Sonntag, 5. April 2026

Der Artikel, mit dem unser Glaube steht oder fällt

Predigt am Ostersonntag, 5. April 2026, über 1.Korinther 15,12-20


Liebe Schwestern und Brüder,


Mitte der 90er Jahre sorgte ein Göttinger Professor für Aufregung.

Gerd Lüdemann, Professor für Neues Testament,

bezweifelte öffentlich, dass das Grab Jesu am Ostermorgen leer war.

Er vertrat die Ansicht, Jesu Jünger, die ihn als Messias angesehen

und den Anbruch des Gottesreiches erwartet hatten,

seien durch den Tod ihres Idols traumatisiert worden.

Sie hätten unter Schock gestanden, 

deshalb hätten sie ihn als Auferstandenen gesehen,

während Jesus, so Lüdemann, noch in seinem Grab lag.


Gerd Lüdemanns These zeigt, wo es hinführen kann,

wenn man versucht, das Ostergeschehen mit Hilfe der Vernunft zu verstehen.

Die Vernunft kann die Auferstehung nicht akzeptieren.

Denn Auferstehung ist wissenschaftlich nicht belegbar

und auf dem Stand unseres Wissens auch nicht erklärbar.


Wir sind vernunftbegabte Wesen,

machen uns unsere Gedanken über Gott und die Welt 

und versuchen, sie zu verstehen.

Man wird über Gerd Lüdemanns These den Kopf schütteln,

sie belächeln oder sogar vehement ablehnen.

Doch sie stellt eine Frage, die wohl viele Menschen beschäftigt:

Muss man an die Auferstehung glauben, und wenn ja, wie kann man das?


II

Eine Frage, die schon die ersten Christen in Korinth umtrieb.

Und wie Gerd Lüdemann heute konnten sich auch damals 

manche nichts unter Auferstehung vorstellen

oder lehnten diesen Gedanken rundweg ab,

weil er der Vernunft widersprach.


Kaum ein Satz der Bibel klingt für mich so bedrohlich

wie die Antwort, die Paulus den Leugnern der Auferstehung gibt:

„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, 

so ist unsre Predigt vergeblich, 

so ist auch euer Glaube vergeblich (...),

so seid ihr noch in euren Sünden.”


Für Paulus ist die Auferstehung

der Articulus stantis et cadentis ecclesiae,

der Glaubenssatz, mit dem die Kirche steht oder fällt,

wie es für Luther, der diesen Ausdruck prägte,

die Rechtfertigung allein aus Glauben war.


An der Tatsache der Auferstehung hängt für Paulus einfach alles.

Wer nicht glauben kann, dass Christus tatsächlich auferstanden ist,

der ist in Paulus’ Augen keine Christin, kein Christ -  da hilft auch die Taufe nichts.

Im Gegenteil: Die Taufe macht uns nur dann zu Gottes Kindern,

wenn Christus tatsächlich auferstanden ist.


Denn in der Taufe, so erklärt uns Paulus,

haben wir Anteil an Tod und Auferstehung Christi:

„Wisst ihr nicht,” schreibt er an die Gemeinde in Rom, 

„dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, 

die sind in seinen Tod getauft? 

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, 

auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, 

so auch wir in einem neuen Leben wandeln.”


III

Taufe, das ist die Feier eines neuen Lebens -

wie geht das mit dem Tod zusammen?

Paulus erklärt im Römerbrief,

dass der Mensch, so, wie er nun einmal ist,

Gottes Gebote nicht erfüllen kann.

Niemand kann immer gut sein, niemand alles richtig machen.

Das ist kein Fehler des Menschen,

sondern das ist unsere menschliche Freiheit,

zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch wählen zu können.


Aber trotzdem denken viele Menschen,

dass Gott uns unsere Fehler, unsere „Sünden”,

wie die Bibel das nennt, anrechnet

und uns dafür bestrafen wird.

Für die Menschen des Mittelalters 

war das Fegefeuer der Ort dieser Bestrafung

und die Hölle für die bestimmt,

für die keine Umkehr mehr möglich war.


Diese Vorstellung eines richtenden Gottes

passt nicht mit dem Bild zusammen,

das Jesus von Gott zeichnet.

Jesus führt uns vor Augen, dass Gott die Liebe ist.

Auf diese göttliche Liebesmacht vertraute er 

und hielt bis zum Tod an ihr fest.

Und er wurde nicht enttäuscht:

Gottes Liebe riss ihn aus dem Tod in ein neues Leben.


Die Liebe ist langmütig und freundlich, wie Paulus schreibt.

Sie ist eine durch und durch gute Kraft,

die nur das Beste für die Geliebte, den Geliebten will.

Trotzdem ist die Liebe nicht gleichgültig

gegenüber Gut und Böse, Wahrheit und Lüge.

Die Liebe ist nicht naiv, sie ist nicht gutgläubig.


Ich glaube schon, dass es so etwas wie ein „Jüngstes Gericht” gibt:

Wenn wir einmal Gott, der die Liebe ist, gegenübertreten,

wird uns mit einem Schlag bewusst werden,

wo wir lieblos gehandelt, wo wir anderen Liebe verweigert haben.

