Freitag, 21. Dezember 2018

Enttäuschte Erwartungen

Predigt am Heiligen Abend, 24.12.2018, über Jesaja 9,1-6


Liebe Schwestern und Brüder,

das Kind berechtigt zu den schönsten Erwartungen.
Wenn ein Kind zur Welt kommt,
erhalten die Erwartungen der Eltern,
ihre Hoffnungen und Wünsche Gestalt und Form.
Das, was sie selbst vermissten, soll ihr Kind bekommen.
Was sie selbst gern tun oder werden wollten,
soll ihr Kind tun und werden.
„Unser Kind soll es einmal besser haben.“
„Unser Kind soll etwas aus sich machen können.“

Das Kind spürt diese Erwartungen.
Sobald es verstehen kann, hört es, was von ihm erwartet wird.
Es richtet sich danach - mehr oder weniger.
Irgendwann entdeckt es, dass es selbst etwas will.
Es entdeckt, dass sein Wollen sich von dem der Eltern manchmal unterscheidet.
Diese Entdeckung ist aufregend - und verwirrend.
Was soll es tun?
Wenn es tut, was es will, wird es die Eltern vielleicht enttäuschen.
Wenn es nicht tut, was es will, wird es vielleicht unglücklich sein.

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,
und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.
Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte,
wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
Denn du hast ihr drückendes Joch,
die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers
zerbrochen wie am Midianstag.
Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht,
und jeder Mantel, durch Blut geschleift,
wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter;
und er heißt Wunderrat, Gottheld,
Ewigvater, Friedefürst;
 auf dass seine Herrschaft groß werde
und des Friedens kein Ende
auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,
dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit
von nun an bis in Ewigkeit.
Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.“

Das Kind berechtigt zu den schönsten Erwartungen.
In dem kleinen Baby, das da in der Krippe liegt,
nehmen Erwartungen von Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende
Gestalt und Form an:
dass Finsternis besiegt und vertrieben wird;
dass Unterdrückung und Ungerechtigkeit beendet
und die Unterdrücker bestraft werden;
dass es keine Gewalt, keine Kriege mehr gibt.

Das göttliche Kind ist für diese Aufgabe bestens ausgerüstet:
Niemand ist so weise wie er.
Niemand ist so begabt wie er.
Niemand hat solche Autorität.
Er wird Frieden bringen.
Er ist nicht, wie die Messiasse, Führer und großen Männer vor und nach ihm,
auf Macht und Herrschaft für sich aus.
Er will Gottes Reich aufrichten.

Er tut das auf seine eigene, ganz spezielle Art und Weise.
Eine Art und Weise, die enttäuschen muss.
Es scheint, als wolle der längst Erwachsene
die Schwäche und Hilflosigkeit des Krippenkindes nicht ablegen.
Statt ein Mann zu sein, lässt er sich herumschubsen und schlagen.
Er scheint zu naiv, zu unbeholfen
für die Klaviatur der Beziehungen und politischen Schachzüge,
zu dickköpfig für Kompromisse.
Er begegnet Menschen vorurteilsfrei, offen und freundlich,
wie es nur Kinder tun.
Sein Blick erfüllt sie mit Liebe und Hoffnung,
seine Berührung heilt.

Jesus ist als Erwachsener das Kind in der Krippe geblieben.
Damit enttäuschte er alle, die auf einen Führer warten:
einen, der alles ins Lot bringen
und ihnen erlauben würde, wieder Kind sein zu können,
weil er sich kümmert und alles wieder gut macht.

Jesus ist das Kind in der Krippe geblieben.
Damit ist er erwachsener als alle Erwachsenen.
Er allein wagte es, nicht auf die eigene Kraft zu vertrauen,
sondern darauf, dass Gottes Liebe sich stärker erweisen wird
als alle Wut und Grausamkeit der Menschen.
Er hielt dieses Vertrauen auch dann durch,
als Menschen ihre Wut und Grausamkeit an ihm ausließen.
Er allein widerstand der Versuchung, die Macht zu ergreifen
und die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten.
Er allein blieb seinen Worten treu
und stand zu dem, was er gepredigt hatte,
bis zum bitteren Ende.


Das Kind in der Krippe berechtigt zu den schönsten Erwartungen.
Darum kehren wir alle Jahre wieder zu diesem Kind an die Krippe zurück.
Tauchen ein in seinen Blick, der uns mit uns selbst versöhnt.
Mit unseren unerfüllten Hoffnungen, Wünschen und Sehnsüchten.
Mit den enttäuschten Erwartungen.
Lassen uns erfüllen vom Leuchten seines Angesichtes,
erfüllen mit Freude und Glück.
Lassen uns erinnern an unsere Kindheit.
An die Kindheit unserer Kinder,
die mit einem Blick unser Herz schmelzen,
uns ein Lächeln aufs Gesicht zaubern konnten.

Das Kind in der Krippe bringt uns und der Welt den Frieden.,
Und den Segen der Weihnacht, der uns heute erfüllt
und uns trägt durch das kommende Jahr.