Sonntag, 14. Juni 2026

Freundlichkeit

Predigt am 2.Sonntag nach Trinitatis, 14.6.2026, über Matthäus 11,25-30

Jesus sprach:
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast
und hast es Unmündigen offenbart.
Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
Alles ist mir übergeben von meinem Vater,
und niemand kennt den Sohn als nur der Vater;
und niemand kennt den Vater als nur der Sohn
und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.


Liebe Schwestern und Brüder,

„Das Gute - dieser Satz steht fest - ist stets das Böse, was man lässt.” 

So lautet das Fazit, das Wilhelm Busch dem Onkel Nolte
über „Die fromme Helene” in den Mund legt.
„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt.”
Ja, wenn es so einfach wäre!
Wenn es genügte, das Böse nicht zu tun, um dadurch gut zu sein.

Gutes tun durch Unterlassen des Bösen - das ist das Prinzip,
das der zweiten Hälfte der Zehn Gebote zugrundeliegt.
Sie sagt uns, welches Böse wir nicht tun sollen:
„Du sollst nicht töten;
du sollst nicht ehebrechen;
du sollst nicht stehlen;
du sollst nicht falsch Zeugnis reden;
du sollst nicht begehren.”

Aber wer nur unterlässt, Falsches zu tun,
tut damit nicht zugleich immer das Richtige.
Die Erfahrung lehrt:
Um das Gute muss man sich stets und ständig bemühen,
während Böses scheinbar ganz von selbst passiert.

Natürlich wäre schon viel gewonnen, wenn die, die Böses tun, es ließen.
Wenn z.B. die, die andere angreifen, auf andere schießen,
ihre Waffen aus der Hand legen würden.
Wenn am besten gar keine Waffen mehr hergestellt würden.
Aber so wenig, wie Frieden die Abwesenheit von Krieg ist,
wird ein Krieg nicht dadurch beendet, dass man die Waffen ruhen lässt.

Die Waffen nieder! - das ist der erste Schritt.
Damit er gegangen werden kann,
müssen ihm viele mühsame Verhandlungsrunden vorausgehen,
in denen gerade so viel Vertrauen aufgebaut wird,
dass beide Seiten zumindest nicht mehr aufeinander schießen.
Die eigentliche Arbeit beginnt damit erst:
Eine Basis für einen dauerhaften Frieden zu schaffen.

Dazu gehört, dass man einen Ausgleich der Interessen findet,
um deretwillen der Krieg geführt wurde;
dass man Propaganda gegen den ehemaligen Feind
und Provokationen gegen die jeweils andere Seite unterlässt;
dass Verbrechen und Schuld benannt
und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.
Eines Tages kommt es dann vielleicht zu tatsächlicher Versöhnung.
Kommt es dazu, dass man sich über Gräben und Gräber hinweg die Hand reicht
und aus ehemaligen Feinden Freunde werden.

Aus dieser - keineswegs vollständigen - Aufzählung wird deutlich,
wie mühevoll der Weg der Verständigung ist,
wieviel Zeit und Arbeit er kostet.
Wir Deutschen sind diesen Weg auf unsere Nachbarn zu gegangen,
die wir im vergangenen Jahrhundert zweimal angegriffen haben.
Die, die sich einmal als Herren der Welt wähnten, mussten sich dafür tief bücken.
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 war der erste Schritt,
und der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt
vor dem Ehrenmal für die Helden das Warschauer Ghettos
am 7. Dezember 1970 der wichtigste.
Dadurch wurde Deutschland zu einem gleichberechtigten und anerkannten Partner
in der Europäischen Gemeinschaft und im Bund der Völker.

Doch wir dürfen uns auf dieser Versöhnungsarbeit nicht ausruhen.
Völkerverständigung bedeutet, dass man im Gespräch bleibt,
die Sprachen der Nachbarländer erlernt und mit den Nachbarn spricht.
Frieden wird dadurch bewahrt, dass weiterhin Konflikte gelöst
und Interessen ausgeglichen werden.
Dass man um des gemeinsamen Zieles willen auch einmal nachgibt.
Die mitnimmt, die nicht so stark sind wie man selbst. 

