Sonntag, 25. Januar 2026

Das Maß des Glaubens

Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias, 25.1.2026über Apostelgeschichte 10,21-35


Petrus kam herunter vom Dach des Hauses, auf dem er gebetet hatte,

und sprach zu den Männern, die Kornelius zu ihm gesandt hatte:

Ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr hier?

Sie sprachen: Dem Centurio Kornelius,

einem rechtschaffenen und gottesfürchtigen Mann,

der bei allen jüdischen Stämmen einen guten Ruf besitzt,

wurde von einem heiligen Engel geweissagt,

er solle dich in sein Haus bestellen und Worte von dir hören.

Da lud Petrus die Männer ein und nahm sie gastlich auf.


Nachdem er am Morgen aufgestanden war, brach er mit ihnen auf,

und einige von den Brüdern aus Joppe gingen mit ihm.

Am nächsten Tag erreichte er Cäsarea.

Kornelius hatte sie erwartet

und seine Verwandten und engsten Freunde zusammengerufen.

Wie Petrus eintrat, traf er auf Kornelius,

der ihm zu Füßen gefallen war und ihn anbetete.

Petrus aber zog ihn hoch und sagte:

Steh auf, auch ich bin nur ein Mensch.

Er ging mit ihm plaudernd hinein

und stößt auf eine große Versammlung.

Er sagte zu ihnen:

Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist,

einen Stammesfremden zu berühren oder sich ihm zu nähern.

Mir aber zeigte Gott,

dass man keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll.

Darum war ich willig zu kommen, als man mich rief.

Ich frage nun: Aus welchem Grund habt ihr mich gerufen?


Kornelius sagte: Vor vier Tagen um diese Zeit

war ich zum Nachmittagsgebet in meinem Haus.

Da stand ein Mann vor mir in glänzender Kleidung und sagte:

Kornelius, dein Gebet ist erhört

und deiner Spenden ist vor Gott gedacht worden.

Schicke nun nach Joppe

und lasse Simon holen, den man Petrus nennt.

Er wohnt im Haus Simons des Gerbers am Meer.

Sofort schickte ich nach dir,

und du bist freundlicherweise gekommen.

Jetzt sind wir also alle vor Gott beisammen,

um alles zu hören, was dir von Gott aufgetragen wurde.


Petrus hob an und sprach:

Wahrhaftig, ich erkenne, dass Gott nicht parteiisch ist,

sondern wer aus jedem Volk ihn fürchtet

und die Gebote hält, der ist ihm willkommen.



Liebe Schwestern und Brüder,


was muss man für seinen Glauben tun?

Was ist das Mindeste, das der Glaube verlangt,

und wie viel muss man zu tun bereit sein,

wenn man an Gott glaubt?


Diese Frage stellen sich gläubige Menschen hin und wieder.

Denn der Glaube ist ja etwas Existentielles.

Es geht dem Glauben ums Ganze unserer Existenz.

Unser ganzes Leben, unser ganzes Sein wird von Gott beansprucht.

Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir,”

schreibt Paulus an die Galater (Gal 2,20).


Das bedeutet nicht, dass Christus uns von innen auffrisst

und nichts mehr von uns übrig lässt als eine Hülle -

kein eigener Wille mehr, kein Ich, kein Selbst.

Aber es ist doch so, dass der Glaube an Christus mich bestimmt:

Ich lebe, weil Christus für mich gestorben ist.

Das ist ein für allemal am Kreuz geschehen

und will doch täglich neu von mir ergriffen werden.

Und worin besteht dieses Ergreifen, wenn nicht darin,

mir bewusst zu machen und bewusst zu sein,

dass dieser Tod Jesu am Kreuz aus Liebe geschah.

Aus Liebe, auch zu mir.


Auch zu mir - nicht wie zu einem Nachzügler oder Appendix,

nicht als Almosen oder Gnadenakt.

Sondern Jesus ist gerade für mich am Kreuz gestorben,

und für dich - und dich - und dich -,

weil er mich liebt - und dich - und dich - und dich.


Diese Liebe Gottes zu mir, aus der ich lebe,

will weitergegeben werden, strahlt auf andere aus.

Und da fragt man sich hin und wieder: Ist es genug?

Werde ich der Liebe, die Gott zu mir hat, gerecht,

wenn ich meinen Alltag lebe und tue, was ich kann,

oder muss es mehr sein, muss ich mehr tun?


Diese Frage wird auch von außen an uns herangetragen,

von gläubigen und ungläubigen Menschen gleichermaßen.


Ungläubige fragen, was Kirche eigentlich macht.

Dann verweisen wir auf die diakonischen Einrichtungen.

Aber so ganz überzeugend ist der Hinweis nicht:

Nur wenige Gläubige arbeiten direkt mit Menschen,

denen sie Gottes Liebe weitergeben können.


Und manchen wiederum, die an Gott glauben,

ist das, was die Mehrheit der Christenmenschen tut, zu wenig.

Von Anfang an haben Menschen nach Wegen gesucht,

ihr Leben ganz und gar dem Glauben zu weihen.

Sind als Einsiedler in die Wüste,

als Mönche und Nonnen ins Kloster gegangen;

haben als Diakonissen zusammen gelebt und gearbeitet.

Ihr dem Glauben geweihtes Leben

sahen manche als leisen oder lauten Vorwurf,

das, was die Mehrheit der Gläubigen tue, sei zu wenig.


Und dann gab und gibt es die Märtyrer,

die bereit waren, um ihres Glaubens willen

Nachteile, Verfolgung, Leiden

und sogar den Tod auf sich zu nehmen.

