Donnerstag, 9. März 2017

Halleluja oder Hallelunein?

Dialogpredigt zum Sonntag Reminiszere, 12. März 2017,
über Matthäus 12,38-42 und „Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen“

Vor der Predigt singt der Chor: Ich lobe meinen Gott

Anna!

Ja?

War das nötig, dass ihr dieses Lied heute singt?

Wieso? Was ist mit dem Lied?
Ist doch schön - oder gefällt es dir etwa nicht?

Doch. Sehr sogar!
Aber du als Kantorin müsstest doch eigentlich wissen, dass man in der Passionszeit kein Halleluja singt.

Klar weiß ich das.
Ich hab' dich übrigens daran erinnert - du hattest es glatt vergessen!
Aber kannst du mir mal verraten, warum man in der Passionszeit Gott nicht loben soll?
Denn das bedeutet doch „Halleluja“: Lobt Gott.

Gute Frage, auf die ich jetzt so spontan keine Antwort weiß. 
Du hast aber recht: Warum sollte man in der Passionszeit Gott nicht loben?

Ich kann mir vorstellen, dass es mit dem Leiden zu tun hat. 
Es gibt ja keinen Grund, Gott für das Leid zu loben - im Gegenteil: 
Es wäre ziemlich eigenartig, wenn jemand sagen würde:
„Danke, Gott! Wie schön, dass ich leiden darf!“

Stimme dir zu.
Aber es ist ja nicht irgendwer, der leidet, sondern Jesus.

Was soll denn das heißen, „nicht irgendwer“?!
Willst du damit sagen, dass nur das Leid von Jesus zählt, und das aller anderen nicht,
dass sie alle umsonst leiden?

Nein, nein! Entschuldige, da habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Ich meinte es theologisch: Das Leiden von Jesus ist so einzigartig und besonders, weil er für uns leidet.
Er leidet, damit das Leiden aufhört; er opfert sich, um alle Opfer überflüssig zu machen. 
Niemand soll mehr denken oder sagen müssen: „Ich opfere mich für dich auf“, und niemand muss von anderen mehr zum Opfer gemacht werden - so, wie es zur Zeit mit den Flüchtlingen passiert.

Aber das ist doch ein Grund zur Freude und zum Halleluja-Singen!
Dann verstehe ich erst recht nicht, warum das Halleluja ausgerechnet in der Passionszeit schweigen soll.

Aber was soll dieses „Theologisch“?
Das klingt für mich ganz schön abgehoben.
Leiden, das ist doch etwas ganz Reales, das kennt jede und jeder aus eigener Erfahrung.
Für meinen Geschmack gibt es viel zu viel Leid auf der Welt. 
Ich kann die Bilder der verhungernden Kinder oft kaum noch ertragen.

Jetzt hast du gerade eine gute Begründung dafür geliefert, warum man in der Passionszeit nicht Halleluja singen sollte:
In der Passionszeit denken wir daran, was Jesus um unseretwillen auf sich nahm. Dabei werden wir empfänglich und aufmerksam für das Leid um uns herum, für das Leid in der Welt.
Kein Wunder, dass es einem da die Sprache verschlägt und einem das Lob Gottes im Hals stecken bleibt. Weil man lieber fragen will: Warum, Gott? Warum gibt es so viel Leid in der Welt?

Ja, wie denn nun?
Halleluja singen oder nicht singen?
Du weißt ja selbst nicht, was du willst!

Stimmt. Unsere Unterhaltung hat mich unsicher gemacht.
Ich weiß nicht mehr, was richtig ist.
Vielleicht sind dazu Traditionen da: Damit man sich an etwas halten kann, wenn man selbst nicht weiter weiß, und sich nicht so viele Gedanken machen muss wie wir gerade.

Das finde ich aber schlecht, wenn man nicht mehr nachdenkt.
Und ich finde es falsch, wenn man etwas macht, nur, weil es „immer schon“ so gemacht wurde.
Dein Amtsbruder Thomas Morus hat mal gesagt:
„Tradition ist nicht das Halten der Asche,
sondern das Weitergeben der Flamme“.

Thomas Morus ist nicht mein Amtsbruder.
Erstens war er katholisch, und zweitens lebte er zur Zeit Luthers in England als Thomas More
Aber der Spruch ist gut, den merke ich mir.

Wenn wir auf diesem Weg nicht weiterkommen, sollten wir vielleicht tun, was Luther in einem solchen Fall vorschlägt: die Bibel befragen.

Wir sind zwar in der Kirche, aber ich habe hier keine Bibel zur Hand und würde auf die Schnelle auch gar keine passende Stelle finden.

Ich auch nicht. Aber das brauchen wir auch nicht.
Wir haben doch eben das Evangelium gehört; vielleicht kann das uns weiterhelfen.

Wie soll uns das Evangelium vom „Zeichen des Jona“ bei der Frage helfen, ob man in der Passionszeit das Halleluja singen darf oder nicht?

Hmm. Mal überlegen.
In dieser Geschichte geht es darum, dass die Pharisäer ein Zeichen von Jesus wollen …

… also eine Art Beweis, dass er der ist, der er zu sein behauptet.

Nein. Ein „Zeichen“ ist nicht dazu da, etwas zu „beweisen“. Ein Zeichen ist vielmehr eine andere Art, etwas zu sagen - so, wie es neben den Worten die Musik gibt, oder die Kunst.
Musik und Kunst „sprechen“ anders zu uns als Worte, viel direkter und unmittelbarer.
Die Propheten haben Zeichen benutzt, um damit ihre Botschaft auf andere Weise an die Frau und an den Mann zu bringen. Deshalb gehört es sich für Jesus, der wie ein Prophet auftritt, ein Zeichen, eine Zeichenhandlung zu präsentieren.

Die Leute haben die Propheten trotz ihrer Zeichen nicht verstanden - oder nicht verstehen wollen.

Genau. Weil ein Zeichen nun mal nicht eindeutig ist. Denk an die Musik: Einer wird von einer Melodie ergriffen, eine andere lässt sie kalt.

Aber das „Zeichen des Jona“ ist doch völlig klar und eindeutig:
Die drei Tage, die Jona im Bauch des Fisches verbringt, sind die drei Tage, von denen wir im Glaubensbekenntnis sprechen:
„Am dritten Tage auferstanden von den Toten“.

Für dich und mich ja.
Aber wenn man nicht gläubig ist oder die Ostergeschichte nicht kennt, sagen einem die drei Tage überhaupt nichts.
Dann fällt einem eher auf, dass der Fisch so etwas wie eine „Zelle“ darstellt; ein Gefängnis, in dem Jona auf sich zurückgeworfen wird, ins Nachdenken kommt und schließlich erkennt, dass er einen Fehler gemacht hat - was wieder gut in die Passionszeit passt.

Wo du gerade davon sprichst:
Mir fällt etwas ganz anderes an der Geschichte auf, das auch wirklich eine Antwort gibt auf unsere Frage nach dem Halleluja-Singen.

Keine Ahnung, was Du meinst.

Ich meine die Stelle von den Nineviten und der Königin von Saba.

Die im Gericht als Zeugen gegen die auftreten, die Jesus nicht geglaubt haben?
Da sehe ich aber keinen Grund zum Loben.
Gericht - das ist doch eher was zum Fürchten!

Nun wart's doch mal ab!
Was ist in Ninive passiert?

Jona hielt seine Bußpredigt, die Nineviten gingen in sich, taten Buße - und Gott vergab ihnen und machte seine Drohung, die Stadt und ihre Bewohner nach 40 Tagen zu vernichten, nicht wahr - was Jona übrigens ziemlich geärgert hat …

Genau. Und die Königin von Saba?

Die kam zu Salomo, weil sie von seiner Weisheit gehört hatte und sich selbst davon überzeugen wollte. Eine kluge Frau, die einen klugen Mann zu schätzen wusste …

Na, siehst du!?

Äh … nein?

Es ist doch etwas Schönes, dass die Nineviten in sich gegangen sind und verschont wurden, ein Grund zur Freude - und ein Grund, Gott zu danken und zu loben!
Und auch bei der Königin von Saba geht es um etwas Schönes: Um Weisheit.
Und außerdem wird es zwischen den beiden bestimmt nicht traurig zugegangen sein, eher ziemlich prickelnd …

Ah! Ich verstehe allmählich, worauf du hinauswillst! Ein toller Gedanke: Wenn Jesus sagt: „Hier ist mehr als Salomo“, will er sich nicht größer machen als der alte König, sondern will sagen, dass es bei ihm noch mehr Grund zur Freude gibt, weil er für die Menschen gelitten und sich für sie am Kreuz geopfert hat!

