Sonntag, 5. April 2026

Der Artikel, mit dem unser Glaube steht oder fällt

Predigt am Ostersonntag, 5. April 2026, über 1.Korinther 15,12-20


Liebe Schwestern und Brüder,


Mitte der 90er Jahre sorgte ein Göttinger Professor für Aufregung.

Gerd Lüdemann, Professor für Neues Testament,

bezweifelte öffentlich, dass das Grab Jesu am Ostermorgen leer war.

Er vertrat die Ansicht, Jesu Jünger, die ihn als Messias angesehen

und den Anbruch des Gottesreiches erwartet hatten,

seien durch den Tod ihres Idols traumatisiert worden.

Sie hätten unter Schock gestanden, 

deshalb hätten sie ihn als Auferstandenen gesehen,

während Jesus, so Lüdemann, noch in seinem Grab lag.


Gerd Lüdemanns These zeigt, wo es hinführen kann,

wenn man versucht, das Ostergeschehen mit Hilfe der Vernunft zu verstehen.

Die Vernunft kann die Auferstehung nicht akzeptieren.

Denn Auferstehung ist wissenschaftlich nicht belegbar

und auf dem Stand unseres Wissens auch nicht erklärbar.


Wir sind vernunftbegabte Wesen,

machen uns unsere Gedanken über Gott und die Welt 

und versuchen, sie zu verstehen.

Man wird über Gerd Lüdemanns These den Kopf schütteln,

sie belächeln oder sogar vehement ablehnen.

Doch sie stellt eine Frage, die wohl viele Menschen beschäftigt:

Muss man an die Auferstehung glauben, und wenn ja, wie kann man das?


II

Eine Frage, die schon die ersten Christen in Korinth umtrieb.

Und wie Gerd Lüdemann heute konnten sich auch damals 

manche nichts unter Auferstehung vorstellen

oder lehnten diesen Gedanken rundweg ab,

weil er der Vernunft widersprach.


Kaum ein Satz der Bibel klingt für mich so bedrohlich

wie die Antwort, die Paulus den Leugnern der Auferstehung gibt:

„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, 

so ist unsre Predigt vergeblich, 

so ist auch euer Glaube vergeblich (...),

so seid ihr noch in euren Sünden.”


Für Paulus ist die Auferstehung

der Articulus stantis et cadentis ecclesiae,

der Glaubenssatz, mit dem die Kirche steht oder fällt,

wie es für Luther, der diesen Ausdruck prägte,

die Rechtfertigung allein aus Glauben war.


An der Tatsache der Auferstehung hängt für Paulus einfach alles.

Wer nicht glauben kann, dass Christus tatsächlich auferstanden ist,

der ist in Paulus’ Augen keine Christin, kein Christ -  da hilft auch die Taufe nichts.

Im Gegenteil: Die Taufe macht uns nur dann zu Gottes Kindern,

wenn Christus tatsächlich auferstanden ist.


Denn in der Taufe, so erklärt uns Paulus,

haben wir Anteil an Tod und Auferstehung Christi:

„Wisst ihr nicht,” schreibt er an die Gemeinde in Rom, 

„dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, 

die sind in seinen Tod getauft? 

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, 

auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, 

so auch wir in einem neuen Leben wandeln.”


III

Taufe, das ist die Feier eines neuen Lebens -

wie geht das mit dem Tod zusammen?

Paulus erklärt im Römerbrief,

dass der Mensch, so, wie er nun einmal ist,

Gottes Gebote nicht erfüllen kann.

Niemand kann immer gut sein, niemand alles richtig machen.

Das ist kein Fehler des Menschen,

sondern das ist unsere menschliche Freiheit,

zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch wählen zu können.


Aber trotzdem denken viele Menschen,

dass Gott uns unsere Fehler, unsere „Sünden”,

wie die Bibel das nennt, anrechnet

und uns dafür bestrafen wird.

Für die Menschen des Mittelalters 

war das Fegefeuer der Ort dieser Bestrafung

und die Hölle für die bestimmt,

für die keine Umkehr mehr möglich war.


Diese Vorstellung eines richtenden Gottes

passt nicht mit dem Bild zusammen,

das Jesus von Gott zeichnet.

Jesus führt uns vor Augen, dass Gott die Liebe ist.

Auf diese göttliche Liebesmacht vertraute er 

und hielt bis zum Tod an ihr fest.

Und er wurde nicht enttäuscht:

Gottes Liebe riss ihn aus dem Tod in ein neues Leben.


