Samstag, 21. Juni 2014

Das höchste Gebot

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 22. Juni 2014, über 5. Mose 6,4-9:

"Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deiner Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore."


Liebe Gemeine,

auf die Frage, was das höchste Gebot sei, antwortet Jesus: 
"Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 
Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, 
von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."

"Du sollst Gott lieben". Kann man Liebe befehlen? 
Schon, wenn man sie stellt, merkt man, wie unsinnig diese Frage ist. Liebe und Zwang passen überhaupt nicht zusammen. Liebe ist ein Geschenk, das man freiwillig gibt, aus vollem, überfließendem Herzen.
Stellen Sie sich vor, jemand träte vor Sie hin, hielte Ihnen quasi die Pistole vor die Brust und forderte Sie auf: "Du sollst mich lieben!" Wenn man in einer solch verrückten Situation nicht ängstlich oder verunsichert wäre, könnte man gar nicht anders, als über diese Aufforderung zu lachen.
Und doch - wenn man Liebesgedichte liest - solche, in denen der Dichter darüber klagt, dass seine Liebe nicht erwidert wird -, und wenn man sich an die Szenen erinnert, in denen man selbst einen "Korb bekam"; Momente, in denen die Liebe zurückgewiesen wurde, oder, wie es Erich Kästner so traurig formuliert, die Liebe "abhanden kam" - in solchen Situationen hätte man wohl selbst gern den anderen Menschen am Kragen gepackt und ihn beschworen: "Du sollst mich lieben!". 
Obwohl man weiß, dass niemand zur Liebe gezwungen werden kann - manchmal versucht man wider besseres Wissen, mit allen Mitteln, den geliebten Menschen zu halten, der dabei ist, sich abzuwenden. Nur, um hinterher um so schmerzhafter festzustellen, dass der Versuch vergeblich war.

Liebe lässt sich nicht befehlen, sie lässt sich nicht zwingen, sie lässt sich weder mit Geld noch mit guten Worten "erkaufen". - Dann aber wäre das Gebot: "Du sollst Gott lieben" ebenso unsinnig wie der Versuch, einen Menschen, der nicht lieben will, zur Liebe zu zwingen. Oder, anders herum gesagt: Dass es Menschen gibt, die Gott lieben - dass wir Gott lieben - oder, wenn Ihnen der Ausdruck "Liebe" vielleicht zu groß erscheint: dass Gott uns sehr viel bedeutet - das ist geradezu ein Wunder. Ein ebensolches Wunder wie die große, die wahre Liebe, die einem angeblich nur einmal im Leben begegnet. 

Ein Hinweis darauf, dass man Liebe zu Gott nicht befehlen kann, dass sie ein Wunder ist, dass einem einfach so widerfährt, könnte auch sein, dass wir vergleichsweise Wenige sind, die sich sonntäglich zum Gottesdienst zusammenfinden. Nicht, weil die anderen nicht wollten, weil sie zu faul wären oder nicht interessiert. Sondern weil ihnen dieses Wunder nicht widerfahren ist, das wir erlebt haben: das Wunder, dass wir Gott lieben, dass Gott uns sehr viel bedeutet.

Ist es etwas so Seltenes und Besonderes, dass ein Mensch die Liebe zu Gott entdeckt? - Sagen wir mal so: es ist nicht selbstverständlich. Aber doch auch nicht so außergewöhnlich oder schwierig, dass die Fähigkeit, Gott zu lieben, nur wenigen Auserwählten zuteil würde. Im Gegenteil: ich meine, dass jeder Mensch - zumindest jede und jeder Getaufte - in der Lage ist, Gott zu lieben.
Die Liebe ist ja gar nicht so selten, wie wir angesichts unserer manchmal enttäuschenden Erfahrungen mit dem Verlieben meinen. Wenn nicht etwas ganz schrecklich schief gegangen ist, lieben wir unsere Kinder und Enkelkinder. Ja, selbst einem fremden Baby gegenüber kann man gar nicht anders, als vor Liebe zu zerfließen, wenn es einen anlächelt. Wir lieben unsere Eltern und Großeltern, wie lieben unsere Geschwister - manchmal lieben wir sie sogar, obwohl sie uns sehr weh getan haben.
Die Liebe ist ein Gefühl, das uns sehr vertraut und nicht nur auf die Partnerin, den Partner oder unsere Familie beschränkt ist. Selbst Menschen, die uns fern stehen, so wie das fremde Baby, das uns anlächelt, können wir lieben. Jesus traut uns zu, unsere "Nächsten", also unsere Nachbarn und Mitmenschen zu lieben, ja, sogar unsere Feinde.

