Predigt am Sonntag Invocavit, 9.3.2025, über Hebr 4,14-16
Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchquert hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns festhalten am Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mit unseren Schwachheiten mitfühlen könnte, sondern der in jeder Hinsicht auf die selbe Weise auf die Probe gestellt wurde, ohne Sünde. Lasst uns darum voll Vertrauen zum Thron der Gnade kommen, damit wir Mitleid empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe.
Liebe Schwestern und Brüder,
der schlechte Gesundheitszustand des Papstes
beschäftigt nicht nur Katholiken.
Man nimmt als Protestant:in sicher nicht so lebhaft daran Anteil,
wie es die Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom
und vor dem Gemelli-Klinikum tun.
Aber irgendwie beschäftigt eine:n auch, wie es dem Papst geht.
Genauso, wie man auch als Protestantin oder Protestant
die Wahl eines neuen Papstes mitverfolgt.
Auch wir hoffen bei einer solchen Wahl, dass jemand Papst wird,
der die Rechte der Frauen in der Kirche anerkennt,
Frauen den Weg ins Priesteramt ebnet
und den Priestern die Pflicht zur Ehelosigkeit erlässt.
Wir wissen, dass das wahrscheinlich nicht passieren wird -
zu lange schon warten die Gläubigen darauf;
zu oft wurden Reformversuche schon im Keim erstickt;
zu mächtig sind die beharrenden Kräfte in der katholischen Kirche.
Und trotzdem hoffen auch wir Protestantinnen und Protestanten
dass ein neuer Papst eine Veränderung anstoßen könnte.
Auch wenn für uns Protestantinnen und Protestanten
der Papst nur der Bischof von Rom ist,
kann man an seiner herausgehobenen Stellung
und an den Erwartungen, die man an ihn hat,
sehr gut erkennen, was der Hebräerbrief meint,
wenn er von Jesus als dem Hohenpriester spricht:
Wie der Papst ist der Hohepriester derjenige,
auf den sich alle Augen richten,
von dem man Hilfe erwartet und erhofft.
Aber einen wichtigen Unterschied gibt es:
Im Hebräerbrief ist es die Person Jesus,
die ihn zum Hohenpriester macht.
Der Papst dagegen ist der Oberste qua Amt.
Natürlich ist es nicht unwichtig, wer dieses Amt innehat.
Bei Benedikt XVI. alias Kardinal Josef Ratzinger
machte man sich von vornherein keine großen Hoffnungen,
weil man schon wusste, dass mit Ratzinger
ein Erzkonservativer zum Papst gewählt worden war.
Bei Franziskus, der sich als erster Papst
nach Franz von Assisi benannte -
einem Heiligen, der unkonventionelle,
neue Wege mit seinem Glauben ging -
und der aus Südamerika stammt -
nicht aus einem der reichen Länder des Nordens -,
schien es möglich, dass sich etwas ändern könnte.
Es hat sich dann doch nichts geändert.
Ein Papst entscheidet eben nicht allein.
Als Amtsträger ist er denen verantwortlich,
die ihn in dieses Amt wählten
und die ihn täglich beraten und kritisieren.
Das Amt ist eingebettet in Regeln und Ordnungen,
die es legitimieren und tragen.
Ein Pastor z.B. hat sein Amt deshalb,
weil die Kirche beschlossen hat,
die Verkündigung und Sakramentsverwaltung
nicht dem Zufall zu überlassen,
sondern bestimmten Personen,
die sie auswählt und bei denen sie sicher sein kann,
dass sie sich an die Regeln und Ordnungen
und an das Bekenntnis der Kirche halten.
Das Bekenntnis spielt auch im Hebräerbrief eine Rolle:
„Lasst uns festhalten am Bekenntnis”, heißt es da.
Was ist der Unterschied zwischen einer Regel,
einer Ordnung der Kirche, und dem Bekenntnis?
Das Bekenntnis sagt aus, was wir glauben:
Das Bekenntnis: „Jesus Christus ist Gottes Sohn”
macht unseren Glauben zum christlichen Glauben,
und es macht uns zur Kirche Jesu Christi.
Regeln und Ordnungen dagegen geben eine Struktur vor,
innerhalb derer sich das Leben der Gemeinden abspielt.
Diese Strukturen sind zeitlich, man kann sie ändern -
und man muss sie ändern, wenn es nötig wird.
Es wäre schön, wenn sich die Strukturen nicht so häufig ändern würden,
wie sie das zur Zeit bei der Kirche tun.
Aber so ist das eben mit Regeln und Ordnungen:
Sie sind nie allgemein und für alle Zeiten gültig,
sondern nur, solange sie das Problem lösen,
für das man sie eingeführt hat,
und nicht selbst zum Problem werden.
Schlimm wird es, wenn Regeln und Ordnungen
den Charakter eines Bekenntnisses bekommen.
