Sonntag, 26. Mai 2024

man hat es - oder man hat es nicht

Predigt am Sonntag Trinitatis, 26.5.2024, über Epheser 1,3-14:


Gepriesen sei Gott.

Er ist der Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Er hat uns in Christus gesegnet

mit allem geistlichen Segen im Himmel.

Bevor der Grund der Welt gelegt wurde,

hat er uns ja in ihm ausgewählt.

Wir sollen vor Gott leben heilig und untadelig, in Liebe.

Durch Jesus Christus hat Gott schon im Voraus bestimmt,

dass wir seine Kinder sein sollen.

Das entsprach seinem guten Willen.


In Jesus, dem Geliebten, hat er uns seine Zuneigung geschenkt.

Dadurch wurde sie für alle Welt erkennbar.

In Christus wurde uns die Erlösung durch sein Blut zuteil.

Die Sünden wurden uns vergeben,

weil Gottes Wohlwollen für uns so gewaltig ist.

Er hat uns noch größere Zuneigung gezeigt,

indem er uns Weisheit und Einsicht gab.


Weil Gott uns wohlgesonnen ist,

hat er uns das Geheimnis seines Willens offenbart.

Gott hatte beschlossen,

seinen Heilsplan durch Christus zu verwirklichen,

wenn die Zeit sich erfüllt hat.

Alles soll in Christus zusammengefasst sein:

Das, was im Himmel ist, und das auf der Erde, in ihm.


In ihm sind auch wir berufen worden.

Wir wurden im Voraus dazu bestimmt.

Es war der Wille dessen, der alles bewirkt,

wie es sein Wille beschlossen hat.

Wir, die wir im Voraus auf Christus gehofft haben,

sollen durch unser Beispiel dazu dienen,

dass Gottes Herrlichkeit gelobt wird.


In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört,

die gute Nachricht eurer Rettung.

Weil wir an ihn glauben,

sind wir bezeichnet worden mit dem Heiligen Geist,

der versprochen worden war.

Er ist eine Anzahlung auf unser Erbe.

Weil wir Gottes Eigentum sind, werden wir erlöst,

damit Gottes Herrlichkeit gelobt wird.



Liebe Schwestern und Brüder,


einer hat’s, der andere hat’s nicht.

Wenn jemand etwas hat, was andere nicht haben,

weckt das Neid, Bewunderung oder Sehnsucht:

Das hätte ich auch gern,

das würde ich auch gern können.


Es - das kann Verschiedenes sein:

- die Lösung, die jemand mit Leichtigkeit findet,

während andere sich vergeblich mit der Aufgabe abmühen;

- das Geschick, mit dem jemand alles hin bekommt,

während andere an jeder Hand nur Daumen haben;

- Musikalität: jemand kann singen oder ein Instrument spielen,

anderen fehlt diese Gabe;

- Beliebtheit: Jemand steht immer im Mittelpunkt des Interesses,

während ein anderer nie beachtet wird.


Man könnte diese Liste noch lange fortsetzen.


Eine hat’s, die andere hat’s nicht.

Auch der Glaube gehört dazu:

Einige haben ihn, viele haben ihn nicht.

Und die ihn nicht haben, werden immer mehr.

In der Kirche rätseln wir darüber,

warum ihn so viele nicht oder nicht mehr haben.

Woran das liegen könnte.

Und warum man den Glauben offenbar gar nicht vermisst,

wenn man ihn nicht hat.


„Bevor der Grund der Welt gelegt wurde,

hat Gott uns in Christus ausgewählt.”

Das könnte die Antwort auf die Frage sein,

warum manche glauben und viele nicht:

Man muss dazu auserwählt sein.


Was bedeutet es, auserwählt zu sein?

Die Bibel erzählt davon,

dass Gott eine Beziehung

mit einem ganz bestimmten Menschen eingegangen ist:

Mit Abraham.

Mit ihm schloss er einen Bund:

Das Versprechen, dass diese Beziehung weitergeht

durch alle Generationen hindurch, bis heute.


Zuerst war es eine Familie: Abraham und Sara,

dann Isaak und Rebekka,

dann Jakob, der mit Lea und Rahel zwölf Söhne hatte

und „Israel” genannt wurde.


Aus einer Familie wurde in Ägypten ein Volk,

das Mose aus der Sklaverei befreite.

In der Wüste, am Berg Sinai,

bekräftigte Gott den Bund mit seinem Volk.

Israel erhielt von Gott die Gebote.

Die Gebote, Grundlage der Beziehung

zwischen Gott und seinem Volk.

Sie sind das Zeichen der Erwählung.

Durch die Gebote wird das Volk Israel zum Volk Gottes.


Erwählung bedeutet also,

was der Epheserbrief so beschreibt:

„Weil Gott uns wohlgesonnen ist,

hat er uns das Geheimnis seines Willens offenbart.”

Gottes Wille kommt in seinen Geboten zum Ausdruck.

Wer diese Gebote kennt, der, die ist auserwählt.

Auserwählt, in einer Beziehung mit Gott zu sein,

Gottes Kind zu sein.


Diese Beziehung zu Gott besteht nicht

in einer verwandtschaftlichen Beziehung

zu den Nachkommen Abrahams.

Sie entsteht durch das Wissen um Gottes Willen,

durch die Gebote.

Darum heißt es in der jüdischen Überlieferung,

dass die Seelen aller Glaubenden am Sinai waren,

als Gott Israel die Gebote gab,

auch die Seelen derer, die erst noch geboren werden würden.


Wer die Gebote kennt und danach lebt,

kurz: wer an Gott glaubt, ist auserwählt.

Das gilt auch umgekehrt:

Die Tatsache, dass man an Gott glaubt,

zeigt an, dass man von Gott ausgewählt wurde.

Man ist nicht erwählt wegen der Abstammung

oder wegen einer bestimmten Fähigkeit,

sondern weil man glaubt.


So steht es auch im Epheserbrief,

und der geht noch einen großen Schritt weiter:

„Bevor der Grund der Welt gelegt wurde,

hat Gott uns in Christus ausgewählt.”

„Bevor der Grund der Welt gelegt wurde”,

bevor irgendjemand da war, der glauben konnte.

Wie soll man sich das vorstellen?

Wie kann man jemanden auswählen,

die oder der noch gar nicht existiert?


Der Epheserbrief will mit diesem Bild

den Kreis ganz weit ausziehen.

Das Missverständnis, es hinge doch irgendwie

an einer Abstammung, einer Fähigkeit,

einer besonderen Eigenschaft

soll gar nicht erst aufkommen.

„In Christus” sind alle ausgewählt.


Wer „in Christus” ist, gehört zur Gemeinde.

