Sonntag, 4. Januar 2026

Mantel der Gerechtigkeit

Predigt am 2. Sonntag nach dem Christfest, 4.1.2026, über Jesaja 61,1-4.9-11

Liebe Schwestern und Brüder,

der Predigttext aus dem Jesajabuch
versetzt uns zurück in die Zeit des babylonischen Exils,
ins 7. und 6. Jahrhundert vor Christus.
Der Staat Israel existierte nicht mehr,
der Tempel war entweiht, geplündert und zerstört;
die Bewohner Jerusalems und anderer judäischer Städte
waren in das Gebiet des heutigen Iran und Irak verschleppt worden:
der Beginn der Diaspora, der Zerstreuung der Juden unter die Völker,
die bis heute andauert.

Die Juden im Exil versuchten zu verstehen,
warum sie ihr Land hatten verlassen müssen.
Das Land, das Gott Abrahams und Jakobs Nachkommen
als ewiges Erbe versprochen hatte.
Sie versuchten zu begreifen, wie es geschehen konnte,
dass der Tempel auf dem Zionsberg,
den Gott als seinen Wohnsitz erwählt hatte,
zerstört worden war.

Sie trauerten um ihre zerstörten Häuser,
um den Verlust ihres Besitzes und ihrer Heimat.
Sie waren noch immer Fremde in dem Land,
in dem sie nun schon seit Jahren und Jahrzehnten lebten.
Sie gehörten nicht dazu, waren kein Teil der Gesellschaft.
Ihre Kinder waren hier, im Exil, geboren und aufgewachsen;
trotzdem haftete selbst ihnen weiterhin das Fremdsein an.

In dieser Situation macht Jesaja Hoffnung
auf ein Ende der Gefangenschaft,
auf Rückkehr in die vom Krieg zerstörte Stadt,
und den Wiederaufbau des Tempels.
Er macht Hoffnung auch darauf,
nicht mehr als Fremde angesehen und behandelt zu werden,
sondern gleichberechtigt und gleichwertig
unter den Völkern leben zu dürfen.

Vor allem verspricht Jesaja im Namen Gottes,
dass die Völker endlich die besondere Rolle Israels
als Gottes auserwähltes Volk anerkennen werden.

Doch das Gegenteil ist der Fall:
Dass sie „ein von Gott gesegnetes Geschlecht” sind,
glaubt ihnen niemand.
Spricht nicht alles dagegen?
Wie kann man gesegnet sein,
wenn man zum Spielball der Mächtigen wurde,
die Heimat verlassen und in der Fremde leben musste
als jemand, der nicht dazu gehört?

Die Juden waren niemals wirklich mächtig,
sie waren niemals die Sieger.
Schon in Israel lebten sie seit Jahrhunderten unter der Bedrohung,
die von den Großmächten im Norden und Süden ausging.
Die Behauptung, ihr Gott habe die Welt erschaffen,
erregte bei den anderen Völkern nur Spott und Kopfschütteln:
Wie konnte ein so schwaches, unbedeutendes Volk nur behaupten,
vom allmächtigen Gott auserwählt zu sein?

Die Juden beharrten darauf,
dass Gott sie damit beauftragt hatte,
nach seinen Geboten zu leben.
Diese Gebote Gottes zwangen sie dazu,
sich anders zu verhalten als die Völker, unter denen sie lebten.
Sie beteten anders, aßen anders, hielten andere Feiertage.
Sie konnten und wollten sich nicht anpassen
an die Sitten und Gebräuche im Lande.
Waren sie da nicht selber schuld,
dass sie Fremde blieben, die man schnitt,
auf die man herabsah, die man nicht respektierte?

Dieses Schicksal der Juden im Exil
teilen alle, die „anders” sind oder als „Fremde“ gelten.
Darum haben später auch die Christen
diese Worte Jesajas auf sich bezogen,
als sie von den römischen Behörden verfolgt und gejagt wurden,
weil sie anders lebten als die Mehrheit der anderen
- oder als die, die das Sagen hatten.

Darum wird dieser Abschnitt aus Jesaja auch
als der erste Text überliefert, über den Jesus gepredigt hat -
wir hörten davon im Evangelium am Neujahrstag.
Jesus hielt sich besonders zu den Menschen,
die „anders” waren und deswegen ausgegrenzt wurden,
am Rand der Gesellschaft leben mussten.
Er machte es sich zur Aufgabe,
gerade diese Menschen in die Gemeinschaft mit Gott zu holen.

Zu allen Zeiten gingen und gehen Gemeinschaften
unbarmherzig mit denen um, die „anders” sind.
Wer nicht so aussieht, nicht so spricht,
nicht so lebt wie die Mehrheit der anderen
- oder wie die, die das Sagen haben -,
ist nicht willkommen, darf nicht dazugehören.
Das lässt man ihn, das lässt man sie auch spüren.

