Weltverbesserer

Predigt am Ewigkeitssonntag, 24.11.2021, über Jesaja 65,17-25


Liebe Schwestern und Brüder,

eine neue Welt, eine bessere Welt zu schaffen, das ist ein uralter Menschheitstraum. Manche und mancher von uns hat ihn vielleicht auch einmal geträumt, diesen Traum von einer besseren Welt, oder träumt ihn noch. Aber so viele diesen Traum auch träumen, „Weltverbesserer” ist kein Kompliment. „Weltverbesserer” gehört in die selbe Schublade von sarkastisch gemeinten Begriffen wie „Gutmensch” oder „Umweltschützer”. In Westdeutschland hat man solchen Leuten früher hinterhergerufen: „Geh doch nach ‚drüben’!” Aber „drüben”, in der DDR, wollte die auch niemand haben. Zumal der real existierende Sozialismus mit dem Anspruch angetreten war, die Welt besser zu machen; da brauchte man keine Besserwisser aus dem Westen.

Leider hat es auch der Sozialismus nicht geschafft, die Welt besser zu machen. Er griff zu brutalen Methoden - Bespitzelung, Bevormundung, Bestrafung -, um Menschen zu „bessern”, die das gar nicht wollten und die es auch gar nicht nötig hatten.

Ich glaube, man kann ohne Übertreibung sagen, dass alle Versuche, eine bessere Welt zu schaffen, gescheitert sind, von der Antike bis in die Gegenwart. Nicht nur gescheitert; sie haben oft das Gegenteil erreicht: Sie haben die Welt, die sie besser machen wollten, für viele Menschen zur Hölle gemacht.

Warum ging das Weltverbessern jedes Mal so schrecklich schief? Vielleicht lag es daran, dass die Weltverbesserer das Leben nur für sich und ihresgleichen besser machten. Die Welt ist ja nicht für alle schlecht. Denen, die alles haben, was man zum Leben braucht - ein Haus, Arbeit, politischen Einfluss und eine Zukunftsperspektive -, denen gefällt die Welt so, wie sie ist. Die wollen nichts ändern - im Gegenteil: Sie möchten, dass alles so bleibt, wie es ist.

Veränderung suchen nur die, die unter den Zuständen leiden: Die benachteiligt werden, unterdrückt; die arm sind, ohne politischen Einfluss; die keine Zukunft haben. Wenn die Zahl der Benachteiligten eine kritische Anzahl übersteigt, kommt es zum Umsturz: die bisher unten waren, sind jetzt die Herrschenden, und die bisher Herrschenden verlieren ihre Macht.

Jede Revolution blieb dabei stehen, die Verhältnisse umzukehren, statt Verhältnisse zu schaffen, in denen alle gut leben können. Anders geht es wohl auch nicht. Denn sobald die Welt so ist, wie man sie sich ersehnt, hat man ja keinen Grund mehr, sie zu verändern. Aus den Revolutionären von gestern werden die Konservativen von morgen.

Was allen Revolutionären schwer fiel, war, über ihren Tellerrand hinauszusehen und zu begreifen, dass sie nicht Menschen ausschließen können, die nicht so sind wie sie, sondern ihnen auch Chancen und Perspektiven zugestehen müssen, einen Platz in der Gesellschaft, Arbeit und Heimat. 

Es gibt immer wieder Menschen - eben jene „Umweltschützer” und „Gutmenschen”, die auch an andere denken: an unsere Umwelt, Pflanzen und Tiere, Erde, Wasser und Luft. Oder an Benachteiligte, an Menschen mit Handicap, an Flüchtlinge und an Menschen in Kriegs- und Krisengebieten.

Für diese „Gutmenschen” ist die „Welt” nicht nur der kleine Kosmos ihres Ortes, ihrer Heimat, ihres Landes. Für sie ist die „Welt” tatsächlich die ganze Erde. Denn was wir tun oder unterlassen, was wir unserer Umwelt antun, bleibt nicht auf unseren Ort, unser Land beschränkt, sondern wirkt sich auf die ganze Erde aus.

Das hat uns zuletzt Corona eindrücklich gezeigt. Eine Krankheit, die in China zuerst auftrat, hat die ganze Welt in ihrem Griff und ist gerade dabei, auch in unserem Land das Leben wieder massiv zu beeinträchtigen.

