Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2026, über Johannes 9,1-7
Liebe Schwestern und Brüder,
„wer hat gesündigt, der blind Geborene oder seine Eltern?”
Eine Frage, bei der wir eigentlich kollektiv die Luft anhalten, bei der wir eigentlich leise oder laut murren müssten: Wie kann man angesichts einer Behinderung nach Schuld fragen!? Wie kann man auf den Gedanken kommen, die Eltern könnten etwas dafür, dass ihr Kind blind geboren wurde!? Wie zynisch, wie unmenschlich ist das!
Aber wir haben nicht die Luft angehalten. Wir haben nicht gemurrt, nicht einmal heimlich, fürchte ich. Wir sind solche Fragen gewohnt; man kennt das, wenn man mit biblischen Texten vertraut ist. Da wird ein Zusammenhang hergestellt und als selbstverständlich vorausgesetzt: Ein Zusammenhang zwischen dem, was jemand getan hat und dem, was ihr oder ihm widerfährt: Der sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang”.
Er besagt: Wer etwas Schlimmes erlebt, wer z.B. krank wird, muss vorher etwas Schlimmes getan, muss „gesündigt” haben. Dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang findet sich nicht nur an vielen Stellen des Alten Testaments. Zur Zeit Jesu wurde auch noch so gedacht; darum fragen die Jünger. Es kommt uns nicht in den Sinn, dass eine solche Frage nach der Schuld an einer Krankheit oder nach der Schuld an einer körperlichen Behinderung auch damals schon problematisch gewesen sein könnte.
So ist das generell mit Formulierungen: Man gewöhnt sich viel zu schnell an sie und hört nicht hin. Man nimmt nicht wahr, welchen Sprengstoff ein Wort, ein Satz birgt, welche Gemeinheit er enthält, wie ungerecht er ist. Worte wie „entartet”, „Asozialer” oder „Sozialschmarotzer”. Sätze wie „Ausländer raus” oder „Wir sind das Volk!”
Der Ausruf „Wir sind das Volk” wurde übrigens nicht auf den Montagsdemos vor der Wende 1989 und danach erfunden. Er stammt vom Philosophen Martin Heidegger; er äußerte ihn in einer Vorlesung, die er im Jahr 1934 hielt. Darin verklärte er die Machtergreifung durch Adolf Hitler als eine „geschichtliche Sendung” des deutschen Volkes, das sich dem Willen Hitlers unterwerfen müsse, weil es nur so zu seiner wahren Bestimmung gelange.
Viktor Klemperer hat solche Worte und Sätze in seinem Buch „LTI” - „Lingua Tertii Imperii” (Die Sprache des Dritten Reiches) - gesammelt. Nicht aus Freude an der Vielfalt oder dem Streben nach Vollständigkeit wie jemand, der Briefmarken sammelt. Sondern um nachkommende Generationen zu lehren, wachsam zu bleiben und genau hinzuhören.
Und tatsächlich gibt es heute wieder eine Partei, die sich der „Sprache des Dritten Reiches” bedient und mit den Grenzen der Sprache auch die Grenzen des Denkens verschiebt. Was man früher aus gutem Grund nicht dachte und erst recht nicht sagte, wird heute ausgesprochen und gesellschaftsfähig; Worte und Formulierungen, die sich auch in Klemperers „LTI” finden könnten, wie die „Kopftuchmädchen” und „Messermänner”.
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Nun ist die Frage der Jünger, ob der von Geburt an Blinde oder seine Eltern Schuld an seiner Behinderung seien, nicht vergleichbar mit der widerwärtigen Sprache des sogenannten „Dritten Reiches”. Aber wie das Gift der „LTI” damals in die Herzen und Hirne eingesickert ist und heute wieder einsickert, so verbreitet sich auch das Gift eines naiv verstandenen Tun-Ergehen-Zusammenhanges.
Denn schon im Alten Testament, im Buch Hiob, wird dieser scheinbare Zusammenhang ad absurdum geführt: Hiob ist ein rechtschaffener Mann, der nach Gottes Geboten lebt und sich nichts zuschulden kommen lässt. Trotzdem verliert er alles, was er hat, und wird schwer krank. Seine Freunde, die ihn zu trösten kamen, drängen ihn dazu, seine Schuld einzugestehen. Bei all ihrer Sympathie für Hiob: Irgendetwas muss er falsch gemacht haben, sonst wäre ihm das Unheil nicht widerfahren.
Aber Hiob weiß, dass er unschuldig ist, und besteht auf seiner Unschuld. Am Ende ergreift Gott Partei für Hiob. Gegen seine Freunde, die meinen, Gottes Willen zu verstehen und zu vertreten. Aber auch Hiob kann, trotz seiner Unschuld, vor Gott nicht bestehen - das gibt er am Ende kleinlaut zu.
