Sonntag, 30. August 2026

Freundlichkeit (2)

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 30.08.2026, über Acta 6,1-7


Liebe Schwestern und Brüder,


die Anfänge des Christentums liegen in einem warmen, goldenen Glanz,

wie ihn die Vorstellungskraft über eine Vergangenheit legt,

die angeblich besser war, als man die Gegenwart erlebt.

Über die erste Gemeinde in Jerusalem heißt es in der Apostelgeschichte:


    „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel,

    in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.

    Alle, die gläubig geworden waren, blieben beieinander

    und hatten alle Dinge gemeinsam.

    Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle,

    je nachdem es einer nötig hatte.

    Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel

    und brachen das Brot hin und her in den Häusern,

    hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen,

    lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.”


Ein Idyll, ein Ideal wird hier beschrieben,

nach dem sich wohl jede:r schon einmal gesehnt hat:

So sollte es sein.

So sollte es zugehen in der Kirche, in der Gemeinde.

So selbstlos, so solidarisch, so harmonisch, so fröhlich.


So sollte es sein. So war es. Und so ist es auch.

In der Jungen Gemeinde, auf einer Rüstzeit, im Bibelkreis,

im Kreis der Mitarbeitenden oder im Kreis,

den man beim Abendmahl vor dem Altar bildet,

erlebte und erlebt man diese besondere Gemeinschaft.


Eine Gemeinschaft, in der es jetzt gerade keine Rolle spielt,

wer man ist, woher man kommt, was man getan hat, was man besitzt.

Eine Gemeinschaft, in der man jetzt gerade nicht mit den anderen

um Aufmerksamkeit zu konkurrieren braucht,

um Anerkennung, um Liebe, oder um Macht.

Eine Gemeinschaft, in der es jeder und jedem Einzelnen gelingt,

die eigenen Wünsche und Bedürfnisse für eine Weile zurückzustellen,

weil ein anderer im Mittelpunkt steht: Jesus Christus.


In seinem Namen kommen wir zusammen.

Seinetwegen tun wir, was wir tun.

Wir folgen seinem Gebot, uns von Gottes Liebe leiten zu lassen.

Und vertrauen auf seine Verheißung, dass er bei uns ist,

wenn wir ganz bei seiner Sache sind.


Wenn eine Gemeinschaft sich so auf Christus, ihre Mitte, konzentriert,

ist sie ganz bei sich selbst.

Sie wird nicht von den Wünschen und Interessen Einzelner geleitet,

ihren Vorlieben, Abneigungen oder Launen,

sondern von dem Auftrag, den Christus seinen Jüngerinnen und Jüngern gab.


Wir Einzelnen sehen von uns selbst ab,

wenn wir uns von Christus gesehen fühlen.

Dann ist er zu spüren, der warme Glanz der ersten Gemeinde.

Wer sich von Christus gesehen weiß, sieht

- vielleicht zum ersten Mal wirklich -

seine Mitmenschen: wie es ihnen geht, was ihnen fehlt.


Solche Momente erlebt man immer wieder.

Das ist mit ein Grund, warum man in den Gottesdienst geht:

Um ein Teil dieser fraglosen, selbstverständlichen Gemeinschaft zu sein.

Sie ist nicht unser Werk, sondern das Werk dessen,

der uns eingeladen hat: Christus.


Es sind Momente, es ist kein Dauerzustand.

Wir kommen immer wieder hierher in den Gottesdienst,

weil solche Momente die Ausnahme sind, nicht die Regel.


In der Regel menschelt es, wie überall, so auch in der Kirche.

Schon vier Kapitel nach der Schilderung der goldenen Anfänge

lesen wir in der Apostelgeschichte,

dass es in der Jerusalemer Gemeinde nicht nur einträchtig zuging:


    „Zu dieser Zeit, als die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs,

    grollten die Griechisch sprechenden Gemeindeglieder den Aramäisch sprechenden.

    Denn ihre Witwen wurden bei der täglichen Unterstützung übersehen.

    Die Zwölf riefen die Menge der Jünger zusammen und sagten:

    Es geht nicht an, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen,

    indem wir für die Mahlzeiten sorgen.

    Darum, Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer,

    die einen guten Ruf haben, geistvoll und weise sind.

    Die wollen wir zu diesem Dienst bestellen.

