Montag, 6. April 2026

Kind bleiben

Liedpredigt am Ostermontag, 6.4.2026, über Bachs Choralvorspiele zu den Chorälen EG 101, 102, 106 und 109, BWV 625, 626, 629 und 630.


Liebe Schwestern und Brüder,


mit den beiden Jüngern, die nach Emmaus unterwegs sind,

machen wir uns auf einen Weg.

Für uns ist es ein gedanklicher Weg, den wir gehen.

Wie die Emmausjünger wollen wir verstehen, 

was da an Ostern in Jerusalem geschehen ist -

was an jedem Ostern für uns und mit uns geschieht.


Verstehen, ein gedanklicher Weg.

Wir sammeln Eindrücke, die uns zufallen,

wie man früher Blumen am Wegesrand pflückte,

und wie man heute mit dem Smartphone festhält,

was einem auf dem Weg so alles ins Auge fällt.

Wir suchen nach dem Zusammenhang, 

verknüpfen die Eindrücke zu Gedanken,

verbinden die Gedanken mit unseren Erfahrungen und Erinnerungen.

Das Ergebnis dieses gedanklichen Weges ist manchmal ein Satz.

Ein Lehrsatz, den man aufschreiben könnte.

Den man zuweilen tatsächlich aufschreibt,

weil die eigene Erkenntnis auch anderen nützen soll.


Viel öfter kann man das Ergebnis unserer Bemühungen um Verstehen

nicht so leicht in Worte fassen.

Es ist eher ein Bild, das uns vor Augen steht,

ein Gefühl, das wir haben - für uns klar und deutlich,

aber anderen, Außenstehenden mit Worten nur schwer zu beschreiben.


Wie viel leichter hat es da die Musik!

Sie stellt uns eine Sprache für das zur Verfügung,

was einem die Erkenntnis als Bild vor Augen malt, 

was sie als Gefühl in uns weckt.

Eine Sprache, die andere, Außenstehende unmittelbar anspricht.

Die das Gefühl hervorruft, das Bild erscheinen lässt,

das uns die gedankliche Arbeit eines anderen beschert hat.


Wir werden im Folgenden vier Choralvorspiele

von Johann Sebastian Bach aus seinem „Orgelbüchlein” hören.

Es sind vier Osterchoräle; drei davon haben wir bereits gesungen;

den vierten werden wir zum Schluss singen.

Johann Sebastian Bach hat sich seine Gedanken gemacht

zu den Liedern, für die er die Choralvorspiele schrieb.

Gedanken, die er nicht in Worten zu Papier brachte, sondern als Notenschrift.

Eine Notenschrift, die wiederum interpretiert wird -

interpretiert werden muss - von Domkantor Christian Domke,

damit wir die Musik hören können.

Damit sich uns mitteilen kann, was Johann Sebastian Bach empfand,

als er das Vorspiel zu dem Choral niederschrieb.

Und was Christian Domke empfindet, 

wenn er Bachs Noten in Musik verwandelt.


Sie können also, wenn Sie wollen,

Noten und Text im Gesangbuch verfolgen.

Sie können aber auch - und das möchte Ihnen empfehlen - 

die Augen schließen und auf das achten, 

was die Musik an inneren Bildern, an Gefühlen in ihnen erzeugt.


Hören wir das erste Choralvorspiel zu Luthers Lied

„Christ lag in Todesbanden.”


Orgel: BWV 625


Martin Luther propagierte seine reformatorische Entdeckung 

auch und gerade durch die Musik,

weil Lieder, wenn sie gut sind, leicht auswendig gelernt und viel gesungen werden,

und sich dadurch weit verbreiten. 

In der Frühzeit der Reformation dichtete und komponierte er viele Lieder.

Auch die ersten beiden der vier, die uns heute beschäftigen.


„Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein”,

heißt es im Osterlied „Christ ist erstanden.”

Luther gibt mit seinem Lied den Grund an, warum wir alle froh sein sollen.

Dafür fand er ein schlagendes Bild: Das Bild des Krieges.

Dieser „Krieg”, von dem das Lied spricht,

kommt auch in Bachs Choralvorspiel zum Ausdruck.


An Ostern geht es nicht um süße Osterhäschen und bunte Eier. 

An Ostern geht es um Leben und Tod, wie in einem Krieg.

Mit diesem Bild konnten Luthers Zeitgenossen viel anfangen.

Sie hatten Kriege, Mord und Totschlag ständig vor Augen.

