Sonntag, 26. April 2026

Was soll ich mir wünschen?

Predigt am Sonntag Jubilate, am 26. Apri 2026, über Johannes 15,1-8


Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie die Geschichte von Herrn Taschenbier und dem Sams?
Eines Samstags bekommt Herr Taschenbier,
ein unauffälliger und bescheidener Beamter, Besuch
von einem ziemlich vorlauten und frechen Wesen, dem Sams,
das erklärt, dass es von nun an bei ihm wohnen werde.
Das Sams ist mit blauen Punkten übersät
und bringt Herrn Taschenbier ständig in Verlegenheit,
weil es mit mit dem Alltag und den Regeln des Anstands nicht vertraut ist.

Wenn Herr Taschenbier aber „Ich wünsche mir …” sagt,
macht es sofort, was er will.
Als er sagt: „Ich wünsche mir, dass du still bist,”
schweigt es eisern, sodass er sich wünschen muss,
dass das Sams wieder spricht – worauf es sofort losplappert.

Allerdings muss Herr Taschenbier höllisch aufpassen,
dass er seinen Wunsch ganz genau formuliert.
Das Sams nutzt nämlich den kleinsten Spielraum,
um die Wünsche nach eigenem Ermessen auszulegen -
was zu chaotischen und sehr lustigen Situationen führt -
und Herrn Taschenbier jedes Mal etliche Wünsche kostet.

Zu spät wundert er sich darüber,
dass die blauen Punkte am Sams weniger werden.
Und erst, als nur noch ein einziger blauer Punkt vorhanden ist,
wird ihm klar, dass das jedes Mal passiert,
wenn er: „Ich wünsche mir“ sagt.
Er begreift, dass das Sams ihm jeden Wunsch erfüllen kann.

Das Sams erklärt ihm, dass es ihn verlassen muss,
wenn sein letzter Punkt aufgebraucht ist.
Herr Taschenbier stellt überrascht fest,
dass er dieses seltsame Wesen liebgewonnen hat.
Er möchte nicht, dass es ihn verlässt.
Er hütet sich sehr, noch einmal „Ich wünsche mir” zu sagen
und überlegt fieberhaft, wie er den letzten Punkt richtig nutzen sollte.

Schließlich hat er die – seiner Ansicht nach geniale – Idee:
Herr Taschenbier wünscht sich eine Wunschmaschine!
Sie wird prompt frei Haus geliefert.
Leider kann er sie nicht in Betrieb nehmen.
„Du hast vergessen, dir einen Stecker dazu zu wünschen,”
erklärt ihm das Sams – und ist verschwunden.

„Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,
werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren,”
sagt Jesus seinen Jüngern.
Klingt das nicht sehr nach einer Wunschmaschine?
Bitten, was man will, und es wird geschehen – wie großartig das wäre!
Unwillkürlich überlegt man,
was man sich wünschen würde, wenn man sich alles wünschen könnte.

Natürlich darf es nichts rein Materielles sein.
Eine Villa scheidet wohl aus, ebenso eine Weltreise, ein teures Auto.
Auch, dass der eigene Verein dieses Jahr Meister wird,
darf man sich wohl nicht wünschen.
Warum eigentlich nicht?
Warum sollte man sich nicht wünschen dürfen,
reich zu sein, oder wieder jung, oder gutaussehend,
oder gleich alles zusammen?

Weil Jesus das wohl nicht gutheißen würde.
Er selbst widerstand der Versuchung des Satans,
sich in der Wüste Brot zu verschaffen,
obwohl er nach 40 Tagen Fasten furchtbar hungrig gewesen sein musste.
Und auch das Angebot, Weltherrscher zu werden,
lehnte Jesus sehr energisch ab
und befahl dem Satan, sich zum Teufel zu scheren.
Offenbar bedeutet „bitten, was ihr wollt” nicht,
dass jeder unserer Wünsche erfüllt wird -
das bestätigt uns ja auch die Erfahrung.

Wie aber sieht es mit der Gesundheit aus?
„Alle Wünsche werden klein gegen den, gesund zu sein,” sagt ein Sprichwort.
Gesundheit wird doch wohl ein legitimer Wunsch sein -
besonders, wenn man sie nicht für sich selbst wünscht,
sondern für jemanden, der oder die krank geworden ist.