Bei der Nächstenliebe spürt man kein Kribbeln im Bauch; man bekommt keine feuchten Hände, wie beim ersten Verliebtsein. Aber auch die Liebe zu den Kindern, zu den Eltern ist nicht so - und trotzdem ist sie nicht geringer, nicht weniger wert als die Liebe zum Partner oder zur Partnerin.
Wenn wir beschreiben sollten, was diese Liebe ist, die wir gegenüber den Menschen, die wir lieben, empfinden - gegenüber der Partnerin oder dem Partner, den Kindern, den Eltern und Großeltern - könnte man sagen: Es ist ein Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass sie für uns da sind, dass wir zu ihnen und sie zu uns gehören. Es ist die Freude darüber, dass sie die Menschen sind, die sie sind - die uns immer wieder überraschen, uns immer wieder neue Seiten sehen lassen. Und wir empfinden Glück, wenn sie uns ansehen und uns ein Lächeln schenken.

Dankbarkeit, Freude, Glück empfinden wir, wenn wir einen anderen Menschen lieben. Es sind Gefühle, die wir auch Gott gegenüber empfinden: Dankbarkeit, dass Gott uns ins Leben rief und für uns da ist, dass wir zu ihm gehören. Freude darüber, dass Gott uns so mag und haben will, wie wir sind. Glück, dass Gott uns ansieht und sein Angesicht dabei leuchtet, wie es im Segen heißt. Dass wir Dankbarkeit, Freude, Glück empfinden, wenn wir im Gottesdienst sind, wenn wir an Gott denken, zeigt: wir lieben Gott. Wir lieben Gott, weil wir wissen, dass Gott uns liebt, und wir deswegen Dankbarkeit, Freude und Glück empfinden.

Woher aber wissen wir das?
Woher wissen wir, dass unser Partner, unsere Partnerin uns liebt, dass unsere Kinder, unsere Eltern und Großeltern uns lieben? Oft genug machen wir Erfahrungen, die uns daran zweifeln lassen - wenn Kinder in die Pubertät kommen und sich mit ihren Eltern streiten, manchmal so sehr, dass böse Worte fallen. Wenn Eltern ihre Kinder nicht verstehen oder nicht für sie da sind, wenn sie sie brauchen, weil sie durch ihren Beruf, ihre Sorgen abgelenkt sind. Woher wissen wir, dass Eltern ihre Kinder, Kinder ihre Eltern trotz alledem über alles lieben?

Wir können es nicht wissen. So wenig man Liebe herbeireden, erkaufen oder erzwingen kann, so wenig kann man sie beweisen. - Liebe kann man aber spüren. Dankbarkeit, Freude, Glück sind die Signale, die uns zeigen, dass der andere uns liebt.
Oft deckt der Alltag diese Gefühle zu. - Dass wir für den anderen da sind, und was wir für den anderen tun, wird zur Selbstverständlichkeit, die der andere gar nicht mehr wahrnimmt. Er vergisst, dankbar zu sein. - Wenn man sich jeden Morgen ungewaschen und ungekämmt begegnet, wenn man den anderen immer wieder ungeschminkt sieht und erlebt, wie er seinen Frust, seinen Ärger zuhause ablädt, ist es manchmal schwer, Freude zu empfinden. - Und wenn es Reibereien oder gar Streit gibt, wenn einem die Macken und Eigenheiten des anderen auf die Nerven gehen - wo bleibt da das Glück?