Uns wird auch bewusst werden,

wo wir keine Liebe erfahren durften, wo uns Liebe verweigert wurde.


Ich stelle mir vor, dass das ein Moment ist,

an dem man sich ganz furchtbar schämt 

und es einem glühend heiß wird vor Scham,

weil man bloßgestellt ist und sich nicht mehr verstecken kann.

Mit dem Begriff „Fegefeuer” ist dieses Schamgefühl sehr treffend wiedergegeben.

Wenn Gottes Liebe uns nicht einhüllen würde wie ein Mantel,

würde man in diesem Feuer der Scham vergehen.


IV

Die Taufe ist dieser Mantel, in den wir eingehüllt werden.

Paulus stellt sich bildlich vor, dass wir bei der Taufe Christus anziehen,

als würden wir uns einen Mantel umlegen:

wir ziehen Gottes unendliche, unerschöpfliche Liebe an. 

Dadurch werden wir zu neuen Menschen.

Der alte Mensch, der aus eigener Kraft das Gute nicht tun konnte,

ist im Wasser der Taufe gestorben.

Herausgekommen sind neue Menschen, die aus Gottes Liebe leben.

Wir sind auferstanden.

Wir sind jetzt fähig, zu lieben und liebevoll miteinander umzugehen.


Was bei der Taufe mit uns passiert, ist ein mystischer Vorgang:

Wir werden mit Christus überkleidet.

Das kann man nicht sehen, nicht messen, nicht überprüfen.

Es geschieht in einer anderen Dimension: In Gottes Welt.

Und zugleich geschieht es auch hier und jetzt unter uns.

Was im Hier und Jetzt passiert, könnte man so beschreiben:

Mit der Taufe wird man in einen neuen Zusammenhang gestellt.

Unsere Lebensgeschichte erhält ein neues Narrativ.


Ein Narrativ ist ein erzählerischer Zusammenhang, den man herstellt.

Wir erzählen uns unser Leben, 

wir erzählen unsere Wirklichkeit in Narrativen.

Das bedeutet nicht, dass alles erfunden und erlogen ist.

Es bedeutet, dass wir Tatsachen und Sachverhalte deuten.

Wir machen das ständig, es ist uns meist nicht bewusst.

Wir deuten auch andere, und werden von ihnen gedeutet.

Wir finden jemanden nett - eine Deutung,

oder wir mögen jemanden nicht - auch eine Deutung.

Wir können Gründe dafür angeben, 

warum wir jemanden mögen oder nicht -

warum wir uns mögen oder mit uns unzufrieden sind.

Aber das sind meist keine objektiven Gründe,

keine, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.

Es ist ein Narrativ, eine Geschichte, die wir uns erzählen,

die von unseren Eltern, Mitschülern, Mitmenschen erzählt wird.


Manche Narrative machen Menschen stark,

lassen sie zu glücklichen, aufrechten, selbstbewussten Menschen heranwachsen.

Andere machen Menschen krank.

„Mobbing” nennt man das,

wenn hinter jemandes Rücken über ihn oder sie erzählt wird.

Durch diese Erzählungen, dieses Narrativ,

sieht man den Menschen wie durch eine Brille.

Man sieht ihn nicht mehr so, wie er ist,

sondern wie er uns durch das Narrativ erscheint. 


Die Taufe erzählt eine andere, eine neue Geschichte über uns:

Sie stellt uns in die Geschichte Gottes mit uns Menschen,

in die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel.

Das, was Gott seinem Volk verspricht,

das verspricht er auch uns, das gilt auch uns.

Wir hören, dass wir Gottes Kinder sind, seine Töchter und Söhne,

und dass Gott uns so sehr liebt, „dass er seinen einzigen Sohn gab,

damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,

sondern das ewige Leben haben.”


V

Es war ein langer Weg zu einer Antwort

auf die Frage nach der Auferstehung.

Ich denke, jetzt können Sie selbst die Antwort geben:

Unser Glaube steht oder fällt mir der Auferstehung,

weil wir nur, wenn Christus tatsächlich auferstanden ist,

zu neuen Menschen mit einer neuen Geschichte werden

und das neue Leben führen können,

das Christus für uns durch seinen Tod am Kreuz ermöglicht hat.


Wir leben schon jetzt als Auferstandene.

Wir stehen jeden Tag aufs Neue auf,

wenn wir unser so schönes, erfülltes

und manchmal so schreckliches, leidvolles Leben auf uns nehmen. 

An jedem Tag, in jedem Augenblick

beschützt uns die Liebe Gottes, mit der wir bekleidet sind, 

vor der Scham, die wir empfinden, 

wenn wir unser Tun an Gottes Liebe messen.


Eines Tages werden wir in Gottes Wirklichkeit hinein aufstehen.

Es wird ein neuer Morgen sein

unter einem neuen Himmel, auf einer neuen Erde.

Wir werden uns wiedererkennen und zugleich verwandelt sein.

