Samstag, 5. August 2017

Komm doch mal ins Licht

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 6. August 2017, über Jesaja 2,1-5:

1 Was Amoz‘ Sohn Jesaja in Bezug auf Juda und Jerusalem sah:
2 In den letzten Tagen wird sich der Tempelberg an die Spitze aller Berge setzen
und sich über die Hügel erheben.
Alle Völker werden zu ihm strömen.
3 Große Völker werden kommen und sagen:
Auf! Lasst uns auf den Tempelberg steigen,
zum Haus des Gottes Jakobs!
Gott wird uns seine Wege lehren,
dass wir auf seinen Pfaden wandeln.
Von Zion wird Tora ausgehen,
Gottes Wort von Jerusalem.
4 Gott wird zwischen den Völkern richten
und Recht sprechen für große Völker.
Sie werden ihre Schwerter zu Spaten
und ihre Spieße zu Winzermessern umschmieden.
Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben;
sie werden das Kriegshandwerk nicht mehr erlernen.
5 Haus Jakobs, auf!
Lasst uns zum Licht Gottes gehen!


Liebe Schwestern und Brüder,

„denn man sieht nur die im Lichte,
die im Dunkeln sieht man nicht“.
Dieser Satz von Bertold Brecht ist eine Binsenweisheit,
auf den ersten Blick jedenfalls.
Ohne Licht kann man nichts sehen.
Was im Dunkeln bleibt, ist nicht zu erkennen, bleibt unsichtbar.

Aber der Satz Bertold Brechts ist mehr als eine Binsenweisheit.
Das liegt daran, dass wir mit „Dunkel“ bestimmte Dinge assoziieren.
Und das sollen wir auch.
Das Dunkle wird als bedrohlich, unheimlich, feindlich empfunden.
Wer sich im Dunkeln aufhält, will nicht erkannt werden.
Ist selbst nicht geheuer, wirkt gefährlich
oder hat etwas zu verbergen, was nicht ans Licht kommen darf.

I
Jesaja hat eine Vision, zu deutsch: ein Gesicht.
Er sieht etwas.
Sehen kann man aber nur, was im Licht ist.
Auch für eine Vision ist Licht nötig.
Freilich nicht das Licht der Sonne, das Licht der Lampen.
Das Licht, das die Vision Jesajas ermöglicht, ist ein besonderes Licht:
Es ist das Licht Gottes.
Im Lichte Gottes sieht Jesaja den Jerusalemer Tempelberg in einem neuen Licht.
Er sieht ihn mit anderen Augen, nicht so, wie sonst und nicht so, wie er ist.

Der Tempelberg: Seit jeher ein Ort, um den gestritten wird.
Ein umkämpfter Ort.
König David hatte ihn mit Gewalt von den Jebusitern erobert (2.Samuel 5).
Seitdem standen immer wieder feindliche Heere vor den Toren Jerusalems.
Bis die Babylonier die Stadt schließlich einnahmen und den Tempel zerstörten.
Nach dem Wiederaufbau des Tempels durch Nehemia kamen die Römer und zerstörten ihn ein zweites Mal - und damit endgültig.
Ihnen folgten die Muslime, mit denen sich die Kreuzritter blutige Schlachten lieferten.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts kehrten zionistische Juden nach Israel zurück und gründeten den Staat Israel,
der unzähligen verfolgten Jüdinnen und Juden Rettung, Zuflucht und Heimat wurde.
Aber der Tempelberg blieb und bleibt umkämpft.

Dieser Konflikt um den Tempelberg zwischen Juden und Muslimen
ist nicht nur eine innere Angelegenheit des Staates Israel,
in die wir uns nicht einmischen dürfen.
Er ist auch ein Symbol.
Ein Symbol für unsere Tendenz, Konflikte mit Gewalt lösen zu wollen.
Ein Symbol für unsere Unfähigkeit zu einem echten, vermittelnden Gespräch, zu einem Ausgleich verschiedener Interessen.
Als Symbol macht er traurig,
weil er uns unsere Unfähigkeit zur Gewaltlosigkeit ständig vor Augen hält.

