Sonntag, 14. Juni 2026

Freundlichkeit

Predigt am 2.Sonntag nach Trinitatis, 14.6.2026, über Matthäus 11,25-30

Jesus sprach:
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast
und hast es Unmündigen offenbart.
Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
Alles ist mir übergeben von meinem Vater,
und niemand kennt den Sohn als nur der Vater;
und niemand kennt den Vater als nur der Sohn
und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.


Liebe Schwestern und Brüder,

„Das Gute - dieser Satz steht fest - ist stets das Böse, was man lässt.” 

So lautet das Fazit, das Wilhelm Busch dem Onkel Nolte
über „Die fromme Helene” in den Mund legt.
„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt.”
Ja, wenn es so einfach wäre!
Wenn es genügte, das Böse nicht zu tun, um dadurch gut zu sein.

Gutes tun durch Unterlassen des Bösen - das ist das Prinzip,
das der zweiten Hälfte der Zehn Gebote zugrundeliegt.
Sie sagt uns, welches Böse wir nicht tun sollen:
„Du sollst nicht töten;
du sollst nicht ehebrechen;
du sollst nicht stehlen;
du sollst nicht falsch Zeugnis reden;
du sollst nicht begehren.”

Aber wer nur unterlässt, Falsches zu tun,
tut damit nicht zugleich immer das Richtige.
Die Erfahrung lehrt:
Um das Gute muss man sich stets und ständig bemühen,
während Böses scheinbar ganz von selbst passiert.

Natürlich wäre schon viel gewonnen, wenn die, die Böses tun, es ließen.
Wenn z.B. die, die andere angreifen, auf andere schießen,
ihre Waffen aus der Hand legen würden.
Wenn am besten gar keine Waffen mehr hergestellt würden.
Aber so wenig, wie Frieden die Abwesenheit von Krieg ist,
wird ein Krieg nicht dadurch beendet, dass man die Waffen ruhen lässt.

Die Waffen nieder! - das ist der erste Schritt.
Damit er gegangen werden kann,
müssen ihm viele mühsame Verhandlungsrunden vorausgehen,
in denen gerade so viel Vertrauen aufgebaut wird,
dass beide Seiten zumindest nicht mehr aufeinander schießen.
Die eigentliche Arbeit beginnt damit erst:
Eine Basis für einen dauerhaften Frieden zu schaffen.

Dazu gehört, dass man einen Ausgleich der Interessen findet,
um deretwillen der Krieg geführt wurde;
dass man Propaganda gegen den ehemaligen Feind
und Provokationen gegen die jeweils andere Seite unterlässt;
dass Verbrechen und Schuld benannt
und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.
Eines Tages kommt es dann vielleicht zu tatsächlicher Versöhnung.
Kommt es dazu, dass man sich über Gräben und Gräber hinweg die Hand reicht
und aus ehemaligen Feinden Freunde werden.

Aus dieser - keineswegs vollständigen - Aufzählung wird deutlich,
wie mühevoll der Weg der Verständigung ist,
wieviel Zeit und Arbeit er kostet.
Wir Deutschen sind diesen Weg auf unsere Nachbarn zu gegangen,
die wir im vergangenen Jahrhundert zweimal angegriffen haben.
Die, die sich einmal als Herren der Welt wähnten, mussten sich dafür tief bücken.
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 war der erste Schritt,
und der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt
vor dem Ehrenmal für die Helden das Warschauer Ghettos
am 7. Dezember 1970 der wichtigste.
Dadurch wurde Deutschland zu einem gleichberechtigten und anerkannten Partner
in der Europäischen Gemeinschaft und im Bund der Völker.

Doch wir dürfen uns auf dieser Versöhnungsarbeit nicht ausruhen.
Völkerverständigung bedeutet, dass man im Gespräch bleibt,
die Sprachen der Nachbarländer erlernt und mit den Nachbarn spricht.
Frieden wird dadurch bewahrt, dass weiterhin Konflikte gelöst
und Interessen ausgeglichen werden.
Dass man um des gemeinsamen Zieles willen auch einmal nachgibt.
Die mitnimmt, die nicht so stark sind wie man selbst. 

Wie im Großen der Völker, so reicht es auch in unserer Gesellschaft nicht,
dass man Böses unterlässt, sich gegenseitig in Ruhe lässt.
Damit wir in Frieden zusammenleben, müssen auch unter uns
Ungleichheiten beseitigt, Interessen ausgeglichen und Konflikte gelöst werden.
Muss auf die Rücksicht genommen werden, die nicht so stark sind,
auf die, die in der Minderheit sind, die keine Fürsprecher haben.

Das gilt schließlich auch für unser Verhältnis zu Gott.
Wenn Jesus den Willen Gottes zusammenfasst im Doppelgebot der Liebe:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt
und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”
(Mt 22,37-39),

so ist das mehr, als nur darauf zu verzichten, dem anderen Böses zu tun.
Liebe ist ein aktives Zugehen auf den anderen.
Die Liebe, von der hier die Rede ist,
äußert sich nicht durch Zuneigung, Sympathie;
sie findet ihren Ausdruck durch das, was wir tun.

Darum spricht Jesus vom Joch, das wir auf uns nehmen sollen.
Das Joch war eine Holzstange,
die man sich auf die Schulter legte oder auferlegt bekam,
und an deren beiden Enden Lasten befestigt waren.
So holte man früher z.B. Wasser vom Brunnen.
Wir benutzen heute keine Joche mehr.
Trotzdem weiß jede:r, dass damit eine Belastung gemeint ist,
die man auf sich nimmt oder aufgeladen bekommt.
Richtig handeln, Gutes tun, das kann eine Last sein,
wenn man sich dafür anstrengen, seine Gewohnheiten ändern muss.

Wie viel leichter hat es dagegen das Böse.
Die Skulpturen der sieben Todsünden,
die wir gleich nach diesem Gottesdienst kennenlernen werden,
oder die Sie sich schon angeschaut haben,
bringen dieses Böse eindrücklich zum Ausdruck,
sie bringen es geradezu auf den Punkt:

"Die sieben Todsünden" von Adriana Majdzińska

Superbia - Stolz
Avaritia - Geiz
Luxuria - Wollust
Ira - Zorn
Gula - Völlerei
Invidia - Neid und
Acedia - Faulheit 

Die Letzte in der Reihe, die Faulheit, steht sinnbildlich dafür,
wie Böses sich geradezu von selbst einstellt: durch Unterlassen.
„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt,”
dieser Satz gilt auch andersherum:
Böses geschieht, wenn man Gutes unterlässt.

Aber auch die anderen Todsünden ergeben sich quasi von allein:
Der Stolz ist eine Haltung, eine Eigenschaft,
die eine:n selbst nichts kostet, anderen aber viel Mühe macht.
Man selbst muss höchstens den Kopf höher tragen,
um besser auf die anderen herabblicken zu können.

Der Geiz muss auch nicht mehr tun,
als die Geldbörse zu verschließen, die Haustür, die Hände oder das Herz.

Die Wollust kann eine schweißtreibende Angelegenheit sein,
aber das bemerkt man nicht, weil man sie nicht als Arbeit empfindet,
sondern als Vergnügen.

Der Zorn bricht aus einem heraus wie ein Blitz:
aufgestaute, überschüssige Energie, die sich entlädt.
So ein Zornesausbruch schafft Erleichterung,
indem er der angestauten Aggression ein Ventil öffnet:
statt seinen Ärger mühsam unter Kontrolle zu bringen,
lädt man ihn einfach auf jemand anderen ab.

Die Völlerei ist auch keine Arbeit.
Die Schlaraffen im Schlaraffenland schlagen sich im Liegen die Bäuche voll.
Jede überflüssige Bewegung wird vermieden;
nur soviel, wie nötig ist, um die Gabel zum Munde zu führen.

Bleibt noch der Neid - macht er Mühe?
Nach meiner Erfahrung ist es mit dem Neid wie mit dem Jähzorn:
Er bricht hervor, wenn er dazu einen Anlass findet.
Er entzündet sich wie ein Streichholz. Dazu braucht es nicht viel.
Wie der Zorn ist der Neid angestaute Energie,
die nur einen Funken benötigt, um sich zu entladen.

Was wir als „Sieben Todsünden” kennen, sind aber noch gar keine Sünden.
Zwar ist ein Zornesausbruch verletzend, Geiz und Stolz können kränken.
Aber eigentlich sind das, was wir „Todsünden” nennen,
die Eigenschaften, die dazu führen, dass man Böses tut.
Sie stehen hinter dem, was die Bibel „Sünde” nennt,
sie führen und verführen dazu, anderen Böses anzutun.

Wer stolz ist, stört oder zerstört eine Beziehung;
wer geizt, verweigert anderen das zum Leben Nötige.
Wer von Wollust geleitet wird, missbraucht Menschen,
und wer von Zorn erregt wird, vergisst sich,
überschreitet Grenzen, zerstört und verletzt.
Die Völlerei eignet sich an, was allen gemeinsam gehört
und was man untereinander teilen sollte.
Der Neid stiehlt, was andere besitzen,
bekämpft den, der etwas besser kann als man selbst,
gönnt anderen nicht, was sie zum Leben brauchen.
Die Faulheit schließlich verweigert Hilfe, ist unsolidarisch.

Die sogenannten „Todsünden” - als Eigenschaften kosten sie keine Energie.
Aber wozu sie einen Menschen bewegen,
das macht eine ganze Menge Arbeit:

Wie schwer hat es der Neider, dem anderen nachzueifern, den er beneidet,
oder ihm Steine in den Weg zu legen, wenn er ihm nicht ebenbürtig ist.

Wie viel Mühe macht der Geiz, den Besitz zusammenzuhalten und zu mehren,
nach dem Schnäppchen Ausschau zu halten,
die angeblichen Schmarotzer abzuwimmeln,
den Besitz möglichst gewinnbringend anzulegen.

Wie sehr entstellt der Zorn einen Menschen,
wenn ihm die Zornesröte ins Gesicht steigt, wenn seine Adern schwellen
und sein Antlitz sich zur Maske des Hasses verzerrt.

Nur die Faulheit ist scheinbar umsonst zu haben.
Aber auch sie fordert ihren Tribut vom Körper,
den sie systematisch zugrunde richtet.