Die Liebe ist langmütig und freundlich, wie Paulus schreibt.

Sie ist eine durch und durch gute Kraft,

die nur das Beste für die Geliebte, den Geliebten will.

Trotzdem ist die Liebe nicht gleichgültig

gegenüber Gut und Böse, Wahrheit und Lüge.

Die Liebe ist nicht naiv, sie ist nicht gutgläubig.


Ich glaube schon, dass es so etwas wie ein „Jüngstes Gericht” gibt:

Wenn wir einmal Gott, der die Liebe ist, gegenübertreten,

wird uns mit einem Schlag bewusst werden,

wo wir lieblos gehandelt, wo wir anderen Liebe verweigert haben.

Uns wird auch bewusst werden,

wo wir keine Liebe erfahren durften, wo uns Liebe verweigert wurde.


Ich stelle mir vor, dass das ein Moment ist,

an dem man sich ganz furchtbar schämt 

und es einem glühend heiß wird vor Scham,

weil man bloßgestellt ist und sich nicht mehr verstecken kann.

Mit dem Begriff „Fegefeuer” ist dieses Schamgefühl sehr treffend wiedergegeben.

Wenn Gottes Liebe uns nicht einhüllen würde wie ein Mantel,

würde man in diesem Feuer der Scham vergehen.


IV

Die Taufe ist dieser Mantel, in den wir eingehüllt werden.

Paulus stellt sich bildlich vor, dass wir bei der Taufe Christus anziehen,

als würden wir uns einen Mantel umlegen:

wir ziehen Gottes unendliche, unerschöpfliche Liebe an. 

Dadurch werden wir zu neuen Menschen.

Der alte Mensch, der aus eigener Kraft das Gute nicht tun konnte,

ist im Wasser der Taufe gestorben.

Herausgekommen sind neue Menschen, die aus Gottes Liebe leben.

Wir sind auferstanden.

Wir sind jetzt fähig, zu lieben und liebevoll miteinander umzugehen.


Was bei der Taufe mit uns passiert, ist ein mystischer Vorgang:

Wir werden mit Christus überkleidet.

Das kann man nicht sehen, nicht messen, nicht überprüfen.

Es geschieht in einer anderen Dimension: In Gottes Welt.

Und zugleich geschieht es auch hier und jetzt unter uns.

Was im Hier und Jetzt passiert, könnte man so beschreiben:

Mit der Taufe wird man in einen neuen Zusammenhang gestellt.

Unsere Lebensgeschichte erhält ein neues Narrativ.


Ein Narrativ ist ein erzählerischer Zusammenhang, den man herstellt.

Wir erzählen uns unser Leben, 

wir erzählen unsere Wirklichkeit in Narrativen.

Das bedeutet nicht, dass alles erfunden und erlogen ist.

Es bedeutet, dass wir Tatsachen und Sachverhalte deuten.

Wir machen das ständig, es ist uns meist nicht bewusst.

Wir deuten auch andere, und werden von ihnen gedeutet.

Wir finden jemanden nett - eine Deutung,

oder wir mögen jemanden nicht - auch eine Deutung.

Wir können Gründe dafür angeben, 

warum wir jemanden mögen oder nicht -

warum wir uns mögen oder mit uns unzufrieden sind.

Aber das sind meist keine objektiven Gründe,

keine, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.

Es ist ein Narrativ, eine Geschichte, die wir uns erzählen,

die von unseren Eltern, Mitschülern, Mitmenschen erzählt wird.


Manche Narrative machen Menschen stark,

lassen sie zu glücklichen, aufrechten, selbstbewussten Menschen heranwachsen.

Andere machen Menschen krank.

„Mobbing” nennt man das,

wenn hinter jemandes Rücken über ihn oder sie erzählt wird.

Durch diese Erzählungen, dieses Narrativ,

sieht man den Menschen wie durch eine Brille.

Man sieht ihn nicht mehr so, wie er ist,

sondern wie er uns durch das Narrativ erscheint. 


Die Taufe erzählt eine andere, eine neue Geschichte über uns:

Sie stellt uns in die Geschichte Gottes mit uns Menschen,

in die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel.

Das, was Gott seinem Volk verspricht,

das verspricht er auch uns, das gilt auch uns.

Wir hören, dass wir Gottes Kinder sind, seine Töchter und Söhne,

und dass Gott uns so sehr liebt, „dass er seinen einzigen Sohn gab,

damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,

sondern das ewige Leben haben.”


V

Es war ein langer Weg zu einer Antwort

auf die Frage nach der Auferstehung.

