Predigt am Gründonnerstag, 2.4.2026, über Exodus 12,1-14
Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Ägypten:
Dieser Monat soll für euch der wichtigste Monat sein;
er soll bei euch den Monaten des Jahres vorangehen.
Sprecht zur ganzen Gemeinde Israel:
Am Zehnten dieses Monats nehmt euch jeder pro Familie einen Bock, einen Bock pro Haus.
Und wenn in einem Haus für einen Bock zu wenig sind,
soll man den seinem Haus nächstgelegenen Nachbarn
zu der Anzahl der Essenden hinzunehmen,
je nachdem, wieviel jeder von dem Bock isst.
Der Bock soll einwandfrei, männlich und einjährig sein.
Von den Schafen oder den Ziegen sollt ihr ihn nehmen.
Und ihr sollt ihn zurückbehalten bis zum vierzehnten Tag dieses Monats.
Dann soll die ganze Versammlung der Gemeinde Israel
ihn in der Abenddämmerung schlachten.
Danach sollt ihr von dem Blut nehmen
und es an die beiden Türpfosten und den Türsturz eurer Häuser streichen, wo ihr ihn essen werdet.
Ihr sollt das Fleisch in dieser Nacht essen,
überm Feuer gebraten, mit Mazzen und bitteren Kräutern sollt ihr es essen.
Ihr sollt es nicht roh essen noch in Wasser gar gekocht, sondern überm Feuer gebraten,
sein Kopf mit seinen Schenkeln und den Innereien noch zusammenhängend.
Ihr sollt davon nichts übrig lassen bis zum Morgen.
Den Rest sollt ihr bis zum Morgen im Feuer verbrennen.
So sollt ihr ihn essen:
Um die Hüften gegürtet, eure Sandalen an den Füßen,
euren Stock in der Hand, sollt ihr es hastig essen.
Es ist das Passa für den Herrn.
In dieser Nacht werde ich durch Ägypten gehen
und alle Erstgeborenen bei Mensch und Tier in Ägypten erschlagen.
Und über alle Götter Ägyptens werde ich Strafgericht halten.
Ich bin der Herr.
Das Blut an euren Häusern, in denen ihr euch aufhaltet,
soll ein Zeichen zu eurem Schutz sein:
Wenn ich das Blut sehe, will ich an euch vorbeigehen,
und ihr werdet von der Plage des Verderbers verschont, wenn ich Ägypten schlage.
Dieser Tag soll euer Gedenktag sein.
Ihr sollt an ihm ein Fest für den Herrn feiern.
Allen kommenden Generationen soll dieses Fest eine ewige Satzung sein.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Erzählung von der Einsetzung des Passafestes macht deutlich,
wie weit die Welt der Bibel von unserer heutigen Wirklichkeit entfernt ist.
Als diese Erzählung aufgeschrieben wurde,
herrschte im Mittelmeerraum die Bronzezeit -
während die Menschen, die damals hier in Mecklenburg lebten,
von Bronze wahrscheinlich noch gar nichts gehört hatten.
Die Ereignisse, von denen sie berichtet,
reichen noch viel weiter zurück, in die ausgehende Steinzeit.
Was da erzählt wird, erscheint uns heute befremdlich:
Blut, das an die Türrahmen gestrichen wird;
ein Todesengel, der „Verderber”, der nachts herumgeht
und alle Erstgeborenen erschlägt.
Wenn man dieses Fremde und Abständige einmal beiseite lässt,
kommt ein Gründungsdokument zum Vorschein:
Hier wird erzählt, wie es zum Passafest kam,
dem wichtigsten Fest im Judentum,
und warum es bis heute gefeiert wird.
Mit dem Passafest tritt der jüdische Glaube ins Dasein.
Natürlich gab es schon vorher jüdische Gläubige -
die Bibel berichtet von Abraham, Isaak und Jakob,
dessen Nachkommen das Volk Israel wurden.