Wenn man für sich oder für jemand anderen Gesundheit wünscht,
erwartet man im Grunde für sich eine Ausnahme von einer Regel,
die für alle gilt: Alle Menschen werden einmal krank.
Aber für mich – oder für den Menschen, den ich lieb habe -
soll diese Regel nicht gelten.

Dass für mich eine Ausnahme von der Regel gemacht wird,
ist ein weit verbreiteter Wunsch – wohl jede:r hat ihn schon gehabt.
Ob es eine lästige Pflicht ist, die man umgehen möchte;
der Wunsch, etwas zu erreichen, ohne sich dafür anstrengen.
ohne sich dafür einschränken zu müssen;
oder ob man hofft, dass ein Fehler nicht entdeckt,
das Übertreten eines Verbots nicht geahndet wird.

Wer einmal in die Position gelangt,
die Regeln setzen oder mitbestimmen zu können,
erliegt oft der Versuchung, für sich eine Ausnahme zu machen,
frei nach dem Orwellschen Motto:
„Alle sind gleich, aber einige sind gleicher als die anderen.”
Jedenfalls fällt es vielen Leitungskräften
in Wirtschaft, Politik, Verwaltung und auch in der Kirche schwer,
sich an Regeln zu halten, die sie befolgen mussten,
als sie noch nicht in dieser Position waren.

Auch den Wunsch nach einer Ausnahme von dem,
was für alle gleichermaßen gilt, würde Jesus wohl nicht gutheißen.
Er selbst verlangte für sich keine Ausnahme.
Er versuchte nicht einmal,
sich gegen seine offensichtlich ungerechte Verurteilung zu wehren;
tat nichts, was ihm den Weg ans Kreuz erspart hätte.

Was aber wäre denn ein legitimer Wunsch,
nachdem so viele mögliche Wünsche wegfallen?

Jesus beschreibt im Evangelium
das Verhältnis der Gläubigen zu ihm mit einem Bild -
dem Bild vom Weinstock und seinen Reben.
Man könnte auch sagen -
(weil es hier kaum Weinstöcke als Anschauungsmaterial gibt) -
Jesus benutzt das Bild vom Stamm und seinen Zweigen:

Jesus ist der Stamm. Die Gläubigen sind die Zweige.
Sie hängen vom Stamm ab,
werden von ihm mit dem zum Leben Nötigen versorgt.
Wenn man einen Zweig vom Stamm abschneidet, vertrocknet er.
Ohne die Verbindung zum Stamm kann er nicht leben.
Mehr noch: ohne Verbindung zum Stamm kann er auch nichts leisten -
„Frucht bringen” nennt Jesus das.
Aus eigener Kraft kann ein Zweig keine Früchte hervorbringen.

Diese Verbindung der Zweige zu ihrem Stamm ist existentiell:
Sie betrifft die Existenz, sie betrifft das Leben.
Es kommt alles darauf an, ob man das selbst so sieht:
Ob man diesem Bild vom Stamm und den Zweigen zustimmt
und ob man diese Abhängigkeit, die das Bild beschreibt,
auch auf sich bezieht, mit anderen Worten:

ob man ohne Jesus nicht leben kann.

Natürlich kann man ohne Jesus leben.
Das beweisen die Vielen, die nicht Christen sind.
Die Mehrheit der Menschheit glaubt nicht an Gott
und kann sehr gut ohne Jesus leben.
Warum sollten wir es nicht auch können?
Oder, anders gefragt:
Warum sollte der Glaube für uns lebenswichtig sein,
wenn er es doch für so viele andere nicht ist?

Durch den Glauben an Jesus entdecken wir,
dass wir Gottes Kinder sind, von Gott über alle Maßen geliebt.
Geliebt nicht, weil wir etwas können, etwas leisten;
geliebt nicht, weil wir „gut” sind oder uns darum bemühen.
Sondern um unserer selbst willen geliebt,
so, wie wir sind, und manchmal, obwohl wir so sind, wie wir sind.

Durch den Glauben an Jesus entdecken wir in uns
auch so etwas wie einen „harten Kern”,
der von außen nicht zerstört werden kann -
weder durch Kummer und Leid,
noch durch Bosheit und Gehässigkeit.
Dieser harte Kern ist Christus,
der Stein des Anstoßes, der zum Eckstein geworden ist.

