Samstag, 20. Juni 2015

Abnehmen

Predigt zum Tag der Geburt Johannes des Täufers (24. Juni) am 21. Juni 2015 über Johannes 3,30:
"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."


Liebe Gemeinde,

"ich muss abnehmen" - ein Stoßseufzer, den jetzt, zu beginn der Badesaison, wohl viele äußern, wenn sie Badehose oder Bikini aus dem Schrank holen und anprobieren.

"Ich muss abnehmen!" - ein Satz, der nicht nur zur Sommerzeit, sondern das ganze Jahr über gebetsmühlenartig wiederholt wird. 
Die Models aus den bunten Magazinen, auf den Plakatwänden und in den Fernsehshows suggerieren, dass ihre zerbrechlichen, dünnen Körper das Maß sind, an dem wir uns messen lassen müssen. Und deshalb kann es für die meisten von uns nur heißen: "Ich muss abnehmen!".

Dabei ist es überhaupt nicht gesund, ständig abzunehmen - im Gegenteil: am gesündesten und am längsten lebt, wer ein leichtes Fettpolster hat; solche Menschen haben die besten Chancen, steinalt zu werden.

I
Abseits unserer Körperwelten spielt das Abnehmen zum Glück auch keine Rolle.  Ganz im Gegenteil: Es scheint, als ginge es überall und allenthalben - sieht man mal vom Körper ab - nur ums Zunehmen. Ums mehr Werden und den Mehrwert, um Steigerung und Wachstum.

Wachstum ist überhaupt die Grundüberzeugung unserer Gesellschaft, die gebetsmühlenartig wiederholt wird. Ohne Wachstum geht es nicht; ohne Wachstum geht gar nichts. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, dann droht die Krise. Die Produktion muss wachsen. Unsere Exporte müssen wachsen. Die Rendite muss größer werden. Aber auch der Konsum muss wachsen. Weil nur so die Wirtschaft wachsen kann, und dann nimmt vielleicht auch die Zahl der Arbeitsplätze wieder zu.

Auch im privaten Bereich ist alles auf Wachstum ausgerichtet: Das Einkommen muss steigen, schließlich steigen ja auch die Preise. Es gilt, Sprosse um Sprosse auf der Karriereleiter zu erklimmen. Und kann man selbst nicht auch immer besser werden? Die eigene Leistung steigern, die Effizienz? Auch seinen Körper kann man immer besser machen, durch Training und Fitness. 

Und warum jammert die Kirche über sinkende Mitgliederzahlen? Gemeinden können doch wachsen! Man muss sich nur ein bisschen Mühe geben, die richtigen Methoden anwenden, sich mal ein bisschen anstrengen - mehr und bessere Angebote machen, mehr Gottesdienste, mehr Hausbesuche, dann werden die Kirchen auch wieder voll!

Es scheint nichts zu geben, das nicht besser zu machen, nicht zu steigern wäre. Unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unser ganzes Leben ist auf Steigerung, Optimierung, Wachstum ausgerichtet. Mehr leisten, mehr verdienen, mehr besitzen: Das ist es!

II
Fällt niemandem auf, dass daran etwas nicht stimmt?

Wie weit soll das Wachstum denn noch gehen - wie weit kann es noch gehen? Für alles Wachstum gibt es eine natürlich Grenze; selbst Bäume wachsen nicht in den Himmel. Und wenn irgendwo etwas mehr wird - Geld, Kapital, Zeit, Material -, dann muss es irgendwo anders weniger werden. 
Unsere Erde, so riesig so ist mit ihrem weiten Himmel, den schier unendlichen Landflächen und den immens großen Ozeanen, ist endlich. 
Sie ist ein geschlossenes System: Es kann nicht mehr werden. Wenn das Öl einmal ausgebeutet sein wird, ist es weg. Es wächst keins nach. 
Es kann auch nichts heraus. Das Kohlendioxid, das wir in die Atmosphäre pusten, bleibt da und geht einfach nicht weg.

"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Dieser Ausspruch des Johannes stellt zunächst einmal fest: 
Wenn irgendwo etwas mehr wird, muss es an anderer Stelle weniger werden.
Wenn einer mehr bekommt, bekommt ein andere weniger. 
Wenn jemand mehr verdient, wird ein anderer heruntergestuft, wie jetzt bei der Deutschen Post. Oder es wird jemand entlassen; denn die Personalkosten dürfen ja nicht steigen. 
Wenn ich einen schöneren, strafferen, sportlicheren Körper haben möchte, muss ich mehr Zeit für seine Pflege und für's Training investieren - Zeit, die ich sonst für andere Dinge, für andere Menschen hätte.
Wenn mehr geleistet werden soll, muss man länger arbeiten, und es bleibt weniger Zeit zur Erholung, weniger Zeit zum Nachdenken. Weniger Zeit für anderes - die Familie, die Freiwillige Feuerwehr, der Trachtenverein, die Gemeinde oder das Hobby.

III
"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Johannes ist nicht auf Diät. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man von Heuschrecken und wildem Honig Speck ansetzen kann. Trotzdem wird er weniger, weil ein anderer ihm etwas wegnimmt: Johannes dem Täufer laufen die Täuflinge weg. Sie gehen zu Jesus, der auch tauft, wie Johannes. Der aber mehr zu bieten hat als er: "Ich taufe mit Wasser", sagt Johannes; "der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen."

Wir kochen alle nur mit Wasser.
Wir sind alle nicht so besonders, dass es allein nur auf uns ankäme. 
Das wissen wir eigentlich.
Trotzdem sind wir der Meinung, dass uns mehr zusteht als unserem Nachbarn.
Dass wir ein Recht auf Wohlstand, ein Recht auf Glück hätten,
während es anderen schlecht geht, sie in Armut und Todesangst leben müssen.
Wir sind der Meinung, wir hätten ein Recht, unseren Wohlstand zu verteidigen,
wo doch die Vorräte auf der Erde begrenzt sind und,
wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato Si" betont hat, allen gehören.

"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Das bedeutet auch: Wir müssen nicht ständig mehr haben und mehr werden. 
Wir müssen nicht ständig wachsen. Das ist kein Naturgesetz.
Und nur, weil es gebetsmühlenartig wiederholt wird, ist es nicht wahr.

Wir brauchen nicht ständig zu wachsen, sagt Johannes. 
Wir dürfen auch mal weniger machen, weniger werden, weniger sein.
Wir dürfen sagen: "Das schaffe ich nicht. Das ist mir zu viel. Das ist mir zu schwer" - ohne, dass wir darum weniger wert wären, oder unsere Leistung dadurch geschmälert würde.

"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Das Beispiel des Johannes stellt uns die Frage, ob wir nicht mal aufs Wachstum verzichten können. Verzichten zugunsten unserer Mitmenschen. Verzichten zugunsten unserer Umwelt. Verzichten um unsretwillen: Damit wir endlich aus der Tretmühle des Schneller - Höher - Weiter herauskommen und einmal durchschnaufen. Und uns beim Durchschnaufen einmal ansehen, was wir da tun. Und uns fragen, ob wir wirklich immer weiter wie der Hamster im Rad laufen wollen.