Offenbar können Menschen nicht anders:
Sie bilden geschlossene Gesellschaften.
Sie sind nicht offen für andere, nicht einladend.
Geschlossenen Gesellschaften schließen
auch aus sich heraus Menschen aus:
Sie schließen die aus, die „anders” sind:
die anders aussehen, anders leben oder lieben, anders denken,
als die Mehrheit es tut - oder die, die das Sagen haben.
Dieses Ausschlussverfahren beginnt im Prinzip,
sobald mehr als zwei beisammen sind.
Sogar Freunde, selbst Geschwister sind davon nicht ausgenommen.

Manche kommen diesem Ausschluss zuvor,
indem sie sich selbst ausschließen,
sich absondern, sich anstößig verhalten, sich unmöglich machen.
Auch und gerade durch ihre Kleidung, wie z.B. die Punks.
In den 60er Jahren reichten schon lange Haare,
um als „Rebell” zu gelten.

Wie Kleidung stigmatisieren,
Menschen zu Außenseitern stempeln kann;
wie man sich durch Kleidung von anderen abgrenzt,
so dient Kleidung auch dazu, Menschen Ehre zu erweisen:
Einen Doktorhut verdient sich, wer seine Promotion bestanden hat;
in ihrem Brautkleid bildet die Braut den Mittelpunkt der Hochzeit.
Darauf spielt auch Jesaja an,
wenn er den Turban des Bräutigams,
den Schmuck der Braut erwähnt.

Kleidung ist ein äußerliches Zeichen der Zugehörigkeit.
Beim Militär trägt man Uniform,
um diese Zusammengehörigkeit sichtbar zu machen.
Auch wir tragen eine Uniform -
auch wenn wir großen Wert auf unsere Individualität legen
und unsere Kleidung selbst auswählen.
Aber wir tun das in einem Rahmen,
der uns von der Gesellschaft vorgegeben wird.
Wer sich nicht daran hält - wie es z.B. die Punks taten,
oder wie Menschen aus einem anderen Kulturkreis es tun -
grenzt sich damit sofort aus.

Und nun verkündigt Jesaja ausgerechnet,
dass Gott die Menschen einkleidet.
Schon einmal hatte er den Menschen Kleidung gegeben:
Nachdem sie das Paradies hatten verlassen müssen,
gab er ihnen Felle, damit sie ihre Würde wahren konnten
und nicht nackt herumlaufen mussten.
Jetzt gibt Gott den Menschen eine ganz besondere Kleidung:
Kleider des Heils und den Mantel der Gerechtigkeit.

Das Besondere an dieser Kleidung ist,
dass sie ihre Träger nicht von anderen abhebt oder abgrenzt.
Man kann sie ja nicht wirklich sehen,
die Kleider des Heils und den Mantel der Gerechtigkeit.
Mit dieser Kleidung gibt Gott Menschen ihre Würde.

In unserer Gesellschaft machen Kleider Leute.
Ein Herr im Frack, eine Dame im Abendkleid haben Würde,
vor denen haben wir Respekt.
Ebenso vor Uniformen und Roben.

Aber es ist ja nicht die Kleidung, die Respekt verdient,
sondern der Mensch - jeder Mensch,
unabhängig davon, welchen Rang er in der Gesellschaft hat,
was sie oder er darstellt, besitzt oder leistet.
Das jedenfalls ist es, was Jesus sich zu zeigen bemüht,
wenn er sich besonders denen zuwendet, die keinen Respekt genießen.

Und das ist auch der Grund,
warum Gott Kleider des Heils und den Mantel der Gerechtigkeit verteilt:
Gerechtigkeit ist es, die einem Menschen Würde gibt.
Wer zu allen Menschen gleichermaßen freundlich
oder gleichermaßen verbindlich ist, hat Würde.
Wer sich für alle Menschen gleichermaßen einsetzt,
nicht nur für seine Freunde oder die,
von denen er sich einen Vorteil erhofft, hat Würde.
Wer alle Menschen respektiert,
ob sie nun Einheimische sind oder Fremde,
ob sie sich so verhalten, wie man selbst, oder anders, hat Würde.
So jemand gibt diesen Menschen Würde.

Es wäre großartig, wenn wir erkennen könnten,
dass Gott auch uns die Heilskleider angezogen hat
und den Mantel der Gerechtigkeit,
und wenn wir danach leben würden,
indem wir uns um Gerechtigkeit bemühten
und uns nicht von Äußerlichkeiten
oder der herrschenden Meinung bestimmen ließen.

Noch großartiger wäre es,
wenn wir auch den Segen anerkennen,
den Gott auf andere Menschen gelegt hat,
statt sie darum zu beneiden
und ihnen diesen Segen zu missgönnen;
wenn wir uns mit anderen freuen könnten.
Denn diese Anerkennung, diese Freude fällt auf uns zurück.

Dann müsste man nicht in missmutige Gesichter blicken;
müsste sich für seinen Erfolg, für sein Glück nicht schämen,
müsste andere nicht um ihren Erfolg, ihr Glück beneiden
sondern könnte die Freude miteinander teilen.
Wäre es nicht schön, so zu leben?