Wie im Großen der Völker, so reicht es auch in unserer Gesellschaft nicht,
dass man Böses unterlässt, sich gegenseitig in Ruhe lässt.
Damit wir in Frieden zusammenleben, müssen auch unter uns
Ungleichheiten beseitigt, Interessen ausgeglichen und Konflikte gelöst werden.
Muss auf die Rücksicht genommen werden, die nicht so stark sind,
auf die, die in der Minderheit sind, die keine Fürsprecher haben.

Das gilt schließlich auch für unser Verhältnis zu Gott.
Wenn Jesus den Willen Gottes zusammenfasst im Doppelgebot der Liebe:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und von ganzem Gemüt
und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”
(Mt 22,37-39),

so ist das mehr, als nur darauf zu verzichten, dem anderen Böses zu tun.
Liebe ist ein aktives Zugehen auf den anderen.
Die Liebe, von der hier die Rede ist,
äußert sich nicht durch Zuneigung, Sympathie;
sie findet ihren Ausdruck durch das, was wir tun.

Darum spricht Jesus vom Joch, das wir auf uns nehmen sollen.
Das Joch war eine Holzstange,
die man sich auf die Schulter legte oder auferlegt bekam,
und an deren beiden Enden Lasten befestigt waren.
So holte man früher z.B. Wasser vom Brunnen.
Wir benutzen heute keine Joche mehr.
Trotzdem weiß jede:r, dass damit eine Belastung gemeint ist,
die man auf sich nimmt oder aufgeladen bekommt.
Richtig handeln, Gutes tun, das kann eine Last sein,
wenn man sich dafür anstrengen, seine Gewohnheiten ändern muss.

Wie viel leichter hat es dagegen das Böse.
Die Skulpturen der sieben Todsünden,
die wir gleich nach diesem Gottesdienst kennenlernen werden,
oder die Sie sich schon angeschaut haben,
bringen dieses Böse eindrücklich zum Ausdruck,
sie bringen es geradezu auf den Punkt:

"Die sieben Todsünden" von Adriana Majdzińska

Superbia - Stolz
Avaritia - Geiz
Luxuria - Wollust
Ira - Zorn
Gula - Völlerei
Invidia - Neid und
Acedia - Faulheit 

Die Letzte in der Reihe, die Faulheit, steht sinnbildlich dafür,
wie Böses sich geradezu von selbst einstellt: durch Unterlassen.
„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt,”
dieser Satz gilt auch andersherum:
Böses geschieht, wenn man Gutes unterlässt.

Aber auch die anderen Todsünden ergeben sich quasi von allein:
Der Stolz ist eine Haltung, eine Eigenschaft,
die eine:n selbst nichts kostet, anderen aber viel Mühe macht.
Man selbst muss höchstens den Kopf höher tragen,
um besser auf die anderen herabblicken zu können.

Der Geiz muss auch nicht mehr tun,
als die Geldbörse zu verschließen, die Haustür, die Hände oder das Herz.

Die Wollust kann eine schweißtreibende Angelegenheit sein,
aber das bemerkt man nicht, weil man sie nicht als Arbeit empfindet,
sondern als Vergnügen.

Der Zorn bricht aus einem heraus wie ein Blitz:
aufgestaute, überschüssige Energie, die sich entlädt.
So ein Zornesausbruch schafft Erleichterung,
indem er der angestauten Aggression ein Ventil öffnet:
statt seinen Ärger mühsam unter Kontrolle zu bringen,
lädt man ihn einfach auf jemand anderen ab.

Die Völlerei ist auch keine Arbeit.
Die Schlaraffen im Schlaraffenland schlagen sich im Liegen die Bäuche voll.
Jede überflüssige Bewegung wird vermieden;
nur soviel, wie nötig ist, um die Gabel zum Munde zu führen.