IV
Es gäbe noch einen anderen Weg:
"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Dieser Satz des Johannes ist eine Entlastung für uns.
Nicht wir müssen wachsen. 
Jesus tut es. Jesus nimmt uns das Wachsenmüssen ab. 
Wir dürfen wachsen. Aber wir müssen nicht mehr. 
Wir dürfen auch nachlassen. Weniger werden. Aussteigen und Pause machen.

Das gilt auch und gerade für die Kirche, für die Gemeinde:
Wir dürfen weniger werden. Wir dürfen abnehmen, schrumpfen. 
Denn Jesus wächst auch ohne unser Zutun, ohne unsere Arbeit, ohne dass wir es mit aller Macht wollen.
Wenn wir gelassen Gemeinde und Kirche sind, statt ständig immer mehr sein und mehr werden zu wollen, dann kommen Menschen vielleicht gerade in die Kirche. Weil sie hier etwas vorfinden, das anders ist als die Wachstumsgesellschaft: Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit, die keinem mehr zumutet, als er schaffen kann.
Barmherzigkeit, die jede und jeden so sein lässt, wie sie oder er ist.
Barmherzigkeit, die jeder und jedem eine Pause gönnt - und auch den Erfolg.

Für diese Barmherzigkeit lohnt es sich, abzunehmen.
Dann ist uns nicht nur ein langes Leben gewiss,

sondern auch noch das Glück!

Sonntag, 24. Mai 2015

Glaubensfragen

Predigt über Johannes 14,23-27 am Pfingstsonntag, 24.5.2015 in der Fasanerie Hermannsfeld

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus nimmt Abschied.
Das Evangelium des Pfingstsonntages versetzt uns in Gedanken zurück an den Gründonnerstag, zum letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte. Jesus spricht zu seinen Jüngern in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Abendmahl und seiner Verhaftung im Garten Gethsemane. Es bleibt ihm nur noch wenig Zeit, und es gibt noch so viel zu sagen. Es sind die "Abschiedsreden Jesu", die im Johannesevangelium vier Kapitel füllen. Anders als wir, die wir beim Abschiednehmen oft keine Worte finden, hat Jesus noch viel mitzuteilen.

Mit den Antworten auf die Fragen seiner Jünger beginnt er.
Fragen, die von Zweifel erfüllt sind.
Fragen, die manchmal auch unsere Fragen sind.

I
„Wo gehst du hin?“, stellt Petrus die erste Frage. Jesus antwortet: „Dahin, wo du mir nicht folgen kannst. Denn dazu müsstest du sterben.“
Das Ziel des Glaubens: das Einssein mit Gott, das Ende aller Zweifel und Fragen, erreicht man erst nach dem Tod. So sehr wir uns manchmal wünschen, Gott möchte sich uns zeigen, möchte beweisen, dass es ihn wirklich gibt – so sehr halten wir auch an unserer Freiheit fest. Wir wollen, wir können sie nicht aufgeben, unsere Freiheit, die darin besteht, dass unser Wille nicht aufgeht in Gottes Willen. Wir wollen über den Weg unseres Lebens selbst bestimmen - und wir dürfen den Weg unseres Lebens selbst bestimmen. Auch, wenn diese Selbstbestimmung einen Preis hat: den schmerzlichen Preis des Getrenntseins von Gott.

„Welcher Weg führt zu Gott?“, stellt Thomas, der ungläubige Thomas, die zweite Frage.
„Ich bin der Weg“, antwortet Jesus. „Wenn ihr wisst, wer ich bin, werdet ihr auch Gott erkennen.“
Auf dem Weg zu Gott nehmen Menschen vieles auf sich: Halten Vorschriften ein, unterziehen sich religiösen Übungen, ziehen sich aus der Welt in die Einsamkeit eines Klosters zurück. Von all dem spricht Jesus nicht. Nur eins betont er: „Ich bin der Weg. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Wollen wir zu Gott vordringen, führt an Jesus, dem Sohn Gottes, der unser Mitmensch, unser Bruder wurde, kein Weg vorbei. „Jesus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“, lautet die erste These der Barmer Theologischen Erklärung vom Mai 1934. Es gibt für uns Christinnen und Christen keinen anderen Weg zu Gott. Wir erkennen Gott nur durch das Leben und in der Gestalt des Menschen Jesus.
Dass Jesus der einzige Weg ist, bedeutet aber auch: Es braucht nicht mehr als den Glauben an Jesus, um zu Gott zu gelangen. Wir müssen nicht der Welt entsagen, um gläubig zu sein.

„Wie kann Gott sich in einem Menschen offenbaren?“, das ist die dritte Frage, die Philippus stellt.
Das Göttliche stellen wir uns als das ganz Andere vor, anders als die Welt, anders als wir. Wenn der Weg zu Gott nur über den Menschen Jesus führt, wie können wir sicher sein, dass Jesus wirklich Gottes Sohn und nicht ein Hochstapler ist? Wie können wir sicher sein, durch Jesus zum wahren, zum lebendigen Gott zu gelangen?
Jesus antwortet Philippus: „Du erkennst Gott nicht in mir, weil du dir Gott anders vorstellst, als er ist.“
Unsere Bilder, die wir uns von Gott machen, stehen uns im Weg, wenn wir Gott suchen. Dass Jesus Gott ist – ein schwacher Mensch, über den die anderen lästerten, als er am Kreuz starb – fällt uns schwer zu glauben.
Der einzige „Beweis“, den Jesus uns über seine Worte hinaus anbietet, sind seine Taten. Sie hätten als Beweise vor Gericht keinen Bestand. Es gibt keine unabhängigen Zeugen dafür, keine Protokolle, keine Indizien. Aber was er getan hat: Blinde machte er sehen, Lahme gehen; Kranken, Armen, Ausgestoßenen wandte er sich zu – all das spricht dafür, dass Jesus Gottes Sohn ist. Denn die Bibel beschreibt Gott als den, der auf der Seite der Armen und Rechtlosen steht und für sie eintritt.

II
Auf dem Weg der Einwände gegen Jesus, auf dem Weg des Zweifels kommt die vierte, die wichtigste Frage. Judas stellt sie, der Jünger mit dem gleichen Vornamen wie der, der Jesus verriet. Es ist die Frage, die alle Kritiker des Christentums stellen und die auch die Christen selbst sich immer wieder stellen:
Wie kommt es, dass damals niemand gemerkt hat, dass Jesus Gottes Sohn ist – außer denen, die seine Jünger geworden sind? Wenn Gott in unsere Welt einbricht: müsste das nicht zu spüren sein, müsste das nicht gewaltige Wellen schlagen?
Die Antwort, die Jesus auf diese Frage gibt, das Evangelium des heutigen Pfingstsonntages, lautet: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten“.
Ist das eine Antwort auf die Frage?
„Wer mich liebt, der wird mein Wort halten“: Die Liebe zu Jesus - oder, allgemeiner gesagt, der Glaube an Gott - kommt nicht aus dem Befolgen der Gebote. Es ist genau andersherum: Erst kommt die Liebe, erst kommt der Glaube. Daraus ergibt sich dann das Befolgen der Gebote quasi von selbst. 
Der Glaube ist nicht "logisch", nicht zu erklären und nicht zu beweisen. Der Glaube ist auch nicht zu "machen" - indem man z.B. bestimmte Dinge tut oder nicht tut, indem man sich an die Gebote hält oder sich religiösen Übungen widmet.
Deshalb kommen Menschen nicht von selbst dazu, an Jesus zu glauben. Deshalb konnte und kann die Welt Jesus nicht erkennen - weil die Voraussetzung dafür der Glaube ist. Die Welt hat Jesus nicht erkannt, weil sie nicht geglaubt hat, dass Jesus Gottes Sohn ist. Das glauben nur die Wenigsten: die, die Jesus lieben.

