Predigt am Sonntag Lätare, 15. März 2026, über Jesaja 66,10-14:
Freut euch an Jerusalem und jubelt über sie alle, die ihr sie liebt.
Freut euch an ihr und seid fröhlich alle, die ihr um sie getrauert hattet.
Denn ihr sollt saugen und satt werden an ihrem tröstenden Busen.
Ihr sollt in vollen Zügen trinken und euch laben an ihrer prall gefüllten Brust.
Denn so spricht der Herr:
Siehe da, ich breite bei euch aus den Frieden wie einen Strom.
Wie ein Wasserlauf strömt der Reichtum der Völker; ihr werdet ihn aufsaugen.
Ihr werdet auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt werden.
Wie man von seiner Mutter getröstet wird, so will ich euch trösten;
durch Jerusalem sollt ihr getröstet werden.
Ihr werdet es erleben, und euer Herz wird sich freuen,
und eure Knochen werden sprossen wie frisches Grün.
Die Hand des Herrn wird offenbar an seinen Knechten
und sein Zorn an seinen Feinden.
Liebe Schwestern und Brüder,
was für ein bewegender Anblick, ein Säugling an der Brust seiner Mutter.
Natürlich schaut man weg, man starrt nicht hin,
wenn eine Mutter in der Öffentlichkeit ihr Baby stillt.
Aber Zuhause, in der Familie, kann man es erleben
und sich mit Kind und Mutter freuen.
Oder hat als Mutter selbst erfahren, wie das ist, sein Kind zu stillen.
Und mancher Vater war stolz und glücklich,
wenn er auch mal sein Kind im Arm halten und ihm die Flasche geben durfte.
Es gehört sicher zu den schönsten Augenblicken,
sein Kind so nah bei sich zu haben, es sättigen zu können
und dabei zu spüren, wie glücklich es dadurch wird.
Wer das als Mutter oder Vater erlebt hat,
kann aus eigenem Empfinden ermessen,
was das Baby in diesem Moment fühlen muss.
Und auch alle anderen können sich vorstellen,
dass hier die Wurzel für das Gefühl der Geborgenheit liegt.
Man kann es aber nur nachfühlen; man ist gezwungen, es sich vorzustellen.
An die eigene Säuglingszeit hat man keine Erinnerungen -
jedenfalls keine, die man bewusst hervorholen und sich vergegenwärtigen könnte.
Die ersten Lebensmonate, in denen man die Gefühle
der Geborgenheit und der Liebe kennen lernte,
in denen sich das zu formen begann, was wir unser „Ich” nennen,
erinnern wir nur aus zweiter Hand - von Fotos,
oder aus den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern.
Wer ein Kind dabei beobachtet, wie es im Arm seiner Mutter gestillt wird,
spürt dabei ein tiefes Glücksgefühl.
Es ist das Glück, das man selbst empfand, als man im Arm seiner Mutter lag.
Nur hatte man damals noch keine Worte dafür.
II
Woher kommt dieses Glücksgefühl, das der Säugling beim Stillen erlebt?
Zunächst wird man sagen: Das Kind wird satt, darum ist es glücklich.
Jede und jeder, der oder die schon einmal Hunger gelitten hat,
wird sich daran erinnern, wie glücklich man war,
als es endlich wieder etwas zu essen gab.
Auch wenn man nicht kurz vorm Verhungern ist:
Essen macht glücklich - jedenfalls, wenn es lecker und liebevoll zubereitet ist.
Das Kind wird satt, und es wird getröstet.
Ein Baby macht lautstark auf sich aufmerksam,
wenn es Hunger hat, und dabei laufen ihm die Tränen.
Das Schreien ist nicht nur ein Reflex, der nichts weiter zu bedeuten hat.
Das Kind empfindet echten Schmerz, echte Verzweiflung.
Es kann ja noch nicht wissen, dass es nicht verhungern wird.
Die Brust der Mutter ist der Ort,
wo das Baby alles bekommt, was es zum Leben braucht:
Essen, Wärme, Geborgenheit und Liebe.
Sie ist der Ort, der für das Kind das Paradies ersetzt,
das Einssein mit der Mutter, aus dem es bei der Geburt vertrieben wurde.
Sie ist der Ort, der diesem Paradies am nächsten kommt
und an dem es das erhält, was es braucht, um zu wachsen
und es mit der Welt aufzunehmen.
III
Mit seinem Bild vom Saugen und Sattwerden an der Brust der Mutter
beschreibt Jesaja einen paradiesischen Zustand.
Einen Zustand, der für uns in einer Vergangenheit liegt,
die wir nicht mehr selbst erinnern können.
Trotzdem berührt uns dieses Bild,
verstehen wir sofort, was Jesaja damit meint.
Bei Jesaja ist es aber nicht die Brust einer Mutter.
Es ist die Stadt Jerusalem, die ihre Kinder stillt,
sie auf der Hüfte trägt und auf ihren Knien reiten lässt.
Eine Stadt als Mutter, die ihren Kindern alles gibt, was sie brauchen:
Nahrung, Geborgenheit, Schutz und Liebe.
Selbst für Jerusalem klingt das unvorstellbar.
Wir sind also nicht mehr auf dem Boden der Realität.
Es handelt sich um eine Vision Jesajas,
um einen Blick in eine paradiesische Zukunft, zu schön, um wahr zu sein.
Zumal Jerusalem zur Zeit Jesajas in Trümmern liegt -
nicht so heillos zerstört wie der Gaza-Streifen,
aber ohne das Haus Gottes, den Tempel,
ohne schützende Stadtmauer
und ohne all die öffentlichen Gebäude,
die eine Stadt erst zur Stadt machen.