    Wir aber wollen uns dem Gebet und dem Dienst am Wort widmen.

    Diese Lösung gefiel der ganzen Menge,

    und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glauben und Heiligem Geist,

    Philippus, Prochoron, Nikanor,

    Timon, Parmenas und Nikolaus, den Konvertiten aus Antiochia.

    Die präsentierten sie den Aposteln,

    und die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.

    Und das Wort Gottes breitete sich aus,

    und die Zahl der Jünger vergrößerte sich stark.

    Auch eine große Menge von Priestern hing dem neuen Glauben an.”


Es gab Streit in der Jungen Gemeinde. Griechen grollten Aramäern.

Aramäer, das waren die Alteingesessenen,

deren Vorfahren bereits in Jerusalem gelebt hatten -

manche vielleicht schon seit König Davids Zeiten.

Die Griechen dagegen waren zugezogen, keine echten Jerusalemer.

Und diese Griechen grollten.

Sie grollten, weil ihre Witwen bei der täglichen Unterstützung übersehen wurden.


Wie kann man in einer Gemeinde Leute übersehen,

dazu noch eine ganze Gruppe, die griechischen Witwen?

Wie konnte es passieren, dass man sie vergaß,

während man den anderen ihre tägliche Unterstützung zukommen ließ?


Man kann sich verschiedene Gründe vorstellen -

es könnte an Überlastung gelegen haben:

Es waren einfach viel zu Viele zu versorgen,

man kam nicht mehr hinterher.

Oder die griechischen Witwen könnten Opfer eines Konfliktes

zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen geworden sein.


Doch man braucht gar nicht nach Gründen zu suchen,

muss keinen bösen Willen unterstellen.

Die Witwen wurden wahrscheinlich einfach so übersehen,

wie man eben manchmal etwas oder jemanden übersieht.


Nun kann man einwenden:

Jemanden unabsichtlich übersehen, das ist doch gar nicht möglich!

Ein Mensch ist schließlich nicht so winzig oder unscheinbar,

dass man ihn oder sie einfach übersehen könnte.

Sonst würde man ja auf dem Gehsteig ständig mit anderen zusammenstoßen.

Wenn man jemanden derart übersieht,

kann nur eine böse Absicht dahinterstecken!


Aber überlegen Sie mal, mit wem Sie das letzte Mal

hier in der Schlosskirche Gottesdienst gefeiert haben.

Da waren Ihre Freundinnen und Freunde, Ihre Bekannten.

Da waren die, die Sie regelmäßig hier antreffen.

Und wer war da noch?


War da vielleicht ein fremdes Gesicht, das man gleich wieder vergaß?

War da vielleicht jemand, der Ihnen unsympathisch erschien?

Jemand, bei dem, bei der man dachte:

„Hoffentlich setzt die sich nicht neben mich!”

So wird ein Mensch unsichtbar, auch wenn wir sie oder ihn sehen.

Man sieht weg, man sieht durch ihn hindurch.


Erst, wenn man sich für einen Menschen interessiert,

bekommt er ein Gesicht und einen Namen.

Andreas, Maike, Marion, Holger, Anke, Malte oder Dirk -

so hießen meine Schulfreunde,

deren Gesichter ich vor mir sehe, während ich ihre Namen aufzähle.


Ich möchte wissen, was aus ihnen geworden ist.

Ich freute mich mit ihnen, wenn sie Glück erlebten,

und litt mit ihnen, wenn sie Kummer und Leid erfuhren.

Viele Namen, viele Gesichter sind seitdem dazugekommen.

Manche habe ich vergessen - und sie sind doch immer noch da,

wenn ich ihr Foto sehe oder ihren Namen lese.


Wenn man sich für andere Menschen interessiert,

wendet man die eigene Aufmerksamkeit von sich selbst weg.

In diesem Augenblick nimmt man sich selbst nicht so wichtig -

auch wenn man eben vielleicht noch Hunger spürte oder Schmerzen,

wenn man traurig war, ängstlich oder ratlos.


Sobald das Interesse am anderen geweckt ist, vergisst man das alles.

So selbstvergessen tun wir Menschen erstaunliche Dinge:

Wir wenden uns anderen zu, wir sind freundlich, hilfsbereit,

hören zu, machen Mut, wissen Rat.