Denn die Gemeinde ist der Leib Christi.

Oder, wie es der Epheserbrief beschreibt,

ein Gebäude, wie dieser Dom:

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,

sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,

erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten,

da Jesus Christus der Eckstein ist,

auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst

zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.”


Damit wird auch deutlich, was Erwählung nicht ist:

Sie ist keine Aussonderung, keine Grenzziehung,

kein „Wir sind auf der guten Seite, und ihr seid verloren.”

Erwählung ist vielmehr eine Einladung an alle,

sich in diesen Bau, in die Gemeinde einzufügen.


„In Christus habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört,

die gute Nachricht eurer Rettung.”

Die Einladung ergeht durch das „Wort der Wahrheit”.

Durch Gottes Wort.

Gottes Wort - das ist nicht nur die Bibel.

Es erscheint in vielerlei Gestalt:

als Predigt, als Lied, als Gebet.

Es erscheint in einer Tat der Nächstenliebe,

in Beistand und Solidarität.

In einem Ja zu einem Menschen,

einem Nein zu Menschenverachtung, Hass,

Ungerechtigkeit oder Ausgrenzung.


Wenn Menschen dieses Wort Gottes hören oder erleben,

kann das in ihnen den Glauben wecken.

Zuerst vielleicht als eine Unruhe, eine Frage, ein Suchen.

Als Erinnerung an ein Lied aus der Kindheit,

eine biblische Geschichte, einen Raum wie diesen Dom.


Menschen kommen zum Glauben durch Gottes Wort,

das sich in unterschiedlicher Gestalt zeigt.

Wenn sie zum Glauben kommen,

erfahren sie, dass sie ausgewählt sind.

Sie erfahren, dass sie Gottes Kinder sind.

Sie erfahren die Zuneigung, die Gott uns schenkt:

„In Jesus, dem Geliebten, hat Gott uns seine Zuneigung geschenkt.

Dadurch wurde sie für alle Welt erkennbar.”


An Gott liegt es also nicht,

dass manche glauben und viele nicht.

Woran liegt es dann?


Dass Gott alle Menschen liebt,

dass Gott alle Menschen einlädt,

Mitbürger der Heiligen und seine Hausgenossen zu werden,

sieht man an denen, die schon in seinem Hause ein und ausgehen:

an uns.


Sieht man es uns an?

Damit man es sehen kann, müssten wir es selbst glauben:

Wir müssten glauben, dass wir auserwählt sind,

dass wir zu Gott gehören, seine Kinder sind.

Und dass Gott uns über alles liebt.

Manchmal, in besonderen Momenten, glauben wir das.

Aber das genügt nicht.

Aus diesem Selbstverständnis, mit diesem Selbstbewusstsein

müssten wir immer leben, jeden Tag.

Nur so strahlen wir die Zuneigung aus, die Gott uns schenkt.

Nur so wird durch unser Beispiel Gottes Herrlichkeit gelobt -

und damit für andere hör- und erfahrbar.


Ach, wenn wir doch nur so leben könnten …!


Aber wir leben doch so!

Genau so sind auch wir zum Glauben gekommen:

Durch Menschen, die durch ihr Beispiel

Gottes Herrlichkeit lobten

und sie dadurch für uns erfahrbar und hörbar machten.

Durch Musik, die uns ergriff;

durch einen Gemeindechoral, das Singen in der Kantorei.

Weil andere uns einen Platz in ihrer Mitte einräumten.

Weil sie uns annahmen, wie wir waren

und uns spüren ließen: wir sind recht so, wie wir sind.

Weil sie uns ein Strahlen, ein Lächeln schenkten.


Wie wir es erfahren haben, so handeln wir auch:

Wir loben Gottes Herrlichkeit mit Gesang oder Orgelspiel;

wir laden Menschen in den Dom ein

als Aufsichtskräfte am Domtresen

oder als Kirchenführer in der Domführergilde.

Wir begegnen Menschen mit Freundlichkeit, mit Hilfsbereitschaft.

Wir stehen anderen bei, wir sagen Stopp, wir sagen Nein.

Wir sagen Ja zu Menschen, die andere hier nicht haben wollen.

Wir schenken unserer Nachbarin,

unserm Nachbarn in der Bank ein Lächeln.

Damit loben wir Gottes Herrlichkeit,

machen sie hör- und erfahrbar.


Eine hat’s, die andere hat’s nicht.

Wir alle haben Gottes Liebe erfahren.

Wir alle geben Gottes Liebe weiter.

Meistens ist es uns gar nicht bewusst, dass wir das tun.

Vielleicht, weil wir zu gering denken von dem, was wir tun.

Weil wir meinen, es müsste mehr, größeres sein.


Um den Glauben zu wecken, genügt ein Wort,

eine Erinnerung, eine Melodie.

Um Menschen in die Gemeinde einzuladen,

genügt ein wenig Freundlichkeit, genügt ein Lächeln.

Alles andere können wir getrost Gott überlassen. 

Sonntag, 12. Mai 2024

das Wesentliche

Predigt zur Konfirmation am Sonntag Exaudi, 12. Mai 2024, über Johannes 16,5-15


„Bitte … zähme mich!”, sagte der Fuchs.

„Ich möchte wohl”, antwortete der kleine Prinz,

„aber ich habe nicht viel Zeit.

Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.”

„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt”, sagte der Fuchs.


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

liebe Eltern und Paten,

liebe Gemeinde,


wie die Zeit vergangen ist!

Vor anderthalb Jahren begann für euch

der Konfirmandenunterricht am Dom.

Mit dem heutigen Tag liegt er hinter euch.


Wie die Zeit vergangen ist!

Diesen Satz werdet ihr heute vielleicht öfter hören,

wenn sich eure Eltern und Verwandten an früher erinnern,

als ihr noch sooo klein wart;

wenn Fotos oder Filme aus eurer Kindheit hervorgeholt

und voller Rührung betrachtet werden.

Seht es ihnen nach:

Heute sind sie nicht nur stolz auf euch,

sondern auch traurig darüber,

dass eure Kindheit nun endgültig vorbei ist.


Mit der Konfirmation geht ihr über eine Schwelle

und lasst eure Kindheit hinter euch zurück.

Ihr seid noch keine Erwachsenen,

aber ihr seid auch keine Kinder mehr.


Wie der kleine Prinz seid ihr dabei,

Freundinnen und Freunde zu finden

und viele Dinge kennen zu lernen.

Und während es euch schien,

als hättet ihr dafür alle Zeit der Welt,

sind anderthalb Jahre wie im Flug vergangen.


