Predigt am 1.Sonntag nach Epiphanias, 11.1.2026, über Mt 3,13-17
„Jesus kam zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.
Aber Johannes wehrte ihm und sprach:
Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde,
und du kommst zu mir?”
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus lässt sich von Johannes taufen.
Natürlich, denkt man, so muss es sein:
Die Taufe steht am Anfang der Beziehung zu Gott.
Durch sie gehören wir zu Gott.
Die Taufe begründet die Gotteskindschaft.
Bei der Taufe des Johannes ist das noch nicht so.
Dort begründet die Taufe keine Glaubensbeziehung.
Vielmehr rettet sie die zerstörte Beziehung zu Gott.
Voraussetzung dafür ist die Einsicht,
dass die Beziehung zu Gott gestört ist,
und dass man sie wieder herstellen will.
Voraussetzung ist die Reue.
Wer sich damals von Johannes taufen ließ,
tat es aus Reue. Reue über das, was man getan hatte.
Man bereute die Sünden, die man getan hatte.
Nahm sich vor, sein Leben zu ändern.
Mit diesem Vorsatz stieg man zu Johannes in den Jordan.
Die Taufe wusch gleichsam die Sünden ab.
Aus dem Wasser stieg ein neuer Mensch,
der die Sünde hinter sich gelassen hatte
und es neu mit Gott versuchen wollte.
„Sünde” bezeichnet kein moralisches oder kriminelles Fehlverhalten,
auch wenn Sünde und falsches Verhalten oft gleichgesetzt werden.
Tatsächlich können Fehler, Schuld, Straftaten auch eine Sünde sein.
Aber nicht jeder Diebstahl, nicht jede Lüge ist automatisch eine Sünde.
Als im kalten Nachkriegswinter die Menschen in ihrer Not
Kohlen von den Eisenbahnwaggons stahlen,
rechtfertigte Kardinal Frings diesen Diebstahl.
Darum sagte man damals „fringsen”, wenn man Kohlen klaute.
Diebstahl oder Lüge verletzen die Beziehung zu Menschen.
Sünde verletzt die Beziehung zu Gott.
Weil sich der Mensch, der sie begeht,
damit wissentlich und willentlich von Gott trennt.
In der Regel weiß man, dass man eine Sünde beging,
wenn man um Gottes Gebot weiß.
Darum wird man hinterher auch von einem schlechten Gewissen geplagt.
Wenn das schlechte Gewissen zur Reue führt
und die Reue zum Entschluss, nicht wieder so zu handeln,
dann hat man getan, was Johannes fordert: Buße.
Uns ist dieser Zusammenhang von Taufe und Buße nicht mehr bewusst.
Für uns ist die Taufe das selbstverständliche Ritual
der Aufnahme in die Gemeinde, in die Kirche.
Die Taufe steht am Anfang, den die meisten nicht mehr erinnern:
sie wurden als Säuglinge oder Kleinkinder getauft.
Weil die Taufe selbstverständlich am Anfang steht,
nehmen wir das Befremden des Johannes gar nicht wahr.
„Du kommst zu mir?,” fragt er Jesus.
Das soll heißen: Du hast doch die Taufe gar nicht nötig!
Das stimmt, Jesus hat die Taufe nicht nötig,
um mit Gott in einer Beziehung zu sein.
Gott ist ja in ihm, er ist Gottes Sohn.
„Gottheit und Menschheit vereinen sich beide” in ihm.
Jesus ist die Fleisch gewordene Beziehung von Gott und Mensch.
Er vermittelt diese Beziehung,
weil er zugleich „wahr Mensch und wahrer Gott” ist.
Jesus ist wahrer Gott vom wahren Gott.
Um wahrhaft Mensch zu sein,
muss er sich von Johannes taufen lassen.
Nicht, um seine Sünden abzuwaschen.
Jesus hat keine begangen - er kann keine begehen,
weil Gottes Wille auch sein Wille ist.
„Ich und der Vater sind eins”, sagt Jesus.
Auch nicht, um eine Glaubensbeziehung zu begründen.
Er ist ja diese Beziehung in Person.
Sondern um Gottes Gebot zu erfüllen.
„Lass es jetzt zu!
Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.”
Paulus lehrte, Gottes Gebote seien nicht der Weg,
um Gerechtigkeit zu erlangen,
und damit in einer Beziehung mit Gott zu sein.
Allein der Glaube begründet die Gottesbeziehung.
Wer versucht, durch Erfüllen der Gebote
Gottes Wohlgefallen zu erlangen, muss scheitern.
Wer aus eigener Kraft, aus eigenem Vermögen
Gottes Wohlwollen erreichen will verkennt,
dass ihm diese Kraft, dieses Vermögen von Gott geschenkt sind.
Wer aus eigener Kraft zu Gott kommen will,
verharrt nur bei sich selbst und dringt nicht zu Gott durch.
Das bedeutet nicht, dass Gottes Gebote nicht gelten.
Gott hat sie niemals zurückgenommen.
In ihnen drückt sich Gottes guter Wille
für uns, unsere Mitmenschen und unsere Welt aus.
Nur, weil sie nicht die Glaubensbeziehung begründen können,
heißt das nicht, dass sie überflüssig oder gleichgültig wären
und dass man sich nicht nach ihnen richten müsste.
Gott will, dass wir seinen Willen tun.
Seine Gebote sind nicht das Mittel, Gottes Liebe zu erlangen,
wie man vielleicht versucht, durch besonderen Eifer,
durch Leistung oder zuvorkommendes Verhalten
sich die Liebe eines anderen zu verdienen.
Gott liebt uns bedingungslos.
Also unabhängig davon, was und wieviel wir leisten.
Trotzdem ist ihm nicht gleichgültig, was wir tun.
Denn Liebe ist keine Einbahnstraße;
sie erwartet eine Antwort.
Unsere Antwort auf die Liebe Gottes ist,
dass wir seinen Willen zur Leitschnur unseres Handelns machen.
Weil Gott uns liebt, tun wir, was Gott gefällt.
Damit erwidern wir seine Liebe
und tun uns damit sogar etwas Gutes.
Bei unserer Antwort auf Gottes Liebe
kommt es nicht auf Perfektion an,
nicht darauf, alles richtig zu machen, jedes Gebot zu erfüllen.
Es kommt auf Qualität an, nicht auf Quantität,
auf die Erfüllung, nicht auf die Fülle.
Diese Erfüllung geschieht aus Dankbarkeit.
Dankbarkeit bedeutet, dass man die Liebe empfindet,
mit der Gott uns liebt.
Wer sich dieser Liebe bewusst wird;
wer mit jeder Faser seines Lebens spürt,
wie sehr er, wie sehr sie von Gott geliebt ist,
kann diese Liebe nicht für sich behalten.
Der, die kann nicht anders, als die Liebe weiterzugeben.
Das ist die Erfüllung der Gebote.
„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.”
Gottes Wohlgefallen gilt dem, der seine Gebote hält.
Gott hat Wohlgefallen an Jesus.
Nicht, weil er sein Sohn ist.
Sondern weil er sich von Johannes taufen ließ
und damit Gottes Gebot erfüllte.
Jesus nimmt sich nicht von der Erfüllung der Gebote aus,
als hätte er das als Sohn Gottes nicht nötig.
So ist auch unser Glaube kein End- oder Höhepunkt,
der uns den Niederungen der Anfänger im Glauben enthebt,
die sich noch an die Gebote halten müssen.
Als sei Gottes Wille etwas, das man hinter sich lassen,
über das man erhaben sein könnte.
Was für eine Anmaßung wäre das!
Und welch Verkennung und Missachtung der Liebe,
die Gott uns schenkt.
Gottes Wohlgefallen an Jesus soll unser Ansporn sein,
ebenfalls sein Wohlgefallen zu erlangen.
Nicht seine Liebe - die haben wir schon längst.
Aber wenn diese Liebe uns dazu drängt,
nach Gottes Willen zu fragen und zu leben
und damit Gottes Liebe zu erwidern,
ist das genau das, was Gott sich für uns wünscht.
Dann sagt Gott auch über uns,
was seine Liebe schon immer zu uns sagt:
Du bist meine liebe Tochter,
du bist mein lieber Sohn;
an dir habe ich Wohlgefallen.