So selbstvergessen sind wir manchmal sogar bereit, Dinge zu tun,

die wir nicht tun würden, wenn wir nur an uns denken:

Nachgeben. Einen Fehler eingestehen. Vertrauen.

Einmal etwas nicht besser wissen. Uns zurückhalten. Schweigen.


Jesus hat diese Selbstvergessenheit vorgelebt.

Als Moralapostel eine Frau zu ihm brachten,

die unmoralisch gehandelt hatte,

malte er mit dem Finger im Sand, selbstvergessen, wie ein Kind.

Als seine Jünger ihn fragten, wie man beten sollte,

lehrte er sie, das eigene Wollen zurückzustellen

und Gottes Willen geschehen zu lassen.

Als 5.000 Menschen nichts zu essen hatten,

zeigte er mit fünf Broten und zwei Fischen,

wie man satt wird, wenn man teilt.


So selbstvergessen kann nur sein und handeln,

wer sich nicht um sich selbst sorgen muss.

Wer Angst hat, zu kurz zu kommen, kann nicht großzügig sein.

Wer keine Liebe, keine Anerkennung, keinen Respekt erfährt,

wie soll der lieben können,

wie soll der andere anerkennen und respektieren?

Wer unersättlich ist, wie soll der satt werden?


Durch Christus erfahren wir die Liebe Gottes.

Wir erleben, wie sie uns durchströmt, eine unerschöfpliche Quelle.

Von Christus hören wir: Gott sieht uns.

Gott sieht uns an, wie ein guter Vater:

Liebevoll, freundlich und voller Stolz auf uns.

Darum können wir von uns ab- und andere ansehen.


Die sieben Diakone Stephanus, Philippus, Prochoron,

Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus waren Leute,

die sich von Gott gesehen wussten.

Sie waren „voll Glauben und Heiligem Geist”, wie es heißt.

Darum konnten sie von sich selbst absehen

und die Not der Witwen und anderer Menschen erkennen.


Indem sie sich für andere interessierten,

breiteten sie den christlichen Glauben aus.

Denn in der Freundlichkeit eines Stephanus

begegnete den Menschen die Liebe Gottes,

von der Stephanus erfüllt war.


Solche Freundlichkeit wirkt wie der Sauerteig,

den Jesus als Gleichnis für das Himmelreich nahm.

Sie lässt Menschen, die bisher wenig Freundlichkeit erlebten,

fragen: „Was macht, dass der so freundlich ist?”


In dem Respekt, den Philippus denen zollte, die andere übersahen,

erfuhren sie, dass sie trotz ihrer Armut Würde hatten.

Wenn Prochoron ihnen Essen brachte,

wurden sie nicht nur satt, sondern auch gesehen.

Wenn Nikanor einen Verband wechselte,

heilte er dabei manchmal auch eine seelische Wunde.

Wenn Timon Kinder unterrichtete,

zeigte er seine Begeisterung und seinen Stolz -

nicht so sehr für ihre Leistungen,

sondern für ihr je eigenes, unverwechselbares Wesen.


Kommt Ihnen die Aufzählung bekannt vor?

Bis heute ist das ein Teil der Aufgaben,

die durch die kirchliche Diakonie geleistet werden.

Damals in Jerusalem begann es.

Seitdem gibt es Diakon:innen, Gemeindepädagog:innen,

Erzieher:innen, Altenpfleger:innen, und noch so viele mehr.


In den Taten der Liebe, die sie tun, breiten sie den Glauben aus.

Die Liebe Gottes fließt durch sie auf die Menschen über, denen sie begegnen,

und durch ihre Freundlichkeit, ihren Respekt, ihre Anerkennung

blitzt das freundliche Antlitz Gottes, mit dem er sie wie uns ansieht.


Das wird den meisten von ihnen nicht bewusst sein.

Und nicht immer wird die Freundlichkeit Gottes in ihrem Handeln zu spüren sein.

Auch ein:e Diakon:in hat mal einen schlechten Tag,

auch sie, auch er ist in erster Linie ein Mensch, kein:e Heilige:r.


Wir alle sind in erster Linie Menschen, keine Heiligen.

Doch in uns allen strömt Gottes Liebe.