In der Situation, in der sich Jesaja und seine Leserinnen und Leser befanden,
befinden wir uns heute auch.
Zwar leben wir hier zum Glück in Frieden und Sicherheit,
kennen Hunger und Zerstörung nur aus dem Fernsehen.
Aber an vielen Orten der Welt herrscht Krieg, und es drohen weitere Konflikte.
Die unverfrorene Willkür, mit der das Völkerrecht gebrochen,
missliebige Politiker verhaftet oder ermordet und Länder überfallen werden,
hat die gewohnte und bewährte Ordnung über den Haufen geworfen.
Man fragt sich bang, was werden wird.
IV
In diese Angst um die Zukunft spricht Gott uns Trost zu:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.”
Wenn wir an mütterlichen oder väterlichen Trost denken, erinnern wir uns daran,
wie wir auf den Schoß genommen wurden,
wenn wir hingefallen waren und uns das Knie aufgeschlagen hatten.
Das sanfte Pusten auf unserer Haut,
beruhigende Worte wie „heile, heile Segen …”
Wir erinnern uns an den mitleidigen Blick,
an die Anteilnahme, den Trost, die Ermutigung,
die Schulter zum Anlehnen und Weinen,
wenn uns Liebeskummer plagte.
Wir denken nicht an die Brust unserer Mutter,
wenn wir uns an den Trost erinnern, den wir erfuhren.
Das lag vor unserer Fähigkeit, uns bewusst zu erinnern;
vor der Zeit der Worte, mit denen wir Dinge
und später auch unsere Gefühle zu beschreiben lernten.
Hier bei Jesaja ist Gottes Trost einer, der wie eine Mutterbrust stillt -
den Hunger, und auch die Angst.
Gottes Trost stillt so umfassend,
wie wir das als Säuglinge im Arm unserer Mutter erlebten.
An der Brust der Mutter bekam das Kind alles,
was es zum Leben brauchte - Nahrung und Liebe,
Schutz und Geborgenheit.
Gottes Trost erfüllt uns ebenso: Gott vergewissert uns seiner Liebe,
die uns immer und unter allen Umständen gilt.
Bei Gott sind wir geborgen, weil Gott allem standhält -
er selbst hat Raum und Zeit geschaffen.
Gott sättigt unseren Durst nach Anerkennung, nach Liebe,
nach Leben und nach Sinn.
Und Gott erfüllt, was er verheißt.
Er hat damit schon begonnen.
V
Jesajas Vision beschwört einen paradiesischen Zustand.
Keine Stadt der Welt kann ihren Einwohner:innen
eine Geborgenheit geben, wie man sie im Arm seiner Mutter erfuhr.
Trotzdem ist es keine Utopie, die Jesaja beschreibt, sondern eine Vision.
Eine Utopie, zu deutsch: ein Nicht-Ort, beschreibt etwas,
das sein könnte, aber nicht ist und auch nicht sein wird,
weil der Mensch nun einmal so ist, wie er ist:
Er macht jede Utopie zunichte.
Die Vision, die Jesaja hat, ist dagegen etwas, das tatsächlich geschehen wird,
weil nicht wir sie verwirklichen. Gott tut es.
Sie ist kein Wunschtraum, den Jesajas Phantasie geboren hat.
Sondern Gottes Verheißung, die er seinem Volk und uns verspricht.
Wir feiern heute den Sonntag Lätare.
Inmitten der Passionszeit, die vom Leiden geprägt ist,
von Schuld und vom Gang Jesu an das Kreuz,
ist Lätare ein Vorgeschmack auf die Auferstehung, auf Ostern.
An Ostern erleben und feiern wir, dass Jesus auferstanden ist.
Die Auferstehung ist ebenso unglaublich wie die Vision, die Jesaja uns beschreibt.
Und doch ist es geschehen: Jesus ist auferstanden.
Seine Auferstehung bürgt dafür,
dass Jesajas Worte nicht nur Worte sind, keine Utopie,
sondern eine Vision, die beginnt, Wirklichkeit zu werden.
VI
Bleibt noch eins: Warum ist es Jerusalem, warum ist es eine Stadt,
die Jesaja als Mutter beschreibt?
Warum ist nicht Gott selbst die Mutter,
die uns mit allem erfüllt, was wir zum Leben brauchen?
Weil wir Gott nicht besitzen und nicht über Gott verfügen können.
Schon ein Säugling erlebt, dass er seine Mutter nicht immer zur Verfügung hat.
Wenn es gut geht, dann wird die Liebe seiner Eltern
zu einem unzerstörbaren Teil seiner Persönlichkeit,
auf die er sich ein Leben lang verlassen,
von der er ein Leben lang zehren kann.
Durch den Glauben wird Gottes Liebe ebenso ein unzerstörbarer Teil unseres Ich,
auf die wir uns ein Leben lang verlassen können und die uns durchs Leben trägt.
Aber es braucht eben den Glauben:
Das Vertrauen auf und Festhalten an Gottes Zusage.
Es ist die Stadt, der Ort,
an dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen,
die uns mit Lebendigkeit erfüllt.
Wir gestalten diese Stadt, wir erfüllen sie mit Leben,
weil es uns nicht genügt, dass es uns gut geht,
aber allen anderen nicht.
Und weil wir einander daran erinnern,
dass Gott uns sein Wort gegeben hat und uns über alles liebt -
so, wie uns die Fotos und die Erzählungen
unserer Eltern und Großeltern daran erinnern,
dass wir das Glück und der Augenstern
unserer Eltern waren und sind.
