Sonntag, 6. September 2026

anders

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 6.9.2026, über Lukas 19,1-10

Liebe Schwestern und Brüder,

„die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler."
Eine solche Sicht auf Mensch und Welt kann nur ein Stückeschreiber haben. Das Leben gibt ihm den Stoff für seine Dramen; er sieht die Welt als Theater, und die sie bevölkern als die Akteure darin. Und tatsächlich stammt dieses Zitat vom Dramatiker William Shakespeare.

„Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler."
Auf den ersten Blick erscheint dieser Satz übertrieben. Wohl spielen wir manchmal eine Rolle - möchten wohl auch gern eine Rolle spielen, in der Gesellschaft, oder im Leben einzelner Menschen.Auf jeden Fall im Leben derer, die für uns eine Rolle spielen.

Für gewöhnlich sieht man sich jedoch nicht auf einer Bühne. Im Gegenteil: In bestimmten Momenten besteht man darauf, allein und unbeobachtet, eben „privat” sein zu können. Die Privatsphäre, in der man tut, was einem gefällt, sich kleidet, sich benimmt, wie man will, ist heilig. Und doch hat unser Leben mehr Publikum, als uns bewusst ist.

Ich denke jetzt nicht an die Social Media, in denen man sein Leben mit anderen teilt.Auch nicht an die Überwachung durch private oder staatliche Kameras, die in Ländern wie China bereits alle Bürger:innen erfasst.Ich meine die Menschen, mit denen wir zusammenleben: die Familie, den Freundeskreis, die Kolleg:innen, die Nachbarschaft, das Dorf oder den Stadtteil, die Kirchengemeinde.Sie bilden das Publikum, vor dem sich unser Leben abspielt. Sie beobachten uns und machen sich so ihre Gedanken. Sie wissen etwas über uns, oder meinen, etwas zu wissen. Sie haben sich eine Meinung über uns gebildet, haben uns einsortiert, beurteilt und bewertet.

Normalerweise ist uns das nicht bewusst, weil es auf Gegenseitigkeit beruht: Im Leben ist man stets Schauspieler:in und Publikum zugleich. Nur, wer sich in herausgehobener Stellung befindet, wer tatsächlich manchmal vor einem Publikum agiert - ob als Klassensprecher:in oder Sportler:in, ob als Lehrer:in oder Politiker:in -, erlebt, wie das eigene Verhalten beobachtet und kommentiert wird.

Diese besondere Beobachtung trifft auch alle, die „anders” sind. Das Etikett „anders” ist ja das Ergebnis dieses Prozesses von Beobachtung und Bewertung. Kein Mensch ist an sich „anders” oder gar, wie manche sagen, „unnormal” „abnorm” oder gar „entartet”. Einen „normalen” Menschen gibt es gar nicht. Wer sollte diese Norm auch festlegen?

„Anders” sein bedeutet, dass man in einem wichtigen Punkt von einer Mehrheit vor Ort abweicht. In einer Fabrik ist jemand im Anzug „anders”, am FKK-Strand jemand in Badehose oder Bikini. Jemand mit dunkler Hautfarbe wird bei uns als „anders” erlebt, während man als Europäer:in in Afrika sofort „anders” ist. Anderssein ist immer an den Ort gebunden, an den Kontext, in dem man sich befindet.

Das muss auch Zachäus erleben. Er ist sogar in vierfacher Hinsicht „anders”: Er ist kleinwüchsig. Er ist ein Zolleintreiber - und nicht nur irgendeiner, sondern der oberste -, er ist wohlhabend, und er ist ein „Sünder”.

Der Begriff „Sünder” markiert ein Anderssein, das mit etwas Negativem befrachtet ist. Wir verwenden dieses Etikett nicht mehr. Heute ist das Anderssein selbst an seine Stelle getreten.

Beide Begriffe heben einen Menschen aus der Menge heraus. Sie markieren ihn als jemanden, den man besser meidet. Mit dem sollte man sich nicht abgeben - sonst kommt man in den Ruf, selbst „so eine:r”, selbst „anders” zu sein.

Jesus scheint keine Scheu zu haben, sich mit „so einem” abzugeben. Er sieht sich gerade zu diesen Menschen gerufen: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.”

Wer als „Sünder” - oder heute als „anders” - ausgemacht wird, ist verloren, weil er|sie die Zugehörigkeit verliert zu einer Gemeinschaft, einer Gruppe oder, wenn es schlimm kommt, sogar zu seiner Familie.

Jesus, der das Verlorene sucht, bringt es zurück in eine Gemeinschaft mit ihm: in die christliche Gemeinde. So wird das Verlorene sein Anderssein los. So wird es selig.

Die Gemeinde ist der Ort, an dem Christus all die verlorenen Schafe sammelt, die dadurch nicht mehr „anders” sind, sondern zur Kirche Jesu Christi gehören. Es eint sie nicht eine Norm, der alle genügen. Es eint sie der eine Hirte, zu dem sie alle gehören. 

So entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht durch das Gemeinsame definiert und das Andersartige ausschließt. Sie wird dadurch eine Gemeinschaft, dass der eine Hirte alle annimmt und zu einer Herde macht. So beschützt die Herde das einzelne Schaf.

Jesus, der all die verlorenen Schafe einsammelte - sich mit denen abgab, die als „Sünder” markiert worden waren -, gründete dadurch die Gemeinde, die wir als „Gemeinschaft der Heiligen” bekennen.

Auch seine Jünger wählte er nicht nach ihrem Verdienst aus, nach ihrem lauteren Lebenswandel oder ihrem untadeligen Ruf. Sie waren keine Heiligen - das wurden sie erst im Nachhinein. Sie waren einfache und bestimmt nicht immer unbescholtene Leute - Fischer und Handwerker. Es waren auch zwielichtige Gestalten darunter - ein Zolleinnehmer namens Matthäus, ein gewisser Judas Iskariot, und auch Zeloten. Zur Zeit Jesu waren die Zeloten eine terroristische Vereinigung. Einer von ihnen trug den Kampfnamen "Kephas". Ihn machte Jesus zu Petrus, zum Fels, auf dem er seine Kirche bauen wollte.

Warum berief Jesus gerade sie? Konnte er keine wirklichen Heiligen finden - Menschen wie den Reichen Jüngling, die sich durch ihr vorbildliches Leben auszeichneten? Oder wenn nicht solche, dann wenigstens anständige, „normale” Leute? Was sah er in ihnen, was andere nicht sehen konnten?

„Zachäus“ - dieser Name ist die griechische Version eine hebräischen Namens, der auch im Alten Testament vorkommt: Sakkai. Er bedeutet: rechtschaffen. Zachäus verbarg seine Rechtschaffenheit erstaunlich gut unter der Fassade des obersten Zolleintreibers, des "kleinen und mächtigen Chefs der Zollpächter." Aber als Jesus sich bei ihm einlädt und ihn auf diese Weise in seine Gemeinschaft einlädt, offenbart sich Zachäus’ Rechtschaffenheit: „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen.” Das ist mehr, als sonst jemand angeboten hat, der von Jesus angenommen wurde. Selbst der Reiche Jüngling kam nicht auf diese Idee.

Die junge Gemeinde sammelte nicht nur die Bedürftigen, nicht nur die Witwen und Waisen. Lydia, die erste Pastorin, war eine wohlhabende Purpurhändlerin. Und Zachäus war so reich, dass er die Hälfte seines Besitzes den Armen geben konnte und trotzdem noch genug Geld hatte, um es allen, die er übervorteilt hatte, vierfach zu erstatten.

Besitz und Gaben sind ungleich verteilt, auch in der christlichen Gemeinde. Auch Christenmenschen fällt es oft nicht leicht, mit diesen Unterschieden umzugehen. Jemand, der wohlhabend ist, weckt den Neid der anderen, ebenso wie jemand, der etwas kann, was andere nicht können, oder etwas besonders gut kann. Statt dass diese Gabe Freude bereitet, statt dass man sie anerkennt oder sich dafür bedankt, macht ihre Gabe sie „anders”. Ausgerechnet ihre Gabe, die doch der Gemeinde zugute kommt, grenzt sie aus der Gemeinde aus.

Die Menge murrt, dass Jesus ausgerechnet bei Zachäus einkehrt, denn er ist ein „Sünder”. Aber warum er ein Sünder ist, erfahren wir nicht. Offenbar ist das als selbstverständlich vorausgesetzt. Dann kann es nur die Tatsache sein, dass er für die römische Besatzungsmacht den Zoll einnimmt. Es lassen sich bestimmt gute Gründe dafür finden, warum ein solcher Beruf unmoralisch ist. Aber ich sehe nicht, warum er unmoralischer sein soll als andere. Warum gerade Zachäus’ sündhaftes Tun sich so sehr von den Sünden anderer unterscheidet.

Wir „sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen,” schreibt Paulus. „Sünder” ist man ja nicht durch die Zuschreibung anderer. „Sünder” ist man auch nicht, weil man etwas Falsches getan hat. „Sünder” bezeichnet vielmehr eine Eigenschaft aller Menschen. Eine Menschliche Grundkonstante, die unser Menschsein ausmacht. Sie hindert uns in bestimmten Situationen daran, das Richtige zu tun.

Sie zeigt sich als Angst, wenn unser Mut gefragt ist. Sie zeigt sich als Faulheit, wenn wir helfen sollten. Wenn wir für unsere Meinung einstehen sollen, werden wir kleinlaut. Wenn wir jemandem zur Seite stehen sollen, gegen wir weg. Wenn wir die Wahrheit sagen sollten, verschweigen wir sie. Nicht immer - aber eben manchmal, und besonders oft dann, wenn’s drauf ankommt.

Jesus kümmert es nicht, dass die anderen Zachäus als „Sünder” bezeichnen, weil alle Menschen Sünder sind. Indem er Zachäus in seine Gemeinschaft ruft, kann der sein Anderssein ablegen. In der Gemeinschaft Jesu, die ihn nicht als „anders” abstempelt, kann Zachäus anders sein - unerwartet großzügig, wie sich herausstellt.

