Predigt an Reminiszere, 1.3.2026, über Römer 5,1
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben,
haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
Liebe Schwestern und Brüder,
wir haben Frieden mit Gott, schreibt Paulus.
Das ist ein schöner Satz, und ein tröstlicher Gedanke.
Frieden ist etwas Gutes und Erstrebenswertes.
Etwas, von dem alle beteuern, dass sie ihn wollen -
auch und besonders die, die wenig später
ein anderes Land mit Krieg überziehen.
Gerade erfahren wir wieder einmal,
wie leicht Friede gebrochen werden kann,
und wie schwer er wieder zu gewinnen ist.
Friede ist eben nicht nur eine Pause vom Krieg
oder das Versprechen zweier Staaten,
sich nicht gegenseitig anzugreifen.
Im Gegenteil: Friede ist eine hoch komplexe Angelegenheit,
die viel mit dem Ausgleich von Interessen zu tun hat.
Mit gegenseitigem Respekt vor den jeweiligen Eigenheiten
und dem Vertrauen auf die guten Absichten des anderen.
Ein Vertrauen, das nicht mit Worten,
sondern durch Haltung und Taten gerechtfertigt wird.
Friede braucht Zeit, in der solches Vertrauen wachsen kann.
Er braucht Gespräche und Verhandlungen auf Augenhöhe,
Anerkennung der jeweiligen Interessen
und das ernsthafte Bemühen um eine Lösung,
die für beide Seiten annehmbar ist,
weil sie beiden Seiten Vorteile und Sicherheit bringt.
Wir Deutschen haben Erfahrung damit. Sowohl mit dem Krieg,
als auch mit dem mühsamen und langwierigen Prozess des Friedens.
Das, was wir heute Europa nennen, ist das Ergebnis dieses Prozesses.
Seit 80 Jahren leben wir in Europa in Frieden miteinander.
Die Interessen zwischen den Staaten sind ausgeglichen.
Es herrscht ein grundsätzliches Vertrauen,
es gibt Respekt voreinander und Verständnis füreinander.
Die EU ist das Ergebnis der Suche nach Frieden.
Sie entstand durch Gespräche und langwierige Verhandlungen,
durch das Bemühen um Verständigung, durch Begegnungen.
Und auch durch das Eingeständnis der Schuld.
Die EU ist der Beweis dafür, dass ein gerechter Friede möglich ist,
und ein Beispiel, wie viel Zeit und Engagement der Friede braucht.
II
Wir haben Frieden mit Gott, schreibt Paulus.
Diesen Frieden können nicht wir uns zugute halten.
Kein Verhandlungsgeschick, kein Interessenausgleich
haben diesen Frieden bewerkstelligt.
Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten
mit all seinen Waffen, all seiner wirtschaftlichen Macht
könnte Gott nicht zum Frieden zwingen.
Der Friede zwischen Gott und uns kam auf eine Weise zustande,
die das komplette Gegenteil zu dem darstellt,
wie wir Frieden sichern und erhalten wollen:
Wir vertrauen auf Frieden durch Rüstung.
Sie soll uns vor einem möglichen Angriff schützen,
weil, so die Theorie, ein Angriff mit so großen Verlusten
für den Angreifer verbunden wäre, dass er sich für ihn nicht rechnet.
Unser Friede mit Gott kam zustande,
weil Jesus auf Rüstung und Gewalt verzichtete.
So widerfuhr ihm, was jede:r erlebt,
die|der sich nicht schützt und nicht wehrt:
Jesus erlitt Willkür, Gemeinheit, Bosheit und Gewalt.
Er starb einen qualvollen Tod am Kreuz.
Aber eine Macht, stärker als alle menschliche Macht,
besiegte den Tod und holte ihn zurück ins Leben.
Diese Macht ist Gottes Allmacht: Seine allmächtige Liebe.
Dieser allmächtigen Liebe Gottes hatte Jesus vertraut,
und dieses Vertrauen bot er den Menschen an.
Er lud sie ein, auf Gott, auf die Liebe zu setzen,
nicht auf Waffen, Geld oder Macht.
Er lud sie ein, sich von Gott in seinen Frieden,
sich von Gottes Macht aus dem Tod ins Leben holen zu lassen.
Nur wenige nahmen seine Einladung an.