Gottes Liebe wird uns alle umfangen,

und niemand wird sich schämen müssen.

Samstag, 4. April 2026

Die Erinnerung nach vorne

Ansprache in der Osternacht, 4. April 2026, über 2.Timotheus 2,8:


Liebe Schwestern und Brüder,


Vergangenheit und Zukunft in einem Satz:

Erinnere dich an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.


Erinnerung blickt zurück auf die Vergangenheit.

Auf Jesus, der auf Erden wandelte.

Der seine Jünger und alle, die ihm zuhören wollten,

von der Macht der Liebe Gottes zu überzeugen trachtete.

Der Kranke heilte, Blinden die Augen und Tauben die Ohren öffnete. 

Der Menschen, die als unrein galten, von dem befreite,

was bei ihren Mitmenschen Anstoß erregte.

Überhaupt von der Gemeinschaft Ausgeschlossene

in seine Nähe holte - oder sich bei ihnen zum Essen einlud.

Der verraten und zum Tod am Kreuz verurteilt wurde,

einen elenden, qualvollen Tod am Kreuz starb

und begraben wurde - und mit ihm scheinbar alle Hoffnungen

auf den Anbruch des Reiches Gottes, das er verkündigt hatte.


Die Auferstehung, das ist die Zukunft.

„Ich glaube an die Auferstehung der Toten”

das blickt voraus auf ein Ende,

das ein neuer Anfang sein wird,

wenn Gott bei seinen Menschen wohnt.

Wenn er alle Tränen von ihren Augen abwischt,

wenn man kein Leid, kein Geschrei, keinen Schmerz

und auch keinen Tod mehr kennt.


Diese Zukunft wird heute Gegenwart.

Wir sind dabei, wir erleben sie mit.

Gerade haben wir es ausgerufen

und aus voller Kehle gesungen:

Christus ist auferstanden! 

Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!


So, wie das Reich Gottes mit Christus angebrochen ist

und immer wieder da aufblitzt,

wo Menschen Jesu Fußstapfen folgen,

so ist durch die Auferstehung des Einen

das neue Leben Wirklichkeit,

in dem wir von allem befreit sind,

was Macht über uns beansprucht.


Erinnere dich an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.


Wir erinnern uns an unsere Zukunft.

Es ist eine Erinnerung nach vorne.

Durch sie wird uns gegenwärtig,

was schon längst Wirklichkeit geworden ist.


Warum erinnert man sich?

Manchmal erinnert man sich aus Sentimentalität

an Jahre, die verflogen sind;

an verpasste Gelegenheiten und an Liebe,

die abhanden kam oder ihr Ziel nicht fand.


Aber Erinnerung ist vor allem dazu da,

dass wir etwas daraus lernen.

Als Schülerinnen und Schüler lernten wir,

was wir heute selbstverständlich anwenden.

Wir können auf Gelerntes zurückgreifen, 

können das erinnern, was wir verinnerlicht haben.

Es hilft uns, unsere Gegenwart zu bestehen:

Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen.


So ist es auch mit der Erinnerung

an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.

So ist es mit der Erinnerung an diese Nacht,

die so anders ist als alle anderen Nächte.


Diese Erinnerung begleitet uns durch das Jahr.

Sie begleitet uns durchs Leben.

Wir greifen auf sie zurück als auf etwas Verinnerlichtes,

wann immer wir mit Leid konfrontiert werden,

mit Geschrei, wie es der Streit der Meinungen,

die Debatte über Wahrheit und Lüge,

über Recht und Unrecht verursachen.

Wann immer wir dem Schmerz begegnen, 

dem wir nicht ausweichen können, und dem Tod - 

dem eines nahen, eines geliebten Menschen,

und dem eigenen Tod.


Wenn wir in so einem Augenblick an diese Nacht zurückdenken,

als uns die Botschaft der Auferstehung erreichte,

erfüllt uns die Gegenwart Gottes:

erfüllt uns das neue Leben, Christus, 

den wir in der Taufe angezogen haben, wie es Paulus formuliert.


Mit Gott in uns und Christus um uns,

erfüllt von dem neuen Leben,

das auf uns wartet und zugleich gegenwärtig ist,

nehmen wir es mit dem Leben auf:

Ertragen wir das Leid und tragen es mit anderen mit,

können wir mitleiden und mitfühlen mit anderen.

Stillen wir den Streit, der in Geschrei ausartet,

und widersprechen der Lüge.

Reden wir den Schmerz nicht klein -

unseren nicht, und auch nicht den der anderen.

Wir können ihn wahrnehmen, ihn ernst nehmen,

weil er uns nicht vernichten wird:

Gott in uns und Christus um uns sind stärker als der Schmerz.

Mit ihrer Hilfe können wir ihn hinter uns lassen,

wie wir den Tod hinter uns gelassen haben.

Auf uns wartet nicht der Tod, sondern das Leben,

das heute, in dieser Nacht, seinen Anfang nimmt.

In ihm werden wir, wird die ganze Schöpfung neu -

in ihm sind wir bereits neu:

Wir sind Gottes Töchter und Gottes Söhne.