Uns alle hat Jesus in seine Gemeinschaft gerufen und sich nicht darum gekümmert, was andere über uns dachten. Es kümmert ihn nicht einmal, was wir selbst über uns denken - ob wir uns seiner für würdig halten z.B. In seiner Gemeinschaft dürfen wir so sein, wie wir wollen, und müssen uns nicht mehr „anders” fühlen. 

Wir dürfen anders sein und können Andere werden. Wir müssen z.B. nicht mehr neidisch sein, wenn jemand mehr besitzt oder etwas besser kann als wir. Nicht Können oder Besitz bestimmen darüber, wer wir sind. Wir selbst tun das.

Wir spielen unsere Rolle auf der Bühne der Welt. Aber wir sind nicht gezwungen, in dieser Rolle zu bleiben. Wir sind nicht gezwungen, ein Stück zu spielen, das ein anderer geschrieben hat. Wir können eine neue Rolle für uns finden.

In der Gemeinschaft mit Jesus entdecken wir, was Jesus vom ersten Augenblick an in uns gesehen hat. Er schenkt uns die Freiheit, seine Sicht auf uns zu übernehmen.

Sonntag, 30. August 2026

Freundlichkeit (2)

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 30.08.2026, über Acta 6,1-7


Liebe Schwestern und Brüder,


die Anfänge des Christentums liegen in einem warmen, goldenen Glanz,

wie ihn die Vorstellungskraft über eine Vergangenheit legt,

die angeblich besser war, als man die Gegenwart erlebt.

Über die erste Gemeinde in Jerusalem heißt es in der Apostelgeschichte:


    „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel,

    in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.

    Alle, die gläubig geworden waren, blieben beieinander

    und hatten alle Dinge gemeinsam.

    Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle,

    je nachdem es einer nötig hatte.

    Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel

    und brachen das Brot hin und her in den Häusern,

    hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen,

    lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.”


Ein Idyll, ein Ideal wird hier beschrieben,

nach dem sich wohl jede:r schon einmal gesehnt hat:

So sollte es sein.

So sollte es zugehen in der Kirche, in der Gemeinde.

So selbstlos, so solidarisch, so harmonisch, so fröhlich.


So sollte es sein. So war es. Und so ist es auch.

In der Jungen Gemeinde, auf einer Rüstzeit, im Bibelkreis,

im Kreis der Mitarbeitenden oder im Kreis,

den man beim Abendmahl vor dem Altar bildet,

erlebte und erlebt man diese besondere Gemeinschaft.


Eine Gemeinschaft, in der es jetzt gerade keine Rolle spielt,

wer man ist, woher man kommt, was man getan hat, was man besitzt.

Eine Gemeinschaft, in der man jetzt gerade nicht mit den anderen

um Aufmerksamkeit zu konkurrieren braucht,

um Anerkennung, um Liebe, oder um Macht.

Eine Gemeinschaft, in der es jeder und jedem Einzelnen gelingt,

die eigenen Wünsche und Bedürfnisse für eine Weile zurückzustellen,

weil ein anderer im Mittelpunkt steht: Jesus Christus.


In seinem Namen kommen wir zusammen.

Seinetwegen tun wir, was wir tun.

Wir folgen seinem Gebot, uns von Gottes Liebe leiten zu lassen.

Und vertrauen auf seine Verheißung, dass er bei uns ist,

wenn wir ganz bei seiner Sache sind.


Wenn eine Gemeinschaft sich so auf Christus, ihre Mitte, konzentriert,

ist sie ganz bei sich selbst.

Sie wird nicht von den Wünschen und Interessen Einzelner geleitet,

ihren Vorlieben, Abneigungen oder Launen,

sondern von dem Auftrag, den Christus seinen Jüngerinnen und Jüngern gab.


Wir Einzelnen sehen von uns selbst ab,

wenn wir uns von Christus gesehen fühlen.

Dann ist er zu spüren, der warme Glanz der ersten Gemeinde.

Wer sich von Christus gesehen weiß, sieht

- vielleicht zum ersten Mal wirklich -

seine Mitmenschen: wie es ihnen geht, was ihnen fehlt.


Solche Momente erlebt man immer wieder.

Das ist mit ein Grund, warum man in den Gottesdienst geht:

Um ein Teil dieser fraglosen, selbstverständlichen Gemeinschaft zu sein.

Sie ist nicht unser Werk, sondern das Werk dessen,

der uns eingeladen hat: Christus.


Es sind Momente, es ist kein Dauerzustand.

Wir kommen immer wieder hierher in den Gottesdienst,

weil solche Momente die Ausnahme sind, nicht die Regel.


In der Regel menschelt es, wie überall, so auch in der Kirche.

Schon vier Kapitel nach der Schilderung der goldenen Anfänge

lesen wir in der Apostelgeschichte,

dass es in der Jerusalemer Gemeinde nicht nur einträchtig zuging:


    „Zu dieser Zeit, als die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs,

    grollten die Griechisch sprechenden Gemeindeglieder den Aramäisch sprechenden.

    Denn ihre Witwen wurden bei der täglichen Unterstützung übersehen.

    Die Zwölf riefen die Menge der Jünger zusammen und sagten:

    Es geht nicht an, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen,

    indem wir für die Mahlzeiten sorgen.

    Darum, Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer,

    die einen guten Ruf haben, geistvoll und weise sind.

    Die wollen wir zu diesem Dienst bestellen.

    Wir aber wollen uns dem Gebet und dem Dienst am Wort widmen.

    Diese Lösung gefiel der ganzen Menge,

    und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glauben und Heiligem Geist,

    Philippus, Prochoron, Nikanor,

    Timon, Parmenas und Nikolaus, den Konvertiten aus Antiochia.

    Die präsentierten sie den Aposteln,

    und die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.

    Und das Wort Gottes breitete sich aus,

    und die Zahl der Jünger vergrößerte sich stark.

    Auch eine große Menge von Priestern hing dem neuen Glauben an.”


Es gab Streit in der Jungen Gemeinde. Griechen grollten Aramäern.

Aramäer, das waren die Alteingesessenen,

deren Vorfahren bereits in Jerusalem gelebt hatten -

manche vielleicht schon seit König Davids Zeiten.

Die Griechen dagegen waren zugezogen, keine echten Jerusalemer.

Und diese Griechen grollten.

Sie grollten, weil ihre Witwen bei der täglichen Unterstützung übersehen wurden.


Wie kann man in einer Gemeinde Leute übersehen,

dazu noch eine ganze Gruppe, die griechischen Witwen?

Wie konnte es passieren, dass man sie vergaß,

während man den anderen ihre tägliche Unterstützung zukommen ließ?


Man kann sich verschiedene Gründe vorstellen -

es könnte an Überlastung gelegen haben:

Es waren einfach viel zu Viele zu versorgen,

man kam nicht mehr hinterher.

Oder die griechischen Witwen könnten Opfer eines Konfliktes

zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen geworden sein.


Doch man braucht gar nicht nach Gründen zu suchen,

muss keinen bösen Willen unterstellen.

Die Witwen wurden wahrscheinlich einfach so übersehen,

wie man eben manchmal etwas oder jemanden übersieht.


Nun kann man einwenden:

Jemanden unabsichtlich übersehen, das ist doch gar nicht möglich!

Ein Mensch ist schließlich nicht so winzig oder unscheinbar,

dass man ihn oder sie einfach übersehen könnte.

Sonst würde man ja auf dem Gehsteig ständig mit anderen zusammenstoßen.

Wenn man jemanden derart übersieht,

kann nur eine böse Absicht dahinterstecken!


Aber überlegen Sie mal, mit wem Sie das letzte Mal

hier in der Schlosskirche Gottesdienst gefeiert haben.

Da waren Ihre Freundinnen und Freunde, Ihre Bekannten.

Da waren die, die Sie regelmäßig hier antreffen.

Und wer war da noch?


War da vielleicht ein fremdes Gesicht, das man gleich wieder vergaß?

War da vielleicht jemand, der Ihnen unsympathisch erschien?

Jemand, bei dem, bei der man dachte:

„Hoffentlich setzt die sich nicht neben mich!”

So wird ein Mensch unsichtbar, auch wenn wir sie oder ihn sehen.

Man sieht weg, man sieht durch ihn hindurch.


Erst, wenn man sich für einen Menschen interessiert,

bekommt er ein Gesicht und einen Namen.

Andreas, Maike, Marion, Holger, Anke, Malte oder Dirk -

so hießen meine Schulfreunde,

deren Gesichter ich vor mir sehe, während ich ihre Namen aufzähle.


Ich möchte wissen, was aus ihnen geworden ist.

Ich freute mich mit ihnen, wenn sie Glück erlebten,

und litt mit ihnen, wenn sie Kummer und Leid erfuhren.

Viele Namen, viele Gesichter sind seitdem dazugekommen.

Manche habe ich vergessen - und sie sind doch immer noch da,

wenn ich ihr Foto sehe oder ihren Namen lese.


Wenn man sich für andere Menschen interessiert,

wendet man die eigene Aufmerksamkeit von sich selbst weg.

In diesem Augenblick nimmt man sich selbst nicht so wichtig -

auch wenn man eben vielleicht noch Hunger spürte oder Schmerzen,

wenn man traurig war, ängstlich oder ratlos.


Sobald das Interesse am anderen geweckt ist, vergisst man das alles.

So selbstvergessen tun wir Menschen erstaunliche Dinge:

Wir wenden uns anderen zu, wir sind freundlich, hilfsbereit,

hören zu, machen Mut, wissen Rat.


So selbstvergessen sind wir manchmal sogar bereit, Dinge zu tun,

die wir nicht tun würden, wenn wir nur an uns denken:

Nachgeben. Einen Fehler eingestehen. Vertrauen.

Einmal etwas nicht besser wissen. Uns zurückhalten. Schweigen.


Jesus hat diese Selbstvergessenheit vorgelebt.

Als Moralapostel eine Frau zu ihm brachten,

die unmoralisch gehandelt hatte,

malte er mit dem Finger im Sand, selbstvergessen, wie ein Kind.

