Predigt am 2.Sonntag nach Epiphanias, 18.1.2026, über Jeremia 14,1-9
Was der Herr zu Jeremia wegen der Dürre sagte.
Juda klagt, und seine Tore zerfallen.
Im Trauerkleid sinken sie zu Boden
und in Jerusalem erhebt sich Klagegeschrei.
Mächtige schicken ihre Diener nach Wasser.
Sie kommen zu den Zisternen und finden keins.
Mit leeren Gefäßen kehren sie zurück,
verzweifelt und verzagt verhüllen sie ihr Haupt.
Weil kein Regen fiel, reißt der Boden auf.
Die Bauern sind verzweifelt, verhüllen ihr Haupt.
Sogar die Hirschkuh auf dem Feld
verlässt ihr Kalb nach der Geburt, denn es gibt kein Gras.
Und die Zebras stehen auf kahlen Hügeln,
schnappen nach Luft wie Schakale.
Ihre Augen sind trüb geworden, weil nichts wächst.
Wenn unsere Sünden gegen uns zeugen, Herr,
handle um deines Namens willen.
Denn oft haben wir uns von dir abgewandt,
gegen dich haben wir gesündigt.
Hoffnung Israels, Retter in Notzeiten,
warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer,
der nur zum Übernachten sein Zelt aufschlägt?
Warum bist du wie ein Kopfloser,
wie ein Starker, der unfähig ist zu helfen?
'Du, Herr, bist in unserer Mitte;
dein Name wurde über uns ausgerufen.
Lass uns nicht zurück!
Liebe Schwestern und Brüder,
dies ist kein Text über den Klimawandel;
der war damals noch kein Thema.
Und doch ist die Dürre, um die es hier geht,
in Jeremias Augen keine zufällige Naturkatastrophe.
Auch diese Dürre ist letztendlich menschengemacht.
Der Prophet erklärt das Ausbleiben des Regens damit,
dass Gott sich von seinem Volk abwandte.
Wenn Gott sich abwendet, zieht er all das von uns ab,
worüber Menschen nicht verfügen:
Gesundheit, Frieden, Gemeinschaft;
ein ungestörtes, sicheres Leben.
Und, wie hier, den Regen,
der in der Steppenlandschaft Israels ein Segen ist -
und sein Ausbleiben eine Katastrophe.
Gott, wie der Prophet ihn zu Wort kommen lässt,
bricht die Beziehung zu seinem Volk ab.
Doch den ersten Schritt hat das Volk getan:
es wollte von Gott nichts mehr wissen.
Die „Sünde”, von der hier die Rede ist,
ist nicht die Summe der kleinen und großen Gemeinheiten,
zu denen Menschen fähig sind,
der Bosheit, der Gleichgültigkeit, der Herzenskälte.
Das alles sind Folgen der Sünde.
Die Sünde selbst besteht darin,
dass Gottes Volk sich nicht mehr für Gott interessiert
und darum auch nicht mehr nach Gottes Willen fragt,
der sich in seinen Geboten artikuliert.
Eine Beziehung - nicht nur eine feste Partnerschaft,
sondern jede Form des Miteinanders - ist ein Geben und Nehmen.
Eine Beziehung hat keinen Bestand,
wenn eine Seite nur nimmt und die andere nur gibt,
wenn eine Seite immer Recht hat und die andere immer Unrecht,
wenn eine Seite überlegen ist und die andere unterlegen,
wenn eine Seite bewundert werden will
und die andere das Publikum dafür sein muss.
Eine Beziehung braucht das Miteinander - und lebt davon.
Miteinander bedeutet Gegenseitigkeit:
Man hat Interesse aneinander, ist neugierig aufeinander;
man hilft sich gegenseitig;
man freut sich für den anderen und leidet mit dem anderen;
man kommt einander in Ehrerbietung zuvor.
Grundlage für ein solches Miteinander ist das Vertrauen:
Das Vertrauen, dass man ehrlich ist.
Meint, was man sagt
und einander sagt, was man meint.
Das Vertrauen, dass man sich aufeinander verlassen kann,
zu dem anderen hält
und nichts Schlechtes über ihn sagt.
Gerede ist der Tod jeder Beziehung.
Sobald man anfängt, über den anderen zu reden, statt mit ihm,
ist die Basis für eine Beziehung zerstört.
Dann kann es kein Miteinander mehr geben.
Aber wie kommt es dazu,
dass wir übereinander reden, statt miteinander?
Der Philosoph Paul Watzlawick hat das untersucht
und seine Ergebnisse in dem Buch mit dem sprechenden Titel
„Anleitung zum Unglücklichsein” veröffentlicht.
Darin steht die Geschichte vom Hammer:
Ein Mann braucht einen Hammer. Er möchte ein Bild aufhängen.
Der Nachbar hat einen. Er könnte ihn danach fragen.
Aber da fällt ihm ein:
der Nachbar hat ihn gestern nicht gegrüßt.
Warum grüßt er nicht?
Irgendwas muss er gegen ihn haben - aber was?
Er war doch immer höflich zu ihm.
Wahrscheinlich ist der Nachbar eingebildet.
Der hält sich wohl für was Besseres
und hat es nicht nötig, ihn zu grüßen.
Unerhört, dieses Verhalten!