Jetzt hör mal bitte mit diesem gräßlichen Leiden und Geopfere auf!
Jesus ist doch nicht toll, weil er tot ist, sondern weil er lebt! 
- Als Lebender ist er mir sowieso viel, viel lieber …

Ok, ok, du hast schon wieder recht.
Wir Theologen denken um zu viele Ecken und übersehen dabei das Naheliegende.

Schön, dass du es einsiehst.
Da, wo Jesus war, gab es Grund zur Freude wegen all dem, was er für Menschen tat:
Dass er sich z.B. bei dem unbeliebten Zachäus einlud, oder dass er die Ehebrecherin vor der Steinigung rettete, indem er den Richtern deutlich machte, dass sie nicht besser waren als sie - lauter tolle, Mut machende und fröhlich machende Geschichten.

Aber Grund zur Freude gab es nicht nur, weil Jesus so tolle Sachen gemacht und gesagt hat, sondern vor allem einfach, weil er da war.
Weil er der Sohn Gottes ist.
Und weil er die Liebe ist.
Und die ist ja wohl etwas absolut Schönes, etwas, das einen zum Singen bringt: Halleluja!

Ich verstehe: Wenn wir immer nur von Jesus als dem Leidenden und Gekreuzigten sprechen,
machen wir aus einem lebendigen Menschen eine graue Theorie, die wenig mit unserem Leben zu tun hat.
Jesus, der Menschensohn, hat Menschen glücklich gemacht. Und tut es noch heute.
Denn wir, seine Gemeinde, sind ja der Leib Christi
Wir sind füreinander Jesus, in uns und mit uns und unter uns ist er gegenwärtig und verbreitet Freude.

Jetzt hast du es kapiert! Halleluja!
Darum singe ich auch in der Passionszeit das Halleluja: Weil Jesus hier unter uns ist, hier und heute, in diesem Gottesdienst, lebendig und wahrhaftig, und nicht nur theoretisch.
Jesus ist hier, um uns fröhlich zu machen und um uns glücklich zu sehen, auch und gerade in einer Zeit, in der wir an das Leiden erinnert werden.

Dazu kann ich nur sagen:
Amen, Schwester!
Und: Halleluja!

Dienstag, 28. Februar 2017

ganz still

Ansprache am Aschermittwoch über Joel 2,12-18

Doch auch jetzt noch, spricht der HERR, bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und bekehrt euch zu dem HERRN, eurem Gott! Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es gereut ihn bald die Strafe. Wer weiß, ob es ihn nicht wieder gereut und er einen Segen zurücklässt, sodass ihr opfern könnt Speisopfer und Trankopfer dem HERRN, eurem Gott. Blast die Posaune zu Zion, sagt ein heiliges Fasten an, ruft die Gemeinde zusammen! Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde, sammelt die Ältesten, bringt zusammen die Kinder und die Säuglinge! Der Bräutigam gehe aus seiner Kammer und die Braut aus ihrem Gemach! Lasst die Priester, des HERRN Diener, weinen zwischen Vorhalle und Altar und sagen: HERR, schone dein Volk und lass dein Erbteil nicht zuschanden werden, dass Heiden über sie spotten! Warum willst du unter den Völkern sagen lassen: Wo ist nun ihr Gott?
Dann wird der HERR um sein Land eifern und sein Volk verschonen.


Liebe Schwestern und Brüder!

"Wenn es nur einmal so ganz stille wäre. 
Wenn das Zufällige und Ungefähre 
verstummte und das nachbarliche Lachen, 
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, 
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen 
Gedanken bis an deinen Rand dich denken 
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang), 
um dich an alles Leben zu verschenken 
wie einen Dank."

(Rainer Maria Rilke, Stundenbuch)

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre ...
das sind nicht die Worte einer jungen Mutter,
eines jungen Vaters, deren Kind die gefürchteten Dreimonatskoliken hat;
auch nicht der Stoßseufzer eines Menschen, der an einer Umgehungsstraße wohnt.
Es sind die romantischen Gedanken des Dichters Rainer Maria Rilke.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre ...
Das kann man sich schon vorstellen, wie das wäre:
Wenn alle Sorgen vergessen wären,
alles Kreisen um Fragen und Probleme
für einen Moment aufhören würde.
Wenn man ein großes Einssein mit Gott,
ein Einverstandensein mit dem, was ist,
empfinden würde, wie das ganz selten
in ganz besonderen Augenblicken des Lebens geschieht.
Man kann sich das schon vorstellen.
Aber so still, dass nicht einmal das Geräusch der eigenen Sinne zu hören ist,
so still wird es nie.
Und darum kann man Gott auch nie in einem tausendfachen Gedanken denken.
Es ist schon schwer genug,
nur einen Gedanken auf Gott zu richten,
sich auf Gott zu konzentrieren.

Das, so will es der Prophet Joel, sollen die Israeliten tun:
sich auf Gott konzentrieren,
um ein bereits eingetretenes Unheil abzuwenden.
Und wie bei Rilke, so ist es auch bei Joel sehr fraglich,
ob es jemals gelingt, Volk und Gemeinde,
Älteste, Kinder und Säuglinge,
Bräutigam und Braut für eine Sache,
und sei sie noch so gut, dringend und wichtig,
zu versammeln.
Dass sich alle einig werden,
dass alle an einem Strang ziehen:
wenn das gelänge,
so würde das Unheil abgewendet werden.
Dann würde "der Herr um sein Land eifern
und sein Volk verschonen".

Immer wieder stoßen wir in der Bibel auf so unerfüllbar scheinende Forderungen:
"Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, 
so könnt ihr sagen zu diesem Berge: 
Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; 
und euch wird nichts unmöglich sein."

(Matthäus 17,20)

"Wenn ihr Glauben habt ..."
Anscheinend haben wir diesen senfkorngroßen Glauben nicht.
Anscheinend ist es nicht möglich, Menschen zu einer gemeinsamen Anstrengung zu versammeln,
anscheinend wird es niemals so ganz stille ...
Es ist nur eine romantische Vorstellung,
ein Traum, der unerfüllbar bleiben muss.
Wer es schon einmal ernsthaft versucht hat
damit, auch nur eine kleine Gruppe auf ein Ziel einzuschwören,
wer es probiert hat mit der Stille, mit dem Glauben,
der wird zustimmen: So konzentriert,
so rein, so ganz und gar eins zu werden,
still zu sein oder zu glauben,
ist Menschen nicht möglich.
Immer kommt etwas dazwischen.
Eigensinn. Egoismus.
Ein Gedanke. Ein Geräusch.
All das ausschließen zu wollen,
erfordert eine übermenschliche Anstrengung.
Das ist unmenschlich.

Auch die Nonnen und Mönche im Kloster haben das nicht geschafft.
Selbst sie, die noch keine Radios und CDs,
keine Smartphones und kein Fernsehen kannten,
die fernab von der Stadt und ihrem Treiben
in tiefer Stille lebten - selbst sie haben es nie erlebt,
dass es einmal so ganz stille wurde.
Irgendwer hat sich immer bewegt,
musste husten oder sich kratzen.
Oder es riefen ein Vogel oder ein Tier,
pfiff der Wind um die Mauern ...
ganz still jedenfalls war es selbst im Kloster nie.

Es ist einfach nicht zu schaffen.

Und man muss es auch nicht schaffen.
Das romantische Bild von völliger Stille,
das Bild Joels von der Versammlung der ganzen Gemeinde,
Jung und Alt, Groß und Klein,
es ist ernst gemeint,
aber es ist nur ein Bild.

Aber warum sage ich "nur"?

Wie sehr haben Menschen sich geplagt und gequält,
wenigstens einmal diese große Stille zu erleben,
wenigstens einmal Gott ganz zu denken?
Wie sehr sorgten und sorgen sich Menschen,
dass ihr Glaube nicht groß genug sein könnte,
wenn er doch offenbar kleiner als ein Senfkorn ist?

Weil sie von diesem Bild überzeugt waren.
Weil sie meinten, so müsste es sein:
Ganz still. Völlig einig. Tief gläubig.

Das Bild hat eine Kraft, die dazu in der Lage ist,
uns unseren Unglauben vorzuhalten,
unsere Unfähigkeit und Unmöglichkeit:
Dein Glaube ist nicht einmal so groß wie ein Senfkorn!
Wenn es nur einmal so ganz stille wäre ...

Wie aber, wenn das Bild nicht dazu da wäre,
uns zu verurteilen,
sondern vielmehr einer tiefen Sehnsucht
Ausdruck und Gestalt gibt.
Der Sehnsucht nach Einssein. Nach Stille.
Der Sehnsucht danach,
die Kraft und Macht des Glaubens zu erleben.
Unheil abwenden, Berge versetzen zu können?

Eine Sehnsucht, die sich nicht erfüllt.

