Predigt am Sonntag Jubilate, am 26. Apri 2026, über Johannes 15,1-8
Liebe Schwestern und Brüder,
kennen Sie die Geschichte von Herrn Taschenbier und dem Sams?
Eines Samstags bekommt Herr Taschenbier,
ein unauffälliger und bescheidener Beamter, Besuch
von einem ziemlich vorlauten und frechen Wesen, dem Sams,
das erklärt, dass es von nun an bei ihm wohnen werde.
Das Sams ist mit blauen Punkten übersät
und bringt Herrn Taschenbier ständig in Verlegenheit,
weil es mit mit dem Alltag und den Regeln des Anstands nicht vertraut ist.
Wenn Herr Taschenbier aber „Ich wünsche mir …” sagt,
macht es sofort, was er will.
Als er sagt: „Ich wünsche mir, dass du still bist,”
schweigt es eisern, sodass er sich wünschen muss,
dass das Sams wieder spricht – worauf es sofort losplappert.
Allerdings muss Herr Taschenbier höllisch aufpassen,
dass er seinen Wunsch ganz genau formuliert.
Das Sams nutzt nämlich den kleinsten Spielraum,
um die Wünsche nach eigenem Ermessen auszulegen -
was zu chaotischen und sehr lustigen Situationen führt -
und Herrn Taschenbier jedes Mal etliche Wünsche kostet.
Zu spät wundert er sich darüber,
dass die blauen Punkte am Sams weniger werden.
Und erst, als nur noch ein einziger blauer Punkt vorhanden ist,
wird ihm klar, dass das jedes Mal passiert,
wenn er: „Ich wünsche mir“ sagt.
Er begreift, dass das Sams ihm jeden Wunsch erfüllen kann.
Das Sams erklärt ihm, dass es ihn verlassen muss,
wenn sein letzter Punkt aufgebraucht ist.
Herr Taschenbier stellt überrascht fest,
dass er dieses seltsame Wesen liebgewonnen hat.
Er möchte nicht, dass es ihn verlässt.
Er hütet sich sehr, noch einmal „Ich wünsche mir” zu sagen
und überlegt fieberhaft, wie er den letzten Punkt richtig nutzen sollte.
Schließlich hat er die – seiner Ansicht nach geniale – Idee:
Herr Taschenbier wünscht sich eine Wunschmaschine!
Sie wird prompt frei Haus geliefert.
Leider kann er sie nicht in Betrieb nehmen.
„Du hast vergessen, dir einen Stecker dazu zu wünschen,”
erklärt ihm das Sams – und ist verschwunden.
„Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,
werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren,”
sagt Jesus seinen Jüngern.
Klingt das nicht sehr nach einer Wunschmaschine?
Bitten, was man will, und es wird geschehen – wie großartig das wäre!
Unwillkürlich überlegt man,
was man sich wünschen würde, wenn man sich alles wünschen könnte.
Natürlich darf es nichts rein Materielles sein.
Eine Villa scheidet wohl aus, ebenso eine Weltreise, ein teures Auto.
Auch, dass der eigene Verein dieses Jahr Meister wird,
darf man sich wohl nicht wünschen.
Warum eigentlich nicht?
Warum sollte man sich nicht wünschen dürfen,
reich zu sein, oder wieder jung, oder gutaussehend,
oder gleich alles zusammen?
Weil Jesus das wohl nicht gutheißen würde.
Er selbst widerstand der Versuchung des Satans,
sich in der Wüste Brot zu verschaffen,
obwohl er nach 40 Tagen Fasten furchtbar hungrig gewesen sein musste.
Und auch das Angebot, Weltherrscher zu werden,
lehnte Jesus sehr energisch ab
und befahl dem Satan, sich zum Teufel zu scheren.
Offenbar bedeutet „bitten, was ihr wollt” nicht,
dass jeder unserer Wünsche erfüllt wird -
das bestätigt uns ja auch die Erfahrung.
Wie aber sieht es mit der Gesundheit aus?
„Alle Wünsche werden klein gegen den, gesund zu sein,” sagt ein Sprichwort.
Gesundheit wird doch wohl ein legitimer Wunsch sein -
besonders, wenn man sie nicht für sich selbst wünscht,
sondern für jemanden, der oder die krank geworden ist.
Wenn man für sich oder für jemand anderen Gesundheit wünscht,
erwartet man im Grunde für sich eine Ausnahme von einer Regel,
die für alle gilt: Alle Menschen werden einmal krank.
Aber für mich – oder für den Menschen, den ich lieb habe -
soll diese Regel nicht gelten.
Dass für mich eine Ausnahme von der Regel gemacht wird,
ist ein weit verbreiteter Wunsch – wohl jede:r hat ihn schon gehabt.
