Mittwoch, 31. Dezember 2025

Moden und Veränderungen

Ansprache am Altjahrsabend, 31.12.2025, über Hebräer 13,8.9a:


Jesus Christus ist gestern und heute der selbe,
und wird es auch in Ewigkeit sein.
Lasst euch nicht von verschiedenartigen, fremden Moden hinreißen.
Es ist gut, wenn das Herz durch Gnade gefestigt wird.

Liebe Schwestern und Brüder,

das Jahresende ist nicht nur eine Zeit der Rückblicke,
sondern auch der guten Vorsätze.
Im neuen Jahr soll manches anders werden, oder wenigstens etwas:
Man will endlich mit dem Rauchen aufhören,
regelmäßig Sport oder Gymnastik treiben,
den Keller, den Dachboden oder den Schreibtisch aufräumen, usw.

Allen diesen guten Vorsätzen ist gemein,
dass es sich um Dinge handelt,
zu denen man eigentlich keine Lust hat.
Sonst müsste man sie sich nicht extra vornehmen.
Daher ist es auch nicht unwahrscheinlich,
dass die selben Vorhaben in einem Jahr
wieder auf der Liste der guten Vorsätze landen werden.

Warum macht man das überhaupt,
sich etwas für das neue Jahr vornehmen?
Es scheint, als ob die Tatsache,
dass morgen ein neues Jahr beginnt, in uns das Gefühl weckt,
jetzt müssten auch wir neu werden,
etwas Neues anfangen, etwas in unserem Leben ändern.

Das kann man natürlich jederzeit;
jeden Tag kann man etwas Neues beginnen,
an jedem Tag kann man etwas ändern - kann man sich ändern.
Aber ein normaler Tag entfaltet nicht diesen Drang,
die Veränderung ernsthaft anzugehen,
wie es der Jahreswechsel tut.

Darum sind die Enttäuschung über sich selbst
und das schlechte Gewissen
im neuen Jahr besonders groß,
wenn man mal wieder die guten Vorsätze
nicht in die Tat umgesetzt
oder nach kurzer Zeit wieder aufgegeben hat.

In dieser misslichen Lage will der Hebräerbrief uns Mut machen:
Lauft nicht jeder Mode nach, haltet am Bewährten fest, sagt er uns.
Es kann euch vom Weg abbringen,
wenn ihr euch nach der Mode richtet.
Es kann euer Herz unsicher und wankelmütig machen.
Vor dieser Gefahr will er uns schützen.

Moden - oder „Lehren”, wie es wörtlich heißt -
kommen und gehen und sind meist nicht von Dauer.
Trotzdem sind sie wie die Spitze eines Eisbergs:
Sie sind Anzeichen einer größeren Veränderung,
die sich allmählich anbahnt.
Moden muss man nicht mitmachen,
aber einer Veränderung kann man nicht entgehen.

Veränderungen verunsichern.
Was gestern noch wichtig war, ist es heute nicht mehr.
Was gestern richtig war, kann heute falsch sein.
Die Wende 1989 brachte bei aller Freiheit
für viele auch eine große Verunsicherung mit sich.
Die Corona-Pandemie, der Angriff Russlands auf die Ukraine
haben vieles infrage gestellt, was uns selbstverständlich schien.
Seitdem scheint nichts mehr so, wie es einmal war.

In dieser Verunsicherung suchen manche Sicherheit
in Werten und Rezepten der Vergangenheit.
Sie machen die neuen Moden verantwortlich dafür,
dass sich etwas grundlegend geändert hat -
dabei sind sie nur Symptom, nicht Ursache der Veränderung.
Manche suchen jemanden,
dem sie die Schuld an der Veränderung geben können,
und finden Schuldige in den Fremden und Andersartigen.

Der Hebräerbrief fordert uns dazu auf,
in allen Moden und Veränderungen an dem festzuhalten,
der sich nicht verändert: Jesus Christus:
„Jesus Christus ist gestern und heute der selbe,
und wird es auch in Ewigkeit sein.”