III
„Wer mich liebt, wird mein Wort halten“, sagt Jesus. Der Glaube an Jesus hat etwas mit Liebe zu tun. Diese Liebe, von der Jesus spricht, ist etwas anderes als Verliebtsein in einen anderen Menschen. Und hat doch viel damit gemein.
Dass Menschen sich ineinander verlieben, dass der Funke überspringt, kann man ebenfalls nicht „machen“, das ist ebenfalls nicht "logisch", und weder zu erklären, noch zu beweisen. Es geschieht einfach - oft auf eine Weise, die zeigt, wie machtlos wir gegen die Macht der Liebe sind: 

Man verliebt sich z.B. in einen Menschen, der so gar nicht ins Bild passt, das man sich von seiner Traumfrau, seinem Traummann gemacht hat – sondern der oder die ganz anders, nämlich, wie man mit einem Mal merkt: viel wunderbarer ist. 

Oder es geschieht, dass man sich in einen Menschen verliebt, obwohl der schon an einen anderen Menschen gebunden ist, oder obwohl man selbst gebunden ist. Gegen alle Vernunft geschieht das, und man ist machtlos gegenüber dem, was da mit einem geschieht.

Mit der gleichen Macht bemächtigt sich Gott eines Menschen.
Dass wir Jesus lieben – dass er uns verzaubert, dass uns der Weg, den er ging, einleuchtet und sein Wort uns ergreift – das „geschieht“ mit uns.
Bei den Jüngern war es Jesus selbst, die Begegnung mit ihm, die sie verzauberte. Und bei uns? „Der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“
Es ist Gottes Geist, der sich unser bemächtigt und der uns von Jesus überzeugt.

In der Geschichte vom Pfingstwunder ist von flammenden Zungen die Rede, die sich den Jüngern aufs Haupt setzen und sie befähigen, in fremden Sprachen zu reden. Sie sprechen in ihrer Muttersprache von dem, was sie erfüllt; von dem, der sie überzeugt hat. 
So ist Gottes Geist bis heute am Werk: 
Er ist da, wo Menschen von Jesus verzaubert werden: 
Er verzaubert sie. 
Er ist da, wo Menschen von Jesu Worten ergriffen werden: 
Er ergreift sie. 
Der Heilige Geist war schon oft in uns und in unserem Leben am Werk: Wir haben es nicht gespürt, aber trotzdem war er da. Deshalb wird die Geschichte vom Pfingstwunder jedes Jahr auf's Neue gelesen: Pfingsten passiert immer wieder, bei jeder und jedem von uns, ganz unspektakulär, aber genauso unwiderstehlich wie damals.

IV
Jesus lieben – das hat viel mit Verlieben zu tun, weil wir dies genauso wenig „machen“ können wie jenes. 
Zur Liebe gehört Respekt. Mit den Menschen, die wir lieben, gehen wir manchmal respektlos um. Wir wahren nicht den Abstand, den sie brauchen. Wir respektieren nicht die Grenzen, die jeder Mensch hat. 
Auch Jesus ist nicht unser "Kumpel". 

Wir wahren den Respekt gegenüber anderen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass der andere, die andere uns nicht gehört, und wir mit ihr, mit ihm nicht umgehen können, wie wir wollen.
Wir wahren den Respekt, wenn wir uns eingestehen, dass die andere, der andere ganz anders ist als wir, und dass wir sie, dass wir ihn nicht wirklich kennen - und wahrscheinlich nie wirklich kennen werden. 
So ist es mit Jesus auch. Jesus ist anders, manchmal schmerzhaft anders, als wir ihn uns vorstellen. Jeden Sonntag hören wir von Jesus - und lernen stets auf's Neue, wer und wie Jesus ist.

Jesus lieben hat auch viel mit Nächstenliebe zu tun: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe“. Nächstenliebe zeigt sich in der Bereitschaft, vom eigenen Leben etwas an andere abzugeben. 
Nicht mehr zu fragen: Wieso denn gerade ich?, 
sondern: Wer denn sonst? 
Nicht mehr: Was wird aus mir?, 
sondern: Was wird aus den anderen?
Wohlgemerkt: Nicht als Bußübung, wie etwas, das man sich zur Strafe auferlegt. Sondern weil Jesus uns zuerst geliebt hat und noch liebt, weil wir erfüllt sind von dieser Liebe, die deshalb aus uns wie aus einem Brunnen überfließt zu anderen Menschen. 

V
Jesus hat Abschied genommen und ist fortgegangen. Vor zehn Tagen haben wir uns an Christi Himmelfahrt diesen Abschied vergegenwärtigt. Aber wir bleiben nicht allein zurück. Gottes Geist ist unter uns und in uns: er macht, dass uns Jesu Worte ergreifen. Er zeigt uns Gott, wie er wirklich ist, und er zeigt uns, wie sehr Gott uns liebt. 

Der Abschied gehört zu unserem Leben, und er gehört auch zu unserem Glauben. Jedes Jahr an Gründonnerstag, Himmelfahrt und Pfingsten werden wir daran erinnert, dass Jesus Abschied nehmen musste, damit wir seine Gemeinde werden konnten, die aus seiner Liebe, seinem Wort und seinem Frieden lebt. Jesus verabschiedet sich, damit das Leben einen neuen, geisterfüllten Anfang nehmen kann. Damit der Heilige Geist uns lehren kann, was wirkliches Leben ist, und wofür es sich zu leben lohnt.
Amen.

Sonntag, 17. Mai 2015

Ein Vers aus der Kindheit

Predigt am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2015, über Johannes 15,26-16,4:

Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.
Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.


 Liebe Schwestern und Brüder,
 liebe Familie N.,

 als ich noch klein war, setzte sich meine Mutter abends an mein Bett, betete ein Abendgebet mit mir und sang mir ein Gutenachtlied vor. Meistens war es:
“Guten Abend, gut' Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf' unter die Deck'.
  |: Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt. :|”
 Ich bin natürlich schon lange über das Alter der Kindergebete und Gutenachtlieder hinaus. Unsere Tochter, der ich Gutenachtlieder vorsang, ist erwachsen, und ich komme in das Alter, wo man immer häufiger an “früher” zurückdenkt und von “Früher” erzählt. Aber das Gutenachtlied meiner Kindheit habe ich nie vergessen. Es hat mich wie ein guter Geist durch's Leben begleitet. Wenn ich Kummer hatte, kam es mir wieder in den Sinn und tröstete mich. Wenn ich Angst hatte oder mir Sorgen machte, ermutigte mich der Gedanke:
  “|: Morgen früh, wenn Gott will,
  wirst du wieder geweckt. :|”,
 und so ist es bis heute.

