Predigt am Sonntag Invocavit, 22.2.2026, über Antonio Vivaldi, Stabat mater, RV 621 (1712)
Stabat mater, I-III
Ansprache, Teil 1
Stabat mater, IV-VI
Ansprache, Teil 2
Stabat mater, VII-IX
Liebe Schwestern und Brüder,
das „Stabat mater” stellt uns zu Maria unter das Kreuz „dum pendebat filius” - „als ihr lieber Sohn da hing.” Wären wir jetzt im Dom, sähen wir die Szene direkt vor uns: Das Triumphkreuz in der Vierung des Domes, links daneben die Mutter Jesu, rechts der Jünger, den er lieb hatte. Und mit ihm stehen wir da.
Alle Augen sind auf das Kreuz gerichtet. Auf das, was da zu unserer Erlösung geschieht. Die Reformatoren haben ihr Augenmerk nachdrücklich auf das Kreuz gelegt.
Die Blicke ihrer Zeitgenossen waren ihrer Meinung nach zu sehr auf Maria abgeschweift. In ihren Augen stellt sie nur eine Randfigur dar. Ebenso wie die Heiligen, wie Johannes, unser Platzhalter unter dem Kreuz Jesu.
„Solus Christus!”, schärften sie ein, nur Jesus bewirkt die Satisfaktion, die Rechtfertigung des Sünders vor Gott. Die Vorstellung, dass Maria „co-redemptrix” sei, am Heil mitwirke, wollten sie unter allen Umständen verhindern.
Sie stellten die Heilsordnung wieder her, indem sie Maria die Rolle zuwiesen, die Frauen in ihrer Gesellschaft hatten und oft bis heute haben: Sie werden ignoriert und verschwiegen.
So schütteten die Reformatoren das Kind mit dem Bade aus: Verbannten die Gottesmutter, die auch wir Protestant:innen im Credo bekennen, aus dem Gottesdienst und aus dem Glaubensleben.
Doch die Erlösung, die Jesus für uns bewirkte, bleibt abstrakt, wenn sie nicht mit Leben gefüllt wird. Auch wenn Jesus wahrer Mensch ist, der mit uns fühlen und mit-leiden kann, weil er am eigenen Leib erfuhr, was Menschen Menschen antun, was Menschen erleiden, so ist er doch auch wahrer Gott. Er ist wie wir, und doch keiner von uns.
Darum brauchen wir die Randfiguren, für die ja auch Jesus eine besondere Vorliebe hatte. Wir brauchen das Mitgefühl mit Maria, um zu verstehen, was da am Kreuz für uns geschieht.
Unser protestantisch auf das Kreuz gehefteter Blick wird vom Stabat mater auf Maria gelenkt. Wir sehen sie - vielleicht zum ersten Mal bewusst - und nehmen ihren Schmerz wahr.
Es ist der Schmerz aller Mütter, aller Eltern, die mit ansehen, miterleben müssen, wie ihre Kinder leiden - sei es im Gazastreifen, sei es in der Ukraine, sei es in den Straßen der Vereinigten Staaten oder unter Mitschülerinnen und Mitschülern hier bei uns.
Mütter und Väter leiden mit ihren Kindern und können ihnen doch das Leid nicht abnehmen, können ihnen leidvolle Erfahrungen nicht ersparen. Es zerreißt ihnen das Herz, es geht wie ein Schwert durch sie hindurch und lässt sie nachts nicht schlafen.
Nicht nur Mütter und Väter - wir alle können mit Maria mitfühlen. Wir alle können uns mit Maria identifizieren auf den unterschiedlichen Stationen unseres Lebens, in unserem Schmerz über das Leid, das wir miterleben müssen und nicht lindern können: Leid bei den Menschen, die uns nahe stehen, und Leid bei Menschen in der Ferne, das wir uns trotz der räumlichen und kulturellen Distanz vorstellen, das wir nachempfinden können.
Es ist eine Gabe, ein Charisma, das Leid anderer wahrnehmen und sich in ihre Lage hineinversetzen zu können. Denn manche können es nicht - oder wollen es nicht. Manche können nur sich sehen; manche schützen sich durch Wegsehen. Manche sind mit dem eigenen Leid so beschäftigt, dass sie keine Kraft mehr haben für das Leid anderer.
Und manche, mancher wünscht sich wohl, er, sie hätte diese Gabe nicht, würde nicht so sehr mit anderen mitfühlen müssen. Gerade in den pflegenden Berufen ist es eine Herausforderung, genug Distanz zum Leiden der Patient:innen zu wahren, um sie pflegen und behandeln zu können. Und zugleich nicht abzustumpfen gegenüber den Umständen und Abläufen, die oft über die Bedürfnisse der Patient:innen hinweggehen; nicht abzustumpfen gegenüber den Bedingungen in Krankenhaus oder Altersheim, die das Leiden der Patient:innen manchmal noch verschlimmern.
Mitgefühl und Identifikation mit den Leidenden führen zu Solidarität: Man will nicht zum Zuschauen verdammt sein, man will nicht nur passiv bleiben. Man möchte helfen, man möchte das Leiden beenden.
Doch das Stabat mater verlangt von uns, sitzen zu bleiben und das Leiden auszuhalten, das es schildert. Warum tut es das, warum tut es uns das an?
