Samstag, 17. Oktober 2026

sich an Regeln halten

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.226, über Markus 2,23-28


Liebe Schwestern und Brüder,

Regeln bestimmen unser Zusammenleben. Wo zwei oder drei beieinander sind, werden Regeln aufgestellt. Regeln regeln unser Leben von der Wiege bis zur Bahre. Sie gestalten das große Ganze der Gesellschaft, formen Institutionen wie Schule, Behörden oder die Kirche, den Arbeitsplatz und den Verein und auch noch die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie. Überall und für alles gibt es Regeln. Man lebt wie eine Matrioschka in einer ineinander geschachtelten Regelwelt, sodass man vor lauter Regeln die einzelne Regel gar nicht mehr bemerkt.

Von klein auf lernt man, Regeln zu befolgen: „Sag Danke,” heißt es,  wenn der Schlachter eine Scheibe Wurst über den Tresen reicht; „Wie heißt das Zauberwort?”, wenn man vergaß, „Bitte” zu sagen. Und was wäre ein Spiel ohne Spielregeln? Bevor Kinder „Fangen” spielen oder „Verstecken”, verabreden sie zuerst die Regeln, die dabei gelten sollen.

Als Spielregeln werden uns die Regeln, die unser Zusammenleben gestalten, immer wieder einmal bewusst. Gerade beim Spiel nimmt man es mit den Regeln sehr genau. Ob Skat oder Fußball: Wenn nicht nach den Regeln gespielt wird, sorgt das für Ärger und Unmut. Ganz besonders empört ist man, wenn die Regeln für eine Seite anders angewendet werden als für die andere. Jedenfalls, wenn die eigene Seite dadurch benachteiligt wird. Wenn man dadurch einen Vorteil erhält, ist man gern bereit, über den Regelverstoß hinwegzusehen: Noch nie haben Fans einen Handelfmeter gegen ihre eigene Mannschaft gefordert. Regeln sind generell eher für die anderen gemacht. Wenn sie eine:n selbst betreffen, fühlt man sich durch sie eingeschränkt, hält sie für lästig und beschwerlich. Und wohl jede:r hat schon einmal den Reiz verspürt, eine Regel zu übertreten. In unserer von Regeln geordneten Welt ist ein Regelbruch geradezu ein Zeichen von Freiheit und Selbstbestimmung.

I

Auch im heutigen Evangelium wird eine Regel gebrochen. Und es stellt sich die Frage, ob damit mehr geschieht, als dass Jesus Anstoß erregt, weil seine Jünger ein Gebot übertreten. Ob dieser eine Regelverstoß ein Vorbild für den Umgang mit Regeln sein soll und wenn ja, was das für unseren Umgang mit Regeln bedeutet.

Die Regel, die übertreten wird, ist das Gebot der Sabbatheiligung - wir würden sagen: Sonntagsheiligung. Im Zusammenhang der Zehn Gebote lautet es so:

„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.” (2. Mose 20,8-11)

Es ist das dritte der zehn Gebote. Wir lernen es in der Kurzfassung: „Du sollst den Feiertag heiligen.” Weil vom „Feiertag” die Rede ist, denkt man dabei nicht unbedingt an den Sonntag, sondern an die wenigen Feiertage im Jahr wie Ostern oder Weihnachten, an denen es nicht schwer fällt, die Arbeit ruhen zu lassen. Doch das Gebot bezieht sich auf den Sabbat bzw. bei uns den Sonntag. An diesem Tag nicht zu arbeiten, missachtet man häufig, auch wenn man keinen Schichtdienst hat. Man ist sich dabei meist nicht bewusst, damit eins der Zehn Gebote zu übertreten. Das dritte Gebot wird gemeinhin als Empfehlung verstanden, als etwas, das man tun sollte, weil jeder Mensch mal eine Pause braucht. Es wird nicht auf einer Stufe gesehen mit dem Tötunsverbot, dem Verbot zu stehlen oder die Ehe zu brechen.

Darum kann man nicht verstehen, dass und warum die Pharisäer Jesus daraus einen Vorwurf machen, wenn seine Jünger beim Spazierengehen nebenbei Ähren pflücken. Man kann den Vorwurf der Pharisäer nicht ernst nehmen, es handle sich dabei um eine Arbeit, die am Sabbat verboten ist. Das erscheint kleinkariert und überzogen. Zumal man es kaum Arbeit nennen kann, wenn die Jünger im Gehen eine Ähre vom Halm pflücken, sie zwischen den Händen zerreiben und die Körner kauen. Wären sie mit der Sichel gekommen und hätten das Feld abgeerntet - das wäre ein ganz anderer Fall gewesen! Aber selbst da ließen sich Ausnahmen denken: Was, wenn ein Unwetter aufzöge? Man hätte trotz des Feiertages allen Grund, das Getreide noch schnell zu ernten, bevor es nass wird und verdirbt.

II

„Ausnahmen bestätigen die Regel,” sagt man, wenn man eine Ausnahme von der Regel macht. Es ist eine Beschwichtigung. Man will die Regel nicht außer Kraft setzen, man will sie nur nicht für sich gelten lassen. Nur dieses eine Mal wenigstens. Aus „Nur dieses eine Mal” wird schnell eine neue Regel: Jedes Mal, wenn das so ist, gilt die alte Regel nicht mehr.

Vor einem Kindergarten, einer Schule sollen Autos langsam fahren. Kinder könnten verletzt werden, wenn man zu schnell fährt - mein Kind könnte verletzt werden. Aber wenn ich es eilig habe, kann ich an einem Kindergarten, einer Schule nicht langsam vorbeischleichen. Da muss ich Gas geben, sonst komme ich zu spät. Und ich habe es jeden Morgen eilig.

Die Ausnahme von der Regel läuft in aller Regel darauf hinaus, dass man für sich die Ausnahme in Anspruch nimmt, während man gleichzeitig darauf besteht, dass alle anderen sich an die Regel halten sollen - sonst wäre die Regel ja sinnlos.

III

Warum stellt man überhaupt Regeln auf? Warum vertraut man nicht darauf, dass alle Beteiligten das unter sich ausmachen?

Denken Sie zurück an die Spiele Ihrer Kindheit: Wie wurden da die Regeln gemacht? Sagte jedes Kind seine Meinung und man fand gemeinsam einen Kompromiss, mit dem alle einverstanden waren? Oder legte ein Kind, meistens das älteste und stärkste, fest, wie gespielt wird, und man machte es so? Sie werden vielleicht beides erlebt haben. Ein Spiel macht nur Freude, wenn man die Regeln mitbestimmen darf. Wer immer nur bestimmen will, verliert auf Dauer seine Spielgefährten. Aber wenn schon mehrere zusammen spielen und man dazukommt, ist man froh, wenn man zugelassen wird, und hält sich an die Regeln, die andere aufgestellt haben.

Mit Regeln setzt man Grenzen. Regeln schränken die Möglichkeiten ein, die man hat. In einem Spiel wie beim Fußball machen diese Einschränkungen den Reiz des Spieles aus: Fußball wird mit den Füßen gespielt, nicht mit der Hand. Durch diese Einschränkung ergeben sich überhaupt erst Möglichkeiten, die das Spiel so interessant und spannend machen.

Einige Regeln dienen auch der Sicherheit, um für mich und andere gefährliche Möglichkeiten auszuschließen. Darum gilt vor Kindergärten und Schulen Tempo 30.

Die Regeln, mit denen wir unser Zusammenleben gestalten, setzen Grenzen, damit alle die gleichen Chancen haben. Diese Grenzen betreffen vor allem die, die stärker sind, die einen Vorteil haben: Sie müssen sich einschränken, sie müssen verzichten, damit es fair zugeht. Darum sind Regeln so lästig, wenn man stark ist. Und darum fällt es nicht leicht, sich an Regeln zu halten: Wer schränkt sich schon gerne ein? Wer verzichtet freiwillig auf einen Vorteil oder auf etwas, das ihr oder ihm zusteht?

IV

Auch die Sonntagsheiligung war einmal eine Regel, die allen gleiche Chancen ermöglichen sollte: „Am Sabbat sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.” Niemand soll ohne Pause durcharbeiten müssen. Einmal in der Woche soll Schluss sein mit der Schufterei, soll man Zeit zur Erholung haben, Zeit für sich und für den Umgang mit Gott.

Jesus scheint das ebenso zu sehen. Seine Antwort an die Pharisäer will ebenfalls das Beste für den Menschen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.” Jesus verbietet jedoch nicht pauschal jede Arbeit am Sabbat. Er erlaubt z.B. Arbeit, mit der man seinen Hunger stillt.

Die Pharisäer bestehen darauf, dass das Arbeitsverbot am Sabbat ausnahmslos gilt. Jesus macht Ausnahmen, wenn er am Sabbat Kranke heilt oder seinen Jüngern erlaubt, Ähren auszuraufen. Damit gibt er ein Beispiel für den Umgang mit einer Regel, das nicht nur für diese eine Regel gilt, sondern für alle: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.” 

Jesus verleugnet die Regel nicht, er hebt sie auch nicht auf. Das Verbot, am Sabbat nicht zu arbeiten, gilt weiterhin.Aber Jesus schafft einen Auslegungsspielraum: „Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat.” Wenn der Sabbat um des Menschen willen gemacht ist, kann der Mensch selbst entscheiden, wie er den Sabbat heiligen will.

Auch das Judentum kannte Ausnahmen des Arbeitsverbotes am Sabbat: War z.B. ein Haustier in eine Grube gefallen, durfte man es herausziehen und retten. Aber diese Ausnahmen waren wenige und wurden immer wieder neu von Gelehrten diskutiert. Sie entschieden, was als Ausnahme von der Regel galt, nicht der oder die Einzelne.Jesus verlagert die Entscheidung darüber, welche Tätigkeit am Sabbat erlaubt ist und welche nicht, vom Austausch der Gelehrten auf den einzelnen Menschen.

V

Ist damit nicht dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet? Wenn es stimmt, dass die Ausnahme von der Regel schnell zur Regel wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn viele das dritte Gebot nicht ernst nehmen. Es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit - oder einer schwierigen wirtschaftlichen Lage -, bis aus dem Sonntag ein ganz normaler Werktag wird.

Jesus setzt, wie gesagt, das dritte Gebot nicht außer Kraft. In der Auseinandersetzung mit den Pharisäern übernimmt er die Verantwortung dafür, wenn seine Jünger das Gebot übertreten. Er beruft sich dafür auf David. Nicht auf den König David, dem man aufgrund seiner Stellung wohl kaum verdenken würde, in einem wichtigen Fall das Gebot zu übertreten. Sondern auf David, als er nur der Anführer einer Bande von Räubern war. David übernahm Verantwortung für seine Leute, verhandelte mit den Priestern, um die Brote zu bekommen, mit denen er ihren Hunger stillte.

Ein verantwortlicher Umgang mit dem Gebot, ein Umgang im Sinne Jesu, ist also einer, der Achtung vor dem Gebot hat und es respektiert. Und der aus dieser Achtung und diesem Respekt heraus die Verantwortung dafür übernimmt, wie man dem Gebot entsprochen will.

VI

Regeln schränken ein, setzen Grenzen. Aber sie eröffnen auch einen Raum: Einen Spiel-Raum. Alle Spiele, die wir spielen und die uns fesseln, existieren, weil es einfache oder komplizierte Regeln für sie gibt. Ohne Regel gäbe es kein Spiel.