 II
 In diesem Gottesdienst wird N. getauft; Sie haben ihn zu Beginn des Gottesdienstes ja schon kurz kennen gelernt. Mit seiner Taufe wird er Christ, wird aufgenommen in die weltweite Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Fortan wird jede Kirche ein Zuhause für ihn sein, ganz gleich, wo auf der Welt er sich befindet. Vor allem aber wird die Johanniskirche sein Zuhause sein, wie sie es für seine Eltern und Großeltern, wie sie es für Sie alle ist.

 Mit der Taufe wird N. ein Christ und ein Mitglied dieser Gemeinde. Er wächst hinein in eine Tradition, die sich von Ort zu Ort unterscheidet und doch überall so ähnlich ist, dass man sich schnell zurecht findet, wenn man einmal den Gottesdienst und die christliche Tradition kennen gelernt hat. Diese christliche Tradition stellt so etwas wie ein Zuhause für die Seele, eine Seelenheimat, dar. 
 Dazu gehören Kindergottesdienst und Christenlehre, Krippenspiel und Konfirmation, Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, die Passionsandachten, die Singstunde im Brüdersaal und vieles mehr. Zur christlichen Tradition gehören auch die Dinge, die man zuhause kennen lernt und die in jeder Familie anders sind: Tischgebet, Abendgebet und Gutenachtlied; die Losungen; Taufen, Hochzeiten und Trauerfeiern.
 Jede und jeder von uns ist von dieser christlichen Tradition geprägt, sie ist unsere Seelenheimat. Jede und jeder von uns trägt ein Stück dieser Tradition in sich, das ihm besonders viel bedeutet und das schon viele Male Mut gemacht, Trost gespendet hat - sei es ein Bibelvers, ein besonderes Erlebnis im Gottesdienst oder, wie bei mir, ein Gutenachtlied aus Kindertagen. Ich bin gespannt, was es einmal für N. sein wird.

 III
 Wahrscheinlich nicht die Verse des Abendliedes meiner Kindheit:
  “|: Morgen früh, wenn Gott will,
  wirst du wieder geweckt. :|”.
 Dieses Lied ist schon etwas angestaubt und wird heute wohl nicht mehr gesungen. Außerdem sind die Verse missverständlich: 
 aus dem Mund meiner Mutter klang das “wenn Gott will” ganz zuversichtlich, so dass ich mit der beruhigenden Gewissheit einschlief, dass Gott mich am nächsten Morgen ganz bestimmt aufwecken wird. 
 Aber wenn man den Predigttext bedenkt, in dem wir vorhin gehört haben, wie Jesus seine Jünger auf Verfolgung und Tod vorbereitet, nehmen die Verse des Abendliedes den Charakter einer Frage an: “wenn Gott will …?” Will Gott mich denn wirklich wieder wecken? Was, wenn er es nicht mehr will?

 Diese - oder eine ähnliche Frage - haben sich manche wohl schon gestellt. Es ist eine Frage, die häufig in Partnerschaften oder Freundschaften wie aus dem Nichts auftaucht, die Frage: Bin ich gut genug? Bin ich schön, interessant, liebenswert genug für meine Partnerin, meinen Partner, meine Freundin oder meinen Freund?
 Wenn es gut läuft in der Beziehung, kommt einem diese Frage nie in den Sinn. Aber nach einem Streit, oder wenn sich das Verhalten der Partnerin, des Partners ändert, taucht sie plötzlich auf, macht sich breit und lässt sich nicht so leicht vertreiben.

 Mit dem Glauben verhält es sich ähnlich. Kein Wunder, er ist ja auch eine Beziehung, unsere Beziehung zu Gott. Wenn alles gut geht, wenn man gesund ist und keine Sorgen hat, dann gibt es keine Frage, dass unsere Beziehung zu Gott in Ordnung ist. Wenn es aber Schwierigkeiten oder Probleme gibt, wenn - wie im schlimmsten Fall, den der Predigttext ausmalt - Verfolgung, gar Tod wegen des Glaubens drohen, dann erhebt die bange Frage ihr hässliches Haupt: Bin ich Gott noch gut genug, oder mag Gott mich nicht mehr? Wird Gott auch morgen an meiner Seite stehen, oder lässt Gott mich fallen und kennt mich nicht mehr?

 IV
 Dass man als Christin, als Christ hierzulande Nachteile in Kauf nehmen musste, manchmal sogar verfolgt und bespitzelt wurde, ist zum Glück schon über 25 Jahre her - nur die Älteren erinnern sich noch daran, wie das war. Heute bedeutet es in unserem Land keinen Nachteil, kein Risiko mehr, sich zu seinem christlichen Glauben zu bekennen. Höchstens wird man von denen belächelt, die den Glauben an Gott für ein kindisches Hirngespinst halten, oder misstrauisch beäugt von denen, die einen mit religiösen Fanatikern in einen Topf werfen wollen.
 Wir leben in einer toleranten, offenen Gesellschaft, in der wir als Christinnen und Christen nichts zu befürchten haben - ganz anders als die Christen im Orient oder in Afrika. Trotzdem bedeutet Glaube auch für uns ein gewisses Risiko, gilt die Warnung Jesu an seine Jünger auch uns. Zwar müssen wir, wie gesagt, nicht befürchten, dass wir um unseres Glaubens willen verfolgt und ermordet werden. Aber der christliche Glaube bringt uns notgedrungen in eine gewisse Distanz zur Gesellschaft und ihren Werten. Für uns steht nicht so sehr im Mittelpunkt, was der Einzelne will. Wir fragen danach, was Gott will. Wer nach Gottes Willen fragt, geht das Risiko ein, dass es im Leben anders kommt, als man dachte. Es kann sein, dass man sich dann plötzlich für Menschen in Rumänien engagiert, Spenden sammelt und mehrmals im Jahr Kleidung und anderes Lebensnotwendige dorthin transportiert. Es kann sein, dass man sich entscheidet, Erzieherin zu werden und im Evangelischen Kindergarten dafür zu sorgen, dass Kinder in der Geborgenheit christlicher Traditionen und Werte aufwachsen. Es kann sein, dass man sich für Asylbewerber verantwortlich fühlt, oder dass man gegen rechtsradikales Gedankengut angeht.
 Wenn man dann gefragt wird, warum man sich ausgerechnet dafür einsetzt, und wie man dazu gekommen ist, weiß man oft keine Antwort. Es hat sich eben so ergeben. Man könnte aber auch sagen: Es war Gottes Geist, der einen auf diesen Weg gesetzt hat. Der Tröster, der Zeugnis gibt von Jesus - von dem, was er predigte, und vor allem von dem, was er seinen Jüngern vorlebte: die Liebe zu allen Menschen. Und der den Menschen zeigte, dass sie alle, ohne Unterschied, Gottes geliebte Kinder sind. Gott rief uns alle ins Leben. Gott will, dass wir alle leben und glücklich sein können.
 Dieser Heilige Geist erinnert uns an Gottes guten Willen für uns. Durch ein Gutenachtlied aus Kindertagen. Durch einen Bibelvers wie N.s Taufspruch. Durch eine Strophe aus dem Gesangbuch. Im Gottesdienst - besonders, wenn wir eine Taufe oder das Abendmahl feiern.