Das Böse erscheint nur auf den ersten Blick leicht.
Es ergibt sich nur scheinbar von selbst.
Auch das Böse kostet Kraft - viel Kraft sogar.
Doch während Jesus uns ein Joch auferlegt,
beugt man sich freiwillig unter die Last,
die man mit den Todsünden auf sich nimmt.

Worin besteht denn nun eigentlich dieses Joch, von dem Jesus möchte,
dass wir es mit dem Joch der Todsünden tauschen?

Nimmt man sich Jesus zum Vorbild, steht man vor einer unlösbaren Aufgabe:
Wie soll man diesem Gerechten nacheifern?
Wie soll man in solchem Vertrauen auf Gott und die Macht seiner Liebe leben,
selbstlos für andere da sein, wie er es tat?
Wer könnte sich wie er schutzlos und wehrlos
in die Hände seiner Mitmenschen begeben?

Schon den ersten Christ:innen war klar, dass Jesu Fußtapfen zu groß für sie waren.
Aber sie waren überzeugt, dass sie es wenigstens versuchen müssten.
Die Nachfolge Jesu verlangt Opfer:
Verzicht auf finanzielle Sicherheit,
wie ihn Jesus vom Reichen Jüngling gefordert hatte.
Verzicht auf Eigentum, auf Haus und Familie.
Verzicht auf alles, was das Leben lebenswert macht:
eine Beziehung, Genuss, Schönheit, Lust.

Denn hinter dem, was uns lebendig macht, lauert immer eine der Todsünden:
Die Lust, die keine Grenzen kennt
und die des anderen nicht respektiert, wird zur Wollust.
Die Freude an der eigenen Leistung kann in Stolz umschlagen.
Der Genuss, der immer mehr will, ist Völlerei.
Wer, was er besitzt, nur für sich haben will, wird geizig;
wer sich mit anderen vergleicht, wird neidisch.
Wer seinen Gefühlen freien Lauf lässt, kann zornig werden;
wer nichts mehr fühlt, wird faul.

Darum, so lehrten es die Kirchenväter, muss man sich an die Kandare nehmen:
Zum Verzicht muss die Selbstbeherrschung treten.
Sie wurde eingeübt durch regelmäßiges Fasten und feste Gebetszeiten.
Wer es mit dem Glauben wirklich ernst nahm,
lebte in klösterlicher Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zusammen,
entsagte der Welt und allen weltlichen Freuden.

Aber weil der Mensch ein Mensch ist,
und weil Gott uns diese wunderbare Welt und unsere Körper
mit all ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten geschenkt hat,
damit wir sie nutzen und genießen,
führte dieses Ideal zu einem Dauer-Frust:
Man konnte nur daran scheitern.
In der Sprache der Kirchenväter hieß das:
Man war eine Sünderin, man war ein Sünder.
Nie war man gut genug, nie tat man genug,
nie wurde man Gott und dem Nächsten gerecht.
So konnte man Gott nicht unter die Augen treten.

Martin Luther erlöste aus dieser Schuldenfalle,
indem er genau las, was da eigentlich stand:
„Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig,” sagt Jesus.
Jesus möchte nicht, dass wir uns Gewalt und Zwang antun.
Wir können nicht so werden wie er, wir müssen es auch nicht.
Wenn er dem Reichen Jüngling rät, seinen Besitz aufzugeben,
will er ihm nicht eine erdrückende Last auflegen;
er will ihn von der Last seines Besitzes befreien.

Mit Luthers Worten:
„Vor allem aber ist besonders zu merken
und sollte man mit großen Buchstaben schreiben,
dass Christus nicht spricht: Lernt von mir, zu fasten
und zu machen, wozu die wunderlichen Heiligen grämlich treiben.
Er spricht auch nicht: Lernt von mir, auf dem Wasser zu gehen
und andere Wunder zu tun (denn das gehört nur ihm zu).
Sondern er spricht: Lernt von mir das ganz Gewöhnliche,
nach meinem Beispiel sanftmütig und demütig zu sein.”

Was Jesus von uns möchte, ist Freundlichkeit und Demut.
Freundlichkeit und Demut sind das beste Mittel gegen die sieben Todsünden.
Sie machen keine große Mühe - was kostet schon ein Lächeln?
Was kostet es schon, einem anderen den Vortritt zu lassen,
sich selbst nicht so wichtig zu nehmen?
Aber nur, weil es so leicht ist, freundlich und bescheiden zu sein,
muss man diese beiden Haltungen nicht gering schätzen.
Noch einmal mit Luthers Worten:
„Lerne, lerne, lerne also freundlich zu sein,
und du hast unendliche Werke getan"
(WA 38,528).

„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt.”
Nein, Onkel Nolte, so einfach ist es nicht.
Man muss sich schon ein bisschen Mühe geben.
Freundlichkeit und Demut wollen erlernt und täglich geübt sein.
Der Lohn, den man davon hat, ist das Glück:
in Gemeinschaft mit anderen zu leben.

Wozu die Todsünden führen, wenn man sich ihnen überlässt,
sind Einsamkeit, Verzweiflung, Hass und Gewalt.
So leicht, wie sie scheinen, sind sie gar nicht.
Sie kosten viel Kraft.
Und sie kosten uns und anderen das Leben.

Bertolt Brecht sagt über die Maske des Bösen:
„An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk
Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack.
Mitfühlend sehe ich
die geschwollenen Stirnadern, andeutend
Wie anstrengend es ist, böse zu sein.”

Montag, 25. Mai 2026

Vergebung

Predigt am Pfingstmontag, 25.5.26, über Joh 20,19-23


Nehmt hin den Heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen;
welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.


Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus macht seinen Jüngern ein Geschenk, bevor er sie verlässt: Ein Abschiedsgeschenk. Zum Abschied, wenn man weiß, dass man sich lange Zeit oder vielleicht nie mehr wieder sehen wird, ist das Geschenk aufgeladen mit Emotionen und Bedeutung. Es soll an den erinnern, der sich verabschiedet. Und es soll die Beziehung widerspiegeln, die man miteinander hatte.
Jesus schenkt seinen Jüngern zum Abschied den Heiligen Geist. Dieser Geist, sagt Jesus, gibt ihnen die Vollmacht, Sünden zu erlassen und Sünden zu behalten. Eine gottgleiche Vollmacht, die seine Jünger damit besitzen.
Wir erinnern uns: Dass Jesus für sich in Anspruch nahm, Sünden zu vergeben, war der Anlass für die Feindschaft der jüdischen Geistlichkeit: „Er lästert Gott!”, sagten sie über ihn. „Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?” (Markus 2,7).
Bei Matthäus ist es nur ein Jünger, der diese Vollmacht erhält: Petrus, der Fels, auf dem Jesus seine Kirche baut und dem er die Schlüssel anvertraut, die Himmel oder Hölle auf- oder zuschließen.
Bei Johannes dagegen sind es alle Jünger. Zu diesen Jüngern zählen auch wir als die, die Jesus heute nachfolgen. Damit dürfen auch wir Sünden erlassen und behalten.

I

Wie fühlt sich diese Vollmacht an? Wohl eher nicht großartig, sondern unangenehm und beklemmend. Es ist schließlich eine große Verantwortung, über die Zukunft eines anderen zu entscheiden. Denn das ist es doch wohl: Ob man Sünden erlässt oder behält, hat Einfluss auf die Zukunft derjenigen, die es betrifft: Auf die Zukunft des Täters, aber auch auf die des Geschädigten.
Zwar ist „Sünde” heute zum Glück kein Begriff mehr, der uns in Angst und Schrecken versetzt, uns vor Fegefeuer und Hölle zittern macht. Sie haben in unserer modernen Welt keinen Platz mehr. Zudem sind wir heutzutage viel besser darin, uns und anderen das Leben zur Hölle zu machen, als es die armen Teufel und Dämonen jemals waren.
Aber jemandem zu vergeben oder nicht zu vergeben ist nach wie vor eine wichtige Entscheidung, an der die Zukunft einer Freundschaft, einer Beziehung hängt. Sie ist wichtig für den Täter, der die Vergebung nötig hat, damit er in die Gemeinschaft zurückkehren kann. Sie ist auch wichtig für den Geschädigten, dem Unrecht zugefügt, dem Leid angetan wurde.
Denn es gibt Unrecht, das man nicht vergeben kann. Man kann von einem Geschädigten nicht erwarten, erst recht nicht von ihm verlangen, erlittenes Unrecht oder Leid zu vergeben. Ein Geschädigter kann dem Täter seine Sünden behalten, auch wenn er noch so sehr darum bittet, seine Tat noch so gründlich bereut.

II

Neben dem Geschädigten und dem Täter gibt es noch einen Dritten: Gott. Gott vergibt. Gott vergibt sogar solche Schuld, die ein Geschädigter niemals vergeben kann. Hier kommen die Jünger ins Spiel, bzw. wir, die wir als Nachfolgende Jesu ebenfalls seine Jünger:innen sind.
Wir sind es, die in Gottes Namen diese Vergebung zusprechen. Dazu hat Jesus uns den Heiligen Geist gegeben, damit wir Sünden vergeben oder behalten können. Aber darf man das, jemandem vergeben, einfach so?
Ich will es so sagen: Ebenso wie für den Geschädigten gilt auch für Gott, dass man nicht von ihm verlangen kann, Sünden zu vergeben. Wer also im Namen Gottes Sünden vergibt, muss sein Tun vor Gott rechtfertigen - und ebenso, wer es im Namen Gottes nicht tun will.
Man könnte sich darauf herausreden, dass man in einen Menschen nicht hineinschauen kann. Wenn jemand zur mir kommt und mich um Gottes Vergebung bittet, dann wird das schon seine Richtigkeit haben - schließlich ist er, ist sie ja deswegen gekommen. Letzten Endes weiß sowieso nur Gott, wie es um diesen Menschen wirklich bestellt ist. Bei Gott gilt der Grundsatz: „In dubio pro reo,” im Zweifel für den Angeklagten. Also bin ich safe, wenn ich ihr, wenn ich ihm die Vergebung zuspreche.