Er ist das Fundament, auf dem wir innerlich stehen und „Nein!” sagen,
wenn wir etwas nicht richtig finden, etwas nicht wollen.
Auf diesem Fundament halten wir dieses Nein!
auch gegen eine Übermacht anderer Meinungen aus.
Der harte Kern Jesus, den wir in uns finden,
macht es uns möglich, Rückgrat zu haben und Rückgrat zu zeigen.

Vor allem aber entdecken wir durch den Glauben,
dass wir Gott lieben, wie wir von ihm geliebt werden.
Wir stehen in einer Beziehung mit Gott.
Diese Beziehung bedeutet uns viel, sie bedeutet uns alles,
auch ohne dass wir etwas davon „haben” -
so, wie wir ja auch unsere Partnerin, unseren Partner,
wie wir unsere Kinder, unsere Eltern um ihrer selbst willen lieben.

Wir wollen nicht ohne Jesus leben, weil wir ihn lieb haben.
Wir wollen bei Jesus bleiben.
Aber nun sagt Jesus zu seinen Jüngern:
„Bleibt in mir und ich in euch.”

Man kann aber nicht in einem Menschen „bleiben”.
Man kann nur bei jemandem bleiben.
Auch die Zweige sind ja nicht in dem Stamm, sondern an dem Stamm.

Man kann allerdings in einem Ort bleiben - in Schwerin zum Beispiel.
Wenn Jesus sagt, dass man in ihm bleiben soll,
dann geht es also um einen Ort.
Was kann das für ein Ort sein?

Eigentlich doch nur eine Gemeinde,
so wie diese - unsere – Gemeinde.

Doch eine Gemeinde kann nicht Jesus sein -
dafür menschelt es zu sehr in ihr.
Es gibt Animositäten, manchmal sogar richtige Feindschaften,
es gibt Ärger oder Streit.

Die gibt es in jeder Beziehung.
Auch zwischen Liebenden gibt es Missverständnisse, Kränkungen;
man streitet sich und müht sich, die Scherben wieder zu kitten.
Streit kann Beziehungen zerstören,
er kann sie aber auch festigen und widerstandsfähiger machen.
Denn er zerstört die Illusionen, die man übereinander hatte.

Eine Gemeinde ist kein Freundeskreis –
auch eine Illusion, die man über eine Gemeinde haben kann.
Man kann und man muss nicht jede und jeden mögen
oder gar lieben, der zur Gemeinde gehört.
Aber die Gemeinde hat die Verheißung, dass Jesus mitten unter uns ist,
wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.

In der Gemeinde begegnen wir Jesus, wenn wir einander begegnen.
Vielleicht begegnen wir ihm gerade in den Menschen,
die wir nicht mögen, zu denen wir keine Beziehung haben.

Also läuft die Frage, ob man mit Jesus leben -
oder, wie es im Evangelium heißt: in Jesus bleiben will -
darauf hinaus, ob man in der Gemeinde bleiben will.
Weil man nur in der Gemeinde in Jesus sein kann.

Was hat man davon, wenn man in der Gemeinde bleibt?
Jesus sagt mit seinem Bild vom Stamm und den Zweigen:
Die Zweige bringen Früchte - Äpfel, Kirschen, Pflaumen, Oliven, Weintrauben.
Früchte sind etwas Schönes, etwas Leckeres.
Früchte bereichern das Leben -
uns würde etwas fehlen, wenn es kein Obst mehr gäbe.

Wenn man das Bild auf die Gemeinde überträgt, bedeutet es:
Die Gemeinde bereichert das Leben.
Hier entstehen Früchte.
Hier entsteht etwas, was das Leben schöner, besser macht.

Ist das so?

Zumindest könnte es so sein.
Die könnte Gemeinde ein Ort sein,
in dem es anders zugeht als im Alltag.
Sie könnte ein Ort sein, wo es keine Rolle spielt, wie man aussieht,
wo man herkommt, was man kann oder besitzt.
Ein Ort, an dem alle den gleichen Respekt erfahren,
weil alle gleich viel wert und alle gleich wichtig sind.

Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo man keine Rolle spielen muss.
Sich nicht verstellen muss, nicht so tun, als ob man sich auskennt
oder als ob man keine Angst hat.
Sondern so sein kann und sich so zeigen darf, wie man ist,
weil niemand einen ablehnt, auslacht oder über einen redet.

Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo man Ideen austauscht,
wie man das Leben besser machen könnte.
Wo man Unterstützung findet, wenn man sich für etwas einsetzen möchte.
Wo man ermutigt wird oder getröstet, wenn mal etwas schief gegangen ist. 

Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo man ernst genommen wird
und wo man einem zuhört.

„Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,
werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.”

Wir haben viele Wünsche, auch viele Wünsche an das Leben.
Aber der einzige Wunsch, den wir an Jesus haben, ist,
dass wir bei ihm sein und bei ihm bleiben können.
In diesem Wunsch finden alle unsere Wünsche ihre Erfüllung.

Dieser Wunsch, bei Jesus zu bleiben, wird uns erfüllt,
wenn wir in der Gemeinde bleiben.

Als das Sams verschwunden ist,
wird Herrn Taschenbier schlagartig klar,
dass die Idee mit der Wunschmaschine eine Schnapsidee war.
Jetzt, wo es zu spät ist, weiß er,
wie sein letzter Wunsch hätte lauten müssen:
Er hätte sich einfach nur zu wünschen brauchen,
dass das Sams bei ihm bleibt.

Sonntag, 19. April 2026

Nachfolge

Predigt am Sonntag Miserikordias Domini, 19.4.2026 über 1.Petrus 2,21b-25


Liebe Gemeinde,


wie steht es mit Ihrer Handschrift?

Schreiben Sie überhaupt noch mit der Hand?

Schülerinnen und Schüler müssen es lernen,

schreiben Hausaufgaben, Aufsätze und Diktate in ihre Hefte.

Aber meistens tippt man nur noch - ins Smartphone

oder auf die Tasten des Computers.


Mit der Hand schreibt man nicht mehr viel.

Einkaufszettel. Urlaubskarten.

Notiert schnell etwas, was man nicht vergessen will.

Die Handschrift wird immer mehr zum Gekrakel,

das man selbst kaum noch entziffern kann.

Dabei haben wir alle einmal gelernt,

sauber und lesbar zu schreiben.


Schreiben lernt man durchs Vorbild.

Durch Buchstaben, die an die Tafel gemalt werden und die man abmalt.

Das griechische Wort für das Vorbild ist "hypogrammós":

es bedeutet wörtlich Vor-Schrift: das Schreibmuster,

die Vorlage, die man abmalt, um selbst schreiben zu können.

Das ist das Vorbild, von dem im Predigttext die Rede ist.


Wenn man im Leben Orientierung sucht,

richtet man sich nach Vorbildern:

Eltern; Lehrer:innen; Menschen, die eine:n prägten.

Manche hat man nicht persönlich kennen gelernt,

sondern nur von ihnen gehört oder gelesen.

Man liest ihre Lebensläufe, 

die Biografien von Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Politker:innen:

Personen, die etwas bewegten, Außerordentliches leisteten.

Ihr Leben wird für uns zum Vorbild.


„Christus hat euch ein Vorbild hinterlassen,

dass ihr seinen Fußstapfen nachfolgen sollt.”


Auch Jesus ist ein Vorbild.

Allerdings: Sein Leben, Leiden und Sterben sind kein Vorbild für uns:

Wir sollen nicht den Weg gehen, den Jesus gegangen ist,

wir können es nicht, und wir brauchen es auch nicht:

Dass Jesus ihn ging, ist genug und reicht ein für allemal.


Jesus ist auf andere Weise ein Vorbild für uns:

Er hat Fußstapfen hinterlassen, denen wir nachgehen sollen.

„Nachfolge” nennt man das.

„Folge mir nach,” ruft Jesus den Fischern zu,

die daraufhin seine Jünger werden.

„Folge mir nach,” fordert er den Reichen Jüngling auf,

der sich nicht von seinem Reichtum trennen kann.


„Folge mir nach!” Soll man diesem Ruf folge leisten?

Ich bin mir nicht sicher.

Ich gehe nicht gern in fremden Fußstapfen.