In diesen anderthalb Jahren gehörte zu den vielen Dingen,

die ihr in der Schule gelernt habt,

bei den vielen Trainingseinheiten und Übungsstunden,

auf Reisen oder durch Begegnungen mit anderen

auch die Kirche und der Glaube.


Glaube und Kirche sind eine Welt,

mit der man normalerweise wenig zu tun hat.

In der nächsten Zeit werden sie keine große Rolle für euch spielen.

Das muss so sein.

Schließlich gibt es für euch noch so viel zu entdecken und zu erleben!

Und außerdem muss man oft erst weggehen

und Abstand gewinnen, um zu merken,

was man an einer Sache hatte

und was sie einem bedeutet.


Auch Jesus geht weg, wie das Evangelium erzählt.

Die 40 Tage von Ostern bis zur Himmelfahrt

sind ein langer Abschied.

Am heutigen Sonntag blicken wir bereits auf diesen Abschied zurück.

Jesus ist nicht mehr da.

Der Tröster, den er schicken will, ist noch nicht gekommen.

Ein Schwebezustand wie der, in dem sich der kleine Prinz befindet:

Er hat nicht viel Zeit,

bevor er auf seinen Asteroiden zurückkehren muss, zu seiner Rose.

Soll er seine wenige Zeit dazu verwenden, den Fuchs zu zähmen?


„Was heißt ‚zähmen’?”, fragte der kleine Prinz.

„Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache”, sagte der Fuchs.

„Es bedeutet: sich ‚vertraut machen’.”


Sich vertraut machen, vertraut werden mit etwas,

das gelingt durch Übung und Wiederholung.

Ihr kennt das aus der Schule,

von den vielen Stunden des Trainierens und Übens.


Vertraut werden, sich vertraut machen ist auch die Art,

wie man den Glauben kennenlernt.

Darum die vielen Gottesdienste, die ihr besucht habt,

darum die wöchentlichen Treffen zum Konfirmandenunterricht.

Es ging dabei nicht so sehr darum,

Wissen über den Glauben anzuhäufen.

Sondern darum, den Glauben als Lebenshaltung kennen zu lernen.

Und damit vertraut zu werden, wie man ihn leben kann.


Die Wahrheit, um die es dem Glauben geht,

ist nicht die empirische Wahrheit,

die man messen, wiegen, beweisen oder logisch herleiten kann.

Die Wahrheit ist ein Geheimnis,

das nicht verstanden wird, sondern plötzlich einleuchtet.


Eure Konfirmandenzeit war also eine Art „Zähmen”.

Wir haben uns kennen gelernt,

haben uns aneinander gewöhnt,

sind vielleicht sogar ein wenig Freunde geworden

wie der kleine Prinz und der Fuchs.


Viel wichtiger war,

dass ihr euch mit einem anderen vertraut gemacht habt.

Er brauchte sich nicht mit euch vertraut zu machen,

denn er kennt euch seit eurer Geburt

und hat euch seitdem in jedem Augenblick eures Lebens begleitet.

Ich spreche natürlich von Gott.


Hier, im Dom, seid ihr ihm begegnet.

Im Gottesdienst.

Wenn wir zum Schluss der Stunde das Vaterunser beteten

und miteinander den Segen sprachen.

In besonderen Momenten, die ihr für euch allein

hier im Dom erlebt habt.


Dass wir Gott begegnen können, das macht der „Tröster”,

der Heilige Geist.

Wir müssen nicht auf ihn warten wie die Jünger im Evangelium.

Wir haben ihn bei der Taufe erhalten, er ist bei uns.

Damit er bei uns sein kann, musste Jesus weggehen.

Damit wir Gott nahe sein können, muss Gott weg sein -

ist das nicht paradox?


„Ach”, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.”

„Das ist deine Schuld”, sagte der kleine Prinz,

„ich wünschte dir nichts Übles,

aber du hast gewollt, dass ich dich zähme …”

„Gewiss”, sagte der Fuchs.

„Aber nun wirst du weinen!” sagte der kleine Prinz.

„Bestimmt”, sagte der Fuchs.

„So hast du also nichts gewonnen!”

„Ich habe”, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.”


Der kleine Prinz hatte, wir erinnern uns, weizenblondes Haar.

Bisher war dem Fuchs der Weizen gleichgültig gewesen.

Nun erinnerte er ihn an den kleinen Prinzen, seinen Freund.


Jesus geht weg, damit wir uns an ihn erinnern.

Das, was uns an ihn erinnert: das ist das Geheimnis.


Euer Konfirmandenunterricht war das,

was der Weizen für den Fuchs ist:

Im besten Fall etwas, das euch an das Wesentliche erinnert.

Nicht nur an diesen schönen Dom,

sondern an den, zu dessen Ehre er erbaut wurde.

Im Unterricht haben wir versucht,

euch mit Gott vertraut zu machen,

damit ihr eines Tages das Geheimnis des Glaubens entdeckt.


Man kann es nicht erklären - dann wäre es ja kein Geheimnis.

Man kann es auch nicht zeigen.

Jede und jeder muss es für sich selbst finden,

wie der Fuchs die Farbe des Weizens gewann:

Indem man mit dem Glauben vertraut wird.


Das vertraut Werden hat mit eurer Konfirmandenzeit begonnen.

Die Konfirmation ist nicht das Ende,

sondern der Anfang des Weges,

auf dem ihr mit Gott vertraut werdet.

Der Tröster, der Heilige Geist,

den wir heute für euch erbitten,

wird euch alles lehren, was ihr braucht,

um das Geheimnis des Glaubens zu entdecken.


„Adieu”, sagte der kleine Prinz.

„Adieu”, sagte der Fuchs. Hier ist mein Geheimnis.

Es ist ganz einfach.

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”


Ihr seid auf dem Weg, viele Dinge kennen zu lernen,

Freundinnen und Freunde zu finden.

Viele behaupten zu wissen, was wesentlich ist,

und wollen eine:n davon überzeugen.

Man soll sich auf eine Seite stellen,

man soll für eine Sache sein und gegen eine andere,

man soll bestimmte Leute gut finden und andere schlecht.


Der Glaube nimmt der Welt gegenüber eine andere Haltung ein.

Er unterscheidet zwischen der Welt,

die uns umgibt und die ihr zu entdecken beginnt, und Gott.

Gottes Wirklichkeit steht der Welt gegenüber.

Wenn man sich auf Gottes Seite begibt,

gewinnt man ein kritisches Gegenüber zur Welt,

gewinnt die Freiheit, seine eigene Seite zu wählen,

seine eigenen Freundinnen und Freunde.


Im Evangelium heißt es, dass der Tröster,

der Heilige Geist der Welt die Augen auftut.