Als seine Jünger ihn fragten, wie man beten sollte,

lehrte er sie, das eigene Wollen zurückzustellen

und Gottes Willen geschehen zu lassen.

Als 5.000 Menschen nichts zu essen hatten,

zeigte er mit fünf Broten und zwei Fischen,

wie man satt wird, wenn man teilt.


So selbstvergessen kann nur sein und handeln,

wer sich nicht um sich selbst sorgen muss.

Wer Angst hat, zu kurz zu kommen, kann nicht großzügig sein.

Wer keine Liebe, keine Anerkennung, keinen Respekt erfährt,

wie soll der lieben können,

wie soll der andere anerkennen und respektieren?

Wer unersättlich ist, wie soll der satt werden?


Durch Christus erfahren wir die Liebe Gottes.

Wir erleben, wie sie uns durchströmt, eine unerschöfpliche Quelle.

Von Christus hören wir: Gott sieht uns.

Gott sieht uns an, wie ein guter Vater:

Liebevoll, freundlich und voller Stolz auf uns.

Darum können wir von uns ab- und andere ansehen.


Die sieben Diakone Stephanus, Philippus, Prochoron,

Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus waren Leute,

die sich von Gott gesehen wussten.

Sie waren „voll Glauben und Heiligem Geist”, wie es heißt.

Darum konnten sie von sich selbst absehen

und die Not der Witwen und anderer Menschen erkennen.


Indem sie sich für andere interessierten,

breiteten sie den christlichen Glauben aus.

Denn in der Freundlichkeit eines Stephanus

begegnete den Menschen die Liebe Gottes,

von der Stephanus erfüllt war.


Solche Freundlichkeit wirkt wie der Sauerteig,

den Jesus als Gleichnis für das Himmelreich nahm.

Sie lässt Menschen, die bisher wenig Freundlichkeit erlebten,

fragen: „Was macht, dass der so freundlich ist?”


In dem Respekt, den Philippus denen zollte, die andere übersahen,

erfuhren sie, dass sie trotz ihrer Armut Würde hatten.

Wenn Prochoron ihnen Essen brachte,

wurden sie nicht nur satt, sondern auch gesehen.

Wenn Nikanor einen Verband wechselte,

heilte er dabei manchmal auch eine seelische Wunde.

Wenn Timon Kinder unterrichtete,

zeigte er seine Begeisterung und seinen Stolz -

nicht so sehr für ihre Leistungen,

sondern für ihr je eigenes, unverwechselbares Wesen.


Kommt Ihnen die Aufzählung bekannt vor?

Bis heute ist das ein Teil der Aufgaben,

die durch die kirchliche Diakonie geleistet werden.

Damals in Jerusalem begann es.

Seitdem gibt es Diakon:innen, Gemeindepädagog:innen,

Erzieher:innen, Altenpfleger:innen, und noch so viele mehr.


In den Taten der Liebe, die sie tun, breiten sie den Glauben aus.

Die Liebe Gottes fließt durch sie auf die Menschen über, denen sie begegnen,

und durch ihre Freundlichkeit, ihren Respekt, ihre Anerkennung

blitzt das freundliche Antlitz Gottes, mit dem er sie wie uns ansieht.


Das wird den meisten von ihnen nicht bewusst sein.

Und nicht immer wird die Freundlichkeit Gottes in ihrem Handeln zu spüren sein.

Auch ein:e Diakon:in hat mal einen schlechten Tag,

auch sie, auch er ist in erster Linie ein Mensch, kein:e Heilige:r.


Wir alle sind in erster Linie Menschen, keine Heiligen.

Doch in uns allen strömt Gottes Liebe.

Auch aus uns kann Gottes Freundlichkeit zu anderen sprechen,

wenn wir uns bewusst machen,

dass unser Glas nicht halb leer ist, sondern halb voll.


Wenn wir zu sehen lernen, wie viel wir besitzen, wie gut wir versorgt sind,

wie frei wir in unserem Land leben können, und wie sicher,

statt auf hohem Niveau zu jammern über angebliche Missstände,

neidisch auf andere zu sein

und auf das zu pochen, von dem wir meinen, es stünde uns zu,

wären wir fröhliche, freundliche, umgängliche Menschen.


Es ist so viel schöner, freundlich zu sein statt barsch;

großzügig und freigiebig statt neidisch;

einfühlsam und verständnisvoll statt hartherzig und bitter -

schöner für uns, und besser für unser Miteinander.

Dazu ist nichts weiter nötig als die Erkenntnis,

dass wir keinen Mangel leiden, weil Gottes Fülle uns erfüllt,

und dass wir alles haben - Liebe, Glück und ein sinnvolles Leben -,

weil wir Gottes Kinder sind.


So sagt es Hanns-Dieter Hüsch in einem Gedicht,

mit dem ich schließen möchte:


    Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

    Gott nahm in seine Hände meine Zeit.

    Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

    mein Triumphieren und Verzagen,

    das Elend, und die Zärtlichkeit.


    Was macht, dass ich so fröhlich bin

    in meinem kleinen Reich?

    Ich sing und tanze her und hin,

    vom Kindbett bis zur Leich.


    Was macht, dass ich so furchtlos bin

    an vielen dunklen Tagen?

    Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

    will mich durchs Leben tragen.


    Was macht, dass ich so unbeschwert

    und mich kein Trübsinn hält?

    Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

    wohl über alle Welt.

Samstag, 1. August 2026

Lizenz zum Risiko

Predigt am 9.Sonntag nach Trinitatis, 2. August 2026, über Jeremia 1,4-10

Liebe Schwestern und Brüder,

James Bond, der Geheimagent seiner Majestät, wird beim britischen Geheimdienst MI6 als „007” geführt. Ein Doppel-Null-Agent hat allen anderen Geheimagenten etwas voraus: Er hat die Lizenz zum Töten. Diese Lizenz benutzt James Bond dazu, sein Ziel auf jedem Wege zu erreichen, der sich ihm bietet - je gefährlicher und spektakulärer, desto besser. Dabei müssen nicht nur Bösewichte dran glauben. Bei seinen irrwitzigen Einsätzen kommt es zu zahllosen Kollateralschäden: Maßgeschneiderte Anzüge zerreißen, Gläser und Vasen zersplittern, Mobiliar zerbricht oder geht in Flammen auf, Häuser, Autos, Schiffe, Flugzeuge explodieren. Auch seinen Dienstwagen fährt Bond jedes Mal zu Schrott. Bonds Draufgängertum treibt „M”, seine Vorgesetzte, regelmäßig zur Verzweiflung. Aber am Ende bringt seine Verwegenheit den gewünschten Erfolg, und „007” darf sich in ein neues Abenteuer stürzen.

Ein wenig James Bond steckt wohl in uns allen. In jeder und jedem schlummert eine Abenteurerin, ein Draufgänger. Es braucht nur die Lizenz zum Risiko, dass man dem Drang zum Abenteuer nachgibt. Dann schlägt man alle Sicherheiten und alle Vorsicht in den Wind, folgt der Laune des Augenblicks und macht etwas, bei dem man sich im Nachhinein eingesteht, dass es ziemlich leichtsinnig war. 

Eine Lizenz zum Risiko stellt nicht der britische Geheimdienst aus oder eine andere Organisation; man erteilt sie sich selbst. Die meisten tun das in einem Alter, in dem auch der Prophet Jeremia war, von dem wir eben in der Lesung hörten: Als Jugendliche. Hätten unsere Eltern von unseren riskanten Unternehmungen gewusst, wären sie vergangen vor Angst, und es hätte richtig Ärger gegeben. Oder sie erfuhren es, und es gab richtig Ärger. 

Auch, wenn Vorsicht, Angst oder eine strenge Erziehung von solch leichtsinnigen Unternehmungen abhielten, hat man sich zumindest ausgemalt, hat davon geträumt, einmal wenigstens die Lizenz zum Risiko zu nutzen. Einmal etwas Verrücktes, etwas Leichtsinniges, etwas Abenteuerliches zu tun!

Jeremia ist genau in dem Alter, das zu Leichtsinn und Abenteuern animiert: Er ist ein Jugendlicher. Doch Jeremia erteilt sich nicht die Lizenz zum Risiko. Er erhält eine Lizenz von Gott: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.” Das klingt fast nach einem Freibrief, wie James Bond eine Spur der Verwüstung hinter sich lassen zu dürfen - wären da nicht auch „bauen” und „pflanzen”. Als würde Gott sagen: „Du darfst alles kaputt machen, aber hinterher räumst du alles schön wieder auf!” 

Zerstören, kaputtmachen, alles kurz und klein schlagen - auch so ein Drang, den wohl jede:r von uns kennt, wie die Lust zum Abenteuer. Kinder machen gern kaputt, was sie oder andere vorher aufgebaut hatten - einen Turm aus Bauklötzen, oder eine Sandburg am Strand. 

Jeremia darf dem Zerstörungsdrang nachgeben. Aber er muss anschließend die Voraussetzungen für einen neuen Anfang schaffen, muss etwas aufbauen und anpflanzen. Dieser Auftrag ist nicht altersgerecht; das kann man von einem Jugendlichen nicht erwarten und nicht verlangen. Oder doch?

Als Jugendliche:r empfindet man so scharf und drängend wie später niemals mehr, wenn man selbst oder jemand anders ungerecht behandelt, wenn mit unterschiedlichem Maß gemessen wird. Man spürt genau, wenn jemand nur so tut als ob, wenn jemand lügt. Und nie wieder empfindet man so intensiv diese Wut, die angesichts von Ungerechtigkeit oder Verlogenheit alles kurz und klein schlagen möchte. Von Erwachsenen wird man bei solchen Wutausbrüchen mitleidig-herablassend behandelt: „Das gibt sich wieder,” sagen sie, als hätte man sich eine Erkältung eingefangen. Und tatsächlich gibt es sich: Man wird älter und lernt, dass man vernünftig und pragmatisch sein muss. Dass es nun einmal ungerecht zugeht in der Welt, und man nichts dagegen machen kann. Dass man manchmal gute Miene zum bösen Spiel machen muss. Dass man besser nicht sagt, was man wirklich denkt, weil man damit jemanden gegen sich aufbringt, der einem schaden kann.

