Verbundenheit

Predigt an Erntedank, 3. Oktober 2021, über 2.Korinther 9,6-15

Liebe Schwestern und Brüder,

„kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.” Ich weiß nicht, ob Sie diesen Spruch kennen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob es gut ist, diesen Spruch zu kennen; er hat ein ziemliches „Geschmäckle”.

Denn wenn man tatsächlich mit jemandem befreundet ist, braucht man diese Erinnerung nicht. Geschenke sind ein Ausdruck der Zuneigung, der Wertschätzung. Guten Freunden gibt man nicht bloß ein Küsschen, man möchte ihnen auch eine Freude machen, ihnen zeigen, dass sie einem viel bedeuten. Darum schenkt man ihnen etwas, auch wenn sie gerade nicht Geburtstag haben.

Wenn es aber keine Freunde sind, denen man etwas schenkt, bekommt das Geschenk ein Geschmäckle: Will sich da jemand anbiedern, sich Freundschaft quasi erkaufen? Will er durch das Geschenk eine Verbindlichkeit schaffen, sodass man dem Schenkenden einen Gefallen schuldet? Oder geht es gar um Bestechung? Geschenke, die nicht von Herzen kommen, die nicht im Rahmen einer Freundschaft  überreicht werden, machen zu recht misstrauisch: Was führt die Geberin, der Geber damit im Schilde?

II

Paulus sammelt bei der Gemeinde in Korinth Geld für eine Kollekte, die er der Gemeinde in Jerusalem schenken will. Nach Jesu Tod und Auferstehung sind die Jünger in Jerusalem geblieben. Um sie herum hat sich die erste Gemeinde gebildet. Und weil es die Gemeinde der Jünger war - derer, die Jesus persönlich gekannt hatten -, war sie die wichtigste und maßgebliche. 

Die Gemeinden, die Paulus in Handelsstädten wie Korinth, Ephesus oder Thessaloniki gegründet hatte, waren größer als die in Jerusalem, und viel wohlhabender. Aber Paulus war kein Jünger der ersten Stunde. Und er wich in wichtigen Glaubensfragen von der jerusalemer Gemeinde ab. Bei ihm durften auch Nichtjuden zur Gemeinde gehören, und er legte keinen Wert auf die Befolgung jüdischer Rituale und Gebote wie das der Beschneidung.
Paulus predigte Freiheit, auch von den Traditionen der Vorväter und von dem, was man gemeinhin als nötig für den Glauben ansah.

Wollte Paulus sich durch die Kollekte bei der Jerusalemer Gemeinde anbiedern? Wollte er erreichen, dass sie seinen Sonderweg akzeptierten und anerkannten? Das hatte Paulus gar nicht nötig. Er war so sehr davon überzeugt, dass er Jesus richtig verstanden hatte, dass es ihm nie in den Sinn gekommen wäre, andere um Erlaubnis oder Zustimmung zu bitten, nicht einmal die Jünger.

III

Trotzdem ist es Paulus wichtig, einen guten Draht zu der jerusalemer Gemeinde zu halten. Auch wenn seine Gemeinden anders glauben und anders leben als die Gemeinde der Jünger, will er die Verbindung nach Jerusalem erhalten und pflegen. Er sammelt eine Kollekte ein, um sie als Zeichen des guten Willens und der Verbundenheit zu übergeben. Und weil die Jerusalemer das Geld dringend brauchen.

Offenbar sehen die Korinther nicht so recht ein, warum sie eine Gemeinde, die sie gar nicht kennen, mit ihrem Geld unterstützen sollen. Paulus muss ihnen jedenfalls mächtig um den Bart gehen, um sie zum Spenden zu überreden. Dabei trägt er ganz schön dick auf:
„Euer Einsatz bei diesem Projekt zeigt, dass ihr in eurem Glauben bewährt seid, und dafür werden die, denen ihr dient, Gott preisen. Sie werden ihn dafür preisen, dass ihr euer Bekenntnis zum Evangelium von Christus ernst nehmt und eure Verbundenheit mit ihnen und allen anderen auf eine so großzügige und uneigennützige Weise zum Ausdruck bringt. Und wenn sie für euch beten, werden sie das voll Sehnsucht nach euch tun, weil Gott seine Gnade in so reichem Maß über euch ausgeschüttet hat.”

Wenn man das so hört, ist es fast ein bisschen peinlich. Wie kann eine Spende ein Ausdruck des Glaubens sein? Dazu noch einer, der anderen Respekt und Lob abnötigt?