Wer sehen will, erkennt:

das Wesentliche ist nicht das, was die Welt bietet.

Die Welt ist bunt, aufregend, spannend, wunderschön;

auch leidvoll, ungerecht, gemein und gefährlich.

Aber sie ist nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche erkennt man nur mit dem Herzen.


Ich wünsche euch viele schöne, aufregende,

bereichernde Erlebnisse und Erfahrungen mit der Welt.

Ich wünsche euch, dass ihr so viel wie möglich kennen lernt,

das Leben genießen könnt und viele Freund:innen gewinnt.


Und vielleicht erinnert ihr euch eines Tages an ein Geheimnis,

das ihr gewonnen habt:


Das Geheimnis, dass Gott euch über alles liebt.

Dass Gott euch annimmt, so, wie ihr seid.

Und dass Gott über die Maßen stolz auf euch ist -

so, wie es eure Eltern und Paten heute sind.

Und Matthias und ich sind es auch.

Donnerstag, 9. Mai 2024

Zeuge sein

Predigt an Christi Himmelfahrt, 9. Mai 2024, über Acta 1,3-11


Liebe Schwestern und Brüder,


Lukas erzählt die Geschichte von der Himmelfahrt zweimal.

Beim ersten Mal beschließt sie sein Evangelium -

wir haben es vorhin gehört:

Der Schluss des Evangeliums beschreibt den letzten Moment,

den Jesus mit seinen Jüngern verbringt.


Denn obwohl er auferstanden ist,

obwohl er, der am Kreuz gestorben und begraben war, wieder lebt,

kann Jesus nicht bei seinen Jüngern bleiben.

Er kehrt zurück zu Gott, seinem Vater.


Der Himmel, der ihn aufnimmt,

ist nicht der blaue Himmel über uns.

Auch nicht das Weltall mit seinen abermilliarden Sternen.

Der Himmel, in den Jesus zurückkehrt,

ist die ganz andere Wirklichkeit Gottes.


Die andere Wirklichkeit Gottes hat keinen Raum und keine Zeit.

Sie kann eine Handbreit rechts oder links von uns sein.

Sie befindet sich mitten unter uns, und wir bemerken es nicht.

Sie übersteigt unsere Wirklichkeit.


Bevor Jesus den Schritt in diese andere Wirklichkeit tut,

in die seine Jünger ihm nicht folgen können,

spricht er zum letzten Mal mit seinen Jüngern.

Er nimmt Abschied.

Es ist kein Abschied für immer, denn sie werden ihn wiedersehen.

Dann wird Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit anbrechen.


Es ist auch kein Abschied wie bei einer Reise,

die unter Umständen sehr lange dauern kann,

bei der aber das Datum der Rückkehr fest steht.

Jesus geht auf unabsehbare Zeit

und niemand weiß, wann er wiederkommen wird.

Nicht einmal Jesus selbst.


Die ersten Christ:innen erwarteten noch,

dass sie seine Wiederkunft erleben würden.

Doch schon bei Paulus kann man nachlesen,

wie aus seiner Erwartung, Jesus würde bald kommen,

um das Reich Gottes auf Erden zu errichten,

die Einsicht erwächst, dass er es nicht mehr erleben wird.


Für Lukas, der eine Generation nach Paulus gelebt hat,

ist diese Einsicht schon Vergangenheit

und das Reich Gottes in weite Ferne gerückt.

Als er den Abschied Jesu schildert, ist Lukas klar:

Die Jünger müssen ohne ihn zurecht kommen.


I

Was sagt man beim Abschied?

Was gibt man Menschen mit,

wenn man sie ins Leben entlässt,

wie am Sonntag die Konfirmand:innen?


Was wurde Ihnen mitgegeben,

als Sie sich von Ihren Eltern verabschiedeten,

um Ihr eigenes Leben zu beginnen?

Was haben Sie Ihren Kindern mitgegeben,

als die von zuhause auszogen?


Im Moment des Abschieds kann man nicht mehr viel mitgeben -

dazu ist dieser Moment zu kurz.

Man hofft, dass man in der Zeit des Zusammenseins

genug getan, genug gegeben hat,

dass die Kinder von nun an gut allein zurechtkommen.


Man hat in diesem Moment auch keine Zeit zu überlegen,

was jetzt das wichtigste wäre,

das noch gesagt oder mitgegeben werden müsste.

Man gibt mit, was einem gerade einfällt:

mehr oder weniger hilfreiche Ratschläge.


Jesus gibt seinen Jüngern nur eine einzige,

wichtige Sache mit auf den Weg:

Er lässt ihnen einen Schlüssel da.

Keinen Haus- oder Kirchenschlüssel,

keinen Schlüssel zu einer vergrabenen Schatztruhe.

Sondern den Schlüssel, der ihnen die Schrift aufschließt.


II

Schon einmal gab er zweien seiner Jünger diesen Schlüssel.

Als er ihnen auf dem Weg nach Emmaus begegnete,

auf dem sie ihn nicht erkannten,

schloss er ihnen die Schrift auf.

Da verstanden die beiden Jünger,

warum Christus leiden und sterben musste,

und dass er wieder auferstanden war.

In diesem Moment erkannten sie endlich, wer er war.


Der Schlüssel, der das Wort Gottes aufschließt,

macht die hebräische Bibel zu einer Quelle,

aus der die Jünger ihr Wissen über Jesus schöpfen.

Sie hatten ihn erlebt, hatten mit ihm gelebt;

sie hatten seine Predigten gehört und seine Taten gesehen.

Aber sie hatten ihn nicht verstanden.


Das Verständnis kommt jetzt.

Sie erkennen, dass der, von dem die Propheten reden:

der das geknickte Rohr nicht zerbricht

und den glimmenden Docht nicht auslöscht (Jes 42,3);

der um unserer Missetat willen verwundet

und um unserer Sünde willen zerschlagen wurde (Jes 53,5);

der nach drei Tagen auferstand,

wie Jona drei Tage im Bauch des Fisches war,

bevor der ihn wieder aufs feste Land ausspuckte:

dass das Jesus ist.


Mit diesem Schlüssel wird ihnen die ganze Bibel

zu einem Buch, das über Jesus erzählt;

das ihnen erklärt, wer er ist

und das die Lücken schließt, die sein Weggehen zurücklässt.


Nun wissen sie über Jesus bescheid

und können anderen erzählen, wer Jesus war.

Sie werden seine Zeugen.

Lukas wählt gerade dieses Wort „Zeugen”, weil die Jünger

mit ihren Predigten und ihrem Leben für das einstehen,

was Jesus gesagt und getan hat.