Bleibt noch der Neid - macht er Mühe?
Nach meiner Erfahrung ist es mit dem Neid wie mit dem Jähzorn:
Er bricht hervor, wenn er dazu einen Anlass findet.
Er entzündet sich wie ein Streichholz. Dazu braucht es nicht viel.
Wie der Zorn ist der Neid angestaute Energie,
die nur einen Funken benötigt, um sich zu entladen.

Was wir als „Sieben Todsünden” kennen, sind aber noch gar keine Sünden.
Zwar ist ein Zornesausbruch verletzend, Geiz und Stolz können kränken.
Aber eigentlich sind das, was wir „Todsünden” nennen,
die Eigenschaften, die dazu führen, dass man Böses tut.
Sie stehen hinter dem, was die Bibel „Sünde” nennt,
sie führen und verführen dazu, anderen Böses anzutun.

Wer stolz ist, stört oder zerstört eine Beziehung;
wer geizt, verweigert anderen das zum Leben Nötige.
Wer von Wollust geleitet wird, missbraucht Menschen,
und wer von Zorn erregt wird, vergisst sich,
überschreitet Grenzen, zerstört und verletzt.
Die Völlerei eignet sich an, was allen gemeinsam gehört
und was man untereinander teilen sollte.
Der Neid stiehlt, was andere besitzen,
bekämpft den, der etwas besser kann als man selbst,
gönnt anderen nicht, was sie zum Leben brauchen.
Die Faulheit schließlich verweigert Hilfe, ist unsolidarisch.

Die sogenannten „Todsünden” - als Eigenschaften kosten sie keine Energie.
Aber wozu sie einen Menschen bewegen,
das macht eine ganze Menge Arbeit:

Wie schwer hat es der Neider, dem anderen nachzueifern, den er beneidet,
oder ihm Steine in den Weg zu legen, wenn er ihm nicht ebenbürtig ist.

Wie viel Mühe macht der Geiz, den Besitz zusammenzuhalten und zu mehren,
nach dem Schnäppchen Ausschau zu halten,
die angeblichen Schmarotzer abzuwimmeln,
den Besitz möglichst gewinnbringend anzulegen.

Wie sehr entstellt der Zorn einen Menschen,
wenn ihm die Zornesröte ins Gesicht steigt, wenn seine Adern schwellen
und sein Antlitz sich zur Maske des Hasses verzerrt.

Nur die Faulheit ist scheinbar umsonst zu haben.
Aber auch sie fordert ihren Tribut vom Körper,
den sie systematisch zugrunde richtet.

Das Böse erscheint nur auf den ersten Blick leicht.
Es ergibt sich nur scheinbar von selbst.
Auch das Böse kostet Kraft - viel Kraft sogar.
Doch während Jesus uns ein Joch auferlegt,
beugt man sich freiwillig unter die Last,
die man mit den Todsünden auf sich nimmt.

Worin besteht denn nun eigentlich dieses Joch, von dem Jesus möchte,
dass wir es mit dem Joch der Todsünden tauschen?

Nimmt man sich Jesus zum Vorbild, steht man vor einer unlösbaren Aufgabe:
Wie soll man diesem Gerechten nacheifern?
Wie soll man in solchem Vertrauen auf Gott und die Macht seiner Liebe leben,
selbstlos für andere da sein, wie er es tat?
Wer könnte sich wie er schutzlos und wehrlos
in die Hände seiner Mitmenschen begeben?

Schon den ersten Christ:innen war klar, dass Jesu Fußtapfen zu groß für sie waren.
Aber sie waren überzeugt, dass sie es wenigstens versuchen müssten.
Die Nachfolge Jesu verlangt Opfer:
Verzicht auf finanzielle Sicherheit,
wie ihn Jesus vom Reichen Jüngling gefordert hatte.
Verzicht auf Eigentum, auf Haus und Familie.
Verzicht auf alles, was das Leben lebenswert macht:
eine Beziehung, Genuss, Schönheit, Lust.