Als Jugendliche:r hat man auch, wie später niemals mehr so klar und deutlich, eine Vorstellung davon, wie die Welt sein könnte und wie sie sein sollte, was richtig ist und was falsch. Aber die Erwachsenen erklären einem, dass diese Ideen unrealistisch sind, dass man Waffen nicht einfach abschaffen kann, dass das mit der gerechten Verteilung von Nahrung und Bildung, Wasser und Wohlstand nicht funktioniert. Es werde schon kein Krieg kommen, sagen sie, der Klimawandel werde schon nicht so schlimm, wie man befürchtet. Und vom Autofahren würde man schließlich auch profitieren. „Werde erst einmal so alt wie wir, dann siehst du schon, dass wir recht haben,” heißt es.

Eines Tages ist man so alt, wie es die Eltern damals waren. Und spürt angesichts der Verhältnisse und der Zustände im eigenen Umfeld, im Beruf und in der Welt eine bleierne Müdigkeit, die man sich nicht erklären kann.

Statt den Kick im Nervenkitzel, beim Ausprobieren der eigenen Fähigkeiten und Grenzen, im Erleben von Abenteuern zu suchen, findet Jeremia seine Herausforderung im Zerstören und Aufbauen. Doch in der Größenordnung, die Gott vorschwebt - er spricht von Völkern und Königreichen -, was soll ein 16jähriger da ausrichten?

Ein Haus abbrechen, ein Beet im Garten anlegen, würde auch schon eine Menge Zeit und Kraft kosten, aber es wäre zu schaffen. Doch das ist nicht, was Jeremia vorschwebt. Es geht ihm nicht um Selbstverwirklichung; er will die Welt verändern. Und das ist es auch, was Gott vorhat. Gott denkt in großen, in globalen Zusammenhängen, nicht in kleinen Schritten.

Aber wie soll ein Jugendlicher im globalen Maßstab ausreißen und einreißen, zerstören und verderben, wie soll er im Rahmen ganzer Länder bauen und pflanzen?

Natürlich ist nicht daran gedacht, dass Jeremia sich die Ärmel hochkrempelt, den Vorschlaghammer packt und auf die nächstbeste Wand eindrischt. Es ist keine Zerstörung gemeint, wie sie uns die Bilder aus dem Gaza-Streifen oder der Ukraine vor Augen führen. Das ist so eine naive Idee von Menschen, die ihren Kinderschuhen nie wirklich entwachsen sind: Einfach mal alles kaputt machen - eine Institution, einen Staat - und dann sehen, was passiert. Zum einen gibt es nichts Neues unter der Sonne, das wusste schon der Prediger Salomo vor rund zweieinhalbtausend Jahren. Das Neue, das auf den Trümmern des Alten entstehen soll, ist auch nicht automatisch besser. Und zum anderen haben die Erwachsenen schon recht, dass es so einfach, wie man sich Veränderungen vorstellt, nicht geht. Aber nicht, weil es so furchtbar schwer wäre, etwas zu verändern. Sondern weil alles mit allem zusammenhängt. Deshalb muss man sich gut überlegen, was man wem mit einer Veränderung zumutet und antut.

Das Werkzeug, dass Jeremia für sein zerstörerisches und aufbauendes Werk zur Verfügung hat, sind nicht Waffen, wie James Bond sie benutzt, sondern Worte. Aber was sollen Worte schon ausrichten? „Worte sind Schall und Rauch,” heißt es. Das merkt jede:r Jugendliche, der|die mit Erwachsenen diskutiert: Sie wird nicht ernst genommen. Wenn sie nicht weiter wissen, wenn sie gegen die Argumente der Jugendlichen nichts aufbringen können, ziehen Erwachsene die Alterskarte: „Werde erst einmal so alt wie wir, dann wirst du schon sehen …” Der Verweis auf das höhere Alter und die damit größere Lebenserfahrung soll das fehlende Argument ersetzen. Für Jugendliche ist das frustrierend. Ihre Worte prallen wie an einer Wand ab.

Dabei haben die Erwachsenen ja recht: Die Zusammenhänge sind komplexer und komplizierter, als Jugendliche sich das vorstellen. Das ist nicht ihre Schuld - es fehlt ihnen einfach die Erfahrung. Aber das Wissen, dass alles nicht so einfach ist, gibt Erwachsenen nicht das recht, das Anliegen der Jugendlichen damit einfach beiseite zu wischen.

Jeremia ist seinem Alter voraus: Er weiß, dass es unmöglich ist, sich als Jugendlicher Gehör zu verschaffen, von den Erwachsenen ernst genommen zu werden: „Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen,” sagt er; „denn ich bin zu jung.” 

Gott lässt diesen Einwand nicht gelten. Er besteht darauf, dass Jeremia den Auftrag ausführt, den er ihm erteilt.

Jeremia gehorcht. Sein Auftrag ist nicht in wenigen Stunden oder Tagen erledigt wie bei James Bond; er ist eine Lebensaufgabe. Er ist auch weder so glamourös noch so spektakulär, wie es Bonds Auftritte sind, obwohl „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben” ja erst einmal ziemlich gewaltig klingen. Aber wenn man mit Worten statt mit einem Hammer etwas auseinandernehmen soll, wird es gleich um ein Vielfaches mühsamer. Es reicht nicht zu sagen: Das ist falsch, das muss weg. Man muss Gründe liefern, Argumente, Beweise. Man muss seine Meinung durchsetzen. Wenn diese Meinung unbequem, wenn sie nicht angesagt, nicht opportun ist, wird das fast unmöglich. Das Jeremiabuch berichtet in 52 langen Kapiteln davon, wie Jeremia mit seiner Verkündigung immer wieder scheitert: Wie er mundtot gemacht wird, wie der König seine Mahnungen genüsslich Seite für Seite verbrennt, wie er mit ansehen muss, dass das Unheil hereinbricht, das er angekündigt hat.

Jeremia ist seinem Alter voraus. Er ahnt nicht nur, er weiß, dass es aussichtslos ist: Die Erwachsenen werden nicht auf ihn hören. Trotzdem hält er an seinem Auftrag fest, bleibt dabei, sogar, als er am Ende nach Ägypten verschleppt wird. Seine Spur verliert sich im Wüstensand … 

Der Auftrag zur Verkündigung, den Jeremia von Gott erhalten hatte, bedeutete nicht, den Menschen zu sagen, was sie hören wollten. Sein Auftrag war es nicht, sich mit Politikern anzufreunden, nett zu sein, Optimismus zu verbreiten. Sein Auftrag war es, auszureißen und einzureißen, zu zerstören und zu verderben und zu bauen und zu pflanzen. 

Gottes Wort war und ist Stachel im Fleisch - in unserem, und im Leib der Gesellschaft. Gott sagte über seine Schöpfung, dass sie „sehr gut” war. Aber wir, denen die Schöpfung anvertraut ist, dürfen es nicht gutheißen, wenn Gottes Schöpfung zerstört und missbraucht wird. Gott rief alle Menschen beim Namen und schenkte ihnen seine Liebe. Aber wir dürfen nicht zusehen und schweigen, wenn Menschen Unrecht geschieht, wenn ihnen Leid angetan wird, wenn jemand Leben beschädigt oder opfert, um seine Ziele durchzusetzen. 

Nicht alle haben den Auftrag, zu predigen. Die ihn haben, verzweifeln manchmal wie Jeremia daran, wie wenig sie mit ihrer Predigt ausrichten. Sie erschrecken vor der Lizenz, die sie von Gott erhalten haben, „auszureißen und einzureißen, zu zerstören und zu verderben, und zu bauen und zu pflanzen.” Die Versuchung ist groß, diese Lizenz zu verschweigen. Wer hat schon die Nerven eines James Bond und den Mut, es mit anderen aufzunehmen? Wie gern möchte man dazu gehören, Nettes sagen und Freundlichkeit verbreiten. Möchte geliebt werden statt zu nerven, bewundert werden, statt dass andere Intrigen spinnen, wie man am schnellsten aus dem Weg geräumt wird.

Nicht alle haben den Auftrag, zu predigen. Aber der Glaube fordert uns alle immer wieder auf, zu sehen, wo wir stehen, und eine Seite zu wählen: Heulen wir mit den Wölfen, oder wagen wir es, uns an die Seite derer zu stellen, die von Wölfen bedroht werden? Lassen wir uns von Gottes Wort herausfordern und infrage stellen, oder wollen wir nur hören, dass alles gut ist, dass wir ganz in Ordnung sind? Ertragen wir es, die Welt zu sehen, wie sie ist, oder behalten wir lieber die rosa Brille auf, die alles weichzeichnet?

Gott fordert Jeremia auf: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.” Nicht nur Jeremia braucht Mut. Der Glaube stellt auch uns vor Entscheidungen, die Courage verlangen. Wir hatten einmal die Lizenz zum Risiko, oder träumten davon. Was ist daraus geworden? Der Mut, den der Glaube braucht, ist nicht nur der Mut zu Widerstand und Widerspruch, der Mut, sich zu den Außenseitern zu stellen, selbst ein:e Außenseiter:in zu sein. 

Zunächst braucht der Glaube den Mut, sich darauf zu verlassen, dass Gott tatsächlich bei uns ist und uns retten wird. Man kann es niemandem verdenken, dem dieser Mut fehlt. Das Jeremiabuch selbst zeigt eindrücklich, was Jeremia alles erleiden und aushalten musste, bis hin zu seiner Verschleppung und einem ungewissen Schicksal. Unser Glaube ist keine Garantie, dass das Leben uns unversehrt und unbeschadet lässt. Doch unser Glaube hält die Träume lebendig, die wir schon als Jugendliche hatten. Er hält die Flamme des Zorns lebendig, die aufloderte, wenn wir Ungerechtigkeit oder Verlogenheit erlebten. Der Glaube hält uns lebendig in einem Leben, das mindestens so aufregend ist wie das von James Bond, auch wenn uns zum Glück keine Kugeln um den Kopf und keine Autos in die Luft fliegen. Denn einen James Bond gibt es nur in der Phantasie. Unser Leben ist real. Und wenn wir wollen, werden wir die Welt verändern.

