Sonntag, 24. Mai 2026

Beziehung

Predigt am Pfingstsonntag, 24. Mai 2026, über Apostelgeschichte 2,1-21


Liebe Schwestern und Brüder,

am Pfingsttag kamen die Jünger zusammen, wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte.
Da „erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, 
und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist 
und fingen an zu predigen in anderen Sprachen.”

Der Heilige Geist, der die Jünger damals befähigte,
sich ihren Mitmenschen verständlich zu machen,
blieb nicht auf den Kreis der Jünger beschränkt.
Er wurde universell, wie es der Prophet Joel verkündet hatte:
„Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch;
und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen,
und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen,
und eure Alten sollen Träume haben.”

Der Geist Gottes verbreitete sich in den ersten Gemeinden.
Er breitete sich über den Nahen Osten aus,
kam nach Italien, nach Äthiopien und Indien
und umspannt heute die ganze Welt.
Diesen Heiligen Geist Gottes besitzt jede und jeder von uns.
Wir haben ihn bei unserer Taufe erhalten.

Im Vergleich zu der Geistausgießung zu Pfingsten
mit tanzenden Flammen und vielfältigen Sprachen
war es bei uns ein unscheinbarer Vorgang.
Weder wir, noch unsere Eltern und Paten bemerkten etwas davon.
Obwohl es derselbe Geist Gottes ist,
der die Jünger eine Fremdsprache sprechen ließ,
können wir an uns solche Wirkungen des Geistes nicht feststellen.

Der Täufling merkt nicht, wie es geschieht.
Er verändert sich nicht, und es verändert sich nichts in ihm.
Der Pastor merkt nicht, wie es geschieht.
Der Geist fließt nicht aus ihm heraus und auch nicht durch ihn hindurch.

Das wirft Fragen auf:
Haben wir den Geist Gottes tatsächlich erhalten?
Oder besitzen ihn nur wenige Auserwählte,
wie die Jünger.Was bedeutet der Heilige Geist überhaupt, was bewirkt er,
und wodurch macht er sich heute bemerkbar?

I

Zur Beantwortung dieser Fragen möchte ich von meiner Familie erzählen.
Sie soll als Beispiel dienen für eine große Gruppe von Christinnen und Christen,
die man unter dem Begriff der „Volkskirche” zusammenfasst.

Meine Eltern waren getauft, wie schon ihre Eltern und deren Eltern,
und so wurden auch wir Kinder kurz nach unserer Geburt getauft.
Wir gingen in den Konfirmandenunterricht und wurden konfirmiert.
Meine Eltern haben kirchlich geheiratet,
und meine Großeltern wurden kirchlich bestattet.

Meine Mutter betete mit mir beim Zubettgehen:
„Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Äuglein zu.
Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein.
Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut machen allen Schaden gut.”

Das war das einzige Gebet, das in meinem Elternhaus gesprochen wurde.
Und auch das nur solange, bis ich allein einschlafen konnte.

Meine Großmutter besuchte stellvertretend für die Familie
den sonntäglichen Gottesdienst und nahm mich manchmal mit.
Unsere Eltern gingen, solange wir Kinder klein waren,
mit uns am Heiligen Abend zum Krippenspiel.
Als ich lesen gelernt hatte, schickte meine Großmutter mich
als Vertreter der Familie zur Kirche. Und ich war stolz,
zwischen den Erwachsenen in der Bank zu sitzen.

Wir hatten zuhause eine Bibel im Regal stehen, denn
„Wo keine Bibel ist im Haus, da sieht’s gar öd’ und traurig aus,”
zitierte meine Großmutter.
Ich habe aber weder sie noch sonst jemanden in dieser Bibel lesen sehen
oder daraus vorlesen hören.

II

Wenn ich eine religiöse Praxis in unserer Familie benennen sollte,
fällt mir auch wieder meine Großmutter ein:
Sobald jemand „Mein Gott!” sagte oder „Ogottogott!”,
zitierte sie sofort das zweite Gebot:
„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen;
denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.”
Gottes Strafe folgt dem unbedachten Reden auf dem Fuße.
Indem meine Großmutter schnell das zweite Gebot zitierte, konnte sie die Strafe abwenden.

Meine Großeltern und meine Eltern waren Christen,
wie es ihre Vorfahren gewesen waren.
Sie zahlten Kirchgeld und taten das,
was man im Dorf von einem Christenmenschen erwartete:
Einer aus der Familie besuchte den Gottesdienst
und nahm an den Beerdigungen teil.
Das war es, was das Christsein bei uns ausmachte.

Die Art, wie man in meinem Heimatdorf sein Christsein lebte, galt und gilt -
mit regionalen Unterschieden - für eine große Zahl von Kirchenmitgliedern.
Man könnte diese Art als das Minimum christlichen Lebens bezeichnen.
Es geht aber natürlich noch weniger:
Man besucht den Gottesdienst überhaupt nicht mehr,
nimmt nicht am Gemeindeleben teil
oder tritt gleich ganz aus der Kirche aus.

III

Ist man dann noch Christin oder Christ?
Ist ein Glaube, der sich ganz ins Private zurückgezogen hat, noch christlicher Glaube?
Sind Gottesdienstbesuch und Beteiligung am Gemeindeleben
nicht fundamentale Bestandteile des Glaubens?

Paulus, von dem, bis auf einen, nur Briefe an Gemeinden erhalten sind,
in denen er sehr ausführlich auf Belange des Gemeindelebens eingeht -
Paulus nennt im Römerbrief folgende Voraussetzungen:
„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist,
und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat,
so wirst du gerettet”
(Röm 10,9).

