Samstag, 3. Oktober 2026

ein Bauchgefühl

Predigt an Erntedank, 4.10.2026, über Markus 8,1-9


Liebe Schwestern und Brüder,

„und sie aßen und wurden satt.”

Eine große Menschenmenge bekommt auf wunderbare Weise zu Essen. Als bräuchte man ein Wunder, um Menschen satt zu machen. Und nicht nur Brot, Butter, Käse und Wurst. Oder Reis und Tofu, Fisch, Hirse, Maniok, Yamswurzel, Bohnen, Kartoffeln oder Kochbananen - was der Mensch eben so isst, um satt zu werden. 

Fast scheint es, als bräuchte es ein Wunder, damit Menschen satt werden. Wissenschaftliche Entdeckungen, technische Errungenschaften erleichtern und verändern unser Leben in immer kürzeren Zeitabständen. Nichts scheint mehr unmöglich. Dass die Menschheit den Mars besiedelt, könnte eine Sache weniger Jahrzehnte sein. Doch gegen den Hunger in der Welt wurde trotz aller Forschung noch kein Mittel gefunden. 

Dabei ist Hunger gar kein Problem, für das erst noch eine Lösung gefunden werden müsste. Die Bekämpfung des Hungers ist eine Frage der Verteilung. Das war schon immer so. Um Lebensmittel zu verteilen, braucht man keine Foschung und keine KI. Dazu ist allein die Bereitschaft der Besitzenden nötig, etwas abzugeben von dem, was sie im Überfluss haben. Aber wie die Geschichte zeigt, ist diese Bereitschaft schwerer zu erreichen als der Mars. Die Besiedlung des Roten Planeten wird uns eher gelingen, als dass wir die Lebensmittel, die wir bei uns im großen Stil wegwerfen, zu denen befördern, deren Leben sie retten würden.

I

Das Wunder besteht - und bestand schon damals - nicht darin, dass Nahrung verteilt wird und Menschen zu Essen bekommen. Allenfalls könnte man Jesus dafür bewundern, wie schnell und wie pragmatisch er die Veteilung organisiert. Aber nicht deshalb wird die Geschichte erzählt, um uns mit Jesus ein Vorbild im Veteilen von Lebensmitteln vor Augen zu stellen, nach dem Motto: „Seht doch mal, wie einfach es ist, Menschen satt zu machen, wenn alle die Vorräte hervorholen, die sich für sich gebunkert haben.” Obwohl es ja tatsächlich so einfach ist. Die EU wirft gerade ihre Dieselvorräte auf den Markt, um den Spritpreis zu drücken. Es geht doch, wenn man will. Oder wenn der Druck groß genug ist - in diesem Fall der Druck durch den amerikanischen Präsidenten.

So können auch wir teilen, was wir haben, wenn der Druck groß genug ist. Oder wenn wir wollen. Aber mit dem Wollen ist das so eine Sache. Teilen gehört - wie der Sport, wie gesundes Essen, der Verzicht auf Tabak oder Alkohol - zu den Dingen, die man tun sollte, aber nicht tut. Man weiß, dass es richtig ist und dass es einem damit viel besser ginge. Aber die Anstrengung, sich dazu aufzuraffen, kommt einem übermenschlich vor. 

Das Wunder besteht darin, dass man diese Energie aufbringt. Dass man sich aufrafft, die Komfortzone verlässt und tatsächlich etwas tut, was man vorher nicht getan hat. 

II

Die Menge, die zu Jesus in die Wüste kam, hatte sich aufgerafft und ihre Komfortzone verlassen. Freiwillig ging sie an diesen unwirtlichen, kargen Ort. In seiner Gegenwart verspürt sie keinen Hunger. Aber Jesus weiß, dass die Menschen etwas essen müssen, um den Heimweg zu schaffen. Dieses Wissen ist ihm nicht von oben eigegeben, es ist kein Wunder. Es ist gesunder Menschenverstand, gepaart mit Erfahrung. Beachtlich ist, dass Jesus die bedrohliche Lage der Menschen erkennt - und etwas unternimmt. Denn nur weil etwas klar ersichtlich ist, bedeutet es nicht, dass es auch erkannt und begriffen wird. Wenn sich zuhause das Geschirr in der Spüle stapelt heißt das nicht, dass jemand, der in die Küche kommt, diesen Stapel bemerkt und daraus die notwendigen Schlüsse zieht: Dass man dieses Geschirr abspülen oder in die Maschine einräumen sollte. Wenn jemand traurig oder krank aussieht heißt das nicht, dass man diesen Menschen wahrnimmt, sie oder ihn anspricht. 

