Montag, 14. Dezember 2020

Zwischen den Zeiten

Predigt am 3. Advent, 13.12.2020, über Lukas 1,67-79
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
im Lobgesang des Zacharias vermischen sich die Zeiten,
Vergangenheit und Zukunft.
„Gott hat besucht und erlöst sein Volk” (V. 68) -
das ist bereits geschehen.
„Du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen”
(V. 76) -
das steht noch aus.
Dazwischen, in der Gegenwart, steht Zacharias,
der die Brücke schlägt zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Er verbindet die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel
mit dem, was gerade geschieht.
Daraus leitet er gute Prognosen für die Zukunft ab:
Das himmlische Licht wird erscheinen
„denen, die sitzen in Finsternis
und Schatten des Todes”
(V. 79),
wird die Finsternis hell machen
und die Todesschatten vertreiben,
indem es das Leben bringt,
das den Tod hinter sich gelassen hat.
 
In diesen Tagen des Advent
sitzen auch wir im Finsteren.
Und aus dem Fernseher hören wir jeden Abend
die Zahl derer, die an COVID-19,
oder im Zusammenhang damit, gestorben sind.
Und jeden Abend werden es mehr.
 
Da tut es gut, ein Licht anzuzünden,
das gegen die Dunkelheit anleuchtet
und uns ein wenig Hoffnung schenkt.
Doch die Schatten werden länger
und die Dunkelheit tiefer
im Umkreis eines solchen kleinen Lichtes.
Deshalb warten wir auf das Licht der Weihnacht,
auf den Glanz, der die Engel auf dem Feld umgibt,
das die Dunkelheit vertreibt
und uns darin bestärkt,
dass das Licht aus der Höhe zu uns gekommen ist
und die Schatten des Todes uns nichts mehr anhaben können.
 
Was läge da näher,
als gemeinsam diesem Licht der Weihnacht entgegenzugehen
in einem großen Gottesdienst am Hl.Abend
voller Kerzenschein, Lichterglanz
und dem Leuchten auf den Gesichtern,
wenn wir die vertrauten Worte hören:
„Euch ist heute der Heiland geboren”.
 
Doch Wissenschaftler und Experten drängen,
jede Begegnung, die nicht unbedingt sein muss, zu vermeiden.
Und die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung
planen eine Verschärfung des Lockdowns
und weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens.
 
Zum Glück können sie die Gottesdienste nicht einschränken!
Wenn auch schon lange keine Konzerte, Theateraufführungen oder Ausstellungen
mehr stattfinden dürfen,
Schulen und Universitäten vorzeitig in die Weihnachtsferien gehen,
wir dürfen uns weiterhin treffen, als einzige.
Denn wir treffen uns ja nicht zum Spaß,
um uns zu unterhalten.
Wir treffen uns zum Gottesdienst.
In diesem Wort steckt der „Dienst”:
Wir tun das nicht für uns, sondern für Gott.
Bzw. weil es Gottes Wille ist,
dass wir „ihm dienen ohne Furcht unser Leben lang” (V. 75).
 
Es kann keinen anderen Grund geben als diesen.
Denn wenn wir uns träfen, weil wir das gerne möchten,
weil es uns gut tut, tröstet und erbaut,
dann müssten sich auch die Theaterfreunde und Konzertliebhaber treffen dürfen,
denn auch sie suchen in ihrem Kunstgenuss
nach Trost und Erbauung,
wie wir im Gottesdienst.
 
Aber ihre Treffen sind durch die Verfassung nicht geschützt,
unsere schon.
Denn wir Gläubigen - Christ*innen, Jüd*innen und Muslim*a -
erfüllen eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft.
Wir sind nicht nur Staatsbürger*innen,
sondern wir dienen Gott,
leben nach seinem Willen.
Und geben so dem Staat eine Orientierung,
die er sich selbst nicht geben kann,
ziehen Grenzen, wenn er sich wichtiger nimmt, als er ist
und treten ein für die Menschenwürde,  
die der Dreh- und Angelpunkt unserer Verfassung ist.
 
Wir treffen uns also am Sonntag,
um Gott dadurch zu dienen,
und weil wir Gott dienen,
sind unsere Treffen vom Staat geschützt
und auch unter den verschärften Corona-Bedingungen erlaubt.
 
Und wenn wir uns am Hl.Abend treffen in Zahlen,
die sonst überall verboten sind
und bei denen man davon ausgeht,
dass eine erhöhte Ansteckungsgefahr besteht,
dann tun wir auch das nicht,
weil es für uns zu Weihnachten nun mal dazugehört,
weil wir jedes Jahr Weihnachten so feiern
oder weil wir es zuhause nicht mehr aushalten.
Sondern es ist ein Gottes-Dienst.
 
Dann stellt sich aber doch die Frage,
ob Gott diesen Dienst von uns will.
Will Gott, dass wir in großer Zahl zusammenkommen
und sich so die Gefahr einer Ansteckung mit dem Covid-Virus erhöht?
Ist es wirklich ein Gottesdienst,
wenn wir als einzige Hl.Abend in gewohnter Weise feiern,
während so viele Menschen sich nicht treffen dürfen?
Und ist Gott dann wirklich unter uns,
wenn auch am Hl.Abend
Menschen in Altersheimen und auf Intensivstationen  
an den Folgen von COVID-19 sterben
oder auf der gefährlichen Fahrt übers Mittelmeer ertrinken?
Ist Gott dann wirklich bei uns
und nicht vielmehr an den Kranken- und Sterbebetten,
auf den Schlauchbooten und Nussschalen?
 
Und würde Gott sich nicht auch am Hl.Abend wünschen,
dass wir unseren  Teil dazu beitragen,
dass Menschen nicht an COVID-19 erkranken
oder im Mittelmeer ertrinken?
 
Könnte es also - auf diese Frage läuft es schließlich hinaus -
könnte es also in diesem Jahr ein Gottes-Dienst sein,
wenn wir erst einmal auf Gottesdienste verzichteten?
Wenn wir besonders am Hl.Abend nicht zusammenkommen,
sondern jede und jeder für sich
seinen und ihren Teil tut,
dass Gottes Menschlichkeit sich unter uns ausbreitet -
indem wir uns NICHT treffen,
um Menschen nicht zu gefährden?
 
Wir befinden uns zwischen den Zeiten.
Das Gewohnte und Vertraute  
liegt als eine scheinbar unerreichbare Vergangenheit hinter uns.
So vieles ist im Moment -
und wer weiß, wie lange noch - nicht möglich,
das für uns selbstverständlich und lebenswichtig war.
Oder wenn, wie wir jetzt merken,
vielleicht nicht lebenswichtig,
so hat es doch das Leben erst lebenswert gemacht.
 
Vor uns liegt eine ungewisse Zukunft.
Niemand kann uns sagen,
wann endlich alle Beschränkungen fallen,
wann die Schutzmaßnahmen vor dem Covid-Virus überflüssig sein werden.
Dazwischen stehen wir, in der Gegenwart,
und bauen die Brücke
zwischen Gottes Versprechen an sein Volk Israel
und einer Zukunft,
die keine Finsternis und keine Todesschatten mehr kennt.
 
Wir sind die Verläufer*innen und Wegbereiter*innen für den Herrn,
wenn er kommt.
Es ist unsere Aufgabe und unsere Verantwortung,
seinen Willen zu tun.
Denn es ist uns gesagt, was gut ist
und was Gott von uns fordert (Micha 6,8).
Gebe Gott, dass wir es auch tun.
 
Amen.