 V
  “|: Morgen früh, wenn Gott will,
  wirst du wieder geweckt. :|”.
 Dieser Satz ist keine Frage.
 Gottes Wille für uns ist klar: Gott will, dass wir leben und glücklich sein können. Gott will Gutes für uns. Aber das Leben und unsere Mitmenschen sind nicht immer gut zu uns. Das ist nicht Gottes Wille, es ist nicht seine Schuld. Die Welt ist nun einmal so - so schrecklich. Und so wunderschön. Wir müssen unseren Weg durch diese schrecklich-schöne Welt finden und gehen, und niemand, auch Gott, kann uns das Leid ersparen, dem wir dabei begegnen. Wie auch niemand für uns die Freude und das Glück empfinden kann, das wir auf diesem Weg erleben. Was Gott tun kann und tut, ist, uns auf diesem Weg zu begleiten und immer an unserer Seite zu sein.
 Der Geist Gottes ist dafür Zeuge. Und erinnert uns in Momenten, wo wir es vergessen haben, dass wir Gottes geliebte Kinder sind.

 Der Geist macht auch uns zu Zeugen. An dem, was wir sagen oder tun, können andere erkennen, wie Jesus war und wer Jesus für uns ist. Als Zeugen für Jesus bezeugen wir, dass wir nicht allein durchs Leben gehen, sondern dass Gott uns begleitet. 
 Und so können auch wir füreinander Begleiterinnen und Begleiter sein. Wir können für andere tun, was auch Jesus getan hat: ihnen mit Liebe und Respekt begegnen; ihnen helfen, ihren Lebensweg zu gehen und ihnen zeigen, dass sie dabei nicht allein sind. Die einen bringt der Geist dazu, Menschen in Rumänien zu helfen. Andere, als Erzieherin zu arbeiten. N.s Eltern hat er dazu gebracht, sich für die Rettung von Menschenleben einzusetzen, in der Rettungsleitstelle und als Feuerwehrmann vor Ort. Uns alle bringt Gottes Geist dazu, nach unseren Kräften und Möglichkeiten um der Liebe willen etwas für andere zu tun. Wir nehmen Mühen und Risiken auf uns, wir verschenken unsere Zeit, unser Geld. Wir tun es, weil wir durch den Geist von der Sache Jesu begeistert sind. Wir tun es, weil uns Gottes Liebe so erfüllt, dass wir gar nicht anders können, als sie an andere weiterzugeben.

 Ich bin gespannt, auf welchen Weg Gottes Geist N. eines Tages setzen wird. Doch schon jetzt gibt N. Zeugnis von Gottes Liebe, indem er Sie glücklich macht und uns zum Lächeln bringt. Sie und uns zum Staunen bringt über das, was er alles schon kann. Sie und uns  zum Danken bringt dafür, dass er dieses einzigartige Kind ist. So begeistert N. Sie, seine Eltern und Paten, seine Großeltern und seine Familie. Und so begeistert er uns durch den Heiligen Geist, der mit ihm ist. Dieser Heilige Geist wird N. immer wieder daran erinnern, was für jede und für jeden von uns gilt: Dass er ein Wunschkind ist. Ein über alles geliebtes Kind seiner Eltern und ein Kind Gottes.
 Amen.

Sonntag, 12. April 2015

Un-verschämtheit

Vorstellungspredigt am Sonntag Quasimodogeniti, 12.4.2015, um 17.00 Uhr in St. Johannes, Neudientendorf, über Johannes 20,19-29:

Als es nun Abend jenes Ostersonntages geworden und die Türen, wo die Jünger sich aufhielten, verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, da kam Jesus, trat mitten unter sie und sprach zu ihnen: “Friede sei mit euch!” Und als er dies sagte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Die Jünger freuten sich, als sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus wiederum zu ihnen: “Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, sende ich euch.” Nachdem er das gesagt hatte, blies er sie an und sprach: “Empfangt Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden vergeben werdet, denen werden sie vergeben; welchen ihr sie behaltet, denen werden sie behalten.”

Thomas aber, einer von den Zwölfen, der “Zwilling” genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Ihm erzählten die anderen Jünger: “Wir haben den Herrn gesehen!” Er aber sprach zu ihnen: “Wenn ich nicht die Nagelmale in seinen Händen sehe und meinen Finger in die Nagelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, werde ich es bestimmt nicht glauben.”
Und nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen und Thomas bei ihnen. Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, trat in ihre Mitte und sprach: “Friede sei mit euch!” Darauf spricht er zu Thomas: “Reich deinen Finger her und sieh meine Hände und reich deine Hand her und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!”
Thomas antwortete ihm: “Mein Herr und mein Gott!”
Jesus spricht zu ihm: “Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt? Selig, die nicht sehen und glauben!”
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie das Gefühl, außen vor zu sein?
Man ist zu einer Feier eingeladen; alle scheinen sich zu kennen und sich gut zu unterhalten. Nur man selbst kennt niemanden und steht verloren mit seinem Glas in der Hand herum.
Oder: alle lachen über einen Witz, den man nicht versteht oder vielleicht nicht einmal lustig findet.
Oder: die anderen erzählen von einem Erlebnis und schwärmen davon, wie toll es war. Nur man selbst kann nicht mitreden, weil man nicht dabei war.

So muss sich Thomas gefühlt haben.
Seine Freunde haben Jesus gesehen. Noch am Abend des Ostertages stand er leibhaftig vor ihnen, zum Greifen nah 
und ohne Berührungsängste, wie morgens noch gegenüber Maria Magdalena. 
Wie werden sie Thomas von dieser Begegnung vorgeschwärmt haben! 
Wie neidisch, wie traurig und wie verbittert wird er ihre Freude registriert haben, 
von der ausgeschlossen ist; 
das Leuchten in ihren Augen von dem, was sie sahen und was er nicht sehen durfte.
Wen wundert's, dass Thomas das selbe erleben möchte wie seine Freunde, 
bevor er an die Auferstehung glaubt. 
Wen wundert’s, dass Thomas für sich sogar ein bisschen mehr möchte, 
als die anderen Jünger erlebt haben:
Er will die Nägelmale und die Seitenwunde nicht nur sehen, sondern auch berühren.
Vielleicht als Ausgleich dafür, dass er die Begegnung mit Jesus verpasst hat; 
als Beweis, dass er nicht weniger wert ist als die anderen Jünger; 
als Zeichen, dass er immer noch dazugehört zum Kreis der Jünger .

Jesus erfüllt ihm diesen Wunsch. 
Maria Magdalena hatte er am Ostermorgen noch verboten, ihn zu berühren; 
Thomas fordert er acht Tage später geradezu dazu auf. 
Extra für ihn kommt er am nächsten Sonntag ein zweites Mal zu den Jüngern. 
Aber als er vor Thomas steht und ihn auffordert, seine Hand zu reichen, 
da reagiert der ganz eigenartig: 
Statt sich seinen Wunsch zu erfüllen und Jesus zu berühren, 
spricht er ein Glaubensbekenntnis, er ruft: "Mein Herr und mein Gott!" 
Es ist das Bekenntnis, das in den anderen Evangelien von Petrus abgelegt wird, 
der dafür zum Felsen wird, auf dem Jesus seine Kirche baut. 
Hier, bei Johannes, ist es - ausgerechnet! - der ungläubige Thomas, 
der das Petrusbekenntnis ablegt, dass Jesus unser Herr und Gott ist.

