Dialogpredigt am Sonntag Kantate, 3. Mai 2026, zur Kantate „Wer da gläubet und getauft wird” von Johann Sebastian Bach, BWV 37
Teil I
Eine Frage: Was kommt eigentlich zuerst,
der Glaube, oder die Taufe?
Das ist ja wie mit der Henne und dem Ei!
Das Ei kann nicht zuerst da sein,
es muss von einer Henne gelegt werden.
Die Henne aber schlüpft aus dem Ei,
also kann sie auch nicht die erste sein.
Ein vertracktes Problem!
So vertrackt ist es bei Glaube und Taufe auch:
Die Taufe setzt den Glauben voraus.
Weil man glaubt, entscheidet man sich für die Taufe.
Also steht der Glaube am Anfang.
Aber die meisten von uns wurden getauft, ehe wir glauben konnten.
Nach wie vor taufen wir Kleinkinder,
die noch nicht wissen, was Glauben ist.
Also kommt die Taufe zuerst?
Zur Zeit Jesu und zur Zeit der ersten Christ:innen war die Reihenfolge klar:
Erst der Glaube, dann die Taufe.
Die ersten Christ:innen lernten den Glauben als Erwachsene kennen.
Aber schon damals war es üblich,
dass das ganze Haus mitgetauft wurde,
wenn ein Hausherr, oder eine Hausherrin wie Lydia, sich taufen ließ.
Das „Haus”, das waren nicht nur die Familienmitglieder,
auch alle Angestellten gehörten zum Haus.
Für die Mitglieder des Hauses kam die Taufe damit vor dem Glauben.
Man ist damals wohl davon ausgegangen,
dass sie den Glauben von der oder von dem lernen, der sich taufen ließ.
Das „Haus” wurde dadurch die erste Gemeinde -
und das Wohnzimmer sozusagen die erste Kirche,
in der andere den Glauben erlernten.
Und so ist es heute auch noch.
Auch heute lernen die als Kinder Getauften
den Glauben von den Älteren kennen.
Es nennt sich „Konfirmandenunterricht”,
und demnächst werden in der Dom-
und der Friedensgemeinde Konfirmationen stattfinden.
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden
sagen nachträglich Ja zu ihrer Taufe,
weil sie den Glauben kennen gelernt haben.
Also kommt der Glaube zuerst,
er ist die Voraussetzung für die Taufe -
auch wenn das Ja zur Taufe später nachgeholt wird.
Wenn Kleinkinder getauft werden, vertrauen wir darauf,
dass die Eltern und Paten ihnen vom Glauben erzählen.
Doch der Glaube ist auch nicht ohne Voraussetzung.
Aber wenn es nicht die Taufe ist, die den Glauben in uns weckt,
was bewirkt dann, dass wir glauben?
Der Glaube fällt ja nicht einfach vom Himmel.
Oder doch?
Im Prinzip schon.
Zwar schreibt Paulus: „Der Glaube kommt aus der Predigt” (Röm 10,17).
Man lernt den Glauben durchs Hören kennen - auf die Predigt,
oder wenn vom Glauben erzählt wird,
wie es die Kinder im Kindergottesdienst und in der Christenlehre,
die Konfirmanden im Konfirmandenunterricht erleben.
Aber dass wir glauben - das kann weder eine gute Predigt
noch ein guter Unterricht bewerkstelligen.
Glaube „passiert” einfach.
Er ist ein Geschenk, das uns in den Schoß fällt.
Vom Himmel, sozusagen.
Und mehr braucht es nicht?
Bloß den Glauben und die Taufe?
Nein, mehr braucht es nicht:
„Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden”,
heißt es im Markusevangelium (Mk 16,16)
Wer glaubt, wird selig.
„Wer’s glaubt, wird selig,” sagt man doch.
Aber meint das genaue Gegenteil: Das glaube ich dir nicht!
Naja, irgendwie passt das schon.
„Seligkeit”, dieses Wort ist ein wenig aus der Zeit gefallen.
Und es steht für etwas, das nicht von dieser Welt ist.
In der Antike träumte man von der „Insel der Seligen”.
Und in der katholischen Kirche ist die Seligkeit
eine Vorstufe zur Heiligkeit, also letztlich zum Himmel.
Dabei steht im griechischen Origimal nichts von „selig werden”.
Dort heißt es: „gerettet werden.”
