Sonntag, 19. Juni 2022

Zweimal Psalm 34

Psalm 34


Ich will Gott loben alle Zeit;

ständig ist sein Lob in meinem Mund.

Gottes rühme ich mich.

Die Geringen hören es und freuen sich.

Preist Gott mit mir,

lasst uns zusammen seinen Namen erheben!

Ich suchte Gott, und er antwortete mir,

und vor allem, wovor mir graute, rettete er mich.

Die auf ihn blicken, strahlen vor Freude,

und sie werden sich nicht schämen müssen.

Jetzt rufe ich, und Gott hört

und rettet mich aus allen Nöten.

Ein Bote Gottes

lagert sich bei denen, die Ehrfurcht vor ihm haben, und rettet sie.

Schmeckt und seht, dass Gott gut ist.

Gepriesen ist jeder, der bei ihm Zuflucht sucht.

Habt Ehrfurcht vor Gott, ihr seine Heiligen,

denn keinen Mangel erleiden, die Ehrfurcht vor ihm haben.

Junge Löwen darben und hungern,

aber die Gott suchen, entbehren keines Guts.

Kommt, Kinder, hört mir zu,

die Ehrfurcht vor Gott will ich euch lehren!

Wer leben möchte,

gute Tage sehen will,

bewahre seine Zunge vor Bösem

und seine Lippen davor, Trug zu reden.

Halte dich fern vom Bösen und tue Gutes.

Suche den Frieden und folge seinen Spuren.

Gottes Augen sind auf die Gerechten,

und seine Ohren auf ihren Hilferuf gerichtet.

Gottes Angesicht ist gegen die gerichtet, die Böses tun,

um ihr Gedenken von der Erde zu vertilgen.

Die Gerechten schreien, und Gott hört

und rettet sie aus allen ihren Nöten.

Gott kommt nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind

und denen, die sich gedemütigt fühlen, steht er bei.

Viel Schlimmes erleidet ein Gerechter,

aber aus allem rettet ihn Gott.

Er bewahrt alle seine Kochen;

keiner von ihnen ist zerbrochen.

Den Frevler bringt das Böse um

und die einen Gerechten hassen, werden es büßen.

Gott erlöst die Seele seiner Knechte

und alle, die bei ihm Zuflucht suchen, werden es nicht bereuen

Noten des Kanons von Georg Philipp Telemann „Ich will den Herrn loben allezeit”.


Ich will Gott loben alle Zeit;
ständig ist sein Lob in meinem Mund.

Wie geht das, Gott alle Zeit loben?

Kann man das überhaupt?

Man muss doch zwischendurch auch mal etwas essen,

schlafen, sich mit anderen unterhalten.

Was soll man da auch sagen:

„Gott, du bist so wunderbar?”

Würde das auf Dauer nicht ziemlich eintönig und langweilig?

Und würde Gott solches Loben überhaupt gefallen?


Georg Philipp Telemann hat dieses Problem auf elegante Weise gelöst:

Er hat einen Kanon über das Psalmwort geschrieben:

„Ich will den Herrn loben allezeit,

sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.”

Er steht unter der Nummer 335 im Gesangbuch.


Elegant ist die Lösung,

weil Telemann einfach das Psalmwort verwendet

und damit über die Absicht spricht, Gott zu loben.

Diese Absicht wird zum Lob Gottes,

wenn man den Kanon singt.

Denn wenn ich jemandem sage: Ich will dich loben,

dann ist es dasselbe wie: Ich lobe dich.


Elegant ist diese Lösung auch,

weil ein Kanon theoretisch kein Ende hat.

Man kann ihn ewig singen,

bis man keine Lust oder keine Puste mehr hat.

Damit kommt der Kanon dem „alle Zeit” des Psalms

schon ziemlich nahe.


Aber natürlich ist Telemanns Kanon

keine wirkliche Lösung der Frage,

ob und wie man Gott alle Zeit loben soll.

Wir müssen anders anfangen:

Wir müssen uns fragen,

wann wir eigentlich gelobt werden.

Am häufigsten werden wohl Kochkünste gelobt:

„Das schmeckt aber lecker!”

Auch gute Leistungen in der Schule werden gelobt.

Musiker:innen bekommen Lob -

meistens in Form von Applaus.

Kurz: Gelobt wird man,

wenn man etwas getan hat, was andere freut.


Was hat Gott getan, das uns erfreut?

Gott hat diese wunderbare Welt erschaffen,

in der wir mit vielen anderen Geschöpfen leben.