Sonntag, 26. Juli 2026

bei Lichte betrachtet

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2026, über Johannes 9,1-7


Liebe Schwestern und Brüder,

„wer hat gesündigt, der blind Geborene oder seine Eltern?”

Eine Frage, bei der wir eigentlich kollektiv die Luft anhalten, bei der wir eigentlich leise oder laut murren müssten: Wie kann man angesichts einer Behinderung nach Schuld fragen!? Wie kann man auf den Gedanken kommen, die Eltern könnten etwas dafür, dass ihr Kind blind geboren wurde!? Wie zynisch, wie unmenschlich ist das!

Aber wir haben nicht die Luft angehalten. Wir haben nicht gemurrt, nicht einmal heimlich, fürchte ich. Wir sind solche Fragen gewohnt; man kennt das, wenn man mit biblischen Texten vertraut ist. Da wird ein Zusammenhang hergestellt und als selbstverständlich vorausgesetzt: Ein Zusammenhang zwischen dem, was jemand getan hat und dem, was ihr oder ihm widerfährt: Der sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang”

Er besagt: Wer etwas Schlimmes erlebt, wer z.B. krank wird, muss vorher etwas Schlimmes getan, muss „gesündigt” haben. Dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang findet sich nicht nur an vielen Stellen des Alten Testaments. Zur Zeit Jesu wurde auch noch so gedacht; darum fragen die Jünger. Es kommt uns nicht in den Sinn, dass eine solche Frage nach der Schuld an einer Krankheit oder nach der Schuld an einer körperlichen Behinderung auch damals schon problematisch gewesen sein könnte.

So ist das generell mit Formulierungen: Man gewöhnt sich viel zu schnell an sie und hört nicht hin. Man nimmt nicht wahr, welchen Sprengstoff ein Wort, ein Satz birgt, welche Gemeinheit er enthält, wie ungerecht er ist. Worte wie „entartet”, „Asozialer” oder „Sozialschmarotzer”. Sätze wie „Ausländer raus” oder „Wir sind das Volk!”

Der Ausruf „Wir sind das Volk” wurde übrigens nicht auf den Montagsdemos vor der Wende 1989 und danach erfunden. Er stammt vom Philosophen Martin Heidegger; er äußerte ihn in einer Vorlesung, die er im Jahr 1934 hielt. Darin verklärte er die Machtergreifung durch Adolf Hitler als eine „geschichtliche Sendung” des deutschen Volkes, das sich dem Willen Hitlers unterwerfen müsse, weil es nur so zu seiner wahren Bestimmung gelange.

Viktor Klemperer hat solche Worte und Sätze in seinem Buch „LTI” - „Lingua Tertii Imperii” (Die Sprache des Dritten Reiches) - gesammelt. Nicht aus Freude an der Vielfalt oder dem Streben nach Vollständigkeit wie jemand, der Briefmarken sammelt. Sondern um nachkommende Generationen zu lehren, wachsam zu bleiben und genau hinzuhören.

Und tatsächlich gibt es heute wieder eine Partei, die sich der „Sprache des Dritten Reiches” bedient und mit den Grenzen der Sprache auch die Grenzen des Denkens verschiebt. Was man früher aus gutem Grund nicht dachte und erst recht nicht sagte, wird heute ausgesprochen und gesellschaftsfähig; Worte und Formulierungen, die sich auch in Klemperers „LTI” finden könnten, wie die „Kopftuchmädchen” und „Messermänner”.

ii

Nun ist die Frage der Jünger, ob der von Geburt an Blinde oder seine Eltern Schuld an seiner Behinderung seien, nicht vergleichbar mit der widerwärtigen Sprache des sogenannten „Dritten Reiches”. Aber wie das Gift der „LTI” damals in die Herzen und Hirne eingesickert ist und heute wieder einsickert, so verbreitet sich auch das Gift eines naiv verstandenen Tun-Ergehen-Zusammenhanges.

Denn schon im Alten Testament, im Buch Hiob, wird dieser scheinbare Zusammenhang ad absurdum geführt: Hiob ist ein rechtschaffener Mann, der nach Gottes Geboten lebt und sich nichts zuschulden kommen lässt. Trotzdem verliert er alles, was er hat, und wird schwer krank. Seine Freunde, die ihn zu trösten kamen, drängen ihn dazu, seine Schuld einzugestehen. Bei all ihrer Sympathie für Hiob: Irgendetwas muss er falsch gemacht haben, sonst wäre ihm das Unheil nicht widerfahren.

Aber Hiob weiß, dass er unschuldig ist, und besteht auf seiner Unschuld. Am Ende ergreift Gott Partei für Hiob. Gegen seine Freunde, die meinen, Gottes Willen zu verstehen und zu vertreten. Aber auch Hiob kann, trotz seiner Unschuld, vor Gott nicht bestehen - das gibt er am Ende kleinlaut zu.

Gott greift nicht strafend oder belohnend in unser Leben ein. Dennoch ist er allmächtig: Gott hat die Welt geschaffen; sie folgt den Regeln, die er festgesetzt hat. Gott tut, was er will. Und will das Gute, will Gerechtigkeit für uns und für die Welt. Dieses Gute, diese Gerechtigkeit wird er durchsetzen - bloß nicht dann, wenn wir es meinen oder erwarten.

Die Lösung, die das Hiobbuch beschreibt, verlegt die Macht, über unser Leben zu entscheiden, von unseren in Gottes Hände. Das widerspricht unseren Erfahrungen, dass Gott nicht in unser Leben eingreift. Wir entscheiden selbst, wie wir leben, was wir tun wollen. Wir müssen die Folgen unserer Entscheidungen tragen und mit den Folgen unserer Entscheidungen leben.

iii

Ja, das müssen wir. Aber dafür sind unsere Entscheidungen oft reichlich unüberlegt. Wir können ohnehin nicht alle Eventualitäten kennen und abwägen. Im Moment der Entscheidung können wir nicht absehen, wohin uns die Entscheidung führt. Die meisten Entscheidungen werden „aus dem Bauch heraus” getroffen, aus der Laune des Augenblicks, oder weil es sich gerade so ergibt.

Vor allem so weitreichende Entscheidungen wie die Wahl des Wohnortes oder des Berufes, die Entscheidung für eine Partnerin, einen Partner, die Gründung einer Familie, die Wahl des Hobbys, mit dem man sich ein Leben lang beschäftigt.

Wenn es gut gegangen und man glücklich ist, staunt man und ist dankbar, wie sich alles „gefügt” hat. Wenn einem Böses widerfährt, sich Entscheidungen als falsch erweisen; wenn man im Leben falsch abgebogen und in einer Sackgasse gelandet ist, hadert man mit seinem Schicksal, fragt man Gott nach dem Warum, fragt man wie Hiob nach seiner Schuld.

Es fällt leicht, das Gute als Gabe aus Gottes Hand anzunehmen. Schweres, Leidvolles empfindet man nicht als Gabe, sondern als Strafe Gottes. Natürlich. Wie sollte eine Krankheit, der Verlust eines lieben Menschen, Leid, das man durch andere erfährt, ein Geschenk Gottes sein? Es ist aber zu kurz gedacht, wenn wir das, was wir als gut empfinden, als Gabe, gar als Belohnung Gottes ansehen und das, was uns als unangenehm oder leidvoll erscheint, als Strafe.

So leicht lässt sich die Grenze zwischen Gut und Böse nicht immer ziehen. Mein Vater z.B. erbte als einziger Sohn seiner Eltern den Hof, auf dem Generationen vor ihm gewirtschaftet hatten. Einen Hof zu erben gilt gemeinhin als etwas Gutes. Mein Vater aber wollte lieber etwas lernen. Er träumte davon, zu studieren und Förster zu werden. Sein Leben lang war er unglücklich, weil er diesen Traum nicht verwirklichen konnte, weil er den Hof übernehmen und Landwirt werden musste.

Wie ist das nun mit der Entscheidung? Wer hat sie getroffen? Es scheint, als ob wir auf die Entscheidungen, die unser Leben am meisten betreffen, oft den geringsten Einfluss haben. Wir müssen uns irgendwie mit dem arrangieren, was aus der Entscheidung folgt. Manchen gelingt das. Manche machen sogar etwas Gutes daraus. Andere, wie mein Vater, hadern ihr Leben lang damit. War das Gottes Wille?

iv

Und wie sieht es mit dem aus, wofür wir gar nichts können? Die Jünger fragen, ob der blind Geborene mit seiner Behinderung eine Schuld der Eltern abträgt. Bei den Propheten Jeremia und Ezechiel taucht diese Vorstellung auf: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen sind die Zähne davon stumpf geworden,” heißt es da. Dieses Bild will sagen, dass das Leben der Kinder manchmal von den Fehlern ihrer Eltern bestimmt wird.

In der heutigen Forschung spricht man von „transgenerationeller Weitergabe von Schuld” - Schuld, die von einer Generation an die andere quasi vererbt wird. Man hat festgestellt, dass besonders die Enkel unter der - tatsächlichen oder gefühlten - Schuld ihrer Großeltern leiden. So wurden Enkel von Überlebenden des Holocaust krank, weil ihre Großeltern Schuldgefühle hatten, dass sie überlebt hatten, ihre Eltern, Geschwister oder Freunde nicht. Und Enkel der Täter des sogenannten „Dritten Reichs” schämen sich bis heute für das, was ihre Großeltern taten, und leiden darunter.

Wenn man zwischen dem, was man tat, und dem, was einem widerfährt, einen Zusammenhang herstellt und dabei Gott aus dem Spiel lässt, kann das viel Leid und Schmerz verursachen. Darum lehnt Jesus die Frage der Jünger ab: Keiner hat gesündigt, weder der Blinde, noch seine Eltern. Das, was man erlebt, ist nicht die unmittelbare Folge unserer Taten - es sei denn, man haut sich mit dem Hammer auf den Daumen.