III

Nein, ich fürchte, so leicht können wir es uns nicht machen. Zwar ist Gottes Herz unendlich viel größer und weiter als unseres. Gottes Liebe übersteigt alles, was wir uns vorstellen können. Aber Jesus hat seinen Jüngern, hat uns mit dem Geist Gottes den Auftrag gegeben, Sünden zu vergeben und zu behalten.
Vergeben und Behalten im Namen Gottes tun wir nicht, wenn wir selbst von Leid oder Unrecht betroffen sind. Wir tun es, wenn wir unbeteiligte Dritte sind. Wenn dann ein Täter um Gottes Vergebung bittet, ist es an uns, ihm seine Schuld zu vergeben oder zu behalten.
Wohlgemerkt, es ist nicht unsere Aufgabe zu beurteilen, ob etwas Sünde ist. Wir sind nicht Richter:innen, die klären müssen, ob eine Schuld vorliegt oder nicht. Das hat der Täter schon selbst getan:
Wer eine Sünde bekennt, hat eine Schuld erkannt und anerkannt. Wer Sünde bekennt, übernimmt die Verantwortung für sein Handeln und erklärt sich bereit, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Gleichzeitig hofft er darauf, dass das Sündenbekenntnis ihm erspart, die Folgen seines Handelns tragen zu müssen. Man hofft, dass damit alles wieder gut ist - oder dass die Konsequenz jedenfalls milder ausfällt, als man es aufgrund seiner Tat verdient hätte.

IV

Als Nachfolger:innen Jesu, als seine Jüngerinnen und Jünger können wir Gottes Vergebung zusagen. Wir können dem Täter aber nicht die Folgen seiner Tat ersparen. Ob ein:e Geschädigte:r sich mit dem Täter versöhnt, liegt nicht in unserer Macht und ist auch nicht unsere Verantwortung.
Wem wir Gottes Vergebung zusagen, dem ist aber die Schuld genommen. Die Tat kann man nicht ungeschehen machen, die Konsequenzen dieser Tat muss man tragen. Aber wem vergeben wurde, der darf noch einmal neu anfangen. Vielleicht nicht mit der, mit dem Geschädigten. Aber mit uns: Wir legen den Täter nicht mehr auf seine Tat fest.
Das ist die große Verantwortung, die hinter der Vergebung steht: Diesen Menschen, dem vergeben wurde, jetzt mit Gottes Augen zu sehen. Nicht das Wissen um seine Tat soll unsere Beziehung bestimmen, sondern die Tatsache, dass Gott diese Tat ausgelöscht hat. Dieser Mensch soll für uns jetzt ein unbeschriebenes Blatt sein. Das ist manchmal gar nicht leicht. Darum brauchen wir den Heiligen Geist. Er hilft uns dabei, diesem Menschen neu und ohne Vorbehalte zu begegnen.

V

Was ist aber mit denen, denen die Sünden behalten sind? Kann man das überhaupt, bringt man das fertig, jemandem, der bereut zu sagen: Gott kann dir nicht vergeben?
Ich denke, so ist es nicht gemeint. Wie gesagt, wir sind keine Richter:innen. Wir urteilen nicht über eine Schuld und entscheiden je nach Schwere, ob sie vergeben werden kann oder nicht. Wer seine Schuld bereut, wer die Verantwortung für sein Tun übernimmt, darf auf Gottes Vergebung hoffen. Darum dürfen wir sie ihr oder ihm nicht vorenthalten.
Die Schuld behalten, das bedeutet, den zur Verantwortung zu ziehen, der seine Schuld nicht erkennen, der die Folgen seiner Tat nicht tragen will, und ihn bei seiner Verantwortung zu behaften.
Wenn man unsere Gesellschaft beobachtet, fällt auf, dass sich um Verantwortung gedrückt wird. Man möchte gern bestimmen und entscheiden, aber die Folgen dieser Entscheidungen will man nicht tragen.
Besonders Extremist:innen, die im Namen einer Ideologie, einer Partei oder einer Religion Forderungen stellen, Entscheidungen fällen, die das Leben von Menschen extrem betreffen und beschneiden, schieben etwas vor, um nicht selbst die Verantwortung zu tragen: Das „Vaterland” oder den Staat, der wieder „great” werden soll; eine Utopie wie die Gleichheit aller, oder einen „Gottesstaat.” Hinter einem solchen Popanz kann man sich gut verstecken. Man muss nicht befürchten, seinen Kopf für das hinhalten zu müssen, was man anderen im Namen dieses Popanzes antut.
Unsere Aufgabe als Jünger:innen Jesu ist es, die Täter:innen an ihre Verantwortung zu erinnern. Uns nicht täuschen zu lassen von vorgeschobenen Idealen, Autoritäten oder der angeblichen Mehrheit, hinter denen die Täter:innen sich verstecken möchten. Nicht, um sie bloßzustellen oder zu bestrafen. Sondern um ihnen die Chance zur Reue zu geben, damit Gott ihnen vergeben kann.
Auch das ist keine einfache Aufgabe. Dazu braucht es Mut und Rückgrat. Auch dazu gibt uns Jesus Gottes Heiligen Geist, der uns nicht nur vor Gott vertritt mit unaussprechlichem Seufzen, sondern uns auch eingibt, das rechte zu sagen und zu tun.

VI

Das Abschiedsgeschenk, das Jesus seinen Jüngern und uns macht, ist eine ganz schöne Zumutung: Wir sollen versuchen, Menschen, die sich durch ihr Handeln selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen haben, neu und mit anderen Augen zu sehen.
Und wir sollen Menschen, die sich aus der Verantwortung stehlen wollen, an diese ihre Verantwortung erinnern.
Jesus hat das getan. Er hat sich bei Menschen eingeladen, die als „Sünder” galten; die sich durch ihr Tun aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hatten. Und er erinnerte Menschen an ihre Verantwortung, indem er ihnen einschärfte: Sündige hinfort nicht mehr. Jesus tat das, um diese Menschen zurückzuholen in die Gemeinschaft mit Gott.
Wenn man es so betrachtet, ist es eine schöne Aufgabe: Menschen in die Gemeinde einzuladen und ihnen die Gemeinschaft mit Gott anzubieten. Das wird die Bösartigen nicht überzeugen, auch nicht die Verbohrten, die gefangen sind in einer Ideologie, in ihrer Wut oder in ihrer eigenen Welt.
Aber vielleicht wird es jemandem die Tür öffnen, der bisher keinen Weg fand, auf andere zuzugehen. Und wer weiß, wen wir noch erreichen -  Gottes Geist ist immer für eine Überraschung gut. 

Sonntag, 24. Mai 2026

Beziehung

Predigt am Pfingstsonntag, 24. Mai 2026, über Apostelgeschichte 2,1-21


Liebe Schwestern und Brüder,

am Pfingsttag kamen die Jünger zusammen, wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte.
Da „erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, 
und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist 
und fingen an zu predigen in anderen Sprachen.”

Der Heilige Geist, der die Jünger damals befähigte,
sich ihren Mitmenschen verständlich zu machen,
blieb nicht auf den Kreis der Jünger beschränkt.
Er wurde universell, wie es der Prophet Joel verkündet hatte:
„Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch;
und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen,
und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen,
und eure Alten sollen Träume haben.”

Der Geist Gottes verbreitete sich in den ersten Gemeinden.
Er breitete sich über den Nahen Osten aus,
kam nach Italien, nach Äthiopien und Indien
und umspannt heute die ganze Welt.
Diesen Heiligen Geist Gottes besitzt jede und jeder von uns.
Wir haben ihn bei unserer Taufe erhalten.

Im Vergleich zu der Geistausgießung zu Pfingsten
mit tanzenden Flammen und vielfältigen Sprachen
war es bei uns ein unscheinbarer Vorgang.
Weder wir, noch unsere Eltern und Paten bemerkten etwas davon.
Obwohl es derselbe Geist Gottes ist,
der die Jünger eine Fremdsprache sprechen ließ,
können wir an uns solche Wirkungen des Geistes nicht feststellen.

Der Täufling merkt nicht, wie es geschieht.
Er verändert sich nicht, und es verändert sich nichts in ihm.
Der Pastor merkt nicht, wie es geschieht.
Der Geist fließt nicht aus ihm heraus und auch nicht durch ihn hindurch.

Das wirft Fragen auf:
Haben wir den Geist Gottes tatsächlich erhalten?
Oder besitzen ihn nur wenige Auserwählte,
wie die Jünger.Was bedeutet der Heilige Geist überhaupt, was bewirkt er,
und wodurch macht er sich heute bemerkbar?

I

Zur Beantwortung dieser Fragen möchte ich von meiner Familie erzählen.
Sie soll als Beispiel dienen für eine große Gruppe von Christinnen und Christen,
die man unter dem Begriff der „Volkskirche” zusammenfasst.

Meine Eltern waren getauft, wie schon ihre Eltern und deren Eltern,
und so wurden auch wir Kinder kurz nach unserer Geburt getauft.
Wir gingen in den Konfirmandenunterricht und wurden konfirmiert.
Meine Eltern haben kirchlich geheiratet,
und meine Großeltern wurden kirchlich bestattet.

Meine Mutter betete mit mir beim Zubettgehen:
„Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Äuglein zu.
Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein.
Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut machen allen Schaden gut.”

Das war das einzige Gebet, das in meinem Elternhaus gesprochen wurde.
Und auch das nur solange, bis ich allein einschlafen konnte.

Meine Großmutter besuchte stellvertretend für die Familie
den sonntäglichen Gottesdienst und nahm mich manchmal mit.
Unsere Eltern gingen, solange wir Kinder klein waren,
mit uns am Heiligen Abend zum Krippenspiel.
Als ich lesen gelernt hatte, schickte meine Großmutter mich
als Vertreter der Familie zur Kirche. Und ich war stolz,
zwischen den Erwachsenen in der Bank zu sitzen.

Wir hatten zuhause eine Bibel im Regal stehen, denn
„Wo keine Bibel ist im Haus, da sieht’s gar öd’ und traurig aus,”
zitierte meine Großmutter.
Ich habe aber weder sie noch sonst jemanden in dieser Bibel lesen sehen
oder daraus vorlesen hören.