Und es war ihnen bewusst, dass ein Zusammenhang bestand

zwischen Sünde und Tod.


Dieser Zusammenhang, dass der Tod die Folge der Sünde ist, 

ist zugleich die Achillesferse des Todes.

Dadurch kann man den Tod besiegen.

Für die Gläubigen zu Luthers Zeit jedoch 

war der Zusammenhang von Sünde und Tod

eine Quelle der Angst und der Verzweiflung.


Auch Luther wurde daran in seinem Glauben irre.

Seine Entdeckung der Rechtfertigung rettete ihn.

Kein Wunder, dass er diese rettende Erkenntnis 

seinen Zeitgenossen nahe bringen wollte. 

Seine Erkenntnis ist einfach, fast banal, 

wie alle großen Erkenntnisse.

Sie findet sich in der dritten Strophe des Liedes:

„Jesus Christus hat die Sünde abgetan,” heißt es da.

Er hat die Sünde weggenommen, vernichtet.


Wenn die Sünde weggenommen ist, nicht mehr existiert,

hat der Tod keine Macht mehr. Er ist seinen Stachel los, 

ist nur noch ein Popanz, eine leere Hülle,

die man gefahrlos verlachen und verspotten kann

und vor der man keine Angst mehr zu haben braucht.


Wie die Sünde ihre Macht verliert,

davon singt der nächste Choral,

dessen Choralvorspiel wir jetzt hören:

„Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand.”


Orgel: BWV 626


Es ist schwer, der Melodie des Chorales in diesem Vorspiel zu folgen.

Etwa nach der Hälfte verlässt das Vorspiel die Melodie,

es überwindet sie, sozusagen.


Christus überwindet den Tod und nimmt die Sünde gefangen -

wie der gute Held in den amerikanischen Western die Bösewichte.

Es dreht sich alles um Christus, auf ihn allein kommt es an.

Darum ist dieses Lied eine „Leise”:

Jede Strophe endet mit dem „Kyrie eleison”.

Das ist hier keine Bitte um Gottes Erbarmen.

Es ist der Lobpreis, der zur Zeit Jesu dem Kaiser zugerufen wurde

und der jetzt dem Herren über Leben und Tod gilt.


„Kyrie, eleison” bringt zum Ausdruck,

dass Christus der Herr, der Nabel der Welt ist, 

wie es einmal der Kaiser zu sein behauptete,

und wie es manche Herren heute gerne wären.

Er ist der Herr - nicht, weil er diese Würde geerbt

oder sie sich angemaßt hätte.

Seine Auferstehung hat ihn ins Recht und in seine Herrschaft eingesetzt.

Als Herrscher über Tod und Leben, Sünde und Gnade

hat Christus die Sünde gefangen genommen.

Sie ist in seiner Gewalt und kann keine Gewalt mehr über uns erlangen.


Christus konnte die Sünde überwinden, weil er ohne Sünde war.

Die Physik spricht heute von „Antiteilchen”,

die das Gegenteil der Protonen und Elektronen sind,

aus denen die Atome aufgebaut sind.

Treffen ein Proton und ein Antiproton aufeinander,

löschen sie sich gegenseitig aus.

Jesus konnte die Sünde auslöschen, weil er ohne Sünde war,

aber sie konnte ihn nicht auslöschen.


Natürlich wusste Luther noch nichts von Antiteilchen.

Er fand einfachere Bilder:

Christus, der Gottes Zorn wie einen Sack auf der Schulter trägt,

der die Gegensätze - Tod und Leben, Sünde und Gnade -

in seinen Händen hält und denen, die zu ihm treten, 

nur das Gute gibt: die Gnade und das Leben.


In einfacher Weise will auch der nächste Choral

von der Osterbotschaft erzählen.

Hören wir das Vorspiel zum Choral 

des sächsischen Kantors Nikolaus Herman:

„Erschienen ist der herrlich Tag.”


Orgel: BWV 629


„Ein neu geistlich Lied von der fröhlichen Auferstehung

unseres Heilandes Jesu Christi,

für die Jungfräulein in der Mägdleinschul in Joachimsthal,”

so hat Nikolaus Hermann seinen Choral überschrieben.

Man meint, die Mädchen hopsen zu sehen,

wenn man auf die Melodie hört, die Bach dem Choral unterlegt hat.


Eine beschwingte Fröhlichkeit klingt in diesem Lied an.

Vielleicht sogar mehr als das:

Das Lied malt uns einen Triumphzug vor Augen,

in dem Christus seine Feinde als Gefangene vorführt.