Sehen Sie - dafür gibt es das Gebot "Du sollst Gott lieben". Das Gebot will uns nicht zur Liebe zwingen - das könnte es auch gar nicht. Sondern es will uns daran erinnern, die Liebe nicht zu vergessen. Die Liebe soll uns in Fleisch und Blut übergehen. Wir sollen sie im Herzen tragen - was damals nicht dasselbe meinte wie heute, wenn wir vom Herzen als Sitz der Liebe sprechen: das Herz war im Altertum, als man es noch nicht besser wusste, der Ort der Gedanken und des Willens. Also: die Liebe soll unser Denken und Wollen bestimmen. Aber auch das, was uns ausmacht, die Seele. Und wir sollen uns für die Liebe anstrengen und ins Zeug legen, weil wir an sie glauben - deshalb: mit aller Kraft.
Die Liebe soll unser Leben so bestimmen, dass wir sie immer vor Augen haben, dass sie die Grundlage unseres Handelns wird - darum soll sie ein Merkzeichen zwischen unseren Augen und auf unserer Hand sein. Die Liebe ist so grundlegend für unser Leben, dass sie nicht nur unser Handeln, sondern auch unser Reden bestimmen soll. Die Liebe soll ebenso Grundlage der Erziehung unserer Kinder wie unseres Verhaltens im Alltag sein.

Schön und gut, ich weiß also, dass und warum ich lieben soll. Aber damit weiß ich noch immer nicht, dass ich geliebt werde. Oder, besser gesagt - weil ich es ja nicht wissen kann - ich spüre diese Liebe nicht.
Dafür sind die Merkzeichen da. Die Tefillin, die Gebetsriemen, die  sich gläubige Jüdinnen und Juden beim Gebet an Stirn und Arm binden. Und die Mesusa, eine kleine Kapsel mit den Worten des "Höre, Israel", die am Türpfosten angebracht wird. Tefillin und Mesusa erinnern eine gläubige Jüdin immer wieder daran, dass und wie sehr Gott sein Volk liebt. Bei jedem Gebet, bei jedem Gang durch die Tür. 

Auch wir haben ein Merkzeichen. Manche tragen es an einer Kette um den Hals. Es ist so schlicht, dass es überall begegnen kann - oft unerwartet und unverhofft. Auch heute steht es uns vor Augen. Unser Merkzeichen ist das Kreuz. Es erinnert uns daran, wie sehr Gott auch uns liebt - so sehr, dass sein Sohn Leiden und Tod für uns auf sich genommen hat. Damit wir vor niemandem und nichts mehr Angst haben müssen. Denn wir wissen, dass Leben auf uns wartet - Leben nach dem Tod, und Leben vor dem Tod. Leben, das Jesus nicht durch überlegene Stärke oder Macht gewann, sondern durch das Vertrauen auf die ohnmächtige Macht der Liebe. Das Kreuz, ein Folterinstrument, das für uns zum Glaubens- und Hoffnungszeichen wurde, erinnert uns, so oft wir es ansehen, an die Liebe, die so hilflos und ohnmächtig zu sein scheint und doch die größte Macht ist, die es gibt. Weil Gott die Liebe ist.

Die Liebe hat eine so unglaubliche Macht, weil sie eine göttliche Kraft ist. Gott greift nicht in den Lauf der Welt ein und auch nicht in unser Leben, jedenfalls nicht so, wie wir es uns manchmal wünschen: mit starker Hand das böse Schicksal abwendend, mit eiserner Faust dreinschlagend, wenn Menschen nicht zum Frieden bereit sind. Gott ist die ohnmächtige Macht der Liebe, und manchmal ergreift diese Liebe Menschen, die dann alles auf eine Karte setzen und blind auf die Macht dieser Liebe vertrauen. Diese Liebe Gottes hat auch uns ergriffen. An einem Punkt in unserem Leben, an dem die meisten von uns noch gar nichts wissen oder wollen konnten, hat sie uns mit Beschlag belegt. Damals wurde uns das Zeichen des Kreuzes zwischen die Augen gemalt, das uns als Merkzeichen ein Leben lang daran erinnert, dass Gott uns liebt, was auch immer wir tun, denken oder sagen. Die Taufe lässt uns sicher sein, dass wir von Gott Geliebte sind. Das kann uns nichts und niemand nehmen.

Weil Gott uns liebt, sitzen wir quasi an der Quelle der Liebe. Es ist eine ganz wundersame Quelle, denn sie fließt um so stärker, je mehr man aus ihr schöpft. Je stärker wir die Liebe unser Leben bestimmen lassen und versuchen, allen Menschen mit der Liebe zu begegnen, mit der Gott uns liebt, desto stärker fühlen und wissen wir, dass wir von Gott Geliebte sind. 