Sie muss sich auch nicht erfüllen.
Sie ist dazu da, Sehnsucht zu bleiben.
Als Sehnsucht gibt sie unserem Leben ein Ziel und eine Richtung, wie ein Kompass.
Als Sehnsucht weist sie auf das, was wirklich wichtig ist:
Nicht die Fernseher und Computer,
nicht Haus und Auto.
Sondern Einssein, Einigkeit, Gemeinschaft.
Stille. Bei sich-Sein. Und bei Gott-Sein.

Die Passionszeit gibt dieser Sehnsucht neue Nahrung.
Und sie gibt ihr Raum.
Zeiten der Stille, Zeit zur Besinnung.
Zeit, in der wir spüren,
dass unser Glaube größer ist, als wir dachten
und dass Gott uns näher ist, als wir ahnten.

Um es noch einmal anders
und noch einmal mit Worten Rainer Maria Rilkes zu sagen:

"Ich finde dich in allen diesen Dingen, 
denen ich gut und wie ein Bruder bin; 
als Samen sonnst du dich in den geringen 
und in den großen gibst du groß dich hin. 

Das ist das wundersame Spiel der Kräfte, 
dass sie so dienend durch die Dinge gehn: 
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte 
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn."

Samstag, 18. Februar 2017

automatisch

Predigt am Sonntag Sexagesimae, 19.2.2017, über Markus 4,26-29:

Jesus sprach:
So ist das Reich Gottes wie ein Mensch, der Samen auf die Erde wirft und sich schlafen legt und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same keimt und wächst, während er nichts davon weiß. Von selbst (automatisch) bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, darauf die Ähre, danach den voll ausgereiften Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, schickt er sofort nach der Sichel, weil es Zeit zur Ernte ist.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie das, dass Ihnen jemand etwas für ihn ganz Wichtiges erzählt, richtig aufgeregt und außer Atem, und wenn der Mensch fertig ist, fragen Sie sich und ihn: Und nun?
Sie sehen ihn stirnrunzelnd an, da muss doch noch etwas kommen. 
Es kommt aber nichts weiter. Die Geschichte ist zuende, ohne Pointe, ohne Überraschung.

Manchmal geht es einem selbst so, dass man einen Einfall hat, etwas gesehen oder erlebt hat, das einen großen Eindruck machte - aber wenn man es dann erzählt, erntet man Stirnrzunzeln und fragende Blicke, an denen man erkennt, dass die Sache offenbar nicht verstanden wurde. Und fragt sich vielleicht selbst, warum man das jetzt erzählt hat, weil man sich selbst nicht sicher ist, was daran so wichtig war.

Das Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat ist eine von den Geschichten, bei denen man sich am Ende etwas ratlos fragt: Und nun? Kommt da noch was? Wo ist die Pointe?

Jesus erzählt einen alltäglichen Vorgang, den wir zwar heute in dieser Form nicht mehr kennen - Weizen wird nicht per Hand, sondern mit großen Drillmaschinen ausgesät, und zur Ernte kommt man nicht mehr mit der Sichel, sondern mit dem Mähdrescher -, den wir uns aber aufgrund unserer gärtnerischen Erfahrungen ganz gut vorstellen können: Man sät etwas aus, es wächst heran, die Frucht reift und wird schließlich geerntet. 
Tja. Was soll man dazu weiter sagen? So ist es.
Damit könnte die Predigt zuende sein.

Aber um etwas mehr geht es schon, als nur um den Vorgang des Säens.
Jesus erzählt diese Geschichte als Gleichnis über das Reich Gottes.
Das Reich Gottes, das ist eine wenig greifbare Größe. 
Es hat mit den Visionen der Propheten Israels zu tun, die im Reich Gottes die menschlichen Widersprüche versöhnt sahen: 
Die Widersprüche der Menschen gegeneinander - statt Krieg, Gewalt und Ausbeutung ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. 
Die Widersprüche im Leben eines jeden Menschen - ein Ende von Leid und Schmerz, sogar das Ende des Todes. 
Den Widerspruch des Menschen gegen Gott - aufgehoben im Einverständnis mit Gott und seinem guten Willen.

Dieses Reich Gottes, von dem Jesus sagt, dass es nahe herbeigekommen sei, vergleicht er mit dem Sämann, der Samen aussät und sich dann nicht mehr darum kümmert, weil er von selbst keimt und wächst und zur Ähre heranreift. Am Ende braucht er ihn nur noch zu ernten.
Das Reich Gottes wird ausgesät, und es wächst, wie eine Pflanze. An anderer Stelle vergleicht es Jesus mit einem Senfkorn, einem winzig kleinen Samenkorn, aus dem eine große Pflanze wird.
Das Reich Gottes wird gesät. Es braucht also nur einen vergleichsweise winzigen Impuls, damit es dann ganz von selbst - automatisch - weiter wächst, ohne dass man etwas dazu tun müsste.

Dieser winzige Impuls, dieser Same, das zeigt uns der heutige Sonntag, ist das Wort.
Das Wort hat die Kraft, eine ganz andere, neue Welt heraufzubeschwören - und sogar Wirklichkeit werden zu lassen. So war das schon mit den Prophetenworten über das Reich Gottes, die den Menschen, die sie damals hörten, Mut und Hoffnung gaben und die die Christen durch Jesus in Erfüllung gekommen sahen. 
Ein Wort kann die Welt verändern. "Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund", sagt ein römischer Hauptmann zu Jesus. 

Wir kennen das. Viele von uns haben es am eigenen Leib erfahren. Als jemand zu uns sagte: "Ich liebe dich", da hat sich die Welt verändert. Es spielte keine Rolle, ob es gerade regnete - der Tag war plötzlich wunderschön, und er blieb es, und die folgenden Tage auch, für lange Zeit.

Es müssen nicht immer so große Worte sein, die unsere Welt verändern. "Ich glaube an dich. Du schaffst das!" kann eine ebenso große Veränderung bewirken wie ein Lob. Manchmal kann schon ein freundliches "Guten Tag" unseren bis dahin schlechten und düsteren Tag zu einem guten machen.

Und dann wiederum gibt es große Worte, auf deren Einlösung wir warten. Sie sind noch nicht Wirklichkeit, aber wir glauben an sie, weil sie für etwas Großes stehen, das wir uns ersehnen. 
Das Wort "Frieden" zum Beispiel.
Dazu heißt es in einem Gedicht von Rudolf Otto Wiemer:

Das Wort ist mit Kalk auf die Mauer geschrieben.
Der Stein ist zerstaubt, das Wort ist geblieben.
Das Wort Frieden. 
Das Wort ist mit Blut in die Erde geflossen.
Doch hat keine Kugel das Wort erschossen.
Das Wort Frieden. 
Das Wort hat Gewalt in Kerkern und Gittern.
Das Wort hat Macht, dass die Mächtigen zittern.
Das Wort Frieden. 
Das Wort soll der Sturm in alle Welt treiben.
Das Wort ist ein Wort und darf kein Wort bleiben.
Das Wort Frieden.

Ein kleines Wort nur - aber eines, das schon viele Mauern überlebt und zerbrochen hat.
Ein kleines Wort nur - so oft für so viel Schlimmes missbraucht, hat es doch nie seine lebendige Kraft verloren.
Ein kleines Wort nur - aber es lässt sich nicht einsperren, und gerade deshalb zittern die Mächtigen davor.

Das Wort vom Reich Gottes schließt den Frieden mit ein.
Und es schließt noch mehr mit ein:
Unsere Hoffnung auf Liebe. Auf Anerkennung und Respekt.
Auf Ganzsein. Auf Gerechtigkeit, nicht nur für uns.

Es ist ein winzig kleiner Same, dieses Wort.
Und wer mit unbeholfenen Worten von dieser Hoffnung spricht,
erntet manchmal Stirnrunzeln, fragende Blicke.
Was ist das, "Frieden"?
Und warum gerade jetzt davon sprechen,
wo wir doch seit 65 Jahren im Frieden leben?
Was ist das, "Reich Gottes"?
Was soll man sich darunter vorstellen,
warum sollte man sich das ersehnen,
wo wir doch schon jetzt in der besten aller Welten leben
und es uns kaum noch besser vorstellen können?

Manchmal, das hört man eine Melodie und ist wie verzaubert davon.
Sie hat was, etwas Ergreifendes. 
Das ist so schön, dass man andere daran teilhaben lassen möchte. 
Man spielt sie ihnen vor - aber die sehen einen nur fragend an. 
Die verstehen nicht, was daran so toll sein soll.

Änlich ist es zum Beispiel auch mit einem besonderen Erlebnis. 
Selbst, wenn zwei das selbe erleben, wird der eine davon bewegt, der andere nicht.
Mit Konfirmanden war ich einmal in den Alpen wandern,
als sich uns auf einem Höhenweg plötzlich ein fabelhafter Ausblick eröffnete:
Die Berggipfel bildeten ein gewaltiges Panorama,
man konnte ihre Größe und Majestät förmlich spüren,
die ungeheuren Weiten und Abgründe. 
Es war, als würde man fliegen.
Als ich den Konfirmanden davon vorschwärmte,
sahen sie mich mitleidig an. 
Sie sahen nichts von Bedeutung und verstanden meine Begeisterung nicht.