Ich denke, jetzt können Sie selbst die Antwort geben:

Unser Glaube steht oder fällt mir der Auferstehung,

weil wir nur, wenn Christus tatsächlich auferstanden ist,

zu neuen Menschen mit einer neuen Geschichte werden

und das neue Leben führen können,

das Christus für uns durch seinen Tod am Kreuz ermöglicht hat.


Wir leben schon jetzt als Auferstandene.

Wir stehen jeden Tag aufs Neue auf,

wenn wir unser so schönes, erfülltes

und manchmal so schreckliches, leidvolles Leben auf uns nehmen. 

An jedem Tag, in jedem Augenblick

beschützt uns die Liebe Gottes, mit der wir bekleidet sind, 

vor der Scham, die wir empfinden, 

wenn wir unser Tun an Gottes Liebe messen.


Eines Tages werden wir in Gottes Wirklichkeit hinein aufstehen.

Es wird ein neuer Morgen sein

unter einem neuen Himmel, auf einer neuen Erde.

Wir werden uns wiedererkennen und zugleich verwandelt sein.

Gottes Liebe wird uns alle umfangen,

und niemand wird sich schämen müssen.

Samstag, 4. April 2026

Die Erinnerung nach vorne

Ansprache in der Osternacht, 4. April 2026, über 2.Timotheus 2,8:


Liebe Schwestern und Brüder,


Vergangenheit und Zukunft in einem Satz:

Erinnere dich an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.


Erinnerung blickt zurück auf die Vergangenheit.

Auf Jesus, der auf Erden wandelte.

Der seine Jünger und alle, die ihm zuhören wollten,

von der Macht der Liebe Gottes zu überzeugen trachtete.

Der Kranke heilte, Blinden die Augen und Tauben die Ohren öffnete. 

Der Menschen, die als unrein galten, von dem befreite,

was bei ihren Mitmenschen Anstoß erregte.

Überhaupt von der Gemeinschaft Ausgeschlossene

in seine Nähe holte - oder sich bei ihnen zum Essen einlud.

Der verraten und zum Tod am Kreuz verurteilt wurde,

einen elenden, qualvollen Tod am Kreuz starb

und begraben wurde - und mit ihm scheinbar alle Hoffnungen

auf den Anbruch des Reiches Gottes, das er verkündigt hatte.


Die Auferstehung, das ist die Zukunft.

„Ich glaube an die Auferstehung der Toten”

das blickt voraus auf ein Ende,

das ein neuer Anfang sein wird,

wenn Gott bei seinen Menschen wohnt.

Wenn er alle Tränen von ihren Augen abwischt,

wenn man kein Leid, kein Geschrei, keinen Schmerz

und auch keinen Tod mehr kennt.


Diese Zukunft wird heute Gegenwart.

Wir sind dabei, wir erleben sie mit.

Gerade haben wir es ausgerufen

und aus voller Kehle gesungen:

Christus ist auferstanden! 

Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!


So, wie das Reich Gottes mit Christus angebrochen ist

und immer wieder da aufblitzt,

wo Menschen Jesu Fußstapfen folgen,

so ist durch die Auferstehung des Einen

das neue Leben Wirklichkeit,

in dem wir von allem befreit sind,

was Macht über uns beansprucht.


Erinnere dich an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.


Wir erinnern uns an unsere Zukunft.

Es ist eine Erinnerung nach vorne.

Durch sie wird uns gegenwärtig,

was schon längst Wirklichkeit geworden ist.


Warum erinnert man sich?

Manchmal erinnert man sich aus Sentimentalität

an Jahre, die verflogen sind;

an verpasste Gelegenheiten und an Liebe,

die abhanden kam oder ihr Ziel nicht fand.


Aber Erinnerung ist vor allem dazu da,

dass wir etwas daraus lernen.

Als Schülerinnen und Schüler lernten wir,

was wir heute selbstverständlich anwenden.

Wir können auf Gelerntes zurückgreifen, 

können das erinnern, was wir verinnerlicht haben.

Es hilft uns, unsere Gegenwart zu bestehen:

Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen.


So ist es auch mit der Erinnerung

an Jesus Christus als von den Toten Auferstandenen.

So ist es mit der Erinnerung an diese Nacht,

die so anders ist als alle anderen Nächte.


Diese Erinnerung begleitet uns durch das Jahr.

Sie begleitet uns durchs Leben.