Denn hinter dem, was uns lebendig macht, lauert immer eine der Todsünden:
Die Lust, die keine Grenzen kennt
und die des anderen nicht respektiert, wird zur Wollust.
Die Freude an der eigenen Leistung kann in Stolz umschlagen.
Der Genuss, der immer mehr will, ist Völlerei.
Wer, was er besitzt, nur für sich haben will, wird geizig;
wer sich mit anderen vergleicht, wird neidisch.
Wer seinen Gefühlen freien Lauf lässt, kann zornig werden;
wer nichts mehr fühlt, wird faul.

Darum, so lehrten es die Kirchenväter, muss man sich an die Kandare nehmen:
Zum Verzicht muss die Selbstbeherrschung treten.
Sie wurde eingeübt durch regelmäßiges Fasten und feste Gebetszeiten.
Wer es mit dem Glauben wirklich ernst nahm,
lebte in klösterlicher Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zusammen,
entsagte der Welt und allen weltlichen Freuden.

Aber weil der Mensch ein Mensch ist,
und weil Gott uns diese wunderbare Welt und unsere Körper
mit all ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten geschenkt hat,
damit wir sie nutzen und genießen,
führte dieses Ideal zu einem Dauer-Frust:
Man konnte nur daran scheitern.
In der Sprache der Kirchenväter hieß das:
Man war eine Sünderin, man war ein Sünder.
Nie war man gut genug, nie tat man genug,
nie wurde man Gott und dem Nächsten gerecht.
So konnte man Gott nicht unter die Augen treten.

Martin Luther erlöste aus dieser Schuldenfalle,
indem er genau las, was da eigentlich stand:
„Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig,” sagt Jesus.
Jesus möchte nicht, dass wir uns Gewalt und Zwang antun.
Wir können nicht so werden wie er, wir müssen es auch nicht.
Wenn er dem Reichen Jüngling rät, seinen Besitz aufzugeben,
will er ihm nicht eine erdrückende Last auflegen;
er will ihn von der Last seines Besitzes befreien.

Mit Luthers Worten:
„Vor allem aber ist besonders zu merken
und sollte man mit großen Buchstaben schreiben,
dass Christus nicht spricht: Lernt von mir, zu fasten
und zu machen, wozu die wunderlichen Heiligen grämlich treiben.
Er spricht auch nicht: Lernt von mir, auf dem Wasser zu gehen
und andere Wunder zu tun (denn das gehört nur ihm zu).
Sondern er spricht: Lernt von mir das ganz Gewöhnliche,
nach meinem Beispiel sanftmütig und demütig zu sein.”

Was Jesus von uns möchte, ist Freundlichkeit und Demut.
Freundlichkeit und Demut sind das beste Mittel gegen die sieben Todsünden.
Sie machen keine große Mühe - was kostet schon ein Lächeln?
Was kostet es schon, einem anderen den Vortritt zu lassen,
sich selbst nicht so wichtig zu nehmen?
Aber nur, weil es so leicht ist, freundlich und bescheiden zu sein,
muss man diese beiden Haltungen nicht gering schätzen.
Noch einmal mit Luthers Worten:
„Lerne, lerne, lerne also freundlich zu sein,
und du hast unendliche Werke getan"
(WA 38,528).

„Das Gute ist stets das Böse, was man lässt.”
Nein, Onkel Nolte, so einfach ist es nicht.
Man muss sich schon ein bisschen Mühe geben.
Freundlichkeit und Demut wollen erlernt und täglich geübt sein.
Der Lohn, den man davon hat, ist das Glück:
in Gemeinschaft mit anderen zu leben.

Wozu die Todsünden führen, wenn man sich ihnen überlässt,
sind Einsamkeit, Verzweiflung, Hass und Gewalt.
So leicht, wie sie scheinen, sind sie gar nicht.
Sie kosten viel Kraft.
Und sie kosten uns und anderen das Leben.

Bertolt Brecht sagt über die Maske des Bösen:
„An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk
Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack.
Mitfühlend sehe ich
die geschwollenen Stirnadern, andeutend
Wie anstrengend es ist, böse zu sein.”