Es gehört zum Wort dazu,
dass man davon sprechen muss und nicht schweigen kann,
dass es aber nicht jeden so ergreift,
wie es uns ergriffen hat.
Der Same des Wortes, wenn er einmal in uns aufgegangen ist,
keimt, entfaltet sich, breitet sich in uns aus
und will durch uns, durch unser Leben Gestalt gewinnen.
Aber wer von Gottes Wort nicht ergriffen wurde,
dem sagt es nichts. 
Der hört stirnrunzelnd oder mit mitleidigem Blick Worten zu,
die für ihn keinen Sinn ergeben.
So ist es mit dem Wort "Frieden".
Oder mit dem Wort "Gerechtigkeit".
Mit "Wahrheit" oder "Ehrlichkeit".
Nicht jedem Menschen bedeuten sie etwas.
Nicht jeder Mensch empfindet etwas dabei,
wenn diese Wörter erklingen.

Man kann das nicht machen,
und man kann da nichts machen.
Wie der Sämann kann man nur schlafen und aufstehen und warten,
dass das Wort auch bei anderen keimt und heranwächst.
Man kann es nicht erzwingen,
man kann andere nicht davon überzeugen.

Doch etwas kann man machen:
Das Wort muss gesät werden.
Es muss immer wieder auf Mauern geschrieben,
vorgelesen, erzählt, gepredigt werden.
Es muss immer wieder in die Gefängnisse und Krankenhäuser,
in die Schulen und Kirchen getragen und ausgesprochen werden.

Das Gerücht von der Freiheit, die möglich wäre,
von Gerechtigkeit, von Ehrlichkeit und Wahrheit
hat Menschen auf die Straße getrieben, zu Protest und Widerstand.
Solange das Wort nicht verschwiegen wird,
kann so etwas immer wieder passieren.

Darum feiern wir Gottesdienst.
Darum lesen wir aus der Bibel, aus Gottes Wort.
Darum wird gepredigt.
Damit das Wort des Glaubens immer wieder ausgesät wird.
In jeder Generation ergreift es Menschen,
keimt, wächst heran und trägt Früchte,
aus denen neue Samen, neue Worte wachsen.
Vielleicht auch in uns.


Die Predigt als Podcast auf Mixlr.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Vertrauen gewinnen

Predigt am 4. Sonntag nach Epiphanias, 30.1.2011, über Matthäus 14,22-33

Unverzüglich trieb Jesus die Jünger an, ins Boot zu steigen und ihm auf das jenseitige Ufer vorauszufahren, während er die Menge entließ. Nachdem er die Menge entlassen hatte, stieg er für sich auf einen Berg, um zu beten. Als es Abend geworden war, war er allein dort. Das Boot war bereits ein ganzes Stück vom Festland entfernt, als es von den Wogen bedrängt wurde, denn der Wind stand ihm entgegen.In aller Herrgottsfrühe kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer.
Als die Jünger ihn sahen, wie er auf dem Meer ging, waren sie geschockt und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Gleich sagte Jesus zu ihnen: Habt Mut, ich bin‘s, habt keine Angst! Petrus entgegnete ihm: Herr, wenn du es bist, befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen. Jesus sagte: Komm! Und Petrus stieg aus dem Boot, ging auf dem Wasser und ging zu Jesus. Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst und begann zu sinken. Da rief er: Herr, rette mich! Gleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Als sie ins Boot stiegen, schlief der Wind ein. Die im Boot aber warfen sich vor ihm nieder und sagten: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
(Eigene Übersetzung)

Liebe Gemeinde,

ich weiß genau, wie Petrus sich gefühlt hat.
- Nicht, dass ich schon mal übers Wasser gelaufen wäre!
Aber ich habe, wie Petrus, die Angst und den Schrecken vor dem Wasser erlebt.
Damals war ich noch ein kleines Kind, vielleicht fünf, sechs Jahre alt.
Ich sollte schwimmen lernen.
Mein Vater hielt mich fest umklammert.
Das Wasser reichte ihm bis zur Hüfte.
Er hielt mich sicher, es konnte gar nichts passieren.
Aber dann sah ich nach unten,
sah unter mir die für Kinderaugen bodenlose Tiefe
und bekam plötzlich schreckliche Angst.
Und nichts, weder der feste Halt in Vaters Armen,
noch seine beruhigenden Worte,
konnte den Schrecken bannen, der mich erfasst hatte.
Ich schrie aus Leibeskräften, schrie um mein Leben.
Meinem Vater blieb nichts anderes übrig, als mich an Land zu bringen.

Vielleicht haben auch Sie als Kinder diese Angst vor dem Wasser erlebt -
und irgendwann überwunden.
Haben schwimmen gelernt
und empfinden das Wasser jetzt nicht mehr als abgründige Bedrohung,
etwas, das Sie verschlingen will,
sondern als freundliches Element, das Sie trägt und in dem Sie sich entspannen.

Wie kommt man hinüber auf diese andere Seite?
Wie geschieht es, dass aus Angst Zutrauen wird?
Dass ein Element, dessen tödliche Gefahr man instinktiv spürt -
Kinder können ja noch nichts wissen von der Macht und Gewalt des Wassers,
aber sie spüren sie, wie jedes Tier sie spürt:
Wenn die riesige Welle des Tsunamis heranrollt,
flüchten alle Tiere vom Strand,
während die nichtsahnenden Menschen meinen,
einem Naturschauspiel beizuwohnen
und erst in letzter Sekunde die Gefahr erkennen,
aber dann ist es zu spät.

Wie tief die Angst vor dem Wasser in uns verwurzelt ist,
zeigt sich auch daran,
dass die meisten Halligbewohner sich weigerten,
schwimmen zu lernen.
„Der blanke Hans holt mich früh genug“, sagten sie dazu.
Es war für sie undenkbar, sich dem Meer zu überlassen,
das jeden Herbst und Winter die Halligen überflutet und ihr Leben bedroht.

Wie also kommt man hinüber?
Wie kommt es dazu, dass das gefährliche, todbringende Element Wasser
zu einer Art Spielgefährten wird, dem man sich überlässt, dem man vertraut?

Man kann sich mit dem Wasser anfreunden,
indem man seine Gefährlichkeit verdrängt.
Für uns Binnenländer erscheint das Wasser,
eingesperrt und domestiziert in Schwimmbecken,
harmlos und ungefährlich.
Es macht Spaß, zu schwimmen, zu tauchen,
sich an heißen Tagen im Wasser zu abzukühlen,
sich im Whirlpool oder Massagebecken zu entspannen.
Nur bei Hochwasser wird auch uns immer wieder bewusst,
dass das Wasser sich nicht einsperren und bezwingen lässt.

Ein anderer Weg führt über die Auseinandersetzung mit der Gefahr.
Als Reaktion auf die vielen Unfälle an Seen, Flüssen und am Meer,
bei denen unzählige Menschen ertranken,
führte man den Schwimmunterricht ein.
Wenn man schwimmen kann, hat man eine Chance,
dem Tod im Wasser zu entrinnen.
„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um“,
lautet der Leitspruch dieses präventiven Verhaltens.

Die Angst vor dem Wasser verliert man,
wenn man seine Gefährlichkeit verdrängt.
Oder wenn man sich der Gefahr bewusst aussetzt
- natürlich mit den nötigen Sicherungen versehen.
Dann überwindet man die Angst;
man lernt, die Gefahr zu beherrschen.
Was für das Wasser gilt, gilt für jede unserer Ängste
- z.B. die Angst vor der Dunkelheit, Angst vor Schmerzen,
Höhenangst, Arachnaphobie,
Agoraphobie, Klaustrophobie ...
Wer seine Angst überwinden will, muss sich entweder der Gefahr stellen
und dadurch lernen, mit ihr umzugehen.
Oder lernen, die Angst zu verdrängen, indem er die Gefahr verdrängt.

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um“.
Petrus scheint sich für diesen Weg der Auseinandersetzung mit der Gefahr entschieden zu haben. Verdrängen ließen sich Wellen, Sturm und ein Gespenst auf dem Wasser ja auch nicht mehr.
Petrus nahm es angesichts dieser doppelten Bedrohung
durch Wasser und Gespenst mit beiden Gefahren auf einmal auf.
Wenn das Gespenst tatsächlich Jesus war, wie es behauptete,
so würde das Wasser ihn tragen, wie es Jesus trug.
Also reichte ein einfacher Test, um mit beiden fertig zu werden:

„Herr, wenn du es bist, befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen.
Jesus sagte: Komm!“

Es ist also wirklich Jesus, kein Gespenst.
Und auch das Wasser ist bezwungen, es trägt ihn.