Seine Feinde sind auch unsere Feinde:

Die Sünde, die alte Schlange, und der Tod, den sie bringt;

die Hölle, das Leid, Angst und Not,

sie alle trotten gefesselt und, so stelle ich mir vor,

mit gesenktem Haupt hintereinander her.


Es sind einfache, schlichte Bilder und Melodien,

die zu Luthers Zeiten Gassenhauer waren;

die für Kinder geschrieben und von Kindern gesungen wurden,

wir das Lied von Nikolaus Herman.


Man kann nicht ernst und gravitätisch von der Auferstehung sprechen,

und schon gar nicht ernst und gravitätisch von ihr singen.

Dass Teufel und Tod ihre Macht verloren haben,

dass man keine Angst mehr zu haben braucht,

vor der Sünde nicht, vor dem Tod nicht, und vor Gott schon gar nicht -

da kann man doch gar nicht anders als fröhlich und überschwänglich sein!


Auch der vierte Choral ist ursprünglich für Kinder gedacht gewesen.

Er findet sich in einer Sammlung aus dem Jahre 1591 mit dem Titel:

„Kinderspiegel oder Hauszucht- und Tischbüchlein,

wie die Eltern mit den Kindern vor und nach dem Essen,

morgens und abends singen und beten sollen.

Allen frommen Kinderlein und denen, 

die so gern beten und singen, zugut

kürzlich zusammengetragen und in deutsche Reime gebracht.”


„Allen frommen Kinderlein und denen, 

die so gern beten und singen, zugut.”

Die Osterlieder sind nicht zuletzt deshalb Volks- und Kinderlieder,

weil wir Gottes Kinder sind.


Ostern erinnert uns daran, dass wir Kinder sind,

auch wenn die Kindheit schon lange hinter uns liegt.

„Als das Kind Kind war,” dichtet Peter Handke,

„warf es einen Stock als Lanze gegen einen Baum,

und sie zittert da heute noch.”


Die Auferstehung macht uns gewiss,

dass es das Gute gibt, an das wir einmal geglaubt haben,

und dass es sich lohnt, weiterhin an das Gute zu glauben

und dafür zu kämpfen.


Sie macht uns gewiss,

dass unsere Träume von Frieden und Gerechtigkeit

keine Träume sind, sondern ein Versprechen,

das Gott uns gegeben hat und das er erfüllen wird,

und dass es sich deshalb lohnt,

sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.


Die Auferstehung macht uns gewiss,

dass Gott uns ebenso liebt,

wie wir als Kinder von unseren Eltern geliebt wurden.

Wer diese Erfahrung als Kind nicht machen durfte,

der oder dem wird sie heute, an Ostern, zuteil,

wo wir als Gottes Kinder von Gottes Liebe erfüllt werden.


So sagen wir „Gott Vater in dem höchsten Thron

samt Christo, seinem lieben Sohn,

dem heilgen Geist in gleicher Weis’”

in Ewigkeit unser Lob und unseren Preis

und hören auf Bachs Vorspiel zu diesem Choral,

interpretiert von Domkantor Christian Domke:

„Heut triumphieret Gottes Sohn.”


Orgel: BWV 630


Sonntag, 5. April 2026

Der Artikel, mit dem unser Glaube steht oder fällt

Predigt am Ostersonntag, 5. April 2026, über 1.Korinther 15,12-20


Liebe Schwestern und Brüder,


Mitte der 90er Jahre sorgte ein Göttinger Professor für Aufregung.

Gerd Lüdemann, Professor für Neues Testament,

bezweifelte öffentlich, dass das Grab Jesu am Ostermorgen leer war.

Er vertrat die Ansicht, Jesu Jünger, die ihn als Messias angesehen

und den Anbruch des Gottesreiches erwartet hatten,

seien durch den Tod ihres Idols traumatisiert worden.

Sie hätten unter Schock gestanden, 

deshalb hätten sie ihn als Auferstandenen gesehen,

während Jesus, so Lüdemann, noch in seinem Grab lag.


Gerd Lüdemanns These zeigt, wo es hinführen kann,

wenn man versucht, das Ostergeschehen mit Hilfe der Vernunft zu verstehen.

Die Vernunft kann die Auferstehung nicht akzeptieren.

Denn Auferstehung ist wissenschaftlich nicht belegbar

und auf dem Stand unseres Wissens auch nicht erklärbar.