Auch unser Leben wird interessant, weil es Regeln gibt, die wir eine nach der anderen kennen lernen, wenn wir heranwachsen. Das Kennenlernen, das Verlieben ist wie ein Spiel, das nach Regeln abläuft, die man erst einmal erlernen muss durch Versuch und Irrtum. Der gesellschaftliche Umgang erfolgt nach Regeln, die man nicht ohne Schaden für eine:n selbst missachtet.

Auch unser Glaube basiert auf Regeln. Gottes Gebote eröffnen uns einen Spiel-Raum, in dem wir Gott begegnen, wenn wir uns an seine Gebote halten. Auch der Gottesdienst folgt Regeln, der Liturgie, die einen Raum der Begegnung mit Gott eröffnen.

Jesus lehrt uns, diese Regeln zu achten und uns daran zu halten. Und zeigt uns dabei, wie wir mit diesen Regeln leben können: Nicht durch starres Festhalten an der Regel, durch wortwörtliches Befolgen. Auch nicht, indem wir sie ignorieren, als hätten wir keine Regeln nötig. Sondern indem wir die Verantwortung dafür übernehmen, wie wir diese Regeln in unser Leben übertragen, und so für uns und unsere Mitmenschen einen Spiel-Raum gewinnen.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen - dafür gerade zu stehen, wie ich die Regel auslege und anwende. Jesus hat seine Auslegung des Sabbatgebotes das Leben gekostet. Dass er am Sabbat heilte war einer der Gründe für seine Verurteilung zum Kreuzestod.

Wir haben glücklicherweise nicht mit solch drastischen Konsequenzen zu rechnen, wenn wir die Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Aber die Tatsache, dass unsere Entscheidungen Folgen für uns und andere haben, lässt uns verantwortlich und respektvoll mit den Regeln umgehen, die Gott und die wir aufgestellt haben. Das ist der Umgang mit den Geboten, den Jesus sich von uns wünscht.

Samstag, 3. Oktober 2026

ein Bauchgefühl

Predigt an Erntedank, 4.10.2026, über Markus 8,1-9


Liebe Schwestern und Brüder,

„und sie aßen und wurden satt.”

Eine große Menschenmenge bekommt auf wunderbare Weise zu Essen. Als bräuchte man ein Wunder, um Menschen satt zu machen. Und nicht nur Brot, Butter, Käse und Wurst. Oder Reis und Tofu, Fisch, Hirse, Maniok, Yamswurzel, Bohnen, Kartoffeln oder Kochbananen - was der Mensch eben so isst, um satt zu werden. 

Fast scheint es, als bräuchte es ein Wunder, damit Menschen satt werden. Wissenschaftliche Entdeckungen, technische Errungenschaften erleichtern und verändern unser Leben in immer kürzeren Zeitabständen. Nichts scheint mehr unmöglich. Dass die Menschheit den Mars besiedelt, könnte eine Sache weniger Jahrzehnte sein. Doch gegen den Hunger in der Welt wurde trotz aller Forschung noch kein Mittel gefunden. 

Dabei ist Hunger gar kein Problem, für das erst noch eine Lösung gefunden werden müsste. Die Bekämpfung des Hungers ist eine Frage der Verteilung. Das war schon immer so. Um Lebensmittel zu verteilen, braucht man keine Foschung und keine KI. Dazu ist allein die Bereitschaft der Besitzenden nötig, etwas abzugeben von dem, was sie im Überfluss haben. Aber wie die Geschichte zeigt, ist diese Bereitschaft schwerer zu erreichen als der Mars. Die Besiedlung des Roten Planeten wird uns eher gelingen, als dass wir die Lebensmittel, die wir bei uns im großen Stil wegwerfen, zu denen befördern, deren Leben sie retten würden.

I

Das Wunder besteht - und bestand schon damals - nicht darin, dass Nahrung verteilt wird und Menschen zu Essen bekommen. Allenfalls könnte man Jesus dafür bewundern, wie schnell und wie pragmatisch er die Veteilung organisiert. Aber nicht deshalb wird die Geschichte erzählt, um uns mit Jesus ein Vorbild im Veteilen von Lebensmitteln vor Augen zu stellen, nach dem Motto: „Seht doch mal, wie einfach es ist, Menschen satt zu machen, wenn alle die Vorräte hervorholen, die sich für sich gebunkert haben.” Obwohl es ja tatsächlich so einfach ist. Die EU wirft gerade ihre Dieselvorräte auf den Markt, um den Spritpreis zu drücken. Es geht doch, wenn man will. Oder wenn der Druck groß genug ist - in diesem Fall der Druck durch den amerikanischen Präsidenten.

So können auch wir teilen, was wir haben, wenn der Druck groß genug ist. Oder wenn wir wollen. Aber mit dem Wollen ist das so eine Sache. Teilen gehört - wie der Sport, wie gesundes Essen, der Verzicht auf Tabak oder Alkohol - zu den Dingen, die man tun sollte, aber nicht tut. Man weiß, dass es richtig ist und dass es einem damit viel besser ginge. Aber die Anstrengung, sich dazu aufzuraffen, kommt einem übermenschlich vor. 

Das Wunder besteht darin, dass man diese Energie aufbringt. Dass man sich aufrafft, die Komfortzone verlässt und tatsächlich etwas tut, was man vorher nicht getan hat. 

II

Die Menge, die zu Jesus in die Wüste kam, hatte sich aufgerafft und ihre Komfortzone verlassen. Freiwillig ging sie an diesen unwirtlichen, kargen Ort. In seiner Gegenwart verspürt sie keinen Hunger. Aber Jesus weiß, dass die Menschen etwas essen müssen, um den Heimweg zu schaffen. Dieses Wissen ist ihm nicht von oben eigegeben, es ist kein Wunder. Es ist gesunder Menschenverstand, gepaart mit Erfahrung. Beachtlich ist, dass Jesus die bedrohliche Lage der Menschen erkennt - und etwas unternimmt. Denn nur weil etwas klar ersichtlich ist, bedeutet es nicht, dass es auch erkannt und begriffen wird. Wenn sich zuhause das Geschirr in der Spüle stapelt heißt das nicht, dass jemand, der in die Küche kommt, diesen Stapel bemerkt und daraus die notwendigen Schlüsse zieht: Dass man dieses Geschirr abspülen oder in die Maschine einräumen sollte. Wenn jemand traurig oder krank aussieht heißt das nicht, dass man diesen Menschen wahrnimmt, sie oder ihn anspricht. 

Die weitaus häuifigere, sozusagen die „normale” Reaktion ist, dass man darauf wartet, dass sich jemand anders kümmert. Jemand, der angesichts eines Geschirrstapels oder eines Wäscheberges eine geringere Schmerzgrenze hat als man sebst. Wir gehen davon aus, dass in allen Bereichen unseres Lebens außer unserem Privatbereich andere die Arbeit machen, die für die Allgemeinheit getan werden muss. Andere die Probleme lösen, die im Kleinen und im Großen unserer Gesellschaft auftreten.

Es ist - so selbstverständlich, ja geradezu banal es erscheint - tatsächlich bemerkenswert, wenn jemand zwei und zwei zusammenzählt und erkennt: hier muss etwas geschehen! Und es ist dann tatsächlich ein Wunder, wenn jemand, der das erkennt, sich verantwortlich fühlt und das Geschirr spült oder einräumt, den Menschen anspricht, kurz: Verantwortung übernimmt. 

III

Wir ehren in diesem Gottesdienst ein Ehepaar unserer Gemeinde, das solche Wunder vollbracht hat und noch vollbringt. Es sind zwei ganz normale Menschen wie du und ich. Aber sie sehen, dass und wo etwas getan werden muss. Sie sehen auch, dass sie in der Lage sind, es zu tun. Sie können es, und darum tun sie es. Ob es darum geht, die Weihnachtsbäume einzustielen und aufzustellen, oder den Altar für den Erntedank zu schmücken. Ob sie den Kirchenkaffee vorbereiten oder den Frauenkreis. Sie beteiligten sich an der Gründung der Diakonie-Sozialstation Dom-Schloss und am Ausbau des Hofes Kalmarehult in Schweden. Seit Jahrzehnten sehen sie in unserer Gemeinde hin, erkennen, wo etwas zu tun ist und packen an, wo sie können. Sie übernehmen Verantwortung in dieser Gemeinde und für diesen Dom, ohne dass man sie lange bitten oder fragen müsste. Und das ist wunderbar!

Es gibt zum Glück viele Menschen, die sehen, was im Argen liegt. Sie machen sich Sorgen um ihre Nachbarin. Sie sehen, wie verkrautet die Beete um den Dom sind. Sie finden, dass im Gemeindebrief dringend etwas berichtet werden müsste. Das ist wunderbar, weil so viele es nicht sehen. Aber statt jetzt bei der Nachbarin zu klingeln, sich Handschuhe anzuziehen und einen Eimer zu greifen, oder den Artikel zu schreiben, rufen sie im Dombüro an und sagen: „Frau X müsste dringend mal besucht werden!” - „Die Beete um den Dom könnten aber auch mal wieder gejätet werden!” - „Sie haben schon wieder im Gemeindebrief nicht über dieses oder jenes berichtet!”

Man hat sein Teil getan, dass man auf die Sache hinwies. Jetzt sollen die übernehmen, die dafür zuständig sind und dafür bezahlt werden. 

Wer das Feuer entdeckt und meldet, muss es nicht auch löschen, wenn er dazu nicht in der Lage und nicht ausgerüstet ist. Aber nicht nur bei solchen besonderen Fällen, sondern ganz allgemein haben wir uns angewöhnt, Verantwortung zu delegieren. Für alles gibt es Zuständigkeiten und Fachleute; die sollen sich kümmern, das ist ihr Job.

Ein Gemeinwesen kann nicht gedeihen, wenn man keine Verantwortung dafür übernimmt, sondern sie auf die Zuständigen schiebt. Eine Gemeinde wie die Domgemeinde lebt nur dann, wenn, und sie lebt davon, dass Menschen sich für sie verantwortlich fühlen und handeln, indem Geld für Tanzania gesammelt, die Beleuchtung im Dom repariert und das Grünzeug aus den Fugen im Mauerwerk entfernt wird. Indem Ehrenamtliche den Kindergottesdienst gestalten und Touristen in den Dom einlassen, den Dom mit Blumen schmücken oder Besuchen erklären, was es über dieses Bauwerk zu wissen gibt. 

IV

Wie kommt es dazu, dass man hinsieht und etwas bemerkt, was so viele andere übersehen? Und wie kommt es zu dem Wunder, dass man beim Hinsehen erkennt, dass man selbst etwas tun könnte, und es tut?

Jesus sagt zu seinen Jüngern: „mich jammert das Volk.” Jesus sieht etwas, was noch nicht zu sehen ist. Eben noch ist die Gegend angefüllt mit Menschen, die unbeschwert und glücklich sind. Sie haben Jesus erlebt und gehört. Sie unterhalten sich miteinander, oder genießen die fraglose Gemeinschaft, in der sie sich befinden. Sie haben keine Sorgen. Kein Grund, mit ihnen Mitleid zu haben, sondern vielmehr ein Grund zur Freude.

