Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 6.9.2026, über Lukas 19,1-10
Liebe Schwestern und Brüder,
„die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler."
Eine solche Sicht auf Mensch und Welt kann nur ein Stückeschreiber haben. Das Leben gibt ihm den Stoff für seine Dramen; er sieht die Welt als Theater, und die sie bevölkern als die Akteure darin. Und tatsächlich stammt dieses Zitat vom Dramatiker William Shakespeare.
„Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler."
Auf den ersten Blick erscheint dieser Satz übertrieben. Wohl spielen wir manchmal eine Rolle - möchten wohl auch gern eine Rolle spielen, in der Gesellschaft, oder im Leben einzelner Menschen.Auf jeden Fall im Leben derer, die für uns eine Rolle spielen.
Für gewöhnlich sieht man sich jedoch nicht auf einer Bühne. Im Gegenteil: In bestimmten Momenten besteht man darauf, allein und unbeobachtet, eben „privat” sein zu können. Die Privatsphäre, in der man tut, was einem gefällt, sich kleidet, sich benimmt, wie man will, ist heilig. Und doch hat unser Leben mehr Publikum, als uns bewusst ist.
Ich denke jetzt nicht an die Social Media, in denen man sein Leben mit anderen teilt.Auch nicht an die Überwachung durch private oder staatliche Kameras, die in Ländern wie China bereits alle Bürger:innen erfasst.Ich meine die Menschen, mit denen wir zusammenleben: die Familie, den Freundeskreis, die Kolleg:innen, die Nachbarschaft, das Dorf oder den Stadtteil, die Kirchengemeinde.Sie bilden das Publikum, vor dem sich unser Leben abspielt. Sie beobachten uns und machen sich so ihre Gedanken. Sie wissen etwas über uns, oder meinen, etwas zu wissen. Sie haben sich eine Meinung über uns gebildet, haben uns einsortiert, beurteilt und bewertet.
Normalerweise ist uns das nicht bewusst, weil es auf Gegenseitigkeit beruht: Im Leben ist man stets Schauspieler:in und Publikum zugleich. Nur, wer sich in herausgehobener Stellung befindet, wer tatsächlich manchmal vor einem Publikum agiert - ob als Klassensprecher:in oder Sportler:in, ob als Lehrer:in oder Politiker:in -, erlebt, wie das eigene Verhalten beobachtet und kommentiert wird.
Diese besondere Beobachtung trifft auch alle, die „anders” sind. Das Etikett „anders” ist ja das Ergebnis dieses Prozesses von Beobachtung und Bewertung. Kein Mensch ist an sich „anders” oder gar, wie manche sagen, „unnormal” „abnorm” oder gar „entartet”. Einen „normalen” Menschen gibt es gar nicht. Wer sollte diese Norm auch festlegen?
„Anders” sein bedeutet, dass man in einem wichtigen Punkt von einer Mehrheit vor Ort abweicht. In einer Fabrik ist jemand im Anzug „anders”, am FKK-Strand jemand in Badehose oder Bikini. Jemand mit dunkler Hautfarbe wird bei uns als „anders” erlebt, während man als Europäer:in in Afrika sofort „anders” ist. Anderssein ist immer an den Ort gebunden, an den Kontext, in dem man sich befindet.
Das muss auch Zachäus erleben. Er ist sogar in vierfacher Hinsicht „anders”: Er ist kleinwüchsig. Er ist ein Zolleintreiber - und nicht nur irgendeiner, sondern der oberste -, er ist wohlhabend, und er ist ein „Sünder”.
Der Begriff „Sünder” markiert ein Anderssein, das mit etwas Negativem befrachtet ist. Wir verwenden dieses Etikett nicht mehr. Heute ist das Anderssein selbst an seine Stelle getreten.
Beide Begriffe heben einen Menschen aus der Menge heraus. Sie markieren ihn als jemanden, den man besser meidet. Mit dem sollte man sich nicht abgeben - sonst kommt man in den Ruf, selbst „so eine:r”, selbst „anders” zu sein.
Jesus scheint keine Scheu zu haben, sich mit „so einem” abzugeben. Er sieht sich gerade zu diesen Menschen gerufen: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.”
Wer als „Sünder” - oder heute als „anders” - ausgemacht wird, ist verloren, weil er|sie die Zugehörigkeit verliert zu einer Gemeinschaft, einer Gruppe oder, wenn es schlimm kommt, sogar zu seiner Familie.
Jesus, der das Verlorene sucht, bringt es zurück in eine Gemeinschaft mit ihm: in die christliche Gemeinde. So wird das Verlorene sein Anderssein los. So wird es selig.
Die Gemeinde ist der Ort, an dem Christus all die verlorenen Schafe sammelt, die dadurch nicht mehr „anders” sind, sondern zur Kirche Jesu Christi gehören. Es eint sie nicht eine Norm, der alle genügen. Es eint sie der eine Hirte, zu dem sie alle gehören.
So entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht durch das Gemeinsame definiert und das Andersartige ausschließt. Sie wird dadurch eine Gemeinschaft, dass der eine Hirte alle annimmt und zu einer Herde macht. So beschützt die Herde das einzelne Schaf.
Jesus, der all die verlorenen Schafe einsammelte - sich mit denen abgab, die als „Sünder” markiert worden waren -, gründete dadurch die Gemeinde, die wir als „Gemeinschaft der Heiligen” bekennen.