Vor allem arme Schlucker, wie die Fischer am See Genezareth;
Kämpfer für die Freiheit, Zeloten genannt, wie ein gewisser Kephas
oder die „Donnersöhne” Jakobus und Johannes;
Menschen am Rande der Gesellschaft wie Maria von Magdala.
Andere hatten kein Interesse an dieser Einladung.
Sie waren satt. Sie hatten alles, was sie brauchten.
Für sie funktionierte die Gesellschaft.
Und auch ihr Verhältnis zu Gott war geregelt.
Aber dieses Verhältnis war Konvention, nicht Notwendigkeit.
Was sie brauchten, verschafften sich diese Menschen selbst;
Gott brauchten sie für ihr Leben nicht.
III
Wir haben Frieden mit Gott, schreibt Paulus.
Dann muss es eine Zeit gegeben haben,
in der zwischen Gott und uns kein Friede herrschte.
Wenn das Gottesverhältnis nicht von Frieden bestimmt ist, wovon dann?
Was war, bevor wir Frieden mit Gott hatten?
Für den Frieden zwischen Staaten
ist ein Ausgleich der Interessen nötig,
gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Vertrauen.
Ein solches Verhältnis schafft Abhängigkeiten.
Kein Staat kann heutzutage Alleingänge unternehmen -
es sei denn, er bricht mit den Regeln der Staatengemeinschaft
und kann seinen Willen militärisch durchsetzen.
Auch wir sind voneinander abhängig.
Nicht nur als Kinder von unseren Eltern
oder als alt gewordene Menschen von unseren Kindern.
Wir wollen diese Abhängigkeiten nicht wahr haben.
Unser Selbstbild ist davon bestimmt,
dass wir unser Leben gestalten,
selbst über unser Schicksal entscheiden.
Durch Leistung und Fleiß kann man es zu etwas bringen, heißt es.
Wer seine Ziele nicht erreicht, hat sich bloß nicht genug angestrengt.
In diesem Selbstbild des Self-made-man
oder der Self-made-woman hat Gott keinen Platz.
Jedenfalls nicht der lebendige Gott in seiner allmächtigen Liebe.
Das ist kein regelrechter Krieg gegen Gott.
Aber es ist die Verweigerung einer wirklichen Beziehung,
die Gott nicht wie ein Maskottchen behandelt,
sondern ihm den Respekt entgegenbringt, der ihm gebührt.
Bevor wir Frieden mit Gott hatten,
befanden wir uns in einer Art Niemandsland.
Wir glaubten nur an uns, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Dadurch gelangten wir nicht über uns selbst hinaus.
Lebten nicht in einer wirklichen Beziehung zu unseren Mitmenschen.
Lebten nicht in einer wirklichen Beziehung zu Gott.
IV
Frieden mit Gott besteht - analog zum Frieden zwischen Staaten - darin,
dass wir in Abhängigkeit von Gott leben
und uns unsere Abhängigkeit eingestehen.
Diese Abhängigkeit ist kein Makel,
den man möglichst schnell beseitigen müsste.
Sie ist das Wesen des Friedens,
wie sie das Wesen jeder Beziehung ist.
Unsere Beziehung zu Gott
wird in der Sprache der Bibel so beschrieben,
dass wir Geschöpfe sind, nicht Schöpfer.
Wir schaffen nicht selbst etwas,
sondern erfahren Gottes Wirken an uns.
Als Geschöpfe sind und bleiben wir mit dem verbunden,
der uns das Leben gab,
uns die Kraft zum Leben gibt
und uns durch seine allmächtige Liebe in ein neues Leben rufen wird.
In diese Beziehung zu Gott hat uns Christus eingeladen,
und wir haben uns einladen lassen.
Wir haben uns von Gott mit seiner Liebe beschenken lassen
und darauf verzichtet, selbst etwas dazu beizutragen.
Darin besteht unsere Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit ist also nicht
ein Leben nach dem Willen und den Geboten Gottes.
Das wäre wieder eine Leistung, die wir erbringen,
kein Geschenk, das wir aus Gottes Hand annehmen.
Unsere Gerechtigkeit besteht darin,
uns das Leben von Gott schenken zu lassen.
Alles andere - der Glaube, das Leben nach den Geboten -
folgt daraus ganz von selbst.