Jesus aber zählt und zwei und zwei zusammen: Die lange Zeit, die sie mit ihm in der Wüste verbracht haben, und die wenigen Vorräte, die noch übrig sind. Er macht sich Sorgen, wie diese Menschen den Heimweg schaffen sollen, wenn sie nicht vorher etwas essen. Es sind 4.000 Leute - viel zu viele, um sie alle zu kennen, geschweige denn, sie als Einzelne wahrzunehmen. Aber er fühlt sich für sie verantwortlich. Verantwortlich dafür, dass jede und jeder Einzelne den Heimweg schafft und nach Hause gelangt. 

V

„Mich jammert das Volk.” Dieser Satz kommt aus dem Herzen. Oder besser gesagt aus dem Bauch. Denn das Erbarmen, das Gefühl, das Luther hier mit „jammert” übersetzt, kommt im Hebräischen und im Griechischen aus dem Bauch. Erbarmen, Barmherzigkeit ist als Bauchgefühl ein mütterliches Gefühl. Von den Trumpisten in den USA wird dieses Gefühl bekämpft. Es gilt als „woke”, als unmännlich und verweichlicht. Kriegsminister Pete Hegeseth will Kämpfer und Killer, keine Soldaten, die Skurpel oder gar Mitleid kennen. 

Dieser Kampf gegen die Barmherzigkeit ist nicht neu. Auch die Nazis wollten die deutsche Jugend hart und erbarmungslos erziehen. In jeder und jedem von uns steckt die Fähigkeit, sich gegen Mitmenschen zu verhärten und ihr Schicksal nicht an uns heranzulassen. Manchmal tut man das, um sich zu schützen. Weil man weiß, dass man das Leid eines anderen nicht ertragen könnte, wenn man es tatsächlich wahrnehmen würde. 

Es ist uns nicht gegeben, mit allen Menschen mitfühlen zu können. Darum bitten wir Gott um sein Erbarmen: Herr, erbarme dich! Gott allein kann mit allen Menschen mitfühlen. Gott allein hat mit allen Menschen Erbarmen. Aus diesem Erbarmen, weil ihn die Menschen jammerten, hat sein Sohn den Tod am Kreuz auf sich genommen. Durch ihn sind wir aufgenommen in eine Gemeinschaft der Barmherzigkeit: Wir gehören zu denen, deren Gott sich erbarmt hat. Erbarmen, Barmherzigkeit ist also keine Schwäche. Es ist das, was uns mit Gott und miteinander verbindet.

VI

Die 4.000 Menschen, die Jesus drei Tage lang in der Wüste hörten, wurden von seiner Gegenwart erfüllt, sodass sie nichts entbehrten. Sie lebten drei Tage lang in Gottes Fülle. Aber mit Jesus verbunden waren sie durch sein Erbarmen. Durch dieses Erbarmen waren sie auch miteinander verbunden zu einer Gemeinschaft: der Gemeinde.

Zu Beginn des Gottesdienstes beten wir: Herr, erbarme dich. Wir erinnern uns daran, dass Gott mit jeder und jedem Einzelnen von uns Erbarmen hat. Gott denkt nicht nur an uns, Gott fühlt mit uns. Gott empfindet etwas für uns: Das ist Liebe.

Das Erbarmen Gottes verbindet uns zu einer Gemeinschaft, die aus diesem Erbarmen lebt. Wer das für sich erkennt, wer in den anderen Menschen die Mitmenschen erkennt, hat die Gleichgültigkeit überwunden. Dessen Herz verhärtet sich nicht mehr. Es wird weich und weit für die Menschen, denen er begegnet. Er, sie sieht hin, sieht, was zu tun ist und was sie tun kann.

Wer mitfühlen kann, dem sind die anderen nicht gleichgültig. Der oder die kann sich an der Gemeinschaft freuen und erkennen, was sie nötig hat und was er, was sie dazu tun kann. Dann geschieht das Wunder, wegen dem diese Geschichte bis heute erzählt wird.

VII

„und sie aßen und wurden satt.”

Auch wir sind heute eingeladen in die Gemeinschaft mit Jesus, in der wir in einem kleinen Bissen Brot und in einem Schluck Traubensaft die Fülle Gottes erleben. Und die fraglose Gemeinschaft derer, deren Gott sich erbarmt hat. Wir gehören dazu.

Sonntag, 6. September 2026

anders

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 6.9.2026, über Lukas 19,1-10

Liebe Schwestern und Brüder,

„die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler."
Eine solche Sicht auf Mensch und Welt kann nur ein Stückeschreiber haben. Das Leben gibt ihm den Stoff für seine Dramen; er sieht die Welt als Theater, und die sie bevölkern als die Akteure darin. Und tatsächlich stammt dieses Zitat vom Dramatiker William Shakespeare.

„Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler."
Auf den ersten Blick erscheint dieser Satz übertrieben. Wohl spielen wir manchmal eine Rolle - möchten wohl auch gern eine Rolle spielen, in der Gesellschaft, oder im Leben einzelner Menschen.Auf jeden Fall im Leben derer, die für uns eine Rolle spielen.

Für gewöhnlich sieht man sich jedoch nicht auf einer Bühne. Im Gegenteil: In bestimmten Momenten besteht man darauf, allein und unbeobachtet, eben „privat” sein zu können. Die Privatsphäre, in der man tut, was einem gefällt, sich kleidet, sich benimmt, wie man will, ist heilig. Und doch hat unser Leben mehr Publikum, als uns bewusst ist.

Ich denke jetzt nicht an die Social Media, in denen man sein Leben mit anderen teilt.Auch nicht an die Überwachung durch private oder staatliche Kameras, die in Ländern wie China bereits alle Bürger:innen erfasst.Ich meine die Menschen, mit denen wir zusammenleben: die Familie, den Freundeskreis, die Kolleg:innen, die Nachbarschaft, das Dorf oder den Stadtteil, die Kirchengemeinde.Sie bilden das Publikum, vor dem sich unser Leben abspielt. Sie beobachten uns und machen sich so ihre Gedanken. Sie wissen etwas über uns, oder meinen, etwas zu wissen. Sie haben sich eine Meinung über uns gebildet, haben uns einsortiert, beurteilt und bewertet.

Normalerweise ist uns das nicht bewusst, weil es auf Gegenseitigkeit beruht: Im Leben ist man stets Schauspieler:in und Publikum zugleich. Nur, wer sich in herausgehobener Stellung befindet, wer tatsächlich manchmal vor einem Publikum agiert - ob als Klassensprecher:in oder Sportler:in, ob als Lehrer:in oder Politiker:in -, erlebt, wie das eigene Verhalten beobachtet und kommentiert wird.

Diese besondere Beobachtung trifft auch alle, die „anders” sind. Das Etikett „anders” ist ja das Ergebnis dieses Prozesses von Beobachtung und Bewertung. Kein Mensch ist an sich „anders” oder gar, wie manche sagen, „unnormal” „abnorm” oder gar „entartet”. Einen „normalen” Menschen gibt es gar nicht. Wer sollte diese Norm auch festlegen?

„Anders” sein bedeutet, dass man in einem wichtigen Punkt von einer Mehrheit vor Ort abweicht. In einer Fabrik ist jemand im Anzug „anders”, am FKK-Strand jemand in Badehose oder Bikini. Jemand mit dunkler Hautfarbe wird bei uns als „anders” erlebt, während man als Europäer:in in Afrika sofort „anders” ist. Anderssein ist immer an den Ort gebunden, an den Kontext, in dem man sich befindet.

Das muss auch Zachäus erleben. Er ist sogar in vierfacher Hinsicht „anders”: Er ist kleinwüchsig. Er ist ein Zolleintreiber - und nicht nur irgendeiner, sondern der oberste -, er ist wohlhabend, und er ist ein „Sünder”.

Der Begriff „Sünder” markiert ein Anderssein, das mit etwas Negativem befrachtet ist. Wir verwenden dieses Etikett nicht mehr. Heute ist das Anderssein selbst an seine Stelle getreten.

Beide Begriffe heben einen Menschen aus der Menge heraus. Sie markieren ihn als jemanden, den man besser meidet. Mit dem sollte man sich nicht abgeben - sonst kommt man in den Ruf, selbst „so eine:r”, selbst „anders” zu sein.

Jesus scheint keine Scheu zu haben, sich mit „so einem” abzugeben. Er sieht sich gerade zu diesen Menschen gerufen: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.”

Wer als „Sünder” - oder heute als „anders” - ausgemacht wird, ist verloren, weil er|sie die Zugehörigkeit verliert zu einer Gemeinschaft, einer Gruppe oder, wenn es schlimm kommt, sogar zu seiner Familie.

Jesus, der das Verlorene sucht, bringt es zurück in eine Gemeinschaft mit ihm: in die christliche Gemeinde. So wird das Verlorene sein Anderssein los. So wird es selig.

Die Gemeinde ist der Ort, an dem Christus all die verlorenen Schafe sammelt, die dadurch nicht mehr „anders” sind, sondern zur Kirche Jesu Christi gehören. Es eint sie nicht eine Norm, der alle genügen. Es eint sie der eine Hirte, zu dem sie alle gehören. 

So entsteht eine Gemeinschaft, die sich nicht durch das Gemeinsame definiert und das Andersartige ausschließt. Sie wird dadurch eine Gemeinschaft, dass der eine Hirte alle annimmt und zu einer Herde macht. So beschützt die Herde das einzelne Schaf.

Jesus, der all die verlorenen Schafe einsammelte - sich mit denen abgab, die als „Sünder” markiert worden waren -, gründete dadurch die Gemeinde, die wir als „Gemeinschaft der Heiligen” bekennen.

Auch seine Jünger wählte er nicht nach ihrem Verdienst aus, nach ihrem lauteren Lebenswandel oder ihrem untadeligen Ruf. Sie waren keine Heiligen - das wurden sie erst im Nachhinein. Sie waren einfache und bestimmt nicht immer unbescholtene Leute - Fischer und Handwerker. Es waren auch zwielichtige Gestalten darunter - ein Zolleinnehmer namens Matthäus, ein gewisser Judas Iskariot, und auch Zeloten. Zur Zeit Jesu waren die Zeloten eine terroristische Vereinigung. Einer von ihnen trug den Kampfnamen "Kephas". Ihn machte Jesus zu Petrus, zum Fels, auf dem er seine Kirche bauen wollte.

Warum berief Jesus gerade sie? Konnte er keine wirklichen Heiligen finden - Menschen wie den Reichen Jüngling, die sich durch ihr vorbildliches Leben auszeichneten? Oder wenn nicht solche, dann wenigstens anständige, „normale” Leute? Was sah er in ihnen, was andere nicht sehen konnten?

„Zachäus“ - dieser Name ist die griechische Version eine hebräischen Namens, der auch im Alten Testament vorkommt: Sakkai. Er bedeutet: rechtschaffen. Zachäus verbarg seine Rechtschaffenheit erstaunlich gut unter der Fassade des obersten Zolleintreibers, des "kleinen und mächtigen Chefs der Zollpächter." Aber als Jesus sich bei ihm einlädt und ihn auf diese Weise in seine Gemeinschaft einlädt, offenbart sich Zachäus’ Rechtschaffenheit: „Die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen.” Das ist mehr, als sonst jemand angeboten hat, der von Jesus angenommen wurde. Selbst der Reiche Jüngling kam nicht auf diese Idee.

Die junge Gemeinde sammelte nicht nur die Bedürftigen, nicht nur die Witwen und Waisen. Lydia, die erste Pastorin, war eine wohlhabende Purpurhändlerin. Und Zachäus war so reich, dass er die Hälfte seines Besitzes den Armen geben konnte und trotzdem noch genug Geld hatte, um es allen, die er übervorteilt hatte, vierfach zu erstatten.