Auch aus uns kann Gottes Freundlichkeit zu anderen sprechen,

wenn wir uns bewusst machen,

dass unser Glas nicht halb leer ist, sondern halb voll.


Wenn wir zu sehen lernen, wie viel wir besitzen, wie gut wir versorgt sind,

wie frei wir in unserem Land leben können, und wie sicher,

statt auf hohem Niveau zu jammern über angebliche Missstände,

neidisch auf andere zu sein

und auf das zu pochen, von dem wir meinen, es stünde uns zu,

wären wir fröhliche, freundliche, umgängliche Menschen.


Es ist so viel schöner, freundlich zu sein statt barsch;

großzügig und freigiebig statt neidisch;

einfühlsam und verständnisvoll statt hartherzig und bitter -

schöner für uns, und besser für unser Miteinander.

Dazu ist nichts weiter nötig als die Erkenntnis,

dass wir keinen Mangel leiden, weil Gottes Fülle uns erfüllt,

und dass wir alles haben - Liebe, Glück und ein sinnvolles Leben -,

weil wir Gottes Kinder sind.


So sagt es Hanns-Dieter Hüsch in einem Gedicht,

mit dem ich schließen möchte:


    Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

    Gott nahm in seine Hände meine Zeit.

    Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

    mein Triumphieren und Verzagen,

    das Elend, und die Zärtlichkeit.


    Was macht, dass ich so fröhlich bin

    in meinem kleinen Reich?

    Ich sing und tanze her und hin,

    vom Kindbett bis zur Leich.


    Was macht, dass ich so furchtlos bin

    an vielen dunklen Tagen?

    Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

    will mich durchs Leben tragen.


    Was macht, dass ich so unbeschwert

    und mich kein Trübsinn hält?

    Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

    wohl über alle Welt.

Samstag, 1. August 2026

Lizenz zum Risiko

Predigt am 9.Sonntag nach Trinitatis, 2. August 2026, über Jeremia 1,4-10

Liebe Schwestern und Brüder,

James Bond, der Geheimagent seiner Majestät, wird beim britischen Geheimdienst MI6 als „007” geführt. Ein Doppel-Null-Agent hat allen anderen Geheimagenten etwas voraus: Er hat die Lizenz zum Töten. Diese Lizenz benutzt James Bond dazu, sein Ziel auf jedem Wege zu erreichen, der sich ihm bietet - je gefährlicher und spektakulärer, desto besser. Dabei müssen nicht nur Bösewichte dran glauben. Bei seinen irrwitzigen Einsätzen kommt es zu zahllosen Kollateralschäden: Maßgeschneiderte Anzüge zerreißen, Gläser und Vasen zersplittern, Mobiliar zerbricht oder geht in Flammen auf, Häuser, Autos, Schiffe, Flugzeuge explodieren. Auch seinen Dienstwagen fährt Bond jedes Mal zu Schrott. Bonds Draufgängertum treibt „M”, seine Vorgesetzte, regelmäßig zur Verzweiflung. Aber am Ende bringt seine Verwegenheit den gewünschten Erfolg, und „007” darf sich in ein neues Abenteuer stürzen.

Ein wenig James Bond steckt wohl in uns allen. In jeder und jedem schlummert eine Abenteurerin, ein Draufgänger. Es braucht nur die Lizenz zum Risiko, dass man dem Drang zum Abenteuer nachgibt. Dann schlägt man alle Sicherheiten und alle Vorsicht in den Wind, folgt der Laune des Augenblicks und macht etwas, bei dem man sich im Nachhinein eingesteht, dass es ziemlich leichtsinnig war. 

Eine Lizenz zum Risiko stellt nicht der britische Geheimdienst aus oder eine andere Organisation; man erteilt sie sich selbst. Die meisten tun das in einem Alter, in dem auch der Prophet Jeremia war, von dem wir eben in der Lesung hörten: Als Jugendliche. Hätten unsere Eltern von unseren riskanten Unternehmungen gewusst, wären sie vergangen vor Angst, und es hätte richtig Ärger gegeben. Oder sie erfuhren es, und es gab richtig Ärger. 

Auch, wenn Vorsicht, Angst oder eine strenge Erziehung von solch leichtsinnigen Unternehmungen abhielten, hat man sich zumindest ausgemalt, hat davon geträumt, einmal wenigstens die Lizenz zum Risiko zu nutzen. Einmal etwas Verrücktes, etwas Leichtsinniges, etwas Abenteuerliches zu tun!