Hören wir die nächsten drei Teile des Stabat mater.
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Mitgefühl ist ein Charisma, eine Gabe - manchmal eine zwiespältige Gabe, wenn es uns überfordert oder wir gezwungen sind, tatenlos zusehen zu müssen. Es ist eine Gabe, die alle Menschen besitzen. Auch, wenn manche, wie ich vorhin sagte, nicht mitfühlen können oder wollen.
Tatsächlich kann man sich entscheiden, kein Mitgefühl zu haben. Es ist meist keine Entscheidung, die man bewusst trifft. Aber eine, die sich nahe legt - öfter, als man denkt. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die ausreichen, einem anderen Menschen das Mitgefühl zu verweigern. Es genügt schon, dass einem der oder die andere unsympathisch ist, dass man ihn oder sie nicht mag.
Geradezu im Recht, einem anderen Menschen das Mitgefühl zu verweigern, wähnt man sich, wenn die oder der andere ein Schweinehund ist. Jemand, der sich falsch verhält, der gemein ist oder ein Betrüger, hat damit automatisch unser Mitgefühl verspielt. Darum bemühen sich Extremist:innen, ihre Gegner:innen als schlechte Menschen darzustellen, als Menschen zweiter Klasse. Oder sie vergleichen sie gleich mit Tieren - wie dem Schweinehund, den es zum Glück gar nicht gibt.
Dieses Herabwürdigen anderer Menschen dringt von den Rändern der Gesellschaft, von den äußersten Enden des Parteienspektrums in die Mitte. Besonders die rechtsradikalen Parteien arbeiten daran, die Herabwürdigung anderer Menschen gesellschaftsfähig zu machen.
Ein anderer Weg, das Mitgefühl zu verlieren, ist, es sich systematisch abzutrainieren. Das klingt völlig unsinnig - warum sollte man so etwas tun wollen? Nun, es wurde bereits getan, in ganz großem Stil.
Während des sogenannten „Dritten Reiches” wurde unseren Eltern und Großeltern das Mitgefühl abtrainiert. Die Keime dafür waren schon im Kaiserreich gelegt worden - wie es der Spielfilm „Das weiße Band“ eindrücklich zeigt.
Kinder und Erwachsene wurden zu Härte erzogen - Härte gegen sich selbst, vor allem aber gegen andere. „Härte” ist hier gleichbedeutend mit Unmenschlichkeit, weil alles Menschliche - Mitgefühl, Nachsicht, Rücksichtnahme und Verständnis - als „weichlich” und „weibisch” verunglimpft wurde.
„Härte” - und damit Unmenschlichkeit - war einmal eine Tugend und galt als „männlich”, weshalb Männer auch nicht weinen und keine Schwäche zeigen durften. In der Bibel findet sich diese Hartherzigkeit immer wieder als Strafe Gottes z.B. für den Pharao, der das Volk Israel nicht aus Ägypten ziehen lassen will.
Auch wir trainieren uns das Mitgefühl ab, wenn wir uns lieblos verhalten. Wenn wir meinen, hart bleiben, Härte zeigen zu müssen. Wenn wir uns selbst nicht lieben, auf uns selbst keine Rücksicht nehmen.
Die drei Strophen des Stabat mater, die wir eben hörten, werben eindringlich um unser Mitgefühl. Sie versuchen, unsere Liebe für Maria zu wecken. Nicht umsonst wird Maria in der kirchlichen Kunst als schöne Frau dargestellt: Um es uns leichter zu machen, sie zu lieben und dadurch mit ihr zu fühlen. Auch die Schönheit der Musik trägt ihren Teil dazu bei.
Das Stabat mater appelliert auch an unsere Dankbarkeit: Dankbarkeit, dass Jesus Leiden und Tod für uns auf sich nahm. Das Stabat mater erinnert uns daran nicht, um uns damit ein schlechtes Gewissen zu machen. Sondern um uns erkennen und begreifen zu lassen, was uns damit geschenkt wurde, dass er „für mich sein Leben gab.”
Die Passionszeit hat begonnen. „Passion” bedeutet „Leidenschaft”, „Gefühl” - „Mit Gefühl” ist in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion „Sieben Wochen ohne”.
Sieben Wochen bis zum Osterfest sind eine Zeit, das Mitgefühl zu üben und als Gabe wert zu schätzen. Uns nicht verhärten zu lassen und auf unsere Sprache zu achten: Dass sie nicht andere Menschen abwertet und ihnen ihre Würde nimmt - der erste Schritt dazu, ihnen das Mitgefühl zu verweigern. Sieben Wochen bis zum Osterfest sind auch eine Zeit, darüber traurig zu sein, wo wir uns selbst Respekt, Rücksicht und Liebe verweigert haben. Diese Traurigkeit ist die Trauer Gottes, der wie ein Vater, wie eine Mutter trauert, wenn sein Kind leidet.
Wenn wir dem Leiden ein Ende machen, das wir uns selbst zufügen, können wir das Mitgefühl wieder lernen und das Leiden anderer beenden. Der Weg dazu ist die Liebe. Die Liebe, die wir in unser Herz strömen lassen. Sie macht unser Herz weich und weit und entfacht in uns die Liebe zu dem, „der für mich sein Leben gab.”
Amen.