Auch seine Jünger wählte er nicht nach ihrem Verdienst aus, nach ihrem lauteren Lebenswandel oder ihrem untadeligen Ruf. Sie waren keine Heiligen - das wurden sie erst im Nachhinein. Sie waren einfache und bestimmt nicht immer unbescholtene Leute - Fischer und Handwerker. Es waren auch zwielichtige Gestalten darunter - ein Zolleinnehmer namens Matthäus, ein gewisser Judas Iskariot, und auch Zeloten. Zur Zeit Jesu waren die Zeloten eine terroristische Vereinigung. Einer von ihnen trug den Kampfnamen "Kephas". Ihn machte Jesus zu Petrus, zum Fels, auf dem er seine Kirche bauen wollte.
Warum berief Jesus gerade sie? Konnte er keine wirklichen Heiligen finden - Menschen wie den Reichen Jüngling, die sich durch ihr vorbildliches Leben auszeichneten? Oder wenn nicht solche, dann wenigstens anständige, „normale” Leute? Was sah er in ihnen, was andere nicht sehen konnten?
„Zachäus“ - dieser Name ist die griechische Version eine hebräischen Namens, der auch im Alten Testament vorkommt: Sakkai. Er bedeutet: rechtschaffen. Zachäus verbarg seine Rechtschaffenheit erstaunlich gut unter der Fassade des obersten Zolleintreibers, des "kleinen und mächtigen Chefs der Zollpächter." Aber als Jesus sich bei ihm einlädt und ihn auf diese Weise in seine Gemeinschaft einlädt, offenbart sich Zachäus’ Rechtschaffenheit: „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen.” Das ist mehr, als sonst jemand angeboten hat, der von Jesus angenommen wurde. Selbst der Reiche Jüngling kam nicht auf diese Idee.
Die junge Gemeinde sammelte nicht nur die Bedürftigen, nicht nur die Witwen und Waisen. Lydia, die erste Pastorin, war eine wohlhabende Purpurhändlerin. Und Zachäus war so reich, dass er die Hälfte seines Besitzes den Armen geben konnte und trotzdem noch genug Geld hatte, um es allen, die er übervorteilt hatte, vierfach zu erstatten.
Besitz und Gaben sind ungleich verteilt, auch in der christlichen Gemeinde. Auch Christenmenschen fällt es oft nicht leicht, mit diesen Unterschieden umzugehen. Jemand, der wohlhabend ist, weckt den Neid der anderen, ebenso wie jemand, der etwas kann, was andere nicht können, oder etwas besonders gut kann. Statt dass diese Gabe Freude bereitet, statt dass man sie anerkennt oder sich dafür bedankt, macht ihre Gabe sie „anders”. Ausgerechnet ihre Gabe, die doch der Gemeinde zugute kommt, grenzt sie aus der Gemeinde aus.
Die Menge murrt, dass Jesus ausgerechnet bei Zachäus einkehrt, denn er ist ein „Sünder”. Aber warum er ein Sünder ist, erfahren wir nicht. Offenbar ist das als selbstverständlich vorausgesetzt. Dann kann es nur die Tatsache sein, dass er für die römische Besatzungsmacht den Zoll einnimmt. Es lassen sich bestimmt gute Gründe dafür finden, warum ein solcher Beruf unmoralisch ist. Aber ich sehe nicht, warum er unmoralischer sein soll als andere. Warum gerade Zachäus’ sündhaftes Tun sich so sehr von den Sünden anderer unterscheidet.
Wir „sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen,” schreibt Paulus. „Sünder” ist man ja nicht durch die Zuschreibung anderer. „Sünder” ist man auch nicht, weil man etwas Falsches getan hat. „Sünder” bezeichnet vielmehr eine Eigenschaft aller Menschen. Eine Menschliche Grundkonstante, die unser Menschsein ausmacht. Sie hindert uns in bestimmten Situationen daran, das Richtige zu tun.
Sie zeigt sich als Angst, wenn unser Mut gefragt ist. Sie zeigt sich als Faulheit, wenn wir helfen sollten. Wenn wir für unsere Meinung einstehen sollen, werden wir kleinlaut. Wenn wir jemandem zur Seite stehen sollen, gegen wir weg. Wenn wir die Wahrheit sagen sollten, verschweigen wir sie. Nicht immer - aber eben manchmal, und besonders oft dann, wenn’s drauf ankommt.
Jesus kümmert es nicht, dass die anderen Zachäus als „Sünder” bezeichnen, weil alle Menschen Sünder sind. Indem er Zachäus in seine Gemeinschaft ruft, kann der sein Anderssein ablegen. In der Gemeinschaft Jesu, die ihn nicht als „anders” abstempelt, kann Zachäus anders sein - unerwartet großzügig, wie sich herausstellt.
Uns alle hat Jesus in seine Gemeinschaft gerufen und sich nicht darum gekümmert, was andere über uns dachten. Es kümmert ihn nicht einmal, was wir selbst über uns denken - ob wir uns seiner für würdig halten z.B. In seiner Gemeinschaft dürfen wir so sein, wie wir wollen, und müssen uns nicht mehr „anders” fühlen.
Wir dürfen anders sein und können Andere werden. Wir müssen z.B. nicht mehr neidisch sein, wenn jemand mehr besitzt oder etwas besser kann als wir. Nicht Können oder Besitz bestimmen darüber, wer wir sind. Wir selbst tun das.
Wir spielen unsere Rolle auf der Bühne der Welt. Aber wir sind nicht gezwungen, in dieser Rolle zu bleiben. Wir sind nicht gezwungen, ein Stück zu spielen, das ein anderer geschrieben hat. Wir können eine neue Rolle für uns finden.
In der Gemeinschaft mit Jesus entdecken wir, was Jesus vom ersten Augenblick an in uns gesehen hat. Er schenkt uns die Freiheit, seine Sicht auf uns zu übernehmen.

