Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.226, über Markus 2,23-28
Liebe Schwestern und Brüder,
Regeln bestimmen unser Zusammenleben. Wo zwei oder drei beieinander sind, werden Regeln aufgestellt. Regeln regeln unser Leben von der Wiege bis zur Bahre. Sie gestalten das große Ganze der Gesellschaft, formen Institutionen wie Schule, Behörden oder die Kirche, den Arbeitsplatz und den Verein und auch noch die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie. Überall und für alles gibt es Regeln. Man lebt wie eine Matrioschka in einer ineinander geschachtelten Regelwelt, sodass man vor lauter Regeln die einzelne Regel gar nicht mehr bemerkt.
Von klein auf lernt man, Regeln zu befolgen: „Sag Danke,” heißt es, wenn der Schlachter eine Scheibe Wurst über den Tresen reicht; „Wie heißt das Zauberwort?”, wenn man vergaß, „Bitte” zu sagen. Und was wäre ein Spiel ohne Spielregeln? Bevor Kinder „Fangen” spielen oder „Verstecken”, verabreden sie zuerst die Regeln, die dabei gelten sollen.
Als Spielregeln werden uns die Regeln, die unser Zusammenleben gestalten, immer wieder einmal bewusst. Gerade beim Spiel nimmt man es mit den Regeln sehr genau. Ob Skat oder Fußball: Wenn nicht nach den Regeln gespielt wird, sorgt das für Ärger und Unmut. Ganz besonders empört ist man, wenn die Regeln für eine Seite anders angewendet werden als für die andere. Jedenfalls, wenn die eigene Seite dadurch benachteiligt wird. Wenn man dadurch einen Vorteil erhält, ist man gern bereit, über den Regelverstoß hinwegzusehen: Noch nie haben Fans einen Handelfmeter gegen ihre eigene Mannschaft gefordert. Regeln sind generell eher für die anderen gemacht. Wenn sie eine:n selbst betreffen, fühlt man sich durch sie eingeschränkt, hält sie für lästig und beschwerlich. Und wohl jede:r hat schon einmal den Reiz verspürt, eine Regel zu übertreten. In unserer von Regeln geordneten Welt ist ein Regelbruch geradezu ein Zeichen von Freiheit und Selbstbestimmung.
I
Auch im heutigen Evangelium wird eine Regel gebrochen. Und es stellt sich die Frage, ob damit mehr geschieht, als dass Jesus Anstoß erregt, weil seine Jünger ein Gebot übertreten. Ob dieser eine Regelverstoß ein Vorbild für den Umgang mit Regeln sein soll und wenn ja, was das für unseren Umgang mit Regeln bedeutet.
Die Regel, die übertreten wird, ist das Gebot der Sabbatheiligung - wir würden sagen: Sonntagsheiligung. Im Zusammenhang der Zehn Gebote lautet es so:
„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.” (2. Mose 20,8-11)
Es ist das dritte der zehn Gebote. Wir lernen es in der Kurzfassung: „Du sollst den Feiertag heiligen.” Weil vom „Feiertag” die Rede ist, denkt man dabei nicht unbedingt an den Sonntag, sondern an die wenigen Feiertage im Jahr wie Ostern oder Weihnachten, an denen es nicht schwer fällt, die Arbeit ruhen zu lassen. Doch das Gebot bezieht sich auf den Sabbat bzw. bei uns den Sonntag. An diesem Tag nicht zu arbeiten, missachtet man häufig, auch wenn man keinen Schichtdienst hat. Man ist sich dabei meist nicht bewusst, damit eins der Zehn Gebote zu übertreten. Das dritte Gebot wird gemeinhin als Empfehlung verstanden, als etwas, das man tun sollte, weil jeder Mensch mal eine Pause braucht. Es wird nicht auf einer Stufe gesehen mit dem Tötunsverbot, dem Verbot zu stehlen oder die Ehe zu brechen.
Darum kann man nicht verstehen, dass und warum die Pharisäer Jesus daraus einen Vorwurf machen, wenn seine Jünger beim Spazierengehen nebenbei Ähren pflücken. Man kann den Vorwurf der Pharisäer nicht ernst nehmen, es handle sich dabei um eine Arbeit, die am Sabbat verboten ist. Das erscheint kleinkariert und überzogen. Zumal man es kaum Arbeit nennen kann, wenn die Jünger im Gehen eine Ähre vom Halm pflücken, sie zwischen den Händen zerreiben und die Körner kauen. Wären sie mit der Sichel gekommen und hätten das Feld abgeerntet - das wäre ein ganz anderer Fall gewesen! Aber selbst da ließen sich Ausnahmen denken: Was, wenn ein Unwetter aufzöge? Man hätte trotz des Feiertages allen Grund, das Getreide noch schnell zu ernten, bevor es nass wird und verdirbt.