II
Diese unsere Unfähigkeit hat letztlich zur Atombombe geführt.
Damals, als die Atombombe entwickelt wurde,
glaubte man, mit ihr das Mittel gefunden zu haben,
die Vision Jesajas Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Atombombe stellt die extremste, überhaupt noch vorstellbare Form von Gewalt dar.
Ihre Wirkung - das war der Gedanke - ist so schrecklich, so abschreckend,
dass sie niemals angewendet werden wird.
Allein ihre bloße Existenz würde alle Kriege beenden.

Die Geschichte zeigt, wie furchtbar falsch diese Überzeugung war.
Nicht nur führte die Atombombe zum „kalten Krieg“,
der Europa und die Welt in zwei Teile spaltete.
Auch sind im Schatten der Atombombe weiterhin unzählige Kriege geführt worden.
Und die Bombe selbst bleibt eine Versuchung für alle totalitären Machthaber.

Aber deshalb ist unsere Unfähigkeit,
ohne Gewalt oder deren Androhung zu einem Ausgleich der Interessen zu kommen, kein Merkmal des modernen Menschen.
Diese Unfähigkeit ist tief in uns verwurzelt, ist zutiefst menschlich.
Auch Jesaja und seine Zeitgenossen besaßen sie.
Deshalb kann man Jesajas Vision als Folie benutzen,
vor der sich die Verhältnisse seiner Zeit abheben:

Völker regeln ihre Streitigkeiten mit Gewalt.
Es gibt kein international anerkanntes Recht,
schon gar keinen internationalen Gerichtshof.
Man produziert Waffen anstelle von Ackergeräten.
Vielleicht hat man damals schon Werkzeug zu Kriegswaffen umgeschmiedet, wie man in den beiden Weltkriegen die Kirchenglocken einschmolz.
Und man lehrt die Kinder, Soldaten zu werden, statt Bauern und Winzer.

III
Die Vision Jesajas lässt sich als eine Vorahnung dessen lesen,
was einmal UNO und Internationaler Gerichtshof heißen sollte.
Aber Jesajas Vision ist anders.
Jesaja ist zu realistisch, um an das Gute im Menschen,
an unseren Willen zum Guten zu glauben.
Wir sind zum Gewaltverzicht nicht in der Lage.
Die UNO-Blauhelmsoldaten haben nur zusehen können,
wie Gewalt eskalierte in Srebrenica oder Ruanda.
Sie konnten, sie durften nicht eingreifen.

Nur Gott selbst kann dem Menschen dazu verhelfen,
sein Unvermögen zum Gewaltverzicht
in die Fähigkeit zur Gewaltlosigkeit umzuwandeln.
Das geschieht nicht durch unsichtbare Kräfte,
nicht durch Wunder oder eine Erweckung.
Es geschieht durch das Unscheinbarste,
das zugleich auch das denkbar Untauglichste für diesen Zweck ist:
Durch das Wort.

Ein Wort sagt man leicht dahin.
Man kann es überhören.
Man kann niemanden dazu bringen oder gar zwingen, es zu hören.
Es kann „zu Boden fallen“, wie es in der Bibel heißt,
völlig ohne Wirkung bleiben.
Es kann einem im Mund herumgedreht,
kann missverstanden, verfälscht, in sein Gegenteil verkehrt werden.
Weil das Wort so gefährdet und verletzlich ist,
muss man äußerst vorsichtig damit umgehen.
Man muss zur Anwältin, zum Anwalt des Wortes werden.
Wie eine gute Anwältin hört man ganz genau zu,
versucht, zu verstehen und sich für die Sache des Wortes einzusetzen.
Wie eine gute Anwältin rechnet man mit dem eigenen Irrtum, dem eigenen Missverstehen:
Was wurde genau gesagt?
Wie war es wirklich gemeint?