Jeremia ist genau in dem Alter, das zu Leichtsinn und Abenteuern animiert: Er ist ein Jugendlicher. Doch Jeremia erteilt sich nicht die Lizenz zum Risiko. Er erhält eine Lizenz von Gott: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.” Das klingt fast nach einem Freibrief, wie James Bond eine Spur der Verwüstung hinter sich lassen zu dürfen - wären da nicht auch „bauen” und „pflanzen”. Als würde Gott sagen: „Du darfst alles kaputt machen, aber hinterher räumst du alles schön wieder auf!” 

Zerstören, kaputtmachen, alles kurz und klein schlagen - auch so ein Drang, den wohl jede:r von uns kennt, wie die Lust zum Abenteuer. Kinder machen gern kaputt, was sie oder andere vorher aufgebaut hatten - einen Turm aus Bauklötzen, oder eine Sandburg am Strand. 

Jeremia darf dem Zerstörungsdrang nachgeben. Aber er muss anschließend die Voraussetzungen für einen neuen Anfang schaffen, muss etwas aufbauen und anpflanzen. Dieser Auftrag ist nicht altersgerecht; das kann man von einem Jugendlichen nicht erwarten und nicht verlangen. Oder doch?

Als Jugendliche:r empfindet man so scharf und drängend wie später niemals mehr, wenn man selbst oder jemand anders ungerecht behandelt, wenn mit unterschiedlichem Maß gemessen wird. Man spürt genau, wenn jemand nur so tut als ob, wenn jemand lügt. Und nie wieder empfindet man so intensiv diese Wut, die angesichts von Ungerechtigkeit oder Verlogenheit alles kurz und klein schlagen möchte. Von Erwachsenen wird man bei solchen Wutausbrüchen mitleidig-herablassend behandelt: „Das gibt sich wieder,” sagen sie, als hätte man sich eine Erkältung eingefangen. Und tatsächlich gibt es sich: Man wird älter und lernt, dass man vernünftig und pragmatisch sein muss. Dass es nun einmal ungerecht zugeht in der Welt, und man nichts dagegen machen kann. Dass man manchmal gute Miene zum bösen Spiel machen muss. Dass man besser nicht sagt, was man wirklich denkt, weil man damit jemanden gegen sich aufbringt, der einem schaden kann.

Als Jugendliche:r hat man auch, wie später niemals mehr so klar und deutlich, eine Vorstellung davon, wie die Welt sein könnte und wie sie sein sollte, was richtig ist und was falsch. Aber die Erwachsenen erklären einem, dass diese Ideen unrealistisch sind, dass man Waffen nicht einfach abschaffen kann, dass das mit der gerechten Verteilung von Nahrung und Bildung, Wasser und Wohlstand nicht funktioniert. Es werde schon kein Krieg kommen, sagen sie, der Klimawandel werde schon nicht so schlimm, wie man befürchtet. Und vom Autofahren würde man schließlich auch profitieren. „Werde erst einmal so alt wie wir, dann siehst du schon, dass wir recht haben,” heißt es.

Eines Tages ist man so alt, wie es die Eltern damals waren. Und spürt angesichts der Verhältnisse und der Zustände im eigenen Umfeld, im Beruf und in der Welt eine bleierne Müdigkeit, die man sich nicht erklären kann.

Statt den Kick im Nervenkitzel, beim Ausprobieren der eigenen Fähigkeiten und Grenzen, im Erleben von Abenteuern zu suchen, findet Jeremia seine Herausforderung im Zerstören und Aufbauen. Doch in der Größenordnung, die Gott vorschwebt - er spricht von Völkern und Königreichen -, was soll ein 16jähriger da ausrichten?

Ein Haus abbrechen, ein Beet im Garten anlegen, würde auch schon eine Menge Zeit und Kraft kosten, aber es wäre zu schaffen. Doch das ist nicht, was Jeremia vorschwebt. Es geht ihm nicht um Selbstverwirklichung; er will die Welt verändern. Und das ist es auch, was Gott vorhat. Gott denkt in großen, in globalen Zusammenhängen, nicht in kleinen Schritten.