Das klingt auf den ersten Blick so, als würde Paulus sagen:
Glaube kann sehr wohl im Privaten stattfinden.
Mehr als ein Lippenbekenntnis, mehr als der Glaube sind nicht verlangt.
In das Herz kann niemand schauen.
Den persönlichen Glauben kann niemand infrage stellen.

Aber wie äußert sich dieser Glaube?
Wie bekennt man, wenn man allein ist: „Christus ist Herr?”
Stellt man sich vor den Spiegel und spricht mit sich selbst?
Woher nimmt man die Gewissheit, dass Christus auferstanden ist?

An der Auferstehung hängt alles andere:
Der Glaube, durch den man gerechtfertigt ist,
sodass man seine Fehler eingestehen und Vergebung finden kann;
die Liebe, die gewiss macht, dass man gut ist so, wie man ist,
dass man gewollt ist und das Leben einen Sinn hat;
die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat
und dass Gott alles zum Guten wenden wird.
Nur, wenn Christus auferstanden ist, behält der Glaube recht,
hat die Liebe einen Grund und die Hoffnung ein Ziel.

IV

Ein solches Bekenntnis kann man nicht allein ablegen.
Der Glaube ist nicht immer gleich stark.
Es gibt Zeiten, da sagt man im Brustton der Überzeugung: Christus ist Herr!,
wie wir am Ostermorgen dem Tod ins Gesicht lachen,
wenn wir voll Inbrunst und Hoffnung singen: Christ ist erstanden.

Und es gibt Zeiten, da klingt das Bekenntnis wie eine Frage: Christus ist Herr?
In solchen Zeiten braucht man den Beistand der Gemeinde.
Sie legt das Bekenntnis ab,
das einem im Moment nicht über die Lippen kommen will.
Der Glaube der anderen hilft meinem schwachen Glauben.
Ihre Fürbitte gibt mir Kraft, macht mir Mut und Hoffnung.

Beim Turmbau zu Babel verwirrte Gott die Sprachen,
damit die Menschen sich nicht mehr einig werden
und ihre Träume nicht mehr in die Tat umsetzen konnten.
Zu Pfingsten schafft der Heilige Geist Verständigung für die durch Christus erlöste Menschheit.
Sie will nicht mehr den Himmel stürmen.
Sie will füreinander da sein,
miteinander diese schöne Erde bebauen und bewahren.

V

Alle Getauften haben Gottes Geist empfangen.
Aber nur wenige leben ihren Glauben.
Den meisten scheint es mit dem Glauben so zu gehen
wie der Bibel in meinem Elternhaus:
Es ist wichtig, sie zu haben; aber sie wird nicht benutzt.

Vielleicht spürt man instinktiv,
dass etwas mit einem passieren könnte, wenn man in ihr lesen würde.
Ebenso ahnt man, dass der Glaube einen verändern würde,
wenn man sich auf ihn einließe.
Wer lässt sich schon gern überraschen,
wer möchte sich ständig verändern?

Aber vielleicht ist es gar nicht so.
Vielleicht genügt der Glaube im Regal.
Vielleicht ist diese Art, mit dem Glauben umzugehen, die Regel,
und diejenigen, die ihren Glauben unbedingt leben und erleben wollen, sind die Ausnahme?

Wie kann es dann solche Ausnahmen geben, wenn doch alle den Geist empfangen haben?
Auch mit dem Geist ist es wie mit der Bibel im Regal:
Man hat ihn, er ist da, aber man muss ihn auch gebrauchen.
Nicht wie einen Hammer oder einen Schraubenzieher.
Der Heilige Geist ist kein Werkzeug.

VI

Der Heilige Geist ist Beziehung.
Auf dem Sinai schloss Gott den Bund mit seinem Volk Israel
und gab ihm seinen Willen, die Gebote.
Wer Gottes Willen tat, lebte in einer Beziehung mit Gott.

In Jesus Christus wurde Gottes Wille ein Mensch wie wir.
Gottes Gebot stand nicht mehr über uns, es lebte mit uns.
Jesus lebte uns vor, wie die Liebe Gottes Willen erfüllt,
wie sie versöhnt und heilt und sogar den Tod besiegt.

Im Heiligen Geist ist Gott in uns.
Gottes Gebot ist in uns, in unseren Herzen.
Sein Wille kann zu unserem Willen werden,
wenn wir ihn dazu machen: Wenn wir Gottes Willen wollen.

Gottes Wille steht uns klar vor Augen,
jede und jeder kann ihn verstehen: Es ist die Liebe.
Die Liebe zu Gott, zum Mitmenschen und zu uns selbst.
Es braucht nur noch einen Schritt: Unseren.

VII

Um als Christin, als Christ zu leben, muss man nicht in den Gottesdienst gehen,
wenn man dazu keine Lust hat;
man muss nicht Teil der Gemeinde werden, wenn man sich damit nicht wohlfühlt.

Aber wer den Schritt gegangen ist, sucht die Begegnung mit Gott,
sucht Gelegenheit, Mitmenschen zu helfen und zu spüren, dass man gut ist so, wie man ist,
indem man sich im Lächeln anderer Menschen spiegelt.

Das muss nicht in der Gemeinde, im Gottesdienst sein.
Aber sie sind ein guter und bewährter Ort,
an dem man Gott im Mitmenschen begegnen kann,
wo man sich eingeladen findet und andere einlädt.