Dabei geht es nicht so sehr darum,
dass Jesus als Gottes Sohn ewig ist,
kein Phänomen, keine Mode einer bestimmten Zeit,
sondern von Gott geboren vor aller Zeit
und Gott in alle Ewigkeit.

Sondern darum geht es vor allem,
dass Jesus’ Haltung zu uns sich niemals ändert.
Jesus’ Haltung zu uns ist keinen Launen oder Moden unterworfen.
Er bleibt unerschütterlich an unserer Seite.
Und liebt uns, ganz gleich, was geschieht -
ganz gleich auch, was wir tun oder nicht tun.

Dass Christus an unserer Seite ist und bleibt,
das gibt uns Halt und Vertrauen in allen Veränderungen.
Es kann sein, dass wir uns umgewöhnen,
uns auf neue Verhältnisse einstellen müssen.
Es kann sein, dass das Leben anstrengender wird,
vielleicht sogar gefährlicher.

Aber das, was unserem Leben Sinn und Halt gibt:
Dass Gott uns über alle Maßen liebt,
dass er uns von Herzen vergibt, wenn wir ihn darum bitten,
und dass unser Leben bei ihm geborgen ist über den Tod hinaus,
das steht keinen Augenblick infrage.
Das ist die Gnade, die unser Herz fest macht.

Veränderungen sind anstrengend, herausfordernd.
Aber sie verunsichern uns nicht,
sie werfen uns nicht aus der Bahn.
In diesem Vertrauen, mit diesem Halt gehen wir in das neue Jahr.

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Wohlwollen

Ansprache am Heiligen Abend, 24.12.2025, über EG 35, In dulci jubilo


Liebe Gemeinde des Heiligen Abends,


Jetzt ist es so weit.

Jetzt sind alle Vorbereitungen,

jetzt ist alles Warten ans Ziel gekommen:

Christus ist geboren und liegt als Kind in der Krippe -

hier, bei uns im Dom,

und zuhause in den Krippen,

die unter dem Weihnachtsbaum aufgebaut sind.


Alle Jahre wieder freuen wir uns

über die Geburt des Christus-Kindes,

als wäre es gerade eben erst zur Welt gekommen.

Hier, bei uns, und nicht schon vor 2.025 Jahren,

dem Beginn unserer Zeitrechnung,

in einem Stall in der Ortschaft Bethlehem.


Alle Jahre wieder freuen wir uns.

Und die Freude muss hinaus, will Gestalt gewinnen.

Wir singen die vertrauten Lieder.

Sie sind alt und ein bisschen angestaubt, diese Lieder.

Aber das stört uns heute nicht.

Heute müssen es gerade diese alten Lieder sein,

denn sie gehören seit Kindertagen

für uns zum Heiligen Abend dazu.


Eines der ältesten Weihnachtslieder im Gesangbuch

ist das Lied „In dulci jubilo;”

es stammt aus dem 14. Jahrhundert

und war ursprünglich in einem Mischmasch

aus Latein und Deutsch gedichtet:


In duci jubilo nun singet und seid froh:

Unsers Herzens Wonne liegt in praesepio

und leuchtet wie die Sonne matris in gremio.

Alpha es et O, Alpha es et O.”


Im Gesangbuch ist es auf Deutsch abgedruckt:

Nun singet und seid froh, jauchzt alle und sagt so:

Unsers Herzens Wonne liegt in der Krippen bloß

und leucht’ doch wie die Sonne in seiner Mutter Schoß.

Du bist A und O, du bist A und O.”


Dieses Lied bringt die Herzens-Freude zum Ausdruck,

die man erlebt, wenn man ein neu geborenes Kind in den Armen hält.

Ein Moment voller Glück, der eine:n für immer verwandelt.

Eine solche Verwandlung erleben wir auch an Weihnachten.

Eine solche Verwandlung erleben auch die,

die kein Kind in den Armen hielten.


Wir werden verwandelt zu Menschen,

die guten Willens sind.

Weil das Kind auf unserem Arm,

weil das Kind in der Krippe das Beste in uns weckt:

Die Fähigkeit und den Willen, Gut zu sein,

Gutes zu tun und anderen Gutes zu wollen.


Heute Abend wollen wir allen Menschen nur Gutes.