Wenn man das ernst nimmt, wird man sich hüten, Menschen für das Leid mit verantwortlich zu machen, das sie erfahren. Denn auch das ist eine falsche Anwendung des Zusammenhangs von Tun und Ergehen: Dass man bis heute unterstellt, wie es Hiobs Freunde tun, jemand, der leidet, müsse einen Anteil daran haben. Auch wenn wir es besser wissen, können wir uns nicht vorstellen, dass jemand nichts dafür kann, dass es ihr oder ihm so ergeht.

Darum funktioniert Mobbing so gut: Weil man sich nicht vorstellen kann, dass die Person, die da von anderen gequält wird, unschuldig ist. Irgendwas muss sie doch getan haben, dass sie gemobbt wird. Irgendwie wird sie es schon verdienen. Ganz ohne Grund wird doch niemandem etwas Böses angetan.

Und darum funktioniert üble Nachrede so gut: Weil wir bereit sind zu glauben, dass der, dem Übles nachgesagt wird, auch schlecht sein muss. Man kann sich nicht vorstellen, dass man anderen ohne Grund Schlechtes nachsagt.

Doch. Es gibt Menschen, und es sind gar nicht wenige, die andere grundlos quälen oder über andere herziehen. Natürlich haben sie für sich einen Grund - es geht ihnen um Macht, um Rache, oder sie sind neidisch. Aber der, der da gequält wird, hat nichts getan, womit er diese Behandlung verdiente.

Und selbst wenn er oder sie etwas Falsches getan hätte, so muss man doch fragen, ob man überhaupt einen Menschen quälen darf. Ob nicht jeder Mensch einen fairen Umgang verdient - sogar der, der sich selbst nicht fair verhält.

v

Wo man hinnimmt, was geschieht, oder sogar unterstellt, der, die andere habe eine Mitschuld an dem, was ihr widerfährt, herrscht „die Nacht, in der niemand wirken kann.” Wenn man einfachen Parolen glauben schenkt oder sie sogar nachplappert. Wenn man nicht zusammenzuckt bei einem Satz, der Menschen ausgrenzt oder ihnen das Menschsein abspricht. Nicht dem Wort widerspricht, das Menschen erniedrigt und demütigt.

In solcher Umnachtung der Vernunft werden Ungeheuer geboren. Werden Menschen zu Sündenböcken gemacht, gebrandmarkt und schließlich verfolgt. Werden Menschen ausgegrenzt und verächtlich gemacht nur, weil sie nicht so sein können oder nicht so leben wollen, wie es eine andere Gruppe will. In solcher Umnachtung der Vernunft glaubt man an den Zusammenhang vom Tun und seinen Folgen, bringt man menschenverachtende Parolen an Gefängnissen an wie die von der Arbeit, die frei macht.

Jesus nennt sich „das Licht der Welt”. In diesem Licht sollen wir unsere Entscheidungen fällen, betrachten und bedenken. Im Lichte dessen, der die Liebe ist und sich als Mensch seinen Mitmenschen zuwandte. In diesem Licht haben weder der blind Geborene gesündigt, noch seine Eltern. In diesem Licht sind wir verantwortlich für unsere Entscheidungen und verdienen zugleich Mitgefühl und Mitleid, wenn sie uns auf Wege geführt haben, die wir nicht gehen wollten.

Jesus, das Licht der Welt, ist das Lese-Licht, mit dem wir unser Leben lesen und das unserer Mitmenschen. Im Licht der Liebe Gottes gilt uns und allen Menschen Respekt; gilt uns und allen Menschen die Unschuldsvermutung; gilt allen Menschen die Liebe, die auch wir zum Leben brauchen. Wenn wir sie ihnen nicht geben können, so haben sie doch verdient, dass ein:e andere:r sie ihnen gibt. Und dass wir die Liebe, die ihnen gilt und die wir nicht geben können, zumindest nicht verhindern durch Neid oder Bosheit.

Um die Welt im Licht der Liebe Gottes zu sehen, müssen einem erst die Augen geöffnet werden. Wenn es um Jesus, das Licht der Welt geht, sind wir alle blind Geborene. Wir wussten nichts von Gottes Liebe, bis Jesus uns die Augen dafür öffnete, indem er uns liebevoll anrührte.

Manche Menschen haben diese Berührung bis heute nicht erfahren. Manche fürchten sich davor, ins Licht der Liebe Gottes zu geraten. Sie haben Angst davor, sich mit den Augen Gottes zu sehen, weil sie nicht an Gottes Liebe glauben können, an Gottes Vergebung und Barmherzigkeit.

Gebe Gott, dass Jesus auch ihre Blindheit eines Tages heilen wird.

Sonntag, 28. Juni 2026

Umgang mit der Wut

Predigt am 4.Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2026, über Römer 12,17-21


Liebe Schwestern und Brüder,


„wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen;

dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.

Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.”


Einer der einprägsamen Sätze der Bibel.

Wer ihn einmal gelesen hat, der vergisst ihn nicht so schnell.

Wahrscheinlich liegt es am drastischen Bild, das er zeichnet:

feurige Kohlen auf dem Kopf - stellen Sie sich das mal vor!

Das mag man sich gar nicht vorstellen.

Aber wie mit dem rosa Elefanten, an den man nicht denken soll

und gerade deshalb an ihn denkt,

so ist es auch mit den glühenden Kohlen auf dem Haupt:

Wenn der Gedanke erst einmal da ist, bleibt er.


Unangenehm ist er, dieser Gedanke.

Und darum geht es auch, denke ich.

Der Satz will nicht ausmalen,

wie schrecklich und schmerzhaft es sein muss,

wenn glühende Kohlen Haar und Haut versengen.

Es geht ihm um das Unangenehme,

das man allein bei der Vorstellung empfindet:

So fühlt sich ein Feind, dem wider Erwarten Gutes getan wird.


Denn ein Feind rechnet nicht damit,

von seinem Gegner zu Essen und zu Trinken zu bekommen.

Wenn der Feind in diese Verlegenheit käme,

wäre er in der Hand seines Gegners, er wäre sein Gefangener.

Solange er die Oberhand behielt,

nahm er sich einfach, was er brauchte.

Im Krieg ist alles erlaubt - jedenfalls fragt keiner,

woher das Brot und der Trank kam.


Wer aber Speis und Trank überreicht bekommt,

stellt keine Bedrohung mehr dar.

Der hat die Waffen aus der Hand gelegt -

sonst könnte er die Nahrung nicht annehmen.

Ob er das aus freien Stücken tat, oder weil er besiegt wurde:

er ist seinem Gegner unterlegen, der ihm Essen spendet.


Öffentlich als unterlegen dazustehen ist peinlich -

und wem etwas peinlich ist, der bekommt einen roten Kopf,

rot wie glühende Kohlen.

Da ist es, das Bild von den Kohlen auf dem Haupt.

Es meint eigentlich die Schamesröte,

die das Gesicht zum Glühen bringt.


Die Großzügigkeit des Gegners beschämt den Feind.

Ist das der Sinn der Übung?

Wenn ja, wäre das auch eine Form der Gewalt.

Man nennt sie „passive Aggression”.

Der Name weist darauf hin,

dass dabei Gewalt nicht sichtbar ausgeübt wird.

Nach außen hin ist man ganz friedlich.

Man versetzt dem anderen heimlich einen Hieb,

von dem er oft erst hinterher etwas bemerkt.


Z.B. durch ein vergiftetes Kompliment:

„Dafür, dass du total ungeschickt bist,

hast du es doch noch ganz gut hingekriegt.”

Erst auf den zweiten Blick merkt man,

dass einem gerade eine große Unverschämtheit gesagt wurde.


Oder durch die sogenannte „Schuldumkehr”:

„Es tut mir leid, dass du dich durch meine Bemerkung gekränkt fühlst.”

Auch hier bemerkt man die Gemeinheit erst im Nachhinein:

Statt sich für die Kränkung zu entschuldigen,

schiebt der andere einem selbst die Schuld in die Schuhe:

Man hat ihn angeblich einfach nicht richtig verstanden.


Die passive Aggression kommt ganz friedlich daher.

Unter dem Deckmantel eines Komplimentes

oder einer vorgeblichen Entschuldigung tut sie dem anderen weh.

Weil sie so gut getarnt ist, merkt man nicht gleich,

welche Gemeinheit einem da untergejubelt wurde.

Wenn man es bemerkt, ist es für eine Entgegnung meist zu spät.


Passive Aggression kommt überall da vor,

wo nach außen hin der Schein von Geschwisterlichkeit,

Friede und Freundlichkeit gewahrt werden muss.

Also ganz besonders in der Kirche.

Unter Christenmenschen ist es verpönt, zornig oder wütend zu sein.

Wir sollen uns doch alle lieben!


Aber auch unter Christenmenschen gibt es Neid oder Zorn auf den anderen,

fühlt man sich gekränkt, zurückgesetzt, verletzt.

Diese Gefühle müssen irgendwo hin;

man kann seine Wut nicht dauerhaft herunterschlucken.

Wenn man aber nicht wütend sein darf,

frisst man entweder die Wut in sich hinein und wird krank davon -

oder man findet Wege, dem anderen eins auszuwischen:

Die passive Aggression.


Die glühenden Kohlen auf dem Haupt gehören aber nicht dazu.

Denn sie existieren nur in der Vorstellung dessen,

der seinem Feind etwas zu Essen und zu Trinken gibt;

der Feind selbst merkt nichts von diesen Gedanken.

Er empfindet allenfalls die Beschämung,

von seinem Gegner so freundlich behandelt zu werden.


Die Vorstellung, dem anderen glühende Kohlen aufs Haupt zu häufen,

ist ein Ausweg aus dem Dilemma,

die Wut entweder in sich hineinzufressen

oder es dem anderen passiv-aggressiv heimzuzahlen.