Sie erzählen nicht nur von ihm, sie bezeugen ihn.

Dadurch können Menschen,

die ihn zu seinen Lebzeiten nicht kennengelernt haben,

Jesus trotzdem noch kennen lernen,

wenn sie seinen Jüngern begegnen.


III

Das zweite Mal erzählt Lukas von der Himmelfahrt

am Anfang des zweiten Buches, das ihn als Autor nennt:

in der Apostelgeschichte.

Die Apostelgeschichte berichtet,

was nach der Himmelfahrt geschah:

Sie erzählt von Pfingsten

und von der Gründung der ersten Gemeinden.


Vor allem erzählt sie von einem Apostel,

der zu den ersten gehörte,

die Jesus zu seinen Lebzeiten nicht kennengelernt hatten:

von Paulus.


Paulus lernte die Jünger Jesu kennen,

die er vorher verfolgt hatte;

sie erzählten ihm von Jesus.

Aber wer Jesus war, und was Jesus für uns bedeutet,

das hatte sich Paulus selbst aus der hebräischen Bibel erschlossen,

die er sehr gut kannte.


Im Galaterbrief sagt er ausdrücklich,

dass er sein Evangelium nicht von einem Menschen gelernt habe,

sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi (Gal 1,12).

Er ist selbst darauf gekommen -

Christus zeigte sich ihm in der Schrift.


Auch Paulus erhielt den Schlüssel,

der ihm die Schrift aufschloss, von Jesus.

Aber er ging den Weg genau andersherum:

Den Jüngern half die Bibel,

ihre Erfahrungen mit Jesus zu deuten und zu verstehen.

Paulus, der keine Erfahrungen mit Jesus hatte,

erkannte durch die Bibel,

dass der Messias, an den er als Jude bereits glaubte,

der Mensch Jesus von Nazareth war,

dessen Anhänger er verfolgt hatte.


IV

Die Himmelfahrt am Ende des Evangeliums

erzählt von einem Abschied.

Die Himmelfahrt am Anfang der Apostelgeschichte

erzählt von einem Anfang:

der Gründung der ersten Gemeinden,

dem Beginn der Kirche.


Dieser Anfang wurde gemacht durch Menschen,

die zu Zeugen wurden.

Dabei kam es nicht darauf an,

dass sie Jesus persönlich gekannt hatten

oder besonders viele Details aus seinem Leben wussten.

Der wichtigste Zeuge für Lukas ist der Apostel Paulus,

der Jesus zu seinen Lebzeiten nicht kennengelernt hatte.


Lukas macht Paulus zum Helden seiner Geschichte

über die Gründung der Kirche.

Nicht die Jünger Jesu, die ihm doch viel näher gestanden hatten,

die mit ihm gesprochen, mit ihm gegessen, ihn berührt hatten

und von ihm berührt worden waren.


Um Zeuge zu sein, muss man nicht zum Inner Circle gehören.

Man muss kein besonderes Wissen haben,

nicht die wichtigen Leute kennen.

Zeuge wird man, wenn man den Schlüssel hat,

der die Schrift aufschließt.


Diesen Schlüssel haben wir alle.

Viele von uns haben ihn bereits erhalten,

als wir weder lesen noch schreiben,

ja, nicht einmal sprechen konnten:

bei unser Taufe als Kleinkinder.


Bei der Taufe wurde uns die Hand aufgelegt

und uns der Heilige Geist zugesprochen.

Die Kraft des Heiligen Geistes schließt uns die Schrift auf

und macht uns zu Zeug:innen.


Denn die Handauflegung gibt nicht nur den Segen Gottes weiter,

seinen Heiligen Geist.

Die Handauflegung ist auch ein Zeichen der Berufung.

Die Konfirmand:innen werden damit eingesegnet,

Kirchenvorsteher:innen oder Pastor:innen in ihr Amt eingeführt.

Die Handauflegung bei unserer Taufe

hat uns alle zu Zeug:innen berufen.


V

Auch durch unser Reden und Tun können Menschen erleben,

wer Jesus ist und vor allem: Wie Jesus ist.

Dazu müssen wir nicht ständig von Jesus erzählen,

müssen keine Bibelzitate im Mund führen.


Wir verkörpern Jesus, wenn wir so reden und handeln,

wie Jesus es uns gelehrt hat und sich von uns wünscht:

In Liebe zu Gott, zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen.


Wer versucht, in dieser dreifachen Liebe zu leben,

sich von dieser dreifachen Liebe leiten zu lassen,

wird anders handeln, anders reden,

anders leben und anders sein als die anderen.


Wird Nein! sagen, wenn andere zu etwas Ja sagen

und Ja, wenn andere zu einem Menschen Nein sagen.


Wird sich nicht von Hass regieren lassen,

sondern von Mitgefühl;

nicht von Neid, sondern von Verständnis.


Wird Respekt haben vor allen Menschen,

auch denen, die nicht einer Norm entsprechen,

auch den Fremden und befremdlichen.


´Und wird die Geschöpfe und die Schöpfung achten

und dadurch den Schöpfer ehren.


So werden wir zu Zeug:innen für Jesus.

So werden Menschen überzeugt,

gewonnen für die Sache Jesu.

So ist schon ein kleines Stück von Gottes Reich,

so ist der Himmel unter uns zu sehen,

und wir sind mitten drinnen.


Sonntag, 5. Mai 2024

Fürsprecher

Predigt am Sonntag Rogate, 5.5.2024, über 2.Mose 32,7-14:

Gott sprach zu Mose:

Auf, steige herab! Denn dein Volk,

das du aus dem Land Ägypten heraufgeführt hast,

richtet Unheil an.

Schnell sind sie abgewichen von dem Weg,

den ich ihnen gebot.

Sie machten sich ein Jungstier-Gussbild

und beteten es an und opferten ihm und sprachen:

Das ist dein Gott, Israel,

der dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat.


Und Gott sprach zu Mose:

Ich kenne dieses Volk. Es ist wirklich hart-näckig!

Und nun lass mich, dass mein Zorn gegen sie entbrennt

und ich sie vertilge.

Danach will ich dich zu einem großen Volk machen.


Da besänftigte Mose den Zorn des Herrn, seines Gottes,

indem er sagte:

Herr, warum entbrennt dein Zorn gegen dein Volk,

das du aus dem Land Ägypten herausgeführt hast

mit großer Kraft und starkem Arm?

Warum soll Ägypten sagen:

Zu ihrem Unheil hat er sie herausgeführt,

um sie in den Bergen zu töten

und sie vom Antlitz der Erde zu vertilgen?

Wende dich doch von der Glut deines Zornes ab

und lass dich des Unheils für dein Volk gereuen.