"Du sollst Gott lieben" - das ist kein Gebot. Es ist die Antwort auf Gottes Liebe zu uns, die wir mit unserem Leben geben. Nicht mit Worten, sondern mit unserem Herzen, unserer Seele und mit all unserer Kraft.

Amen.

Freitag, 23. Mai 2014

Gott lässt mit sich reden

Predigt am Sonntag Rogate, 25. Mai 2014, über 2.Mose 32,7-14

Der Herr sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Und der Herr sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen. Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott, und sprach: Ach Herr, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.
(Luther 1984)


Liebe Gemeinde,

früher war es manchmal so: Wenn unsere Tochter etwas ganz besonders gut gemacht oder aus der Schule eine gute Note mit nach Hause gebracht hatte, dann war es "mein Kind". Wenn es aber Ärger gab oder sie nicht so wollte wir wir, dann war es jeweils "dein Kind" - je nachdem, wer sich über sie ärgerte. 
Sie kennen das sicherlich auch. Statt des Kindes kann es auch ein Haustier sein: "mein Hund", wenn er auf's Wort gehorcht oder ihm ein Kunststück gelungen ist, "dein Hund", wenn er Gassi geführt werden muss oder etwas ausgefressen hat.
Selbst mit Dingen machen wir das hin und wieder so: "mein Auto" ist es, wenn es fährt und sauber ist, "dein Auto", wenn es in die Werkstatt oder in die Waschanlage muss.
Allgemein kann man sagen: Wenn Menschen, Tiere, Dinge uns Freude machen, dann betonen wir gern, dass sie uns gehören, dass wir für sie verantwortlich sind. Wenn sie dagegen Ärger machen oder Probleme bereiten, dann betonen wir gern, dass es ja nicht meine, sondern deine sind; dass der Partner dafür verantwortlich ist und sich kümmern muss.

Etwas Ähnliches passiert im Predigttext in der Unterhaltung zwischen Moses und Gott.
Erinnern wir uns:
Moses war auf den Sinai, den Gottesberg, gestiegen, um dort die beiden Steintafeln mit den 10 Geboten von Gott zu erhalten. Doch so schnell, wie wir etwas einkaufen oder abholen, ging das nicht. Gott und Moses unterhielten sich ausführlich miteinander - so lange, dass die Israeliten sich zuerst wunderten, wo Moses blieb, dann sich Sorgen um ihn machten und es schließlich aufgaben, auf seine Rückkehr noch länger zu warten. Ihr "Kontaktmann" zu Gott kam nicht zurück. Wie sollten sie jetzt mit Gott in Verbindung treten? Würde Gott sie ohne Moses führen können? Besser war es doch, einen eigenen Gott vor Ort zu haben. Also bestimmten sie Aaaron, Moses' Bruder, dazu, ihnen ein Goldenes Stierbild zu machen, das in Zukunft an Gottes Stelle stehen sollte.

Gott war zornig darüber, dass Israel sich einen eigenen Gott gemacht und so schnell vergessen hatte, wem es die Rettung aus der Knechtschaft in Ägypten zu verdanken hatte. "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir" ist das erste der 10 Gebote, die Moses vom Gottesberg mitbringen sollte.
Gott ist zornig und enttäuscht über sein Volk. Da passiert etwas, das wir aus unserem Alltag kennen. Gott sagt zu Moses: "dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt."
Sonst wird überall in der Bibel betont, dass Israel Gottes Volk ist, das er aus der Knechtschaft in Ägypten befreite. Hier aber verhält sich Gott Moses gegenüber wie eine Mutter oder ein Vater, der sich über sein Kind ärgert und zu seinem Partner sagt: "Kümmere du dich darum, schließlich ist es dein Kind!"

