Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 30.08.2026, über Acta 6,1-7
Liebe Schwestern und Brüder,
die Anfänge des Christentums liegen in einem warmen, goldenen Glanz,
wie ihn die Vorstellungskraft über eine Vergangenheit legt,
die angeblich besser war, als man die Gegenwart erlebt.
Über die erste Gemeinde in Jerusalem heißt es in der Apostelgeschichte:
„Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel,
in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.
Alle, die gläubig geworden waren, blieben beieinander
und hatten alle Dinge gemeinsam.
Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle,
je nachdem es einer nötig hatte.
Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel
und brachen das Brot hin und her in den Häusern,
hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen,
lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.”
Ein Idyll, ein Ideal wird hier beschrieben,
nach dem sich wohl jede:r schon einmal gesehnt hat:
So sollte es sein.
So sollte es zugehen in der Kirche, in der Gemeinde.
So selbstlos, so solidarisch, so harmonisch, so fröhlich.
So sollte es sein. So war es. Und so ist es auch.
In der Jungen Gemeinde, auf einer Rüstzeit, im Bibelkreis,
im Kreis der Mitarbeitenden oder im Kreis,
den man beim Abendmahl vor dem Altar bildet,
erlebte und erlebt man diese besondere Gemeinschaft.
Eine Gemeinschaft, in der es jetzt gerade keine Rolle spielt,
wer man ist, woher man kommt, was man getan hat, was man besitzt.
Eine Gemeinschaft, in der man jetzt gerade nicht mit den anderen
um Aufmerksamkeit zu konkurrieren braucht,
um Anerkennung, um Liebe, oder um Macht.
Eine Gemeinschaft, in der es jeder und jedem Einzelnen gelingt,
die eigenen Wünsche und Bedürfnisse für eine Weile zurückzustellen,
weil ein anderer im Mittelpunkt steht: Jesus Christus.
In seinem Namen kommen wir zusammen.
Seinetwegen tun wir, was wir tun.
Wir folgen seinem Gebot, uns von Gottes Liebe leiten zu lassen.
Und vertrauen auf seine Verheißung, dass er bei uns ist,
wenn wir ganz bei seiner Sache sind.
Wenn eine Gemeinschaft sich so auf Christus, ihre Mitte, konzentriert,
ist sie ganz bei sich selbst.
Sie wird nicht von den Wünschen und Interessen Einzelner geleitet,
ihren Vorlieben, Abneigungen oder Launen,
sondern von dem Auftrag, den Christus seinen Jüngerinnen und Jüngern gab.
Wir Einzelnen sehen von uns selbst ab,
wenn wir uns von Christus gesehen fühlen.
Dann ist er zu spüren, der warme Glanz der ersten Gemeinde.
Wer sich von Christus gesehen weiß, sieht
- vielleicht zum ersten Mal wirklich -
seine Mitmenschen: wie es ihnen geht, was ihnen fehlt.
Solche Momente erlebt man immer wieder.
Das ist mit ein Grund, warum man in den Gottesdienst geht:
Um ein Teil dieser fraglosen, selbstverständlichen Gemeinschaft zu sein.
Sie ist nicht unser Werk, sondern das Werk dessen,
der uns eingeladen hat: Christus.
Es sind Momente, es ist kein Dauerzustand.
Wir kommen immer wieder hierher in den Gottesdienst,
weil solche Momente die Ausnahme sind, nicht die Regel.
In der Regel menschelt es, wie überall, so auch in der Kirche.
Schon vier Kapitel nach der Schilderung der goldenen Anfänge
lesen wir in der Apostelgeschichte,
dass es in der Jerusalemer Gemeinde nicht nur einträchtig zuging:
„Zu dieser Zeit, als die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs,
grollten die Griechisch sprechenden Gemeindeglieder den Aramäisch sprechenden.
Denn ihre Witwen wurden bei der täglichen Unterstützung übersehen.
Die Zwölf riefen die Menge der Jünger zusammen und sagten:
Es geht nicht an, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen,
indem wir für die Mahlzeiten sorgen.
Darum, Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer,
die einen guten Ruf haben, geistvoll und weise sind.
Die wollen wir zu diesem Dienst bestellen.
Wir aber wollen uns dem Gebet und dem Dienst am Wort widmen.
Diese Lösung gefiel der ganzen Menge,
und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glauben und Heiligem Geist,
Philippus, Prochoron, Nikanor,
Timon, Parmenas und Nikolaus, den Konvertiten aus Antiochia.
Die präsentierten sie den Aposteln,
und die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.
Und das Wort Gottes breitete sich aus,
und die Zahl der Jünger vergrößerte sich stark.