Ob es eine lästige Pflicht ist, die man umgehen möchte;
der Wunsch, etwas zu erreichen, ohne sich dafür anstrengen.
ohne sich dafür einschränken zu müssen;
oder ob man hofft, dass ein Fehler nicht entdeckt,
das Übertreten eines Verbots nicht geahndet wird.
Wer einmal in die Position gelangt,
die Regeln setzen oder mitbestimmen zu können,
erliegt oft der Versuchung, für sich eine Ausnahme zu machen,
frei nach dem Orwellschen Motto:
„Alle sind gleich, aber einige sind gleicher als die anderen.”
Jedenfalls fällt es vielen Leitungskräften
in Wirtschaft, Politik, Verwaltung und auch in der Kirche schwer,
sich an Regeln zu halten, die sie befolgen mussten,
als sie noch nicht in dieser Position waren.
Auch den Wunsch nach einer Ausnahme von dem,
was für alle gleichermaßen gilt, würde Jesus wohl nicht gutheißen.
Er selbst verlangte für sich keine Ausnahme.
Er versuchte nicht einmal,
sich gegen seine offensichtlich ungerechte Verurteilung zu wehren;
tat nichts, was ihm den Weg ans Kreuz erspart hätte.
Was aber wäre denn ein legitimer Wunsch,
nachdem so viele mögliche Wünsche wegfallen?
Jesus beschreibt im Evangelium
das Verhältnis der Gläubigen zu ihm mit einem Bild -
dem Bild vom Weinstock und seinen Reben.
Man könnte auch sagen -
(weil es hier kaum Weinstöcke als Anschauungsmaterial gibt) -
Jesus benutzt das Bild vom Stamm und seinen Zweigen:
Jesus ist der Stamm. Die Gläubigen sind die Zweige.
Sie hängen vom Stamm ab,
werden von ihm mit dem zum Leben Nötigen versorgt.
Wenn man einen Zweig vom Stamm abschneidet, vertrocknet er.
Ohne die Verbindung zum Stamm kann er nicht leben.
Mehr noch: ohne Verbindung zum Stamm kann er auch nichts leisten -
„Frucht bringen” nennt Jesus das.
Aus eigener Kraft kann ein Zweig keine Früchte hervorbringen.
Diese Verbindung der Zweige zu ihrem Stamm ist existentiell:
Sie betrifft die Existenz, sie betrifft das Leben.
Es kommt alles darauf an, ob man das selbst so sieht:
Ob man diesem Bild vom Stamm und den Zweigen zustimmt
und ob man diese Abhängigkeit, die das Bild beschreibt,
auch auf sich bezieht, mit anderen Worten:
ob man ohne Jesus nicht leben kann.
Natürlich kann man ohne Jesus leben.
Das beweisen die Vielen, die nicht Christen sind.
Die Mehrheit der Menschheit glaubt nicht an Gott
und kann sehr gut ohne Jesus leben.
Warum sollten wir es nicht auch können?
Oder, anders gefragt:
Warum sollte der Glaube für uns lebenswichtig sein,
wenn er es doch für so viele andere nicht ist?
Durch den Glauben an Jesus entdecken wir,
dass wir Gottes Kinder sind, von Gott über alle Maßen geliebt.
Geliebt nicht, weil wir etwas können, etwas leisten;
geliebt nicht, weil wir „gut” sind oder uns darum bemühen.
Sondern um unserer selbst willen geliebt,
so, wie wir sind, und manchmal, obwohl wir so sind, wie wir sind.
Durch den Glauben an Jesus entdecken wir in uns
auch so etwas wie einen „harten Kern”,
der von außen nicht zerstört werden kann -
weder durch Kummer und Leid,
noch durch Bosheit und Gehässigkeit.
Dieser harte Kern ist Christus,
der Stein des Anstoßes, der zum Eckstein geworden ist.
Er ist das Fundament, auf dem wir innerlich stehen und „Nein!” sagen,
wenn wir etwas nicht richtig finden, etwas nicht wollen.
Auf diesem Fundament halten wir dieses Nein!
auch gegen eine Übermacht anderer Meinungen aus.
Der harte Kern Jesus, den wir in uns finden,
macht es uns möglich, Rückgrat zu haben und Rückgrat zu zeigen.
Vor allem aber entdecken wir durch den Glauben,
dass wir Gott lieben, wie wir von ihm geliebt werden.
Wir stehen in einer Beziehung mit Gott.
Diese Beziehung bedeutet uns viel, sie bedeutet uns alles,
auch ohne dass wir etwas davon „haben” -
so, wie wir ja auch unsere Partnerin, unseren Partner,
wie wir unsere Kinder, unsere Eltern um ihrer selbst willen lieben.