Besitz und Gaben sind ungleich verteilt, auch in der christlichen Gemeinde. Auch Christenmenschen fällt es oft nicht leicht, mit diesen Unterschieden umzugehen. Jemand, der wohlhabend ist, weckt den Neid der anderen, ebenso wie jemand, der etwas kann, was andere nicht können, oder etwas besonders gut kann. Statt dass diese Gabe Freude bereitet, statt dass man sie anerkennt oder sich dafür bedankt, macht ihre Gabe sie „anders”. Ausgerechnet ihre Gabe, die doch der Gemeinde zugute kommt, grenzt sie aus der Gemeinde aus.

Die Menge murrt, dass Jesus ausgerechnet bei Zachäus einkehrt, denn er ist ein „Sünder”. Aber warum er ein Sünder ist, erfahren wir nicht. Offenbar ist das als selbstverständlich vorausgesetzt. Dann kann es nur die Tatsache sein, dass er für die römische Besatzungsmacht den Zoll einnimmt. Es lassen sich bestimmt gute Gründe dafür finden, warum ein solcher Beruf unmoralisch ist. Aber ich sehe nicht, warum er unmoralischer sein soll als andere. Warum gerade Zachäus’ sündhaftes Tun sich so sehr von den Sünden anderer unterscheidet.

Wir „sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen,” schreibt Paulus. „Sünder” ist man ja nicht durch die Zuschreibung anderer. „Sünder” ist man auch nicht, weil man etwas Falsches getan hat. „Sünder” bezeichnet vielmehr eine Eigenschaft aller Menschen. Eine Menschliche Grundkonstante, die unser Menschsein ausmacht. Sie hindert uns in bestimmten Situationen daran, das Richtige zu tun.

Sie zeigt sich als Angst, wenn unser Mut gefragt ist. Sie zeigt sich als Faulheit, wenn wir helfen sollten. Wenn wir für unsere Meinung einstehen sollen, werden wir kleinlaut. Wenn wir jemandem zur Seite stehen sollen, gegen wir weg. Wenn wir die Wahrheit sagen sollten, verschweigen wir sie. Nicht immer - aber eben manchmal, und besonders oft dann, wenn’s drauf ankommt.

Jesus kümmert es nicht, dass die anderen Zachäus als „Sünder” bezeichnen, weil alle Menschen Sünder sind. Indem er Zachäus in seine Gemeinschaft ruft, kann der sein Anderssein ablegen. In der Gemeinschaft Jesu, die ihn nicht als „anders” abstempelt, kann Zachäus anders sein - unerwartet großzügig, wie sich herausstellt.

Uns alle hat Jesus in seine Gemeinschaft gerufen und sich nicht darum gekümmert, was andere über uns dachten. Es kümmert ihn nicht einmal, was wir selbst über uns denken - ob wir uns seiner für würdig halten z.B. In seiner Gemeinschaft dürfen wir so sein, wie wir wollen, und müssen uns nicht mehr „anders” fühlen. 

Wir dürfen anders sein und können Andere werden. Wir müssen z.B. nicht mehr neidisch sein, wenn jemand mehr besitzt oder etwas besser kann als wir. Nicht Können oder Besitz bestimmen darüber, wer wir sind. Wir selbst tun das.

Wir spielen unsere Rolle auf der Bühne der Welt. Aber wir sind nicht gezwungen, in dieser Rolle zu bleiben. Wir sind nicht gezwungen, ein Stück zu spielen, das ein anderer geschrieben hat. Wir können eine neue Rolle für uns finden.

In der Gemeinschaft mit Jesus entdecken wir, was Jesus vom ersten Augenblick an in uns gesehen hat. Er schenkt uns die Freiheit, seine Sicht auf uns zu übernehmen.

Sonntag, 30. August 2026

Freundlichkeit (2)

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 30.08.2026, über Acta 6,1-7


Liebe Schwestern und Brüder,


die Anfänge des Christentums liegen in einem warmen, goldenen Glanz,

wie ihn die Vorstellungskraft über eine Vergangenheit legt,

die angeblich besser war, als man die Gegenwart erlebt.

Über die erste Gemeinde in Jerusalem heißt es in der Apostelgeschichte:


    „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel,

    in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.

    Alle, die gläubig geworden waren, blieben beieinander

    und hatten alle Dinge gemeinsam.

    Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle,

    je nachdem es einer nötig hatte.

    Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel

    und brachen das Brot hin und her in den Häusern,

    hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen,

    lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.”


Ein Idyll, ein Ideal wird hier beschrieben,

nach dem sich wohl jede:r schon einmal gesehnt hat:

So sollte es sein.

So sollte es zugehen in der Kirche, in der Gemeinde.

So selbstlos, so solidarisch, so harmonisch, so fröhlich.


So sollte es sein. So war es. Und so ist es auch.

In der Jungen Gemeinde, auf einer Rüstzeit, im Bibelkreis,

im Kreis der Mitarbeitenden oder im Kreis,

den man beim Abendmahl vor dem Altar bildet,

erlebte und erlebt man diese besondere Gemeinschaft.


Eine Gemeinschaft, in der es jetzt gerade keine Rolle spielt,

wer man ist, woher man kommt, was man getan hat, was man besitzt.

Eine Gemeinschaft, in der man jetzt gerade nicht mit den anderen

um Aufmerksamkeit zu konkurrieren braucht,

um Anerkennung, um Liebe, oder um Macht.

Eine Gemeinschaft, in der es jeder und jedem Einzelnen gelingt,

die eigenen Wünsche und Bedürfnisse für eine Weile zurückzustellen,

weil ein anderer im Mittelpunkt steht: Jesus Christus.


In seinem Namen kommen wir zusammen.

Seinetwegen tun wir, was wir tun.

Wir folgen seinem Gebot, uns von Gottes Liebe leiten zu lassen.

Und vertrauen auf seine Verheißung, dass er bei uns ist,

wenn wir ganz bei seiner Sache sind.


Wenn eine Gemeinschaft sich so auf Christus, ihre Mitte, konzentriert,

ist sie ganz bei sich selbst.

Sie wird nicht von den Wünschen und Interessen Einzelner geleitet,

ihren Vorlieben, Abneigungen oder Launen,

sondern von dem Auftrag, den Christus seinen Jüngerinnen und Jüngern gab.


Wir Einzelnen sehen von uns selbst ab,

wenn wir uns von Christus gesehen fühlen.

Dann ist er zu spüren, der warme Glanz der ersten Gemeinde.

Wer sich von Christus gesehen weiß, sieht

- vielleicht zum ersten Mal wirklich -

seine Mitmenschen: wie es ihnen geht, was ihnen fehlt.


Solche Momente erlebt man immer wieder.

Das ist mit ein Grund, warum man in den Gottesdienst geht:

Um ein Teil dieser fraglosen, selbstverständlichen Gemeinschaft zu sein.

Sie ist nicht unser Werk, sondern das Werk dessen,

der uns eingeladen hat: Christus.


Es sind Momente, es ist kein Dauerzustand.

Wir kommen immer wieder hierher in den Gottesdienst,

weil solche Momente die Ausnahme sind, nicht die Regel.


In der Regel menschelt es, wie überall, so auch in der Kirche.

Schon vier Kapitel nach der Schilderung der goldenen Anfänge

lesen wir in der Apostelgeschichte,

dass es in der Jerusalemer Gemeinde nicht nur einträchtig zuging:


    „Zu dieser Zeit, als die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs,

    grollten die Griechisch sprechenden Gemeindeglieder den Aramäisch sprechenden.

    Denn ihre Witwen wurden bei der täglichen Unterstützung übersehen.

    Die Zwölf riefen die Menge der Jünger zusammen und sagten:

    Es geht nicht an, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen,

    indem wir für die Mahlzeiten sorgen.

    Darum, Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer,

    die einen guten Ruf haben, geistvoll und weise sind.

    Die wollen wir zu diesem Dienst bestellen.

    Wir aber wollen uns dem Gebet und dem Dienst am Wort widmen.

    Diese Lösung gefiel der ganzen Menge,

    und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glauben und Heiligem Geist,

    Philippus, Prochoron, Nikanor,

    Timon, Parmenas und Nikolaus, den Konvertiten aus Antiochia.

    Die präsentierten sie den Aposteln,

    und die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.

    Und das Wort Gottes breitete sich aus,

    und die Zahl der Jünger vergrößerte sich stark.

    Auch eine große Menge von Priestern hing dem neuen Glauben an.”


Es gab Streit in der Jungen Gemeinde. Griechen grollten Aramäern.

Aramäer, das waren die Alteingesessenen,

deren Vorfahren bereits in Jerusalem gelebt hatten -

manche vielleicht schon seit König Davids Zeiten.

Die Griechen dagegen waren zugezogen, keine echten Jerusalemer.

Und diese Griechen grollten.

Sie grollten, weil ihre Witwen bei der täglichen Unterstützung übersehen wurden.


Wie kann man in einer Gemeinde Leute übersehen,

dazu noch eine ganze Gruppe, die griechischen Witwen?

Wie konnte es passieren, dass man sie vergaß,

während man den anderen ihre tägliche Unterstützung zukommen ließ?


Man kann sich verschiedene Gründe vorstellen -

es könnte an Überlastung gelegen haben:

Es waren einfach viel zu Viele zu versorgen,

man kam nicht mehr hinterher.

Oder die griechischen Witwen könnten Opfer eines Konfliktes

zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen geworden sein.


Doch man braucht gar nicht nach Gründen zu suchen,

muss keinen bösen Willen unterstellen.

Die Witwen wurden wahrscheinlich einfach so übersehen,

wie man eben manchmal etwas oder jemanden übersieht.


Nun kann man einwenden:

Jemanden unabsichtlich übersehen, das ist doch gar nicht möglich!

Ein Mensch ist schließlich nicht so winzig oder unscheinbar,

dass man ihn oder sie einfach übersehen könnte.

Sonst würde man ja auf dem Gehsteig ständig mit anderen zusammenstoßen.

Wenn man jemanden derart übersieht,

kann nur eine böse Absicht dahinterstecken!


Aber überlegen Sie mal, mit wem Sie das letzte Mal

hier in der Schlosskirche Gottesdienst gefeiert haben.

Da waren Ihre Freundinnen und Freunde, Ihre Bekannten.

Da waren die, die Sie regelmäßig hier antreffen.

Und wer war da noch?


War da vielleicht ein fremdes Gesicht, das man gleich wieder vergaß?

War da vielleicht jemand, der Ihnen unsympathisch erschien?

Jemand, bei dem, bei der man dachte:

„Hoffentlich setzt die sich nicht neben mich!”

So wird ein Mensch unsichtbar, auch wenn wir sie oder ihn sehen.

Man sieht weg, man sieht durch ihn hindurch.


Erst, wenn man sich für einen Menschen interessiert,

bekommt er ein Gesicht und einen Namen.

Andreas, Maike, Marion, Holger, Anke, Malte oder Dirk -

so hießen meine Schulfreunde,

deren Gesichter ich vor mir sehe, während ich ihre Namen aufzähle.


Ich möchte wissen, was aus ihnen geworden ist.

Ich freute mich mit ihnen, wenn sie Glück erlebten,

und litt mit ihnen, wenn sie Kummer und Leid erfuhren.

