Samstag, 4. April 2026

Die Erinnerung nach vorne

Ansprache in der Osternacht, 4. April 2026, über 2.Timotheus 2,8:


Liebe Schwestern und Brüder,


Vergangenheit und Zukunft in einem Satz:

Erinnere dich an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.


Erinnerung blickt zurück auf die Vergangenheit.

Auf Jesus, der auf Erden wandelte.

Der seine Jünger und alle, die ihm zuhören wollten,

von der Macht der Liebe Gottes zu überzeugen trachtete.

Der Kranke heilte, Blinden die Augen und Tauben die Ohren öffnete. 

Der Menschen, die als unrein galten, von dem befreite,

was bei ihren Mitmenschen Anstoß erregte.

Überhaupt von der Gemeinschaft Ausgeschlossene

in seine Nähe holte - oder sich bei ihnen zum Essen einlud.

Der verraten und zum Tod am Kreuz verurteilt wurde,

einen elenden, qualvollen Tod am Kreuz starb

und begraben wurde - und mit ihm scheinbar alle Hoffnungen

auf den Anbruch des Reiches Gottes, das er verkündigt hatte.


Die Auferstehung, das ist die Zukunft.

„Ich glaube an die Auferstehung der Toten”

das blickt voraus auf ein Ende,

das ein neuer Anfang sein wird,

wenn Gott bei seinen Menschen wohnt.

Wenn er alle Tränen von ihren Augen abwischt,

wenn man kein Leid, kein Geschrei, keinen Schmerz

und auch keinen Tod mehr kennt.


Diese Zukunft wird heute Gegenwart.

Wir sind dabei, wir erleben sie mit.

Gerade haben wir es ausgerufen

und aus voller Kehle gesungen:

Christus ist auferstanden! 

Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!


So, wie das Reich Gottes mit Christus angebrochen ist

und immer wieder da aufblitzt,

wo Menschen Jesu Fußstapfen folgen,

so ist durch die Auferstehung des Einen

das neue Leben Wirklichkeit,

in dem wir von allem befreit sind,

was Macht über uns beansprucht.


Erinnere dich an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.


Wir erinnern uns an unsere Zukunft.

Es ist eine Erinnerung nach vorne.

Durch sie wird uns gegenwärtig,

was schon längst Wirklichkeit geworden ist.


Warum erinnert man sich?

Manchmal erinnert man sich aus Sentimentalität

an Jahre, die verflogen sind;

an verpasste Gelegenheiten und an Liebe,

die abhanden kam oder ihr Ziel nicht fand.


Aber Erinnerung ist vor allem dazu da,

dass wir etwas daraus lernen.

Als Schülerinnen und Schüler lernten wir,

was wir heute selbstverständlich anwenden.

Wir können auf Gelerntes zurückgreifen, 

können das erinnern, was wir verinnerlicht haben.

Es hilft uns, unsere Gegenwart zu bestehen:

Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen.


So ist es auch mit der Erinnerung

an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.

So ist es mit der Erinnerung an diese Nacht,

die so anders ist als alle anderen Nächte.


Diese Erinnerung begleitet uns durch das Jahr.

Sie begleitet uns durchs Leben.

Wir greifen auf sie zurück als auf etwas Verinnerlichtes,

wann immer wir mit Leid konfrontiert werden,

mit Geschrei, wie es der Streit der Meinungen,

die Debatte über Wahrheit und Lüge,

über Recht und Unrecht verursachen.

Wann immer wir dem Schmerz begegnen, 

dem wir nicht ausweichen können, und dem Tod - 

dem eines nahen, eines geliebten Menschen,

und dem eigenen Tod.


Wenn wir in so einem Augenblick an diese Nacht zurückdenken,

als uns die Botschaft der Auferstehung erreichte,

erfüllt uns die Gegenwart Gottes:

erfüllt uns das neue Leben, Christus, 

den wir in der Taufe angezogen haben, wie es Paulus formuliert.


Mit Gott in uns und Christus um uns,

erfüllt von dem neuen Leben,

das auf uns wartet und zugleich gegenwärtig ist,

nehmen wir es mit dem Leben auf:

Ertragen wir das Leid und tragen es mit anderen mit,

können wir mitleiden und mitfühlen mit anderen.

Stillen wir den Streit, der in Geschrei ausartet,

und widersprechen der Lüge.

Reden wir den Schmerz nicht klein -

unseren nicht, und auch nicht den der anderen.

Wir können ihn wahrnehmen, ihn ernst nehmen,

weil er uns nicht vernichten wird:

Gott in uns und Christus um uns sind stärker als der Schmerz.

Mit ihrer Hilfe können wir ihn hinter uns lassen,

wie wir den Tod hinter uns gelassen haben.

Auf uns wartet nicht der Tod, sondern das Leben,

das heute, in dieser Nacht, seinen Anfang nimmt.

In ihm werden wir, wird die ganze Schöpfung neu -

in ihm sind wir bereits neu:

Wir sind Gottes Töchter und Gottes Söhne.