Dieses Wohl-Wollen, das uns alle bewegt -

das ist das Wunder von Weihnachten.

Wie schön, dass es hier in der Kirche beginnt!

Von hier aus geht es nach Hause,

zum festlichen Abendessen

oder zu Würstchen und Kartoffelsalat.

Danach kommt die Bescherung, die die Kinder herbeisehnen

und die auch manch Erwachsene:r ungeduldig erwartet.


Diese ungeduldige Erwartung greift die vierte Strophe

des Liedes „In dulci jubilo” auf:

Wo ist der Freuden Ort? Nirgends mehr denn dort,

da die Engel singen mit den Heilgen all

und die Psalmen klingen im hohen Himmelssaal.

Eia, wärn wir da, eia, wärn wir da.”


Eia, wärn wir da …” - lange hält man das Warten nicht aus.

Schon das Abendessen ist eine Geduldsprobe.

Man möchte endlich die Geschenke überreichen und auspacken!

Dabei geht es vielleicht gar nicht so sehr darum, etwas zu bekommen.

Wir haben ja eigentlich alles.

Manche:r würde sagen: Wir haben mehr als genug.

Es geht wohl eher um das Ende des Wartens,

um die Erfüllung der Erwartung.


Und dann? Was kommt danach?

Was kommt, wenn die Erwartung sich erfüllt hat,

was kommt nach der Bescherung?


Für die Kinder sind die nächsten Tage mit Spielen angefüllt,

mit dem Ausprobieren, dem Vergleichen der Geschenke.

Die Erwachsenen sind froh über die Ruhe,

die nach der Bescherung einkehrt.

Sie genießen das gute Essen,

die gemeinsame Zeit mit Eltern und Geschwistern,

mit Nichten und Neffen, Kindern und Enkeln.


Bis bei allen der Alltag einkehrt.

Dann muss man ein ganzes Jahr warten,

bis man wieder so singen und so froh sein kann

über das Kind, unsers Herzens Wonne,

das in der Krippe wie eine Sonne leuchtet,

auch in die Dunkelheiten unseres Lebens hinein.


Dieses Leuchten, das nehmen wir mit.

Hier und heute, aus diesem Gottesdienst,

nehmen wir ein Licht mit nach Hause.

Manche von Ihnen tun das vielleicht ganz real,

indem sie am Friedenslicht von Bethlehem

eine Kerze anzünden und mit nach Hause nehmen.


Wir alle nehmen noch ein anderes Licht mit nach Hause.

Das Licht, von dem das alte Lied singt.

Das Licht, das wie die Sonne leuchtet.

Dieses Licht ist Christus selbst, das Kind in der Krippe.

Als Erwachsener sagt er von sich:

Ich bin das Licht der Welt.

Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis,

sondern wird das Licht des Lebens haben.”


Alle Jahre wieder freuen wir uns

über die Geburt des Christus-Kindes,

als wäre es gerade eben erst zur Welt gekommen,

hier, mitten unter uns.

Und das ist es: Christus wird in uns geboren.


Wir spüren es daran,

dass wir erfüllt sind von seinem Licht;

wir spüren seine Wärme in uns. Sein Wohl-Wollen.

Dieses Wohl-Wollen leuchtet aus unseren Augen

und lässt es so auch für andere hell,

lässt es auch für andere Weihnachten werden.


Christus, das Licht, leuchtet uns auf unserem Weg.

In seinem Licht sehen wir, auf welchem Weg wir unterwegs sind:

Ob wir in seine Fusstapfen treten -

auch wenn sie vielleicht ein paar Nummern zu groß für uns sind.

Oder ob wir auf einem Weg sind, den Jesus nicht gegangen wäre

und von dem er auch nicht will, dass wir ihn gehen.


Christus, das Licht, weist uns den Weg.

Es ist sein Weg des Wohl-Wollens für alle Menschen.

Seine Liebe für uns und alle Menschen ist der Maßstab,

an dem sich unser Handeln messen lassen muss.


Auf dem Weg, den Christus uns weist, sind wir unterwegs,

dem Weg des Wohl-Wollens, das wir heute ganz besonders empfinden.