Viele Namen, viele Gesichter sind seitdem dazugekommen.

Manche habe ich vergessen - und sie sind doch immer noch da,

wenn ich ihr Foto sehe oder ihren Namen lese.


Wenn man sich für andere Menschen interessiert,

wendet man die eigene Aufmerksamkeit von sich selbst weg.

In diesem Augenblick nimmt man sich selbst nicht so wichtig -

auch wenn man eben vielleicht noch Hunger spürte oder Schmerzen,

wenn man traurig war, ängstlich oder ratlos.


Sobald das Interesse am anderen geweckt ist, vergisst man das alles.

So selbstvergessen tun wir Menschen erstaunliche Dinge:

Wir wenden uns anderen zu, wir sind freundlich, hilfsbereit,

hören zu, machen Mut, wissen Rat.


So selbstvergessen sind wir manchmal sogar bereit, Dinge zu tun,

die wir nicht tun würden, wenn wir nur an uns denken:

Nachgeben. Einen Fehler eingestehen. Vertrauen.

Einmal etwas nicht besser wissen. Uns zurückhalten. Schweigen.


Jesus hat diese Selbstvergessenheit vorgelebt.

Als Moralapostel eine Frau zu ihm brachten,

die unmoralisch gehandelt hatte,

malte er mit dem Finger im Sand, selbstvergessen, wie ein Kind.

Als seine Jünger ihn fragten, wie man beten sollte,

lehrte er sie, das eigene Wollen zurückzustellen

und Gottes Willen geschehen zu lassen.

Als 5.000 Menschen nichts zu essen hatten,

zeigte er mit fünf Broten und zwei Fischen,

wie man satt wird, wenn man teilt.


So selbstvergessen kann nur sein und handeln,

wer sich nicht um sich selbst sorgen muss.

Wer Angst hat, zu kurz zu kommen, kann nicht großzügig sein.

Wer keine Liebe, keine Anerkennung, keinen Respekt erfährt,

wie soll der lieben können,

wie soll der andere anerkennen und respektieren?

Wer unersättlich ist, wie soll der satt werden?


Durch Christus erfahren wir die Liebe Gottes.

Wir erleben, wie sie uns durchströmt, eine unerschöfpliche Quelle.

Von Christus hören wir: Gott sieht uns.

Gott sieht uns an, wie ein guter Vater:

Liebevoll, freundlich und voller Stolz auf uns.

Darum können wir von uns ab- und andere ansehen.


Die sieben Diakone Stephanus, Philippus, Prochoron,

Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus waren Leute,

die sich von Gott gesehen wussten.

Sie waren „voll Glauben und Heiligem Geist”, wie es heißt.

Darum konnten sie von sich selbst absehen

und die Not der Witwen und anderer Menschen erkennen.


Indem sie sich für andere interessierten,

breiteten sie den christlichen Glauben aus.

Denn in der Freundlichkeit eines Stephanus

begegnete den Menschen die Liebe Gottes,

von der Stephanus erfüllt war.


Solche Freundlichkeit wirkt wie der Sauerteig,

den Jesus als Gleichnis für das Himmelreich nahm.

Sie lässt Menschen, die bisher wenig Freundlichkeit erlebten,

fragen: „Was macht, dass der so freundlich ist?”


In dem Respekt, den Philippus denen zollte, die andere übersahen,

erfuhren sie, dass sie trotz ihrer Armut Würde hatten.

Wenn Prochoron ihnen Essen brachte,

wurden sie nicht nur satt, sondern auch gesehen.

Wenn Nikanor einen Verband wechselte,

heilte er dabei manchmal auch eine seelische Wunde.

Wenn Timon Kinder unterrichtete,

zeigte er seine Begeisterung und seinen Stolz -

nicht so sehr für ihre Leistungen,

sondern für ihr je eigenes, unverwechselbares Wesen.


Kommt Ihnen die Aufzählung bekannt vor?

Bis heute ist das ein Teil der Aufgaben,

die durch die kirchliche Diakonie geleistet werden.

Damals in Jerusalem begann es.

Seitdem gibt es Diakon:innen, Gemeindepädagog:innen,

Erzieher:innen, Altenpfleger:innen, und noch so viele mehr.


In den Taten der Liebe, die sie tun, breiten sie den Glauben aus.

Die Liebe Gottes fließt durch sie auf die Menschen über, denen sie begegnen,

und durch ihre Freundlichkeit, ihren Respekt, ihre Anerkennung

blitzt das freundliche Antlitz Gottes, mit dem er sie wie uns ansieht.


Das wird den meisten von ihnen nicht bewusst sein.

Und nicht immer wird die Freundlichkeit Gottes in ihrem Handeln zu spüren sein.

Auch ein:e Diakon:in hat mal einen schlechten Tag,

auch sie, auch er ist in erster Linie ein Mensch, kein:e Heilige:r.


Wir alle sind in erster Linie Menschen, keine Heiligen.

Doch in uns allen strömt Gottes Liebe.

Auch aus uns kann Gottes Freundlichkeit zu anderen sprechen,

wenn wir uns bewusst machen,

dass unser Glas nicht halb leer ist, sondern halb voll.


Wenn wir zu sehen lernen, wie viel wir besitzen, wie gut wir versorgt sind,

wie frei wir in unserem Land leben können, und wie sicher,

statt auf hohem Niveau zu jammern über angebliche Missstände,

neidisch auf andere zu sein

und auf das zu pochen, von dem wir meinen, es stünde uns zu,

wären wir fröhliche, freundliche, umgängliche Menschen.


Es ist so viel schöner, freundlich zu sein statt barsch;

großzügig und freigiebig statt neidisch;

einfühlsam und verständnisvoll statt hartherzig und bitter -

schöner für uns, und besser für unser Miteinander.

Dazu ist nichts weiter nötig als die Erkenntnis,

dass wir keinen Mangel leiden, weil Gottes Fülle uns erfüllt,

und dass wir alles haben - Liebe, Glück und ein sinnvolles Leben -,

weil wir Gottes Kinder sind.


So sagt es Hanns-Dieter Hüsch in einem Gedicht,

mit dem ich schließen möchte:


    Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

    Gott nahm in seine Hände meine Zeit.

    Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

    mein Triumphieren und Verzagen,

    das Elend, und die Zärtlichkeit.


    Was macht, dass ich so fröhlich bin

    in meinem kleinen Reich?

    Ich sing und tanze her und hin,

    vom Kindbett bis zur Leich.


    Was macht, dass ich so furchtlos bin

    an vielen dunklen Tagen?

    Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

    will mich durchs Leben tragen.


    Was macht, dass ich so unbeschwert

    und mich kein Trübsinn hält?

    Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

    wohl über alle Welt.

Samstag, 1. August 2026

Lizenz zum Risiko

Predigt am 9.Sonntag nach Trinitatis, 2. August 2026, über Jeremia 1,4-10

Liebe Schwestern und Brüder,

James Bond, der Geheimagent seiner Majestät, wird beim britischen Geheimdienst MI6 als „007” geführt. Ein Doppel-Null-Agent hat allen anderen Geheimagenten etwas voraus: Er hat die Lizenz zum Töten. Diese Lizenz benutzt James Bond dazu, sein Ziel auf jedem Wege zu erreichen, der sich ihm bietet - je gefährlicher und spektakulärer, desto besser. Dabei müssen nicht nur Bösewichte dran glauben. Bei seinen irrwitzigen Einsätzen kommt es zu zahllosen Kollateralschäden: Maßgeschneiderte Anzüge zerreißen, Gläser und Vasen zersplittern, Mobiliar zerbricht oder geht in Flammen auf, Häuser, Autos, Schiffe, Flugzeuge explodieren. Auch seinen Dienstwagen fährt Bond jedes Mal zu Schrott. Bonds Draufgängertum treibt „M”, seine Vorgesetzte, regelmäßig zur Verzweiflung. Aber am Ende bringt seine Verwegenheit den gewünschten Erfolg, und „007” darf sich in ein neues Abenteuer stürzen.

Ein wenig James Bond steckt wohl in uns allen. In jeder und jedem schlummert eine Abenteurerin, ein Draufgänger. Es braucht nur die Lizenz zum Risiko, dass man dem Drang zum Abenteuer nachgibt. Dann schlägt man alle Sicherheiten und alle Vorsicht in den Wind, folgt der Laune des Augenblicks und macht etwas, bei dem man sich im Nachhinein eingesteht, dass es ziemlich leichtsinnig war. 

Eine Lizenz zum Risiko stellt nicht der britische Geheimdienst aus oder eine andere Organisation; man erteilt sie sich selbst. Die meisten tun das in einem Alter, in dem auch der Prophet Jeremia war, von dem wir eben in der Lesung hörten: Als Jugendliche. Hätten unsere Eltern von unseren riskanten Unternehmungen gewusst, wären sie vergangen vor Angst, und es hätte richtig Ärger gegeben. Oder sie erfuhren es, und es gab richtig Ärger. 

Auch, wenn Vorsicht, Angst oder eine strenge Erziehung von solch leichtsinnigen Unternehmungen abhielten, hat man sich zumindest ausgemalt, hat davon geträumt, einmal wenigstens die Lizenz zum Risiko zu nutzen. Einmal etwas Verrücktes, etwas Leichtsinniges, etwas Abenteuerliches zu tun!

Jeremia ist genau in dem Alter, das zu Leichtsinn und Abenteuern animiert: Er ist ein Jugendlicher. Doch Jeremia erteilt sich nicht die Lizenz zum Risiko. Er erhält eine Lizenz von Gott: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.” Das klingt fast nach einem Freibrief, wie James Bond eine Spur der Verwüstung hinter sich lassen zu dürfen - wären da nicht auch „bauen” und „pflanzen”. Als würde Gott sagen: „Du darfst alles kaputt machen, aber hinterher räumst du alles schön wieder auf!” 

Zerstören, kaputtmachen, alles kurz und klein schlagen - auch so ein Drang, den wohl jede:r von uns kennt, wie die Lust zum Abenteuer. Kinder machen gern kaputt, was sie oder andere vorher aufgebaut hatten - einen Turm aus Bauklötzen, oder eine Sandburg am Strand. 

Jeremia darf dem Zerstörungsdrang nachgeben. Aber er muss anschließend die Voraussetzungen für einen neuen Anfang schaffen, muss etwas aufbauen und anpflanzen. Dieser Auftrag ist nicht altersgerecht; das kann man von einem Jugendlichen nicht erwarten und nicht verlangen. Oder doch?

Als Jugendliche:r empfindet man so scharf und drängend wie später niemals mehr, wenn man selbst oder jemand anders ungerecht behandelt, wenn mit unterschiedlichem Maß gemessen wird. Man spürt genau, wenn jemand nur so tut als ob, wenn jemand lügt. Und nie wieder empfindet man so intensiv diese Wut, die angesichts von Ungerechtigkeit oder Verlogenheit alles kurz und klein schlagen möchte. Von Erwachsenen wird man bei solchen Wutausbrüchen mitleidig-herablassend behandelt: „Das gibt sich wieder,” sagen sie, als hätte man sich eine Erkältung eingefangen. Und tatsächlich gibt es sich: Man wird älter und lernt, dass man vernünftig und pragmatisch sein muss. Dass es nun einmal ungerecht zugeht in der Welt, und man nichts dagegen machen kann. Dass man manchmal gute Miene zum bösen Spiel machen muss. Dass man besser nicht sagt, was man wirklich denkt, weil man damit jemanden gegen sich aufbringt, der einem schaden kann.