Aber dann geht es Petrus so, wie es auch mir ergangen ist:
Obwohl er in Sicherheit ist und ihm nichts passieren kann,
gerät er in Panik, als er merkt, welcher Macht er gegenübersteht.
Die Angst davor überkommt ihn mit solcher Wucht, dass er im Wasser versinkt.
Er versinkt vor Angst. Jesus muss ihn herausziehen und retten.
Und er tadelt ihn: „Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Woran hat Petrus gezweifelt?
Hat er an dem Wunder, auf dem Wasser gehen zu können, gezweifelt,
so wie wir es heute auch tun würden?
Ist er deshalb „kleingläubig“, weil er es im Grunde nicht glauben kann,
dass es möglich ist, auf dem Wasser zu gehen,
dass Gott die Naturgesetzte außer Kraft setzt?
So nahe liegend es ist,
dass es um den Glauben an das Wunder gehen könnte,
und so gern Kritiker wie Verteidiger des Glaubens an diesem Punkt einhaken,
hat Jesus ihn nicht deshalb getadelt.
Das Wunder, so unglaublich es ist, spielt eigentlich gar keine Rolle.

Jesus tadelt ihn, weil Petrus an ihm zweifelt.
Das ist derselbe Zweifel, wie ich ihn als Kind im Arm meines Vaters erlebte:
Ich konnte nicht glauben, dass ich in seinen Armen sicher war,
dass mir nichts passieren würde,
dass mein Vater stärker sein könnte als das Meer.

Das ist etwas, das wohl alle Eltern einmal erleben:
Dass die Angst ihres Kindes größer ist als der Trost und die Sicherheit,
die sie ihm vermitteln möchten.
Das ist etwas, das wohl auch alle Kinder einmal erleben:
Dass die Angst so groß ist, dass die beruhigenden Worte der Eltern,
die Sicherheit und Geborgenheit des Elternhauses nicht ausreicht,
um sie zu besiegen.
Irgendwann überkommt sie einen, diese Angst,
vor dem Wasser oder der Nacht,
vor den Nachbarskindern oder den Mitschülern,
vor dem Leben oder vor dem Tod.

Sie ist so groß, so überwältigend,
weil einem in diesem Moment klar wird,
dass die Eltern einen davor nicht beschützen können.
Mutter und Vater, die immer da sind,
die immer Rat wussten und Hilfe,
die Geborgenheit schenkten, Trost und Schutz,
können die Nacht nicht vertreiben,
können die fiesen Nachbarskinder, die gemeinen Mitschüler nicht in ihre Schranken weisen,
können das Leben nicht weniger gefährlich machen,
können gegen den Tod nichts ausrichten.

Und so ist es ja auch.
Wenn aus den Kindern selbst Eltern geworden sind,
müssen sie eine neue Angst kennen lernen:
die Angst um ihr Kind.
Sobald das Kind in den Kindergarten, in die Schule geht,
weiß man nicht mehr, was es tut, wie es ihm geht,
kann man nicht mehr ständig für sein Kind da sein.
Je selbständiger es wird, desto weniger kann man es beschützen.
Man sitzt zuhause und malt sich all die Gefahren aus, die sein Kind bedrohen,
oder liest voll Entsetzen von dem, was Kindern angetan wird, in der Zeitung.
Und hat erst recht Angst.

Der gemeinsame Nenner beider Ängste,
der der Eltern und der ihrer Kinder,
und auch der der Angst des Petrus
ist das Vertrauen.
Besser gesagt: Das fehlende Vertrauen.

Jesus tadelt Petrus, weil er ihm nicht vertraut.
Sein Kleinglaube ist sein mangelndes Vertrauen.
Das ist auch die Kränkung,
die Eltern von ihren Kinder erleben:
dass sie ihnen eines Tages nicht mehr grenzenlos vertrauen,
sondern an ihren Fähigkeiten zweifeln.

Und das ist die Kränkung der Kinder,
dass die Eltern nicht so mächtig sind,
wie sie ihnen erschienen,
und die Welt nicht so friedlich und gut,
wie es die kleine, heile Welt ihres Elternhauses war.

Die Frage ist also:
Wie gewinnt man das Vertrauen zurück?
Wie gewinnt man Vertrauen, gerade wenn man weiß und erfahren hat,
wie böse einem das Leben, die Mitmenschen mitspielen können?
Wie gewinnt man Vertrauen, wenn man keine Illusionen mehr hat
und der Glaube an ein Wunder längst verloren ging?

Das ist das Wunder!
Wenn ein Mensch angesichts seiner Angst Vertrauen gewinnt,
geschieht das Wunder, um dessentwillen die biblischen Wundergeschichten erzählt wurden.
Nicht, um uns dazu zu bringen, auf ein Wunder zu hoffen
uns dazu zu zwingen, unsere Vernunft nicht zu gebrauchen
und wider besseres Wissen an etwas zu glauben, was so nicht sein kann.
Sondern damit wir in das Bekenntnis der Jünger einstimmen:
„Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Jesus ist wahrhaftig Gottes Sohn.
Wenn wir das glauben können,
ist ein Wunder geschehen.
Ist DAS Wunder geschehen.
Dieses Wunder vertreibt die Angst
und ersetzt sie durch Vertrauen und Geborgenheit.
Das Leben bleibt weiterhin schrecklich
- und ist doch auch voller Wunder und Schönheit.
Menschen tun einander weiterhin furchtbare Dinge an
- und können doch auch so gut und liebevoll sein.
Die Nacht bleibt gruselig, das Meer gefährlich,
Spinnen, Enge oder Höhe behalten ihren Schauer
- und haben doch auch einen Reiz und einen Zauber,
können freundliche Elemente sein, gute Gefährten.

Denn hinter und über all dem ist einer, Gott,
der Gutes für uns will.
Der wahrhaftig ist und gerecht.
Der sieht, was Menschen einander antun,
und es verurteilt.
Der leidet mit der gequälten Kreatur,
der unseren Schmerz empfindet und teilt
ebenso wie unsere Freude und unser Glück.
Und der von all dem Elend, dem Leid und der Not,
von aller Gewalt, aller Angst und allem Schrecken
nicht angegriffen werden kann.
Gott besteht sie, Gott übersteht das alles,
und darum werden auch wir es überstehen,
weil wir auf Gottes Seite sind
und Gott bedingungslos auf unserer Seite.

Wenn wir das glauben, wenn wir darauf vertrauen können,
kann uns die Angst nicht mehr überwältigen.
Dann ist sie besiegt.
Und wir sind frei,
inmitten dieser wilden, gefährlichen, ungerechten Welt
zu leben, zu lieben, froh und glücklich zu sein
und uns, unseren Kindern,
den Menschen, die wir lieben
und den Menschen, mit denen wir durchs Leben gehen,
Freunden wie Feinden,
mit Gottes Hilfe eine bessere Welt zu bauen.
Amen.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Stille bleiben

Predigt am Altjahrsabend, 31.12.2016, über Jesaja 30,15-17:

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ein Gipfel zum ersten Mal bezwungen ist, wird ein Fahnenmast eingerammt und eine Fahne gehisst. So war es bei der Erstbesteigung des Mount Everest, aber auch, als der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte. Das Hissen einer Fahne markiert das Erreichen des Gipfels.
Heute haben wir den Gipfel des Jahres 2016 erreicht. Weiter geht es nicht mehr, wir sind ganz oben angelangt und haben nur noch ein paar Stunden, um das Panorama zu genießen und auf den Weg zurückzublicken, den wir im vergangenen Jahr gegangen sind. Dann müssen wir schon wieder aufbrechen, ins nächste Jahr, hinauf auf den nächsten, großen Berg. Den 2016er haben wir bezwungen; jetzt wartet der 2017er … 
Auch seinen Gipfel werden wir, so Gott will und wir leben, im Laufe der nächsten 365 Tage erklimmen. Aber das ist ein anderer, ein neuer Berg. Noch stehen wir auf dem Berg dieses Jahres und blicken ehrfurchtsvoll zurück auf den langen Aufstieg. Zuweilen war er steil, steinig, knifflig; meistens aber ging es sich ganz leicht auf gut gebauten Wegen. An Proviant hat es wohl nie gemangelt, eher an der Ausdauer. Es gab vielleicht einen Unfall, die eine oder andere Gefahrenstelle. Aber da konnten wir uns auf unsere Partner, auf unsere Seilschaft verlassen. Das war vielleicht das schönste am Aufstieg: Dass wir den Weg nicht allein gehen mussten - auch wenn wir auf dem zurückliegenden Weg vielleicht eine Kameradin oder einen Kameraden vieler Gipfeltouren verloren haben ... 
Nun stehen wir oben, auf dem Gipfel der 365 Tage, und blicken zurück. Hinten verschwimmt schon alles im blauen Dunst der Ferne, und manches Wegstück, mancher schöne Ausblick ist bereits von einer Wegbiegung verdeckt. Wenn wir in unseren Rucksack schauen: Viel haben wir von dieser Etappe nicht mitgenommen. Die eine oder andere schöne Aussicht. Den einen oder anderen Gipfel, den wir unterwegs erreicht haben. Etwas Schönes, das wir am Weg fanden und auflasen. Doch der Großteil der 365 Tage rann uns durch die Hände. War Weg, den wir abgeschritten sind und der nun bereits vergessen hinter uns liegt.
Was bleibt uns? Was nehmen wir mit auf unserer weiteren Wanderung? Und was ist Ballast, den wir hier, auf dem Gipfel, zurücklassen, damit er uns beim nächsten Anstieg nicht belastet?