Eia, wärn wir da”, seufzen wir manchmal,

wenn wir merken, wie schwer das ist,

anderen gegenüber guten Willens zu sein;

wie schwer es uns fällt, diesen Weg des Wohl-Wollens zu gehen.


Dann denken wir vielleicht an das Licht,

das wir heute mitnehmen und das in uns leuchtet.

Dieses Licht hält uns auf dem Weg,

gibt uns Orientierung,

tröstet uns und macht uns Mut,

auf dem Weg weiter zu gehen,

den Christus uns vorangegangen ist.

Denn das ist der Weg,

der uns, der die ganze Welt zum Frieden führt.

Sonntag, 21. Dezember 2025

Magd des Herrn

Predigt am 4. Advent, 21.12.2025, über Lukas 1,38


„Siehe, ich bin des Herrn Magd;

mir geschehe nach deinem Wort.”


Liebe Schwestern und Brüder,


die Antwort Marias hat es in sich,

und das in mehrfacher Weise.


Sie werden vielleicht, wie ich,

am Wort „Magd” Anstoß nehmen.

Umso mehr, weil man das griechische Wort δούλη

auch mit „Sklavin” übersetzen kann.

Dann würde Maria dem Engel antworten:

”Ich bin Gottes Sklavin …” -

eine Antwort, die man kaum ertragen könnte.


Warum? Weil eine Sklavin nicht sich selbst gehört,

sondern ihrem Herrn, und das im Wortsinn.

Ohne seine Zustimmung kann sie nichts tun,

während ihr Herr mit ihr tun und lassen kann,

was er will, als sei sie ein Gegenstand.


Kein Wunder, dass man auf das Wort „Sklavin” mit Abwehr reagiert.

Die „Magd” ist aber auch nicht viel besser dran.

Sie gehört zwar nicht ihrem Herrn,

aber sie ist von ihm abhängig

und darf wenig bis nichts allein entscheiden.

Außerdem muss sie Arbeiten verrichten,

die als „niedrig” angesehen werden,

wie putzen, Wäsche waschen oder kochen.


Das alles sind keine niederen Arbeiten -

nicht umsonst gilt Kochen als eine Kunst,

die als „haute cuisine” bezeichnenderweise

in der Regel von Männern ausgeübt wird.


In der Bibel, vor allem im Hebräischen Testament,

werden die Gläubigen häufig als „Knechte” oder „Sklaven” bezeichnet

und bezeichnen sich auch selbst so,

in den Psalmen zum Beispiel.

Dieses Verhältnis von Herr und Knecht

liegt Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers Definition

des Glaubens als einem

„Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit” zugrunde.


Bei diesem Gefühl handelt es sich nicht nur

um die Abhängigkeit eines Kindes von seinen Eltern,

die endet, wenn das Kind auf eigenen Füßen steht.

Nicht nur um die Abhängigkeit einer Magd von ihrem Herrn,

die weglaufen kann,

wenn sie es bei ihrem Herrn nicht mehr aushält.


Der Glaube ist nach Schleiermacher

ein Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit.

Das will sagen: Ein Leben ohne Gott

ist für eine Gläubige nicht vorstellbar,

es erscheint ihr unmöglich und sinnlos.


Im Gegensatz zur Magd oder zur Sklavin

hat die Gläubige dabei ein Mitspracherecht.

Sie kann nicht ohne Gott sein,

sie will es aber auch nicht.

Es war ihre Entscheidung,

und sie entscheidet sich immer wieder neu

für dieses Leben mit Gott.


So verstehe ich es,

dass Maria sich als „des Herren Magd” bezeichnet.

Sie sagt damit:

Ich kann nicht ohne Gott leben,

und ich will es auch nicht.


Ein Leben mit Gott bedeutet,

dass man Gott als Herrn über sich anerkennt.

Insofern ist man doch Magd oder sogar Sklavin.


Wir mögen diese Vorstellung nicht.

Wir sind der Meinung, wir seien unsere eigenen Herren

und könnten selbst über uns und unser Leben entscheiden.


Tatsächlich betrügen wir uns damit selbst.

