Predigt am 4.Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2026, über Römer 12,17-21
Liebe Schwestern und Brüder,
„wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen;
dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.
Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.”
Einer der einprägsamen Sätze der Bibel.
Wer ihn einmal gelesen hat, der vergisst ihn nicht so schnell.
Wahrscheinlich liegt es am drastischen Bild, das er zeichnet:
feurige Kohlen auf dem Kopf - stellen Sie sich das mal vor!
Das mag man sich gar nicht vorstellen.
Aber wie mit dem rosa Elefanten, an den man nicht denken soll
und gerade deshalb an ihn denkt,
so ist es auch mit den glühenden Kohlen auf dem Haupt:
Wenn der Gedanke erst einmal da ist, bleibt er.
Unangenehm ist er, dieser Gedanke.
Und darum geht es auch, denke ich.
Der Satz will nicht ausmalen,
wie schrecklich und schmerzhaft es sein muss,
wenn glühende Kohlen Haar und Haut versengen.
Es geht ihm um das Unangenehme,
das man allein bei der Vorstellung empfindet:
So fühlt sich ein Feind, dem wider Erwarten Gutes getan wird.
Denn ein Feind rechnet nicht damit,
von seinem Gegner zu Essen und zu Trinken zu bekommen.
Wenn der Feind in diese Verlegenheit käme,
wäre er in der Hand seines Gegners, er wäre sein Gefangener.
Solange er die Oberhand behielt,
nahm er sich einfach, was er brauchte.
Im Krieg ist alles erlaubt - jedenfalls fragt keiner,
woher das Brot und der Trank kam.
Wer aber Speis und Trank überreicht bekommt,
stellt keine Bedrohung mehr dar.
Der hat die Waffen aus der Hand gelegt -
sonst könnte er die Nahrung nicht annehmen.
Ob er das aus freien Stücken tat, oder weil er besiegt wurde:
er ist seinem Gegner unterlegen, der ihm Essen spendet.
Öffentlich als unterlegen dazustehen ist peinlich -
und wem etwas peinlich ist, der bekommt einen roten Kopf,
rot wie glühende Kohlen.
Da ist es, das Bild von den Kohlen auf dem Haupt.
Es meint eigentlich die Schamesröte,
die das Gesicht zum Glühen bringt.
Die Großzügigkeit des Gegners beschämt den Feind.
Ist das der Sinn der Übung?
Wenn ja, wäre das auch eine Form der Gewalt.
Man nennt sie „passive Aggression”.
Der Name weist darauf hin,
dass dabei Gewalt nicht sichtbar ausgeübt wird.
Nach außen hin ist man ganz friedlich.
Man versetzt dem anderen heimlich einen Hieb,
von dem er oft erst hinterher etwas bemerkt.
Z.B. durch ein vergiftetes Kompliment:
„Dafür, dass du total ungeschickt bist,
hast du es doch noch ganz gut hingekriegt.”
Erst auf den zweiten Blick merkt man,
dass einem gerade eine große Unverschämtheit gesagt wurde.
Oder durch die sogenannte „Schuldumkehr”:
„Es tut mir leid, dass du dich durch meine Bemerkung gekränkt fühlst.”
Auch hier bemerkt man die Gemeinheit erst im Nachhinein:
Statt sich für die Kränkung zu entschuldigen,
schiebt der andere einem selbst die Schuld in die Schuhe:
Man hat ihn angeblich einfach nicht richtig verstanden.
Die passive Aggression kommt ganz friedlich daher.
Unter dem Deckmantel eines Komplimentes
oder einer vorgeblichen Entschuldigung tut sie dem anderen weh.
Weil sie so gut getarnt ist, merkt man nicht gleich,
welche Gemeinheit einem da untergejubelt wurde.
Wenn man es bemerkt, ist es für eine Entgegnung meist zu spät.
Passive Aggression kommt überall da vor,
wo nach außen hin der Schein von Geschwisterlichkeit,
Friede und Freundlichkeit gewahrt werden muss.
Also ganz besonders in der Kirche.
Unter Christenmenschen ist es verpönt, zornig oder wütend zu sein.
Wir sollen uns doch alle lieben!
Aber auch unter Christenmenschen gibt es Neid oder Zorn auf den anderen,
fühlt man sich gekränkt, zurückgesetzt, verletzt.
Diese Gefühle müssen irgendwo hin;
man kann seine Wut nicht dauerhaft herunterschlucken.
Wenn man aber nicht wütend sein darf,
frisst man entweder die Wut in sich hinein und wird krank davon -
oder man findet Wege, dem anderen eins auszuwischen:
Die passive Aggression.
Die glühenden Kohlen auf dem Haupt gehören aber nicht dazu.
Denn sie existieren nur in der Vorstellung dessen,
der seinem Feind etwas zu Essen und zu Trinken gibt;
der Feind selbst merkt nichts von diesen Gedanken.
