gebrauchter Tag und guter Tag

Predigt am Sonntag Kantate, 2. Mai 2021, über Lukas 19,37-40

„Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!”

Wenn man sich auf der Straße begegnet, wünscht man sich einen „guten Tag” oder sagt „Moin!”, was dasselbe bedeutet – „moi” ist Plattdeutsch und heißt „gut”. Manche, die mit dem falschen Bein zuerst aufgestanden sind, oder die meinen, man hätte ihnen mal wieder einen gebrauchten Tag angedreht, ärgern sich über diesen Gruß: Das sei doch bloß eine Floskel! Das sei nur so dahergesagt und nicht wirklich so gemeint.

Auch in der Geschichte, in der Lukas den Einzug Jesu in Jerusalem schildert, kommt eine Floskel vor: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!” - Ja, wo denn sonst?, möchte man fragen. Zwar zeigen Science-Fiction-Filme wie „Star Wars”, dass es auch im Himmel Kriege geben könnte, wenn einmal verschiedene Zivilisationen aufeinandertreffen sollten. Aber in Gottes Himmel, um den es hier geht, herrscht Friede.

Wozu dann diese Floskel? Warum wird ausgesprochen, was doch selbstverständlich ist? Hört man diesen Satz: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!”, wird man an einen ganz ähnlichen erinnert, der auch im Lukasevangelium steht: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens” (Lukas 2,14). Dieser Satz aus der Weihnachtsgeschichte ist keine Floskel, sondern ein Wunsch: Dass Friede auf Erden sei. Und tatsächlich ist mit dem Christus-Menschenkind Frieden in die Welt gekommen. Doch die Welt war damals, zur Zeit Jesu, nicht im Frieden, und sie ist es bis heute nicht. Zwar herrscht in unserem Land kein Krieg. Doch Ungleichheit und Hass spalten unsere Gesellschaft; es gibt Spannungen und Ausbrüche von Gewalt, die einem Angst machen können. In vielen anderen Ländern herrscht Krieg, vor dem Menschen auch zu uns fliehen in der Hoffnung, bei uns in Frieden leben zu können. Auch hier stoßen sie auf Ablehnung, Hass und Gewalt.

Die Geburt des Christus-Menschenkindes brachte der Welt Frieden. Nicht als ein Wunder, durch das alles gut wurde. Sondern als eine Aufgabe an uns, im Auftrag und im Namen Jesu Friedensstifter zu werden und für Frieden in unserer Welt einzutreten.

Wenn wir uns einen guten Morgen wünschen, mag das oft nur so dahingesagt sein, ohne dass wir uns etwas dabei denken. Aber indem wir diese Worte aussprechen, wünschen wir dem, der mit dem falschen Bein zuerst aufgestanden ist, oder der, die sich schon lange fragt, wann sie endlich wieder einen guten Tag erleben wird, dass heute ein guter Tag sein möge. Wenn wir diesen Wunsch aussprechen, übernehmen wir Verantwortung dafür, dass er Wirklichkeit wird. Wir erklären uns bereit, unseren Teil dazu beizutragen. Außerdem: Wenn man einen guten Tag wünscht, tut dieser Wunsch gut – das hilft vielleicht schon, dass der Tag ein bisschen besser wird.

„Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!” Der Friede im Himmel spornt uns an, uns für den Frieden auf Erden einzusetzen und Friedensstifter zu werden. Und, wenn man’s recht bedenkt, gehört beides zusammen: Wer anderen Gutes wünschen und Gutes gönnen kann, hat schon einen Schritt zum Frieden getan!