II

Wenn ich eine religiöse Praxis in unserer Familie benennen sollte,
fällt mir auch wieder meine Großmutter ein:
Sobald jemand „Mein Gott!” sagte oder „Ogottogott!”,
zitierte sie sofort das zweite Gebot:
„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen;
denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.”
Gottes Strafe folgt dem unbedachten Reden auf dem Fuße.
Indem meine Großmutter schnell das zweite Gebot zitierte, konnte sie die Strafe abwenden.

Meine Großeltern und meine Eltern waren Christen,
wie es ihre Vorfahren gewesen waren.
Sie zahlten Kirchgeld und taten das,
was man im Dorf von einem Christenmenschen erwartete:
Einer aus der Familie besuchte den Gottesdienst
und nahm an den Beerdigungen teil.
Das war es, was das Christsein bei uns ausmachte.

Die Art, wie man in meinem Heimatdorf sein Christsein lebte, galt und gilt -
mit regionalen Unterschieden - für eine große Zahl von Kirchenmitgliedern.
Man könnte diese Art als das Minimum christlichen Lebens bezeichnen.
Es geht aber natürlich noch weniger:
Man besucht den Gottesdienst überhaupt nicht mehr,
nimmt nicht am Gemeindeleben teil
oder tritt gleich ganz aus der Kirche aus.

III

Ist man dann noch Christin oder Christ?
Ist ein Glaube, der sich ganz ins Private zurückgezogen hat, noch christlicher Glaube?
Sind Gottesdienstbesuch und Beteiligung am Gemeindeleben
nicht fundamentale Bestandteile des Glaubens?

Paulus, von dem, bis auf einen, nur Briefe an Gemeinden erhalten sind,
in denen er sehr ausführlich auf Belange des Gemeindelebens eingeht -
Paulus nennt im Römerbrief folgende Voraussetzungen:
„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist,
und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat,
so wirst du gerettet”
(Röm 10,9).

Das klingt auf den ersten Blick so, als würde Paulus sagen:
Glaube kann sehr wohl im Privaten stattfinden.
Mehr als ein Lippenbekenntnis, mehr als der Glaube sind nicht verlangt.
In das Herz kann niemand schauen.
Den persönlichen Glauben kann niemand infrage stellen.

Aber wie äußert sich dieser Glaube?
Wie bekennt man, wenn man allein ist: „Christus ist Herr?”
Stellt man sich vor den Spiegel und spricht mit sich selbst?
Woher nimmt man die Gewissheit, dass Christus auferstanden ist?

An der Auferstehung hängt alles andere:
Der Glaube, durch den man gerechtfertigt ist,
sodass man seine Fehler eingestehen und Vergebung finden kann;
die Liebe, die gewiss macht, dass man gut ist so, wie man ist,
dass man gewollt ist und das Leben einen Sinn hat;
die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat
und dass Gott alles zum Guten wenden wird.
Nur, wenn Christus auferstanden ist, behält der Glaube recht,
hat die Liebe einen Grund und die Hoffnung ein Ziel.

IV

Ein solches Bekenntnis kann man nicht allein ablegen.
Der Glaube ist nicht immer gleich stark.
Es gibt Zeiten, da sagt man im Brustton der Überzeugung: Christus ist Herr!,
wie wir am Ostermorgen dem Tod ins Gesicht lachen,
wenn wir voll Inbrunst und Hoffnung singen: Christ ist erstanden.

Und es gibt Zeiten, da klingt das Bekenntnis wie eine Frage: Christus ist Herr?
In solchen Zeiten braucht man den Beistand der Gemeinde.
Sie legt das Bekenntnis ab,
das einem im Moment nicht über die Lippen kommen will.
Der Glaube der anderen hilft meinem schwachen Glauben.
Ihre Fürbitte gibt mir Kraft, macht mir Mut und Hoffnung.

Beim Turmbau zu Babel verwirrte Gott die Sprachen,
damit die Menschen sich nicht mehr einig werden
und ihre Träume nicht mehr in die Tat umsetzen konnten.
Zu Pfingsten schafft der Heilige Geist Verständigung für die durch Christus erlöste Menschheit.
Sie will nicht mehr den Himmel stürmen.
Sie will füreinander da sein,
miteinander diese schöne Erde bebauen und bewahren.

V

Alle Getauften haben Gottes Geist empfangen.
Aber nur wenige leben ihren Glauben.
Den meisten scheint es mit dem Glauben so zu gehen
wie der Bibel in meinem Elternhaus:
Es ist wichtig, sie zu haben; aber sie wird nicht benutzt.

Vielleicht spürt man instinktiv,
dass etwas mit einem passieren könnte, wenn man in ihr lesen würde.
Ebenso ahnt man, dass der Glaube einen verändern würde,
wenn man sich auf ihn einließe.
Wer lässt sich schon gern überraschen,
wer möchte sich ständig verändern?

Aber vielleicht ist es gar nicht so.
Vielleicht genügt der Glaube im Regal.
Vielleicht ist diese Art, mit dem Glauben umzugehen, die Regel,
und diejenigen, die ihren Glauben unbedingt leben und erleben wollen, sind die Ausnahme?

Wie kann es dann solche Ausnahmen geben, wenn doch alle den Geist empfangen haben?
Auch mit dem Geist ist es wie mit der Bibel im Regal:
Man hat ihn, er ist da, aber man muss ihn auch gebrauchen.
Nicht wie einen Hammer oder einen Schraubenzieher.
Der Heilige Geist ist kein Werkzeug.

VI

Der Heilige Geist ist Beziehung.
Auf dem Sinai schloss Gott den Bund mit seinem Volk Israel
und gab ihm seinen Willen, die Gebote.
Wer Gottes Willen tat, lebte in einer Beziehung mit Gott.

In Jesus Christus wurde Gottes Wille ein Mensch wie wir.
Gottes Gebot stand nicht mehr über uns, es lebte mit uns.
Jesus lebte uns vor, wie die Liebe Gottes Willen erfüllt,
wie sie versöhnt und heilt und sogar den Tod besiegt.

Im Heiligen Geist ist Gott in uns.
Gottes Gebot ist in uns, in unseren Herzen.
Sein Wille kann zu unserem Willen werden,
wenn wir ihn dazu machen: Wenn wir Gottes Willen wollen.

Gottes Wille steht uns klar vor Augen,
jede und jeder kann ihn verstehen: Es ist die Liebe.
Die Liebe zu Gott, zum Mitmenschen und zu uns selbst.
Es braucht nur noch einen Schritt: Unseren.

VII

Um als Christin, als Christ zu leben, muss man nicht in den Gottesdienst gehen,
wenn man dazu keine Lust hat;
man muss nicht Teil der Gemeinde werden, wenn man sich damit nicht wohlfühlt.

Aber wer den Schritt gegangen ist, sucht die Begegnung mit Gott,
sucht Gelegenheit, Mitmenschen zu helfen und zu spüren, dass man gut ist so, wie man ist,
indem man sich im Lächeln anderer Menschen spiegelt.

Das muss nicht in der Gemeinde, im Gottesdienst sein.
Aber sie sind ein guter und bewährter Ort,
an dem man Gott im Mitmenschen begegnen kann,
wo man sich eingeladen findet und andere einlädt.

Sonntag, 17. Mai 2026

Anwalt

Predigt zur Konfirmation am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2026, über Johannes 16,5-15


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

sicher kennt ihr, kennen Sie die Geschichte vom Kleinen Prinzen des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry:

Der Kleine Prinz lebte auf einem Asteroiden mit einer Rose, um die er sich kümmerte. Sie war sehr anspruchsvoll; nie konnte er es ihr recht machen. Sie war auch ziemlich eingebildet. Irgendwann hielt der Kleine Prinz das nicht mehr aus und verließ seinen kleinen Stern. Er besuchte andere Asteroiden und ihre Bewohner und kam schließlich auf die Erde.

Auf der Suche nach einem Freund lernte er den Fuchs kennen. Der Fuchs bat den Kleinen Prinzen, ihn zu zähmen. Der Kleine Prinz fragte ihn, was das sei, „zähmen”. „Es bedeutet ‚sich vertraut machen’,” antwortete ihm der Fuchs und sagte ihm, worauf es dabei ankommt: Man muss sich Zeit nehmen, man muss behutsam und zurückhaltend sein, und es muss feste Bräuche geben, einen regelmäßigen Termin, zu dem man sich trifft.

So machte der Kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Dabei entdeckte er, wie gern er seine Rose hatte und wie sehr er sie vermisste. Er beschloss, zu ihr zurückzukehren.

Als er sich vom Fuchs verabschieden wollte: „Ach!”, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.” „Das ist deine Schuld,” antwortete der Kleine Prinz. Ich wollte dir nichts Böses, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme.” „Das stimmt,” sagte der Fuchs. „Aber jetzt musst du weinen!” „Das stimmt,” sagte der Fuchs. „So hast du also nichts gewonnen!” „Ich habe,” sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen. Du hast weizenblondes Haar. Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern, und ich werde das Rauschen des Windes im Korn lieb gewinnen.”

Heute nehmen wir voneinander Abschied, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Und ich bin auch ein bisschen traurig, wie der Fuchs. Wir haben uns miteinander vertraut gemacht in den vergangenen zwei Jahren. Es war nicht wie beim Kleinen Prinzen und dem Fuchs. Ihr wart nicht auf der Suche nach einem Freund, wie es der Kleine Prinz war, sondern seid zum Unterricht gekommen. Und ich wollte auch nicht gezähmt werden wie der Fuchs. Ich wollte euch nicht mit mir vertraut machen, sondern mit unserem Glauben.

Aber es bleibt natürlich nicht aus, dass man sich besser kennen lernt, wenn man sich regelmäßig sieht; man wird miteinander vertraut. Und es ist schon die Frage, wer wen gezähmt hat. Ich musste euch jedenfalls nie zur Ordnung rufen. Ich bin mir auch gar nicht mehr so sicher, ob tatsächlich Lehrer und Eltern ihre Kinder erziehen, oder ob nicht vielmehr wir von euch erzogen werden.