Wir sind vernunftbegabte Wesen,

machen uns unsere Gedanken über Gott und die Welt 

und versuchen, sie zu verstehen.

Man wird über Gerd Lüdemanns These den Kopf schütteln,

sie belächeln oder sogar vehement ablehnen.

Doch sie stellt eine Frage, die wohl viele Menschen beschäftigt:

Muss man an die Auferstehung glauben, und wenn ja, wie kann man das?


II

Eine Frage, die schon die ersten Christen in Korinth umtrieb.

Und wie Gerd Lüdemann heute konnten sich auch damals 

manche nichts unter Auferstehung vorstellen

oder lehnten diesen Gedanken rundweg ab,

weil er der Vernunft widersprach.


Kaum ein Satz der Bibel klingt für mich so bedrohlich

wie die Antwort, die Paulus den Leugnern der Auferstehung gibt:

„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, 

so ist unsre Predigt vergeblich, 

so ist auch euer Glaube vergeblich (...),

so seid ihr noch in euren Sünden.”


Für Paulus ist die Auferstehung

der Articulus stantis et cadentis ecclesiae,

der Glaubenssatz, mit dem die Kirche steht oder fällt,

wie es für Luther, der diesen Ausdruck prägte,

die Rechtfertigung allein aus Glauben war.


An der Tatsache der Auferstehung hängt für Paulus einfach alles.

Wer nicht glauben kann, dass Christus tatsächlich auferstanden ist,

der ist in Paulus’ Augen keine Christin, kein Christ -  da hilft auch die Taufe nichts.

Im Gegenteil: Die Taufe macht uns nur dann zu Gottes Kindern,

wenn Christus tatsächlich auferstanden ist.


Denn in der Taufe, so erklärt uns Paulus,

haben wir Anteil an Tod und Auferstehung Christi:

„Wisst ihr nicht,” schreibt er an die Gemeinde in Rom, 

„dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, 

die sind in seinen Tod getauft? 

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, 

auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, 

so auch wir in einem neuen Leben wandeln.”


III

Taufe, das ist die Feier eines neuen Lebens -

wie geht das mit dem Tod zusammen?

Paulus erklärt im Römerbrief,

dass der Mensch, so, wie er nun einmal ist,

Gottes Gebote nicht erfüllen kann.

Niemand kann immer gut sein, niemand alles richtig machen.

Das ist kein Fehler des Menschen,

sondern das ist unsere menschliche Freiheit,

zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch wählen zu können.


Aber trotzdem denken viele Menschen,

dass Gott uns unsere Fehler, unsere „Sünden”,

wie die Bibel das nennt, anrechnet

und uns dafür bestrafen wird.

Für die Menschen des Mittelalters 

war das Fegefeuer der Ort dieser Bestrafung

und die Hölle für die bestimmt,

für die keine Umkehr mehr möglich war.


Diese Vorstellung eines richtenden Gottes

passt nicht mit dem Bild zusammen,

das Jesus von Gott zeichnet.

Jesus führt uns vor Augen, dass Gott die Liebe ist.

Auf diese göttliche Liebesmacht vertraute er 

und hielt bis zum Tod an ihr fest.

Und er wurde nicht enttäuscht:

Gottes Liebe riss ihn aus dem Tod in ein neues Leben.


Die Liebe ist langmütig und freundlich, wie Paulus schreibt.

Sie ist eine durch und durch gute Kraft,

die nur das Beste für die Geliebte, den Geliebten will.

Trotzdem ist die Liebe nicht gleichgültig

gegenüber Gut und Böse, Wahrheit und Lüge.

Die Liebe ist nicht naiv, sie ist nicht gutgläubig.


Ich glaube schon, dass es so etwas wie ein „Jüngstes Gericht” gibt:

Wenn wir einmal Gott, der die Liebe ist, gegenübertreten,

wird uns mit einem Schlag bewusst werden,

wo wir lieblos gehandelt, wo wir anderen Liebe verweigert haben.

Uns wird auch bewusst werden,

wo wir keine Liebe erfahren durften, wo uns Liebe verweigert wurde.


Ich stelle mir vor, dass das ein Moment ist,

an dem man sich ganz furchtbar schämt 

und es einem glühend heiß wird vor Scham,

weil man bloßgestellt ist und sich nicht mehr verstecken kann.

Mit dem Begriff „Fegefeuer” ist dieses Schamgefühl sehr treffend wiedergegeben.

Wenn Gottes Liebe uns nicht einhüllen würde wie ein Mantel,

würde man in diesem Feuer der Scham vergehen.