II
Sollte die Geschichte vom ungläubigen Thomas tatsächlich eine Geschichte übers Ausgeschlossenwerden sein? 
Über das schmerzliche Gefühl, nicht dazuzugehören?
Der Schluss der Geschichte weist in eine andere Richtung. 
Jesus fragt Thomas: "Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt?" 
und fährt fort: "Selig, die nicht sehen und glauben!"
Wir hören diesen Satz aus dem Munde Jesu als Tadel,
dass Thomas nicht die Botschaft von der Auferstehung reicht,
sondern dass er einen Beweis dafür will.
Deshalb wird die Geschichte ja auch "Der ungläubige Thomas" genannt. 
Dieser ungläubige Thomas ist kein Vorbild für uns, die wir glauben,
eher ein abschreckendes Beispiel. 
So ungläubig wie dieser Jünger Thomas, 
der ohne zu sehen nicht glauben kann, so möchte man nicht sein. 
Wenn uns Zweifel am Glauben beschleichen, 
dann reicht oft schon die Erinnerung an Thomas, um sie zu zerstreuen 
- wer möchte schon mit ihm verglichen werden?

Dabei verlangt Thomas an sich nichts Ungehöriges. 
Er möchte doch nur die Erfahrung machen dürfen, 
die den anderen Jüngern zuteil wurde. 
Warum sollte ausgerechnet er außen vor bleiben? 
Warum sollte seine zufällige Abwesenheit am Ostertag 
- aus welchen Gründen auch immer sie geschah - 
ihn zu einem "Jünger zweiter Klasse" machen?
Weil sein Wunsch, Jesus leibhaftig zu sehen, berechtigt ist, erfüllt ihn Jesus auch. 
Warum sonst hätte er seine Jünger noch einmal besuchen sollen? 
Es war ja alles gesagt und getan: 
Bereits am Abend des Ostertages hatte er seine Jünger beauftragt 
und ihnen den Heiligen Geist gegeben 
- beim Evangelisten Johannes fallen Ostern und Pfingsten auf einen Tag.

Wenn aber Jesus Thomas' Wunsch erfüllt 
und extra seinetwegen ein zweites Mal zu den Jüngern kommt 
- warum tadelt er ihn dann?

III
Thomas, so unsympathisch er uns vielleicht noch immer erscheinen mag, 
ist uns näher, als wir denken und wahrhaben möchten.
Das Johannesevangelium wurde ja nicht für die geschrieben, 
die Jesus noch persönlich gekannt oder leibhaftig gesehen hatten. 
Sondern für die Menschen, die nach ihnen kamen. 
Für Gemeinden wie diese. 
Für Menschen, die Jesus nicht gesehen haben 
und dazu in diesem Leben auch keine Gelegenheit mehr bekommen 
- Menschen wie Sie und ich. 
Menschen, die an die gute Nachricht der Auferstehung glauben wollen. 
Die glauben wollen, dass Jesus wahr machte, was er seinen Jüngern versprach:
"Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. 
Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. 
An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin 
und ihr in mir und ich in euch."  (Johannes 14,19f)

Diese Worte, einige Kapitel vor der Geschichte vom ungläubigen Thomas im Johannesevangelium, macht Jesus seinen Jüngern gegenüber wahr.
Seine Jünger sehen Jesus; er lebt und ist nicht im Tod geblieben. 
Aber, das ist jetzt die Frage: 
gilt das, was Jesus dann sagt, nur den Jüngern, 
oder gilt es auch uns: "ich lebe, und ihr sollt auch leben" …? 
Diese Frage beantwortet die heutige Geschichte durch den ungläubigen Thomas, 
indem sie gerade ihn bekennen lässt: "Mein Herr und mein Gott!" 

Thomas steht stellvertretend für alle Christinnen und Christen, 
die glauben müssen, weil sie nicht mehr sehen können, was sie glauben. 
Die sich, wie Thomas, auf das Wort der Jünger verlassen müssen: 
"Wir haben den Herrn gesehen!"
und denen es, wie Thomas, schwer fällt, allein auf dieses Wort hin zu glauben. 
Zu ihnen - zu uns allen - sagt Jesus: "Selig, die nicht sehen und glauben!"
Dieser Satz, der wie ein Tadel klingt, ist nicht so gemeint.
Mit dieser Seligpreisung verurteilt Jesus nicht den Zweifel, 
der uns manchmal überfällt. 
Er verurteilt nicht den Wunsch, der Glaube möchte doch etwas handgreiflicher sein, eindeutiger, irgendwie beweisbar - er erfüllt ihn aber auch nur noch dem Thomas.
Uns gibt er den Satz mit, dass wir selig sind, wenn wir glauben, ohne zu sehen.
Wir glauben, ohne dass wir je werden sehen können, was wir glauben.
Darin besteht ja gerade das Wesen des Glaubens.
Darum nennt Jesus uns „selig".

IV
Wer glaubt, dass die Worte Jesu auch zu uns gesprochen sind; 
wer sich von seinen Worten angesprochen und gemeint fühlt, 
der oder die hat einen gewaltigen Schritt getan. 
Nämlich den, sich auf etwas einzulassen,
was man weder sehen noch beweisen kann,
was nicht so recht in unser wissenschaftliches Weltbild passen will.

Es ist ein Schritt, zu dem auch eine große Portion Mut gehört. 
Oder, besser gesagt, eine große Portion Un-verschämtheit
Un-verschämtheit nicht im Sinne von Schamlosigkeit oder Frechheit. 
Sondern, dass man sich nicht zu klein fühlt, nicht zu klein macht: 
dass man sich nicht schämt, für sich die selben Rechte in Anspruch zu nehmen wie die anderen Gläubigen. 
Darin ist Thomas unser Vorbild: Er war unverschämt genug, 
für sich einen zweiten Besuch Jesu zu fordern. 
Sein so trotzig klingender Satz: 
“Wenn ich nicht die Nagelmale in seinen Händen sehe 
und meinen Finger in die Nagelmale lege 
und meine Hand in seine Seite lege, 
werde ich es bestimmt nicht glauben” bedeutet mit anderen Worten: 
"Wenn ich ein Jünger Jesu bin, dann möchte ich, 
dass Jesus mich genauso behandelt wie alle anderen Jünger." 
Jesus tut es. Und zeigt damit Thomas wie uns:
Nicht nur die sind seine Jünger, die ihn leibhaftig gesehen haben.
Sondern auch alle die, die un-verschämt genug sind,
Jesus beim Wort zu nehmen und sich angesprochen zu fühlen.

Für diese Unverschämtheit im Glauben gibt es einen griechischen Fachausdruck, 
er heißt παρρησία
Man übersetzt diesen Begriff mit "Offenheit", 
mit "frei heraus reden" 
und mit "Unerschrockenheit" im Umgang mit anderen Menschen. 
Bei Paulus findet sich dieses Wort oft - er war ja auch jemand, 
der unerschrocken für sich den Glauben in Anspruch nahm,
den seine Gegner ihm absprechen wollten -, aber auch bei Johannes.