Ich laufe nicht gern auf ausgetretenen Pfaden.

Im Winter, wenn es Neuschnee gab,

oder am Strand, wenn der Sand unberührt vor mir liegt,

gehe ich am liebsten da, wo bisher niemand gegangen ist.

Ich möchte meine eigenen Spuren hinterlassen,

nicht in jemandes Spuren gehen.


Nur auf Wanderwegen in den Bergen oder im Wald,

wo ich mich nicht auskenne,

im Tiefschnee oder in den Dünen, wo man nur mühsam vorankommt,

bin ich dankbar für solche Spuren,

für gebahnte Wege in übersichtlichem Gelände.

Wenn es schwierig wird,

gehe ich ganz gern mal in fremden Fußstapfen.


Aber gerade in den schwierigen Fällen des Lebens

sind Jesu Fußstapfen schwer zu entdecken.

Wie man auf dem Straßenpflaster, auf Asphalt,

auf trockenem Boden keine Spuren hinterlässt,

so findet man manchmal die Spuren nicht mehr,

die Jesus hinterlassen hat.


Bedeutet Nachfolge also doch eher, Vor-Schriften einzuhalten?

Macht man, wenn man den Glauben kennen lernt,

so etwas wie Schreibübungen,

um die Handschrift des Glaubens zu erlernen?


Oder ist es genau andersherum:

Das Vorbild ist da, aber die Fußstapfen sind zu groß,

als dass unsere da hinein passten?


„Er schmähte nicht wieder, als er geschmäht wurde, 

er drohte nicht, als er litt.”


Die andere Wange hinzuhalten, wenn man geschlagen wird;

Gewalt nicht seinerseits mit Gewalt zu beantworten,

Ablehnung nicht mit Ablehnung, Hass nicht mit Hass,

fällt schwer und erscheint manchmal unmöglich:


Und doch verlangt Jesus von uns,

dass wir uns wieder und wieder seinem Anspruch stellen:

Jesus lehrte, auf Gewalt zu verzichten und auf die Liebe zu vertrauen,

und lebte es uns vor - mit allen Folgen, die das hatte.

Zum Verzicht auf Gewalt und zum Vertrauen auf die Macht der Liebe

gehört unglaublich viel Mut, weil wir wissen,

welche Folgen das haben kann.

Das sind die Fußstapfen, die viel zu großen Fußstapfen,

die Jesus uns hinterlassen hat.


Jesus verzichtete auf Vergeltung,

er verzichtete auf sein Recht, sogar auf Würde und Respekt.

Statt dessen glaubte er unerschütterlicher daran,

dass die größte Ohnmacht und Schwäche

sich als wahre Stärke erweisen wird,

weil sie Gottes Handeln möglich macht.

Nicht die eigene Gerechtigkeit schafft Recht,

sondern die Gerechtigkeit dessen, der gerecht richtet.


Fußstapfen, die man nicht sieht.

Stärke, die in der Schwäche liegt.

Gerechtigkeit, die man weder besitzt noch bekommt,

weil nur Gott sie verschaffen kann:

Kann das ein Vorbild für unser Leben sein?


Als wir zu schreiben lernten,

waren das neu und aufregend für uns.

Es war eine wunderbare Erfahrung,

Kreise, Bögen, Kurven aufs Papier zu malen,

die etwas bedeuteten, anderen etwas mitteilten.

Es war aufregend, Geschriebenes lesen zu können.

Das Gehörte, das selbst Erdachte war längst vergessen,

aber weil man es aufgeschrieben hatte, stand und blieb es da.


So ist es auch mit dem Schriftmuster Jesu, mit seiner Nachfolge:

Für uns ist sie immer wieder neu und ungewohnt,

weil wir nie gelernt haben, das zu denken:

Dass man auf Gewalt verzichten könnte.

Dass in der Schwäche Stärke und Macht liegen könnte.

Das man die eigene Gerechtigkeit nicht erkämpfen muss,

weil Gott sie uns schenkt.


Eine neue, ganz andere Denkweise.

Ein neues Schriftmuster für unsere Lebensgeschichte.

Wollen wir das nicht mal ausprobieren?

Wollen wir nicht mal probieren,

ob es nicht auch ohne Gewalt geht,

ohne drohen, einschüchtern, lügen?