IV

Die Taufe ist dieser Mantel, in den wir eingehüllt werden.

Paulus stellt sich bildlich vor, dass wir bei der Taufe Christus anziehen,

als würden wir uns einen Mantel umlegen:

wir ziehen Gottes unendliche, unerschöpfliche Liebe an. 

Dadurch werden wir zu neuen Menschen.

Der alte Mensch, der aus eigener Kraft das Gute nicht tun konnte,

ist im Wasser der Taufe gestorben.

Herausgekommen sind neue Menschen, die aus Gottes Liebe leben.

Wir sind auferstanden.

Wir sind jetzt fähig, zu lieben und liebevoll miteinander umzugehen.


Was bei der Taufe mit uns passiert, ist ein mystischer Vorgang:

Wir werden mit Christus überkleidet.

Das kann man nicht sehen, nicht messen, nicht überprüfen.

Es geschieht in einer anderen Dimension: In Gottes Welt.

Und zugleich geschieht es auch hier und jetzt unter uns.

Was im Hier und Jetzt passiert, könnte man so beschreiben:

Mit der Taufe wird man in einen neuen Zusammenhang gestellt.

Unsere Lebensgeschichte erhält ein neues Narrativ.


Ein Narrativ ist ein erzählerischer Zusammenhang, den man herstellt.

Wir erzählen uns unser Leben, 

wir erzählen unsere Wirklichkeit in Narrativen.

Das bedeutet nicht, dass alles erfunden und erlogen ist.

Es bedeutet, dass wir Tatsachen und Sachverhalte deuten.

Wir machen das ständig, es ist uns meist nicht bewusst.

Wir deuten auch andere, und werden von ihnen gedeutet.

Wir finden jemanden nett - eine Deutung,

oder wir mögen jemanden nicht - auch eine Deutung.

Wir können Gründe dafür angeben, 

warum wir jemanden mögen oder nicht -

warum wir uns mögen oder mit uns unzufrieden sind.

Aber das sind meist keine objektiven Gründe,

keine, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.

Es ist ein Narrativ, eine Geschichte, die wir uns erzählen,

die von unseren Eltern, Mitschülern, Mitmenschen erzählt wird.


Manche Narrative machen Menschen stark,

lassen sie zu glücklichen, aufrechten, selbstbewussten Menschen heranwachsen.

Andere machen Menschen krank.

„Mobbing” nennt man das,

wenn hinter jemandes Rücken über ihn oder sie erzählt wird.

Durch diese Erzählungen, dieses Narrativ,

sieht man den Menschen wie durch eine Brille.

Man sieht ihn nicht mehr so, wie er ist,

sondern wie er uns durch das Narrativ erscheint. 


Die Taufe erzählt eine andere, eine neue Geschichte über uns:

Sie stellt uns in die Geschichte Gottes mit uns Menschen,

in die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel.

Das, was Gott seinem Volk verspricht,

das verspricht er auch uns, das gilt auch uns.

Wir hören, dass wir Gottes Kinder sind, seine Töchter und Söhne,

und dass Gott uns so sehr liebt, „dass er seinen einzigen Sohn gab,

damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,

sondern das ewige Leben haben.”


V

Es war ein langer Weg zu einer Antwort

auf die Frage nach der Auferstehung.

Ich denke, jetzt können Sie selbst die Antwort geben:

Unser Glaube steht oder fällt mir der Auferstehung,

weil wir nur, wenn Christus tatsächlich auferstanden ist,

zu neuen Menschen mit einer neuen Geschichte werden

und das neue Leben führen können,

das Christus für uns durch seinen Tod am Kreuz ermöglicht hat.


Wir leben schon jetzt als Auferstandene.

Wir stehen jeden Tag aufs Neue auf,

wenn wir unser so schönes, erfülltes

und manchmal so schreckliches, leidvolles Leben auf uns nehmen. 

An jedem Tag, in jedem Augenblick

beschützt uns die Liebe Gottes, mit der wir bekleidet sind, 

vor der Scham, die wir empfinden, 

wenn wir unser Tun an Gottes Liebe messen.


Eines Tages werden wir in Gottes Wirklichkeit hinein aufstehen.

Es wird ein neuer Morgen sein

unter einem neuen Himmel, auf einer neuen Erde.

Wir werden uns wiedererkennen und zugleich verwandelt sein.

Gottes Liebe wird uns alle umfangen,

und niemand wird sich schämen müssen.