Dazu rammen wir jetzt einen Fahnenmast ein. Nicht nur, um den Gipfel zu markieren. Sondern auch um festzuhalten, was uns sonst durch die Finger rinnen würde. 
Von einem Fahnenmast auf dem Berg spricht auch der Predigttext für den Altjahrsabend aus dem Buch des Propheten Jesaja im 30. Kapitel, aber er schlägt einen ganz anderen Ton an. 
Bei ihm heißt es:
„So spricht Gott der Herr, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillsein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: ‘Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen’, - darum werdet ihr dahinfliehen, ‘und auf Rennern wollen wir reiten’, - darum werden euch eure Verfolger überrennen. Denn eurer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf dem Berge und wie ein Banner auf dem Hügel.”
„Bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf dem Berge
und wie ein Banner auf dem Hügel“.
Der Mast markiert den Haltepunkt.
Ums Banner sammeln sich die, die übrig geblieben sind, und formieren sich neu.
Aber was für ein Banner ist das? Wessen Wappen ziert es, und wofür steht es?
Was war unser Ziel, als wir durchs Jahr 2016 geeilt sind, abgesehen davon, heute auf seinem Gipfel zu stehen und auf den 365 Tage-Marsch zurückzublicken? Wofür haben wir die Strapazen des Aufstiegs oder des Ritts, wie Jesaja sagt, auf uns genommen, was wollten wir erreichen? Oder hat es nicht vielmehr uns geritten (und: was hat uns da im vergangenen Jahr geritten?), sind wir wie blind unseren Weg entlanggestolpert, weil er nun einmal vor uns lag, weil es eben immer weiter gehen muss, immer bergauf, von einem Berg zum nächsten …?

Edmund Hillary, zusammen mit Tensing Norgay Erstbesteiger des Mount Everest, hat auf die Frage, warum er auf Berge steige, geantwortet: „Weil sie da sind.“
Übertragen auf das Jahr 2016 könnte man demnach sagen, wir haben den Weg durch dieses Jahr genommen, weil es nun mal da war. Was wäre uns auch sonst übrig geblieben? Es gibt keine Alternative zum Weitergehen, denn Stillstand würde bedeuten, dass wir nicht mehr leben. Aber es macht doch einen Unterschied, ob „es“ geht, ob „es“ uns treibt, oder ob wir um unser Ziel wissen und uns darüber klar sind, wohin „es“ gehen soll. Und da macht Jesaja einen interessanten Vorschlag: Umkehren und stille bleiben.

Umkehren und stille bleiben - wie soll das gehen, wenn man die Zeit nicht zurückdrehen kann, wenn Stillstand auf dem Lebensweg den Tod bedeuten würde?
Zu jeder Wanderung gehört die Rast. Und auf jedem Weg in den Bergen findet sich eine Kapelle, oder ein Kreuz, an dem man kurz innehält und ein Vaterunser betet. Beten, das ist die Rast auf dem Weg, das Umkehren und stille bleiben.
Wenn wir ans Beten denken, dann an die Gebete, die wir seit Kindertagen kennen, wie das Vaterunser. Und an die Bitten, die wir, meist in den traurigen, angstvollen oder gefährdeten Momenten unseres Lebens geäußert haben: Die Stoßgebete und Fürbitten. Je häufiger man das Beten übt - ganz gleich, mit welcher Art Gebet -, desto deutlicher geht es einem auf, dass es beim Beten nicht um das Äußern und Erfüllen von Wünschen geht. Gott ist nicht das Sams, das mit seinen blauen Wunschpunkten jeden Wunsch erfüllt, bis irgendwann kein blauer Punkt mehr da ist. Gott ist eine Macht, die aber nicht in unser Leben eingreift. Ähnlich einem Vater oder einer Mutter, die von ferne das Leben ihres erwachsen gewordenen Kindes sehen und gerne noch manchen Rat geben würden - aber dafür ist das Kind zu alt, oder es will ihn nicht mehr hören. Die manches anders machen, manche Entscheidung so nicht treffen würden. Die ihr Kind nicht verstehen - und manchmal staunen, wie gelungen, wie schön sein oder ihr ganz anderes Leben dennoch ist.

Gott begleitet unser Leben in ähnlicher Weise; wir nennen ihn ja auch unseren Vater. Und wie unsere Eltern weiß auch er, was gut und richtig für uns ist. Nur bezieht sich das nicht auf unsere Berufswahl, unsere Art, und zu kleiden oder zu leben. Gott geht es nicht um solche Äußerlichkeiten. Gott sorgt sich darum, was wir mit unserer Zeit anstellen. Welche Ziele wir verfolgen, und mit welchen Mitteln. Wie wir mit uns und anderen Menschen umgehen.
Gott will Gutes für uns, und Gott will uns glücklich sehen. Aber oft ist es mit dem Glück so, wie Bertold Brecht es in der Dreigroschenoper besingt:
„Ja, renn nur nach dem Glück,
doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück,
das Glück rennt hinterher.“
Vor lauter Gerenne verpassen wir das Glück, es geht uns durch die Lappen, zerrint zwischen unseren Fingern, wie die Zeit ... Glück können wir nicht kaufen, Glück können wir nicht machen - das einzusehen fällt uns immer wieder sehr schwer.
„Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; 
durch Stillsein und Hoffen würdet ihr stark sein.“
Gott will Gutes für uns, und Gott will, dass wir glücklich sind. Deshalb könnte es sich lohnen, auf seinen Rat zu hören: Innezuhalten und stille bleiben - eben: zu beten. Und beim Sprechen mit Gott zu merken, wie aus dem Sprechen ein Zuhören, aus dem Reden ein Schweigen wird. Das geht nicht beim ersten Mal. Auch nicht beim zweiten oder dritten. Das muss man üben. Auch Pause machen, Innehalten will gelernt sein.
Aber jeden Tag, auf jedem Abschnitt unseres Weges, steht ein Kreuz, das uns auf ein Vaterunser einlädt. Jedes Abendläuten, jeder Gottesdienst ist eine kleine Rast auf dem Weg, ein Innehalten und Stillesein und Schweigen …

Wenn wir das lernen, dann kann Gott uns den Weg zeigen.
Dann brauchen wir nicht mehr so zu rennen nach dem Gipfel, nach dem Glück,
dann kommt uns das Glück entgegen auf dem Weg ins Neue Jahr,
und dann wissen wir, warum wir gehen, und zu welchem Ziel.

Amen.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Sein Antlitz leuchten lassen

Predigt am 2. Weihnachtstag, 26.12.2010, über Johannes 8,12:
Jesus spricht:
Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben.

Liebe Schwestern und Brüder,

in den dunkelsten Zeit des Jahres,
zur Zeit der Wintersonnenwende,
zur Zeit der längsten Nacht und des kürzesten Tages,
feiern wir Weihnachten.
Ein Fest des Lichtes mit vielen Kerzen,
weil an diesem Tag der zur Welt kam,
der später von sich sagte:
„Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben.“
Schon vor Christi Geburt wurde zur Zeit der Wintersonnenwende ein großes Fest gefeiert,
das Fest des Sol invictus, der unbesiegbaren Sonne.
Denn nachdem die Dunkelheit scheinbar über das Licht triumphiert hat
am Tag der längsten Nacht und des kürzesten Tages,
kehrt die Sonne doch zurück,
die Tage werden wieder länger.

Die ersten Christen haben frech und subversiv
diesen Termin aus dem staatlichen Festkalender
zum Geburtstermin des Gottessohnes gemacht.
So, wie sie auch die Anrufung, die allein dem Kaiser vorbehalten war:
„Kyrie, eleison!“
zur Anrufung Christi im Gottesdienst umfunktioniert hatten.
Damals war das keine bloße Laune, kein harmloser Streich.
Es war ein Akt des Ungehorsams und des Widerstands;
wer so etwas tat, brachte sich in Lebensgefahr.