Doch dieses Volk Israel liegt im Dunkel der Vergangenheit.
Als die Erzählungen der Bibel niedergeschrieben wurden,
gab es bereits das Judentum - jüdische Gemeinden,
die nach den Geboten lebten, die Mose dem Volk Israel gegeben hatte,
die Gottesdienste und bestimmte Feste feierten, wie eben das Passafest.
An dieser Gründungserzählung des Passafestes fällt auf,
dass zwar von der „Gemeinde Israel” die Rede ist.
Aber das, worum es geht, spielt sich in den „Häusern” ab,
in einzelnen Familien, die sich mit anderen zusammentun,
wenn eine Familie zu klein ist.
Das „Haus” war auch die Keimzelle des Christentums.
„Sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern,”
heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 2,46).
Bevor die Christen römische Kaufhäuser, die Basiliken,
für ihre Gottesdienste übernahmen und Kirchen bauten,
feierten sie zuhause Gottesdienst, im Wohnzimmer.
Mit anderen Worten: Der Hauskreis ist die Urform der Gemeinde.
Und auch heute, am Gründonnerstag, hören wir im Evangelium,
wie Jesus sich mit seinen Freunden privat trifft,
in einem Haus, zu einem letzten Abendessen.
Und wie er ihnen vor dem Abendmahl die Füße wäscht.
II
Die Erzählung von der Einsetzung des Passa
wirkt befremdlich und abschreckend durch das Blut,
das vergossen und an die Türrahmen gestrichen wird.
Es ist ein Zeichen, heißt es -
keines, das man aufstellt oder an die Wand malt,
wie wir das mit dem Kreuz tun,
oder das man sich um den Hals hängt.
„Im Blut ist das Leben”, so steht es in der Noahgeschichte (1.Mose 9,4).
Das Blut ist ein Zeichen für den Wert des Lebens:
Das Leben ist kostbar.
Darum muss auch der Bock ganz aufgegessen werden.
Ein Zeichen der Achtung vor dem Leben.
Aber wenn das Leben so kostbar ist,
warum tötet Gott dann alle Erstgeborenen in Ägypten
bei Menschen und Tieren?
Die Erzählung von der Einsetzung des Passa ist eine Geschichte, kein Tatsachenbericht.
Da war damals keiner, der mit Stift und Notizblock aufschrieb,
was genau sich alles in jener Nacht ereignete -
wie auch am Gründonnerstag niemand Protokoll schrieb,
was Jesus tat und zu seinen Jüngern sagte.
In dieser Erzählung vom Passamahl geht es nicht um die Ägypter, sondern um das Volk Israel.
Die Tötung der Erstgeburt wird erwähnt,
weil das den Israeliten erspart blieb.
Es geht nicht darum, dass Gott soundso viele Menschen und Tiere erschlug,
sondern dass das Volk Israel von diesem Schrecken verschont wurde.
Der Exodus, der Auszug aus Ägypten,
wird damit zu einer doppelten Befreiung:
Befreiung aus der Knechtschaft durch eine Übermacht, die Ägypter,
die das Volk Israel mit Gewalt unterdrücken.
Und Befreiung von der Macht eines blinden Schicksals,
dem Verderber, der durch Ägypten zieht und alle Erstgeborenen erschlägt.
Natürlich erlebten auch die Israeliten,
erleben alle Gläubigen bis heute Schicksalsschläge.
Oft hat man dabei das verzweifelte Gefühl,
das Schicksal habe blind zugeschlagen und den Falschen getroffen.
Man sucht nach einer Erklärung, sucht nach Gründen,
warum es ausgerechnet mich traf.
Der Glaube sagt uns dann: Es gibt keinen Grund.
Du bist nicht schuld.
Du kannst nichts dafür.
Weder dafür, dass es dich traf,
noch, dass es einen Menschen traf, den du lieb hast.
Krankheit und Tod treffen uns alle.