Wollen wir nicht mal probieren,

bei anderen eine gute Absicht vorauszusetzen, einen guten Willen,

statt ihnen Feindschaft und Bosheit zu unterstellen?


Nicht blauäugig, als gäbe es keine Bosheit;

nicht naiv, als bräuchte man Gewalt nicht ernst zu nehmen.

Sondern als einen Weg, den Jesus uns vorangegangen ist

und auf dem unsere Zukunft liegt,

die Zukunft unserer Welt, und unser Heil.

Montag, 6. April 2026

Kind bleiben

Liedpredigt am Ostermontag, 6.4.2026, über Bachs Choralvorspiele zu den Chorälen EG 101, 102, 106 und 109, BWV 625, 626, 629 und 630.


Liebe Schwestern und Brüder,


mit den beiden Jüngern, die nach Emmaus unterwegs sind,

machen wir uns auf einen Weg.

Für uns ist es ein gedanklicher Weg, den wir gehen.

Wie die Emmausjünger wollen wir verstehen, 

was da an Ostern in Jerusalem geschehen ist -

was an jedem Ostern für uns und mit uns geschieht.


Verstehen, ein gedanklicher Weg.

Wir sammeln Eindrücke, die uns zufallen,

wie man früher Blumen am Wegesrand pflückte,

und wie man heute mit dem Smartphone festhält,

was einem auf dem Weg so alles ins Auge fällt.

Wir suchen nach dem Zusammenhang, 

verknüpfen die Eindrücke zu Gedanken,

verbinden die Gedanken mit unseren Erfahrungen und Erinnerungen.

Das Ergebnis dieses gedanklichen Weges ist manchmal ein Satz.

Ein Lehrsatz, den man aufschreiben könnte.

Den man zuweilen tatsächlich aufschreibt,

weil die eigene Erkenntnis auch anderen nützen soll.


Viel öfter kann man das Ergebnis unserer Bemühungen um Verstehen

nicht so leicht in Worte fassen.

Es ist eher ein Bild, das uns vor Augen steht,

ein Gefühl, das wir haben - für uns klar und deutlich,

aber anderen, Außenstehenden mit Worten nur schwer zu beschreiben.


Wie viel leichter hat es da die Musik!

Sie stellt uns eine Sprache für das zur Verfügung,

was einem die Erkenntnis als Bild vor Augen malt, 

was sie als Gefühl in uns weckt.

Eine Sprache, die andere, Außenstehende unmittelbar anspricht.

Die das Gefühl hervorruft, das Bild erscheinen lässt,

das uns die gedankliche Arbeit eines anderen beschert hat.


Wir werden im Folgenden vier Choralvorspiele

von Johann Sebastian Bach aus seinem „Orgelbüchlein” hören.

Es sind vier Osterchoräle; drei davon haben wir bereits gesungen;

den vierten werden wir zum Schluss singen.

Johann Sebastian Bach hat sich seine Gedanken gemacht

zu den Liedern, für die er die Choralvorspiele schrieb.

Gedanken, die er nicht in Worten zu Papier brachte, sondern als Notenschrift.

Eine Notenschrift, die wiederum interpretiert wird -

interpretiert werden muss - von Domkantor Christian Domke,

damit wir die Musik hören können.

Damit sich uns mitteilen kann, was Johann Sebastian Bach empfand,

als er das Vorspiel zu dem Choral niederschrieb.

Und was Christian Domke empfindet, 

wenn er Bachs Noten in Musik verwandelt.


Sie können also, wenn Sie wollen,

Noten und Text im Gesangbuch verfolgen.

Sie können aber auch - und das möchte Ihnen empfehlen - 

die Augen schließen und auf das achten, 

was die Musik an inneren Bildern, an Gefühlen in ihnen erzeugt.


Hören wir das erste Choralvorspiel zu Luthers Lied

„Christ lag in Todesbanden.”


Orgel: BWV 625


Martin Luther propagierte seine reformatorische Entdeckung 

auch und gerade durch die Musik,

weil Lieder, wenn sie gut sind, leicht auswendig gelernt und viel gesungen werden,

und sich dadurch weit verbreiten. 

In der Frühzeit der Reformation dichtete und komponierte er viele Lieder.