Als Jugendliche:r hat man auch, wie später niemals mehr so klar und deutlich, eine Vorstellung davon, wie die Welt sein könnte und wie sie sein sollte, was richtig ist und was falsch. Aber die Erwachsenen erklären einem, dass diese Ideen unrealistisch sind, dass man Waffen nicht einfach abschaffen kann, dass das mit der gerechten Verteilung von Nahrung und Bildung, Wasser und Wohlstand nicht funktioniert. Es werde schon kein Krieg kommen, sagen sie, der Klimawandel werde schon nicht so schlimm, wie man befürchtet. Und vom Autofahren würde man schließlich auch profitieren. „Werde erst einmal so alt wie wir, dann siehst du schon, dass wir recht haben,” heißt es.

Eines Tages ist man so alt, wie es die Eltern damals waren. Und spürt angesichts der Verhältnisse und der Zustände im eigenen Umfeld, im Beruf und in der Welt eine bleierne Müdigkeit, die man sich nicht erklären kann.

Statt den Kick im Nervenkitzel, beim Ausprobieren der eigenen Fähigkeiten und Grenzen, im Erleben von Abenteuern zu suchen, findet Jeremia seine Herausforderung im Zerstören und Aufbauen. Doch in der Größenordnung, die Gott vorschwebt - er spricht von Völkern und Königreichen -, was soll ein 16jähriger da ausrichten?

Ein Haus abbrechen, ein Beet im Garten anlegen, würde auch schon eine Menge Zeit und Kraft kosten, aber es wäre zu schaffen. Doch das ist nicht, was Jeremia vorschwebt. Es geht ihm nicht um Selbstverwirklichung; er will die Welt verändern. Und das ist es auch, was Gott vorhat. Gott denkt in großen, in globalen Zusammenhängen, nicht in kleinen Schritten.

Aber wie soll ein Jugendlicher im globalen Maßstab ausreißen und einreißen, zerstören und verderben, wie soll er im Rahmen ganzer Länder bauen und pflanzen?

Natürlich ist nicht daran gedacht, dass Jeremia sich die Ärmel hochkrempelt, den Vorschlaghammer packt und auf die nächstbeste Wand eindrischt. Es ist keine Zerstörung gemeint, wie sie uns die Bilder aus dem Gaza-Streifen oder der Ukraine vor Augen führen. Das ist so eine naive Idee von Menschen, die ihren Kinderschuhen nie wirklich entwachsen sind: Einfach mal alles kaputt machen - eine Institution, einen Staat - und dann sehen, was passiert. Zum einen gibt es nichts Neues unter der Sonne, das wusste schon der Prediger Salomo vor rund zweieinhalbtausend Jahren. Das Neue, das auf den Trümmern des Alten entstehen soll, ist auch nicht automatisch besser. Und zum anderen haben die Erwachsenen schon recht, dass es so einfach, wie man sich Veränderungen vorstellt, nicht geht. Aber nicht, weil es so furchtbar schwer wäre, etwas zu verändern. Sondern weil alles mit allem zusammenhängt. Deshalb muss man sich gut überlegen, was man wem mit einer Veränderung zumutet und antut.

Das Werkzeug, dass Jeremia für sein zerstörerisches und aufbauendes Werk zur Verfügung hat, sind nicht Waffen, wie James Bond sie benutzt, sondern Worte. Aber was sollen Worte schon ausrichten? „Worte sind Schall und Rauch,” heißt es. Das merkt jede:r Jugendliche, der|die mit Erwachsenen diskutiert: Sie wird nicht ernst genommen. Wenn sie nicht weiter wissen, wenn sie gegen die Argumente der Jugendlichen nichts aufbringen können, ziehen Erwachsene die Alterskarte: „Werde erst einmal so alt wie wir, dann wirst du schon sehen …” Der Verweis auf das höhere Alter und die damit größere Lebenserfahrung soll das fehlende Argument ersetzen. Für Jugendliche ist das frustrierend. Ihre Worte prallen wie an einer Wand ab.

Dabei haben die Erwachsenen ja recht: Die Zusammenhänge sind komplexer und komplizierter, als Jugendliche sich das vorstellen. Das ist nicht ihre Schuld - es fehlt ihnen einfach die Erfahrung. Aber das Wissen, dass alles nicht so einfach ist, gibt Erwachsenen nicht das recht, das Anliegen der Jugendlichen damit einfach beiseite zu wischen.

Jeremia ist seinem Alter voraus: Er weiß, dass es unmöglich ist, sich als Jugendlicher Gehör zu verschaffen, von den Erwachsenen ernst genommen zu werden: „Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen,” sagt er; „denn ich bin zu jung.” 

Gott lässt diesen Einwand nicht gelten. Er besteht darauf, dass Jeremia den Auftrag ausführt, den er ihm erteilt.

Jeremia gehorcht. Sein Auftrag ist nicht in wenigen Stunden oder Tagen erledigt wie bei James Bond; er ist eine Lebensaufgabe. Er ist auch weder so glamourös noch so spektakulär, wie es Bonds Auftritte sind, obwohl „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben” ja erst einmal ziemlich gewaltig klingen. Aber wenn man mit Worten statt mit einem Hammer etwas auseinandernehmen soll, wird es gleich um ein Vielfaches mühsamer. Es reicht nicht zu sagen: Das ist falsch, das muss weg. Man muss Gründe liefern, Argumente, Beweise. Man muss seine Meinung durchsetzen. Wenn diese Meinung unbequem, wenn sie nicht angesagt, nicht opportun ist, wird das fast unmöglich. Das Jeremiabuch berichtet in 52 langen Kapiteln davon, wie Jeremia mit seiner Verkündigung immer wieder scheitert: Wie er mundtot gemacht wird, wie der König seine Mahnungen genüsslich Seite für Seite verbrennt, wie er mit ansehen muss, dass das Unheil hereinbricht, das er angekündigt hat.

Jeremia ist seinem Alter voraus. Er ahnt nicht nur, er weiß, dass es aussichtslos ist: Die Erwachsenen werden nicht auf ihn hören. Trotzdem hält er an seinem Auftrag fest, bleibt dabei, sogar, als er am Ende nach Ägypten verschleppt wird. Seine Spur verliert sich im Wüstensand … 

Der Auftrag zur Verkündigung, den Jeremia von Gott erhalten hatte, bedeutete nicht, den Menschen zu sagen, was sie hören wollten. Sein Auftrag war es nicht, sich mit Politikern anzufreunden, nett zu sein, Optimismus zu verbreiten. Sein Auftrag war es, auszureißen und einzureißen, zu zerstören und zu verderben und zu bauen und zu pflanzen. 

Gottes Wort war und ist Stachel im Fleisch - in unserem, und im Leib der Gesellschaft. Gott sagte über seine Schöpfung, dass sie „sehr gut” war. Aber wir, denen die Schöpfung anvertraut ist, dürfen es nicht gutheißen, wenn Gottes Schöpfung zerstört und missbraucht wird. Gott rief alle Menschen beim Namen und schenkte ihnen seine Liebe. Aber wir dürfen nicht zusehen und schweigen, wenn Menschen Unrecht geschieht, wenn ihnen Leid angetan wird, wenn jemand Leben beschädigt oder opfert, um seine Ziele durchzusetzen. 

Nicht alle haben den Auftrag, zu predigen. Die ihn haben, verzweifeln manchmal wie Jeremia daran, wie wenig sie mit ihrer Predigt ausrichten. Sie erschrecken vor der Lizenz, die sie von Gott erhalten haben, „auszureißen und einzureißen, zu zerstören und zu verderben, und zu bauen und zu pflanzen.” Die Versuchung ist groß, diese Lizenz zu verschweigen. Wer hat schon die Nerven eines James Bond und den Mut, es mit anderen aufzunehmen? Wie gern möchte man dazu gehören, Nettes sagen und Freundlichkeit verbreiten. Möchte geliebt werden statt zu nerven, bewundert werden, statt dass andere Intrigen spinnen, wie man am schnellsten aus dem Weg geräumt wird.

Nicht alle haben den Auftrag, zu predigen. Aber der Glaube fordert uns alle immer wieder auf, zu sehen, wo wir stehen, und eine Seite zu wählen: Heulen wir mit den Wölfen, oder wagen wir es, uns an die Seite derer zu stellen, die von Wölfen bedroht werden? Lassen wir uns von Gottes Wort herausfordern und infrage stellen, oder wollen wir nur hören, dass alles gut ist, dass wir ganz in Ordnung sind? Ertragen wir es, die Welt zu sehen, wie sie ist, oder behalten wir lieber die rosa Brille auf, die alles weichzeichnet?

Gott fordert Jeremia auf: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.” Nicht nur Jeremia braucht Mut. Der Glaube stellt auch uns vor Entscheidungen, die Courage verlangen. Wir hatten einmal die Lizenz zum Risiko, oder träumten davon. Was ist daraus geworden? Der Mut, den der Glaube braucht, ist nicht nur der Mut zu Widerstand und Widerspruch, der Mut, sich zu den Außenseitern zu stellen, selbst ein:e Außenseiter:in zu sein. 

Zunächst braucht der Glaube den Mut, sich darauf zu verlassen, dass Gott tatsächlich bei uns ist und uns retten wird. Man kann es niemandem verdenken, dem dieser Mut fehlt. Das Jeremiabuch selbst zeigt eindrücklich, was Jeremia alles erleiden und aushalten musste, bis hin zu seiner Verschleppung und einem ungewissen Schicksal. Unser Glaube ist keine Garantie, dass das Leben uns unversehrt und unbeschadet lässt. Doch unser Glaube hält die Träume lebendig, die wir schon als Jugendliche hatten. Er hält die Flamme des Zorns lebendig, die aufloderte, wenn wir Ungerechtigkeit oder Verlogenheit erlebten. Der Glaube hält uns lebendig in einem Leben, das mindestens so aufregend ist wie das von James Bond, auch wenn uns zum Glück keine Kugeln um den Kopf und keine Autos in die Luft fliegen. Denn einen James Bond gibt es nur in der Phantasie. Unser Leben ist real. Und wenn wir wollen, werden wir die Welt verändern.

Sonntag, 26. Juli 2026

bei Lichte betrachtet

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2026, über Johannes 9,1-7


Liebe Schwestern und Brüder,

„wer hat gesündigt, der blind Geborene oder seine Eltern?”

Eine Frage, bei der wir eigentlich kollektiv die Luft anhalten, bei der wir eigentlich leise oder laut murren müssten: Wie kann man angesichts einer Behinderung nach Schuld fragen!? Wie kann man auf den Gedanken kommen, die Eltern könnten etwas dafür, dass ihr Kind blind geboren wurde!? Wie zynisch, wie unmenschlich ist das!

Aber wir haben nicht die Luft angehalten. Wir haben nicht gemurrt, nicht einmal heimlich, fürchte ich. Wir sind solche Fragen gewohnt; man kennt das, wenn man mit biblischen Texten vertraut ist. Da wird ein Zusammenhang hergestellt und als selbstverständlich vorausgesetzt: Ein Zusammenhang zwischen dem, was jemand getan hat und dem, was ihr oder ihm widerfährt: Der sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang”. 