Natürlich haben wir in unserer Gesellschaft

als Erwachsene das Recht,

selbst über unser Leben zu bestimmen.

Aber diese Selbstbestimmung ist eingeschränkt

und kann jederzeit weiter eingeschränkt werden,

wie die Debatte um die Wehrpflicht zeigt.


Wir können auch nicht einfach auswandern,

wenn es uns hier nicht mehr gefällt.

Außerhalb der EU wird es schwierig,

die Erlaubnis zur Einwanderung in ein anderes Land zu bekommen -

und auch dort gibt es einen Staat,

der den Spielraum seiner Bürgerinnen und Bürger

mehr oder weniger einschränkt.


Vor allem aber sind wir Zwängen unterworfen,

inneren und äußeren, die unser Leben bestimmen

und von denen wir meist nichts ahnen oder wissen.

Wir haben sie von unserer Familie,

unseren Eltern und Großeltern übernommen;

von Menschen und Einrichtungen,

die uns erzogen und dadurch geprägt haben.

Was wir gelernt haben, wie wir erzogen wurden,

beeinflusst unser Denken, Handeln und unsere Entscheidungen -

oft ein Leben lang.


Wenn aber Gott unser Herr ist,

tritt er an die Stelle dessen, was Macht über uns hat.

Dann wird all das, was Macht über uns beansprucht, zweitrangig.

Gottes Wille, Gottes Liebe steht über dem,

was uns an Werten und Normen überkommen ist.

Dadurch erlangen wir Handlungsspielräume,

gewinnen wir die Freiheit, uns zu entscheiden.

Wir sind also paradoxerweise gerade dann frei,

wenn Gott unser Herr ist.


In dieser Freiheit entscheidet sich Maria,

Gottes Sohn zur Welt zu bringen.


Man kann fragen,

wie frei Maria in ihrer Entscheidung wirklich war.

Bestimmt war sie überwältigt von der Begegnung mit dem Engel,

von der Aussicht, dass sie Gottes Sohn zur Welt bringen sollte,

was ihre Fähigkeit, frei zu entscheiden, einschränkte.


Sicherlich konnte sie sich als junge Frau noch nicht vorstellen,

was eine Schwangerschaft bedeutet

und wieviel Arbeit, Verantwortung und Sorgen

die Mutterschaft mit sich bringt.


Aber sie traf diese Entscheidung,

und darauf kam es an:

Ohne Marias Ja wäre Christus nicht zur Welt gekommen.


Ich meine nicht, dass Maria die Geburt Jesu

hätte verhindern wollen oder können.

Das ist hier nicht die Frage.

Sondern ich meine, dass Gott den Willen Marias respektierte,

dass er nicht gegen ihren Willen handeln wollte.


Hatte Maria denn eine Wahl?

Nein, die hatte sie nicht.

Sonst wären wir heute womöglich nicht hier.

Auch Jesus hatte keine Wahl,

als sein Weg ihn an das Kreuz führte.

Und doch entschied auch er sich dafür, diesen Weg zu gehen:

„Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir;

doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!” (Lukas 22,42)


Warum kommt es darauf an, dass Maria zustimmt,

wenn sie sich doch gar nicht anders entscheiden kann?


Wir haben unterschiedliche Vorstellungen davon,

ob und wie Gott in unser Leben eingreift.

Einig sind wir uns wohl darin,

dass wir uns manchmal wünschen,

Gott würde in unser Leben eingreifen

oder in das Leben eines anderen -

rettend oder helfend, strafend oder korrigierend.


Einig können wir uns wohl auch darin werden,

dass, wenn Gott handelt,

dann nicht so, wie wir es uns wünschen,

sondern auf eine Weise, die wir nicht erwarten.


So erging es auch Maria.

Maria hatte wahrscheinlich noch keinen Kinderwunsch,

als der Engel Gabriel sie besuchte.

Ganz sicher dachte sie nicht daran,

Gottes Sohn zur Welt zu bringen.


Auch wir erleben immer wieder etwas,

was wir uns nicht gewünscht haben -

Gutes, vor allem aber Schweres, Unangenehmes, Leidvolles.