Jedenfalls gehörte und gehört für mich zum Vertrautwerden mit dem Glauben auch das Vertrauen untereinander. Ich wollte nicht nur über den Glauben mit euch sprechen, ich wollte euch auch zeigen, was mir der Glaube bedeutet und wie er mein Verhalten euch gegenüber bestimmt. Ich wollte so etwas wie ein Anwalt für euch sein, auf den ihr euch verlassen könnt und der im Zweifel an eurer Seite steht, weil ich so einen Anwalt an meiner Seite habe.

Natürlich gehört zum Konfirmandenunterricht, dass ihr etwas lernt - lernt, was wir im Gottesdienst tun und wie man sich im Gottesdienst verhält. Ihr wisst jetzt, wie man ein Gesangbuch bedient und wie man eine Bibelstelle findet. Ich wollte aber auch euch und eure Fragen ernst nehmen; ich wollte, dass ihr Respekt erlebt und Vertrauen in euch und eure Fähigkeiten gewinnt. Mit eurem großartigen Vorstellungsgottesdienst habt ihr gezeigt, dass ihr euch etwas traut und dass ihr etwas könnt.

Im Evangelium, das wir gehört haben, nimmt Jesus Abschied von seinen Freunden. Wie der Kleine Prinz kehrt er in den Himmel zurück, und die Jünger sind traurig, wie der Fuchs. Wie der Fuchs haben die Jünger etwas gewonnen, das den Abschiedsschmerz aufwiegt: den Tröster. So nennt Jesus den Heiligen Geist, den wir alle bei unserer Taufe bekommen haben. So wie der Weizen den Fuchs  an das blonde Haar des Kleinen Prinzen erinnert, erinnert uns der Tröster an Jesus.

Wir sagen „Heiliger Geist”, dabei denken wir nicht an Hui Buh, das Schlossgespenst, oder an den Fast Kopflosen Nick, den Hausgeist von Gryffindor. Jesus nennt ihn den „Tröster” - so übersetzt es Martin Luther. Auf Griechisch heißt er parákletos, Anwalt. Damit ist der Rechtswanwalt gemeint, der eine:n vor Gericht vertritt, oder der Fürsprecher, der vor anderen ein gutes Wort einlegt, wenn man Unterstützung braucht.

Solch einen Fürsprecher wünscht man sich hin und wieder - wenn man mit der Lehrerin über die mündliche Note diskutiert oder bei den Eltern seinen Willen durchsetzen möchte. Wer sich in die Ecke gedrängt fühlt, sehnt sich nach einem Fürsprecher, wen man mobbt, benachteiligt oder zur Seite drängen will.

Aber der Heilige Geist ist leider auch kein Geist aus der Flasche, kein Djinn, den man zu Hilfe ruft und der eine:n dann verteidigt. Denn das gibt es auch über den Glauben zu lernen: Er wirkt keine Wunder und setzt nicht die Naturgesetze außer Kraft. Darum kann er nicht verhindern,  dass das Gute unterliegt und das Böse siegt; dass man mit Lügen und Gemeinheit durchkommt und der Stärkere seinen Willen bekommt, einfach, weil er stärker ist.

Trotzdem ist es richtig und wichtig, an das Gute zu glauben, bei der Wahrheit zu bleiben, seine Ziele nicht mit Gewalt oder Gemeinheit zu erreichen. Denn wer gläubig ist, weiß, dass es das Gute gibt, und dass man zwischen Gut und Böse unterscheiden kann und muss; dass es nicht gleichgültig ist, wie man seine Ziele erreicht, und dass es nur eine Wahrheit gibt und nicht beliebig viele.

Was nützt einem aber ein Anwalt, den man nicht zu Hilfe rufen kann, wenn man Beistand braucht? Ein Anwalt, den man in sich trägt und von dem man gar nicht weiß, dass er da ist, wenn man nicht immer wieder daran erinnert wird?

Zum einen muss man hin und wieder daran erinnert werden, dass man auf der guten Seite steht, damit man nicht die Seiten wechselt und den Weg des geringsten Widerstands geht. Es verschafft einem vielleicht das, was man will, aber auf Kosten anderer, die dafür einen hohen Preis zahlen.

Und zum anderen braucht man manchmal einen Fürsprecher für sich selbst: wenn man nicht weiß, ob man es schafft; wenn man die Hoffnung verliert oder den Glauben an sich. Wenn Gemeinheit, die man erlebt, das Elend in der Welt, die Belastungen in Schule oder Familie zu viel werden.

Dann gibt es diese Stimme in uns, die uns sagt: Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur. Du bist ein Kind Gottes, ein wunderbarer Mensch. Auch wenn du gerade keine Liebe erfährst, auch wenn du dich selbst nicht lieben kannst: Gott liebt dich über alles, und er wird dich immer lieben.

Diese Stimme, diesen Anwalt habt ihr in euch. Ich hoffe, dass ihr ihn schon entdeckt habt oder dass ihr ihn bald entdecken werdet. Und dass ihr euch auf ihn verlassen könnt, so, wie ich mich auf diesen Anwalt in mir verlasse. Und auf die Liebe, die Gott zu uns hat.

Wir nehmen voneinander Abschied, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Und ich bin auch ein bisschen traurig, wie der Fuchs: Ihr habt mich gezähmt, und ihr werdet mir fehlen.

Aber wie der Fuchs habe auch ich etwas gewonnen: Ich habe euch als ganz wunderbare Menschen kennen gelernt. Ihr habt mich immer wieder überrascht und erstaunt. Ihr habt meine Art des Unterrichtens ertragen und wart nur ein bisschen genervt, wenn ich eure Namen immer noch nicht wusste.

Vor allem aber habe ich durch euch die Zuversicht gewonnen, dass ich mir um die Kirche keine Sorge machen muss. - Ich mache mir sowieso keine Sorgen um die Kirche; Jesus hat versprochen, dass sie in Ewigkeit bestehen bleibt. Aber durch euch habe ich erlebt, dass ich mir auch keine Sorgen machen muss, dass eines Tages niemand mehr zum Gottesdienst in den Dom kommt. Ihr werdet die Domgemeinde der Zukunft sein - wenn nicht am Dom, dann in einer anderen Gemeinde. Mit euch kann sich jede Gemeinde glücklich schätzen.

Ich hoffe für euch und wünsche euch, dass ihr das immer wieder erlebt: Dass Menschen sich darüber freuen, dass es euch gibt, dass ihr da seid und mit ihnen zusammen seid.

Ich hoffe für euch und wünsche euch, dass ihr euch in einer Gemeinde, in der Kirche zuhause fühlt – hier, in der Domgemeinde oder wohin immer euch euer Lebensweg führt.

Und ich hoffe für euch und wünsche euch, dass ihr spürt, dass ihr einen Anwalt an eurer Seite habt, der bedingungslos zu euch steht und euch verteidigt - manchmal auch gegen euch selbst -, und euch an Gottes guten Willen für euch erinnert und an seine Liebe.

Donnerstag, 14. Mai 2026

einheit

predigt an christi himmelfahrt, 14.5.26, über joh 17,20-26


liebe schwestern und brüder,


das gleiche und dasselbe kann man schon mal verwechseln. Wenn man zum beispiel sagt: wir haben die gleiche lehrerin, oder: wir tragen dasselbe kleid. Es ist natürlich genau andersherum: Wir haben dieselbe lehrerin und tragen das gleiche kleid. Was man mit anderen gemeinsam hat, ist dasselbe - dieselbe lehrerin, die selbe muttersprache, der selbe arbeitgeber. Was jede:r für sich hat, ist das gleiche - die gleiche kleidung, die gleiche haarfarbe, der gleiche beruf.

Ähnlich verwirrend ist es, wenn Jesus darum bittet, dass alle eins seien. Meint er damit einheit oder einheitlichkeit? Es gab einmal eine „Sozialistische Einheitspartei”, aber die stand nicht für die einheit, die sie im namen trug, sondern für einheitlichkeit: alle staatsbürger sollten gleich sein, auch in ihrer gesinnung, und am besten auch in ihrem geschmack. Wenn man sich ansieht, was die führer dieser partei unter gutem geschmack und unter kunst verstanden - wie sie sich in wandlitz einrichteten; welche musik sie spielen ließen, und welche nicht erlaubt oder verpönt war; welche kunst öffentliche gebäude schmücken durfte - kann man heute über so viel kitsch, biederkeit und spießertum nur lachen. Doch wer einheitlichkeit will, verfolgt sein ziel humorlos und mit großer hartnäckigkeit. Und am ende immer auch mit zwang. Wir sind nun einmal verschieden und haben verschiedene bedürfnisse, geschmäcker und interessen. Darum erreicht man gleichheit nur mit zwang. Doch selbst dann sucht und findet man gelegenheiten, seine individualität zu leben und auch zu zeigen.

Wer gleichheit anstrebt, für den bedeutet einheit einheitlichkeit. Alle sollen gleich sein, sollen so aussehen, essen, reden, denken wie ich. Sollen die gleichen vorlieben haben und die gleichen abneigungen. Aber wer sollte so etwas wollen? Das wäre doch furchtbar eintönig und langweilig! Variatio delectat, sagten schon die alten Römer, die von Kultur etwas verstanden, abwechslung erfeut. Aber manchen macht das, was sie nicht kennen oder verstehen, angst. Die faseln dann von einer „deutschen leitkultur“, warnen vor dem untergang des christlichen abendlands. Sie sehen sich als opfer einer „überfremdung“, durch die ihnen angeblich die bratwurst, die wildecker herzbuben und der gelsenkirchener barock wegenommen werden sollen.

Jesus dagegen bittet Gott tatsächlich um einheit: „dass sie alle eins seien,” wie er mit Gott eins ist. Einheit entsteht nicht dadurch, dass gleichheit verschiedenheit beseitigt, sondern dass alle in ihrer verschiedenheit durch ein und dasselbe verbunden sind. Jesus und Gott sind eins, sind derselbe. Weil wir alle durch denselben, durch Gott, verbunden sind, sind wir eins: eine gemeinde.