Er besagt: Wer etwas Schlimmes erlebt, wer z.B. krank wird, muss vorher etwas Schlimmes getan, muss „gesündigt” haben. Dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang findet sich nicht nur an vielen Stellen des Alten Testaments. Zur Zeit Jesu wurde auch noch so gedacht; darum fragen die Jünger. Es kommt uns nicht in den Sinn, dass eine solche Frage nach der Schuld an einer Krankheit oder nach der Schuld an einer körperlichen Behinderung auch damals schon problematisch gewesen sein könnte.

So ist das generell mit Formulierungen: Man gewöhnt sich viel zu schnell an sie und hört nicht hin. Man nimmt nicht wahr, welchen Sprengstoff ein Wort, ein Satz birgt, welche Gemeinheit er enthält, wie ungerecht er ist. Worte wie „entartet”, „Asozialer” oder „Sozialschmarotzer”. Sätze wie „Ausländer raus” oder „Wir sind das Volk!”

Der Ausruf „Wir sind das Volk” wurde übrigens nicht auf den Montagsdemos vor der Wende 1989 und danach erfunden. Er stammt vom Philosophen Martin Heidegger; er äußerte ihn in einer Vorlesung, die er im Jahr 1934 hielt. Darin verklärte er die Machtergreifung durch Adolf Hitler als eine „geschichtliche Sendung” des deutschen Volkes, das sich dem Willen Hitlers unterwerfen müsse, weil es nur so zu seiner wahren Bestimmung gelange.

Viktor Klemperer hat solche Worte und Sätze in seinem Buch „LTI” - „Lingua Tertii Imperii” (Die Sprache des Dritten Reiches) - gesammelt. Nicht aus Freude an der Vielfalt oder dem Streben nach Vollständigkeit wie jemand, der Briefmarken sammelt. Sondern um nachkommende Generationen zu lehren, wachsam zu bleiben und genau hinzuhören.

Und tatsächlich gibt es heute wieder eine Partei, die sich der „Sprache des Dritten Reiches” bedient und mit den Grenzen der Sprache auch die Grenzen des Denkens verschiebt. Was man früher aus gutem Grund nicht dachte und erst recht nicht sagte, wird heute ausgesprochen und gesellschaftsfähig; Worte und Formulierungen, die sich auch in Klemperers „LTI” finden könnten, wie die „Kopftuchmädchen” und „Messermänner”.

ii

Nun ist die Frage der Jünger, ob der von Geburt an Blinde oder seine Eltern Schuld an seiner Behinderung seien, nicht vergleichbar mit der widerwärtigen Sprache des sogenannten „Dritten Reiches”. Aber wie das Gift der „LTI” damals in die Herzen und Hirne eingesickert ist und heute wieder einsickert, so verbreitet sich auch das Gift eines naiv verstandenen Tun-Ergehen-Zusammenhanges.

Denn schon im Alten Testament, im Buch Hiob, wird dieser scheinbare Zusammenhang ad absurdum geführt: Hiob ist ein rechtschaffener Mann, der nach Gottes Geboten lebt und sich nichts zuschulden kommen lässt. Trotzdem verliert er alles, was er hat, und wird schwer krank. Seine Freunde, die ihn zu trösten kamen, drängen ihn dazu, seine Schuld einzugestehen. Bei all ihrer Sympathie für Hiob: Irgendetwas muss er falsch gemacht haben, sonst wäre ihm das Unheil nicht widerfahren.

Aber Hiob weiß, dass er unschuldig ist, und besteht auf seiner Unschuld. Am Ende ergreift Gott Partei für Hiob. Gegen seine Freunde, die meinen, Gottes Willen zu verstehen und zu vertreten. Aber auch Hiob kann, trotz seiner Unschuld, vor Gott nicht bestehen - das gibt er am Ende kleinlaut zu.

Gott greift nicht strafend oder belohnend in unser Leben ein. Dennoch ist er allmächtig: Gott hat die Welt geschaffen; sie folgt den Regeln, die er festgesetzt hat. Gott tut, was er will. Und will das Gute, will Gerechtigkeit für uns und für die Welt. Dieses Gute, diese Gerechtigkeit wird er durchsetzen - bloß nicht dann, wenn wir es meinen oder erwarten.

Die Lösung, die das Hiobbuch beschreibt, verlegt die Macht, über unser Leben zu entscheiden, von unseren in Gottes Hände. Das widerspricht unseren Erfahrungen, dass Gott nicht in unser Leben eingreift. Wir entscheiden selbst, wie wir leben, was wir tun wollen. Wir müssen die Folgen unserer Entscheidungen tragen und mit den Folgen unserer Entscheidungen leben.

iii

Ja, das müssen wir. Aber dafür sind unsere Entscheidungen oft reichlich unüberlegt. Wir können ohnehin nicht alle Eventualitäten kennen und abwägen. Im Moment der Entscheidung können wir nicht absehen, wohin uns die Entscheidung führt. Die meisten Entscheidungen werden „aus dem Bauch heraus” getroffen, aus der Laune des Augenblicks, oder weil es sich gerade so ergibt.

Vor allem so weitreichende Entscheidungen wie die Wahl des Wohnortes oder des Berufes, die Entscheidung für eine Partnerin, einen Partner, die Gründung einer Familie, die Wahl des Hobbys, mit dem man sich ein Leben lang beschäftigt.

Wenn es gut gegangen und man glücklich ist, staunt man und ist dankbar, wie sich alles „gefügt” hat. Wenn einem Böses widerfährt, sich Entscheidungen als falsch erweisen; wenn man im Leben falsch abgebogen und in einer Sackgasse gelandet ist, hadert man mit seinem Schicksal, fragt man Gott nach dem Warum, fragt man wie Hiob nach seiner Schuld.

Es fällt leicht, das Gute als Gabe aus Gottes Hand anzunehmen. Schweres, Leidvolles empfindet man nicht als Gabe, sondern als Strafe Gottes. Natürlich. Wie sollte eine Krankheit, der Verlust eines lieben Menschen, Leid, das man durch andere erfährt, ein Geschenk Gottes sein? Es ist aber zu kurz gedacht, wenn wir das, was wir als gut empfinden, als Gabe, gar als Belohnung Gottes ansehen und das, was uns als unangenehm oder leidvoll erscheint, als Strafe.

So leicht lässt sich die Grenze zwischen Gut und Böse nicht immer ziehen. Mein Vater z.B. erbte als einziger Sohn seiner Eltern den Hof, auf dem Generationen vor ihm gewirtschaftet hatten. Einen Hof zu erben gilt gemeinhin als etwas Gutes. Mein Vater aber wollte lieber etwas lernen. Er träumte davon, zu studieren und Förster zu werden. Sein Leben lang war er unglücklich, weil er diesen Traum nicht verwirklichen konnte, weil er den Hof übernehmen und Landwirt werden musste.

Wie ist das nun mit der Entscheidung? Wer hat sie getroffen? Es scheint, als ob wir auf die Entscheidungen, die unser Leben am meisten betreffen, oft den geringsten Einfluss haben. Wir müssen uns irgendwie mit dem arrangieren, was aus der Entscheidung folgt. Manchen gelingt das. Manche machen sogar etwas Gutes daraus. Andere, wie mein Vater, hadern ihr Leben lang damit. War das Gottes Wille?

iv

Und wie sieht es mit dem aus, wofür wir gar nichts können? Die Jünger fragen, ob der blind Geborene mit seiner Behinderung eine Schuld der Eltern abträgt. Bei den Propheten Jeremia und Ezechiel taucht diese Vorstellung auf: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen sind die Zähne davon stumpf geworden,” heißt es da. Dieses Bild will sagen, dass das Leben der Kinder manchmal von den Fehlern ihrer Eltern bestimmt wird.

In der heutigen Forschung spricht man von „transgenerationeller Weitergabe von Schuld” - Schuld, die von einer Generation an die andere quasi vererbt wird. Man hat festgestellt, dass besonders die Enkel unter der - tatsächlichen oder gefühlten - Schuld ihrer Großeltern leiden. So wurden Enkel von Überlebenden des Holocaust krank, weil ihre Großeltern Schuldgefühle hatten, dass sie überlebt hatten, ihre Eltern, Geschwister oder Freunde nicht. Und Enkel der Täter des sogenannten „Dritten Reichs” schämen sich bis heute für das, was ihre Großeltern taten, und leiden darunter.

Wenn man zwischen dem, was man tat, und dem, was einem widerfährt, einen Zusammenhang herstellt und dabei Gott aus dem Spiel lässt, kann das viel Leid und Schmerz verursachen. Darum lehnt Jesus die Frage der Jünger ab: Keiner hat gesündigt, weder der Blinde, noch seine Eltern. Das, was man erlebt, ist nicht die unmittelbare Folge unserer Taten - es sei denn, man haut sich mit dem Hammer auf den Daumen.

Wenn man das ernst nimmt, wird man sich hüten, Menschen für das Leid mit verantwortlich zu machen, das sie erfahren. Denn auch das ist eine falsche Anwendung des Zusammenhangs von Tun und Ergehen: Dass man bis heute unterstellt, wie es Hiobs Freunde tun, jemand, der leidet, müsse einen Anteil daran haben. Auch wenn wir es besser wissen, können wir uns nicht vorstellen, dass jemand nichts dafür kann, dass es ihr oder ihm so ergeht.

Darum funktioniert Mobbing so gut: Weil man sich nicht vorstellen kann, dass die Person, die da von anderen gequält wird, unschuldig ist. Irgendwas muss sie doch getan haben, dass sie gemobbt wird. Irgendwie wird sie es schon verdienen. Ganz ohne Grund wird doch niemandem etwas Böses angetan.

Und darum funktioniert üble Nachrede so gut: Weil wir bereit sind zu glauben, dass der, dem Übles nachgesagt wird, auch schlecht sein muss. Man kann sich nicht vorstellen, dass man anderen ohne Grund Schlechtes nachsagt.

Doch. Es gibt Menschen, und es sind gar nicht wenige, die andere grundlos quälen oder über andere herziehen. Natürlich haben sie für sich einen Grund - es geht ihnen um Macht, um Rache, oder sie sind neidisch. Aber der, der da gequält wird, hat nichts getan, womit er diese Behandlung verdiente.

Und selbst wenn er oder sie etwas Falsches getan hätte, so muss man doch fragen, ob man überhaupt einen Menschen quälen darf. Ob nicht jeder Mensch einen fairen Umgang verdient - sogar der, der sich selbst nicht fair verhält.

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Wo man hinnimmt, was geschieht, oder sogar unterstellt, der, die andere habe eine Mitschuld an dem, was ihr widerfährt, herrscht „die Nacht, in der niemand wirken kann.” Wenn man einfachen Parolen glauben schenkt oder sie sogar nachplappert. Wenn man nicht zusammenzuckt bei einem Satz, der Menschen ausgrenzt oder ihnen das Menschsein abspricht. Nicht dem Wort widerspricht, das Menschen erniedrigt und demütigt.

In solcher Umnachtung der Vernunft werden Ungeheuer geboren. Werden Menschen zu Sündenböcken gemacht, gebrandmarkt und schließlich verfolgt. Werden Menschen ausgegrenzt und verächtlich gemacht nur, weil sie nicht so sein können oder nicht so leben wollen, wie es eine andere Gruppe will. In solcher Umnachtung der Vernunft glaubt man an den Zusammenhang vom Tun und seinen Folgen, bringt man menschenverachtende Parolen an Gefängnissen an wie die von der Arbeit, die frei macht.

