Predigt am Sonntag Rogate, 10. Mai 2026, über Matthäus 6,5-15
Liebe Schwestern und Brüder,
„wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden,” mahnt Jesus.
Seine Ermahnung meldet gleich zwei Kritikpunkte an; dadurch wiegt sie doppelt schwer.
Sie kritisiert das Plappern, ein bei allen Gelegenheiten unangebrachtes Verhalten.
Plappern bedeutet, mit vielen Worten wenig zu sagen.
Kindern sagt man nach, dass sie plappern.
Sie können bei den Themen der Erwachsenen nicht mitreden -
weder beim Jammern über die wirtschaftliche Lage,
noch beim Ergebnis des jüngsten Polit-Barometers.
Aber wenn sie von ihren Erlebnissen im Kindergarten berichten,
oder wenn sie sich eine Geschichte ausdenken,
ist das für die Erwachsenen oft nicht interessant - Geplapper, eben.
Plappern versetzt unter die Kinder. Die Unmündigen, die man nicht ernst nimmt.
Die man nicht ernst zu nehmen braucht, weil sie wenig verstehen, noch nicht mitreden können,
nichts Interessantes oder Wichtiges mitzuteilen haben.
So jedenfalls begegnete man über Jahrhunderte den Kindern: Man nahm sie nicht ernst.
Sie waren ja noch nicht „fertig”, waren noch keine Erwachsenen.
Man kam damals nicht auf die Idee,
dass die Kindheit ein Lebensalter mit eigenen Rechten sein könnte.
Dass die Erfahrungen und Gedanken der Kinder
genauso wichtig und ernsthaft sind wie die der Erwachsenen.
Plappern versetzt auch unter die, die vom Glauben keine Ahnung haben: Unter die Heiden.
Die Heiden haben ein magisches Verständnis des Gebets.
In ihrer Vorstellung wirkt es wie eine Medizin,
und wie bei der Medizin gilt der Grundsatz: „Veel helpt veel” –
je mehr Worte man macht, desto wahrscheinlicher wird man gehört.
Ein reifer, „erwachsener” Glaube belächelt solch Einfalt,
blickt verächtlich auf diese primitive Vorstellung über den Glauben herab.
Ein solches Verhalten sähe Jesus aber nicht ähnlich.
Normalerweise hat Jesus ein Herz für Kinder:
„Lasset die Kinder zu mir kommen!”, tadelt er seine Jünger.
Nicht, weil Kinder so süß oder so unschuldig sind.
Sondern weil wir das Reich Gottes nie kennen lernen werden,
wenn wir nicht wie die Kinder werden.
Wenn Plappern zum Kindsein gehört, dürfte Jesus nichts dagegen haben.
Selbst dann nicht, wenn es beim Beten geschieht.
Es heißt ja auch: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.”
Plappern muss kein Zeichen von Unreife oder Unbedachtheit sein.
Manchmal hat man so viel auf dem Herzen, dass man nicht mehr an sich halten kann.
Auch gegen die Heiden hat Jesus normalerweise nichts.
Zwar teilt er die Vorbehalte und vielleicht auch die Vorurteile
seiner jüdischen Glaubensgeschwister gegenüber den Heiden.
Aber zugleich schlägt sein Herz für die Außenseiter, die Randfiguren der Gesellschaft -
in der jüdischen Gesellschaft oder Gemeinde sind das die Heiden.
So lässt sich Jesus von einer samaritanischen Frau
und von einem römischen Hauptmann zur Hilfe bewegen,
obwohl beide zu den Heiden gehören.
Jesus war Heiden gegenüber tolerant und stellte Kinder als Vorbild hin.
Man fragt sich, warum er dann das Plappern so tadelt.
Jesus war es doch eigentlich gleichgültig, wie man betete.
Von ihm werden uns keine Vorschriften zu Gebetshaltungen
oder zur Richtung des Gebets überliefert wie im Islam.
Wir benutzen auch keinen Gebetsschal oder Gebetsriemen, wie sie im Judentum üblich sind
und wie sie vielleicht Jesus schon gekannt und gebraucht hat.
Jesus ging es nicht um die Art des Betens.
Ihm ging es um die vertrauensvolle Beziehung zu Gott.
Eine bestimmte Art des Betens, eine Ordnung des Gottesdienstes
und eine Reihe von Texten, die man immer wieder singt oder spricht,
all das entwickelte sich erst in den christlichen Gemeinden,
die nach der Auferstehung Jesu entstanden.
„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden,”
diese Mahnung könnte aus der Gemeinde stammen,
in der der Evangelist Matthäus zuhause war.
Muss das Gebet eine bestimmte Form annehmen,
damit es Gott gefällt und damit er es erhört,
schließt das alle aus, die sich nicht an diese Form halten:
Die Kinder, denn sie können ihre Gedanken
noch nicht in wenigen Worten zusammenfassen.
Und die Heiden, denn sie sind eine andere Art
der Kommunikation mit der Gottheit gewohnt.
