alltägliche Gegenwart

Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juli 2021, über Matthäus 28,20:

Christus spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”

Liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte Sie auf eine kleine Zeitreise mitnehmen, in Gedanken zurückgehen in Ihre und meine Kindheit, zu dem Zeitpunkt, als wir das erste Mal allein von Zuhause weg waren. Erinnern Sie sich? Vielleicht bei einer Klassenfahrt, einer kirchlichen Rüstzeit. Vielleicht war es, wie bei mir, der Besuch bei einer Verwandten. Dann die erste Nacht allein in einer fremden Umgebung. Hatten Sie Heimweh? Ich hatte ganz schreckliches Heimweh, denn meine Mutter hatte abends noch angerufen, um zu hören, ob ich gut angekommen war, und danach brachen alle Dämme …
Eigentlich ist ‚Heimweh’ der falsche Ausdruck. Man sehnt sich ja nicht nach seinem Zuhause - dazu ist die neue Umgebung viel zu aufregend und interessant. Man sehnt sich vielmehr nach den Menschen, die einen Ort erst zum Zuhause machen: Den Großeltern, den Geschwistern und vor allem: den Eltern - nach den Menschen, die man liebt und von denen man geliebt wird.
Heimweh zu haben ist ein bisschen peinlich, besonders, wenn man mit anderen gemeinsam unterwegs ist. Dabei ist es nichts, wofür man sich schämen müsste - zeigt es doch, dass man einen anderen Menschen sehr lieb hat und schrecklich vermisst. Eltern, die darum wissen, lassen sich etwas einfallen und helfen ihrem Kind, über das Heimweh hinwegzukommen. Sie packen eine Süßigkeit ein, ein kleines Kuscheltier oder einen Anhänger. Etwas, das an die Eltern erinnert, das aber nicht zu auffällig ist, damit es für das Kind nicht peinlich wird.
Wird man älter, hat man immer seltener Heimweh. Irgendwann ist man sogar richtig froh, wenn man das Elternhaus hinter sich lassen kann. Trotzdem hat man seine Eltern weiter lieb, wie man weiterhin von ihnen geliebt wird. Man vermisst sie nur nicht mehr so sehr. Man trägt jetzt sein Zuhause irgendwie in sich und weiß, dass die Eltern bei einem sind, auch wenn man räumlich von ihnen getrennt ist.
Wie ist es dazu gekommen?

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage”, sagt Jesus.
Ein töstlicher, Mut machender Zuspruch. Wie ist Jesus denn bei uns, wie muss man sich das vorstellen? - Natürlich, wir können an Jesus denken. Uns an seine Worte erinnern. An die Geschichten, die die Evangelien von ihm erzählen. Wird er so wirklich für uns gegenwärtig? Und tröstet uns das, wenn wir einsam sind, ängstlich oder mutlos?
Man könnte sagen: Jesus ist im Abendmahl bei uns. Da ist er wirklich gegenwärtig, in Brot und Wein spürbar und zu schmecken. Aber das Abendmahl feiern wir nicht alle Tage, sondern höchstens einmal im Monat, und dazu muss man in die Kirche kommen.
Manche tragen ein Kreuz bei sich, das Zeichen Jesu. Das Kreuz ist - bitte verzeihen Sie den Vergleich - wie das Kuscheltier, das die Eltern einpackten: Man kann es anfassen, man spürt etwas - ist das die Nähe von Jesus, die man da spürt?

Schon früh in der Geschichte des Christentums scheint es eine Frage gewesen zu sein, wie man Gottes Gegenwart täglich erfahren kann. Offenbar gab es Menschen, die mit Gott sozusagen per Du waren, die Heiligen, während die Mehrheit der Gläubigen keinen direkten Draht zu Gott hatte. Darum begann man, die Überreste dieser Heiligen zu sammeln, die Reliquien. Von Jesus selbst gibt es keine Reliqiue - außer dem berühmten Grabtuch von Turin, das seinen Leichnam umhüllt haben soll. Und Splitter seines Kreuzes. Böse Zungen behaupten, die vielen Kreuzsplitter würden zusammengesetzt mehr als ein Kreuz ergeben. Im Mittelalter pilgerten Menschen in Scharen zu diesen Reliquien, um so in die Nähe der Heiligen und damit auch Gottes zu kommen, um etwas von Gottes Gegenwart zu spüren. Mit der Reformation endete die Reliquienverehrung auf protestantischer Seite. Für uns sind diese ehemals hoch verehrten Dinge nur Holz oder Knochen, die nichts Heiliges an sich haben und Gottes Nähe und Gegenwart nicht vermitteln können. Gegenstände kann man nicht mit Gottes Gegenwart „aufladen” wie einen Akku. Gott steht uns nicht zur Verfügung, wie der Strom aus der Steckdose. Darum kann man Gott nicht an einen Gegenstand binden, um ihn bei Bedarf hervorzuholen oder sich in seine Nähe zu begeben.