Auch eine große Menge von Priestern hing dem neuen Glauben an.”
Es gab Streit in der Jungen Gemeinde. Griechen grollten Aramäern.
Aramäer, das waren die Alteingesessenen,
deren Vorfahren bereits in Jerusalem gelebt hatten -
manche vielleicht schon seit König Davids Zeiten.
Die Griechen dagegen waren zugezogen, keine echten Jerusalemer.
Und diese Griechen grollten.
Sie grollten, weil ihre Witwen bei der täglichen Unterstützung übersehen wurden.
Wie kann man in einer Gemeinde Leute übersehen,
dazu noch eine ganze Gruppe, die griechischen Witwen?
Wie konnte es passieren, dass man sie vergaß,
während man den anderen ihre tägliche Unterstützung zukommen ließ?
Man kann sich verschiedene Gründe vorstellen -
es könnte an Überlastung gelegen haben:
Es waren einfach viel zu Viele zu versorgen,
man kam nicht mehr hinterher.
Oder die griechischen Witwen könnten Opfer eines Konfliktes
zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen geworden sein.
Doch man braucht gar nicht nach Gründen zu suchen,
muss keinen bösen Willen unterstellen.
Die Witwen wurden wahrscheinlich einfach so übersehen,
wie man eben manchmal etwas oder jemanden übersieht.
Nun kann man einwenden:
Jemanden unabsichtlich übersehen, das ist doch gar nicht möglich!
Ein Mensch ist schließlich nicht so winzig oder unscheinbar,
dass man ihn oder sie einfach übersehen könnte.
Sonst würde man ja auf dem Gehsteig ständig mit anderen zusammenstoßen.
Wenn man jemanden derart übersieht,
kann nur eine böse Absicht dahinterstecken!
Aber überlegen Sie mal, mit wem Sie das letzte Mal
hier in der Schlosskirche Gottesdienst gefeiert haben.
Da waren Ihre Freundinnen und Freunde, Ihre Bekannten.
Da waren die, die Sie regelmäßig hier antreffen.
Und wer war da noch?
War da vielleicht ein fremdes Gesicht, das man gleich wieder vergaß?
War da vielleicht jemand, der Ihnen unsympathisch erschien?
Jemand, bei dem, bei der man dachte:
„Hoffentlich setzt die sich nicht neben mich!”
So wird ein Mensch unsichtbar, auch wenn wir sie oder ihn sehen.
Man sieht weg, man sieht durch ihn hindurch.
Erst, wenn man sich für einen Menschen interessiert,
bekommt er ein Gesicht und einen Namen.
Andreas, Maike, Marion, Holger, Anke, Malte oder Dirk -
so hießen meine Schulfreunde,
deren Gesichter ich vor mir sehe, während ich ihre Namen aufzähle.
Ich möchte wissen, was aus ihnen geworden ist.
Ich freute mich mit ihnen, wenn sie Glück erlebten,
und litt mit ihnen, wenn sie Kummer und Leid erfuhren.
Viele Namen, viele Gesichter sind seitdem dazugekommen.
Manche habe ich vergessen - und sie sind doch immer noch da,
wenn ich ihr Foto sehe oder ihren Namen lese.
Wenn man sich für andere Menschen interessiert,
wendet man die eigene Aufmerksamkeit von sich selbst weg.
In diesem Augenblick nimmt man sich selbst nicht so wichtig -
auch wenn man eben vielleicht noch Hunger spürte oder Schmerzen,
wenn man traurig war, ängstlich oder ratlos.
Sobald das Interesse am anderen geweckt ist, vergisst man das alles.
So selbstvergessen tun wir Menschen erstaunliche Dinge:
Wir wenden uns anderen zu, wir sind freundlich, hilfsbereit,
hören zu, machen Mut, wissen Rat.
So selbstvergessen sind wir manchmal sogar bereit, Dinge zu tun,
die wir nicht tun würden, wenn wir nur an uns denken:
Nachgeben. Einen Fehler eingestehen. Vertrauen.
Einmal etwas nicht besser wissen. Uns zurückhalten. Schweigen.
Jesus hat diese Selbstvergessenheit vorgelebt.
Als Moralapostel eine Frau zu ihm brachten,
die unmoralisch gehandelt hatte,
malte er mit dem Finger im Sand, selbstvergessen, wie ein Kind.
Als seine Jünger ihn fragten, wie man beten sollte,
lehrte er sie, das eigene Wollen zurückzustellen
und Gottes Willen geschehen zu lassen.
Als 5.000 Menschen nichts zu essen hatten,
zeigte er mit fünf Broten und zwei Fischen,
wie man satt wird, wenn man teilt.