Wenn ein Partner dem anderen so die Verantwortung für das Kind, den Hund oder das Auto zuschiebt, entsteht manchmal Streit, wenn der andere zurückgibt: "Warum ich? Es ist auch dein Kind!", und beide darüber debattieren, wer "schuld" ist oder wer an der Reihe ist, sich zu kümmern.
Meistens aber hat sich eine gute Familie so eingespielt, dass der eine Partei für das Kind ergreift, wenn der andere sich ärgert. Nicht so, dass er dem Partner offen widerspricht. Aber wenn Vater schimpft, stellt sich die Mutter hinter das Kind, drückt es an sich, und das Kind weiß: Mutter steht hinter mir, auch wenn Vater gerade gegen mich ist. Oder wenn Mutter die Türen knallt, zwinkern Vater und Kind sich zu, als wollten sie sagen: "Ist nicht so schlimm, das gibt sich wieder."
In einer guten Familie ergreift der eine Partei, wenn der andere sich über das Kind ärgert. Nicht, um dem Partner in den Rücken zu fallen, seine Erziehung zu torpedieren oder ihn zu verletzen. Sondern weil beide ihr Kind über alles lieben und wissen, dass ihr Kind es braucht, Grenzen aufgezeigt zu bekommen, ein Nein zu hören, den Zorn und die Strafe auszuhalten, wenn es einen Fehler gemacht hat. Ebenso braucht es die Gewissheit, dass die Liebe seiner Eltern größer ist als aller Ärger, und dass selbst der größte Wutausbruch nicht bedeutet, dass diese Liebe verloren ist. Dazu verbündet sich der andere Elternteil mit dem Kind und sagt damit: Wir stehen hinter dir und haben dich lieb.

Etwas Ähnliches passiert zwischen Gott und Moses. Moses ergreift Partei für das Volk Israel. Er spricht Gott nicht seinen Zorn und seine Enttäuschung ab. Aber er erinnert ihn auch daran, was er für Israel getan hat, wie sehr er sein Volk liebt und welche Zukunft er ihm versprochen hat. Und so, wie Mutter oder Vater sich von ihrer Partnerin beschwichtigen lassen, so lässt Gott sich bei allem berechtigten Zorn an seine Liebe zu Israel, seine Verantwortung und sein Versprechen erinnern. Moses lenkt Gottes Blick zurück auf Israel, indem er ihm sagt, dass es sein Volk ist, das er aus Ägypten befreit hat.

So weit, so gut - aber was hat das mit dem Beten, dem Motto dieses Sonntages, zu tun?
Auch das Beten geschieht in einer Beziehung. Und wie das Eintreten für den, der einen Fehler gemacht hat, die Beziehung und das Gespräch aufrecht erhält, so tritt auch im Gebet Gott für den ein, der einen Fehler gemacht hat und hilft uns so, die Beziehung zu unseren Mitmenschen oder zu uns selbst nicht zu verlieren, mit den Mitmenschen und mit uns selbst in Kontakt und im Gespräch zu bleiben.

Wenn uns ein anderer enttäuscht oder verletzt hat, sind wir zu recht wütend darüber, und dürfen das auch sein und sagen. In den Psalmen, die ja auch Gebete sind, finden wir viele Beispiele für solche Wutausbrüche - bis dahin, dass der Psalmbeter seinen Feinden eine Krankheit an den Hals wünscht, oder schlimmeres. Aber wenn wir mitten am Fluchen und Schimpfen sind, meldet sich eine leise Stimme, die uns daran erinnert, dass der andere, den wir in Grund und Boden verdammen, ein Mensch ist. Ein Mensch, den Gott über alle Maßen liebt, genau wie uns. Vielleicht erkennen wir dann, dass es nicht ums Rechthaben oder Recht behalten geht, sondern um Barmherzigkeit und Liebe.

Das gilt auch für uns selbst.
Wenn wir uns schuldig fühlen, wenn wir von uns selbst enttäuscht oder zornig auf uns sind, meldet sich eine leise Stimme, die uns daran erinnert, dass wir Menschen sind. Menschen, die Gott über alle Maßen liebt. Vielleicht erkennen wir dann, dass es Gott nicht ums Rechthaben oder Recht behalten geht, sondern um Barmherzigkeit und Liebe.

Nach dem berechtigten Zorn über meinen Gegner kommt die Reue darüber, dass ich ihm die Pest an den Hals gewünscht habe.
Nach der Enttäuschung über mich selbst kommt die Reue darüber, dass ich mit mir selbst ungeduldig bin, mir selbst nicht vergeben und mich selbst nicht so lieben kann, wie Gott micht liebt und mir vergibt.

Die leise Stimme meldet sich aber nicht von selbst.
Sie spricht zu uns, wenn wir mit Gott im Gespräch bleiben.
Gott, das zeigt uns die heutige Geschichte, lässt mit sich reden. Ebenso möchte er, dass wir mit uns reden lassen. Dass wir mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst im Gespräch bleiben. Das gelingt uns, wenn wir Gott ein Wörtchen mitreden lassen. Wenn wir auf seine leise Stimme zu hören versuchen, die uns an seine Liebe erinnert.