Wie z.B. die Ehelosigkeit der Priester,
oder, dass nur Männer Priester sein dürfen.
Weil dann die Regeln eine Würde erhalten,
die sie nicht haben und nicht verdienen.
Und weil man sie nicht mehr ändern kann,
wenn sie zu einer Sache des Glaubens gemacht werden.
Wenn, dann geschieht eine solche Änderung auf Kosten der Einheit,
wie die Reformation gezeigt hat.
Wenn Regeln und Ordnungen Bekenntnischarakter bekommen,
ist damit der Punkt erreicht,
an dem eine Institution wie die Kirche
nicht mehr barmherzig sein kann.
Wenn diese Regeln z.B. Menschen, die andere lieben
oder anders lieben, von Gottes Segen ausschließen.
Oder wenn Menschen aufgrund ihres biologischen Geschlechts
Ämter in der Kirche nicht wahrnehmen dürfen,
obwohl sie es gern möchten und es auch könnten.
Nicht nur Institutionen wie die Kirche können unbarmherzig sein,
wenn sie eine Regel zum Bekenntnis erheben.
Ganze Staaten werden dadurch unbarmherzig.
Weil z.B. ein willkürliches Merkmal
wie die Abstammung, die Hautfarbe,
die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe
- wie die der Kurden in der Türkei -
oder einer religiösen Gemeinschaft
- wie die der Aleviten in Syrien -
Menschen von der Staatsbürgerschaft
und der gleichberechtigten Mitwirkung im Staat ausschließt.
Dienen Regeln und Ordnungen nicht mehr dazu,
das Zusammenleben fair und gerecht zu gestalten,
sondern bestehende Ungerechtigkeiten zu legitimieren,
bestimmte Menschen von Mitwirkung und Teilhabe auszuschließen
oder Macht über sie auszuüben,
werden sie unbarmherzig.
Das geschieht nicht nur in großen Organisationen
wie Kirchen oder Staaten.
So etwas geschieht auch im Kleinen,
wie etwa in einem Verein oder einer Kirchengemeinde.
Auch da können Regeln oder Traditionen
manchmal wichtiger werden als das Mitgefühl,
das Einfühlen in einen anderen Menschen.
Was Jesus zum Hohenpriester macht, ist seine Barmherzigkeit:
Dass er mit unseren Schwachheiten mitfühlen kann,
weil er sie selbst erlebt und erlitten hat,
ohne ihnen erlegen zu sein.
Barmherzigkeit ist es auch,
was wir von Gott erwarten dürfen,
wenn wir uns ihm voll Vertrauen nähern,
um Mitleid zu empfangen und Gnade zu finden.
Gott, der seinem Volk Israel die Gebote gab -
Regeln für den Glauben und für das Zusammenleben.
Wie geht das zusammen - Barmherzigkeit und Gebot?
Das Gebot ist der Maßstab, mit dem alles Handeln gemessen wird.
Was diesem Maßstab nicht entspricht, das ist „Sünde”.
Obwohl es viele Gebote gibt,
ist der Maßstab der Gebote nicht kompliziert,
sodass man jedes Mal einen anderen anwenden müsste.
Es gibt für unser Handeln im Grunde nur drei Kriterien,
an denen man erkennen kann,
ob es dem Willen Gottes entspricht oder nicht:
Zeigt unser Handeln, dass wir Gott lieben?
Zeigt es, dass wir unsere Mitmenschen lieben?
Zeigt es, dass wir uns selbst lieben?
Die Liebe ist der Maßstab, an dem sich unser Handeln messen lassen muss.
Wer Gott liebt, wird versuchen, Gottes Willen zu erfüllen.
Wer seine Mitmenschen liebt, wird Mitgefühl mit ihnen empfinden.
Wer sich selbst lieben kann, kann über sich lachen,
sich selbst nicht so wichtig nehmen und großzügig sein,
weil er, weil sie selbst Gottes Großzügigkeit an sich erfährt.
Darum ist es das Mitgefühl, das Jesus zum Hohenpriester macht.
Jesus hat Mitgefühl mit uns, denn er kennt unser Leben:
Er hat seine Schönheit und seine Härte am eigenen Leib erfahren.
Und dabei doch nie die Liebe verraten
zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst.
Ehrlicherweise muss man zugeben:
Er konnte die Liebe nicht verraten, weil er selbst die Liebe ist.
Glauben bedeutet, auf die Macht dieser Liebe zu vertrauen -
das heißt: auf die Macht Jesu, des Hohenpriesters,
der uns durch alle Himmel hindurch einen Weg zu Gott gebahnt hat.
Wir müssen Gott nicht fürchten,
weil wir seinen Geboten nicht gerecht geworden,
weil wir Sünderinnen und Sünder sind.
´Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns nicht darauf festnagelt,
wer wir waren und was wir getan haben.
Gott gibt uns das Recht, eine Andere, ein Anderer zu werden.
Damit können wir jetzt sofort anfangen.