Auch die ersten beiden der vier, die uns heute beschäftigen.


„Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein”,

heißt es im Osterlied „Christ ist erstanden.”

Luther gibt mit seinem Lied den Grund an, warum wir alle froh sein sollen.

Dafür fand er ein schlagendes Bild: Das Bild des Krieges.

Dieser „Krieg”, von dem das Lied spricht,

kommt auch in Bachs Choralvorspiel zum Ausdruck.


An Ostern geht es nicht um süße Osterhäschen und bunte Eier. 

An Ostern geht es um Leben und Tod, wie in einem Krieg.

Mit diesem Bild konnten Luthers Zeitgenossen viel anfangen.

Sie hatten Kriege, Mord und Totschlag ständig vor Augen.

Und es war ihnen bewusst, dass ein Zusammenhang bestand

zwischen Sünde und Tod.


Dieser Zusammenhang, dass der Tod die Folge der Sünde ist, 

ist zugleich die Achillesferse des Todes.

Dadurch kann man den Tod besiegen.

Für die Gläubigen zu Luthers Zeit jedoch 

war der Zusammenhang von Sünde und Tod

eine Quelle der Angst und der Verzweiflung.


Auch Luther wurde daran in seinem Glauben irre.

Seine Entdeckung der Rechtfertigung rettete ihn.

Kein Wunder, dass er diese rettende Erkenntnis 

seinen Zeitgenossen nahe bringen wollte. 

Seine Erkenntnis ist einfach, fast banal, 

wie alle großen Erkenntnisse.

Sie findet sich in der dritten Strophe des Liedes:

„Jesus Christus hat die Sünde abgetan,” heißt es da.

Er hat die Sünde weggenommen, vernichtet.


Wenn die Sünde weggenommen ist, nicht mehr existiert,

hat der Tod keine Macht mehr. Er ist seinen Stachel los, 

ist nur noch ein Popanz, eine leere Hülle,

die man gefahrlos verlachen und verspotten kann

und vor der man keine Angst mehr zu haben braucht.


Wie die Sünde ihre Macht verliert,

davon singt der nächste Choral,

dessen Choralvorspiel wir jetzt hören:

„Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand.”


Orgel: BWV 626


Es ist schwer, der Melodie des Chorales in diesem Vorspiel zu folgen.

Etwa nach der Hälfte verlässt das Vorspiel die Melodie,

es überwindet sie, sozusagen.


Christus überwindet den Tod und nimmt die Sünde gefangen -

wie der gute Held in den amerikanischen Western die Bösewichte.

Es dreht sich alles um Christus, auf ihn allein kommt es an.

Darum ist dieses Lied eine „Leise”:

Jede Strophe endet mit dem „Kyrie eleison”.

Das ist hier keine Bitte um Gottes Erbarmen.

Es ist der Lobpreis, der zur Zeit Jesu dem Kaiser zugerufen wurde

und der jetzt dem Herren über Leben und Tod gilt.


„Kyrie, eleison” bringt zum Ausdruck,

dass Christus der Herr, der Nabel der Welt ist, 

wie es einmal der Kaiser zu sein behauptete,

und wie es manche Herren heute gerne wären.

Er ist der Herr - nicht, weil er diese Würde geerbt

oder sie sich angemaßt hätte.

Seine Auferstehung hat ihn ins Recht und in seine Herrschaft eingesetzt.

Als Herrscher über Tod und Leben, Sünde und Gnade

hat Christus die Sünde gefangen genommen.

Sie ist in seiner Gewalt und kann keine Gewalt mehr über uns erlangen.


Christus konnte die Sünde überwinden, weil er ohne Sünde war.

Die Physik spricht heute von „Antiteilchen”,

die das Gegenteil der Protonen und Elektronen sind,

aus denen die Atome aufgebaut sind.

Treffen ein Proton und ein Antiproton aufeinander,

löschen sie sich gegenseitig aus.

Jesus konnte die Sünde auslöschen, weil er ohne Sünde war,

aber sie konnte ihn nicht auslöschen.


Natürlich wusste Luther noch nichts von Antiteilchen.