Er empfindet allenfalls die Beschämung,
von seinem Gegner so freundlich behandelt zu werden.
Die Vorstellung, dem anderen glühende Kohlen aufs Haupt zu häufen,
ist ein Ausweg aus dem Dilemma,
die Wut entweder in sich hineinzufressen
oder es dem anderen passiv-aggressiv heimzuzahlen.
An vielen Stellen der Bibel finden sich solche Bilder,
die dem Feind in der Phantasie etwas Schlimmes antun oder wünschen.
Am furchtbarsten ist wohl der Schluss des 137. Psalms, der so beginnt:
„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,
wenn wir an Zion gedachten.
Denn dort hießen uns singen,
die uns gefangen hielten,
und in unserm Heulen fröhlich sein.”
Dieser Psalm endet mit den schrecklichen Worten:
„Tochter Babel, du Verwüsterin,
wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast!
Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt
und sie am Felsen zerschmettert!”
Wie können solche Worte in der Bibel stehen?
Wie kann man so etwas Schlimmes auch nur denken?
Es ist ein gewaltiger Unterschied,
ob man sich etwas vorstellt, oder ob man es auch tut.
Eine Vorstellung von etwas führt nicht zwangsläufig zur Tat.
Im Gegenteil: Manchmal reicht es, sich etwas vorzustellen;
man muss es dann nicht mehr tun.
Man schämt sich vielleicht sogar dafür,
dass man dem anderen so etwas Schlimmes gewünscht hat.
Die Kirche hat auch die Gedanken zur Quelle der Sünde erklärt:
„Ich habe gegen dich gesündigt in Gedanken, Worten und Werken,”
heißt es im Schuldbekenntnis.
Als sündig galten vor allem sexuelle Träume.
Aber auch dem Feind Böses zu wünschen,
wie es der 137. Psalm tut, war Sünde.
Aber ein Feind ist ja nicht einfach nur jemand,
der mich nicht mag, der mich gekränkt oder beleidigt hat.
Ein Feind ist jemand, der mich bekämpft.
Der mir schaden, mir Böses tun, mich vernichten will.
Das merkt man, wenn man seinem Feind gegenübersteht,
schon bevor man den ersten Hieb erhalten hat.
Wenn man so persönlich angegangen wird,
wenn man weggewünscht, weggemobbt, weggejagt wird -
sollte man dann nicht zornig sein?
Natürlich ist man zornig, so wie man Schmerz empfindet,
wenn man geschlagen wird, sich schneidet oder stößt.
Diesen Zorn empfindet man, man kann gar nicht anders.
Es wäre fahrlässig, ihn zu unterdrücken,
denn er sucht sich und findet ein Ventil.
Aber zwischen dem Empfinden des Zorns
und dem Wutausbruch liegen Welten,
genau wie zwischen dem Gedanken und der Tat.
Um den Zorn nicht ausleben zu müssen,
um ihn aber auch nicht in sich hineinzufressen,
kann man sich in Gedanken ausmalen,
was man seinem Feind alles antun,
was man ihm an Bösem und Schlechtem wünschen würde.
Dann braucht man es nicht mehr zu tun.
Dann kann man wieder klar sehen und erkennen,
dass auch der Feind ein Mensch ist,
der Hunger hat und Durst,
im wörtlichen und im übertragenen Sinn.
Die Israeliten waren Gefangene in Babylon.
Sie waren nicht in der Lage, sich an ihren Feinden zu rächen
und ihnen heimzuzahlen, was sie ihnen angetan hatten.
Das Land Israel war immer schon ein Spielball der Mächte,
das Volk Israel Opfer ihrer Schach- und Winkelzüge.
Sie konnten sich nicht wehren.
Sie konnten aber in den Psalmen ihrer Wut und Verzweiflung Ausdruck geben.
Wer schwach, klein und unterlegen ist,
dem bleibt nur das Schimpfen und Fluchen.
Das ist keine Schwäche - im Gegenteil: Es ist eine Stärke.
Wer dem Feind glühende Kohlen aufs Haupt wünschen kann,
muss ihn nicht sein Haus anzünden.
Um Gewalt zu verhindern, muss man Hass und Zorn einen Raum geben,
in dem sie keinen Schaden anrichten können: Unseren Kopf.
Um die Feinde lieben und ihnen Brot und Trank reichen zu können,
muss man die Wut, den Schmerz, den Zorn empfunden haben,
den ihre Feindschaft anrichtete.
Wenn man diese Gefühle zulassen und ihnen Raum geben konnte,
ohne sie auszuleben und in die Tat umsetzen zu müssen,
kann man das Messer aus der Hand legen
und dem Feind mit Brot in der Hand gegenübertreten.
Erst wer das Böse in sich selbst überwunden hat,
kann Böses mit Gutem überwinden.