Wir greifen auf sie zurück als auf etwas Verinnerlichtes,

wann immer wir mit Leid konfrontiert werden,

mit Geschrei, wie es der Streit der Meinungen,

die Debatte über Wahrheit und Lüge,

über Recht und Unrecht verursachen.

Wann immer wir dem Schmerz begegnen, 

dem wir nicht ausweichen können, und dem Tod - 

dem eines nahen, eines geliebten Menschen,

und dem eigenen Tod.


Wenn wir in so einem Augenblick an diese Nacht zurückdenken,

als uns die Botschaft der Auferstehung erreichte,

erfüllt uns die Gegenwart Gottes:

erfüllt uns das neue Leben, Christus, 

den wir in der Taufe angezogen haben, wie es Paulus formuliert.


Mit Gott in uns und Christus um uns,

erfüllt von dem neuen Leben,

das auf uns wartet und zugleich gegenwärtig ist,

nehmen wir es mit dem Leben auf:

Ertragen wir das Leid und tragen es mit anderen mit,

können wir mitleiden und mitfühlen mit anderen.

Stillen wir den Streit, der in Geschrei ausartet,

und widersprechen der Lüge.

Reden wir den Schmerz nicht klein -

unseren nicht, und auch nicht den der anderen.

Wir können ihn wahrnehmen, ihn ernst nehmen,

weil er uns nicht vernichten wird:

Gott in uns und Christus um uns sind stärker als der Schmerz.

Mit ihrer Hilfe können wir ihn hinter uns lassen,

wie wir den Tod hinter uns gelassen haben.

Auf uns wartet nicht der Tod, sondern das Leben,

das heute, in dieser Nacht, seinen Anfang nimmt.

In ihm werden wir, wird die ganze Schöpfung neu -

in ihm sind wir bereits neu:

Wir sind Gottes Töchter und Gottes Söhne.

Donnerstag, 2. April 2026

Keimzelle

Predigt am Gründonnerstag, 2.4.2026, über Exodus 12,1-14

Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Ägypten:
Dieser Monat soll für euch der wichtigste Monat sein;
er soll bei euch den Monaten des Jahres vorangehen.
Sprecht zur ganzen Gemeinde Israel:
Am Zehnten dieses Monats nehmt euch jeder pro Familie einen Bock, einen Bock pro Haus.
Und wenn in einem Haus für einen Bock zu wenig sind,
soll man den seinem Haus nächstgelegenen Nachbarn
zu der Anzahl der Essenden hinzunehmen,
je nachdem, wieviel jeder von dem Bock isst.
Der Bock soll einwandfrei, männlich und einjährig sein.
Von den Schafen oder den Ziegen sollt ihr ihn nehmen.
Und ihr sollt ihn zurückbehalten bis zum vierzehnten Tag dieses Monats.
Dann soll die ganze Versammlung der Gemeinde Israel
ihn in der Abenddämmerung schlachten.
Danach sollt ihr von dem Blut nehmen
und es an die beiden Türpfosten und den Türsturz eurer Häuser streichen, wo ihr ihn essen werdet.
Ihr sollt das Fleisch in dieser Nacht essen,
überm Feuer gebraten, mit Mazzen und bitteren Kräutern sollt ihr es essen.
Ihr sollt es nicht roh essen noch in Wasser gar gekocht, sondern überm Feuer gebraten,
sein Kopf mit seinen Schenkeln und den Innereien noch zusammenhängend.
Ihr sollt davon nichts übrig lassen bis zum Morgen.
Den Rest sollt ihr bis zum Morgen im Feuer verbrennen.
So sollt ihr ihn essen:
Um die Hüften gegürtet, eure Sandalen an den Füßen,
euren Stock in der Hand, sollt ihr es hastig essen.
Es ist das Passa für den Herrn.
In dieser Nacht werde ich durch Ägypten gehen
und alle Erstgeborenen bei Mensch und Tier in Ägypten erschlagen.
Und über alle Götter Ägyptens werde ich Strafgericht halten.
Ich bin der Herr.
Das Blut an euren Häusern, in denen ihr euch aufhaltet,
soll ein Zeichen zu eurem Schutz sein:
Wenn ich das Blut sehe, will ich an euch vorbeigehen,
und ihr werdet von der Plage des Verderbers verschont, wenn ich Ägypten schlage.
Dieser Tag soll euer Gedenktag sein.
Ihr sollt an ihm ein Fest für den Herrn feiern.
Allen kommenden Generationen soll dieses Fest eine ewige Satzung sein.