Aber wie soll ein Jugendlicher im globalen Maßstab ausreißen und einreißen, zerstören und verderben, wie soll er im Rahmen ganzer Länder bauen und pflanzen?

Natürlich ist nicht daran gedacht, dass Jeremia sich die Ärmel hochkrempelt, den Vorschlaghammer packt und auf die nächstbeste Wand eindrischt. Es ist keine Zerstörung gemeint, wie sie uns die Bilder aus dem Gaza-Streifen oder der Ukraine vor Augen führen. Das ist so eine naive Idee von Menschen, die ihren Kinderschuhen nie wirklich entwachsen sind: Einfach mal alles kaputt machen - eine Institution, einen Staat - und dann sehen, was passiert. Zum einen gibt es nichts Neues unter der Sonne, das wusste schon der Prediger Salomo vor rund zweieinhalbtausend Jahren. Das Neue, das auf den Trümmern des Alten entstehen soll, ist auch nicht automatisch besser. Und zum anderen haben die Erwachsenen schon recht, dass es so einfach, wie man sich Veränderungen vorstellt, nicht geht. Aber nicht, weil es so furchtbar schwer wäre, etwas zu verändern. Sondern weil alles mit allem zusammenhängt. Deshalb muss man sich gut überlegen, was man wem mit einer Veränderung zumutet und antut.

Das Werkzeug, dass Jeremia für sein zerstörerisches und aufbauendes Werk zur Verfügung hat, sind nicht Waffen, wie James Bond sie benutzt, sondern Worte. Aber was sollen Worte schon ausrichten? „Worte sind Schall und Rauch,” heißt es. Das merkt jede:r Jugendliche, der|die mit Erwachsenen diskutiert: Sie wird nicht ernst genommen. Wenn sie nicht weiter wissen, wenn sie gegen die Argumente der Jugendlichen nichts aufbringen können, ziehen Erwachsene die Alterskarte: „Werde erst einmal so alt wie wir, dann wirst du schon sehen …” Der Verweis auf das höhere Alter und die damit größere Lebenserfahrung soll das fehlende Argument ersetzen. Für Jugendliche ist das frustrierend. Ihre Worte prallen wie an einer Wand ab.

Dabei haben die Erwachsenen ja recht: Die Zusammenhänge sind komplexer und komplizierter, als Jugendliche sich das vorstellen. Das ist nicht ihre Schuld - es fehlt ihnen einfach die Erfahrung. Aber das Wissen, dass alles nicht so einfach ist, gibt Erwachsenen nicht das recht, das Anliegen der Jugendlichen damit einfach beiseite zu wischen.

Jeremia ist seinem Alter voraus: Er weiß, dass es unmöglich ist, sich als Jugendlicher Gehör zu verschaffen, von den Erwachsenen ernst genommen zu werden: „Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen,” sagt er; „denn ich bin zu jung.” 

Gott lässt diesen Einwand nicht gelten. Er besteht darauf, dass Jeremia den Auftrag ausführt, den er ihm erteilt.

Jeremia gehorcht. Sein Auftrag ist nicht in wenigen Stunden oder Tagen erledigt wie bei James Bond; er ist eine Lebensaufgabe. Er ist auch weder so glamourös noch so spektakulär, wie es Bonds Auftritte sind, obwohl „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben” ja erst einmal ziemlich gewaltig klingen. Aber wenn man mit Worten statt mit einem Hammer etwas auseinandernehmen soll, wird es gleich um ein Vielfaches mühsamer. Es reicht nicht zu sagen: Das ist falsch, das muss weg. Man muss Gründe liefern, Argumente, Beweise. Man muss seine Meinung durchsetzen. Wenn diese Meinung unbequem, wenn sie nicht angesagt, nicht opportun ist, wird das fast unmöglich. Das Jeremiabuch berichtet in 52 langen Kapiteln davon, wie Jeremia mit seiner Verkündigung immer wieder scheitert: Wie er mundtot gemacht wird, wie der König seine Mahnungen genüsslich Seite für Seite verbrennt, wie er mit ansehen muss, dass das Unheil hereinbricht, das er angekündigt hat.