Das ist: Beten. Es geschieht nicht nur in der Kirche. Nicht nur, wenn wir uns still hinsetzen und die Hände falten. Es gibt so viele Arten, auf Gottes leise Stimme zu hören, wie es Menschen gibt; jede und jeder hat oder findet seine oder ihre eigene. Alles, was man dazu braucht ist, dass wir uns ab und zu daran erinnern lassen, wie sehr Gott uns und jeden Menschen liebt.
Wenn wir versuchen, dass zu begreifen und uns zu Herzen zu nehmen, geht das Beten ganz von allein.
Amen.

Samstag, 14. September 2013

Wunder von unten

Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis, 15. September 2013, über Lukas 7,11-16:

Und es begab sich, dass Jesus danach in eine Stadt namens Naïn ging, und mit ihm gingen seine Jünger und eine große Menge. Als er sich nun dem Stadttor näherte, sieh, da wurde ein Leichnam herausgetragen, der einzige Sohn seiner Mutter, und die war Witwe, und ziemlich viele Einwohner der Stadt waren bei ihr. Als der Herr sie sah, empfand er Mitleid mit ihr und sprach zu ihr: "Weine nicht!" Und trat heran, berührte den Sarg - die Träger aber waren stehengeblieben - und sagte: "Junger Mann, ich sage dir: steh auf!" Und der Tote setzte sich auf und begann zu sprechen, und sie gaben ihn seiner Mutter. Furcht ergriff aber alle, und sie lobten Gott und sprachen: "Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten!", und dass Gott sein Volk besucht habe.

(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht,
wie man so sagt.
Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht,
hat sich ablenken lassen von tausend Kleinigkeiten
und sie mit dem verwechselt, worauf es eigentlich ankommt.
Wenn man mal darauf achtet, wird einem erst bewusst,
wie häufig einem das passiert:
Alle Zauberkünstler arbeiten damit, 
dass wir uns so leicht ablenken lassen.
Sie lenken unseren Blick auf die rechte Hand,
während sie in der linken die Münze verschwinden lassen.
Die Werbung arbeitet damit,
gaukelt uns den Schein für das Sein vor.
Und auch im Alltag passiert es uns immer wieder,
dass wir einem Herrn in Anzug und Krawatte mehr trauen
als einem langhaarigen Hippie,
dass wir das vermeintliche Schnäppchen ergattern
und uns hinterher darüber ärgern, wenn das Teil nichts taugt.

Ich habe mal tatsächlich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen:
da wollte der Förster von mir wissen,
ob die Bäume vor mir gepflanzt seien, oder wild gewachsen.
Am Rand des Waldes sah es so aus,
als ob alles kreuz und quer durcheinander wüchse, also sagte ich:
wild gewachsen.
Der Förster lächelte 
und zog mich ein paar Schritte in den Wald hinein,
da sah ich die Bäume in geraden Linien aufgereiht.
Man muss sich nur die Mühe machen,
ein paar Schritte in den Wald hineinzugehen,
einmal nachzufragen, nachzudenken, genauer hinzusehen:
dann sieht man das, worauf es eigentlich ankommt.

I
Auch das Evangelium des heutigen Sonntages verleitet dazu,
vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen.
Es legt eine falsche Fährte aus,
auf die man sich nur allzu leicht locken lässt.
Ich meine das Wunder der Totenerweckung.
Natürlich, Jesus wirkt hier ein Wunder:
Mit einer Berührung des Sarges,
mit einem Befehl an den Toten:
"Junger Mann, ich sage dir: steh auf!"
erweckt er den Toten zum Leben.
Und die Menge erschreckt sich und lobt Gott wegen dieses Wunders.

Eine tolle, märchenhafte Geschichte.
Wie wunderbar wäre das, wenn Tote wieder lebendig würden.
Wenn unser Leben ein Happy End hätte.
Jesus, so scheint die Geschichte zu erzählen,
Jesus kann das: er kann Menschen aus dem Tod zurückholen.
Und wenn Jesus das damals konnte,
kann er es auch noch heute - so denken manche.
Die Wundergeschichten der Bibel verleiten uns dazu,
auf ein Wunder zu hoffen, 
so, wie man auf sechs Richtige im Lotto hofft.