Aber die ersten Christen fühlten sich dazu angestiftet von Jesus,
der auch immer wieder kleine oder große Taten des Ungehorsams
und des Widerstands beging,
wenn er Kranke am Sabbat heilte
oder von sich selber behauptete:
„Ich bin das Licht der Welt“.

Vielleicht hat Jesus selbst auf den Sonnengott angespielt.
Aber er hat sich sicherlich nicht an seine Stelle setzen wollen.
Wenn Jesus von sich als „Licht der Welt“ spricht,
setzt er sich nicht mit der Sonne gleich
und will auch nicht als neuer Sonnengott verehrt werden.

Aber es ist auch kein bloßer Scherz, kein Wortspiel.
Jesus meint es ernst, wenn er sagt:
“Ich bin das Licht der Welt“.
Er fügt ja noch ein Versprechen an:
„Wer mir nachfolgt,
wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben“.
Jesus fordert zur Nachfolge auf,
fordert auf, in seine Fußtapfen zu treten,
so zu leben und zu handeln wie er.
Weil man dadurch das Licht des Lebens hat.

Das würde bedeuten:
Ohne ihn hat man das Licht des Lebens nicht,
sondern ist im Finstern.
Wir merken schon:
Es geht hier nicht um das Tages- oder Sonnenlicht,
es geht hier überhaupt nicht um Licht im eigentlichen Sinne.
„Licht“ und „Finsternis“ sind Metaphern,
sind Bilder, die für etwas anderes stehen.

Wenn ein Mensch geboren wird,
so sagen wir häufig: Sie oder er hat das Licht der Welt erblickt.
Und tatsächlich ist wohl das erste, was ein Neugeborenes sieht,
das Licht im Kreißsaal.
Aber ich glaube nicht,
dass ein Neugeborenes dieses Licht schon wahrnimmt,
wie wir Licht wahrnehmen.
Es lernt ja erst zu sehen,
und erst sehr viel später wird es lernen,
dass man zu diesem Hellen „Licht“ sagt.

Was aber jedes Neugeborenes zuerst sieht
und auch sehr schnell zu erkennen lernt,
ist ein Gesicht, das über ihm leuchtet,
weil es vor Freude und Glück strahlt:
Das Gesicht der Mutter.
Über jedem Kind geht das Gesicht der Mutter wie eine Sonne auf.
Und aus diesem leuchtenden Gesicht der Mutter und des Vaters
bekommt das Kind,
was es neben Nahrung und Wärme am meisten zum Leben braucht:
Liebe.
Erkannt werden als eine Person.
Sich im freundlichen Blick eines anderen spiegeln,
der damit sagt:
Du bist gut.
Du bist mir etwas wert.
Daher heißt es auch im Segen:
„Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir“.

Ich würde sagen,
dass Jesus in diesem Sinne „Licht der Welt“ ist.
Denn kurz vor diesem Satz wird im Johannesevangelium
die Geschichte von der Ehebrecherin erzählt,
die gesteinigt werden soll,
und Jesus, um sein Urteil gefragt, sagt:
„Wer von euch ohne Sünde ist,
der werfe den ersten Stein auf sie“.
Jesus hat diese Frau angesehen
und sie nicht verdammt.
Mehr noch: er hatte Mitgefühl mit ihr.
So sieht Jesus jeden Menschen an:
Er richtet nicht.
Er verdammt nicht.
Er ist voller Mitgefühl.

Darin sollen wir ihm nachfolgen.
Im Mitfühlen mit anderen Menschen.
Das fängt zuerst damit an,
dass man nicht meint,
man wäre besser als andere.
Niemand ist ohne Fehler,
und darum hat niemand das Recht,
andere Menschen wegen ihrer Fehler,
wegen ihres Andersseins zu verurteilen.

Allerdings ist der Weg des Mitfühlens kein einfacher Weg.
Er ist sogar sehr, sehr schwierig.
Jesus hat ihn als „enge Pforte“ und „schmalen Weg“ beschrieben,
den nur wenige finden.
Aber es ist der Weg zum Leben.

Der Weg des Mitfühlens ist deshalb so schwer,
weil einem in dem Moment, wo man es versucht,
bewusst wird, wie viel Leid und Elend,
wie viel Dunkelheit es in der Welt gibt.
In Ländern der sogenannten „Dritten Welt“,
in Krisen- und Kriegsgebieten,
aber auch direkt neben unserer Haustür,
in unserer Nachbarschaft, in unserem Ort.
Man schläft dann nicht mehr so gut;
man genießt nicht mehr so ungezwungen;
man ist nicht mehr so unbeschwert,
wenn man weiß und sich dafür interessiert,
wie es anderen geht.
Wenn man sich fragt:
Wie würde ich empfinden, wenn es mir so ginge wie diesem Menschen?
Was würde ich brauchen, was würde mir helfen?
Und: kann ich diese Hilfe geben?

Einfacher und bequemer ist es da doch,
wenn jeder sein Leben lebt
und jeder selber sieht, wie er zurecht kommt.
Es ist ja trotzdem jedem freigestellt,
mal mitzuhelfen oder etwas zu spenden.

Warum soll man sich mit der Frage belasten,
was in den Ländern, die in Deutschland produzierte Waffen kaufen,
dort damit angestellt wird.
Das ist ja nicht mehr unsere Sache.
Hier wird damit Geld verdient - und es gibt Arbeitsplätze.

Warum soll man sich Gedanken machen über die Hähnchen,
die mit viel Antibiotika in Rekordzeit herangemästet werden,
und wie sie geschlachtet werden.
Das verdirbt einem doch bloß den Appetit.

Warum sollte es einen interessieren,
wie die Menschen in den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ leben,
in Syrien, im Irak, in Afghanistan,
und was unsere Art zu wirtschaften, unsere Politik mit ihrem Elend zu tun hat.
Hauptsache, sie bleiben schön da, wo sie sind.
Sie sollen bloß nicht zu uns kommen und uns auf der Tasche liegen.

Ich übertreibe.
Aber im Grunde ist das doch eine Lebenseinstellung,
die wir im Prinzip alle mehr oder weniger teilen.
Sie steht auch völlig im Einklang mit unseren Gesetzen.
Es gilt: Was nicht strafbar ist, ist erlaubt.
Das ist der breite Weg, auf dem unsere Gesellschaft unterwegs ist.
Und, soviel kann man doch sagen, ohne allzu schwarz zu malen:
Er führt nicht ins Licht.

Jesus dagegen möchte, dass wir uns zuerst fragen:
Welche Folgen hat mein Tun für meine Mitmenschen?
Das ist der schmale, beschwerliche Weg.
Es ist der Weg des Lebens.

Es muss sich vieles ändern in unserer Gesellschaft und in der Welt.
Es ist ein zäher, langwieriger Weg.
Das kann man sehr gut an den Verhandlungen über das Kyoto-Protokoll studieren.
Wahrscheinlich geht es nicht anders,
wenn viele unterschiedliche und sich widersprechende Interessen
ausgeglichen werden müssen.

Aber Veränderungen wird es nur geben, wenn wir uns ändern.
Der erste Schritt liegt bei uns.
Es ist die Frage,
ob wir dem Licht der Welt nachfolgen wollen.
Ob wir, wie er, unser Angesicht über anderen Menschen leuchten lassen wollen,
uns ihnen zuwenden wollen und mit ihnen fühlen wollen.
Nicht nur mit unseren Familien und Verwandten,
auch mit uns unbekannten, mit wildfremden Menschen.
Dann nämlich beginnt sich etwas zu verändern.
Und je mehr Menschen ihr Angesicht für andere leuchten lassen,
desto größer wird die Kraft der Veränderung sein:
Ein Licht, das die Finsternis überstrahlt.
So, wie es in einer Weissagung des Propheten Jesaja heißt:
„Mache dich auf, werde licht;
denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!
Denn siehe,
Finsternis bedeckt das Erdreich
und Dunkel die Völker;
aber über dir geht auf der Herr,
und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“
(Jesaja 60,1-3)
Ich sagte vorhin,
der Weg des Mitfühlens sei kein einfacher Weg.
Das stimmt so nicht.
Denn uns hat Jesus ja bereits angesehen.
Mit liebevollem Blick,
mit leuchtenden Augen hat er uns gezeigt,
wie lieb er uns hat,
wie stolz er auf uns ist,
wie sehr er an uns glaubt.
Wenn wir daran denken,
strahlt sein Leuchten von selbst aus unserem Gesicht.
Wir sind dann ein Abglanz seines Lichtes,
leuchten ganz von selbst,
und von uns zu unserem Mitmenschen
ist es dann nur noch ein winziger Schritt.
Amen.

