Predigt am Pfingstmontag, 25.5.26, über Joh 20,19-23
Nehmt hin den Heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen;
welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus macht seinen Jüngern ein Geschenk, bevor er sie verlässt: Ein Abschiedsgeschenk. Zum Abschied, wenn man weiß, dass man sich lange Zeit oder vielleicht nie mehr wieder sehen wird, ist das Geschenk aufgeladen mit Emotionen und Bedeutung. Es soll an den erinnern, der sich verabschiedet. Und es soll die Beziehung widerspiegeln, die man miteinander hatte.
Jesus schenkt seinen Jüngern zum Abschied den Heiligen Geist. Dieser Geist, sagt Jesus, gibt ihnen die Vollmacht, Sünden zu erlassen und Sünden zu behalten. Eine gottgleiche Vollmacht, die seine Jünger damit besitzen.
Wir erinnern uns: Dass Jesus für sich in Anspruch nahm, Sünden zu vergeben, war der Anlass für die Feindschaft der jüdischen Geistlichkeit: „Er lästert Gott!”, sagten sie über ihn. „Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?” (Markus 2,7).
Bei Matthäus ist es nur ein Jünger, der diese Vollmacht erhält: Petrus, der Fels, auf dem Jesus seine Kirche baut und dem er die Schlüssel anvertraut, die Himmel oder Hölle auf- oder zuschließen.
Bei Johannes dagegen sind es alle Jünger. Zu diesen Jüngern zählen auch wir als die, die Jesus heute nachfolgen. Damit dürfen auch wir Sünden erlassen und behalten.
I
Wie fühlt sich diese Vollmacht an? Wohl eher nicht großartig, sondern unangenehm und beklemmend. Es ist schließlich eine große Verantwortung, über die Zukunft eines anderen zu entscheiden. Denn das ist es doch wohl: Ob man Sünden erlässt oder behält, hat Einfluss auf die Zukunft derjenigen, die es betrifft: Auf die Zukunft des Täters, aber auch auf die des Geschädigten.
Zwar ist „Sünde” heute zum Glück kein Begriff mehr, der uns in Angst und Schrecken versetzt, uns vor Fegefeuer und Hölle zittern macht. Sie haben in unserer modernen Welt keinen Platz mehr. Zudem sind wir heutzutage viel besser darin, uns und anderen das Leben zur Hölle zu machen, als es die armen Teufel und Dämonen jemals waren.
Aber jemandem zu vergeben oder nicht zu vergeben ist nach wie vor eine wichtige Entscheidung, an der die Zukunft einer Freundschaft, einer Beziehung hängt. Sie ist wichtig für den Täter, der die Vergebung nötig hat, damit er in die Gemeinschaft zurückkehren kann. Sie ist auch wichtig für den Geschädigten, dem Unrecht zugefügt, dem Leid angetan wurde.
Denn es gibt Unrecht, das man nicht vergeben kann. Man kann von einem Geschädigten nicht erwarten, erst recht nicht von ihm verlangen, erlittenes Unrecht oder Leid zu vergeben. Ein Geschädigter kann dem Täter seine Sünden behalten, auch wenn er noch so sehr darum bittet, seine Tat noch so gründlich bereut.
II
Neben dem Geschädigten und dem Täter gibt es noch einen Dritten: Gott. Gott vergibt. Gott vergibt sogar solche Schuld, die ein Geschädigter niemals vergeben kann. Hier kommen die Jünger ins Spiel, bzw. wir, die wir als Nachfolgende Jesu ebenfalls seine Jünger:innen sind.
Wir sind es, die in Gottes Namen diese Vergebung zusprechen. Dazu hat Jesus uns den Heiligen Geist gegeben, damit wir Sünden vergeben oder behalten können. Aber darf man das, jemandem vergeben, einfach so?
Ich will es so sagen: Ebenso wie für den Geschädigten gilt auch für Gott, dass man nicht von ihm verlangen kann, Sünden zu vergeben. Wer also im Namen Gottes Sünden vergibt, muss sein Tun vor Gott rechtfertigen - und ebenso, wer es im Namen Gottes nicht tun will.
Man könnte sich darauf herausreden, dass man in einen Menschen nicht hineinschauen kann. Wenn jemand zur mir kommt und mich um Gottes Vergebung bittet, dann wird das schon seine Richtigkeit haben - schließlich ist er, ist sie ja deswegen gekommen. Letzten Endes weiß sowieso nur Gott, wie es um diesen Menschen wirklich bestellt ist. Bei Gott gilt der Grundsatz: „In dubio pro reo,” im Zweifel für den Angeklagten. Also bin ich safe, wenn ich ihr, wenn ich ihm die Vergebung zuspreche.
III
Nein, ich fürchte, so leicht können wir es uns nicht machen. Zwar ist Gottes Herz unendlich viel größer und weiter als unseres. Gottes Liebe übersteigt alles, was wir uns vorstellen können. Aber Jesus hat seinen Jüngern, hat uns mit dem Geist Gottes den Auftrag gegeben, Sünden zu vergeben und zu behalten.
Vergeben und Behalten im Namen Gottes tun wir nicht, wenn wir selbst von Leid oder Unrecht betroffen sind. Wir tun es, wenn wir unbeteiligte Dritte sind. Wenn dann ein Täter um Gottes Vergebung bittet, ist es an uns, ihm seine Schuld zu vergeben oder zu behalten.