Die Enttäuschung vieler Menschen über Gott rührt daher,
dass er sich im entscheidenden Moment zu weigern scheint,
das Wunder zu tun.
Da haben sie ihr Leben lang geglaubt, gebetet,
gespendet, Kirchgeld gezahlt, und nun,
da ein geliebter Mensch schwer krank ist,
bitten sie Gott um das kleine Wunder,
dass dieser Mensch wieder gesund wird,
dass er nicht sterben muss.
Sie bitten nicht einmal für sich, sondern für jemand anderen
- trotzdem wird ihre Bitte nicht erhört.
Gott, für den es ein Leichtes wäre, die Bitte zu erfüllen,
schweigt, greift nicht ein.

Vielleicht schmunzeln wir über einen so naiven Glauben.
Vielleicht erkennen wir aber auch,
dass wir in schweren Momenten des Lebens
ganz ähnlich gedacht haben:
Warum lässt Gott das zu?
Warum greift Gott nicht ein und hilft?

II
Der Predigttext beginnt wie ein Märchen: "und es begab sich ..."
Und sie endet auch so: mit einem Happy End.
Aber dazwischen ist sie gar nicht märchenhaft,
sondern ziemlich realistisch - realistischer, 
als man das von so einer märchenhaften Geschichte erwartet,
als man es an einem Sonntag Morgen hören kann und will.

Denn es wird von einer Beerdigung erzählt.
Eine Witwe hat ihren einzigen Sohn verloren,
der gerade zu Grabe getragen wird.
Die Träger, die mit dem offenen Sarg dem Trauerzug vorangehen,
verlassen eben die Stadt.
Eine Frau hat ihr geliebtes Kind verloren.
Und mit ihm auch ihre Zukunft:
Jetzt hat sie niemanden mehr, der sie versorgt -
ihr Mann ist ja schon tot.

Witwen hatten in der antiken Gesellschaft,
in der es ja noch keine Rentenkasse gab,
eine besonders schwere Stellung.
Die Geschichte von Naomi und Rut zeichnet ein Bild davon:
Naomi muss, als ihr Mann und ihre beiden Söhne sterben,
das Land verlassen, in das sie gezogen sind,
nach Israel zurückkehren, weil dort noch Verwandte leben,
die sie versorgen können.
Rut, ihre Schwiegertochter, kommt mit ihr.
Die beiden Frauen versorgen sich,
indem Rut die Ähren aufsammelt,
die nach der Getreideernte liegengeblieben sind.
Ein armes, ein armseliges Leben.

Deshalb gibt es im Alten Testament allerorten die Mahnung,
sich der Witwen besonders anzunehmen.
"Schafft den Waisen Recht,
führt die Rechtssache der Witwen",
heißt es zum Beispiel bei Jesaja (Jesaja 1,17).
Gott erwartet von seinem Volk,
den Witwen und Waisen zu helfen.
Die ersten Christen nahmen sich besonders der Witwen an
und wurden dafür verspottet,
dass in manchen Gemeinden die Witwen die größte Gruppe waren.

III
Die Geschichte von Rut hat ein Happy End.
Aber für die namenlose Witwe des Evangeliums
ist eine Welt zusammengebrochen.
Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll.
Da kommt Jesus und gibt ihr ihren Sohn zurück - ein Wunder!
Aber die Geschichte wird nicht wegen dieses Wunders erzählt.
Denn was nützt es uns, dass Jesus einst dieses Wunder wirkte,
wenn uns solche Wunder heute nicht mehr widerfahren.
Manche meinen, man müsse eben fest und "richtig" glauben,
dann hätte man auch heute noch eine Chance auf ein solches Wunder.
Aber die Chance, dass sie Recht haben,
ist kleiner, als den Jackpot im Lotto zu knacken,
und widerspricht aller unserer Erfahrung.
Wer auf ein Wunder wartet, ist auf dem Holzweg.

