Donnerstag, 1. Januar 2026

wo solls denn hingehen

Predigt am Neujahrstag, 1.1.2026, über Johannes 14,1-6

Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht!
Glaubt an Gott und glaubt an mich!
In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.
Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt:
Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten,
will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen,
auf dass auch ihr seid, wo ich bin.
Und wo ich hingehe – den Weg dahin wisst ihr.
Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst;
wie können wir den Weg wissen?
Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben;
niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Na, wo solls denn hingehen?”,
fragt der Taxifahrer, nachdem man ins Taxi eingestiegen ist.
Wir steigen heute sozusagen ins Neue Jahr ein.
Da ist die Frage erlaubt,
wo es für uns in diesem Neuen Jahr hingehen soll.

Wo es für die Jünger Jesu hingeht, ist keine Frage:
Es geht in die Nachfolge,
also Jesus hinterher, der ihnen vorausgeht.
Das ist ja eigentlich auch unser Weg als Christinnen und Christen.
Darum könnte es hilfreich sein zu hören,
was Jesus bei Johannes über die Nachfolge zu sagen hat.

I
Jesus spricht zunächst von Schrecken:
„In der Welt habt ihr Angst.”
Nicht, weil die Welt zum Fürchten ist.
Das ist sie auch, im Moment sogar ganz besonders,
und aus vielerlei Gründen.
Aber sie ist doch auch sehr schön, die Welt.
Und zu unserem Glück leben wir in unserem Land
in großer Sicherheit und großem Komfort;
über weite Strecken ist unser Leben angst- und sorgenfrei.

Man empfindet Schrecken nicht nur
angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen,
des Klimawandels oder persönlicher Schicksalsschläge.
Als Christin, als Christ empfindet man ein Unbehagen in der Welt,
weil man ihr durch den Glauben gegenüber steht.
Der Glaube zeigt uns, wie die Welt sein sollte.
Das steht in einer Spannung zu dem, wie wir die Welt erleben.

Eine Spannung, unter der man als gläubiger Mensch leiden,
die einem Unbehagen bereiten oder sogar erschrecken kann.
Zumal man das Gefühl hat, mit diesem Unbehagen allein zu sein.
Denn der, der uns diese Spannung überhaupt empfinden lässt,
der uns empfänglich und empfindlich gemacht hat
für die Ungerechtigkeit, den Unfrieden in der Welt
und für die Heillosigkeit, in der viele sich befinden, Jesus,
der ist nicht mehr da.

II
Aber Jesus hat einen Trost für seine Jünger und für uns:
„Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.
Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten,
will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen,
auf dass auch ihr seid, wo ich bin.”

Wir haben ein Zuhause, zusätzlich zu dem Ort,
den wir unser Zuhause nennen,
zusätzlich zu der Gegend, der Landschaft, dem Land,
die für uns „Heimat” sind.
Ein Zuhause bei Gott, das unser wahres Zuhause ist.
In diesem Zuhause werden wir nicht mehr von Jesus getrennt sein.

Allerdings um den Preis, das wir von der Welt getrennt sind
und von den Menschen, die wir lieben:
Das Zuhause bei Gott wartet jenseits des Todes auf uns.
Der Weg dorthin, so scheint es, führt durch den Tod hindurch.
Und auch erst dann, wenn Jesus wiederkommt -
aber wann wird das sein?

III
Ein Haus bei Gott mit vielen Wohnungen -
man ist versucht, sich das vorzustellen.
Aber es ist nur ein Bild, ebenso wie der Weg dorthin.
Wenn wir diese Bilder für die Wirklichkeit halten,
als würde dort oben im Himmel tatsächlich
ein Haus mit vielen Wohnungen stehen -
was das für ein Wolkenkratzer sein müsste! -,
dann kann der Weg dorthin tatsächlich nur über den Tod führen.

Aber der Glaube ist nicht an diese Welt gebunden.
Der Weg, den Jesus geht und auf dem wir ihm nachfolgen,
ist keine Straße, die von A nach B führt
und auf der wir so lange unterwegs sind,
bis wir angekommen sind.
Der Weg ist bekannt, sagt Jesus.
Trotzdem fragt Thomas danach.

Jesus nachfolgen könnte man so verstehen,
dass man das erleiden muss, was Jesus erlitt;
dass der Weg in die himmlischen Wohnungen
nur über das Leiden führt.
Aber das ist wieder ein Denken,
das die Bilder mit der Wirklichkeit verwechselt.

Nachfolge bedeutet nicht, so wie Jesus zu leben.
Nachfolge bedeutet, an Jesus zu glauben, weil er der Weg ist.
Der Weg eröffnete sich für die Jünger,
als sie Jesus begegneten.
Und auch unser Weg des Glaubens begann,
als wir Jesus begegneten.

Dieser Glaube an Jesus ist der Weg, und er ist zugleich das Ziel.
In der Welt fühlen wir uns allein, haben wir Angst -
und zugleich erleben wir, dass Gott bei uns ist,
dass wir nicht allein sind.
Im Glauben sind wir schon bei Gott Zuhause,
auch wenn das Zuhause bei Gott als Ziel vor uns liegt.

IV
Weg und Ziel sind nicht zu trennen,
denn der Weg ist schon das Ziel:
„Ich bin der Weg”, sagt Jesus.

Er ist auch die Wahrheit,
weil wir durch ihn erfahren, wie Gott ist,
und dass Gott für uns, an unserer Seite ist:
Jesus offenbart uns die Wirklichkeit Gottes.

Und er ist das Leben,
weil in Jesus das wahre, das wirkliche Leben erschienen ist:
Das Leben in der Gegenwart Gottes.

Wahrheit und Leben haben wir nicht als Besitz,
als müssten wir sie nur einmal finden
und hätten sie dann für immer.
Man kann sie auch nicht weitergeben;
jede und jeder muss die Wahrheit und das Leben selbst finden.
Jede und jeder muss den Weg der Nachfolge selbst gehen.
Denn der Weg, die Wahrheit und das Leben
begegnen uns in einer Person: in Jesus Christus.

V
Na, wo soll’s denn hingehen?
Wir sind auf dem Weg - das ist unsere christliche Existenz.
Wir sind auf dem Weg, der Jesus Christus heißt
und der zugleich die Wahrheit und das Leben ist.
Indem wir auf diesem Weg sind, sind wir am Ziel:
Wir sind bei Christus, wir sind bei Gott.

Im Glauben erfahren wir schon jetzt die Auferstehung
in jedem Aufstehen nach einer Niederlage,
in jedem Neubeginn nach einem Irrtum,
in der Vergebung unserer Schuld.

Wir sind auf dem Weg der Nachfolge,
auf dem wir bei Christus sind
und zugleich warten wir darauf, dass er wiederkommt.
Wir wissen, dass wir nicht vergeblich laufen.
Denn Jesus wird wiederkommen und uns zu sich nehmen.
Dann werden wir zuhause sein.