Unser Umgang mit Corona zeigt auch, dass wir nicht zu Weltverbesserern taugen. Wir haben es nicht geschafft, das Virus einzudämmen. Sobald ein kleiner Erfolg eingetreten war, wurden alle  Vorsichtsmaßnahmen, alle guten Vorsätze über Bord geworfen. Inzwischen sind wir bei der vierten Welle, die in zwei Wochen täglich 400 Todesopfer fordern wird. Die fünfte Welle droht bereits, wenn keine einschneidenden Maßnahmen getroffen werden.

Wir taugen nicht zu Weltverbesserern. Das wusste schon der Prophet Jesaja. Darum entwirft er auch keine schöne, neue Welt, sondern überlässt es Gott, die Welt zu verbessern. 

Gott aber ist kein Weltverbesserer, Gott ist ein Schöpfer: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, das man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.” Die neue Welt ist keine verbesserte Version der alten, sie ist eine Neuschöpfung.

Schöpfer sein - das kann der Mensch nicht, so sehr er sich als Schöpfer versucht, Gene manipuliert, Atome verschmilzt oder spaltet. 

Aber wie soll das gehen mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde? Wenn Gott auch ein Schöpfer ist, so greift er doch nicht ein. Der Glaube versetzt keine Berge, geschweige denn, dass er die Welt verändert.

Vielleicht denkt, wer so denkt, zu gering vom Glauben. Es stimmt: Wer auf ein Wunder wartet, wartet vergebens, wenn man unter „Wunder” etwas Übernatürliches versteht, die Aufhebung der Gesetze der Physik. Doch es gibt noch andere Wunder.

Mitgefühl zum Beispiel ist ein Wunder: Wenn jemand nicht gleichgültig ist, was seiner Nachbarin, seinem Nachbarn geschieht. Wenn jemand Anteil nimmt am Schicksal eines anderen, zu helfen versucht oder zu trösten: das ist ein Wunder.

Solidarität ist ein Wunder. Wenn es jemandem nicht reicht, selbst genug zum Leben zu haben, sondern er, sie sich fragt, ob auch andere das haben, was sie zum Leben brauchen und wenn nicht: wie sie es bekommen können und was er, was sie dazu beitragen kann: das ist ein Wunder.

Engagement ist ein Wunder. Wer nicht nur das eigene Haus, den eigenen Garten in Ordnung hält, sondern sieht, woran es im Ort, in der Welt mangelt, was es an Gefahren gibt, die man eindämmen muss, und was an Möglichkeiten, die man schaffen kann, und versucht, seinen, ihren Beitrag zu leisten: das ist ein Wunder.

Es ist ein Wunder, wenn Menschen Mitgefühl zeigen, Solidarität und Engagement. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist, wie unsere Erfahrung lehrt, sehr selten - ein Wunder, eben. 

Ein Wunder, das Gott bewirkt. Gott schenkt uns Mitgefühl, Solidarität und Engagement. Weil wir uns zu den Menschen zählen dürfen, die Gott sich ausgesucht, die er auserwählt hat und von denen Jesaja sagt: „sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn.”

Der Glaube wartet auf eine Neuschöpfung der Welt. Eine Welt, in die Christus uns voraus gegangen ist. Weil Christus lebt, fällt ein Licht aus jener neuen Welt in unsere. Diese Lichtblicke schenken uns Hoffnung, zeigen uns, was sich ändern muss und was wir ändern können.

Der Glaube gibt sich nicht zufrieden mit der Welt so, wie sie ist. Der Glaube sieht die Menschen, die leiden, sieht die Schäden an der Umwelt, die Bedrohung unserer Zukunft, und möchte sie abwenden.

Der Glaube erkennt auch die eigenen Grenzen - auch die Grenzen des Mitgefühls, der Solidarität und  des Engagements. Und der Glaube weiß um die Folgen, die das Überschreiten der Grenzen hat: dass das Leben dann zur Hölle werden kann.

Darum wendet sich der Glaube an Gott. Nur Gott allein wird einen neuen Himmel, eine neue Erde schaffen. Darauf warten wir voller Hoffnung.

Bis es soweit ist, sind wir im Rahmen unserer Kräfte und Möglichkeiten voller Mitgefühl, solidarisch und engagiert.

Wir können aus dieser Welt kein Paradies machen.
Aber wir müssen sie uns auch nicht gegenseitig zur Hölle machen.

Amen.