Wir wollen nicht ohne Jesus leben, weil wir ihn lieb haben.
Wir wollen bei Jesus bleiben.
Aber nun sagt Jesus zu seinen Jüngern:
„Bleibt in mir und ich in euch.”
Man kann aber nicht in einem Menschen „bleiben”.
Man kann nur bei jemandem bleiben.
Auch die Zweige sind ja nicht in dem Stamm, sondern an dem Stamm.
Man kann allerdings in einem Ort bleiben - in Schwerin zum Beispiel.
Wenn Jesus sagt, dass man in ihm bleiben soll,
dann geht es also um einen Ort.
Was kann das für ein Ort sein?
Eigentlich doch nur eine Gemeinde,
so wie diese - unsere – Gemeinde.
Doch eine Gemeinde kann nicht Jesus sein -
dafür menschelt es zu sehr in ihr.
Es gibt Animositäten, manchmal sogar richtige Feindschaften,
es gibt Ärger oder Streit.
Die gibt es in jeder Beziehung.
Auch zwischen Liebenden gibt es Missverständnisse, Kränkungen;
man streitet sich und müht sich, die Scherben wieder zu kitten.
Streit kann Beziehungen zerstören,
er kann sie aber auch festigen und widerstandsfähiger machen.
Denn er zerstört die Illusionen, die man übereinander hatte.
Eine Gemeinde ist kein Freundeskreis –
auch eine Illusion, die man über eine Gemeinde haben kann.
Man kann und man muss nicht jede und jeden mögen
oder gar lieben, der zur Gemeinde gehört.
Aber die Gemeinde hat die Verheißung, dass Jesus mitten unter uns ist,
wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.
In der Gemeinde begegnen wir Jesus, wenn wir einander begegnen.
Vielleicht begegnen wir ihm gerade in den Menschen,
die wir nicht mögen, zu denen wir keine Beziehung haben.
Also läuft die Frage, ob man mit Jesus leben -
oder, wie es im Evangelium heißt: in Jesus bleiben will -
darauf hinaus, ob man in der Gemeinde bleiben will.
Weil man nur in der Gemeinde in Jesus sein kann.
Was hat man davon, wenn man in der Gemeinde bleibt?
Jesus sagt mit seinem Bild vom Stamm und den Zweigen:
Die Zweige bringen Früchte - Äpfel, Kirschen, Pflaumen, Oliven, Weintrauben.
Früchte sind etwas Schönes, etwas Leckeres.
Früchte bereichern das Leben -
uns würde etwas fehlen, wenn es kein Obst mehr gäbe.
Wenn man das Bild auf die Gemeinde überträgt, bedeutet es:
Die Gemeinde bereichert das Leben.
Hier entstehen Früchte.
Hier entsteht etwas, was das Leben schöner, besser macht.
Ist das so?
Zumindest könnte es so sein.
Die könnte Gemeinde ein Ort sein,
in dem es anders zugeht als im Alltag.
Sie könnte ein Ort sein, wo es keine Rolle spielt, wie man aussieht,
wo man herkommt, was man kann oder besitzt.
Ein Ort, an dem alle den gleichen Respekt erfahren,
weil alle gleich viel wert und alle gleich wichtig sind.
Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo man keine Rolle spielen muss.
Sich nicht verstellen muss, nicht so tun, als ob man sich auskennt
oder als ob man keine Angst hat.
Sondern so sein kann und sich so zeigen darf, wie man ist,
weil niemand einen ablehnt, auslacht oder über einen redet.
Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo man Ideen austauscht,
wie man das Leben besser machen könnte.
Wo man Unterstützung findet, wenn man sich für etwas einsetzen möchte.
Wo man ermutigt wird oder getröstet, wenn mal etwas schief gegangen ist.
Die Gemeinde könnte ein Ort sein, wo man ernst genommen wird
und wo man einem zuhört.
„Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,
werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.”
Wir haben viele Wünsche, auch viele Wünsche an das Leben.
Aber der einzige Wunsch, den wir an Jesus haben, ist,
dass wir bei ihm sein und bei ihm bleiben können.
In diesem Wunsch finden alle unsere Wünsche ihre Erfüllung.
Dieser Wunsch, bei Jesus zu bleiben, wird uns erfüllt,
wenn wir in der Gemeinde bleiben.
Als das Sams verschwunden ist,
wird Herrn Taschenbier schlagartig klar,
dass die Idee mit der Wunschmaschine eine Schnapsidee war.
Jetzt, wo es zu spät ist, weiß er,
wie sein letzter Wunsch hätte lauten müssen:
Er hätte sich einfach nur zu wünschen brauchen,
dass das Sams bei ihm bleibt.