So etwas muss er sich nicht gefallen lassen!
Er wird ihm mal so richtig die Meinung sagen.
- Und so verlässt unser Mann wütend seine Wohnung,
klingelt beim Nachbarn, und als er öffnet, schreit er ihn an:
„Behalten Sie ihren Hammer, Sie Rüpel!”
Das ist natürlich grotesk übertrieben und frei erfunden.
Aber ein Körnchen Wahrheit ist doch an dieser Geschichte.
Es sind sogar zwei Körnchen.
Das eine Körnchen ist,
dass wir von anderen in der Regel das Schlechtere annehmen.
In der Geschichte vom Hammer kommt dem Mann nicht in den Sinn,
dass das Nicht-Grüßen seines Nachbarn
gar nichts mit ihm zu tun haben könnte:
Der Nachbar könnte ihn nicht bemerkt haben;
er könnte in Gedanken gewesen sein, müde, oder abgelenkt.
Vielleicht war er in Sorge, oder etwas beschäftigte ihn.
Vielleicht hatte er sogar gegrüßt,
der Mann hatte es nur nicht bemerkt.
Das ist das andere Körnchen Wahrheit:
Wir suchen die Schuld zuerst beim anderen,
und erst dann - wenn überhaupt - bei uns selbst.
Was dem Mann in unserer Geschichte fehlte,
war Vertrauen - das Vertrauen,
dass sein Nachbar ihm helfen würde,
und das vielleicht sogar gern täte.
Vertrauen hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun,
die an das Gute in allen Menschen glaubt
und nicht wahrhaben will, dass Menschen gemein sein können,
andere ausnutzen und übervorteilen,
wenn sie die Gelegenheit dazu haben.
Vertrauen hat vielmehr mit der Wahrnehmung der Realität zu tun:
Es gibt für den Mann in unserer Geschichte keinen Grund, anzunehmen,
der Nachbar hätte etwas gegen ihn.
Das findet nur in seiner Vorstellung statt.
Dass der Mann sich das so vorstellt,
bedeutet nicht, dass es auch so ist.
So ist es mit allem Gerede und allen Gerüchten.
Ob es heißt, dass Empfängerinnen und Empfänger von Bürgergeld
arbeitsunwillig seien und auf Kosten des Staates leben würden,
oder dass Ausländerinnen und Ausländer kriminell seien;
ob man jemandem eine böse Absicht unterstellt,
oder jemanden bezichtigt, einem anderen schaden zu wollen:
Dass man so etwas behauptet und unterstellt
bedeutet nicht, dass es auch so ist.
Es ist eine Vorstellung, die der Realität nicht standhält.
Und so ist es auch mit Gottes Verhältnis zu seinem Volk.
Jeremia stellt sich vor, die Dürre sei eine Folge davon,
dass Israel sich von Gott abgewandt habe.
Aus Zorn und Enttäuschung habe Gott die Dürre geschickt,
um durch Strafe das Volk zu sich zurück zu führen.
Aber warum sollte Gott mit seinem Volk
auch die unschuldigen Tiere bestrafen,
die durch die Dürre nichts mehr zu Fressen finden
und sogar ihre Jungen dem Tod überlassen müssen?
Warum sollte Gott sein Volk überhaupt bestrafen,
wenn er sie doch aus der Knechtschaft Ägyptens befreit
und ihnen eine Heimat gegeben hat, wo jeder in Frieden
unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen soll?
Es sind Jeremias Zorn und Jeremias Enttäuschung,
seine Erfolglosigkeit als Prophet,
seine Erschütterung darüber,
dass die Leute nicht begreifen wollen,
dass sie auf dem falschen Weg sind,
die er auf Gott überträgt.
So, wie Jugendliche erschüttert sind,
dass wir Erwachsenen nicht begreifen wollen,
wie brandgefährlich die Zeiten sind, in denen wir leben.
So, wie ich als Jugendlicher erschüttert war
über das Wettrüsten in Ost und West,
das nun wieder von neuem beginnt.
In seinem Zorn sieht er die Dürre als gerechte Strafe
und willkommenes Druckmittel für seine Position.
Aber Gott lässt keine Dürre kommen, um Menschen zu bestrafen
oder sie dazu zu bringen, ihn zu lieben,
wenn schon nicht von Herzen, dann aus Furcht -
was wäre das für eine Liebe?
Gott glaubt an sein Volk, und Gott glaubt an uns.
Nicht blauäugig glaubt er an das Gute in jedem Menschen.
Gott kennt uns und weiß,
„das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf.”
Aber Gott weiß auch um unsere Freundlichkeit,
unsere Hilfsbereitschaft,
unsere Fähigkeit, das Richtige, das Gute zu tun.
Gott weiß um die Macht der Liebe.
Gott glaubt an die Liebe.
Gott glaubt, dass die Liebe uns zur Einsicht führen wird,
zum Vertrauen und zu einem Leben in Beziehungen.
Sein Sohn hat es uns vorgelebt.
Er war der lebendige Beweis,
dass die Liebe die größte Macht ist, die es gibt.
Eine Macht, die alles Böse überwinden kann, sogar den Tod.
Gott vertraut uns.
Gott ist mit uns in Beziehung und will es immer sein.
Sollten wir es da nicht auch miteinander versuchen?