dass wir gute, dankbare, glückliche Schafe sind.

Und es geschieht in Worten, die nur Worte sind,
die aber unser Herz berühren und es erfüllen und uns träumen lassen:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“.
Manchmal, da ergreifen einen diese Worte.
Und dann weiß man, was man sein will:
Dann möchte man ein Hirte sein.

Amen.