Wohlgemerkt, es ist nicht unsere Aufgabe zu beurteilen, ob etwas Sünde ist. Wir sind nicht Richter:innen, die klären müssen, ob eine Schuld vorliegt oder nicht. Das hat der Täter schon selbst getan:
Wer eine Sünde bekennt, hat eine Schuld erkannt und anerkannt. Wer Sünde bekennt, übernimmt die Verantwortung für sein Handeln und erklärt sich bereit, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Gleichzeitig hofft er darauf, dass das Sündenbekenntnis ihm erspart, die Folgen seines Handelns tragen zu müssen. Man hofft, dass damit alles wieder gut ist - oder dass die Konsequenz jedenfalls milder ausfällt, als man es aufgrund seiner Tat verdient hätte.
IV
Als Nachfolger:innen Jesu, als seine Jüngerinnen und Jünger können wir Gottes Vergebung zusagen. Wir können dem Täter aber nicht die Folgen seiner Tat ersparen. Ob ein:e Geschädigte:r sich mit dem Täter versöhnt, liegt nicht in unserer Macht und ist auch nicht unsere Verantwortung.
Wem wir Gottes Vergebung zusagen, dem ist aber die Schuld genommen. Die Tat kann man nicht ungeschehen machen, die Konsequenzen dieser Tat muss man tragen. Aber wem vergeben wurde, der darf noch einmal neu anfangen. Vielleicht nicht mit der, mit dem Geschädigten. Aber mit uns: Wir legen den Täter nicht mehr auf seine Tat fest.
Das ist die große Verantwortung, die hinter der Vergebung steht: Diesen Menschen, dem vergeben wurde, jetzt mit Gottes Augen zu sehen. Nicht das Wissen um seine Tat soll unsere Beziehung bestimmen, sondern die Tatsache, dass Gott diese Tat ausgelöscht hat. Dieser Mensch soll für uns jetzt ein unbeschriebenes Blatt sein. Das ist manchmal gar nicht leicht. Darum brauchen wir den Heiligen Geist. Er hilft uns dabei, diesem Menschen neu und ohne Vorbehalte zu begegnen.
V
Was ist aber mit denen, denen die Sünden behalten sind? Kann man das überhaupt, bringt man das fertig, jemandem, der bereut zu sagen: Gott kann dir nicht vergeben?
Ich denke, so ist es nicht gemeint. Wie gesagt, wir sind keine Richter:innen. Wir urteilen nicht über eine Schuld und entscheiden je nach Schwere, ob sie vergeben werden kann oder nicht. Wer seine Schuld bereut, wer die Verantwortung für sein Tun übernimmt, darf auf Gottes Vergebung hoffen. Darum dürfen wir sie ihr oder ihm nicht vorenthalten.
Die Schuld behalten, das bedeutet, den zur Verantwortung zu ziehen, der seine Schuld nicht erkennen, der die Folgen seiner Tat nicht tragen will, und ihn bei seiner Verantwortung zu behaften.
Wenn man unsere Gesellschaft beobachtet, fällt auf, dass sich um Verantwortung gedrückt wird. Man möchte gern bestimmen und entscheiden, aber die Folgen dieser Entscheidungen will man nicht tragen.
Besonders Extremist:innen, die im Namen einer Ideologie, einer Partei oder einer Religion Forderungen stellen, Entscheidungen fällen, die das Leben von Menschen extrem betreffen und beschneiden, schieben etwas vor, um nicht selbst die Verantwortung zu tragen: Das „Vaterland” oder den Staat, der wieder „great” werden soll; eine Utopie wie die Gleichheit aller, oder einen „Gottesstaat.” Hinter einem solchen Popanz kann man sich gut verstecken. Man muss nicht befürchten, seinen Kopf für das hinhalten zu müssen, was man anderen im Namen dieses Popanzes antut.
Unsere Aufgabe als Jünger:innen Jesu ist es, die Täter:innen an ihre Verantwortung zu erinnern. Uns nicht täuschen zu lassen von vorgeschobenen Idealen, Autoritäten oder der angeblichen Mehrheit, hinter denen die Täter:innen sich verstecken möchten. Nicht, um sie bloßzustellen oder zu bestrafen. Sondern um ihnen die Chance zur Reue zu geben, damit Gott ihnen vergeben kann.
Auch das ist keine einfache Aufgabe. Dazu braucht es Mut und Rückgrat. Auch dazu gibt uns Jesus Gottes Heiligen Geist, der uns nicht nur vor Gott vertritt mit unaussprechlichem Seufzen, sondern uns auch eingibt, das rechte zu sagen und zu tun.
VI
Das Abschiedsgeschenk, das Jesus seinen Jüngern und uns macht, ist eine ganz schöne Zumutung: Wir sollen versuchen, Menschen, die sich durch ihr Handeln selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen haben, neu und mit anderen Augen zu sehen.
Und wir sollen Menschen, die sich aus der Verantwortung stehlen wollen, an diese ihre Verantwortung erinnern.
Jesus hat das getan. Er hat sich bei Menschen eingeladen, die als „Sünder” galten; die sich durch ihr Tun aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hatten. Und er erinnerte Menschen an ihre Verantwortung, indem er ihnen einschärfte: Sündige hinfort nicht mehr. Jesus tat das, um diese Menschen zurückzuholen in die Gemeinschaft mit Gott.
Wenn man es so betrachtet, ist es eine schöne Aufgabe: Menschen in die Gemeinde einzuladen und ihnen die Gemeinschaft mit Gott anzubieten. Das wird die Bösartigen nicht überzeugen, auch nicht die Verbohrten, die gefangen sind in einer Ideologie, in ihrer Wut oder in ihrer eigenen Welt.
Aber vielleicht wird es jemandem die Tür öffnen, der bisher keinen Weg fand, auf andere zuzugehen. Und wer weiß, wen wir noch erreichen - Gottes Geist ist immer für eine Überraschung gut.