Mit einer bestimmten Form, mit festen Ritualen
grenzt sich eine Gemeinschaft nach außen hin ab.
Zugleich stärken feste Formen und Rituale die Gemeinschaft:
Sie werden zu ihrem Erkennungszeichen,
und ihre Anhänger identifizieren sich mit ihnen.
Unsere Art, den Gottesdienst zu feiern,
wirkt auf Außenstehende fremd, vielleicht sogar befremdlich.
Sie verstehen nicht, warum wir z.B. auf Griechisch singen:
„Kyrie, eleison!”
Ein Gottesdienst hat eine steile Lernkurve.
Wer nicht damit groß geworden ist,
braucht viel Zeit, um sich darin zurechtzufinden
und einmal darin heimisch zu werden.
Formen und Rituale dienen dem Zusammenhalt der Gemeinschaft.
Aber das ist nicht ihr Zweck.
Wir singen das Kyrie nicht, um uns dadurch von anderen abzugrenzen
oder uns denen überlegen zu fühlen, die nicht wissen, was es bedeutet.
Mit dem Kyrie rufen wir Gott an und vergewissern uns seiner Gegenwart.
Hätten Sie das gewusst, bzw., war es Ihnen bewusst, als wir das Kyrie sangen?
Oder sangen Sie mit, weil man das eben so macht,
weil wir das immer schon so gemacht haben?
Eine Form, ein Ritual, das nur noch um seiner selbst willen zelebriert wird,
ist nicht sinnlos - es hält ja weiterhin die Gemeinschaft zusammen.
Aber es ist zwecklos, es ist leer, es ist,
um es mit den Worten Jesu zu sagen: Geplapper.
Das Plappern der Kinder ist kein Geplapper, weil es einen Sinn hat -
Erwachsene bemühen sich nur zu selten darum, es zu verstehen.
Das Plappern der Heiden ist kein Geplapper,
wenn es einem übervollen Herzen entspringt,
das die Worte nicht mehr zurückhalten kann.
Andererseits kann unser Gebet zum Geplapper werden,
wenn wir es nur mechanisch verrichten.
Aus Gewohnheit, oder weil man das eben so macht.
Jesus wollte seinen Jüngern sicher nicht das Gewissen beschweren,
wenn sie nicht „richtig” beteten.
Er wollte sie auch nicht dazu bringen, ihre Worte zu zählen.
Jesus wollte, dass seine Jünger darüber nachdachten, was sie da gerade beten.
Nicht eine bestimmte Form war sein Anliegen,
sondern dass sie mit dem Herzen dabei sein sollten.
„Hilf, dass es geh von Herzensgrund,”
haben wir mit Luthers Vaterunserlied gesungen.
Damit sie von Herzen beten können, gab Jesus seinen Jüngern das Vaterunser.
Seine sieben Bitten umfassen Himmel und Erde,
Gott und Mensch, Gegenwart und Zukunft,
die Gemeinschaft und die Einzelnen.
Es ist eine Zusammenfassung der Zehn Gebote:
Wie auf zwei Tafeln die Gebote in Bezug auf Gott
und die Gebote im Bezug auf den Mitmenschen stehen,
so hat auch das Vaterunser zwei Teile.
Im ersten Teil bittet es Gott um die Heiligung seines Namens,
das Kommen seines Reiches und die Erfüllung seines Willens.
Im zweiten Teil bittet es um das tägliche Brot,
damit man den Mitmenschen nicht bestehlen und ihnen ihren Besitz nicht neiden muss.
Es bittet um Vergebung der Schuld, an die uns die zweite Tafel der Gebote erinnert,
damit wir unsere Grenzen kennen lernen und barmherzig mit uns sind.
Es bittet um unsere Vergebung,
damit wir auch mit unseren Mitmenschen barmherzig sind.
In seiner letzten Bitte geht das Vaterunser über die Zehn Gebote hinaus.
Es bedenkt hier nicht nur unser Handeln, es nimmt auch das Böse in den Blick,
das wir von unseren Mitmenschen erleiden und erdulden.
Aus dem Kreisen um uns selbst,
aus der Belastung durch unsere Schuld holt es uns heraus,
indem es uns zunächst die leidvolle Wirklichkeit unserer Welt sehen lässt:
Wir sehnen uns nach Erlösung von dem Bösen.
Wir erkennen: Alles Leben ist auch leidvoll,
weil es in uns und um uns herum das Böse gibt.
Aber dieses Leid ist nicht unendlich.
Es hat ein Ende gefunden.
Das Böse hat ein Ende gefunden durch Jesu Tod am Kreuz.
Es ist überwunden durch Gottes Reich,
Gottes Macht und Gottes Herrlichkeit.
In diese Herrlichkeit hinein ist Jesus auferstanden.
Sie strahlt in unser Leben und macht es hell.
Und eines Tages werden wir selbst in dieser Herrlichkeit erstrahlen.