An vielen Stellen der Bibel finden sich solche Bilder,

die dem Feind in der Phantasie etwas Schlimmes antun oder wünschen.

Am furchtbarsten ist wohl der Schluss des 137. Psalms, der so beginnt:


„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,

wenn wir an Zion gedachten.

Denn dort hießen uns singen,

die uns gefangen hielten,

und in unserm Heulen fröhlich sein.”


Dieser Psalm endet mit den schrecklichen Worten:


„Tochter Babel, du Verwüsterin,

wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast!

Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt

und sie am Felsen zerschmettert!”


Wie können solche Worte in der Bibel stehen?

Wie kann man so etwas Schlimmes auch nur denken?


Es ist ein gewaltiger Unterschied,

ob man sich etwas vorstellt, oder ob man es auch tut.

Eine Vorstellung von etwas führt nicht zwangsläufig zur Tat.

Im Gegenteil: Manchmal reicht es, sich etwas vorzustellen;

man muss es dann nicht mehr tun.

Man schämt sich vielleicht sogar dafür,

dass man dem anderen so etwas Schlimmes gewünscht hat.


Die Kirche hat auch die Gedanken zur Quelle der Sünde erklärt:

„Ich habe gegen dich gesündigt in Gedanken, Worten und Werken,”

heißt es im Schuldbekenntnis.

Als sündig galten vor allem sexuelle Träume.

Aber auch dem Feind Böses zu wünschen,

wie es der 137. Psalm tut, war Sünde.


Aber ein Feind ist ja nicht einfach nur jemand,

der mich nicht mag, der mich gekränkt oder beleidigt hat.

Ein Feind ist jemand, der mich bekämpft.

Der mir schaden, mir Böses tun, mich vernichten will.

Das merkt man, wenn man seinem Feind gegenübersteht,

schon bevor man den ersten Hieb erhalten hat.


Wenn man so persönlich angegangen wird,

wenn man weggewünscht, weggemobbt, weggejagt wird -

sollte man dann nicht zornig sein?

Natürlich ist man zornig, so wie man Schmerz empfindet,

wenn man geschlagen wird, sich schneidet oder stößt.


Diesen Zorn empfindet man, man kann gar nicht anders.

Es wäre fahrlässig, ihn zu unterdrücken,

denn er sucht sich und findet ein Ventil.

Aber zwischen dem Empfinden des Zorns

und dem Wutausbruch liegen Welten,

genau wie zwischen dem Gedanken und der Tat.


Um den Zorn nicht ausleben zu müssen,

um ihn aber auch nicht in sich hineinzufressen,

kann man sich in Gedanken ausmalen,

was man seinem Feind alles antun,

was man ihm an Bösem und Schlechtem wünschen würde.


Dann braucht man es nicht mehr zu tun.

Dann kann man wieder klar sehen und erkennen,

dass auch der Feind ein Mensch ist,

der Hunger hat und Durst,

im wörtlichen und im übertragenen Sinn.


Die Israeliten waren Gefangene in Babylon.

Sie waren nicht in der Lage, sich an ihren Feinden zu rächen

und ihnen heimzuzahlen, was sie ihnen angetan hatten.

Das Land Israel war immer schon ein Spielball der Mächte,

das Volk Israel Opfer ihrer Schach- und Winkelzüge.

Sie konnten sich nicht wehren.

Sie konnten aber in den Psalmen ihrer Wut und Verzweiflung Ausdruck geben.


Wer schwach, klein und unterlegen ist,

dem bleibt nur das Schimpfen und Fluchen.

Das ist keine Schwäche - im Gegenteil: Es ist eine Stärke.

Wer dem Feind glühende Kohlen aufs Haupt wünschen kann,

muss ihn nicht sein Haus anzünden.


Um Gewalt zu verhindern, muss man Hass und Zorn einen Raum geben,

in dem sie keinen Schaden anrichten können: Unseren Kopf.

Um die Feinde lieben und ihnen Brot und Trank reichen zu können,

muss man die Wut, den Schmerz, den Zorn empfunden haben,

den ihre Feindschaft anrichtete.


Wenn man diese Gefühle zulassen und ihnen Raum geben konnte,

ohne sie auszuleben und in die Tat umsetzen zu müssen,

kann man das Messer aus der Hand legen

und dem Feind mit Brot in der Hand gegenübertreten.

Erst wer das Böse in sich selbst überwunden hat,

kann Böses mit Gutem überwinden.

Sonntag, 14. Juni 2026

Freundlichkeit

Predigt am 2.Sonntag nach Trinitatis, 14.6.2026, über Matthäus 11,25-30

Jesus sprach:
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast
und hast es Unmündigen offenbart.
Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
Alles ist mir übergeben von meinem Vater,
und niemand kennt den Sohn als nur der Vater;
und niemand kennt den Vater als nur der Sohn
und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.


Liebe Schwestern und Brüder,

„Das Gute - dieser Satz steht fest - ist stets das Böse, was man lässt.” 

So lautet das Fazit, das Wilhelm Busch dem Onkel Nolte
über „Die fromme Helene” in den Mund legt.
„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt.”
Ja, wenn es so einfach wäre!
Wenn es genügte, das Böse nicht zu tun, um dadurch gut zu sein.

Gutes tun durch Unterlassen des Bösen - das ist das Prinzip,
das der zweiten Hälfte der Zehn Gebote zugrundeliegt.
Sie sagt uns, welches Böse wir nicht tun sollen:
„Du sollst nicht töten;
du sollst nicht ehebrechen;
du sollst nicht stehlen;
du sollst nicht falsch Zeugnis reden;
du sollst nicht begehren.”

Aber wer nur unterlässt, Falsches zu tun,
tut damit nicht zugleich immer das Richtige.
Die Erfahrung lehrt:
Um das Gute muss man sich stets und ständig bemühen,
während Böses scheinbar ganz von selbst passiert.

Natürlich wäre schon viel gewonnen, wenn die, die Böses tun, es ließen.
Wenn z.B. die, die andere angreifen, auf andere schießen,
ihre Waffen aus der Hand legen würden.
Wenn am besten gar keine Waffen mehr hergestellt würden.
Aber so wenig, wie Frieden die Abwesenheit von Krieg ist,
wird ein Krieg nicht dadurch beendet, dass man die Waffen ruhen lässt.

Die Waffen nieder! - das ist der erste Schritt.
Damit er gegangen werden kann,
müssen ihm viele mühsame Verhandlungsrunden vorausgehen,
in denen gerade so viel Vertrauen aufgebaut wird,
dass beide Seiten zumindest nicht mehr aufeinander schießen.
Die eigentliche Arbeit beginnt damit erst:
Eine Basis für einen dauerhaften Frieden zu schaffen.

Dazu gehört, dass man einen Ausgleich der Interessen findet,
um deretwillen der Krieg geführt wurde;
dass man Propaganda gegen den ehemaligen Feind
und Provokationen gegen die jeweils andere Seite unterlässt;
dass Verbrechen und Schuld benannt
und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.
Eines Tages kommt es dann vielleicht zu tatsächlicher Versöhnung.
Kommt es dazu, dass man sich über Gräben und Gräber hinweg die Hand reicht
und aus ehemaligen Feinden Freunde werden.

Aus dieser - keineswegs vollständigen - Aufzählung wird deutlich,
wie mühevoll der Weg der Verständigung ist,
wieviel Zeit und Arbeit er kostet.
Wir Deutschen sind diesen Weg auf unsere Nachbarn zu gegangen,
die wir im vergangenen Jahrhundert zweimal angegriffen haben.
Die, die sich einmal als Herren der Welt wähnten, mussten sich dafür tief bücken.
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 war der erste Schritt,
und der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt
vor dem Ehrenmal für die Helden das Warschauer Ghettos
am 7. Dezember 1970 der wichtigste.
Dadurch wurde Deutschland zu einem gleichberechtigten und anerkannten Partner
in der Europäischen Gemeinschaft und im Bund der Völker.

Doch wir dürfen uns auf dieser Versöhnungsarbeit nicht ausruhen.
Völkerverständigung bedeutet, dass man im Gespräch bleibt,
die Sprachen der Nachbarländer erlernt und mit den Nachbarn spricht.
Frieden wird dadurch bewahrt, dass weiterhin Konflikte gelöst
und Interessen ausgeglichen werden.
Dass man um des gemeinsamen Zieles willen auch einmal nachgibt.
Die mitnimmt, die nicht so stark sind wie man selbst. 

Wie im Großen der Völker, so reicht es auch in unserer Gesellschaft nicht,
dass man Böses unterlässt, sich gegenseitig in Ruhe lässt.
Damit wir in Frieden zusammenleben, müssen auch unter uns
Ungleichheiten beseitigt, Interessen ausgeglichen und Konflikte gelöst werden.
Muss auf die Rücksicht genommen werden, die nicht so stark sind,
auf die, die in der Minderheit sind, die keine Fürsprecher haben.

Das gilt schließlich auch für unser Verhältnis zu Gott.
Wenn Jesus den Willen Gottes zusammenfasst im Doppelgebot der Liebe:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt
und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”
(Mt 22,37-39),

so ist das mehr, als nur darauf zu verzichten, dem anderen Böses zu tun.
Liebe ist ein aktives Zugehen auf den anderen.
Die Liebe, von der hier die Rede ist,
äußert sich nicht durch Zuneigung, Sympathie;
sie findet ihren Ausdruck durch das, was wir tun.

Darum spricht Jesus vom Joch, das wir auf uns nehmen sollen.
Das Joch war eine Holzstange,
die man sich auf die Schulter legte oder auferlegt bekam,
und an deren beiden Enden Lasten befestigt waren.
So holte man früher z.B. Wasser vom Brunnen.
Wir benutzen heute keine Joche mehr.
Trotzdem weiß jede:r, dass damit eine Belastung gemeint ist,
die man auf sich nimmt oder aufgeladen bekommt.
Richtig handeln, Gutes tun, das kann eine Last sein,
wenn man sich dafür anstrengen, seine Gewohnheiten ändern muss.