Jeremia ist seinem Alter voraus. Er ahnt nicht nur, er weiß, dass es aussichtslos ist: Die Erwachsenen werden nicht auf ihn hören. Trotzdem hält er an seinem Auftrag fest, bleibt dabei, sogar, als er am Ende nach Ägypten verschleppt wird. Seine Spur verliert sich im Wüstensand … 

Der Auftrag zur Verkündigung, den Jeremia von Gott erhalten hatte, bedeutete nicht, den Menschen zu sagen, was sie hören wollten. Sein Auftrag war es nicht, sich mit Politikern anzufreunden, nett zu sein, Optimismus zu verbreiten. Sein Auftrag war es, auszureißen und einzureißen, zu zerstören und zu verderben und zu bauen und zu pflanzen. 

Gottes Wort war und ist Stachel im Fleisch - in unserem, und im Leib der Gesellschaft. Gott sagte über seine Schöpfung, dass sie „sehr gut” war. Aber wir, denen die Schöpfung anvertraut ist, dürfen es nicht gutheißen, wenn Gottes Schöpfung zerstört und missbraucht wird. Gott rief alle Menschen beim Namen und schenkte ihnen seine Liebe. Aber wir dürfen nicht zusehen und schweigen, wenn Menschen Unrecht geschieht, wenn ihnen Leid angetan wird, wenn jemand Leben beschädigt oder opfert, um seine Ziele durchzusetzen. 

Nicht alle haben den Auftrag, zu predigen. Die ihn haben, verzweifeln manchmal wie Jeremia daran, wie wenig sie mit ihrer Predigt ausrichten. Sie erschrecken vor der Lizenz, die sie von Gott erhalten haben, „auszureißen und einzureißen, zu zerstören und zu verderben, und zu bauen und zu pflanzen.” Die Versuchung ist groß, diese Lizenz zu verschweigen. Wer hat schon die Nerven eines James Bond und den Mut, es mit anderen aufzunehmen? Wie gern möchte man dazu gehören, Nettes sagen und Freundlichkeit verbreiten. Möchte geliebt werden statt zu nerven, bewundert werden, statt dass andere Intrigen spinnen, wie man am schnellsten aus dem Weg geräumt wird.

Nicht alle haben den Auftrag, zu predigen. Aber der Glaube fordert uns alle immer wieder auf, zu sehen, wo wir stehen, und eine Seite zu wählen: Heulen wir mit den Wölfen, oder wagen wir es, uns an die Seite derer zu stellen, die von Wölfen bedroht werden? Lassen wir uns von Gottes Wort herausfordern und infrage stellen, oder wollen wir nur hören, dass alles gut ist, dass wir ganz in Ordnung sind? Ertragen wir es, die Welt zu sehen, wie sie ist, oder behalten wir lieber die rosa Brille auf, die alles weichzeichnet?

Gott fordert Jeremia auf: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.” Nicht nur Jeremia braucht Mut. Der Glaube stellt auch uns vor Entscheidungen, die Courage verlangen. Wir hatten einmal die Lizenz zum Risiko, oder träumten davon. Was ist daraus geworden? Der Mut, den der Glaube braucht, ist nicht nur der Mut zu Widerstand und Widerspruch, der Mut, sich zu den Außenseitern zu stellen, selbst ein:e Außenseiter:in zu sein. 

Zunächst braucht der Glaube den Mut, sich darauf zu verlassen, dass Gott tatsächlich bei uns ist und uns retten wird. Man kann es niemandem verdenken, dem dieser Mut fehlt. Das Jeremiabuch selbst zeigt eindrücklich, was Jeremia alles erleiden und aushalten musste, bis hin zu seiner Verschleppung und einem ungewissen Schicksal. Unser Glaube ist keine Garantie, dass das Leben uns unversehrt und unbeschadet lässt. Doch unser Glaube hält die Träume lebendig, die wir schon als Jugendliche hatten. Er hält die Flamme des Zorns lebendig, die aufloderte, wenn wir Ungerechtigkeit oder Verlogenheit erlebten. Der Glaube hält uns lebendig in einem Leben, das mindestens so aufregend ist wie das von James Bond, auch wenn uns zum Glück keine Kugeln um den Kopf und keine Autos in die Luft fliegen. Denn einen James Bond gibt es nur in der Phantasie. Unser Leben ist real. Und wenn wir wollen, werden wir die Welt verändern.