Jesus nennt sich „das Licht der Welt”. In diesem Licht sollen wir unsere Entscheidungen fällen, betrachten und bedenken. Im Lichte dessen, der die Liebe ist und sich als Mensch seinen Mitmenschen zuwandte. In diesem Licht haben weder der blind Geborene gesündigt, noch seine Eltern. In diesem Licht sind wir verantwortlich für unsere Entscheidungen und verdienen zugleich Mitgefühl und Mitleid, wenn sie uns auf Wege geführt haben, die wir nicht gehen wollten.

Jesus, das Licht der Welt, ist das Lese-Licht, mit dem wir unser Leben lesen und das unserer Mitmenschen. Im Licht der Liebe Gottes gilt uns und allen Menschen Respekt; gilt uns und allen Menschen die Unschuldsvermutung; gilt allen Menschen die Liebe, die auch wir zum Leben brauchen. Wenn wir sie ihnen nicht geben können, so haben sie doch verdient, dass ein:e andere:r sie ihnen gibt. Und dass wir die Liebe, die ihnen gilt und die wir nicht geben können, zumindest nicht verhindern durch Neid oder Bosheit.

Um die Welt im Licht der Liebe Gottes zu sehen, müssen einem erst die Augen geöffnet werden. Wenn es um Jesus, das Licht der Welt geht, sind wir alle blind Geborene. Wir wussten nichts von Gottes Liebe, bis Jesus uns die Augen dafür öffnete, indem er uns liebevoll anrührte.

Manche Menschen haben diese Berührung bis heute nicht erfahren. Manche fürchten sich davor, ins Licht der Liebe Gottes zu geraten. Sie haben Angst davor, sich mit den Augen Gottes zu sehen, weil sie nicht an Gottes Liebe glauben können, an Gottes Vergebung und Barmherzigkeit.

Gebe Gott, dass Jesus auch ihre Blindheit eines Tages heilen wird.

Sonntag, 28. Juni 2026

Umgang mit der Wut

Predigt am 4.Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2026, über Römer 12,17-21


Liebe Schwestern und Brüder,


„wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen;

dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.

Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.”


Einer der einprägsamen Sätze der Bibel.

Wer ihn einmal gelesen hat, der vergisst ihn nicht so schnell.

Wahrscheinlich liegt es am drastischen Bild, das er zeichnet:

feurige Kohlen auf dem Kopf - stellen Sie sich das mal vor!

Das mag man sich gar nicht vorstellen.

Aber wie mit dem rosa Elefanten, an den man nicht denken soll

und gerade deshalb an ihn denkt,

so ist es auch mit den glühenden Kohlen auf dem Haupt:

Wenn der Gedanke erst einmal da ist, bleibt er.


Unangenehm ist er, dieser Gedanke.

Und darum geht es auch, denke ich.

Der Satz will nicht ausmalen,

wie schrecklich und schmerzhaft es sein muss,

wenn glühende Kohlen Haar und Haut versengen.

Es geht ihm um das Unangenehme,

das man allein bei der Vorstellung empfindet:

So fühlt sich ein Feind, dem wider Erwarten Gutes getan wird.


Denn ein Feind rechnet nicht damit,

von seinem Gegner zu Essen und zu Trinken zu bekommen.

Wenn der Feind in diese Verlegenheit käme,

wäre er in der Hand seines Gegners, er wäre sein Gefangener.

Solange er die Oberhand behielt,

nahm er sich einfach, was er brauchte.

Im Krieg ist alles erlaubt - jedenfalls fragt keiner,

woher das Brot und der Trank kam.


Wer aber Speis und Trank überreicht bekommt,

stellt keine Bedrohung mehr dar.

Der hat die Waffen aus der Hand gelegt -

sonst könnte er die Nahrung nicht annehmen.

Ob er das aus freien Stücken tat, oder weil er besiegt wurde:

er ist seinem Gegner unterlegen, der ihm Essen spendet.


Öffentlich als unterlegen dazustehen ist peinlich -

und wem etwas peinlich ist, der bekommt einen roten Kopf,

rot wie glühende Kohlen.

Da ist es, das Bild von den Kohlen auf dem Haupt.

Es meint eigentlich die Schamesröte,

die das Gesicht zum Glühen bringt.


Die Großzügigkeit des Gegners beschämt den Feind.

Ist das der Sinn der Übung?

Wenn ja, wäre das auch eine Form der Gewalt.

Man nennt sie „passive Aggression”.

Der Name weist darauf hin,

dass dabei Gewalt nicht sichtbar ausgeübt wird.

Nach außen hin ist man ganz friedlich.

Man versetzt dem anderen heimlich einen Hieb,

von dem er oft erst hinterher etwas bemerkt.


Z.B. durch ein vergiftetes Kompliment:

„Dafür, dass du total ungeschickt bist,

hast du es doch noch ganz gut hingekriegt.”

Erst auf den zweiten Blick merkt man,

dass einem gerade eine große Unverschämtheit gesagt wurde.


Oder durch die sogenannte „Schuldumkehr”:

„Es tut mir leid, dass du dich durch meine Bemerkung gekränkt fühlst.”

Auch hier bemerkt man die Gemeinheit erst im Nachhinein:

Statt sich für die Kränkung zu entschuldigen,

schiebt der andere einem selbst die Schuld in die Schuhe:

Man hat ihn angeblich einfach nicht richtig verstanden.


Die passive Aggression kommt ganz friedlich daher.

Unter dem Deckmantel eines Komplimentes

oder einer vorgeblichen Entschuldigung tut sie dem anderen weh.

Weil sie so gut getarnt ist, merkt man nicht gleich,

welche Gemeinheit einem da untergejubelt wurde.

Wenn man es bemerkt, ist es für eine Entgegnung meist zu spät.


Passive Aggression kommt überall da vor,

wo nach außen hin der Schein von Geschwisterlichkeit,

Friede und Freundlichkeit gewahrt werden muss.

Also ganz besonders in der Kirche.

Unter Christenmenschen ist es verpönt, zornig oder wütend zu sein.

Wir sollen uns doch alle lieben!


Aber auch unter Christenmenschen gibt es Neid oder Zorn auf den anderen,

fühlt man sich gekränkt, zurückgesetzt, verletzt.

Diese Gefühle müssen irgendwo hin;

man kann seine Wut nicht dauerhaft herunterschlucken.

Wenn man aber nicht wütend sein darf,

frisst man entweder die Wut in sich hinein und wird krank davon -

oder man findet Wege, dem anderen eins auszuwischen:

Die passive Aggression.


Die glühenden Kohlen auf dem Haupt gehören aber nicht dazu.

Denn sie existieren nur in der Vorstellung dessen,

der seinem Feind etwas zu Essen und zu Trinken gibt;

der Feind selbst merkt nichts von diesen Gedanken.

Er empfindet allenfalls die Beschämung,

von seinem Gegner so freundlich behandelt zu werden.


Die Vorstellung, dem anderen glühende Kohlen aufs Haupt zu häufen,

ist ein Ausweg aus dem Dilemma,

die Wut entweder in sich hineinzufressen

oder es dem anderen passiv-aggressiv heimzuzahlen.


An vielen Stellen der Bibel finden sich solche Bilder,

die dem Feind in der Phantasie etwas Schlimmes antun oder wünschen.

Am furchtbarsten ist wohl der Schluss des 137. Psalms, der so beginnt:


„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,

wenn wir an Zion gedachten.

Denn dort hießen uns singen,

die uns gefangen hielten,

und in unserm Heulen fröhlich sein.”


Dieser Psalm endet mit den schrecklichen Worten:


„Tochter Babel, du Verwüsterin,

wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast!

Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt

und sie am Felsen zerschmettert!”


Wie können solche Worte in der Bibel stehen?

Wie kann man so etwas Schlimmes auch nur denken?


Es ist ein gewaltiger Unterschied,

ob man sich etwas vorstellt, oder ob man es auch tut.

Eine Vorstellung von etwas führt nicht zwangsläufig zur Tat.

Im Gegenteil: Manchmal reicht es, sich etwas vorzustellen;

man muss es dann nicht mehr tun.

Man schämt sich vielleicht sogar dafür,

dass man dem anderen so etwas Schlimmes gewünscht hat.


Die Kirche hat auch die Gedanken zur Quelle der Sünde erklärt:

„Ich habe gegen dich gesündigt in Gedanken, Worten und Werken,”

heißt es im Schuldbekenntnis.

Als sündig galten vor allem sexuelle Träume.

Aber auch dem Feind Böses zu wünschen,

wie es der 137. Psalm tut, war Sünde.


Aber ein Feind ist ja nicht einfach nur jemand,

der mich nicht mag, der mich gekränkt oder beleidigt hat.

Ein Feind ist jemand, der mich bekämpft.

Der mir schaden, mir Böses tun, mich vernichten will.

Das merkt man, wenn man seinem Feind gegenübersteht,

schon bevor man den ersten Hieb erhalten hat.


Wenn man so persönlich angegangen wird,

wenn man weggewünscht, weggemobbt, weggejagt wird -

sollte man dann nicht zornig sein?

Natürlich ist man zornig, so wie man Schmerz empfindet,

wenn man geschlagen wird, sich schneidet oder stößt.


Diesen Zorn empfindet man, man kann gar nicht anders.

Es wäre fahrlässig, ihn zu unterdrücken,

denn er sucht sich und findet ein Ventil.

Aber zwischen dem Empfinden des Zorns

und dem Wutausbruch liegen Welten,

genau wie zwischen dem Gedanken und der Tat.


Um den Zorn nicht ausleben zu müssen,

um ihn aber auch nicht in sich hineinzufressen,

kann man sich in Gedanken ausmalen,

was man seinem Feind alles antun,

was man ihm an Bösem und Schlechtem wünschen würde.


Dann braucht man es nicht mehr zu tun.

Dann kann man wieder klar sehen und erkennen,

dass auch der Feind ein Mensch ist,

der Hunger hat und Durst,

im wörtlichen und im übertragenen Sinn.


Die Israeliten waren Gefangene in Babylon.

Sie waren nicht in der Lage, sich an ihren Feinden zu rächen

und ihnen heimzuzahlen, was sie ihnen angetan hatten.

Das Land Israel war immer schon ein Spielball der Mächte,

das Volk Israel Opfer ihrer Schach- und Winkelzüge.

Sie konnten sich nicht wehren.

Sie konnten aber in den Psalmen ihrer Wut und Verzweiflung Ausdruck geben.


Wer schwach, klein und unterlegen ist,

dem bleibt nur das Schimpfen und Fluchen.

Das ist keine Schwäche - im Gegenteil: Es ist eine Stärke.

Wer dem Feind glühende Kohlen aufs Haupt wünschen kann,

muss ihn nicht sein Haus anzünden.


Um Gewalt zu verhindern, muss man Hass und Zorn einen Raum geben,

in dem sie keinen Schaden anrichten können: Unseren Kopf.

Um die Feinde lieben und ihnen Brot und Trank reichen zu können,

muss man die Wut, den Schmerz, den Zorn empfunden haben,

den ihre Feindschaft anrichtete.


Wenn man diese Gefühle zulassen und ihnen Raum geben konnte,

ohne sie auszuleben und in die Tat umsetzen zu müssen,

kann man das Messer aus der Hand legen

und dem Feind mit Brot in der Hand gegenübertreten.

Erst wer das Böse in sich selbst überwunden hat,

kann Böses mit Gutem überwinden.