Die weitaus häuifigere, sozusagen die „normale” Reaktion ist, dass man darauf wartet, dass sich jemand anders kümmert. Jemand, der angesichts eines Geschirrstapels oder eines Wäscheberges eine geringere Schmerzgrenze hat als man sebst. Wir gehen davon aus, dass in allen Bereichen unseres Lebens außer unserem Privatbereich andere die Arbeit machen, die für die Allgemeinheit getan werden muss. Andere die Probleme lösen, die im Kleinen und im Großen unserer Gesellschaft auftreten.

Es ist - so selbstverständlich, ja geradezu banal es erscheint - tatsächlich bemerkenswert, wenn jemand zwei und zwei zusammenzählt und erkennt: hier muss etwas geschehen! Und es ist dann tatsächlich ein Wunder, wenn jemand, der das erkennt, sich verantwortlich fühlt und das Geschirr spült oder einräumt, den Menschen anspricht, kurz: Verantwortung übernimmt. 

III

Wir ehren in diesem Gottesdienst ein Ehepaar unserer Gemeinde, das solche Wunder vollbracht hat und noch vollbringt. Es sind zwei ganz normale Menschen wie du und ich. Aber sie sehen, dass und wo etwas getan werden muss. Sie sehen auch, dass sie in der Lage sind, es zu tun. Sie können es, und darum tun sie es. Ob es darum geht, die Weihnachtsbäume einzustielen und aufzustellen, oder den Altar für den Erntedank zu schmücken. Ob sie den Kirchenkaffee vorbereiten oder den Frauenkreis. Sie beteiligten sich an der Gründung der Diakonie-Sozialstation Dom-Schloss und am Ausbau des Hofes Kalmarehult in Schweden. Seit Jahrzehnten sehen sie in unserer Gemeinde hin, erkennen, wo etwas zu tun ist und packen an, wo sie können. Sie übernehmen Verantwortung in dieser Gemeinde und für diesen Dom, ohne dass man sie lange bitten oder fragen müsste. Und das ist wunderbar!

Es gibt zum Glück viele Menschen, die sehen, was im Argen liegt. Sie machen sich Sorgen um ihre Nachbarin. Sie sehen, wie verkrautet die Beete um den Dom sind. Sie finden, dass im Gemeindebrief dringend etwas berichtet werden müsste. Das ist wunderbar, weil so viele es nicht sehen. Aber statt jetzt bei der Nachbarin zu klingeln, sich Handschuhe anzuziehen und einen Eimer zu greifen, oder den Artikel zu schreiben, rufen sie im Dombüro an und sagen: „Frau X müsste dringend mal besucht werden!” - „Die Beete um den Dom könnten aber auch mal wieder gejätet werden!” - „Sie haben schon wieder im Gemeindebrief nicht über dieses oder jenes berichtet!”

Man hat sein Teil getan, dass man auf die Sache hinwies. Jetzt sollen die übernehmen, die dafür zuständig sind und dafür bezahlt werden. 

Wer das Feuer entdeckt und meldet, muss es nicht auch löschen, wenn er dazu nicht in der Lage und nicht ausgerüstet ist. Aber nicht nur bei solchen besonderen Fällen, sondern ganz allgemein haben wir uns angewöhnt, Verantwortung zu delegieren. Für alles gibt es Zuständigkeiten und Fachleute; die sollen sich kümmern, das ist ihr Job.

Ein Gemeinwesen kann nicht gedeihen, wenn man keine Verantwortung dafür übernimmt, sondern sie auf die Zuständigen schiebt. Eine Gemeinde wie die Domgemeinde lebt nur dann, wenn, und sie lebt davon, dass Menschen sich für sie verantwortlich fühlen und handeln, indem Geld für Tanzania gesammelt, die Beleuchtung im Dom repariert und das Grünzeug aus den Fugen im Mauerwerk entfernt wird. Indem Ehrenamtliche den Kindergottesdienst gestalten und Touristen in den Dom einlassen, den Dom mit Blumen schmücken oder Besuchen erklären, was es über dieses Bauwerk zu wissen gibt. 

IV

Wie kommt es dazu, dass man hinsieht und etwas bemerkt, was so viele andere übersehen? Und wie kommt es zu dem Wunder, dass man beim Hinsehen erkennt, dass man selbst etwas tun könnte, und es tut?