Gedenke deiner Knechte Abraham, Isaak und Israel,

denen du bei dir selbst geschworen hast:

Ich will eure Nachkommen so zahlreich machen

wie die Sterne am Himmel.

Und dieses ganze Land, von dem ich sprach,

will ich euren Nachkommen geben,

und sie sollen es als Besitz erhalten für immer.

Da reute Gott das Unheil,

das er seinem Volk angedroht hatte.


Liebe Schwestern und Brüder,


manchmal muss man unfreiwillig mit anhören,

wie sich ein Paar streitet -

in der Schlange an der Kasse,

am Nachbartisch im Restaurant, oder im Bus.

Es ist unangenehm, Zeug:in eines solchen Streites zu werden.

Er erinnert an eigene Streitereien,

wie verletzend sie sein konnten,

und wie überflüssig sie letztlich waren.


Mit dem heutigen Predigttext

werden wir unfreiwillig Zeug:innen eines solchen Streites

zwischen Gott und Mose.

Gott sagt: Sieh mal, was dein Volk da treibt,

was ich ihm streng verboten habe!

Jetzt kann ich nicht anders, ich muss mich von ihm trennen.

Mose entgegnet respektvoll und doch sehr bestimmt:

Es ist dein Volk. Du hast es aus Ägypten befreit.

Was sollen denn die Leute denken,

wenn du dich jetzt von ihm trennst?

Und außerdem: Hast du ihm nicht etwas versprochen?


„Da reute Gott das Unheil,

das er seinem Volk angedroht hatte.”


I

So gehen unsere Streitereien selten aus,

dass die oder der, der den Streit anfing, am Ende Reue zeigt.

Wenn, dann kommt die Reue erst hinterher.

Sie kommt zu spät, um der anderen, dem anderen zu sagen:

So war das doch nicht gemeint!

Es ist dann schon etwas kaputt gegangen.

Es benötigt dann viel mehr Zeit und Kraft,

diesen Schaden zu heilen,

als nötig war, um ihn zu verursachen.


In der Beziehung Gottes zu seinem Volk

ist auch etwas kaputt gegangen.

Die Israeliten hatten die Beziehung aufgegeben.

Sie hatten das Warten aufgegeben.

Mose war auf den Gottesberg gestiegen,

um dort die Gebote zu empfangen.

Eine Wolke hatte ihn verschluckt;

seitdem hatte man nichts mehr von ihm

gehört oder gesehen.


Wie sollte es nun weitergehen?

Da sie ihren Anführer Mose offensichtlich verloren hatten,

forderten die Israeliten dessen Bruder Aaron auf,

ihnen einen Gott zu machen.

Der Gott des Mose hatte ja offenbar kein Interesse mehr an ihnen.

Aaron sammelte von den Israeliten das wertvollste,

das sie besaßen: ihre goldenen Ohrringe.

Er schmolz sie ein und goss sie in eine Form:

Das goldene Kalb.

Es wurde von den Israeliten sofort als Gott anerkannt und verehrt.


II

Dieses goldene Kalb verursacht eine Beziehungskrise

zwischen Gott und seinem Volk,

für das Mose stellvertretend als Fürsprecher eintritt.

Gott nimmt Mose als Anführer in die Verantwortung:

Sieh mal, was dein Volk da treibt!

Aber Mose zieht sich den Schuh nicht an,

den Gott ihm da zuschiebt:

Du hast es aus Ägypten befreit! Es ist dein Volk!, sagt er.


Mich erinnert das an die Reaktion von Eltern,

deren Kind etwas Dummes angestellt hat.

Da sagt eine zum anderen:

Dein Sohn hat mal wieder etwas ausgefressen!

Bei Hundebesitzern gibt es das auch:

Dein Hund muss mal wieder Gassi gehen!

Gemeint ist: Kümmere du dich darum.

Du bist dafür verantwortlich.


In ähnlicher Weise wird zwischen Gott und Mose

die Verantwortung für das Volk Israel hin- und hergeschoben.

Mose ist zwar sein Anführer,

aber mit dem goldenen Kalb will er nichts zu tun haben;

das war schließlich nicht seine Idee.


Die Beziehungskrise zwischen Gott und seinem Volk

endet beinahe tragisch.

Gott droht damit, endgültig Schluss zu machen:

„Lass mich, dass mein Zorn gegen sie entbrennt

und ich sie vertilge.”


III

„Lass mich, dass mein Zorn gegen sie entbrennt

und ich sie vertilge.”

Bei diesen Worten stockt einem der Atem.

Gott ist so wütend, dass er die Beziehung zu seinem Volk Israel,

in die er so viel investiert hat, einfach wegwerfen

und mit Mose noch einmal ganz von vorn beginnen will.

Gott wirft nicht nur die Beziehung weg.

Auch das Leben der Israeliten will er auslöschen.


Wer in einer Beziehung so schwer enttäuscht wurde,

steht kurz davor, alles hinzuwerfen.

Und wünscht wohl auch dem Partner, der Partnerin,

alles Übel der Welt, oder sogar den Tod an den Hals.

In unseren Beziehungen hat die Partnerin, der Partner,

der uns das angetan hat,

keinen Fürsprecher wie Mose, der einwendet:

Was sollen denn die Leute denken? und:

Erinnere dich daran, was du versprochen hast!


Fürsprache, das ist das Thema dieses Sonntags Rogate,

der dem Gebet gewidmet ist.

Gebet ist auch Fürbitte, Fürsprache für Menschen,

die keine Fürsprecher haben

oder sich nicht trauen,

weil ihre Beziehungen gestört oder zerbrochen sind.


Mose nimmt die Rolle des Fürsprechers an,

weil er als Anführer die Verantwortung für die Israeliten trägt.

Zu dieser Rolle gehört es,

Gott an seine Verantwortung zu erinnern:

Israel ist sein Volk, das Gott sich erwählt

und aus Ägypten befreit hat.

Diesem Volk will Gott mit seinen Geboten eine Zukunft geben,

die weiter reicht als die der anderen Völker.

Eine Zukunft, in die einmal

alle Menschen eingeschlossen sein werden.

Mit Gottes überbordendem Zorn

steht nicht nur die Zukunft seines Volkes,

es steht auch die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel.


IV

Die Geschichte ist zum Glück gut ausgegangen:

„Da reute Gott das Unheil,

das er seinem Volk angedroht hatte”,

auch wenn die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk

problematisch und krisenhaft blieb.

Die Geschichte ging gut aus,

weil Mose für die Israeliten Fürsprache einlegte.

Und weil Gott sich umstimmen ließ.


Gott lässt sich umstimmen,

indem Mose ihn auf seine Verantwortung anspricht:

Was sollen denn die Leute denken,

wenn du das Volk auslöscht,

das ihnen als Vorbild dienen soll?

Und was ist mit den Versprechen, die du gegeben hast?

Du hast sie nicht an Bedingungen geknüpft.

Sie gelten auch dann, wenn die Menschen nicht so sind,

wie du es dir von ihnen wünscht.


So wird die Geschichte vom goldenen Kalb

zum Trost für alle, deren Beziehung zu Gott

in eine Krise geraten ist.

Auf den ersten Blick ist diese Geschichte die einer Beziehungskrise.

Eine Geschichte von zerstörtem Vertrauen, gebrochenen Versprechen.

Aber weil Gott sich von Mose an seine Verantwortung erinnern lässt,

ist diese Geschichte eine Trostgeschichte.

Sie überzeugt uns davon,

dass Gott seine Beziehung zu uns niemals abbricht,

ganz gleich, was wir ausgefressen haben.

Sogar dann nicht, wenn es schlimme Fehler waren.

Selbst, wenn wir von uns aus die Beziehung zu Gott abbrechen

und goldenen Kälbern nachlaufen.

Gott vergisst nicht, was er uns versprochen hat.

Gott entlässt uns auch nicht aus der Verantwortung,

dass mit uns und durch uns

alle Menschen eine Zukunft haben sollen,

die Gottes Gebot zum Leitstern ihres Lebens erheben.


V

In unseren Beziehungen und Partnerschaften

hätten wir auch gern einen solchen Fürsprecher,

wie es Mose für das Volk Israel war.


Tatsächlich haben wir einen solchen Fürsprecher.

Er redet uns ins Gewissen,

wenn wir voller Zorn ausrasten;

wenn wir vergessen, was wir einmal versprachen,

oder wenn wir unsere Verantwortung nicht wahrnehmen wollen.

Es ist der Tröster, den Jesus seinen Jüngern angekündigt hat:

Der Heilige Geist.


In zwei Wochen, an Pfingsten, feiern wir,

dass er zu uns gekommen ist,

um immer bei uns zu bleiben.

Der Heilige Geist ist unser Fürsprecher bei Gott,

der für uns eintritt mit unaussprechlichem Seufzen.

Er ist auch Fürsprecher für die Menschen,

mit denen wir in einer Beziehung stehen.

Manchmal hören oder spüren wir sein Seufzen.


Der Heilige Geist erinnert uns daran,

dass wir zu Gottes Volk gehören.

Darauf können wir uns verlassen.

Darauf können wir bauen.

Darauf können wir vertrauen.

Dieses Vertrauen wird uns tragen,

durch, und über alle Krisen unseres Lebens hinweg.

Sonntag, 28. April 2024

ja, wenn das alle täten …

Predigt am Sonntag Kantate, 28.4.2024, über EG 369,7

Liebe Schwestern und Brüder,


die Grille hatte den ganzen Sommer hindurch gesungen.

Als der Winter kam, fand sie nichts mehr zu essen.

Sie klopfte bei der Ameise an,

ob sie ihr nicht etwas Brot leihen könne,

sie würde es im Sommer auch mit Zinsen zurück zahlen.

Die Ameise fragte:

„Was hast du den ganzen Sommer über getrieben?” -

„Ich habe Tag und Nacht alle durch mein Singen erfreut”,

antwortete die Grille.

„Gesungen hast du?”, sagte die Ameise, „dann tanze jetzt!”


In dieser Fabel findet so mancher Künstler,

manche Künstlerin ihr Schicksal gespiegelt.

Nicht nur, wie prekär die Lage einer Künstlerin,

eines Künstlers sein kann.

Auch, wie schroff und zuweilen herzlos

die Gesellschaft auf eine Künstlerexistenz reagiert:

„Gesungen hast du? Dann tanze jetzt!”


Nicht nur Künstler:innen können in diese Lage geraten.

Auch wer die Worte des Liedes von Georg Neumark

zu wörtlich nimmt, besonders die letzte Strophe:


„Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,

verricht das Deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen,

so wird er bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verlässt er nicht.”


Dabei beweist man doch gerade dadurch sein Gottvertrauen,

dass man singt, betet und auf Gottes Wegen geht

und dabei seine Zuversicht auf Gott setzt.

Damit gibt Georg Neumark eine Stelle der Bergpredigt wieder.

Jesus fordert darin auf (Matthäus 6,19-34):


„Sorgt euch nicht um euer Leben,

was ihr essen und trinken werdet;

auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.

Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung

und der Leib mehr als die Kleidung?

Seht die Vögel unter dem Himmel an:

Sie säen nicht, sie ernten nicht,

sie sammeln nicht in die Scheunen;

und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?”


I

Es wäre ein Zeichen von Gottvertrauen,

es wäre aufrichtiger Glaube,

wenn man Jesus’ Aufforderung folgen würde:


„Sorgt nicht für morgen,

denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.”


Aber leider funktioniert das nicht.

Wer sorglos in den Tag hinein lebt,

findet sich schneller als gedacht

als Bittsteller:in vor anderer Leute Tür wieder.

Da ist man angewiesen auf das Mitleid

und die Großzügigkeit anderer.

Doch meist trifft man nur Ameisen

und hat zum Schaden auch noch den Spott:

„Gesungen hast du? Dann tanze jetzt!”


Ameisenfleiß gilt viel in unserer Gesellschaft.

In der Emsigkeit ist die Emse, die Ameise, enthalten.

Diese Emsigkeit haben wir auch Immanuel Kant zu verdanken,

dessen 300. Geburtstag in der vergangenen Woche begangen wurde.

Sein ethisches Prinzip des kategorischen Imperativs,

wonach der Maßstab des eigenen Handelns

auch für alle anderen gelten solle,

wurde im Volksmund umgedreht zu der Formulierung:

„Ja, wenn das alle täten …!”


Ja, wenn alle wie die Grille in den Tag hinein lebten,

wer würde dann für den Winter vorsorgen?

Wer hielte die Wirtschaft am Laufen,

Produktion, Versorgung, Warenverkehr?

Wenn alle wie Grillen wären,

bräche unsere Wirtschaft zusammen.

Darum wird die emsige Ameise zum Vorbild erhoben:

Sie sorgt vor und kann immer von sich sagen:

Das habe ich alles allein geschafft

und bin niemandem etwas schuldig!

Von den Ameisen kommt deshalb das Sprichwort:

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!” -

ein radikaler Widerspruch zu den Worten Jesu

wie zu denen unseres Liedes.