Die wenigsten von uns würden sagen,

dieses Schwere, Unangenehme, Leidvolle in ihrem Leben

sei von Gott gekommen.


Ich glaube auch nicht, dass Gott uns Böses antut.

Uns wehtut, um uns damit zu bestrafen

oder auf die Probe zu stellen.

Im Gegenteil:

Gott möchte, dass wir heil und glücklich sind und werden.


Aber was wäre, wenn wir, wie Maria,

zu dem, was uns widerfährt, Ja sagen könnten?


Wohlgemerkt, nicht Ja sagen,

weil hinter dem Bösen, das wir erleiden oder erdulden müssen,

irgendwie doch ein guter Wille Gottes steht,

den wir nur noch nicht begreifen oder sehen können.

Gott will nichts Böses für uns.

Gott benutzt auch nicht das Böse,

um Gutes für uns zu erreichen.


Aber was wäre, wenn wir zu dem, was uns widerfährt,

Ja sagen könnten, weil es zu unserem Leben,

zu unserem Menschsein dazugehört,

dass wir auch Enttäuschungen, Kummer und Leid erfahren?


Kein Leben ist frei von Leid,

auch wenn es manchmal scheint,

dass manche mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurden,

dass manchen alles zufällt, alles gelingt,

während man selbst es schwer hat,

kämpfen und vieles entbehren muss.

Aber das ist kein realistischer Blick auf das Leben,

sondern ein von Neid oder von Illusionen verstellter Blick.


Wenn es uns gelingt, zu erkennen,

dass Enttäuschungen, Kummer und Leid

ein unvermeidlicher Teil des Lebens sind,

und wenn es uns gelingt, das nicht abzuwehren,

weil wir meinen,

wir hätten ein Recht auf Glück und Unversehrtheit,

sondern es annehmen und dazu Ja sagen können,

auch wenn es nichts Gutes und Erstrebenswertes ist -


ich glaube, dann könnten wir erleben,

wie Gott in unser Leben eingreift.

Gott greift ein, indem er uns hilft,

Schweres zu tragen. Dem Bösen standzuhalten.

Ihm zu widerstehen. Ihm die Stirn zu bieten.

Gott hilft uns zu leben und glücklich zu sein

trotz eines Kummers, trotz unserer Feinde,

trotz einer Behinderung, trotz des Alters.


Gott schickt uns nicht das Leid.

Gott schickt uns die Kraft, die Hoffnung und den Humor,

es mit dem Leid aufzunehmen und es zu überstehen.

In solchem Glauben können wir mit Maria sagen:

„Siehe, ich bin des Herrn Magd;

mir geschehe nach deinem Wort.”

Sonntag, 14. Dezember 2025

Feuertaufe

Predigt am 3. Advent, 14.12.2025, über Lukas 3,1-20

„Meine lieben Mitchristen!

Oder, wie der Apostel sagt, Ihr Schlangen und Otterngezücht!

Ihr Schlangen!

Ihr Schlangen und Ottern!

Ihr Ottern und Schlangen!”


So fängt die Predigt eines Kirchenältesten an,

von der „Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer“

seinem Pastor Johannes Gillhoff in Mecklenburg berichtet.


„Alles, was recht ist!,” dachte sich Jürnjakob bei diesen Worten,

„eine kurze, kräftige Vermahnung lässt sich da gut anbringen.

Aber dass er die Farmersleute gleich mit Schlangen und Ottern vergleicht,

das wäre wohl nicht nötig gewesen,

wo es auch gar nicht an dem ist.

Na, das ist seine Sache.

In der Bibel kommen Schlangen und Ottern ja öfter vor.”


So auch im heutigen Predigttext,

wo es Johannes der Täufer ist, der ausruft:

„Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht,

dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?”

Eine kurze, kräftige Vermahnung ließe sich da gut anbringen.


Aber im Gegensatz zu Jürnjakob Swehn

halte ich nichts von Vermahnungen.

Und ich möchte Sie auch nicht als „Otterngezücht” bezeichnen.

Diese Anrede hatte schon Jürnjakob nicht gefallen.

Zumal es ja auch gar nicht an dem ist.