Wenn man die Haltung dieser Glaubenszeug:innen betrachtet,

fragt man sich unwillkürlich:

Könnte ich auch so zu meinem Glauben stehen?


Diese Frage stellte sich auch dem römischen Hauptmann Kornelius.

Und mit ihm vielen Menschen zur Zeit Jesu,

die in der Bibel als „Gottesfürchtige” bezeichnet werden.

Gottesfürchtige” nannte man Leute,

die vom jüdischen Glauben ergriffen worden waren.

Sie nahmen am Gottesdienst in der Synagoge teil,

lernten den Glauben kennen, verrichteten die Gebete.


Aber den letzten, entscheidenden Schritt

des Übertritts zum Judentum gingen sie nicht.

Denn ein Übertritt hätte damals für sie bedeutet,

ihre gesellschaftliche Stellung zu verlieren,

mit ihrer Herkunft, ihren Familien und Freunden zu brechen

und zu einer Außenseiterin, einem Außenseiter zu werden.


Der Hauptmann Kornelius ist darum sozusagen

der Extremfall eines Gottesfürchtigen;

bei ihm ist der Konflikt des Glaubens auf die Spitze getrieben.

Er ist ein Repräsentant des römischen Staates,

der die Juden tolerierte, aber nicht akzeptierte.

Bei einem Übertritt zum jüdischen Glauben

hätte er alles verloren, was er war und besaß.


Was Kornelius tun kann, ohne aufzufallen,

ohne seinen Platz in der Armee und in der Gesellschaft zu verlieren,

ohne Misstrauen oder Ärgernis zu erregen, das tut er:

Im Schutz seines Hauses betet er.

Und er spendet der jüdischen Gemeinde Geld,

die es an Arme und Bedürftige weitergibt.


Er würde wohl gern richtig dazugehören -

das scheint der Inhalt seines Gebetes gewesen zu sein,

das schließlich von Gott erhört wurde.

Aber wie sollte das möglich sein?


Petrus zeigt ihm einen Weg, den er gehen kann:

Wer aus jedem Volk Gott fürchtet

und die Gebote hält, der ist ihm willkommen.”

Gott fürchten - das bedeutet hier,

wie überall in der Bibel, nicht,

dass man Angst vor Gott haben muss.

Mit Gottesfurcht ist die Ehrfurcht gemeint,

die dazu führt, dass man Gott als Schöpfer seines Lebens

und als Herrn über sich und sein Leben anerkennt.


Was aber ist mit den Geboten?

Die hält Kornelius nicht in ihrer Gesamtheit,

wie es - zumindest als Absicht - vom jüdischen Glauben gefordert ist.

Als Soldat hat er auch keine Chance dazu;

das fünfte Gebot, „Du sollst nicht töten,” kann er nicht erfüllen.


Offensichtlich gilt es als Erfüllung der Gebote,

dass er der Gemeinde etwas spendet.

Das ist mehr als ein symbolischer Akt,

aber als Akt des Glaubens auch nicht wirklich überzeugend.

Denn eine Spende - selbst, wenn sie das Scherflein der Witwe wäre -

ist kein öffentliches Bekenntnis des Glaubens.

Andere tun Gutes mit dem Geld, das man ihnen gab.

Andere zeigen ihren Glauben, bewähren ihn gegenüber der Welt,

während man selbst als Gläubige:r anonym bleiben kann.

Offenbar darf Kornelius seinen Glauben verheimlichen.


Die Geschichte des Hauptmanns Kornelius zeigt,

wie der Glaube an Christus zu den Heiden kam,

die keine Juden waren wie Christus und seine Jünger.

Diese Geschichte schildert und begründet,

dass auch Nichtjuden von Gott eingeladen sind

und zu Gott gehören, wenn sie ihn fürchten

und sein Gebot halten - und nicht,

weil sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.


Diese voraussetzungslose Zugehörigkeit gilt bis heute:

Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist,

und glaubst in deinem Herzen,

dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat,

so wirst du gerettet.

Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht;

und wer mit dem Munde bekennt, wird selig,”

schreibt Paulus im Römerbrief (Römer 10,9-10).


Mehr ist nicht nötig, mehr ist nicht verlangt:

Ein Lippenbekenntnis, im Grunde,

und eine Überzeugung im Herzen,

in das man einem Menschen nicht blicken kann.

Das ist sogar noch weniger, als Petrus von Kornelius will.


Wer zu Gottes Volk gehört und wer nicht,

das wird nicht von anderen entschieden -

nicht von Pastor oder Pastorin,

nicht von einer Gemeinde,

nicht von einer Institution wie der Kirche,

sondern von Gott allein.


Ob jemand Gott fürchtet und sein Gebot hält,

kann niemand von außen beurteilen.

Wozu Gott Menschen beruft

und wie Gott Menschen begnadet,

liegt allein in seiner Macht.

Jeder und jedem von uns überlässt er die Entscheidung,

wie wir unserer Berufung folgen.

Das ist die Freiheit, zu der Christus uns befreit.


Darum gibt es kein Maß für den Glauben,

kein Minimum und kein Maximum.

Wir, die wir in dieser Zeit leben,

in dieser Gemeinde, in dieser Kirche, in dieser Welt,

wir wünschten uns manchmal,

wir selbst, andere würden mehr tun.


Aber mit diesem Wunsch bauen wir nicht Gemeinde,

sondern beschweren die Gewissen -

unseres, und die anderer Gläubiger.


Gott sind wir recht so, wie wir sind.

Ihm genügt unser Glaube, ihm genügt, was wir tun,

auch wenn wir oder andere es für zu wenig halten.