IV

Es ist nicht bekannt, was aus der Kollekte wurde, die Paulus von den Korinthern erbeten hat. Wurde viel, wurde wenig gespendet? Ist das Geld überhaupt jemals in Jerusalem angekommen? Aber wenn die Kollekte angekommen ist, dann, so bin ich mir sicher, hat sie auch Bewunderung und Dankbarkeit ausgelöst. Denn damit haben die Jerusalemer sicher nicht gerechnet, dass eine Gemeinde, die weit von ihnen entfernt ist, an sie denkt - noch dazu eine Gemeinde, auf die die Jerusalemer sozusagen ein wenig hinuntersahen, weil sie aus Nichtjuden, aus Heiden, bestand. Und die nun der Jerusalemer Gemeinde zeigte, dass sie ihr das nicht übel nahm, dass sie sich um Verbundenheit bemühte und helfen wollte.

Die schreckliche Flutkatastrophe im Ahrtal mit über hundert Todesopfern hat eine große Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Viel Geld ist für die von der Katastrophe Betroffenen gespendet worden. Zu den ersten Spendern gehörten Kirchen aus Afrika. Über 20.000,- Euro haben sie in kurzer Zeit  gesammelt. Das klingt nicht nach viel. Aber wenn man die Wirtschaftsleistung und das  Monatseinkommen in den armen Ländern Afrikas in Betracht zieht, muss man an die Zahl mindestens zwei Nullen anhängen; und dann ist es eine ganz beträchtliche Summe.

Was macht diese Spende, die nach unseren Maßstäben vergleichsweise bescheiden ist, so besonders? Von Afrika aus gesehen ist Deutschland sehr weit weg. Dazu ist es ein ungleich viel reicheres Land, das Hilfe aus Afrika nicht nötig hat - im Gegenteil: Es fließt jedes Jahr ein Vielfaches dieser Spende an Hilfsgeldern und -gütern nach Afrika. Dennoch haben die afrikanischen Kirchen gesammelt und das Geld gespendet. Sie zeigen damit: Wir fühlen mit euch, und wir fühlen uns euch verbunden, über alle Differenzen und über die große Entfernung hinweg. Diese Geste des Mitgefühls und der Solidarität wiegt so viel schwerer als der Betrag der Spende. Sie beeindruckt. Sie macht dankbar. Sie macht Mut.

So ist es ja auch mit Geschenken, die wir erhalten: Spüren wir, dass sie von Herzen kommen, spielen Wert oder Größe keine Rolle. Denn darauf kommt es nicht an, sondern auf die Verbundenheit, die damit zum Ausdruck gebracht wird.

V

Jeden Sonntag sammeln wir eine Kollekte im Gottesdienst. Zweimal im Monat bleibt das Geld nicht in unserer Gemeinde, sondern geht an andere Gemeinden, Einrichtungen oder Projekte - heute, wie jedes Jahr zu Erntedank, an Brot für die Welt. Meistens kennen wir die Empfänger der Spende nicht. Die Empfänger brauchen das Geld - sie planen es in ihren Haushalt ein. Mehr noch als unsere Spende brauchen sie unser Interesse und unsere Verbundenheit.

Nicht für alle Hilfsprojekte kann man Interesse aufbringen, nicht für alle kann man spenden. Es hilft aber schon, von ihnen zu wissen, mit ihnen solidarisch zu sein.

Unser Glaube richtet sich nicht nur nach innen, auf unser persönliches Verhältnis zu Gott. Unser Glaube wendet sich auch nach außen, in Verbundenheit und Solidarität mit anderen Menschen, anderen Gemeinden. Diese Verbundenheit, wenn man sie erlebt, führt zu Dankbarkeit. So, wie man dankbar ist für ein Geschenk, für einen Besuch oder dafür, dass man nicht allein gelassen wurde, als man Hilfe brauchte. Darum leben wir als Christ*innen nicht für uns, nicht in unserem Ort, in unserer Gemeinde allein. Wir leben vernetzt mit anderen Christ*innen in unserer Nachbarschaft, in den Nachbarorten und -gemeinden bis hinaus in die Oekumene, die große, weite Welt. Diese Vernetzung schafft Verbundenheit. Verbundenheit weckt Dankbarkeit. Dankbarkeit stärkt unseren Glauben, und der Glaube verändert uns, verändert die Welt.