Mit „Otterngezücht” meinte man damals die „Heiden,”

die Ungläubigen, die Gott nicht kannten.

Und Heiden waren weder die von Johannes Angeredeten,

noch sind wir es heute.


Und doch droht ihnen Johannes,

und offenbar droht er auch uns:

„Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt;

jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt,

wird abgehauen und ins Feuer geworfen.”


Der Glaube allein genügt nicht, will dieses Bild sagen,

wenn er sich nicht auf das Leben auswirkt.

Ein Glaube, der nicht zu konkreten Taten führt,

ist für Johannes nichts anderes als Unglaube.


Darum setzt er seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit Heiden gleich,

solange sie nicht „rechtschaffene Früchte der Buße” bringen.

Es nützt ihnen nichts, dass sie auf der richtigen Seite stehen

und Abraham zum Vater haben.

Wenn es zum Schwur kommt, hilft es einem nichts,

dass man dem Namen nach zu Gott gehört.


Und dieser Zeitpunkt ist offenbar gekommen.

Denn jetzt kommt der, „der stärker ist als ich;

der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

In seiner Hand ist die Worfschaufel,

und er wird die Spreu vom Weizen trennen

und den Weizen in seine Scheune sammeln,

die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.”


Wenn es so steht, sollte ich Sie vielleicht doch kräftig vermahnen.

Denn was Johannes da ankündigt, klingt gefährlich.

Der Stärkere, der nach ihm kommt,

trennt nicht nur zwischen Spreu und Weizen -

zwischen denen, die Frucht bringen

und denen, die nur totes Holz tragen.

Dem toten Holz und der Spreu droht er auch mit einer Feuertaufe.


Was ist eine Feuertaufe, wie soll man sich das vorstellen?

Auf den ersten Blick scheint es die Vernichtung zu sein:

das tote Holz, die Spreu werden verbrannt,

weil sie zu nichts sonst zu gebrauchen sind.


Damit würde Johannes das „Jüngste Gericht” ankündigen,

das die Menschen im Mittelalter besonders fürchteten,

wie man im Dom auf dem Loste-Altar sehen kann.

Foto des von Bischof Loste gestifteten Altars im Schweriner Dom. Im Zentrum das Retabel, auf dem auf der linken Seite der Weg Jesu zum Kreuz, in der Mitte die Kreuzigung dargestellt ist. Rechts führt Jesus kurz vor seiner Auferstehung die Toten aus der Hölle heraus.


Sie glaubten, wenn Christus, wie es im Glaubensbekenntnis heißt,

kommen wird „zu richten die Lebenden und die Toten,”

die Guten zu Christus in den Himmel kommen,

während die Bösen als Strafe für ihre Taten

in einem ewigen, unauslöschlichen Feuer brennen müssen.


Dieses Bild vom Höllenfeuer spukt bis heute in den Köpfen.

Dabei war es immer schon und in vielerlei Hinsicht falsch.

Eine typisch menschliche Missachtung der Gnade Gottes,

weil wir in Gegensätzen von Gut und Böse, Schwarz und Weiß denken;

weil unsere Vorstellung von Gerechtigkeit

nur das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn” kennt;

und weil wir nicht glauben können,

dass Gott mit einem anderen Maß misst als wir.


Schon auf dem Loste-Altar kann man sehen,

wie Jesus dieses Prinzip der Bestrafung aushebelt:

Er führt die Menschen an seiner Hand aus dem Höllenfeuer ans Licht,

nachdem er das Maul der Hölle durch einen Balken aufgesperrt hat,

sodass es sich niemals wieder schließen kann.


Eine Feuertaufe ist also keine Vernichtung.

Eine Taufe steht nicht am Ende, sondern am Anfang des Lebens.

Trotzdem ist eine Feuertaufe nichts Angenehmes:

Sie ist eine Bewährungsprobe, die man bestehen muss.


Wer aber führt diese Bewährungsprobe durch?

Ist es der Stärkere, dem Johannes den Weg bereitet?

Ist er der Richter, vor dem man eine solche Probe ablegen muss?