Die Unverschämtheit, die παρρησία des Glaubens besteht darin, 
Gott beim Wort zu nehmen. 
Der Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gab, 
Sünden zu vergeben oder zu behalten, 
der galt nicht nur den 10, die an Ostern im Haus versammelt waren. 
Er galt auch Thomas, der nicht da sein konnte. 
Und er gilt auch uns, die wir die Geschichte hören 
- wenn wir die παρρησία, die Unverschämtheit besitzen, sie auf uns zu beziehen. 
Die Unverschämtheit des Glaubens besteht darin, darauf zu vertrauen,
dass uns in seinen Worten Jesus selbst anspricht.
Sie besteht darin, durch den Glauben die Worte Jesu auf uns zu beziehen,
uns von ihnen angesprochen und gemeint zu fühlen.
Zu glauben, dass dies nicht nur ein Gefühl, sondern Wirklichkeit ist:
Jesus meint tatsächlich uns, Sie und mich, uns persönlich.

Zu dieser Unverschämtheit gehört auch,
dafür einzustehen - und notfalls auch zu streiten -,
dass Jesus nicht nur mich meint, sondern auch Sie - und Sie - und Sie.
Selig ist, wer diese Unverschämtheit besitzt.

So hat Jesus seinen Heiligen Geist nicht nur den 10 Jüngern gegeben, 
die er am Abend des Ostertages persönlich anblies, 
sondern auch Thomas, 
und mit ihm allen Verkünderinnen und Verkündern des Evangeliums, 
allen Christinnen und Christen, bis zu uns heute. 
Wir mussten nicht angepustet werden, um den Heiligen Geist zu bekommen; 
er kam über uns bei unserer Taufe. 
Wir legen in der Kirche zwar bei der Taufe und beim Segen die Hände auf 
zum Zeichen, dass wirklich etwas geschieht: 
dass der Heilige Geist nicht nur eine Idee, sondern etwas Wirkliches ist. 
Aber nötig ist das nicht. 
Der Heilige Geist kommt auch ohne Handauflegung. 
Nötig ist nur, so un-verschämt zu sein, zu glauben
dass der Heilige Geist auch auf mich gekommen ist; 
nötig ist nur die παρρησία, die Un-verschämtheit des Glaubens, 
die das, was anderen gilt und zugesagt ist, 
auch für mich gelten und zugesagt und wirklich sein lässt.

V
Der heutige Predigttext ist also auch eine Geschichte vom Ausschließen und ausgeschlossen Sein. 
Besser gesagt: eine Geschichte darüber, 
dass niemand aus der Gemeinde ausgeschlossen ist 
und niemand sich ausschließen muss. 
Leider schließen wir manchmal Menschen aus 
- oft, ohne es zu wissen und zu wollen, 
allein durch unser Verhalten. 
Leider fühlen wir uns manchmal ausgeschlossen von unseren Mitmenschen, 
von einer Gemeinde, von Gott selbst; 
fühlen uns nicht würdig, nicht gut genug.

Was wir in einer solchen Situation brauchen, 
ist eine gehörige Portion παρρησία, Unverschämtheit, 
die sich das nimmt, was ihr zusteht. 
Denn Gott hat uns, seine Geschöpfe, alle gleich lieb;
schätzt uns alle gleich wert; 
niemand ist besser, niemand ist schlechter.

Und zugleich sind wir alle unwürdig, vor Gott zu treten.
Paulus sagt, in Luthers Worten: 
"Sie sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, 
den sie bei Gott haben sollten“  (Römer 3,23), 
und darum sind wir alle würdig seiner Liebe, die er uns überschwänglich schenkt, 
ohne darauf zu sehen, was wir leisten, oder wer wir sind - in Paulus’ Worten:
„und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade
durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Römer 3,24)

Alles, was wir tun müssen, damit wir selig werden, ist:
so unverschämt zu sein, diese Liebe Gottes zu uns anzunehmen. 
Es anzunehmen, dass Jesus gerade für uns, aus Liebe zu uns, gestorben ist.
Es anzunehmen, dass er mit seiner Auferstehung gerade uns die Angst vor dem Tod und vor dem Leben nehmen wollte.
Es anzunehmen, dass er gerade uns zum Bau seiner Gemeinde, seines Reiches braucht und haben möchte.
Und dass er heute, am Sonntag nach Ostern, noch einmal extra zu uns kommt, 
um uns in diesem Gottesdienst zu begegnen.


Amen.

Freitag, 26. Dezember 2014

Aufmerksamkeit

Predigt am Altjahrsabend, 31.12.2014, über Lukas 12,35-40:

Jesus spricht: Lasst eure Hüfte gegürtet und eure Lampen brennen. Und seid wie Leute, die ihren Chef erwarten, wenn er von der Feier zurückkommt, damit sie ihm sofort öffnen, wenn er kommt und klopft. Glückwunsch jenen Angestellten, die der Chef wachend findet, wenn er kommt. Wirklich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und sie zu Tisch bitten, herbeikommen und sie bedienen. Und wenn er um Mitternacht oder früh um drei kommt und sie so findet, Glückwunsch! Werdet euch aber bewusst: Hätte der Hausherr gewusst, zu welcher Stunde der Dieb kommt, hätte er den Einbruch in sein Haus verhindert. Macht auch ihr euch bereit, denn der Hausherr kommt zu einer Stunde, zu der ihr es nicht erwartet.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich als Jugendlicher spät nachts nach Hause kam, weil wir nach dem Training noch in der Kneipe waren, weil ich mich bei Freunden festgequatscht oder die Veranstaltung in der Schule wieder einmal länger gedauert hatte, dann hörte ich jedes Mal, wenn ich möglichst leise die knarzende Holztreppe zum Schlafzimmer hochstieg, meine Mutter verschlafen meinen Namen rufen. Ganz gleich, zu welcher Zeit ich nach Haus kam, wie leise ich die Treppe hochschlich: Meine Mutter hörte mich. Sie konnte offenbar erst dann schlafen, wenn sie mich sicher zuhause wusste.
Damals belächelte ich ihre unnötige Sorge. Heute, wo ich selbst Vater bin, geht es mir genauso wie ihr.
Um Menschen, die man liebt, sorgt man sich und kann oft nicht schlafen, wenn sie nachts noch unterwegs sind.

Wenn Jesus von einem Chef erzählt, auf den seine Angestellten warten, bis er von der Feier nach Haus kommt, geht es nicht um ein Liebesverhältnis. Die Angestellten warten ja nicht auf ihren Chef, weil sie ihn so furchtbar lieb haben, sondern weil sie es müssen. Sie werden dafür bezahlt, es ist ihr Job. Wir denken dabei vielleicht an Fernsehserien wie Downton Abbey, wo Butler diskret ihrer Herrschaft aufwarten.
Aber der Chef, von dem Jesus erzählt, verhält sich eigenartig. Er scheint es nicht als selbstverständlich anzusehen, dass man ihn erwartet, sondern als etwas ganz Außergewöhnliches. Deshalb tauscht er mit denen, die auf ihn gewartet haben, die Rollen und macht sich selbst zum Diener, der seinen Angestellten das Essen bereitet, es ihnen serviert und sie dabei auch noch bedient. Was für ein eigenartiger Chef - kaum vorstellbar, dass es so etwas geben sollte. Warum erzählt Jesus von einem solchen Chef? Und was hat diese Geschichte mit dem Jahreswechsel zu tun, den wir heute begehen?