Jesus sagt zu seinen Jüngern: „mich jammert das Volk.” Jesus sieht etwas, was noch nicht zu sehen ist. Eben noch ist die Gegend angefüllt mit Menschen, die unbeschwert und glücklich sind. Sie haben Jesus erlebt und gehört. Sie unterhalten sich miteinander, oder genießen die fraglose Gemeinschaft, in der sie sich befinden. Sie haben keine Sorgen. Kein Grund, mit ihnen Mitleid zu haben, sondern vielmehr ein Grund zur Freude.

Jesus aber zählt und zwei und zwei zusammen: Die lange Zeit, die sie mit ihm in der Wüste verbracht haben, und die wenigen Vorräte, die noch übrig sind. Er macht sich Sorgen, wie diese Menschen den Heimweg schaffen sollen, wenn sie nicht vorher etwas essen. Es sind 4.000 Leute - viel zu viele, um sie alle zu kennen, geschweige denn, sie als Einzelne wahrzunehmen. Aber er fühlt sich für sie verantwortlich. Verantwortlich dafür, dass jede und jeder Einzelne den Heimweg schafft und nach Hause gelangt. 

V

„Mich jammert das Volk.” Dieser Satz kommt aus dem Herzen. Oder besser gesagt aus dem Bauch. Denn das Erbarmen, das Gefühl, das Luther hier mit „jammert” übersetzt, kommt im Hebräischen und im Griechischen aus dem Bauch. Erbarmen, Barmherzigkeit ist als Bauchgefühl ein mütterliches Gefühl. Von den Trumpisten in den USA wird dieses Gefühl bekämpft. Es gilt als „woke”, als unmännlich und verweichlicht. Kriegsminister Pete Hegeseth will Kämpfer und Killer, keine Soldaten, die Skurpel oder gar Mitleid kennen. 

Dieser Kampf gegen die Barmherzigkeit ist nicht neu. Auch die Nazis wollten die deutsche Jugend hart und erbarmungslos erziehen. In jeder und jedem von uns steckt die Fähigkeit, sich gegen Mitmenschen zu verhärten und ihr Schicksal nicht an uns heranzulassen. Manchmal tut man das, um sich zu schützen. Weil man weiß, dass man das Leid eines anderen nicht ertragen könnte, wenn man es tatsächlich wahrnehmen würde. 

Es ist uns nicht gegeben, mit allen Menschen mitfühlen zu können. Darum bitten wir Gott um sein Erbarmen: Herr, erbarme dich! Gott allein kann mit allen Menschen mitfühlen. Gott allein hat mit allen Menschen Erbarmen. Aus diesem Erbarmen, weil ihn die Menschen jammerten, hat sein Sohn den Tod am Kreuz auf sich genommen. Durch ihn sind wir aufgenommen in eine Gemeinschaft der Barmherzigkeit: Wir gehören zu denen, deren Gott sich erbarmt hat. Erbarmen, Barmherzigkeit ist also keine Schwäche. Es ist das, was uns mit Gott und miteinander verbindet.

VI

Die 4.000 Menschen, die Jesus drei Tage lang in der Wüste hörten, wurden von seiner Gegenwart erfüllt, sodass sie nichts entbehrten. Sie lebten drei Tage lang in Gottes Fülle. Aber mit Jesus verbunden waren sie durch sein Erbarmen. Durch dieses Erbarmen waren sie auch miteinander verbunden zu einer Gemeinschaft: der Gemeinde.

Zu Beginn des Gottesdienstes beten wir: Herr, erbarme dich. Wir erinnern uns daran, dass Gott mit jeder und jedem Einzelnen von uns Erbarmen hat. Gott denkt nicht nur an uns, Gott fühlt mit uns. Gott empfindet etwas für uns: Das ist Liebe.

Das Erbarmen Gottes verbindet uns zu einer Gemeinschaft, die aus diesem Erbarmen lebt. Wer das für sich erkennt, wer in den anderen Menschen die Mitmenschen erkennt, hat die Gleichgültigkeit überwunden. Dessen Herz verhärtet sich nicht mehr. Es wird weich und weit für die Menschen, denen er begegnet. Er, sie sieht hin, sieht, was zu tun ist und was sie tun kann.

Wer mitfühlen kann, dem sind die anderen nicht gleichgültig. Der oder die kann sich an der Gemeinschaft freuen und erkennen, was sie nötig hat und was er, was sie dazu tun kann. Dann geschieht das Wunder, wegen dem diese Geschichte bis heute erzählt wird.

VII

„und sie aßen und wurden satt.”

Auch wir sind heute eingeladen in die Gemeinschaft mit Jesus, in der wir in einem kleinen Bissen Brot und in einem Schluck Traubensaft die Fülle Gottes erleben. Und die fraglose Gemeinschaft derer, deren Gott sich erbarmt hat. Wir gehören dazu.