Das ist irgendwie ernster - schließlich geht es bei einer Rettung
um eine ernste Gefahr für Leib und Leben, aus der man gerettet wird.
Und zugleich ist „gerettet werden” realistischer:
Rettung hat im Gegensatz zur Seligkeit
etwas mit unserem täglichen Erleben, mit unserem Alltag zu tun.
Aber wovor sollte der Glaube retten?
Es ist ja nicht so, dass Glaubenden irgendetwas erspart bliebe.
Auch Gläubige werden krank, erfahren Leid und Tod.
Wenn man die Psalmen liest, hat man sogar den Eindruck:
wer an Gott glaubt, erfährt häufiger Leid als die,
die nicht an Gott glauben.
Es gibt nicht nur körperliches Leid.
Mindestens genauso schlimm ist es,
wenn man keine Hoffnung hat;
wenn man keine Liebe erfährt,
sich selbst nicht als liebenswert ansieht.
Da kann der Glaube ein Rettungsanker sein.
Auch Seligkeit steht mit Rettung in Verbindung.
Nur eben keine Rettung vor greifbaren Gefahren.
Sondern aus seelischer Not, die zu Martin Luthers Zeit
viel gravierender empfunden wurde als die Gefahr für Leib und Leben,
an die wir heute denken, wenn es um „Rettung” geht.
Die „Seligkeit” haben wir ihm zu verdanken.
Er übersetzte es so aus dem Griechischen.
Martin Luther und seine Zeitgenossen
machten sich mehr Sorgen um ihre Seele als um ihren Körper.
Der Glaube, den Martin Luther als Kind kennen gelernt hatte,
lehrte Gott als strengen Über-Vater,
unversöhnlich in seinem Zorn über den Sünder,
unerbittlich in seiner Gerechtigkeit,
die selbst das geringste Vergehen
und sogar noch den heimlichsten Gedanken registrierte und ahndete.
Vor einem solchen strengen Vater konnte man nicht bestehen.
Glaube war damals keine fröhliche Angelegenheit,
sondern ein Grund für Angst und Beklemmung.
„Gottesfurcht” nahm man wörtlich.
Es war die Angst vor dem furchtbaren Zorn Gottes
und vor Tod und Teufel, die den Sünder erwarteten.
Doch dann entdeckte Luther beim Lesen der Bibel:
Was die Bibel über Gottes Gerechtigkeit schreibt, ist wie ein Vexierbild.
Bisher hatte man Gottes Gerechtigkeit als Maß verstanden,
an dem unser Handeln gemessen wird.
An diesem göttlichen Maßstab kann man nur scheitern.
Luther drehte und wendete die Sätze und sah,
dass man Gottes Gerechtigkeit auch anders verstehen konnte:
Als die Gerechtigkeit, die Gott uns durch den Glauben schenkt.
Aus dem strengen, strafenden Vater
war ein liebender Vater geworden, der uns so sehr liebt,
dass sein Sohn für uns den Tod auf sich nahm, damit wir leben können.
Wer’s glaubt, wird selig! - Nein, nein,
ich will damit nicht sagen, dass ich das nicht glaube!
Vielmehr zeigt sich hier, dass der Glaube unseren Horizont sprengen
und uns eine neue, ganz andere Sicht auf die Dinge ermöglichen kann.
Der Glaube zeigt uns eine andere Wirklichkeit -
Gottes Wirklichkeit, in der andere Maßstäbe gelten.
Was der Glaube kann, das schafft auch die Musik:
Sie schließt uns eine andere Wirklichkeit auf,
weitet unseren Herz und unseren Horizont,
sodass wir fühlen und ahnen,
was der Himmel ist, und was er sein könnte.
Lassen sie uns hören auf die ersten drei Sätze der Kantate
„Wer da gläubet und getauft wird.”
Teil II
Du hast gefragt, was zuerst kommt, Glaube oder Taufe.
Ich denke, auch wenn der Glaube einen gewissen Vorrang hat,
Glaube und Taufe sind zwei Seiten einer Medaille.
Bei einer Münze gibt die Zahl den Wert an,
um den man die Münze für etwas eintauschen kann,
was man gern haben möchte.
Der Glaube entspricht dieser Zahl:
Er steht für das, was wir für den Glauben bekommen.
Das Wappen auf einer Münze gibt an, wer für ihren Wert garantiert.