Wenn wir Gott dafür loben wollten,

könnten wir es tun,

indem wir ehrfürchtig und vorsichtig mit seiner Schöpfung umgehen.

Uns Zeit nehmen zum Staunen

über die Schönheit und die Wunder der Natur.


Gott hat uns ins Leben gerufen.

Wenn wir Gott dafür loben wollten,

könnten wir mit uns und unserem Körper

pfleglich und liebevoll umgehen.

Könnten unsere Fähigkeiten entdecken und entwickeln,

wie z.B. das Orgel- oder Geigespielen.


Gott hat uns Menschen an die Seite gegeben:

Eltern und Geschwister,

Freundinnen und Freunde,

eine Partnerin, einen Partner,

Kinder.

Wenn wir Gott dafür loben wollten,

könnten wir liebevoll zu den Menschen sein,

die uns nahe stehen und mit denen wir täglich zu tun haben.

Und wir könnten die Würde und das Recht

der anderen achten,

die mit uns auf diesem Planeten leben.


Gott hat uns seinen Sohn gegeben,

„damit alle, die an ihn glauben,

nicht verloren gehen,

sondern das ewige Leben haben.” (Johannes 3,16)

Wenn wir Gott dafür loben wollten,

könnten wir versuchen, so zu leben,

wie sein Sohn es für uns wollte:

In Liebe zu uns selbst

und zu unseren Mitmenschen -

das sind die, die Gott uns vor die Füße legt.

Und in Liebe zu Gott,

die sich darin äußert,

dass wir nach seinem Willen leben.

Wenn wir das tun,

wenn wir es versuchen,

loben wir Gott alle Tage unseres Lebens.





Wer leben möchte, gute Tage sehen will,

bewahre seine Zunge vor Bösem

und seine Lippen davor, Trug zu reden.

Halte dich fern vom Bösen und tue Gutes.

Suche den Frieden und folge seinen Spuren.


Wer möchte leben, gute Tage sehen?

Man müsste vielmehr fragen:

Wer möchte das nicht?


Wir alle wollen leben,

wollen, dass uns gut geht.

Den meisten von uns geht es ja auch gut.

Es könnte natürlich immer besser sein …

Doch im Vergleich zu den Menschen in der Ostukraine,

im Jemen, in Afghanistan, im Sahel

geht es uns geradezu paradiesisch.


Im Vergleich:

Meist vergleicht man sich in die andere Richtung.

Nicht mit denen, die es schlechter,

sondern mit denen, die es scheinbar besser haben als man selbst.

Ihnen gegenüber haben wir das Gefühl,

es ginge uns nicht gut,

weil es ihnen besser geht,

weil sie mehr haben als wir.

Weil ihnen manches leichter fällt,

sie einen besseren Beruf haben,

mehr verdienen

oder etwas können, das wir nicht können.

Wenn wir uns mit solchen Leuten vergleichen,

haben wir das Gefühl,

benachteiligt, ungerecht behandelt worden zu sein.

Dann können wir nicht mehr genießen,

was wir doch auch reichlich haben,

wenn nicht sogar im Überfluss.


Der Genuss dessen, was wir haben,

kann einem auch durch einen anderen Vergleich verdorben werden:

Wenn man sich mit den Menschen vergleicht,

die weniger haben als wir.

Die zum Gerippe abgemagerten Kinder im Sahel

machen ein schlechtes Gewissen.

Wie lächerlich wenig wäre nötig,

um diese Kinder vor dem Hungertod zu retten!

Am Leid dieser Kinder sind wir nicht unschuldig.

Der Klimawandel hat die Dürre im Sahel noch verschärft.

Die ungleiche Verteilung des Reichtums verhindert,

dass diese Kinder genug zum Leben haben.

Man kann sein eigenes Glück nicht unbeschwert genießen,

wenn man sieht, wie wenig andere zum Leben haben,

wie andere leiden.


Für den Psalm hängen gute Tage und ein gutes Leben zusammen.

Wer versucht, gut zu sein und nicht böse,

wer sich um Frieden bemüht und tut, was dem Frieden dient,

wird gute Tage erleben -

selbst dann, wenn er oder sie nicht viel besitzt.

Tage, die frei sind von einem schlechten Gewissen,

befreit vom Vergleichen mit anderen.


Jede:r möchte leben und gute Tage sehen.

Wenn alle nicht nur darauf achten,

dass sie selbst genug haben,

dass sie und ihre Familien versorgt sind,

sondern wenn es unser aller Anliegen ist,

dass auch die anderen leben

und gute Tage sehen können:

Dann geht es allen gut.