Er fand einfachere Bilder:

Christus, der Gottes Zorn wie einen Sack auf der Schulter trägt,

der die Gegensätze - Tod und Leben, Sünde und Gnade -

in seinen Händen hält und denen, die zu ihm treten, 

nur das Gute gibt: die Gnade und das Leben.


In einfacher Weise will auch der nächste Choral

von der Osterbotschaft erzählen.

Hören wir das Vorspiel zum Choral 

des sächsischen Kantors Nikolaus Herman:

„Erschienen ist der herrlich Tag.”


Orgel: BWV 629


„Ein neu geistlich Lied von der fröhlichen Auferstehung

unseres Heilandes Jesu Christi,

für die Jungfräulein in der Mägdleinschul in Joachimsthal,”

so hat Nikolaus Hermann seinen Choral überschrieben.

Man meint, die Mädchen hopsen zu sehen,

wenn man auf die Melodie hört, die Bach dem Choral unterlegt hat.


Eine beschwingte Fröhlichkeit klingt in diesem Lied an.

Vielleicht sogar mehr als das:

Das Lied malt uns einen Triumphzug vor Augen,

in dem Christus seine Feinde als Gefangene vorführt.

Seine Feinde sind auch unsere Feinde:

Die Sünde, die alte Schlange, und der Tod, den sie bringt;

die Hölle, das Leid, Angst und Not,

sie alle trotten gefesselt und, so stelle ich mir vor,

mit gesenktem Haupt hintereinander her.


Es sind einfache, schlichte Bilder und Melodien,

die zu Luthers Zeiten Gassenhauer waren;

die für Kinder geschrieben und von Kindern gesungen wurden,

wir das Lied von Nikolaus Herman.


Man kann nicht ernst und gravitätisch von der Auferstehung sprechen,

und schon gar nicht ernst und gravitätisch von ihr singen.

Dass Teufel und Tod ihre Macht verloren haben,

dass man keine Angst mehr zu haben braucht,

vor der Sünde nicht, vor dem Tod nicht, und vor Gott schon gar nicht -

da kann man doch gar nicht anders als fröhlich und überschwänglich sein!


Auch der vierte Choral ist ursprünglich für Kinder gedacht gewesen.

Er findet sich in einer Sammlung aus dem Jahre 1591 mit dem Titel:

„Kinderspiegel oder Hauszucht- und Tischbüchlein,

wie die Eltern mit den Kindern vor und nach dem Essen,

morgens und abends singen und beten sollen.

Allen frommen Kinderlein und denen, 

die so gern beten und singen, zugut

kürzlich zusammengetragen und in deutsche Reime gebracht.”


„Allen frommen Kinderlein und denen, 

die so gern beten und singen, zugut.”

Die Osterlieder sind nicht zuletzt deshalb Volks- und Kinderlieder,

weil wir Gottes Kinder sind.


Ostern erinnert uns daran, dass wir Kinder sind,

auch wenn die Kindheit schon lange hinter uns liegt.

„Als das Kind Kind war,” dichtet Peter Handke,

„warf es einen Stock als Lanze gegen einen Baum,

und sie zittert da heute noch.”


Die Auferstehung macht uns gewiss,

dass es das Gute gibt, an das wir einmal geglaubt haben,

und dass es sich lohnt, weiterhin an das Gute zu glauben

und dafür zu kämpfen.


Sie macht uns gewiss,

dass unsere Träume von Frieden und Gerechtigkeit

keine Träume sind, sondern ein Versprechen,

das Gott uns gegeben hat und das er erfüllen wird,

und dass es sich deshalb lohnt,

sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.


Die Auferstehung macht uns gewiss,

dass Gott uns ebenso liebt,

wie wir als Kinder von unseren Eltern geliebt wurden.

Wer diese Erfahrung als Kind nicht machen durfte,

der oder dem wird sie heute, an Ostern, zuteil,

wo wir als Gottes Kinder von Gottes Liebe erfüllt werden.


So sagen wir „Gott Vater in dem höchsten Thron

samt Christo, seinem lieben Sohn,

dem heilgen Geist in gleicher Weis’”

in Ewigkeit unser Lob und unseren Preis

und hören auf Bachs Vorspiel zu diesem Choral,

interpretiert von Domkantor Christian Domke:

„Heut triumphieret Gottes Sohn.”


Orgel: BWV 630