Wie viel leichter hat es dagegen das Böse.
Die Skulpturen der sieben Todsünden,
die wir gleich nach diesem Gottesdienst kennenlernen werden,
oder die Sie sich schon angeschaut haben,
bringen dieses Böse eindrücklich zum Ausdruck,
sie bringen es geradezu auf den Punkt:

"Die sieben Todsünden" von Adriana Majdzińska

Superbia - Stolz
Avaritia - Geiz
Luxuria - Wollust
Ira - Zorn
Gula - Völlerei
Invidia - Neid und
Acedia - Faulheit 

Die Letzte in der Reihe, die Faulheit, steht sinnbildlich dafür,
wie Böses sich geradezu von selbst einstellt: durch Unterlassen.
„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt,”
dieser Satz gilt auch andersherum:
Böses geschieht, wenn man Gutes unterlässt.

Aber auch die anderen Todsünden ergeben sich quasi von allein:
Der Stolz ist eine Haltung, eine Eigenschaft,
die eine:n selbst nichts kostet, anderen aber viel Mühe macht.
Man selbst muss höchstens den Kopf höher tragen,
um besser auf die anderen herabblicken zu können.

Der Geiz muss auch nicht mehr tun,
als die Geldbörse zu verschließen, die Haustür, die Hände oder das Herz.

Die Wollust kann eine schweißtreibende Angelegenheit sein,
aber das bemerkt man nicht, weil man sie nicht als Arbeit empfindet,
sondern als Vergnügen.

Der Zorn bricht aus einem heraus wie ein Blitz:
aufgestaute, überschüssige Energie, die sich entlädt.
So ein Zornesausbruch schafft Erleichterung,
indem er der angestauten Aggression ein Ventil öffnet:
statt seinen Ärger mühsam unter Kontrolle zu bringen,
lädt man ihn einfach auf jemand anderen ab.

Die Völlerei ist auch keine Arbeit.
Die Schlaraffen im Schlaraffenland schlagen sich im Liegen die Bäuche voll.
Jede überflüssige Bewegung wird vermieden;
nur soviel, wie nötig ist, um die Gabel zum Munde zu führen.

Bleibt noch der Neid - macht er Mühe?
Nach meiner Erfahrung ist es mit dem Neid wie mit dem Jähzorn:
Er bricht hervor, wenn er dazu einen Anlass findet.
Er entzündet sich wie ein Streichholz. Dazu braucht es nicht viel.
Wie der Zorn ist der Neid angestaute Energie,
die nur einen Funken benötigt, um sich zu entladen.

Was wir als „Sieben Todsünden” kennen, sind aber noch gar keine Sünden.
Zwar ist ein Zornesausbruch verletzend, Geiz und Stolz können kränken.
Aber eigentlich sind das, was wir „Todsünden” nennen,
die Eigenschaften, die dazu führen, dass man Böses tut.
Sie stehen hinter dem, was die Bibel „Sünde” nennt,
sie führen und verführen dazu, anderen Böses anzutun.

Wer stolz ist, stört oder zerstört eine Beziehung;
wer geizt, verweigert anderen das zum Leben Nötige.
Wer von Wollust geleitet wird, missbraucht Menschen,
und wer von Zorn erregt wird, vergisst sich,
überschreitet Grenzen, zerstört und verletzt.
Die Völlerei eignet sich an, was allen gemeinsam gehört
und was man untereinander teilen sollte.
Der Neid stiehlt, was andere besitzen,
bekämpft den, der etwas besser kann als man selbst,
gönnt anderen nicht, was sie zum Leben brauchen.
Die Faulheit schließlich verweigert Hilfe, ist unsolidarisch.

Die sogenannten „Todsünden” - als Eigenschaften kosten sie keine Energie.
Aber wozu sie einen Menschen bewegen,
das macht eine ganze Menge Arbeit:

Wie schwer hat es der Neider, dem anderen nachzueifern, den er beneidet,
oder ihm Steine in den Weg zu legen, wenn er ihm nicht ebenbürtig ist.

Wie viel Mühe macht der Geiz, den Besitz zusammenzuhalten und zu mehren,
nach dem Schnäppchen Ausschau zu halten,
die angeblichen Schmarotzer abzuwimmeln,
den Besitz möglichst gewinnbringend anzulegen.

Wie sehr entstellt der Zorn einen Menschen,
wenn ihm die Zornesröte ins Gesicht steigt, wenn seine Adern schwellen
und sein Antlitz sich zur Maske des Hasses verzerrt.

Nur die Faulheit ist scheinbar umsonst zu haben.
Aber auch sie fordert ihren Tribut vom Körper,
den sie systematisch zugrunde richtet.

Das Böse erscheint nur auf den ersten Blick leicht.
Es ergibt sich nur scheinbar von selbst.
Auch das Böse kostet Kraft - viel Kraft sogar.
Doch während Jesus uns ein Joch auferlegt,
beugt man sich freiwillig unter die Last,
die man mit den Todsünden auf sich nimmt.

Worin besteht denn nun eigentlich dieses Joch, von dem Jesus möchte,
dass wir es mit dem Joch der Todsünden tauschen?

Nimmt man sich Jesus zum Vorbild, steht man vor einer unlösbaren Aufgabe:
Wie soll man diesem Gerechten nacheifern?
Wie soll man in solchem Vertrauen auf Gott und die Macht seiner Liebe leben,
selbstlos für andere da sein, wie er es tat?
Wer könnte sich wie er schutzlos und wehrlos
in die Hände seiner Mitmenschen begeben?

Schon den ersten Christ:innen war klar, dass Jesu Fußtapfen zu groß für sie waren.
Aber sie waren überzeugt, dass sie es wenigstens versuchen müssten.
Die Nachfolge Jesu verlangt Opfer:
Verzicht auf finanzielle Sicherheit,
wie ihn Jesus vom Reichen Jüngling gefordert hatte.
Verzicht auf Eigentum, auf Haus und Familie.
Verzicht auf alles, was das Leben lebenswert macht:
eine Beziehung, Genuss, Schönheit, Lust.

Denn hinter dem, was uns lebendig macht, lauert immer eine der Todsünden:
Die Lust, die keine Grenzen kennt
und die des anderen nicht respektiert, wird zur Wollust.
Die Freude an der eigenen Leistung kann in Stolz umschlagen.
Der Genuss, der immer mehr will, ist Völlerei.
Wer, was er besitzt, nur für sich haben will, wird geizig;
wer sich mit anderen vergleicht, wird neidisch.
Wer seinen Gefühlen freien Lauf lässt, kann zornig werden;
wer nichts mehr fühlt, wird faul.

Darum, so lehrten es die Kirchenväter, muss man sich an die Kandare nehmen:
Zum Verzicht muss die Selbstbeherrschung treten.
Sie wurde eingeübt durch regelmäßiges Fasten und feste Gebetszeiten.
Wer es mit dem Glauben wirklich ernst nahm,
lebte in klösterlicher Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zusammen,
entsagte der Welt und allen weltlichen Freuden.

Aber weil der Mensch ein Mensch ist,
und weil Gott uns diese wunderbare Welt und unsere Körper
mit all ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten geschenkt hat,
damit wir sie nutzen und genießen,
führte dieses Ideal zu einem Dauer-Frust:
Man konnte nur daran scheitern.
In der Sprache der Kirchenväter hieß das:
Man war eine Sünderin, man war ein Sünder.
Nie war man gut genug, nie tat man genug,
nie wurde man Gott und dem Nächsten gerecht.
So konnte man Gott nicht unter die Augen treten.

Martin Luther erlöste aus dieser Schuldenfalle,
indem er genau las, was da eigentlich stand:
„Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig,” sagt Jesus.
Jesus möchte nicht, dass wir uns Gewalt und Zwang antun.
Wir können nicht so werden wie er, wir müssen es auch nicht.
Wenn er dem Reichen Jüngling rät, seinen Besitz aufzugeben,
will er ihm nicht eine erdrückende Last auflegen;
er will ihn von der Last seines Besitzes befreien.

Mit Luthers Worten:
„Vor allem aber ist besonders zu merken
und sollte man mit großen Buchstaben schreiben,
dass Christus nicht spricht: Lernt von mir, zu fasten
und zu machen, wozu die wunderlichen Heiligen grämlich treiben.
Er spricht auch nicht: Lernt von mir, auf dem Wasser zu gehen
und andere Wunder zu tun (denn das gehört nur ihm zu).
Sondern er spricht: Lernt von mir das ganz Gewöhnliche,
nach meinem Beispiel sanftmütig und demütig zu sein.”

Was Jesus von uns möchte, ist Freundlichkeit und Demut.
Freundlichkeit und Demut sind das beste Mittel gegen die sieben Todsünden.
Sie machen keine große Mühe - was kostet schon ein Lächeln?
Was kostet es schon, einem anderen den Vortritt zu lassen,
sich selbst nicht so wichtig zu nehmen?
Aber nur, weil es so leicht ist, freundlich und bescheiden zu sein,
muss man diese beiden Haltungen nicht gering schätzen.
Noch einmal mit Luthers Worten:
„Lerne, lerne, lerne also freundlich zu sein,
und du hast unendliche Werke getan"
(WA 38,528).

„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt.”
Nein, Onkel Nolte, so einfach ist es nicht.
Man muss sich schon ein bisschen Mühe geben.
Freundlichkeit und Demut wollen erlernt und täglich geübt sein.
Der Lohn, den man davon hat, ist das Glück:
in Gemeinschaft mit anderen zu leben.

Wozu die Todsünden führen, wenn man sich ihnen überlässt,
sind Einsamkeit, Verzweiflung, Hass und Gewalt.
So leicht, wie sie scheinen, sind sie gar nicht.
Sie kosten viel Kraft.
Und sie kosten uns und anderen das Leben.

Bertolt Brecht sagt über die Maske des Bösen:
„An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk
Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack.
Mitfühlend sehe ich
die geschwollenen Stirnadern, andeutend
Wie anstrengend es ist, böse zu sein.”