Wenn es um dasselbe geht, braucht man keine einheitlichkeit - im gegenteil: dasselbe, auf das sich alle beziehen, macht verschiedenheit überhaupt erst möglich: Die verschiedenen bundesländer bilden die einheit der Bundesrepublik. Die verschiedenen geschwister bilden die einheit der familie. Wir, so unterschiedlich wir sind, bilden die einheit der gemeinde. Wenn man es genau bedenkt, ist es erstaunlich, dass hier und in den anderen kirchen menschen zum gottesdienst zusammenkommen, die im alltag wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben. Wir gehören unterschiedlichen generationen an, haben verschiedene interessen, mögen jede:r andere musik, wählen unterschiedliche parteien - aber hier sind wir für eine stunde einmütig zusammen. Und noch erstaunlicher ist, dass diese einheit stärker wird. Je öfter wir uns im gottesdienst begegnen, desto mehr wachsen wir als gemeinde zusammen. Die unterschiede zwischen uns sind damit nicht aufgehoben, sie bestehen nach wie vor. Aber sie spielen eine immer geringere rolle. Wir können unsere verschiedenheit aushalten, weil wir uns als mitmenschen zu sehen und zu schätzen lernen. Wir können aushalten, dass jemand sich ganz anders kleidet, ganz anders aussieht, ganz anders verhält, als wir es gewohnt sind oder richtig finden. Mehr noch: Mit der zeit freuen wir uns, ihn oder sie so zu sehen.

Das kommt daher, dass uns dasselbe verbindet: Gott, in dessen namen wir zusammenkommen. In ihm, sagt Jesus, sind wir eins. Gott hebt die unterschiede zwischen uns nicht auf. Es ist nicht nötig, dass wir einheitlich sind. Nicht wir stellen unsere einheit her. Wären wir dafür verantwortlich, dass hier eine gemeinde zusammenkommt, müssten wir auf einheitlichkeit bestehen. Wenn das gemeinsame von uns kommen müsste, könnte es nur das sein, was wir gemeinsam haben - die gleiche art zu glauben, die gleichen traditionen, die gleiche sprache usw. Und das spielt ja auch eine mehr oder weniger große rolle dabei, wie sich gemeinden und kirchen bilden.

Irgendwie scheint es im menschen einen drang zur vereinheitlichung zu geben. Nicht nur bei denen, die angst vor dem anderen, den fremden haben. Auch bei uns. „Gleich und gleich gesellt sich gern”, sagt ein sprichwort. Gleichheit wirkt anziehend. Man sieht im anderen sein spiegelbild, das uns bestätigt. Ein gegenüber, das anders ist als wir, stellt uns dagegen infrage. Denn es zeigt uns, dass man auch anders aussehen, anders sein, anders leben kann. Man möchte aber nicht verunsichert werden, man sucht bestätigung. Gleichheit übt daher immer auch einen mehr oder weniger starken druck aus, sich anzupassen, damit man dazugehört. Und bildet eine spürbare und oft auch sichtbare schranke für alle, die nicht so sind wie wir.

Einheit dagegen vereint die Verschiedenen. Weil sie nicht dadurch hergestellt wird, dass alle gleich sind oder immer gleicher werden. Sondern durch den, auf den sich alle beziehen und der diese einheit stiftet: durch Gott.

Wenn wir als gemeinde zusammenkommen, sind wir immer beides. Wir sind eine einheit, und wir streben mehr oder weniger nach gleichheit. Beides schließt sich eigentlich aus: Die einheit bringt die verschiedenen zusammen. Gleichheit schließt die verschiedenen aus. Wahre einheit werden wir darum niemals erleben. Aber durch den glauben wissen wir, dass die einheit in Gott existiert: „Ich und der vater sind eins,” sagt Jesus. Von Gott her kommt diese einheit auf uns zu, und darum können wir sie auch erleben. Heute, an Christi Himmelfahrt, feiern wir das. Christus kehrt zurück zum vater; er und der vater sind eins. Diese einheit Gottes verbindet uns zu einer gemeinde. Sie verbindet uns mit allen Christinnen und Christen auf der ganzen welt, und mit allen generationen - denen, die uns vorangingen und denen, die nach uns kommen werden. Unsere einheit ist begründet im einssein Gottes, nicht in irgendwelchen geschichtlichen gegebenheiten, in einer organisation, der kirchlichen institution oder kirchlichen glaubenssätzen.

Darum sind nicht wir es, die die einheit herstellen, indem wir z.b. auf andere zugehen. Nicht gegenseitige zuneigung schafft die einheit, und auch nicht gemeinsame aufgaben oder verpflichtungen. Nicht wir laden in die gemeinde ein, sondern Gott hat uns eingeladen und uns durch die taufe zu seinen kindern gemacht. Durch die taufe sind wir eine gemeinde. Zu dieser einheit der gemeinde gehören alle getauften, ob sie schon jahrzehnte in den Dom kommen oder heute zum ersten mal hier sind, ob sie tief gläubig sind oder zweifeln, ob sie einheimische sind oder fremde.

Was wir meist vergessen und oft nicht wahr haben wollen: wir selbst sind und bleiben fremde in dieser welt. Der glaube entfremdet uns der welt. Er bringt uns immer wieder in ein gegenüber zu ihr. Durch den glauben sehen wir die welt mit Gottes augen. Wir sehen sie als Gottes schöpfung. Wir erkennen, warum Gott über seine schöpfung sagte: „Siehe, es war sehr gut.” Der glaube lässt uns auch das erkennen, was in der welt nicht gut ist: „Ich wartete auf rechtsspruch, siehe, da war rechtsbruch, auf gerechtigkeit, siehe, da war geschrei über schlechtigkeit,” sagt Gott bei Jesaja (5,7). Wir stehen der welt gegenüber. Ein gegenüber schafft verunsicherung. Unsere aufgabe als Christ:innen ist es, die welt zu verunsichern, nicht, sie zu bestätigen.

Christi Himmelfahrt lässt uns aus der perspektive Gottes, aus der vogelperspektive, auf uns und unsere welt sehen. Wir sehen den frieden und die gerechtigkeit, die in der zukunft bei Gott bereit liegen. An ihnen erkennen wir, was in der welt nicht gut ist. In der welt bedeutet gerechtigkeit, dass jede:r bekommt, was er verdient. Bei Gott herrscht gerechtigkeit, wenn jede:r bekommt, was er zum Leben nötig hat. In der welt heißt wahrheit, dass man behaupten kann, was man will. Bei Gott, dass man nur sagt, was man vor Gott und seinem gewissen verantworten kann. In der welt herrscht frieden, wenn die waffen schweigen. Bei Gott ist dann friede, wenn jede:r ohne angst unter seinem weinstock und feigenbaum wohnen kann (Micha 4,4). Als gemeinde wissen wir um wahrheit, frieden und gerechtigkeit. Wir werden sie in dieser welt nicht finden. Das bedeutet nicht, dass es sich nicht lohnt, sie immer wieder einzufordern und uns um sie zu bemühen. Unsere hoffnung ist nicht vergeblich, wenn wir uns für die wahrheit stark machen, für die bewahrung der schöpfung einsetzen, für frieden und gerechtigkeit.

Sonntag, 10. Mai 2026

Form und Inhalt

Predigt am Sonntag Rogate, 10. Mai 2026, über Matthäus 6,5-15

Liebe Schwestern und Brüder,

„wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden,” mahnt Jesus.
Seine Ermahnung meldet gleich zwei Kritikpunkte an; dadurch wiegt sie doppelt schwer.
Sie kritisiert das Plappern, ein bei allen Gelegenheiten unangebrachtes Verhalten.
Plappern bedeutet, mit vielen Worten wenig zu sagen.

Kindern sagt man nach, dass sie plappern.
Sie können bei den Themen der Erwachsenen nicht mitreden -
weder beim Jammern über die wirtschaftliche Lage,
noch beim Ergebnis des jüngsten Polit-Barometers.
Aber wenn sie von ihren Erlebnissen im Kindergarten berichten,
oder wenn sie sich eine Geschichte ausdenken,
ist das für die Erwachsenen oft nicht interessant - Geplapper, eben.

Plappern versetzt unter die Kinder. Die Unmündigen, die man nicht ernst nimmt.
Die man nicht ernst zu nehmen braucht, weil sie wenig verstehen, noch nicht mitreden können,
nichts Interessantes oder Wichtiges mitzuteilen haben.
So jedenfalls begegnete man über Jahrhunderte den Kindern: Man nahm sie nicht ernst.
Sie waren ja noch nicht „fertig”, waren noch keine Erwachsenen.
Man kam damals nicht auf die Idee,
dass die Kindheit ein Lebensalter mit eigenen Rechten sein könnte.
Dass die Erfahrungen und Gedanken der Kinder
genauso wichtig und ernsthaft sind wie die der Erwachsenen.

Plappern versetzt auch unter die, die vom Glauben keine Ahnung haben: Unter die Heiden.
Die Heiden haben ein magisches Verständnis des Gebets.
In ihrer Vorstellung wirkt es wie eine Medizin,
und wie bei der Medizin gilt der Grundsatz: „Veel helpt veel”
je mehr Worte man macht, desto wahrscheinlicher wird man gehört.
Ein reifer, „erwachsener” Glaube belächelt solch Einfalt,
blickt verächtlich auf diese primitive Vorstellung über den Glauben herab.

Ein solches Verhalten sähe Jesus aber nicht ähnlich.
Normalerweise hat Jesus ein Herz für Kinder:
„Lasset die Kinder zu mir kommen!”, tadelt er seine Jünger.
Nicht, weil Kinder so süß oder so unschuldig sind.
Sondern weil wir das Reich Gottes nie kennen lernen werden,
wenn wir nicht wie die Kinder werden.

Wenn Plappern zum Kindsein gehört, dürfte Jesus nichts dagegen haben.
Selbst dann nicht, wenn es beim Beten geschieht.
Es heißt ja auch: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.”
Plappern muss kein Zeichen von Unreife oder Unbedachtheit sein.
Manchmal hat man so viel auf dem Herzen, dass man nicht mehr an sich halten kann.

Auch gegen die Heiden hat Jesus normalerweise nichts.
Zwar teilt er die Vorbehalte und vielleicht auch die Vorurteile
seiner jüdischen Glaubensgeschwister gegenüber den Heiden.
Aber zugleich schlägt sein Herz für die Außenseiter, die Randfiguren der Gesellschaft -
in der jüdischen Gesellschaft oder Gemeinde sind das die Heiden.
So lässt sich Jesus von einer samaritanischen Frau
und von einem römischen Hauptmann zur Hilfe bewegen,
obwohl beide zu den Heiden gehören.

