Donnerstag, 14. Mai 2026

einheit

predigt an christi himmelfahrt, 14.5.26, über joh 17,20-26


liebe schwestern und brüder,


das gleiche und dasselbe kann man schon mal verwechseln. Wenn man zum beispiel sagt: wir haben die gleiche lehrerin, oder: wir tragen dasselbe kleid. Es ist natürlich genau andersherum: Wir haben dieselbe lehrerin und tragen das gleiche kleid. Was man mit anderen gemeinsam hat, ist dasselbe - dieselbe lehrerin, die selbe muttersprache, der selbe arbeitgeber. Was jede:r für sich hat, ist das gleiche - die gleiche kleidung, die gleiche haarfarbe, der gleiche beruf.

Ähnlich verwirrend ist es, wenn Jesus darum bittet, dass alle eins seien. Meint er damit einheit oder einheitlichkeit? Es gab einmal eine „Sozialistische Einheitspartei”, aber die stand nicht für die einheit, die sie im namen trug, sondern für einheitlichkeit: alle staatsbürger sollten gleich sein, auch in ihrer gesinnung, und am besten auch in ihrem geschmack. Wenn man sich ansieht, was die führer dieser partei unter gutem geschmack und unter kunst verstanden - wie sie sich in wandlitz einrichteten; welche musik sie spielen ließen, und welche nicht erlaubt oder verpönt war; welche kunst öffentliche gebäude schmücken durfte - kann man heute über so viel kitsch, biederkeit und spießertum nur lachen. Doch wer einheitlichkeit will, verfolgt sein ziel humorlos und mit großer hartnäckigkeit. Und am ende immer auch mit zwang. Wir sind nun einmal verschieden und haben verschiedene bedürfnisse, geschmäcker und interessen. Darum erreicht man gleichheit nur mit zwang. Doch selbst dann sucht und findet man gelegenheiten, seine individualität zu leben und auch zu zeigen.

Wer gleichheit anstrebt, für den bedeutet einheit einheitlichkeit. Alle sollen gleich sein, sollen so aussehen, essen, reden, denken wie ich. Sollen die gleichen vorlieben haben und die gleichen abneigungen. Aber wer sollte so etwas wollen? Das wäre doch furchtbar eintönig und langweilig! Variatio delectat, sagten schon die alten Römer, die von Kultur etwas verstanden, abwechslung erfeut. Aber manchen macht das, was sie nicht kennen oder verstehen, angst. Die faseln dann von einer „deutschen leitkultur“, warnen vor dem untergang des christlichen abendlands. Sie sehen sich als opfer einer „überfremdung“, durch die ihnen angeblich die bratwurst, die wildecker herzbuben und der gelsenkirchener barock wegenommen werden sollen.

Jesus dagegen bittet Gott tatsächlich um einheit: „dass sie alle eins seien,” wie er mit Gott eins ist. Einheit entsteht nicht dadurch, dass gleichheit verschiedenheit beseitigt, sondern dass alle in ihrer verschiedenheit durch ein und dasselbe verbunden sind. Jesus und Gott sind eins, sind derselbe. Weil wir alle durch denselben, durch Gott, verbunden sind, sind wir eins: eine gemeinde.

Wenn es um dasselbe geht, braucht man keine einheitlichkeit - im gegenteil: dasselbe, auf das sich alle beziehen, macht verschiedenheit überhaupt erst möglich: Die verschiedenen bundesländer bilden die einheit der Bundesrepublik. Die verschiedenen geschwister bilden die einheit der familie. Wir, so unterschiedlich wir sind, bilden die einheit der gemeinde. Wenn man es genau bedenkt, ist es erstaunlich, dass hier und in den anderen kirchen menschen zum gottesdienst zusammenkommen, die im alltag wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben. Wir gehören unterschiedlichen generationen an, haben verschiedene interessen, mögen jede:r andere musik, wählen unterschiedliche parteien - aber hier sind wir für eine stunde einmütig zusammen. Und noch erstaunlicher ist, dass diese einheit stärker wird. Je öfter wir uns im gottesdienst begegnen, desto mehr wachsen wir als gemeinde zusammen. Die unterschiede zwischen uns sind damit nicht aufgehoben, sie bestehen nach wie vor. Aber sie spielen eine immer geringere rolle. Wir können unsere verschiedenheit aushalten, weil wir uns als mitmenschen zu sehen und zu schätzen lernen. Wir können aushalten, dass jemand sich ganz anders kleidet, ganz anders aussieht, ganz anders verhält, als wir es gewohnt sind oder richtig finden. Mehr noch: Mit der zeit freuen wir uns, ihn oder sie so zu sehen.

Das kommt daher, dass uns dasselbe verbindet: Gott, in dessen namen wir zusammenkommen. In ihm, sagt Jesus, sind wir eins. Gott hebt die unterschiede zwischen uns nicht auf. Es ist nicht nötig, dass wir einheitlich sind. Nicht wir stellen unsere einheit her. Wären wir dafür verantwortlich, dass hier eine gemeinde zusammenkommt, müssten wir auf einheitlichkeit bestehen. Wenn das gemeinsame von uns kommen müsste, könnte es nur das sein, was wir gemeinsam haben - die gleiche art zu glauben, die gleichen traditionen, die gleiche sprache usw. Und das spielt ja auch eine mehr oder weniger große rolle dabei, wie sich gemeinden und kirchen bilden.