Gott greift nicht strafend oder belohnend in unser Leben ein. Dennoch ist er allmächtig: Gott hat die Welt geschaffen; sie folgt den Regeln, die er festgesetzt hat. Gott tut, was er will. Und will das Gute, will Gerechtigkeit für uns und für die Welt. Dieses Gute, diese Gerechtigkeit wird er durchsetzen - bloß nicht dann, wenn wir es meinen oder erwarten.
Die Lösung, die das Hiobbuch beschreibt, verlegt die Macht, über unser Leben zu entscheiden, von unseren in Gottes Hände. Das widerspricht unseren Erfahrungen, dass Gott nicht in unser Leben eingreift. Wir entscheiden selbst, wie wir leben, was wir tun wollen. Wir müssen die Folgen unserer Entscheidungen tragen und mit den Folgen unserer Entscheidungen leben.
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Ja, das müssen wir. Aber dafür sind unsere Entscheidungen oft reichlich unüberlegt. Wir können ohnehin nicht alle Eventualitäten kennen und abwägen. Im Moment der Entscheidung können wir nicht absehen, wohin uns die Entscheidung führt. Die meisten Entscheidungen werden „aus dem Bauch heraus” getroffen, aus der Laune des Augenblicks, oder weil es sich gerade so ergibt.
Vor allem so weitreichende Entscheidungen wie die Wahl des Wohnortes oder des Berufes, die Entscheidung für eine Partnerin, einen Partner, die Gründung einer Familie, die Wahl des Hobbys, mit dem man sich ein Leben lang beschäftigt.
Wenn es gut gegangen und man glücklich ist, staunt man und ist dankbar, wie sich alles „gefügt” hat. Wenn einem Böses widerfährt, sich Entscheidungen als falsch erweisen; wenn man im Leben falsch abgebogen und in einer Sackgasse gelandet ist, hadert man mit seinem Schicksal, fragt man Gott nach dem Warum, fragt man wie Hiob nach seiner Schuld.
Es fällt leicht, das Gute als Gabe aus Gottes Hand anzunehmen. Schweres, Leidvolles empfindet man nicht als Gabe, sondern als Strafe Gottes. Natürlich. Wie sollte eine Krankheit, der Verlust eines lieben Menschen, Leid, das man durch andere erfährt, ein Geschenk Gottes sein? Es ist aber zu kurz gedacht, wenn wir das, was wir als gut empfinden, als Gabe, gar als Belohnung Gottes ansehen und das, was uns als unangenehm oder leidvoll erscheint, als Strafe.
So leicht lässt sich die Grenze zwischen Gut und Böse nicht immer ziehen. Mein Vater z.B. erbte als einziger Sohn seiner Eltern den Hof, auf dem Generationen vor ihm gewirtschaftet hatten. Einen Hof zu erben gilt gemeinhin als etwas Gutes. Mein Vater aber wollte lieber etwas lernen. Er träumte davon, zu studieren und Förster zu werden. Sein Leben lang war er unglücklich, weil er diesen Traum nicht verwirklichen konnte, weil er den Hof übernehmen und Landwirt werden musste.
Wie ist das nun mit der Entscheidung? Wer hat sie getroffen? Es scheint, als ob wir auf die Entscheidungen, die unser Leben am meisten betreffen, oft den geringsten Einfluss haben. Wir müssen uns irgendwie mit dem arrangieren, was aus der Entscheidung folgt. Manchen gelingt das. Manche machen sogar etwas Gutes daraus. Andere, wie mein Vater, hadern ihr Leben lang damit. War das Gottes Wille?
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Und wie sieht es mit dem aus, wofür wir gar nichts können? Die Jünger fragen, ob der blind Geborene mit seiner Behinderung eine Schuld der Eltern abträgt. Bei den Propheten Jeremia und Ezechiel taucht diese Vorstellung auf: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen sind die Zähne davon stumpf geworden,” heißt es da. Dieses Bild will sagen, dass das Leben der Kinder manchmal von den Fehlern ihrer Eltern bestimmt wird.
In der heutigen Forschung spricht man von „transgenerationeller Weitergabe von Schuld” - Schuld, die von einer Generation an die andere quasi vererbt wird. Man hat festgestellt, dass besonders die Enkel unter der - tatsächlichen oder gefühlten - Schuld ihrer Großeltern leiden. So wurden Enkel von Überlebenden des Holocaust krank, weil ihre Großeltern Schuldgefühle hatten, dass sie überlebt hatten, ihre Eltern, Geschwister oder Freunde nicht. Und Enkel der Täter des sogenannten „Dritten Reichs” schämen sich bis heute für das, was ihre Großeltern taten, und leiden darunter.
Wenn man zwischen dem, was man tat, und dem, was einem widerfährt, einen Zusammenhang herstellt und dabei Gott aus dem Spiel lässt, kann das viel Leid und Schmerz verursachen. Darum lehnt Jesus die Frage der Jünger ab: Keiner hat gesündigt, weder der Blinde, noch seine Eltern. Das, was man erlebt, ist nicht die unmittelbare Folge unserer Taten - es sei denn, man haut sich mit dem Hammer auf den Daumen.
