Sonntag, 17. Mai 2026

Anwalt

Predigt zur Konfirmation am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2026, über Johannes 16,5-15


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

sicher kennt ihr, kennen Sie die Geschichte vom Kleinen Prinzen des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry:

Der Kleine Prinz lebte auf einem Asteroiden mit einer Rose, um die er sich kümmerte. Sie war sehr anspruchsvoll; nie konnte er es ihr recht machen. Sie war auch ziemlich eingebildet. Irgendwann hielt der Kleine Prinz das nicht mehr aus und verließ seinen kleinen Stern. Er besuchte andere Asteroiden und ihre Bewohner und kam schließlich auf die Erde.

Auf der Suche nach einem Freund lernte er den Fuchs kennen. Der Fuchs bat den Kleinen Prinzen, ihn zu zähmen. Der Kleine Prinz fragte ihn, was das sei, „zähmen”. „Es bedeutet ‚sich vertraut machen’,” antwortete ihm der Fuchs und sagte ihm, worauf es dabei ankommt: Man muss sich Zeit nehmen, man muss behutsam und zurückhaltend sein, und es muss feste Bräuche geben, einen regelmäßigen Termin, zu dem man sich trifft.

So machte der Kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Dabei entdeckte er, wie gern er seine Rose hatte und wie sehr er sie vermisste. Er beschloss, zu ihr zurückzukehren.

Als er sich vom Fuchs verabschieden wollte: „Ach!”, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.” „Das ist deine Schuld,” antwortete der Kleine Prinz. Ich wollte dir nichts Böses, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme.” „Das stimmt,” sagte der Fuchs. „Aber jetzt musst du weinen!” „Das stimmt,” sagte der Fuchs. „So hast du also nichts gewonnen!” „Ich habe,” sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen. Du hast weizenblondes Haar. Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern, und ich werde das Rauschen des Windes im Korn lieb gewinnen.”

Heute nehmen wir voneinander Abschied, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Und ich bin auch ein bisschen traurig, wie der Fuchs. Wir haben uns miteinander vertraut gemacht in den vergangenen zwei Jahren. Es war nicht wie beim Kleinen Prinzen und dem Fuchs. Ihr wart nicht auf der Suche nach einem Freund, wie es der Kleine Prinz war, sondern seid zum Unterricht gekommen. Und ich wollte auch nicht gezähmt werden wie der Fuchs. Ich wollte euch nicht mit mir vertraut machen, sondern mit unserem Glauben.

Aber es bleibt natürlich nicht aus, dass man sich besser kennen lernt, wenn man sich regelmäßig sieht; man wird miteinander vertraut. Und es ist schon die Frage, wer wen gezähmt hat. Ich musste euch jedenfalls nie zur Ordnung rufen. Ich bin mir auch gar nicht mehr so sicher, ob tatsächlich Lehrer und Eltern ihre Kinder erziehen, oder ob nicht vielmehr wir von euch erzogen werden.

Jedenfalls gehörte und gehört für mich zum Vertrautwerden mit dem Glauben auch das Vertrauen untereinander. Ich wollte nicht nur über den Glauben mit euch sprechen, ich wollte euch auch zeigen, was mir der Glaube bedeutet und wie er mein Verhalten euch gegenüber bestimmt. Ich wollte so etwas wie ein Anwalt für euch sein, auf den ihr euch verlassen könnt und der im Zweifel an eurer Seite steht, weil ich so einen Anwalt an meiner Seite habe.

Natürlich gehört zum Konfirmandenunterricht, dass ihr etwas lernt - lernt, was wir im Gottesdienst tun und wie man sich im Gottesdienst verhält. Ihr wisst jetzt, wie man ein Gesangbuch bedient und wie man eine Bibelstelle findet. Ich wollte aber auch euch und eure Fragen ernst nehmen; ich wollte, dass ihr Respekt erlebt und Vertrauen in euch und eure Fähigkeiten gewinnt. Mit eurem großartigen Vorstellungsgottesdienst habt ihr gezeigt, dass ihr euch etwas traut und dass ihr etwas könnt.

Im Evangelium, das wir gehört haben, nimmt Jesus Abschied von seinen Freunden. Wie der Kleine Prinz kehrt er in den Himmel zurück, und die Jünger sind traurig, wie der Fuchs. Wie der Fuchs haben die Jünger etwas gewonnen, das den Abschiedsschmerz aufwiegt: den Tröster. So nennt Jesus den Heiligen Geist, den wir alle bei unserer Taufe bekommen haben. So wie der Weizen den Fuchs  an das blonde Haar des Kleinen Prinzen erinnert, erinnert uns der Tröster an Jesus.

Wir sagen „Heiliger Geist”, dabei denken wir nicht an Hui Buh, das Schlossgespenst, oder an den Fast Kopflosen Nick, den Hausgeist von Gryffindor. Jesus nennt ihn den „Tröster” - so übersetzt es Martin Luther. Auf Griechisch heißt er parákletos, Anwalt. Damit ist der Rechtswanwalt gemeint, der eine:n vor Gericht vertritt, oder der Fürsprecher, der vor anderen ein gutes Wort einlegt, wenn man Unterstützung braucht.