Liebe Schwestern und Brüder,

die Erzählung von der Einsetzung des Passafestes macht deutlich,
wie weit die Welt der Bibel von unserer heutigen Wirklichkeit entfernt ist.
Als diese Erzählung aufgeschrieben wurde,
herrschte im Mittelmeerraum die Bronzezeit -
während die Menschen, die damals hier in Mecklenburg lebten,
von Bronze wahrscheinlich noch gar nichts gehört hatten.
Die Ereignisse, von denen sie berichtet,
reichen noch viel weiter zurück, in die ausgehende Steinzeit.

Was da erzählt wird, erscheint uns heute befremdlich:
Blut, das an die Türrahmen gestrichen wird;
ein Todesengel, der „Verderber”, der nachts herumgeht
und alle Erstgeborenen erschlägt.
Wenn man dieses Fremde und Abständige einmal beiseite lässt,
kommt ein Gründungsdokument zum Vorschein:
Hier wird erzählt, wie es zum Passafest kam,
dem wichtigsten Fest im Judentum,
und warum es bis heute gefeiert wird.

Mit dem Passafest tritt der jüdische Glaube ins Dasein.
Natürlich gab es schon vorher jüdische Gläubige -
die Bibel berichtet von Abraham, Isaak und Jakob,
dessen Nachkommen das Volk Israel wurden.
Doch dieses Volk Israel liegt im Dunkel der Vergangenheit.
Als die Erzählungen der Bibel niedergeschrieben wurden,
gab es bereits das Judentum - jüdische Gemeinden,
die nach den Geboten lebten, die Mose dem Volk Israel gegeben hatte,
die Gottesdienste und bestimmte Feste feierten, wie eben das Passafest.

An dieser Gründungserzählung des Passafestes fällt auf,
dass zwar von der „Gemeinde Israel” die Rede ist.
Aber das, worum es geht, spielt sich in den „Häusern” ab,
in einzelnen Familien, die sich mit anderen zusammentun,
wenn eine Familie zu klein ist.

Das „Haus” war auch die Keimzelle des Christentums.
„Sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern,”
heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 2,46).
Bevor die Christen römische Kaufhäuser, die Basiliken,
für ihre Gottesdienste übernahmen und Kirchen bauten,
feierten sie zuhause Gottesdienst, im Wohnzimmer.
Mit anderen Worten: Der Hauskreis ist die Urform der Gemeinde.

Und auch heute, am Gründonnerstag, hören wir im Evangelium,
wie Jesus sich mit seinen Freunden privat trifft,
in einem Haus, zu einem letzten Abendessen.
Und wie er ihnen vor dem Abendmahl die Füße wäscht.

II

Die Erzählung von der Einsetzung des Passa
wirkt befremdlich und abschreckend durch das Blut,
das vergossen und an die Türrahmen gestrichen wird.
Es ist ein Zeichen, heißt es -
keines, das man aufstellt oder an die Wand malt,
wie wir das mit dem Kreuz tun,
oder das man sich um den Hals hängt.

„Im Blut ist das Leben”, so steht es in der Noahgeschichte (1.Mose 9,4).
Das Blut ist ein Zeichen für den Wert des Lebens:
Das Leben ist kostbar.
Darum muss auch der Bock ganz aufgegessen werden.
Ein Zeichen der Achtung vor dem Leben.

Aber wenn das Leben so kostbar ist,
warum tötet Gott dann alle Erstgeborenen in Ägypten
bei Menschen und Tieren?

Die Erzählung von der Einsetzung des Passa ist eine Geschichte, kein Tatsachenbericht.
Da war damals keiner, der mit Stift und Notizblock aufschrieb,
was genau sich alles in jener Nacht ereignete -
wie auch am Gründonnerstag niemand Protokoll schrieb,
was Jesus tat und zu seinen Jüngern sagte.

In dieser Erzählung vom Passamahl geht es nicht um die Ägypter, sondern um das Volk Israel.
Die Tötung der Erstgeburt wird erwähnt,
weil das den Israeliten erspart blieb.
Es geht nicht darum, dass Gott soundso viele Menschen und Tiere erschlug,
sondern dass das Volk Israel von diesem Schrecken verschont wurde.

Der Exodus, der Auszug aus Ägypten,
wird damit zu einer doppelten Befreiung:
Befreiung aus der Knechtschaft durch eine Übermacht, die Ägypter,
die das Volk Israel mit Gewalt unterdrücken.
Und Befreiung von der Macht eines blinden Schicksals,
dem Verderber, der durch Ägypten zieht und alle Erstgeborenen erschlägt.