Bei einer Münze ist es der Staat.
Die Taufe entspricht dem Wappen auf der Münze.
Sie ist das Siegel, das Pfand für unseren Glauben.
Denn den Glauben kann man ja nicht selber bewerkstelligen,
er fällt einem in den Schoß.
Trotzdem ist Glaube kein Zufall.
Dafür sorgt der Heilige Geist, den wir bei der Taufe bekommen.
Er ist der Keim, aus dem der Glaube wächst.
'Jede und jeder Getaufte hat ihn - und kann ihn niemals verlieren.
Selbst, wenn man den Glauben verliert,
dieser Keim ist immer noch da.
Du sagtest gerade, dass der Glaube die Zahl auf der Münze ist.
Ein ungewohntes Bild für mich.
Auch den Gedanken, ich würde etwas für den Glauben bekommen,
finde ich irgendwie anstößig.
Ist der Glaube nicht Lohn in sich selbst?
Durch ihn stehe ich in Beziehung zu Gott.
Was sollte ich mir mehr oder anderes wünschen?
Nun, wünscht sich der Glaube nicht Gewissheit?
Hat man nicht manchmal den Wunsch,
man könnte wie Thomas den Finger in die Wunde legen,
wie Mose oder Elia wenn schon nicht das Antlitz Gottes,
so doch wenigstens hinter Gott hersehen?
Ja und Nein. Es macht den Glauben aus,
dass er auf eine Wirklichkeit vertraut,
die wir nicht sehen und messen,
nicht greifen und begreifen können -
und die doch genauso real ist wie dieser Dom.
Oder sogar noch realer, denn Gott hat
uns und diese Welt ins Dasein gerufen.
Du hast Ja und Nein gesagt.
Worin stimmst Du mir denn zu?
Ich kann Mose und Elia verstehen, die Gottes Antlitz sehen wollen.
Aber nicht in dem Sinn, dass ich Gott sehen möchte,
damit ich glauben kann, dass es ihn wirklich gibt.
Sondern, wie es im Segen heißt:
„Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir:”
Ich würde gern das Leuchten auf Gottes Antlitz sehen, mit dem er mich ansieht.
Die Liebe, mit der Gott uns annimmt, wie wir sind,
nicht nur glauben und zugesprochen bekommen,
sondern sie spüren durch ein Lächeln oder ein Leuchten,
das über das Gesicht zieht, wenn man liebt - das wünsche ich mir auch.
Und irgendwie sehe ich das auch -
mit dem Auge des Herzens, wenn es so etwas gibt.
Doch, das gibt es. Man kann es auch anders ausdrücken:
Im zweiten Teil der Kantate, die wir gleich hören, heißt es:
„Der Glaube schafft der Seele Flügel,
dass sie sich in den Himmel schwingt.”
Im Glauben wächst die Seele über sich hinaus
und findet den Mut, den Worten zu trauen.
Das erinnert mich an Martin Luthers Schrift:
„Von der Freiheit eines Christenmenschen.”
Da heißt es im letzten Abschnitt:
„ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst,
sondern in Christus und seinem Nächsten.
In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe.
Durch den Glauben fährt er über sich in Gott.
Aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe
und bleibt doch immer in Gott und in göttlicher Liebe.”
Das hat Martin Luther schön gesagt.
Da wir gerade beim Zitieren sind:
Der französische Philosoph René Descartes
hat aus der Tatsache, dass er denkt, abgeleitet,
dass er tatsächlich existiert: Cogito, ergo sum.
In gleicher Weise leite ich aus der Tatsache, dass ich glaube, ab,
dass ich von Gott geliebt bin:
Ich glaube, also werde ich geliebt.
Das würde ich gern als Schlusswort stehen lassen.
Wir müssen aber noch überleiten zum Glaubensbekenntnis.
Fällt Dir dazu noch etwas passendes ein?
Mal sehen. Vielleicht so:
Der Glaube, der selig macht,
verliert sich nicht in himmlischen Sphären.
Er schließt uns den Himmel auf, Gottes Wirklichkeit.
Gottes Wirklichkeit wird damit unsere Wirklichkeit:
Gott hat unser Leben gewollt.
Gott liebt uns und gibt uns das Leben -
jetzt und in der zukünftigen Welt.
Das lasst uns bekennen mit den Worten unserer Mütter und Väter im Glauben:
Ich glaube an Gott