Silvester ist ein eigenartiges Datum: Einmal im Jahr wird ein Tag festgesetzt, an dem das alte Jahr endet und das, was es brachte und ausmachte, endgültig vorüber ist. Und ein neues Jahr beginnt, das wie ein leeres, unbeschriebenes Blatt vor uns liegt. Es ist, als würde eine Seite eines Buches umgeschlagen, oder als würde man über eine Schwelle von einem Zimmer in ein anderes gehen, in dem man nie zuvor gewesen ist.
Aber die Zeit ist nicht so, dass man sie umklappen könnte wie eine Buchseite, dass man einen Zeitraum verlässt und in einen neuen hinübergeht wie über eine Schwelle. Wir tun so, als wäre die Zeit in solche Zeiträume eingeteilt, in Minuten, Stunden, Tage und Jahre. Tatsächlich aber ist die Zeit ein Fluss, ist ohne Anfang und Ende - jedenfalls für die Spanne unseres Lebens. Wir heben willkürlich besondere Momente in diesem eintönigen Fluss der Zeit heraus, als würden wir Stöckchen in den Fluss werfen, denen wir zusehen, wie sie langsam davongetragen werden, bis sie den Blicken entschwinden.
Die Zeit ist ein Fluss und sie ist im Fluss, aber mit einer solchen Vorstellung lässt es sich nicht leben. Man braucht eine Zeiteinteilung, man braucht besondere Höhepunkte im Fluss der Zeit - Weihnachten, Geburtstage, Jubiläen, Jahreswechsel. An solchen Höhepunkten scheint die Zeit angehalten. Man blickt zurück, man blickt voraus, als stünde man auf einem Berg, von dem aus man den Fluss der Zeit überschauen kann.
Es ist gut, dass unser Leben solche Höhepunkte hat. Dass wir hin und wieder auf einen Berg steigen können, um den Fluss der Zeit zu überblicken. Nur auf diese Höhepunkte hin zu leben ist aber auch ziemlich einseitig. Vor allem verpasst man dabei viel zu viel. Von der Höhe der Berge übersieht man nämlich allzu leicht, wie viel Schönes die Ebene zu bieten hat. Der Alltag hat viel gemein mit einem gleichförmig und träge dahinströmenden Fluss. Und doch hält er an jedem Tag besondere Momente für uns bereit - Momente, die es manchmal durchaus mit den Höhepunkten im Jahr aufnehmen können.

Zu diesen besonderen Momenten gehören Begegnungen mit anderen Menschen - mit Familienmitgliedern, Freunden, Nachbarn oder gänzlich Fremden, denen wir zum ersten Mal begegnen, oder auch nur dieses eine Mal. Wie würden wir uns aufregen, wie lange im Voraus würden wir uns vorbereiten, wenn wir die Bundeskanzlerin treffen könnten, den Papst, Pep Guardiola oder Helene Fischer - um nur ein paar Berühmtheiten zu nennen. Was würden wir dafür tun, wenn wir einmal dem Menschen begegnen könnten, den wir so sehr verehren und bewundern. Wir würden diese Begegnung niemals vergessen, noch unseren Enkeln würden wir davon erzählen!
Sind denn aber unsere Eltern, unsere Kinder, unsere Nachbarn keine besonderen Menschen? Hätten sie es nicht auch verdient, dass man sich auf sie freut, dass man aufgeregt ist, wenn man ihnen begegnet? Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Partnerin, unser Partner, dass unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Nachbarn immer da sind. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir sie manchmal wie Möbelstücke behandeln; Inventar, das eben zu unserem Haushalt gehört. So sind wir nun einmal. Wir können nicht jeden Tag, jeden Augenblick diese Anspannung, diese Energie aufbringen, die wir einem ganz besonderen Menschen schenken würden.
Aber an und zu könnten wir es schon. Ab und zu könnten wir uns daran erinnern, dass es nicht selbstverständlich, sondern ein großes Glück ist, dass wir diese Partnerin, diesen Partner haben. Diese Eltern, diese Kinder, diese Nachbarinnen und Nachbarn. Ab und zu könnten wir ihnen das ruhig mal zeigen.

Als Christen glauben wir, dass Jesus uns in unseren Mitmenschen begegnet. Hier, im Gottesdienst, wenn wir als Gemeinde der Leib Christi sind. Beim Abendmahl, wenn Christus uns in Brot und Wein ganz nahe ist, mitten unter uns im Kreis vor dem Altar.
Christus begegnet uns auch in Menschen. Im wildfremden Menschen, den wir auf der Straße treffen. Den wir im Krankenhaus besuchen. Dem wir durch eine Spende helfen. Dem wir in einer schwierigen Lage beistehen. Den wir durch ein Lächeln, ein freundliches Wort aufmuntern. Dem wir sagen und zeigen, dass er bei uns willkommen ist. Denn Jesus sagt: “Was ihr einer oder einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.”
An Weihnachten haben wir gehört und gesehen, was Jesus damit meint: das schutz- und hilflose Kind in der Krippe unterscheidet sich in nichts von den Neugeborenen überall auf der Welt. Es unterscheidet sich in nichts von dem Säugling, der wir einmal waren, und auch nicht vom Säugling, der im Gazastreifen geboren wird oder in Tel Aviv, im Asylbewerberheim, im Schaustellerwagen oder im Meininger Krankenhaus. Sie alle, wir alle sind Kinder Gottes, Gottes Kinder. Sie alle, wir alle verdienen Liebe, Respekt und Mitmenschlichkeit.

So kommt Jesus, das Kind in der Krippe, nicht nur an Weihnachten zu uns, nicht nur hier und jetzt, im Gottesdienst. Sondern auch und gerade dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Wenn wir nicht darauf eingestellt sind, wenn es ungelegen kommt, wenn es gerade gar nicht passt. Wir sind zu beglückwünschen, wenn wir in einem solchen Moment nicht auf dem Schlauch stehen, sondern die Gelegenheit erkennen und sie ergreifen. Die Gelegenheit, der Partnerin oder dem Partner, dem Kind, den Eltern, der Nachbarin oder der gänzlich Fremden zu zeigen, dass wir auf sie gewartet, dass wir sie erwartet haben. Wir sind zu beglückwünschen, weil diese Menschen uns ebenso beschenken werden wie der eigenartige Chef, von dem Jesus erzählt. Wohl nicht unbedingt mit einem Essen, bei dem sie uns bedienen. Eher mit etwas, das mindestens genauso schön ist und genauso gut tut: einem Lächeln.

Heute ist Silvester. Ein Höhepunkt im Jahr, an dem wir zurückblicken auf Gelungenes und auf verpasste Gelegenheiten. An dem wir gute Vorsätze fassen für's neue Jahr und manches anders oder besser machen wollen. Wie wäre es, wenn wir uns die Geschichte, die Jesus erzählt, zum Vorsatz für das kommende Jahr nähmen? Wie wäre es, wenn wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Herzlichkeit, unsere Freundlichkeit nicht nur zu besonderen Anlässen an besondere Menschen verschenkten, sondern freigiebiger damit wären und sie auch im Alltag großzügig verteilten? Wir würden, ohne es zu wissen, Jesus eine große Freude machen. Und wir würden uns damit eine Freude machen. Denn das Lächeln, die Liebe, die Menschlichkeit und Freundlichkeit, die wir schenken, erhalten wir doppelt und dreifach zurück.

Amen.


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Die Predigt zum folgenden Neujahrstag steht (in etwas putzigem Layout) bei den GPI: