Ansprache an Epiphanias, 6.1.2026, über Epheser 3,1-7:
Ich, Paulus, bin ein Diener Christi.
Um euret, der Heiden, willen wurde ich ein Gefangener Christi.
Ihr habt vielleicht von der Heilsgnade Gottes gehört,
die mir für euch gegeben wurde.
Durch eine Offenbarung erfuhr ich das Geheimnis.
Davon schrieb ich euch vorher in aller Kürze.
Wenn ihr es nachlest, erkennt ihr mein Verständnis des Geheimnisses Christi.
Es wurde anderen Generationen von Menschenkindern nicht kundgetan.
Jetzt wurde es seinen heiligen Aposteln und Propheten offenbart:
Dass die Heiden Miterben, Mitglieder und Anteilseigner an der Verheißung sind.
Sie besteht in Christus Jesus und wurde durch das Evangelium bekanntgemacht.
Dessen Diener wurde ich durch das Gnadengeschenk Gottes.
Er gab es mir aufgrund der Kraft, mit der Gott es vermag.
Liebe Schwestern und Brüder,
„als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn,
von einer Frau geboren, dem Gesetz unterstellt,
damit er die unter dem Gesetz loskaufte,
damit sie die Adoption empfingen,”
schreibt Paulus im Brief an die Galater (Gal 4,4-5).
Im Epheserbrief schreibt ein Schüler, um nicht zu sagen:
ein absoluter Fan des Paulus in dessen Namen,
dass Paulus das Geheimnis Christi durch eine Offenbarung erfuhr,
die vorher niemand erhalten hatte
und mit der Jesus den ehemaligen Christenverfolger in seinen Dienst nahm.
Damit spielt er auf das sog. „Damaskus-Erlebnis“ an,
von dem die Apostelgeschichte berichtet (Apg 9):
Bei Luther beginnt die Stelle so:
„Saulus schnaubte noch mit Drohen und Morden
wider die Jünger des Herrn.”
Da hörte Saulus kurz vor Damaskus eine Stimme, die ihn fragte:
„Saul, Saul, was verfolgst du mich?”
Es war die Stimme des Auferstandenen, die Stimme Jesu.
Durch diese Begegnung mit dem Auferstandenen
wurde Saulus zum Paulus,
wurde aus dem Christenverfolger ein Gefangener Christi,
der das Evangelium in der Welt ausbreitete.
„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.”
In Jesus von Nazareth kommt der Messias zur Welt,
in griechischer Übersetzung: der Christus.
Aber der Messias kommt nur zum Volk Israel.
Das war der Glaube der Juden wie der ersten Christen.
Darum war die Zugehörigkeit zum Judentum
die Voraussetzung dafür, dass man an der Erlösung,
die Christus am Kreuz bewirkt hatte, Anteil bekam.
Die „Heiden”, also alle, die nicht jüdischen Glaubens waren,
hatten daran keinen Anteil.
Wir können uns das heute nicht mehr vorstellen,
weil wir es gar nicht mehr anders kennen,
aber ungefähr 30 Jahre, eine Generation lang,
waren die meisten Christen Juden
und das Christentum eine Glaubensrichtung innerhalb des Judentums.
Darum können wir auch nur schwer nachvollziehen,
wie umwälzend die Entdeckung des Paulus war,
dass man zum Volk Gottes nicht nur durch Geburt,
sondern auch durch Adoption gehören konnte.
Paulus’ Entdeckung war revolutionär,
ohne sie wären wir heute nicht hier.
Aber sie war auch sehr umstritten,
denn sie widersprach der Überzeugung,
dass man Jude sein musste, um Christ werden zu können.
Und sie hatte weitreichende Konsequenzen, die dazu führten,
dass die Christen aus der Synagoge ausgeschlossen wurden
und ihre Wege sich trennten - so sehr,
dass die Christen vergaßen, dass Jesus Jude gewesen war.
Uns kommt das heute wie eine alte Klamotte vor,
ein längst überholter Konflikt; aber das ist er nicht.
Dahinter steht die Frage, ob man sich darauf verlassen kann,
was man selbst als Glaubenswahrheit erkannt hat, obwohl andere -
eine Glaubensgemeinschaft oder eine Kirche -
dem widersprechen und darauf bestehen,
dass die bisherige Tradition die einzig wahre und richtige ist.
Und ob man es verantworten kann,
auch andere von dieser Glaubenswahrheit zu überzeugen.
Martin Luther und seine Anhänger waren ungeheuer mutig -
oder ausgesprochen fromm -,
dass sie den Weg der Reformation weitergingen,
obwohl er zur Trennung von der Kirche führte.
Denn es galt: extra ecclesiam nulla salus -
nur die Kirche vermittelt das Heil.
Luther lehrte dagegen, dass jede Christin,
jeder Christ unmittelbar zu Gott sei
und keine Vermittlung durch die Institution nötig habe.
Aber dafür hatte er nicht die Kirche als Bürgen,
mit ihrer Tradition, ihrer bedeutenden Geschichte, ihren Heiligen.
Er hatte nur seine Auslegung der Heiligen Schrift.
Darum war es ein sehr mutiger Schritt,
sozusagen ein Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden,
wenn sich die Gläubigen auf diese Auslegung Luthers verließen,
obwohl die Kirche lehrte,
dass sie dadurch der Verdammnis anheimfallen würden.
Auch der Epheserbrief will Heiden Mut machen,
dass sie nicht erst Juden werden müssen, um Christen zu sein.
Er stellt ihnen Paulus als einen heiligen Apostel vor,
den Gott sandte, als die Zeit erfüllt war,
um auch die Heiden zur Erlösung durch Christus zu führen.
Paulus hatte seine Erkenntnis noch aus der Schrift begründet -
man kann das im Galater- und im Römerbrief nachlesen.
Der Epheserbrief macht Paulus zu einem Heiligen,
der seine Botschaft von Gott selbst erhielt -
da braucht es keine Argumente mehr,
die Paulus’ Schriftauslegung begründen.
Damit beginnt der Epheserbrief einen Weg,
der zur Kirche als Heilsanstalt führt,
die von sich selbst behauptet:
„Extra ecclesiam nulla salus”-
außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.
Darum war die Reformation so wichtig.
Sie hat uns vom Glauben an Autoritäten
der nichts fragt und nichts hinterfragt,
und vom Glauben an die Autorität der Kirche,
die weiß, was gut für uns ist,
zur Schrift zurück gelenkt.
Sie hat uns gelehrt, uns auf das Wort Gottes zu verlassen,
selbst zu denken und alle Auslegung dieses Wortes zu prüfen,
ob sie diesem Wort entspricht oder nicht.
Und das tun wir bis heute: Wir vertrauen Gottes Wort,
das wir in unsere Zeit hinein auslegen.
Wir wagen es, auf der Grundlage dieser Worte selbst zu denken
und unseren Glauben in Worte zu fassen.
Und wir bleiben Hörerinnen und Hörer,
die nicht alles glauben, was man ihnen sagt,
sondern nachdenken und nachfragen,
ob das auch dem entspricht, was Jesus gelebt und gelehrt hat.
Als solche kritischen Hörerinnen und Hörer
geben wir dem Epheserbrief recht:
Ja, die Heiden - wir - sind Miterben,
Mitglieder und Anteilseigner an der Verheißung.
Nicht, weil Paulus das gesagt hat.
Sondern weil wir erkannt haben und glauben, dass es wahr ist.