Natürlich erlebten auch die Israeliten,
erleben alle Gläubigen bis heute Schicksalsschläge.
Oft hat man dabei das verzweifelte Gefühl,
das Schicksal habe blind zugeschlagen und den Falschen getroffen.
Man sucht nach einer Erklärung, sucht nach Gründen,
warum es ausgerechnet mich traf.

Der Glaube sagt uns dann: Es gibt keinen Grund.
Du bist nicht schuld.
Du kannst nichts dafür.
Weder dafür, dass es dich traf,
noch, dass es einen Menschen traf, den du lieb hast.
Krankheit und Tod treffen uns alle.
Sie sind keine Strafe, sondern ein Teil des Lebens.
Etwas, das man nicht vermeiden kann,
das man sich nicht aussuchen und bei dem man nicht entscheiden kann,
wann, wenn es denn sein muss, der beste Zeitpunkt dafür wäre.

Gott befreit uns also nicht vom Leid -
dann müsste er uns von diesem Leben befreien.
Gott befreit uns von der Frage nach dem Warum
und von der Verzweiflung, diesem Leid ausgeliefert zu sein.
Gott befreit uns, indem er unser Herr wird,
besser gesagt: Indem wir Gott Herr sein lassen.
Und zwar in dem alten Sinn, den das Wort schon in der Bronzezeit hatte:
Ein Herr, eine Herrin bestimmt,
und seine, ihre Untertanen tun, was sie oder er will.

Im Glauben gibt es keine Demokratie,
sondern nur den Willen Gottes,
dem wir unseren Willen unterordnen.
Das ist kein Kadavergehorsam,
kein blindes Ausführen von Befehlen.
Gottes Wille für uns ist ja, dass wir frei sein sollen,
glücklich sein sollen - und ebenso unsere Mitmenschen.

Manche bekommen es ganz gut hin,
dass es ihnen gut geht, dass sie glücklich sind.
Aber dass es allen Menschen gut geht,
das hat noch kein Mensch geschafft,
das kann menschliche Klugheit und Vernunft nicht fertig bringen.
Darum ist Gottes guter Wille so wichtig - für uns, und für unsere Welt.

III

Wir feiern Gründonnerstag,
den Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahles.
Das Gründungsdokument für dieses Fest
sind nicht die Einsetzungsworte, die Paulus überliefert,
nicht die Abendmahlsberichte bei Matthäus, Markus und Lukas.
Es ist die Erzählung von der Fußwaschung,
die dem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern vorangeht.

Wie die Erzählung von der Einsetzung des Passamahles
begründet auch diese Erzählung eine Gemeinschaft -
in diesem Falle unsere christliche Gemeinde.
Eine Gemeinde, die sich in den Häusern trifft.
Eine Gemeinde, für die das Haus - das private Wohnzimer
oder das Haus Gottes, die Kirche -
bis heute den Kern, den Kristallisationspunkt bildet.

Vor dem gemeinsamen Mahl, vor den Einsetzungsworten,
mit denen Jesus das Brot mit seinem Tod verbindet
und den Wein mit dem neuen Leben, das er schenkt,
steht die Fußwaschung: Jesus bückt sich,
kniet vor seinen Jüngern und wäscht ihnen die Füße.
Eine Arbeit, die damals Haussklaven verrichteten.

Der Herr wird zum Knecht, zum Sklaven,
und gibt seinen Jüngern damit ein Beispiel:
Wir Christinnen und Christen „kommen einander mit Ehrerbietung zuvor” (Römer 12,10).
Ehrerbietung erkennt den Wert des anderen an:
Jedes Menschenleben ist kostbar,
weil Gott jeden Menschen so sehr liebt wie uns.

Aus dieser Erkenntnis heraus ist Dienen keine Demütigung,
sondern ein Erweis des Respekts, den auch ich verdiene.
Wer dienen kann, macht einen Unterschied.
Kann unterscheiden zwischen dem Respekt, den jeder Mensch verdient,
und der Unterwerfung, die man niemandem schuldig ist.

Am Gründonnerstag gründet sich die christliche Gemeinde.
Sie ist die Gemeinschaft derer, die einander dienen
und Christus ihren Herrn sein lassen.
Weil Christus unser Herr ist, der seinen Jüngern diente,
für sie und für uns in den Tod gegangen ist, sind wir frei.

Wir kennen keinen anderen Herrn.
Wir haben niemanden sonst über uns.
Nichts und niemand kann und wird über uns Macht gewinnen,
nicht einmal der Tod.