Die Geschichte wird aus einem anderen Grund erzählt:
Jesus empfand Mitleid mit der Witwe, heißt es.
Deshalb hilft er ihr.
Und das Volk lobt Gott - nicht, wie man meinen könnte,
wegen des Wunders der Totenerweckung.
Sondern weil Gott in Jesus Stellung bezogen hat:
Gott steht auf der Seite derer, die alles verloren haben,
die keine Zukunft für sich sehen, die von Armut bedroht sind.
Gott ergreift Partei für die Armen, Ohnmächtigen und Rechtlosen.
Davon singt Maria in ihrem Lied, dem Magnifikat:
"Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen."
Gott, so erzählt auch unsere Geschichte, ist parteiisch.
Und die Menge erkennt es, sie ruft:
"Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten!"
Die Propheten waren es,
die immer wieder dazu aufriefen,
die Rechte der Witwen und Waisen zu achten
und ihnen zu helfen.
Jesus tritt in ihre Fußtapfen,
mehr noch: er hilft der Witwe,
wie es schon Elia tat (1.Könige 17).

IV
Daran erkennen die Menschen,
dass Gott sein Volk besucht hat.
Gott hat sein Volk besucht -
wer sich ein wenig in der Bibel auskennt,
der oder dem kommt dieser Satz bekannt vor:
"Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk",
singt Zacharias, als sein Sohn Johannes geboren ist,
Johannes, der später den Beinamen "der Täufer" erhält.

Gott hat sein Volk besucht
in seinem Sohn Jesus Christus,
dessen Geschichte ebenso märchenhaft beginnt wie unsere,
mit den Worten: "Es begab sich aber zu der Zeit ..."
Lukas erzählt viele solcher Geschichten.
Aber er ist kein Märchenonkel, er ist Realist.
Er will seinen Lesern keine heile Welt vorgaukeln.
Ihr Leben hatte, wie unseres, kein Happy End.
Auch sie rettete kein Wunder vor einer schweren Krankheit,
vor dem Verlust eines geliebten Menschen,
vor einem unzeitigen Tod.
Aber das verspricht die Geschichte auch nicht, die Lukas erzählt.

Die Geschichte wird deshalb erzählt,
weil wir durch sie erkennen sollen,
dass Gott sein Volk - uns - tatsächlich besucht hat.
Dass Gott Mitleid mit uns empfindet
und unserem Leben ein Happy End geben will.
Nicht, wie wir es uns wünschen,
in Form eines Wunders,
das alles Böse, alles Leiden einfach ungeschehen macht.
Sondern durch das Wunder der Auferstehung seines Sohnes,
die den Tod besiegt hat.
Am Ende unseres Lebens wartet - - - Leben auf uns.
Mit anderen Worten: Wer wir sind, was uns ausmacht,
ist unzerstörbar. Nichts und niemand kann uns zunichte machen.
Das ist unsere Lebensversicherung.

Vor allem aber wird dieses Geschichte erzählt 
weil Jesus Mitleid mit der Witwe empfindet.
Als Schwestern und Brüder Jesu,
die in seinen Fußtapfen gehen,
will diese Geschichte uns zum Mitleiden ermuntern
mit Menschen, denen die Zukunft genommen wurde,
die keine Hoffnung mehr haben, keinen Ausweg mehr sehen.
Wenn wir uns ihnen zuwenden,
sehen sie einen Moment den Himmel offen.
Dann blitzt für einen Moment Gottes Reich auf.
Durch uns spüren sie, dass Gott bei ihnen ist.

V
Wir sind einander wie Jesus,
wenn uns das Leiden des anderen nicht egal ist.
Und so, wie wir uns anderen zuwenden,
erfahren auch wir, dass wir anderen nicht egal sind.
Das ist das eigentliche Wunder,
es geschieht immer wieder
und macht Menschen Mut, gibt ihnen Kraft zum Leben.

"Was steht ihr da und seht zum Himmel?",
fragen die Engel die Jünger bei der Himmelfahrt Jesu.
Statt auf ein Wunder vom Himmel zu warten,
sollen wir erkennen, dass wir es selbst in der Hand haben,
das Wunder geschehen zu lassen.
Nicht wie die Zauberkünstler mit ihren Tricks.
Sondern wirklich und wahrhaftig so,
dass wir uns an die Seite derer stellen,
die keine Lobby haben, die vergessen, übersehen werden,
und die wir dadurch aufrichten.
Durch uns erfahren sie, dass Gott an ihrer Seite ist.
In unseren Augen, die sie ansehen und anlächeln, 
spiegelt sich für sie der Himmel.
Amen.