Schauen wir uns an, welche Proben da verlangt werden:

„Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat;

und wer Speise hat, tue ebenso,”

rät Johannes denen, die ihn fragen.

„Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!,”

rät er den Zöllnern.

Und zu den Soldaten sagt er:

„Tut niemandem Gewalt noch Unrecht

und lasst euch genügen an eurem Sold!”


Das ist weder spektakulär, noch klingt es besonders schwierig.

Als Frucht des Glaubens ist es fast ein bisschen enttäuschend.

Das, was Johannes fordert,

kann als normales menschlichen Verhalten gelten.

Wer Armen etwas abgibt,

wer ehrlich ist und seine Macht nicht ausnutzt,

braucht nicht einmal die Zehn Gebote zu kennen.


Trotzdem ist es natürlich nicht selbstverständlich,

und wir erleben immer wieder das Gegenteil.

Besonders, wenn es hart kommt, im Krisen- und Kriegsfall.


Was Johannes meint, wenn er sagt:

„Es ist schon die Axt an die Bäume gelegt,”

ist nicht das Jüngste Gericht.

Es ist das Leben, das uns immer wieder vor Herausforderungen stellt.

Herausforderungen, in denen es nichts nützt,

dass man im Prinzip auf der richtigen Seite steht.

Weil man, wenn man es nie geübt hat,

nicht weiß, was man tun soll, wenn es darauf ankommt.


Es gibt Erste-Hilfe-Kurse,

damit man tatsächlich helfen kann,

wenn sich jemand verletzt.


So müsste es auch Kurse in Menschlichkeit geben,

damit man dann, wenn unsere Menschlichkeit gefragt ist,

nicht erst fragen muss: „Was sollen wir tun?,”

sondern gleich das Richtige tut.


Die Hölle ist nicht ein Ort der Strafe für falsches Verhalten,

für Fehler, die man machte, für Sünden, die man beging.

Die Hölle, das sind die anderen.

Wir bereiten sie uns gegenseitig, Tag für Tag,

im Kleinen wie im Großen.

Und die Hölle, das sind wir selbst.

Wir können manchmal richtig gemein und eklig sein -

zu anderen, und zu uns selbst.

Wenn wir uns nicht lieben, uns nicht vergeben können.


Es geht nicht darum, der Hölle zu entgehen,

sondern darum, dass wir uns nicht gegenseitig

das Leben zur Hölle machen.

Darum kommt der Stärkere,

darum kommt der, der mit Heiligem Geist und mit Feuer tauft.

Es ist das Kind in der Krippe,

dem wir in diesen Tagen entgegengehen.


Seine Feuertaufe ist unsere Bewährungsprobe,

ob wir unsere Menschlichkeit bewahren

angesichts der Herausforderungen des Lebens.


Ob es uns gelingt, die Rührung und das Mitgefühl,

das wir angesichts des Kindes in der Krippe empfinden,

über die Weihnacht hinaus in unseren Alltag zu retten.


Und ob wir Mitgefühl auch denen entgegen bringen,

die nicht so rührend schön und hilflos sind wie dieses Kind.

Ob wir also unsere Mitmenschen,

unsere Nächste, unseren Nächsten lieben

und uns selbst lieben können.


Das Kind in der Krippe beschimpft uns nicht als Schlangen und Ottern,

und es vermahnt uns nicht, wie Johannes es tut

und wie es Jürnjakob Swehn noch gern hatte.

Der alte Adam hat das Schimpfen gern, wenn es gegen andere geht.

Der hat es auch gern, wenn mal so richtig draufgehauen wird,

solange ihn keine Schläge treffen.


Das Kind in der Krippe möchte, dass wir von ihm lernen,

mit unseren Mitmenschen so umzugehen,

wie wir es auch für uns möchten.

Das ist gar nicht so schwer.


Es ist auch nicht leicht.

Man muss sich jeden Tag neu daran erinnern,

Mensch zu werden und Mensch zu bleiben,

menschlich zu sein und menschlich zu handeln.


Das ist die Feuertaufe, die wir Tag für Tag bestehen,

damit das Leben für uns und unsere Mitmenschen nicht zur Hölle wird,

und damit unsere Welt nicht zum Teufel geht.