II

„Ja, wenn das alle täten …”

Aus der Sicht der Emsigen

sind künstlerische Existenzen prinzipiell verdächtig:

Sie könnten ihnen eines Tages auf der Tasche liegen.

Das gilt nicht nur für Künstler:innen.

Ein alleinstehender Pastor war in seiner Gemeinde dafür bekannt,

dass er regelmäßig zu den Mahlzeiten

bei seinen Gemeindegliedern vorbeischaute.

Natürlich lud man ihn zu Tisch.

Aber hinter seinem Rücken tuschelte man,

er täte das absichtlich und würde sich durchfuttern.

Offenbar liegt eine solche Unterstellung nahe.

Aber wie viele klagen darüber,

dass sie nicht vom Pastor besucht werden!?

Dieser Pastor besuchte seine Gemeinde

und gab ihr Gelegenheit, großzügig und gastfreundlich zu sein.


Gastfreundschaft - früher einmal eine Selbstverständlichkeit

und ein hohes Gut: sie war heilig.

Ein Gast stand unter besonderem Schutz.

Früher wurde Besuch nicht als Last angesehen,

für den man das Haus aufräumen und putzen,

Essen zubereiten und ein Bett herrichten musste.

Sondern als jemand Besonderes, eine Bereicherung.

Ein Gast brachte Neuigkeiten, Informationen,

brachte den Duft der weiten Welt ins Haus.

Ein Gast brachte neue Geschichten,

die man sich im Winter am Ofen erzählen konnte,

oder neue Lieder mit.

Das, was ein Gast war und mitbrachte,

wurde für mindestens gleichwertig mit dem Aufwand gehalten,

den man seinetwegen betrieb.


Bei Künstler:innen wissen wir, was wir an ihnen haben.

Trotzdem sind heutzutage nur wenige bereit,

Geld für Konzert- oder Theaterkarten auszugeben

oder einer jungen, noch unbekannten Künstlerin

ein Bild abzukaufen.


Als Bundeskanzlerin Angela Merkel

ihren berühmt-berüchtigten Satz „Wir schaffen das” sagte

und syrische Flüchtlinge bei uns

einen Platz zum Überleben fanden,

wurden sie beim Karneval auf einem Umzugswagen

als Heuschrecken dargestellt.

Flüchtlinge als Heuschreckenplage,

die uns die Haare vom Kopf fressen -

ein wieder und wieder beschworenes Schreckensszenario.

Nichts dergleichen ist geschehen.

Niemand musste sich einschränken,

weil wir gastfreundlich waren zu Menschen in Not.


Warum sehen wir Fremde und Flüchtlinge als Schmarotzer,

die uns auf der Tasche liegen -

wie wir dem Pastor unterstellen,

er wolle sich nur durchfuttern?

Warum können wir nicht erkennen, was sie uns mitbringen

und was sie uns zu geben hätten,

wenn wir ihnen eine Chance gäben?

Wie sie uns bereichern durch ihr Wesen und ihr Wissen,

durch ihre andere Sicht auf unsere Gewohnheiten,

durch neue Kochrezepte, ungewohnte Klänge …


III

Der Fleiß der Emsigen,

die sich ihren Wohlstand aus eigener Kraft erarbeiten,

ist das Leitbild unserer Gesellschaft.

In seiner Extremform wird es zum amerikanischen Traum,

dass man es vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann,

wenn man sich nur richtig anstrengt.

Die Kehrseite dieses neoliberalen Traumes ist,

dass er Sozialleistungen für überflüssig hält

und möglichst abschaffen will.

Nichts ist ihm unerträglicher,

als auf Kosten anderer zu leben

und vom eigenen Geld anderen abgeben zu müssen.

Im neoliberalen Paradies haben Grillen keine Chance.


Der Glaube entwirft ein anderes Bild.

Er hat keine Angst vor Abhängigkeit,

weil er sich auf Gott angewiesen, von Gott abhängig weiß.

Sein Ideal ist nicht, alles allein zu schaffen

und niemandem etwas schuldig zu sein.

Wir bleiben Gott gegenüber grundsätzlich Schuldner.

Darum ist es keine Schande, in jemandes Schuld zu stehen.

Es ist vielmehr eine Stärke,

anderen das Gefühl zu nehmen, Schuldner:in zu sein,

indem man ihnen Schuld erlässt und sie gastfreundlich einlädt.


Ein anderes Wort für Schuld erlassen ist Vergebung.

Vergebung und Gastfreundschaft gehören zusammen:

Gott vergibt uns und lädt uns in sein Haus ein.

Weil uns vergeben ist, können wir seine Gäste sein.

In seinen Gleichnissen erzählt Jesus vom gastfreundlichen Hausherrn

und meint damit Gott und sein Reich.

Seine Einladung verschmähen die Emsigen,

die besseres zu tun haben als zu feiern:

Sie gehen ihren Geschäften nach.


IV

„Sorgt nicht”, fordert Jesus auf.

Wie Gott die Vögel nicht umkommen lässt,

so wird er auch für euch sorgen.

Aber wie sorgt Gott für uns?

Wir haben eingangs festgestellt,

dass es nicht funktioniert, in den Tag hinein zu leben,

weil man sich dann unversehens als Bittsteller:in wiederfindet.


Wie sorgt Gott für uns?

Gott sorgt für uns durch Menschen,

die in ihrer Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft

nicht danach fragen,

was wir den ganzen Sommer über getrieben haben.

Sie öffnen uns die Tür, laden uns ein,

weil sie sehen und wert schätzen,

was wir sind und was wir ihnen zu geben haben -

oft, ohne es selbst zu wissen.


Es gibt solche Menschen.

Wir selbst sind ihnen hier und da begegnet.

Es waren besondere Erlebnisse,

es war bereichernd, bei ihnen einzukehren.

Wir fühlten uns reich beschenkt und merkten dabei gar nicht,

wie viel wir ihnen von uns gaben.


„Ja, wenn das alle täten …”

Unsere Gesellschaft muss sich nicht die Ameise zum Vorbild nehmen.

Der übrigens in der Fabel Unrecht geschieht:

Die Ameise gehört, wie Wespen und Bienen,

mit denen sie eng verwandt ist, zu den sozialen Insekten.

Aber sie sorgt nur für ihresgleichen,

für die Weitergabe der eigenen Gene,

um so einen evolutionären Vorteil zu erhalten.


Wir Menschen sind der natürlichen Auslese nicht mehr unterworfen.

Wir haben die Freiheit, uns anders zu entscheiden.

Wir haben die Freiheit, gastfreundlich zu sein,

die Grillen und die Fremden aufzunehmen

und ihnen einen Platz unter uns zu gewähren.

Ja, wenn das alle täten!