Jesus war Heiden gegenüber tolerant und stellte Kinder als Vorbild hin.
Man fragt sich, warum er dann das Plappern so tadelt.
Jesus war es doch eigentlich gleichgültig, wie man betete.
Von ihm werden uns keine Vorschriften zu Gebetshaltungen
oder zur Richtung des Gebets überliefert wie im Islam.
Wir benutzen auch keinen Gebetsschal oder Gebetsriemen, wie sie im Judentum üblich sind
und wie sie vielleicht Jesus schon gekannt und gebraucht hat.

Jesus ging es nicht um die Art des Betens.
Ihm ging es um die vertrauensvolle Beziehung zu Gott.
Eine bestimmte Art des Betens, eine Ordnung des Gottesdienstes
und eine Reihe von Texten, die man immer wieder singt oder spricht,
all das entwickelte sich erst in den christlichen Gemeinden,
die nach der Auferstehung Jesu entstanden.
„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden,”
diese Mahnung könnte aus der Gemeinde stammen,
in der der Evangelist Matthäus zuhause war.

Muss das Gebet eine bestimmte Form annehmen,
damit es Gott gefällt und damit er es erhört,
schließt das alle aus, die sich nicht an diese Form halten:
Die Kinder, denn sie können ihre Gedanken
noch nicht in wenigen Worten zusammenfassen.
Und die Heiden, denn sie sind eine andere Art
der Kommunikation mit der Gottheit gewohnt.

Mit einer bestimmten Form, mit festen Ritualen
grenzt sich eine Gemeinschaft nach außen hin ab.
Zugleich stärken feste Formen und Rituale die Gemeinschaft:
Sie werden zu ihrem Erkennungszeichen,
und ihre Anhänger identifizieren sich mit ihnen.

Unsere Art, den Gottesdienst zu feiern,
wirkt auf Außenstehende fremd, vielleicht sogar befremdlich.
Sie verstehen nicht, warum wir z.B. auf Griechisch singen:
„Kyrie, eleison!”
Ein Gottesdienst hat eine steile Lernkurve.
Wer nicht damit groß geworden ist,
braucht viel Zeit, um sich darin zurechtzufinden
und einmal darin heimisch zu werden.

Formen und Rituale dienen dem Zusammenhalt der Gemeinschaft.
Aber das ist nicht ihr Zweck.
Wir singen das Kyrie nicht, um uns dadurch von anderen abzugrenzen
oder uns denen überlegen zu fühlen, die nicht wissen, was es bedeutet.
Mit dem Kyrie rufen wir Gott an und vergewissern uns seiner Gegenwart.
Hätten Sie das gewusst, bzw., war es Ihnen bewusst, als wir das Kyrie sangen?
Oder sangen Sie mit, weil man das eben so macht,
weil wir das immer schon so gemacht haben?

Eine Form, ein Ritual, das nur noch um seiner selbst willen zelebriert wird,
ist nicht sinnlos - es hält ja weiterhin die Gemeinschaft zusammen.
Aber es ist zwecklos, es ist leer, es ist,
um es mit den Worten Jesu zu sagen: Geplapper.

Das Plappern der Kinder ist kein Geplapper, weil es einen Sinn hat -
Erwachsene bemühen sich nur zu selten darum, es zu verstehen.
Das Plappern der Heiden ist kein Geplapper,
wenn es einem übervollen Herzen entspringt,
das die Worte nicht mehr zurückhalten kann.
Andererseits kann unser Gebet zum Geplapper werden,
wenn wir es nur mechanisch verrichten.
Aus Gewohnheit, oder weil man das eben so macht.

Jesus wollte seinen Jüngern sicher nicht das Gewissen beschweren,
wenn sie nicht „richtig” beteten.
Er wollte sie auch nicht dazu bringen, ihre Worte zu zählen.
Jesus wollte, dass seine Jünger darüber nachdachten, was sie da gerade beten.
Nicht eine bestimmte Form war sein Anliegen,
sondern dass sie mit dem Herzen dabei sein sollten.
„Hilf, dass es geh von Herzensgrund,”
haben wir mit Luthers Vaterunserlied gesungen.

Damit sie von Herzen beten können, gab Jesus seinen Jüngern das Vaterunser.
Seine sieben Bitten umfassen Himmel und Erde,
Gott und Mensch, Gegenwart und Zukunft,
die Gemeinschaft und die Einzelnen.

Es ist eine Zusammenfassung der Zehn Gebote:
Wie auf zwei Tafeln die Gebote in Bezug auf Gott
und die Gebote im Bezug auf den Mitmenschen stehen,
so hat auch das Vaterunser zwei Teile.
Im ersten Teil bittet es Gott um die Heiligung seines Namens,
das Kommen seines Reiches und die Erfüllung seines Willens.
Im zweiten Teil bittet es um das tägliche Brot,
damit man den Mitmenschen nicht bestehlen und ihnen ihren Besitz nicht neiden muss.
Es bittet um Vergebung der Schuld, an die uns die zweite Tafel der Gebote erinnert,
damit wir unsere Grenzen kennen lernen und barmherzig mit uns sind.
Es bittet um unsere Vergebung,
damit wir auch mit unseren Mitmenschen barmherzig sind.

In seiner letzten Bitte geht das Vaterunser über die Zehn Gebote hinaus.
Es bedenkt hier nicht nur unser Handeln, es nimmt auch das Böse in den Blick,
das wir von unseren Mitmenschen erleiden und erdulden.
Aus dem Kreisen um uns selbst,
aus der Belastung durch unsere Schuld holt es uns heraus,
indem es uns zunächst die leidvolle Wirklichkeit unserer Welt sehen lässt:
Wir sehnen uns nach Erlösung von dem Bösen.

Wir erkennen: Alles Leben ist auch leidvoll,
weil es in uns und um uns herum das Böse gibt.
Aber dieses Leid ist nicht unendlich.
Es hat ein Ende gefunden.
Das Böse hat ein Ende gefunden durch Jesu Tod am Kreuz.
Es ist überwunden durch Gottes Reich,
Gottes Macht und Gottes Herrlichkeit.

Das Vaterunser ist nicht das Ende, der Höhe- und Gipfelpunkt des Betens,
der nicht zu toppen ist und nach dem nichts mehr kommen kann.
Es ist der Anfang unseres Betens.
Es lehrt uns, unser Verhältnis zu Gott zu bedenken.
Nicht, indem es uns an unsere Schuld erinnert, uns demütigt und klein macht.
Es erinnert uns, dass Gott barmherzig ist
und auch wir miteinander barmherzig sein können.

Barmherzigkeit gründet in Liebe -
der Bereitschaft, jeden Menschen als liebenswert anzusehen.
Liebenswert: Der Liebe wert, mit der Gott unsere Mitmenschen liebt.
Wenn wir zur Liebe bereit sind, erkennen wir,
dass Gott uns liebt wie ein guter Vater, wie eine gute Mutter.
Unser Gebet wird zum Ausdruck dieser Liebesbeziehung:

Mal zum kindlichen Geplapper,
wenn wir unser übervolles Herz vor Gott ausschütten.
Auch mal zum Stammeln und Stottern der Heiden,
wenn Gott uns fremd geworden ist
oder wir uns fremd fühlen im Glauben.

Und manchmal geschieht unser Beten ganz ohne Worte.
Da lehnen wir uns an Gottes Gegenwart an,
wie ein Kind sich anlehnt an Mutter oder Vater
und spürt und einfach nur glücklich ist,
dass sie da sind.

Sonntag, 3. Mai 2026

Seligkeit

Dialogpredigt am Sonntag Kantate, 3. Mai 2026, zur Kantate „Wer da gläubet und getauft wird” von Johann Sebastian Bach, BWV 37  

Teil I

Eine Frage: Was kommt eigentlich zuerst,
der Glaube, oder die Taufe?

Das ist ja wie mit der Henne und dem Ei!
Das Ei kann nicht zuerst da sein,
es muss von einer Henne gelegt werden.
Die Henne aber schlüpft aus dem Ei,
also kann sie auch nicht die erste sein.
Ein vertracktes Problem!

So vertrackt ist es bei Glaube und Taufe auch:
Die Taufe setzt den Glauben voraus.
Weil man glaubt, entscheidet man sich für die Taufe.
Also steht der Glaube am Anfang.

Aber die meisten von uns wurden getauft, ehe wir glauben konnten.
Nach wie vor taufen wir Kleinkinder,
die noch nicht wissen, was Glauben ist.
Also kommt die Taufe zuerst?

Zur Zeit Jesu und zur Zeit der ersten Christ:innen war die Reihenfolge klar:
Erst der Glaube, dann die Taufe.
Die ersten Christ:innen lernten den Glauben als Erwachsene kennen.

Aber schon damals war es üblich,
dass das ganze Haus mitgetauft wurde,
wenn ein Hausherr, oder eine Hausherrin wie Lydia, sich taufen ließ.
Das „Haus”, das waren nicht nur die Familienmitglieder,
auch alle Angestellten gehörten zum Haus.
Für die Mitglieder des Hauses kam die Taufe damit vor dem Glauben.

Man ist damals wohl davon ausgegangen,
dass sie den Glauben von der oder von dem lernen, der sich taufen ließ.
Das „Haus” wurde dadurch die erste Gemeinde -
und das Wohnzimmer sozusagen die erste Kirche,
in der andere den Glauben erlernten.

Und so ist es heute auch noch.
Auch heute lernen die als Kinder Getauften
den Glauben von den Älteren kennen.
Es nennt sich „Konfirmandenunterricht”,
und demnächst werden in der Dom-
und der Friedensgemeinde Konfirmationen stattfinden.
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden
sagen nachträglich Ja zu ihrer Taufe,
weil sie den Glauben kennen gelernt haben.

Also kommt der Glaube zuerst,
er ist die Voraussetzung für die Taufe -
auch wenn das Ja zur Taufe später nachgeholt wird.
Wenn Kleinkinder getauft werden, vertrauen wir darauf,
dass die Eltern und Paten ihnen vom Glauben erzählen.