IV
„denn man sieht nur die im Lichte,
die im Dunkeln sieht man nicht“.
Zu den tief in uns verankerten, zutiefst menschlichen Eigenschaften gehört auch, eine Seite einzunehmen und Partei zu ergreifen:
Licht oder Dunkel;
Gut oder Böse;
dafür oder dagegen;
Freund oder Feind;
Schwarz oder Weiß.
Wir sind schwer davon zu überzeugen,
dass es Abstufungen gibt, Grautöne;
dass manches nicht eindeutig ist, sondern kompliziert;
dass Dinge manchmal Gut und Böse sein können,
Schwarz und Weiß.

Wir können oft nur in Gegensätzen denken.
Gott aber kann die Gegensätze aufheben
- indem Gott sich sozusagen in die Mitte stellt
und zwischen beiden Seiten vermittelt.
Darum sollen wir „auf Gottes Pfaden wandeln“,
das bedeutet:
Gott Schiedsrichter, Vermittler zwischen unterschiedlichen Positionen sein lassen.
Der Ausgleich der Interessen, der uns mit friedlichen Mitteln nicht gelingt,
sondern immer wieder zu Gewalt führt:
für Gott ist er möglich.
Gott ist in der Lage, beide Seiten zu sehen.
Im Lichte Gottes können auch wir lernen,
die andere Seite zu sehen und zu verstehen.

Wenn wir es aushalten könnten,
dass Gott der Schiedsrichter ist und nicht wir;
dass Gott die Gegensätze verbinden kann,
die uns unüberbrückbar erscheinen,
wäre unser Leben entspannter - und friedlicher.

V
Gott möchte uns die Welt in seinem Licht sehen lassen.
Im Lichte Gottes ist sie nicht schwarz-weiß, sondern bunt.
Soviel Farbe kann anstrengend sein.
Wie soll man sich zurechtfinden,
woran soll man sich orientieren?
Jesaja sagt:
„Von Zion wird Tora ausgehen,
Gottes Wort von Jerusalem.“

Im Judentum werden mit „Tora“ die fünf Bücher Mose bezeichnet.
Gottes Wort, das ist die Bibel.
Seit der Zerstörung des zweiten Tempels
geht Gottes Wort nicht mehr vom Tempel aus, sondern von einem Buch,
das man in der Hand tragen kann.
Gottes Wort, Gottes Tora geht mit uns.
Die Bibel ist unser „tragbares Heimatland“,
In ihr finden wir Gottes Wort für uns
und lernen dadurch, die Welt mit Gottes Augen zu sehen,
in seinem Licht.

Freilich, das Wort kann man missverstehen,
man kann es missbrauchen.
Deshalb müssen wir behutsam mit dem Wort umgehen
und verantwortungsvoll.
Wenn wir lernen, Anwältinnen und Anwälte des Wortes zu sein,
wird es uns auch gelingen,
Konflikte ohne Gewalt zu lösen.
Wie wir Gottes Wort behutsam, aufmerksam, respektvoll behandeln,
so auch unsere Mitmenschen
und sogar die, die wir gar nicht kennen.

Gottes Wort geht von Jerusalem aus.
Israel ist und bleibt Gottes erwähltes Volk,
zu dem wir aufsehen wie zu einer großen Schwester.
Das Mitleiden mit Israelis und Palästinensern,
die Trauer um Jerusalem,
der Schmerz um den Streit über den Tempelberg
hält in uns die Hoffnung Jesajas lebendig:
Dass ein Tag kommen wird,
an dem keine Glocken mehr eingeschmolzen werden für den Krieg,
sondern Kriegswaffen zu Gartengeräten werden.
Ein Tag, an dem Kinder nicht mehr Soldat spielen müssen,
sondern man die Kindersoldaten spielen lässt.
Ein Tag, an dem unsere arme, gebeutelte Erde
ein blühender Garten für alle Menschen wird.

Wir können etwas dafür tun, damit es Tag wird.
„Auf! Lasst uns zum Licht Gottes gehen!“

Amen.

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