So selbstvergessen kann nur sein und handeln,
wer sich nicht um sich selbst sorgen muss.
Wer Angst hat, zu kurz zu kommen, kann nicht großzügig sein.
Wer keine Liebe, keine Anerkennung, keinen Respekt erfährt,
wie soll der lieben können,
wie soll der andere anerkennen und respektieren?
Wer unersättlich ist, wie soll der satt werden?
Durch Christus erfahren wir die Liebe Gottes.
Wir erleben, wie sie uns durchströmt, eine unerschöfpliche Quelle.
Von Christus hören wir: Gott sieht uns.
Gott sieht uns an, wie ein guter Vater:
Liebevoll, freundlich und voller Stolz auf uns.
Darum können wir von uns ab- und andere ansehen.
Die sieben Diakone Stephanus, Philippus, Prochoron,
Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus waren Leute,
die sich von Gott gesehen wussten.
Sie waren „voll Glauben und Heiligem Geist”, wie es heißt.
Darum konnten sie von sich selbst absehen
und die Not der Witwen und anderer Menschen erkennen.
Indem sie sich für andere interessierten,
breiteten sie den christlichen Glauben aus.
Denn in der Freundlichkeit eines Stephanus
begegnete den Menschen die Liebe Gottes,
von der Stephanus erfüllt war.
Solche Freundlichkeit wirkt wie der Sauerteig,
den Jesus als Gleichnis für das Himmelreich nahm.
Sie lässt Menschen, die bisher wenig Freundlichkeit erlebten,
fragen: „Was macht, dass der so freundlich ist?”
In dem Respekt, den Philippus denen zollte, die andere übersahen,
erfuhren sie, dass sie trotz ihrer Armut Würde hatten.
Wenn Prochoron ihnen Essen brachte,
wurden sie nicht nur satt, sondern auch gesehen.
Wenn Nikanor einen Verband wechselte,
heilte er dabei manchmal auch eine seelische Wunde.
Wenn Timon Kinder unterrichtete,
zeigte er seine Begeisterung und seinen Stolz -
nicht so sehr für ihre Leistungen,
sondern für ihr je eigenes, unverwechselbares Wesen.
Kommt Ihnen die Aufzählung bekannt vor?
Bis heute ist das ein Teil der Aufgaben,
die durch die kirchliche Diakonie geleistet werden.
Damals in Jerusalem begann es.
Seitdem gibt es Diakon:innen, Gemeindepädagog:innen,
Erzieher:innen, Altenpfleger:innen, und noch so viele mehr.
In den Taten der Liebe, die sie tun, breiten sie den Glauben aus.
Die Liebe Gottes fließt durch sie auf die Menschen über, denen sie begegnen,
und durch ihre Freundlichkeit, ihren Respekt, ihre Anerkennung
blitzt das freundliche Antlitz Gottes, mit dem er sie wie uns ansieht.
Das wird den meisten von ihnen nicht bewusst sein.
Und nicht immer wird die Freundlichkeit Gottes in ihrem Handeln zu spüren sein.
Auch ein:e Diakon:in hat mal einen schlechten Tag,
auch sie, auch er ist in erster Linie ein Mensch, kein:e Heilige:r.
Wir alle sind in erster Linie Menschen, keine Heiligen.
Doch in uns allen strömt Gottes Liebe.
Auch aus uns kann Gottes Freundlichkeit zu anderen sprechen,
wenn wir uns bewusst machen,
dass unser Glas nicht halb leer ist, sondern halb voll.
Wenn wir zu sehen lernen, wie viel wir besitzen, wie gut wir versorgt sind,
wie frei wir in unserem Land leben können, und wie sicher,
statt auf hohem Niveau zu jammern über angebliche Missstände,
neidisch auf andere zu sein
und auf das zu pochen, von dem wir meinen, es stünde uns zu,
wären wir fröhliche, freundliche, umgängliche Menschen.
Es ist so viel schöner, freundlich zu sein statt barsch;
großzügig und freigiebig statt neidisch;
einfühlsam und verständnisvoll statt hartherzig und bitter -
schöner für uns, und besser für unser Miteinander.
Dazu ist nichts weiter nötig als die Erkenntnis,
dass wir keinen Mangel leiden, weil Gottes Fülle uns erfüllt,
und dass wir alles haben - Liebe, Glück und ein sinnvolles Leben -,
weil wir Gottes Kinder sind.
So sagt es Hanns-Dieter Hüsch in einem Gedicht,
mit dem ich schließen möchte:
Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.
Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend, und die Zärtlichkeit.
Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin,
vom Kindbett bis zur Leich.
Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