Sie sind keine Strafe, sondern ein Teil des Lebens.
Etwas, das man nicht vermeiden kann,
das man sich nicht aussuchen und bei dem man nicht entscheiden kann,
wann, wenn es denn sein muss, der beste Zeitpunkt dafür wäre.
Gott befreit uns also nicht vom Leid -
dann müsste er uns von diesem Leben befreien.
Gott befreit uns von der Frage nach dem Warum
und von der Verzweiflung, diesem Leid ausgeliefert zu sein.
Gott befreit uns, indem er unser Herr wird,
besser gesagt: Indem wir Gott Herr sein lassen.
Und zwar in dem alten Sinn, den das Wort schon in der Bronzezeit hatte:
Ein Herr, eine Herrin bestimmt,
und seine, ihre Untertanen tun, was sie oder er will.
Im Glauben gibt es keine Demokratie,
sondern nur den Willen Gottes,
dem wir unseren Willen unterordnen.
Das ist kein Kadavergehorsam,
kein blindes Ausführen von Befehlen.
Gottes Wille für uns ist ja, dass wir frei sein sollen,
glücklich sein sollen - und ebenso unsere Mitmenschen.
Manche bekommen es ganz gut hin,
dass es ihnen gut geht, dass sie glücklich sind.
Aber dass es allen Menschen gut geht,
das hat noch kein Mensch geschafft,
das kann menschliche Klugheit und Vernunft nicht fertig bringen.
Darum ist Gottes guter Wille so wichtig - für uns, und für unsere Welt.
III
Wir feiern Gründonnerstag,
den Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahles.
Das Gründungsdokument für dieses Fest
sind nicht die Einsetzungsworte, die Paulus überliefert,
nicht die Abendmahlsberichte bei Matthäus, Markus und Lukas.
Es ist die Erzählung von der Fußwaschung,
die dem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern vorangeht.
Wie die Erzählung von der Einsetzung des Passamahles
begründet auch diese Erzählung eine Gemeinschaft -
in diesem Falle unsere christliche Gemeinde.
Eine Gemeinde, die sich in den Häusern trifft.
Eine Gemeinde, für die das Haus - das private Wohnzimer
oder das Haus Gottes, die Kirche -
bis heute den Kern, den Kristallisationspunkt bildet.
Vor dem gemeinsamen Mahl, vor den Einsetzungsworten,
mit denen Jesus das Brot mit seinem Tod verbindet
und den Wein mit dem neuen Leben, das er schenkt,
steht die Fußwaschung: Jesus bückt sich,
kniet vor seinen Jüngern und wäscht ihnen die Füße.
Eine Arbeit, die damals Haussklaven verrichteten.
Der Herr wird zum Knecht, zum Sklaven,
und gibt seinen Jüngern damit ein Beispiel:
Wir Christinnen und Christen „kommen einander mit Ehrerbietung zuvor” (Römer 12,10).
Ehrerbietung erkennt den Wert des anderen an:
Jedes Menschenleben ist kostbar,
weil Gott jeden Menschen so sehr liebt wie uns.
Aus dieser Erkenntnis heraus ist Dienen keine Demütigung,
sondern ein Erweis des Respekts, den auch ich verdiene.
Wer dienen kann, macht einen Unterschied.
Kann unterscheiden zwischen dem Respekt, den jeder Mensch verdient,
und der Unterwerfung, die man niemandem schuldig ist.
Am Gründonnerstag gründet sich die christliche Gemeinde.
Sie ist die Gemeinschaft derer, die einander dienen
und Christus ihren Herrn sein lassen.
Weil Christus unser Herr ist, der seinen Jüngern diente,
für sie und für uns in den Tod gegangen ist, sind wir frei.
Wir kennen keinen anderen Herrn.
Wir haben niemanden sonst über uns.
Nichts und niemand kann und wird über uns Macht gewinnen,
nicht einmal der Tod.