Doch der Glaube ist auch nicht ohne Voraussetzung.
Aber wenn es nicht die Taufe ist, die den Glauben in uns weckt,
was bewirkt dann, dass wir glauben?
Der Glaube fällt ja nicht einfach vom Himmel.
Oder doch?

Im Prinzip schon.
Zwar schreibt Paulus: „Der Glaube kommt aus der Predigt” (Röm 10,17).
Man lernt den Glauben durchs Hören kennen - auf die Predigt,
oder wenn vom Glauben erzählt wird,
wie es die Kinder im Kindergottesdienst und in der Christenlehre,
die Konfirmanden im Konfirmandenunterricht erleben.
Aber dass wir glauben - das kann weder eine gute Predigt
noch ein guter Unterricht bewerkstelligen.
Glaube „passiert” einfach.
Er ist ein Geschenk, das uns in den Schoß fällt.
Vom Himmel, sozusagen.

Und mehr braucht es nicht?
Bloß den Glauben und die Taufe?

Nein, mehr braucht es nicht:
„Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden”,
heißt es im Markusevangelium (Mk 16,16)
Wer glaubt, wird selig.

Wer’s glaubt, wird selig,” sagt man doch.
Aber meint das genaue Gegenteil: Das glaube ich dir nicht!

Naja, irgendwie passt das schon.
„Seligkeit”, dieses Wort ist ein wenig aus der Zeit gefallen.
Und es steht für etwas, das nicht von dieser Welt ist.
In der Antike träumte man von der „Insel der Seligen”.
Und in der katholischen Kirche ist die Seligkeit
eine Vorstufe zur Heiligkeit, also letztlich zum Himmel.

Dabei steht im griechischen Origimal nichts von „selig werden”.
Dort heißt es: „gerettet werden.”
Das ist irgendwie ernster - schließlich geht es bei einer Rettung
um eine ernste Gefahr für Leib und Leben, aus der man gerettet wird.
Und zugleich ist „gerettet werden” realistischer:
Rettung hat im Gegensatz zur Seligkeit
etwas mit unserem täglichen Erleben, mit unserem Alltag zu tun.

Aber wovor sollte der Glaube retten?
Es ist ja nicht so, dass Glaubenden irgendetwas erspart bliebe.
Auch Gläubige werden krank, erfahren Leid und Tod.
Wenn man die Psalmen liest, hat man sogar den Eindruck:
wer an Gott glaubt, erfährt häufiger Leid als die,
die nicht an Gott glauben.

Es gibt nicht nur körperliches Leid.
Mindestens genauso schlimm ist es,
wenn man keine Hoffnung hat;
wenn man keine Liebe erfährt,
sich selbst nicht als liebenswert ansieht.
Da kann der Glaube ein Rettungsanker sein.

Auch Seligkeit steht mit Rettung in Verbindung.
Nur eben keine Rettung vor greifbaren Gefahren.
Sondern aus seelischer Not, die zu Martin Luthers Zeit
viel gravierender empfunden wurde als die Gefahr für Leib und Leben,
an die wir heute denken, wenn es um „Rettung” geht.
Die „Seligkeit” haben wir ihm zu verdanken.
Er übersetzte es so aus dem Griechischen.

Martin Luther und seine Zeitgenossen
machten sich mehr Sorgen um ihre Seele als um ihren Körper.
Der Glaube, den Martin Luther als Kind kennen gelernt hatte,
lehrte Gott als strengen Über-Vater,
unversöhnlich in seinem Zorn über den Sünder,
unerbittlich in seiner Gerechtigkeit,
die selbst das geringste Vergehen
und sogar noch den heimlichsten Gedanken registrierte und ahndete.

Vor einem solchen strengen Vater konnte man nicht bestehen.
Glaube war damals keine fröhliche Angelegenheit,
sondern ein Grund für Angst und Beklemmung.
„Gottesfurcht” nahm man wörtlich.
Es war die Angst vor dem furchtbaren Zorn Gottes
und vor Tod und Teufel, die den Sünder erwarteten.

Doch dann entdeckte Luther beim Lesen der Bibel:
Was die Bibel über Gottes Gerechtigkeit schreibt, ist wie ein Vexierbild.
Bisher hatte man Gottes Gerechtigkeit als Maß verstanden,
an dem unser Handeln gemessen wird.
An diesem göttlichen Maßstab kann man nur scheitern.

Luther drehte und wendete die Sätze und sah,
dass man Gottes Gerechtigkeit auch anders verstehen konnte:
Als die Gerechtigkeit, die Gott uns durch den Glauben schenkt.
Aus dem strengen, strafenden Vater
war ein liebender Vater geworden, der uns so sehr liebt,
dass sein Sohn für uns den Tod auf sich nahm, damit wir leben können.

Wer’s glaubt, wird selig! - Nein, nein,
ich will damit nicht sagen, dass ich das nicht glaube!
Vielmehr zeigt sich hier, dass der Glaube unseren Horizont sprengen
und uns eine neue, ganz andere Sicht auf die Dinge ermöglichen kann.
Der Glaube zeigt uns eine andere Wirklichkeit -
Gottes Wirklichkeit, in der andere Maßstäbe gelten.

Was der Glaube kann, das schafft auch die Musik:
Sie schließt uns eine andere Wirklichkeit auf,
weitet unseren Herz und unseren Horizont,
sodass wir fühlen und ahnen,
was der Himmel ist, und was er sein könnte.
Lassen sie uns hören auf die ersten drei Sätze der Kantate
„Wer da gläubet und getauft wird.”

Teil II

Du hast gefragt, was zuerst kommt, Glaube oder Taufe.
Ich denke, auch wenn der Glaube einen gewissen Vorrang hat,
Glaube und Taufe sind zwei Seiten einer Medaille.
Bei einer Münze gibt die Zahl den Wert an,
um den man die Münze für etwas eintauschen kann,
was man gern haben möchte.
Der Glaube entspricht dieser Zahl:
Er steht für das, was wir für den Glauben bekommen.

Das Wappen auf einer Münze gibt an, wer für ihren Wert garantiert.
Bei einer Münze ist es der Staat.
Die Taufe entspricht dem Wappen auf der Münze.
Sie ist das Siegel, das Pfand für unseren Glauben.
Denn den Glauben kann man ja nicht selber bewerkstelligen,
er fällt einem in den Schoß.

Trotzdem ist Glaube kein Zufall.
Dafür sorgt der Heilige Geist, den wir bei der Taufe bekommen.
Er ist der Keim, aus dem der Glaube wächst.
'Jede und jeder Getaufte hat ihn - und kann ihn niemals verlieren.
Selbst, wenn man den Glauben verliert,
dieser Keim ist immer noch da.

Du sagtest gerade, dass der Glaube die Zahl auf der Münze ist.
Ein ungewohntes Bild für mich.
Auch den Gedanken, ich würde etwas für den Glauben bekommen,
finde ich irgendwie anstößig.
Ist der Glaube nicht Lohn in sich selbst?
Durch ihn stehe ich in Beziehung zu Gott.
Was sollte ich mir mehr oder anderes wünschen?

Nun, wünscht sich der Glaube nicht Gewissheit?
Hat man nicht manchmal den Wunsch,
man könnte wie Thomas den Finger in die Wunde legen,
wie Mose oder Elia wenn schon nicht das Antlitz Gottes,
so doch wenigstens hinter Gott hersehen?

Ja und Nein. Es macht den Glauben aus,
dass er auf eine Wirklichkeit vertraut,
die wir nicht sehen und messen,
nicht greifen und begreifen können -
und die doch genauso real ist wie dieser Dom.
Oder sogar noch realer, denn Gott hat
uns und diese Welt ins Dasein gerufen.

Du hast Ja und Nein gesagt.
Worin stimmst Du mir denn zu?

Ich kann Mose und Elia verstehen, die Gottes Antlitz sehen wollen.
Aber nicht in dem Sinn, dass ich Gott sehen möchte,
damit ich glauben kann, dass es ihn wirklich gibt.
Sondern, wie es im Segen heißt:
„Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir:”
Ich würde gern das Leuchten auf Gottes Antlitz sehen, mit dem er mich ansieht.

Die Liebe, mit der Gott uns annimmt, wie wir sind,
nicht nur glauben und zugesprochen bekommen,
sondern sie spüren durch ein Lächeln oder ein Leuchten,
das über das Gesicht zieht, wenn man liebt - das wünsche ich mir auch.
Und irgendwie sehe ich das auch -
mit dem Auge des Herzens, wenn es so etwas gibt.

Doch, das gibt es. Man kann es auch anders ausdrücken:
Im zweiten Teil der Kantate, die wir gleich hören, heißt es:
„Der Glaube schafft der Seele Flügel,
dass sie sich in den Himmel schwingt.”

Im Glauben wächst die Seele über sich hinaus
und findet den Mut, den Worten zu trauen.

Das erinnert mich an Martin Luthers Schrift:
„Von der Freiheit eines Christenmenschen.”
Da heißt es im letzten Abschnitt:
„ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst,
sondern in Christus und seinem Nächsten.
In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe.
Durch den Glauben fährt er über sich in Gott.
Aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe
und bleibt doch immer in Gott und in göttlicher Liebe.”

Das hat Martin Luther schön gesagt.
Da wir gerade beim Zitieren sind:
Der französische Philosoph René Descartes
hat aus der Tatsache, dass er denkt, abgeleitet,
dass er tatsächlich existiert: Cogito, ergo sum.
In gleicher Weise leite ich aus der Tatsache, dass ich glaube, ab,
dass ich von Gott geliebt bin:
Ich glaube, also werde ich geliebt.

Das würde ich gern als Schlusswort stehen lassen.
Wir müssen aber noch überleiten zum Glaubensbekenntnis.
Fällt Dir dazu noch etwas passendes ein?

Mal sehen. Vielleicht so:
Der Glaube, der selig macht,
verliert sich nicht in himmlischen Sphären.
Er schließt uns den Himmel auf, Gottes Wirklichkeit.
Gottes Wirklichkeit wird damit unsere Wirklichkeit:
Gott hat unser Leben gewollt.
Gott liebt uns und gibt uns das Leben -
jetzt und in der zukünftigen Welt.

Das lasst uns bekennen mit den Worten unserer Mütter und Väter im Glauben:

Ich glaube an Gott