Samstag, 24. Dezember 2016

Barmherzigkeit - eine Weihnachtspredigt

Predigt am Heiligen Abend, 24.12.2016, über Johannes 3,16-21:

Gott liebte die Welt über alle Maßen. Das sieht man daran, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit keiner, der an ihn glaubt, zugrunde geht, sondern ewiges Leben hat.
Gott schickte seinen Sohn nicht in die Welt, damit er die Welt verurteilte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet würde. Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. Wer aber nicht glaubt, ist schon verurteilt, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. Darin aber liegt der Unterschied: Das Licht kam zur Welt, aber die Menschen liebten statt des Lichts die Finsternis, denn ihre Taten waren schlecht. Jeder, der Schlechtes tut, hasst das Licht und scheut es, damit seine Taten nicht ans Licht kommen. Wer aber wahrhaftig handelt, geht zum Licht, damit seine Taten sichtbar werden, weil sie durch Gott gewirkt sind.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

neulich habe ich mein Lieblingsbuch verliehen. Ich bekam es mit gebrochenem Rücken, Eselsohren und Kaffeeflecken zurück. Was habe ich mich geärgert! Wie kann man nur so liederlich mit fremden Sachen umgehen?! Das, was anderen gehört, sollte man sorgsamer behandeln als das eigene. Aber meistens ist es andersherum. Und gerade das, was allen gehört - der öffentliche Raum, unsere Umwelt - wird am wenigsten geachtet. Dabei müsste es doch eigentlich umgekehrt sein: Je mehr Menschen eine Sache besitzen, desto sorgsamer muss man damit umgehen, wenn sie einem anvertraut wird. Also müsste man den öffentlichen Raum, die Umwelt eigentlich am aller-allervorsichtigsten behandeln, denn sie gehört uns allen.

I
Gott liebt diese Welt über alle Maßen.
Was Gott wohl empfindet, wenn er sieht, wie wir mit seiner Welt umgehen?
Was empfindet Gott, wenn er die zerbombte Stadt Aleppo sieht.
Was denkt Gott über den Fahrer des Lastwagens, der in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin gerast ist und so viele Menschen getötet und verletzt hat.
Was denkt Gott darüber, wie wir Wasser und Lebensmittel auf der Welt verteilen; wie Wohlstand und Reichtum auf der Welt und in unserer Gesellschaft verteilt sind.
Was empfindet Gott angesichts der Menschen, die ihre Heimat aus Angst vor dem Krieg verlassen. Weil sie und ihre Kinder dort keine Zukunft haben. Weil es dort nicht einmal das gibt, was Martin Luther zum täglichen Brot zählt: „Fromme und getreue Oberherren. Gute Regierung. Friede. Gesundheit. Ehre.“ Und man darf ergänzen: Schulen. Die Möglichkeit, eine Ausbildung zu erhalten. Gleichberechtigung. Meinungsfreiheit. Religionsfreiheit. Eine freie Presse. Eine unabhängige Justiz. Eine Polizei, die sich an Recht und Gesetz hält. 

Was denkt sich Gott, wenn er sieht, wie wir mit der Welt umgehen. Was empfindet Gott, wenn er sieht, unter welchen Einschränkungen ihrer Freiheit und ihrer Gesundheit Menschen heute noch leben müssen, im 21. Jahrhundert. Wie sie hungern, wie sie leiden, wie sie zugrunde gehen. Gott, „der seinen einzigen Sohn gab, damit keiner, der an ihn glaubt, zugrunde geht“.

II
Gott leidet.
Gott leidet daran, wie wir mit der Welt umgehen, die er so liebt.
Gott leidet daran, wie wir miteinander umgehen; mit denen, die auch nach seinem Ebenbild geschaffen sind, wie wir. Die nur zufälligerweise nicht hier geboren wurden, zufällig nicht so aussehen wie wir.

Gott leidet und schickt seinen Sohn in die Welt, damit das Leid ein Ende hat. Darum wird in dieser Nacht das Licht geboren, das alle Dunkelheit vertreibt. Die Dunkelheit der Angst. Die Dunkelheit der Gewalt und des Terrors. Die Dunkelheit des Hungers und des Leides. Und die Dunkelheit des Todes.

Dieses Licht ist ganz klein und sehr verletzlich, wie es eben ein Neugeborenes ist. Man muss es beschützen und hegen, damit es nicht verlischt. So, wie das Friedenslicht, das von den Pfadfindern aus Bethlehem hergebracht wurde, in vielen Kirchen und Gemeinden beschützt und gehegt wurde, damit es heute an alle ausgeteilt werden und für alle leuchten kann.

Das Licht, das heute zur Welt kommt, hat nur eine kleine Kraft. Es ist nicht wie die Sonne. Es ist nicht wie der Blitz bei der Explosion einer Atombombe oder beim Aufprall eines Kometen auf die Erde.
Christus, das Licht der Welt, kam nicht auf die Welt, um zu zerstören und zu verurteilen, sondern um zu retten. 

Rettung geschieht nicht durch Macht und Gewalt. Christus, der Retter, ist kein Supermann, der mal eben die Naturgesetze außer Kraft setzt, um alles wieder gut zu machen. Immer wieder gibt es Anführer, die sich als solche Supermänner ausgeben und behaupten, sie würden eigenhändig den Karren aus dem Dreck ziehen. Am Ende stellt sich jedes Mal heraus, dass er tiefer drin steckt als vorher …

Rettung geschieht nicht durch Macht und Gewalt, sondern durch das Gegenteil: durch Ohnmacht und Gewaltlosigkeit. Die Band „Wir sind Helden“ singt das so:
„Die Verletzten sollen die Ärzte sein
Die Letzten sollen die Ersten sein
Sieh es ein: the meek shall inherit the earth“.
Das Kleine, Verletzliche wird uns retten. 
Damit es uns retten kann, muss es uns zuerst berühren. 
Das tut es, indem es alles auf eine Karte setzt und - - - uns vertraut: Es vertraut sich uns an. Es gibt sich als hilfloses, verletzliches Neugeborenes ganz in unsere Hände. Wenn wir es nicht wärmen, wenn wir es nicht versorgen, dann stirbt es. 

Jeden Tag geben sich Menschen in unsere Hand, setzen ihre ganze Hoffnung auf uns. Manchmal merken wir das gar nicht. Manchmal wollen wir es nicht merken. Manchmal sind wir überfordert. Und manchmal brauchen wir selbst jemanden, der uns in den Arm nimmt. Aber trotzdem erhalten wir weiterhin jeden Tag die Chance, von Gott berührt zu werden, wenn wir das Leid, die Bedürftigkeit eines anderen an uns heranlassen.

III
Viele Menschen wollen sich nicht vom Leid anderer berühren lassen. Sie fühlen sich benachteiligt, zu kurz gekommen; sie sehen sich selbst als Leidende, die Hilfe und Zuwendung benötigen. Aus Selbstmitleid verschließen sie die Augen vor den anderen. Aus Enttäuschung können sie das Licht der Weihnacht nicht sehen. Sie stehen im Dunkeln und entscheiden sich für die Dunkelheit, die ihnen wirklicher und mächtiger erscheint als das schwache Licht in einer Futterkrippe.

Wenn man nur noch sich selbst sieht und kein Mitleid mehr empfinden kann, verliert man seine Menschlichkeit. Man wird hart und kalt. Die Dunkelheit, in der man steht, kriecht in einen hinein. Worte und Sätze, die noch vor wenigen Jahren unsagbar schienen, weil sie von der Ideologie des Nationalsozialismus verseucht sind, werden laut ausgesprochen.
Und dann wird auch eine so schreckliche Tat wie der Anschlag von Berlin dazu benutzt, fremdenfeindliche und rassistische Parolen zu verbreiten. Weil man unfähig ist, Mitgefühl zu empfinden. 

IV
Weihnachten lockt uns in einen Stall, an eine Futterkrippe, zu einem neugeborenen Kind. Wir sollen, wie die Hirten, dem Kind ins kleine Angesicht sehen und uns überfluten lassen vom Mitgefühl mit diesem kleinen Menschlein. Dazu braucht es nicht viel Phantasie. Mütter und Väter kennen diese Welle der Liebe, die einen überflutet, wenn man seinem Kind ins Gesicht blickt.

Halten wir dieses Gefühl fest.
Halten wir die Erinnerung fest an diese Liebe und Wärme, die uns angesichts eine kleinen Kindes überfluten, und tragen wir sie als Licht in uns. 
Das, was wir da empfinden, nennt man Barmherzigkeit: Ein warmes Herz, das überläuft, überquillt vor Liebe und für den anderen nur Glück und Gutes will.

Das ist das Wunder der Weihnacht, das wir mit nach Hause nehmen wie die Flamme des Friedenslichtes, und das uns durch das kommende Jahr begleitet: Aus jedem Menschen blickt uns das Kind in der Krippe an. Jeden Tag des kommenden Jahres erhalten wir aufs Neue die Chance, von ihm berührt zu werden.

Bleiben wir verletzlich.
Bewahren wir unser Mitgefühl.
Seien wir barmherzig.
Amen.