Freitag, 7. Juli 2017

Der Anfang einer neuen Geschichte

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2017, über Genesis 50,15-21:

Nachdem ihr Vater Jakob gestorben war, fürchteten sich die Brüder Josefs. 
Sie dachten: Josef wird uns bestimmt verfolgen und uns alles Böse heimzahlen, was wir ihm angetan haben.
Darum schickten sie folgende Botschaft zu Josef:
„Dein Vater befahl vor seinem Tod: Das sollt ihr Josef sagen: 
Vergib doch bitte die Schuld deiner Brüder und ihre Verfehlung, denn sie taten dir Böses an.
Darum vergib bitte die Sünde der Diener des Gottes deines Vaters.“
Josef aber weinte über ihre Worte.
Da kamen seine Brüder selbst und warfen sich vor ihm nieder und sprachen: 
Sieh, wir sind deine Diener!
Da sprach Josef zu ihnen: Fürchtet euch nicht!
Stehe ich denn an Gottes Stelle?
Ihr plantet zwar Böses gegen mich,
Gott aber plante Gutes,
um zu tun, was jetzt geschieht: ein großes Volk zu retten.
Und nun habt keine Angst!
Ich will euer Leben und das eurer Familien erhalten.
Und er tröstete sie und redete ihnen gut zu.


Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt Unrecht, das kann man nicht vergessen.
Das, was einem da angetan wurde, steht für immer zwischen einem selbst und dem, der es getan hat.
Es zerstört die Freundschaft oder die Beziehung, die man zu diesem Menschen hatte.
Man kann ihm nie mehr so begegnen wie früher.

Wie aber, wenn es der eigene Bruder, die eigene Schwester ist, die einem Unrecht getan hat?
Geschwister kann man nicht loswerden.
So, wie man sein Leben lang ein Kind seiner Eltern bleibt, 
so bleibt man ein Leben lang Bruder oder Schwester.
Wie begegnet man der Schwester, dem Bruder, die einem weh taten, einem Unrecht taten, in Zukunft?
Geht das überhaupt?


I
Josef wurde von seinen zehn Brüdern übel mitgespielt.
Eigentlich hatte Josef elf Brüder, aber Benjamin war damals noch zu jung, als dass ihn Schuld träfe.
Die zehn aber hassten Josef so sehr, dass sie ihn töten wollten.
Erst in letzter Sekunde gelang es Juda, dem Ältesten, die beabsichtigte Todesstrafe in Lebenslänglich umzuwandeln, indem er vorschlug, Josef als Sklaven zu verkaufen.
Die Brüder warfen Josef in einen leeren Brunnen, bis eine Karawane vorbeikam, an die sie ihn verkauften.
Seine Kleidung tränkten sie in Blut und machten dem Vater weis, ein wildes Tier hätte Josef gerissen.

Man kann sich wohl kaum etwas perfideres vorstellen als das, was seine Brüder Josef antaten. 
Da hilft es nicht, dass die Brüder durchaus Grund dazu hatten, Josef zu hassen: 
Er war arrogant, eingebildet und vom Vater verwöhnt.
Für das, was seine Brüder ihm antaten, gibt es keine Rechtfertigung.

Die Karawane zieht nach Ägypten und verkauft Josef an einen Beamten des Pharao. 
Es scheint, als würde sein Blatt sich wenden. 
Doch die Frau des Beamten zeigt ihn wegen sexueller Belästigung an, 
und Josef wandert ins Gefängnis.
Dort wird er dann sozusagen „entdeckt“ und entwickelt für den Pharao ein Wirtschaftsprogramm, mit dessen Hilfe Ägypten zur Kornkammer des Vorderen Orients wird. 
Als eine Hungersnot einsetzt, verdient der Pharao Millionen durch das Getreide, das Josef einlagern ließ, und erhebt Josef in den Rang eines Kanzlers.

Es spricht sich herum, dass es in Ägypten Getreide gibt. 
So treibt die Hungersnot auch Josefs Familie nach Ägypten. 
Josef gibt seinen Brüdern einen Vorgeschmack dessen, was er erleiden musste, indem er sie als Spione verhaften lässt. 
Die Brüder befürchten Schlimmes für sich, doch die Anwesenheit des Vaters schützt die Brüder vor Josefs Rache. 
Als aber der Vater in Ägypten stirbt, bekommen es die Brüder mit der Angst zu tun. 
Wer wird den mächtigsten Mann Ägyptens aufhalten, wenn er es seinen Brüdern heimzahlen will?


II
Was würden wir tun, wenn wir in Josefs Lage wären?
Würden wir unsere Macht ausnutzen und denen mit gleicher Münze heimzahlen, die uns übel mitspielten - selbst, wenn es unsere Geschwister sind?
Wenn einem jemand auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, muss man sehr stark sein, 
um diese Situation nicht auszunutzen. 
Wer andere herumkommandieren kann, tut das nur zu gern. 
Gerade die, auf denen sonst immer herumgetrampelt wird, werden ganz besonders fies, wenn sie einmal Gelegenheit erhalten, auf anderen herumzutrampeln.
Josef aber nutzt die Gelegenheit, es seinen Brüdern heimzuzahlen, nicht aus.
Josef reagiert ganz anders.
Josef weint.