Solch einen Fürsprecher wünscht man sich hin und wieder - wenn man mit der Lehrerin über die mündliche Note diskutiert oder bei den Eltern seinen Willen durchsetzen möchte. Wer sich in die Ecke gedrängt fühlt, sehnt sich nach einem Fürsprecher, wen man mobbt, benachteiligt oder zur Seite drängen will.

Aber der Heilige Geist ist leider auch kein Geist aus der Flasche, kein Djinn, den man zu Hilfe ruft und der eine:n dann verteidigt. Denn das gibt es auch über den Glauben zu lernen: Er wirkt keine Wunder und setzt nicht die Naturgesetze außer Kraft. Darum kann er nicht verhindern,  dass das Gute unterliegt und das Böse siegt; dass man mit Lügen und Gemeinheit durchkommt und der Stärkere seinen Willen bekommt, einfach, weil er stärker ist.

Trotzdem ist es richtig und wichtig, an das Gute zu glauben, bei der Wahrheit zu bleiben, seine Ziele nicht mit Gewalt oder Gemeinheit zu erreichen. Denn wer gläubig ist, weiß, dass es das Gute gibt, und dass man zwischen Gut und Böse unterscheiden kann und muss; dass es nicht gleichgültig ist, wie man seine Ziele erreicht, und dass es nur eine Wahrheit gibt und nicht beliebig viele.

Was nützt einem aber ein Anwalt, den man nicht zu Hilfe rufen kann, wenn man Beistand braucht? Ein Anwalt, den man in sich trägt und von dem man gar nicht weiß, dass er da ist, wenn man nicht immer wieder daran erinnert wird?

Zum einen muss man hin und wieder daran erinnert werden, dass man auf der guten Seite steht, damit man nicht die Seiten wechselt und den Weg des geringsten Widerstands geht. Es verschafft einem vielleicht das, was man will, aber auf Kosten anderer, die dafür einen hohen Preis zahlen.

Und zum anderen braucht man manchmal einen Fürsprecher für sich selbst: wenn man nicht weiß, ob man es schafft; wenn man die Hoffnung verliert oder den Glauben an sich. Wenn Gemeinheit, die man erlebt, das Elend in der Welt, die Belastungen in Schule oder Familie zu viel werden.

Dann gibt es diese Stimme in uns, die uns sagt: Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur. Du bist ein Kind Gottes, ein wunderbarer Mensch. Auch wenn du gerade keine Liebe erfährst, auch wenn du dich selbst nicht lieben kannst: Gott liebt dich über alles, und er wird dich immer lieben.

Diese Stimme, diesen Anwalt habt ihr in euch. Ich hoffe, dass ihr ihn schon entdeckt habt oder dass ihr ihn bald entdecken werdet. Und dass ihr euch auf ihn verlassen könnt, so, wie ich mich auf diesen Anwalt in mir verlasse. Und auf die Liebe, die Gott zu uns hat.

Wir nehmen voneinander Abschied, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Und ich bin auch ein bisschen traurig, wie der Fuchs: Ihr habt mich gezähmt, und ihr werdet mir fehlen.

Aber wie der Fuchs habe auch ich etwas gewonnen: Ich habe euch als ganz wunderbare Menschen kennen gelernt. Ihr habt mich immer wieder überrascht und erstaunt. Ihr habt meine Art des Unterrichtens ertragen und wart nur ein bisschen genervt, wenn ich eure Namen immer noch nicht wusste.

Vor allem aber habe ich durch euch die Zuversicht gewonnen, dass ich mir um die Kirche keine Sorge machen muss. - Ich mache mir sowieso keine Sorgen um die Kirche; Jesus hat versprochen, dass sie in Ewigkeit bestehen bleibt. Aber durch euch habe ich erlebt, dass ich mir auch keine Sorgen machen muss, dass eines Tages niemand mehr zum Gottesdienst in den Dom kommt. Ihr werdet die Domgemeinde der Zukunft sein - wenn nicht am Dom, dann in einer anderen Gemeinde. Mit euch kann sich jede Gemeinde glücklich schätzen.

Ich hoffe für euch und wünsche euch, dass ihr das immer wieder erlebt: Dass Menschen sich darüber freuen, dass es euch gibt, dass ihr da seid und mit ihnen zusammen seid.

Ich hoffe für euch und wünsche euch, dass ihr euch in einer Gemeinde, in der Kirche zuhause fühlt – hier, in der Domgemeinde oder wohin immer euch euer Lebensweg führt.

Und ich hoffe für euch und wünsche euch, dass ihr spürt, dass ihr einen Anwalt an eurer Seite habt, der bedingungslos zu euch steht und euch verteidigt - manchmal auch gegen euch selbst -, und euch an Gottes guten Willen für euch erinnert und an seine Liebe.