Irgendwie scheint es im menschen einen drang zur vereinheitlichung zu geben. Nicht nur bei denen, die angst vor dem anderen, den fremden haben. Auch bei uns. „Gleich und gleich gesellt sich gern”, sagt ein sprichwort. Gleichheit wirkt anziehend. Man sieht im anderen sein spiegelbild, das uns bestätigt. Ein gegenüber, das anders ist als wir, stellt uns dagegen infrage. Denn es zeigt uns, dass man auch anders aussehen, anders sein, anders leben kann. Man möchte aber nicht verunsichert werden, man sucht bestätigung. Gleichheit übt daher immer auch einen mehr oder weniger starken druck aus, sich anzupassen, damit man dazugehört. Und bildet eine spürbare und oft auch sichtbare schranke für alle, die nicht so sind wie wir.

Einheit dagegen vereint die Verschiedenen. Weil sie nicht dadurch hergestellt wird, dass alle gleich sind oder immer gleicher werden. Sondern durch den, auf den sich alle beziehen und der diese einheit stiftet: durch Gott.

Wenn wir als gemeinde zusammenkommen, sind wir immer beides. Wir sind eine einheit, und wir streben mehr oder weniger nach gleichheit. Beides schließt sich eigentlich aus: Die einheit bringt die verschiedenen zusammen. Gleichheit schließt die verschiedenen aus. Wahre einheit werden wir darum niemals erleben. Aber durch den glauben wissen wir, dass die einheit in Gott existiert: „Ich und der vater sind eins,” sagt Jesus. Von Gott her kommt diese einheit auf uns zu, und darum können wir sie auch erleben. Heute, an Christi Himmelfahrt, feiern wir das. Christus kehrt zurück zum vater; er und der vater sind eins. Diese einheit Gottes verbindet uns zu einer gemeinde. Sie verbindet uns mit allen Christinnen und Christen auf der ganzen welt, und mit allen generationen - denen, die uns vorangingen und denen, die nach uns kommen werden. Unsere einheit ist begründet im einssein Gottes, nicht in irgendwelchen geschichtlichen gegebenheiten, in einer organisation, der kirchlichen institution oder kirchlichen glaubenssätzen.

Darum sind nicht wir es, die die einheit herstellen, indem wir z.b. auf andere zugehen. Nicht gegenseitige zuneigung schafft die einheit, und auch nicht gemeinsame aufgaben oder verpflichtungen. Nicht wir laden in die gemeinde ein, sondern Gott hat uns eingeladen und uns durch die taufe zu seinen kindern gemacht. Durch die taufe sind wir eine gemeinde. Zu dieser einheit der gemeinde gehören alle getauften, ob sie schon jahrzehnte in den Dom kommen oder heute zum ersten mal hier sind, ob sie tief gläubig sind oder zweifeln, ob sie einheimische sind oder fremde.

Was wir meist vergessen und oft nicht wahr haben wollen: wir selbst sind und bleiben fremde in dieser welt. Der glaube entfremdet uns der welt. Er bringt uns immer wieder in ein gegenüber zu ihr. Durch den glauben sehen wir die welt mit Gottes augen. Wir sehen sie als Gottes schöpfung. Wir erkennen, warum Gott über seine schöpfung sagte: „Siehe, es war sehr gut.” Der glaube lässt uns auch das erkennen, was in der welt nicht gut ist: „Ich wartete auf rechtsspruch, siehe, da war rechtsbruch, auf gerechtigkeit, siehe, da war geschrei über schlechtigkeit,” sagt Gott bei Jesaja (5,7). Wir stehen der welt gegenüber. Ein gegenüber schafft verunsicherung. Unsere aufgabe als Christ:innen ist es, die welt zu verunsichern, nicht, sie zu bestätigen.

Christi Himmelfahrt lässt uns aus der perspektive Gottes, aus der vogelperspektive, auf uns und unsere welt sehen. Wir sehen den frieden und die gerechtigkeit, die in der zukunft bei Gott bereit liegen. An ihnen erkennen wir, was in der welt nicht gut ist. In der welt bedeutet gerechtigkeit, dass jede:r bekommt, was er verdient. Bei Gott herrscht gerechtigkeit, wenn jede:r bekommt, was er zum Leben nötig hat. In der welt heißt wahrheit, dass man behaupten kann, was man will. Bei Gott, dass man nur sagt, was man vor Gott und seinem gewissen verantworten kann. In der welt herrscht frieden, wenn die waffen schweigen. Bei Gott ist dann friede, wenn jede:r ohne angst unter seinem weinstock und feigenbaum wohnen kann (Micha 4,4). Als gemeinde wissen wir um wahrheit, frieden und gerechtigkeit. Wir werden sie in dieser welt nicht finden. Das bedeutet nicht, dass es sich nicht lohnt, sie immer wieder einzufordern und uns um sie zu bemühen. Unsere hoffnung ist nicht vergeblich, wenn wir uns für die wahrheit stark machen, für die bewahrung der schöpfung einsetzen, für frieden und gerechtigkeit.