Warum weint er?
Weint er, weil er sich daran erinnert, was seine Brüder ihm antaten?
Weint er, weil sie sich so vor ihm erniedrigen, dass sie erst einen Boten schicken, ehe sie selbst kommen und sich vor ihm niederwerfen, und er das nicht ertragen kann?
Weint er, weil er nicht weiß, ob er ihnen wirklich trauen kann, 
oder weil das Vertrauensverhältnis zu seinen Brüdern zerbrochen ist?
Weint er, weil sie ihm zutrauen, was sie selbst ihm angetan haben?
Oder weint er, weil seine Brüder endlich, endlich ihre Schuld bekennen und ihn um Vergebung bitten?


III
Es hat lange gedauert, bis Josefs Brüder gestehen konnten, was sie ihm angetan hatten, 
und es war ein langer Weg bis dahin.
Josef erkennt, dass alles einem Plan folgte.
Alles, was passiert ist, diente einem Ziel: 
Ein großes Volk zu retten.
Die Größe, die Josef erworben hat, ist nicht sein hohes Amt in Ägypten, 
das ihn zum Herren über Leben und Tod macht.
Die Größe, die er erwarb, ist, dass er von sich selbst absehen kann. 
Es geht nicht um ihn, nicht um das, was ihm angetan wurde, nicht um Genugtuung oder Rache.
Es geht darum, ein großes Volk zu retten.
Josef kann von sich absehen, weil er sich von Gott geführt weiß.
Manche empfinden, wie Josef, Gottes Hand, Gottes Führung in ihrem Leben. 
In dem, was andere als „Zufall“ oder „Schicksal“ bezeichnen, sehen sie Gottes Willen am Werk. 
Was als Irrtum, Umweg, verlorene Zeit erscheint, folgt einem Plan.
Josef meint, diesen Plan durchschaut zu haben:
Gott sorgt durch ihn dafür, dass die Kinder Israels die Hungersnot überstehen und am Leben bleiben.
Dafür musste er von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft werden, 
dafür musste er ins Gefängnis, um dort mit seiner Begabung entdeckt werden zu können. 
Josef erkennt, dass all das Gottes Plan diente, und kann dadurch sein schweres Schicksal annehmen: 
„Ihr plantet zwar Böses gegen mich, Gott aber plante Gutes“.
Zum Plan Gottes gehört auch die Versöhnung der Geschwister. 
Wie sonst soll aus den zerstrittenen Söhnen Israels das Volk Israel entstehen?


IV
Wenn wir davon sprechen, dass Josef Gottes Plan durchschaut, 
dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei um eine Geschichte handelt. 
Eine Geschichte ordnet das Geschehen nachträglich in einer Weise, 
dass ein roter Faden oder ein Plan erkennbar wird. 
Das machen wir auch, wenn wir eine Begebenheit aus unserem Leben erzählen. 
Im Rückblick ergeben die Ereignisse einen Sinn, 
oder wir finden einen Sinn darin, den sie nicht hatten, als wir mitten drin steckten.
Den roten Faden, den Plan erkennt man nur in der Rückschau, 
nicht, solange man sich noch mitten im Geschehen befindet. 
Deshalb macht Josef eine ganz wichtige Einschränkung. Er sagt:
„Stehe ich denn an Gottes Stelle?“
Josef sieht sich nicht als Werkzeug Gottes, so wichtig seine Rolle ist. 
Er spricht nicht von sich und seiner Rolle in dem Ganzen. 
Er macht sich nicht zum Helden der Geschichte, 
sondern hält sich selbst zurück und überlässt Gott das Handeln und die Lorbeeren.
Wir bewundern das vielleicht und halten Josef für einen außergewöhnlichen Menschen. 
Dabei können wir das auch. 
Jede und jeder, der schon einmal Verantwortung für andere übernahm, 
hat dabei bemerkt, wie unwichtig die eigenen Sorgen und Bedürfnisse dabei werden. 
Zwar melden sich irgendwann der Hunger oder die Müdigkeit. 
Aber sonst denkt man kaum an sich, 
weil man so sehr damit beschäftigt ist, sich um das Wohlergehen derer zu kümmern, 
die einem anvertraut sind - der kranke Partner, das Kind, die Jugendlichen auf einer Freizeit …
„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“,
fragt Kain scheinheilig. 
In seiner Frage liegt bereits die Antwort: Ja. 
Ja, wir sind Hüterinnen und Hüter unserer Schwestern und Brüder. 
Wir sind für sie verantwortlich. Nicht nur für unsere leiblichen Geschwister. 
Denn, das wissen wir, jede und jeder kann uns zur Nächsten werden.


V
Wir sind Hüterinnen und Hüter unserer Schwestern und Brüder, schön und gut. 
Aber sind wir es auch, wenn sie gemein zu uns waren? 
Kann man einem Bruder, einer Schwester vergeben, wenn sie einem Unrecht taten?

Es gibt Dinge, die einem angetan wurden, die kann man wohl niemals vergessen. 
Manche sind so schlimm, dass man ein Leben lang darunter leidet. 
Aber vielleicht kann man sie eines Tages vergeben, wenn man erkennt, dass es nicht um uns geht. Auch unser Leben ist eingebettet in eine größere Geschichte: 
In die Geschichte Gottes mit uns Menschen. 
In dieser Geschichte spielen wir unsere Rolle, wie Josef sie spielte 
- auch, wenn unsere Rolle vielleicht nicht so groß und bedeutend ist wie die Josefs. 
Wir sind Teil dieser einzigartigen Geschichte Gottes. 
Sie ist unsere Geschichte. 
Ohne uns geht sie nicht weiter, wie sie ohne Josef nicht weitergegangen wäre.

Damit die Geschichte Gottes weitergehen kann, braucht es die Vergebung. 
Denn ohne Vergebung gibt es keinen neuen Anfang, und ohne Anfang keine neue Geschichte.
Amen.

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