Wenn man das ernst nimmt, wird man sich hüten, Menschen für das Leid mit verantwortlich zu machen, das sie erfahren. Denn auch das ist eine falsche Anwendung des Zusammenhangs von Tun und Ergehen: Dass man bis heute unterstellt, wie es Hiobs Freunde tun, jemand, der leidet, müsse einen Anteil daran haben. Auch wenn wir es besser wissen, können wir uns nicht vorstellen, dass jemand nichts dafür kann, dass es ihr oder ihm so ergeht.
Darum funktioniert Mobbing so gut: Weil man sich nicht vorstellen kann, dass die Person, die da von anderen gequält wird, unschuldig ist. Irgendwas muss sie doch getan haben, dass sie gemobbt wird. Irgendwie wird sie es schon verdienen. Ganz ohne Grund wird doch niemandem etwas Böses angetan.
Und darum funktioniert üble Nachrede so gut: Weil wir bereit sind zu glauben, dass der, dem Übles nachgesagt wird, auch schlecht sein muss. Man kann sich nicht vorstellen, dass man anderen ohne Grund Schlechtes nachsagt.
Doch. Es gibt Menschen, und es sind gar nicht wenige, die andere grundlos quälen oder über andere herziehen. Natürlich haben sie für sich einen Grund - es geht ihnen um Macht, um Rache, oder sie sind neidisch. Aber der, der da gequält wird, hat nichts getan, womit er diese Behandlung verdiente.
Und selbst wenn er oder sie etwas Falsches getan hätte, so muss man doch fragen, ob man überhaupt einen Menschen quälen darf. Ob nicht jeder Mensch einen fairen Umgang verdient - sogar der, der sich selbst nicht fair verhält.
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Wo man hinnimmt, was geschieht, oder sogar unterstellt, der, die andere habe eine Mitschuld an dem, was ihr widerfährt, herrscht „die Nacht, in der niemand wirken kann.” Wenn man einfachen Parolen glauben schenkt oder sie sogar nachplappert. Wenn man nicht zusammenzuckt bei einem Satz, der Menschen ausgrenzt oder ihnen das Menschsein abspricht. Nicht dem Wort widerspricht, das Menschen erniedrigt und demütigt.
In solcher Umnachtung der Vernunft werden Ungeheuer geboren. Werden Menschen zu Sündenböcken gemacht, gebrandmarkt und schließlich verfolgt. Werden Menschen ausgegrenzt und verächtlich gemacht nur, weil sie nicht so sein können oder nicht so leben wollen, wie es eine andere Gruppe will. In solcher Umnachtung der Vernunft glaubt man an den Zusammenhang vom Tun und seinen Folgen, bringt man menschenverachtende Parolen an Gefängnissen an wie die von der Arbeit, die frei macht.
Jesus nennt sich „das Licht der Welt”. In diesem Licht sollen wir unsere Entscheidungen fällen, betrachten und bedenken. Im Lichte dessen, der die Liebe ist und sich als Mensch seinen Mitmenschen zuwandte. In diesem Licht haben weder der blind Geborene gesündigt, noch seine Eltern. In diesem Licht sind wir verantwortlich für unsere Entscheidungen und verdienen zugleich Mitgefühl und Mitleid, wenn sie uns auf Wege geführt haben, die wir nicht gehen wollten.
Jesus, das Licht der Welt, ist das Lese-Licht, mit dem wir unser Leben lesen und das unserer Mitmenschen. Im Licht der Liebe Gottes gilt uns und allen Menschen Respekt; gilt uns und allen Menschen die Unschuldsvermutung; gilt allen Menschen die Liebe, die auch wir zum Leben brauchen. Wenn wir sie ihnen nicht geben können, so haben sie doch verdient, dass ein:e andere:r sie ihnen gibt. Und dass wir die Liebe, die ihnen gilt und die wir nicht geben können, zumindest nicht verhindern durch Neid oder Bosheit.
Um die Welt im Licht der Liebe Gottes zu sehen, müssen einem erst die Augen geöffnet werden. Wenn es um Jesus, das Licht der Welt geht, sind wir alle blind Geborene. Wir wussten nichts von Gottes Liebe, bis Jesus uns die Augen dafür öffnete, indem er uns liebevoll anrührte.
Manche Menschen haben diese Berührung bis heute nicht erfahren. Manche fürchten sich davor, ins Licht der Liebe Gottes zu geraten. Sie haben Angst davor, sich mit den Augen Gottes zu sehen, weil sie nicht an Gottes Liebe glauben können, an Gottes Vergebung und Barmherzigkeit.
Gebe Gott, dass Jesus auch ihre Blindheit eines Tages heilen wird.