Wenn man älter geworden ist, vermisst man die Eltern nicht mehr so, wie man sie als Kind vermisste. Man trägt sie nun in sich, sie sind immer bei einem. Wenn man sich fragt, woran man das merkt, entdeckt man, wie viel man von seinen Eltern übernommen hat. Bestimmte Angewohnheiten wie die Art, sich die Schuhe zu binden oder sich seinen Tee zu kochen. Bestimmte Vorlieben oder Abneigungen. Sprüche und Redewendungen. Handgriffe des Alltags. Man ist nicht immer glücklich darüber, besonders, wenn einem die Partnerin, der Partner vorwirft: Du bist wie dein Vater oder wie deine Mutter!
Was wir von unseren Eltern übernehmen, sind Handlungen. Wir tun etwas so, wie unsere Eltern es taten - und wie die es wahrscheinlich von ihren Eltern übernommen haben. So sind unsere Eltern für uns gegenwärtig. Es ist uns nicht bewusst, wenn wir das tun; wir denken auch nicht darüber nach. Aber wenn wir an unsere Eltern denken, fallen uns solche Handlungen ein: Wie sie abends an unserem Bett saßen, mit uns beteten, sangen oder eine Geschichte vorlasen. Wie sie einen Apfel für uns schälten, das Essen kochten - und wie es schmeckte. Wie wir mit ihnen spielten oder spazieren gingen. Wir erinnern uns an gemeinsame Autofahrten, gemeinsame Fernsehabende. Daran, wie sie uns in den Arm nahmen oder sich von uns verabschiedeten. Und wir machen das so ähnlich, oder ganz genauso, mit unseren Kindern.

Auf eben diese Weise ist auch Jesus für uns gegenwärtig: Indem wir tun, was Jesus getan hat. Darum sagt Jesus seinen Jüngern, als er das Abendmahl einsetzt: „Solches tut zu meinem Gedächtnis”. Nicht nur beim Abendmahl ist Jesus für uns gegenwärtig. Denn Jesus sagt, als er seinen Jüngern die Füße wäscht: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe”. Damit meint er nicht, dass wir einander die Füße waschen, sondern dass wir einander dienen sollen. Darum sagt Jesus auch: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan”. Jesus hat uns vorgelebt, wie wir als Christinnen und Christen handeln sollen. Wenn wir es ihm nachtun, ist er unter uns gegenwärtig, ist er bei uns alle Tage, nicht nur am Sonntag, wenn wir Abendmahl feiern.
Ein Zeichen für diese alltägliche Gegenwart ist die Taufe. Die Taufe ist kein Talisman, der uns vor allem Bösen beschützt. Die Taufe nimmt uns auf in die Gemeinschaft mit Jesus. Sie gibt uns den Heiligen Geist, durch den wir fähig werden, so zu handeln wie Jesus es uns vorgelebt hat. Durch den Heiligen Geist ist Jesus bei uns alle Tage. Indem sein Geist uns zum Handeln antreibt, wird Jesus für uns und für andere gegenwärtig durch das, was wir für sie tun: Jemanden besuchen, jemandem zuhören, jemanden trösten, jemandem die Schuhe zubinden, für jemanden einkaufen, für jemanden einstehen.

Als Gemeinde der Getauften sind wir beieinander, stehen wir füreinander ein, sind wir füreinander da, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Und so ist Jesus bei uns alle Tage. Darum sagt Jesus auch: „Siehe!” Es gibt nämlich etwas zu sehen, zu erfahren: Freundlichkeit. Hilfsbereitschaft. Liebe. An ihnen sehen und erfahren wir, an ihnen sehen und erfahren andere, dass Jesus wirklich bei uns ist. Heute und alle Tage, bis an der Welt Ende.