II
„Ausnahmen bestätigen die Regel,” sagt man, wenn man eine Ausnahme von der Regel macht. Es ist eine Beschwichtigung. Man will die Regel nicht außer Kraft setzen, man will sie nur nicht für sich gelten lassen. Nur dieses eine Mal wenigstens. Aus „Nur dieses eine Mal” wird schnell eine neue Regel: Jedes Mal, wenn das so ist, gilt die alte Regel nicht mehr.
Vor einem Kindergarten, einer Schule sollen Autos langsam fahren. Kinder könnten verletzt werden, wenn man zu schnell fährt - mein Kind könnte verletzt werden. Aber wenn ich es eilig habe, kann ich an einem Kindergarten, einer Schule nicht langsam vorbeischleichen. Da muss ich Gas geben, sonst komme ich zu spät. Und ich habe es jeden Morgen eilig.
Die Ausnahme von der Regel läuft in aller Regel darauf hinaus, dass man für sich die Ausnahme in Anspruch nimmt, während man gleichzeitig darauf besteht, dass alle anderen sich an die Regel halten sollen - sonst wäre die Regel ja sinnlos.
III
Warum stellt man überhaupt Regeln auf? Warum vertraut man nicht darauf, dass alle Beteiligten das unter sich ausmachen?
Denken Sie zurück an die Spiele Ihrer Kindheit: Wie wurden da die Regeln gemacht? Sagte jedes Kind seine Meinung und man fand gemeinsam einen Kompromiss, mit dem alle einverstanden waren? Oder legte ein Kind, meistens das älteste und stärkste, fest, wie gespielt wird, und man machte es so? Sie werden vielleicht beides erlebt haben. Ein Spiel macht nur Freude, wenn man die Regeln mitbestimmen darf. Wer immer nur bestimmen will, verliert auf Dauer seine Spielgefährten. Aber wenn schon mehrere zusammen spielen und man dazukommt, ist man froh, wenn man zugelassen wird, und hält sich an die Regeln, die andere aufgestellt haben.
Mit Regeln setzt man Grenzen. Regeln schränken die Möglichkeiten ein, die man hat. In einem Spiel wie beim Fußball machen diese Einschränkungen den Reiz des Spieles aus: Fußball wird mit den Füßen gespielt, nicht mit der Hand. Durch diese Einschränkung ergeben sich überhaupt erst Möglichkeiten, die das Spiel so interessant und spannend machen.
Einige Regeln dienen auch der Sicherheit, um für mich und andere gefährliche Möglichkeiten auszuschließen. Darum gilt vor Kindergärten und Schulen Tempo 30.
Die Regeln, mit denen wir unser Zusammenleben gestalten, setzen Grenzen, damit alle die gleichen Chancen haben. Diese Grenzen betreffen vor allem die, die stärker sind, die einen Vorteil haben: Sie müssen sich einschränken, sie müssen verzichten, damit es fair zugeht. Darum sind Regeln so lästig, wenn man stark ist. Und darum fällt es nicht leicht, sich an Regeln zu halten: Wer schränkt sich schon gerne ein? Wer verzichtet freiwillig auf einen Vorteil oder auf etwas, das ihr oder ihm zusteht?
IV
Auch die Sonntagsheiligung war einmal eine Regel, die allen gleiche Chancen ermöglichen sollte: „Am Sabbat sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.” Niemand soll ohne Pause durcharbeiten müssen. Einmal in der Woche soll Schluss sein mit der Schufterei, soll man Zeit zur Erholung haben, Zeit für sich und für den Umgang mit Gott.
Jesus scheint das ebenso zu sehen. Seine Antwort an die Pharisäer will ebenfalls das Beste für den Menschen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.” Jesus verbietet jedoch nicht pauschal jede Arbeit am Sabbat. Er erlaubt z.B. Arbeit, mit der man seinen Hunger stillt.
Die Pharisäer bestehen darauf, dass das Arbeitsverbot am Sabbat ausnahmslos gilt. Jesus macht Ausnahmen, wenn er am Sabbat Kranke heilt oder seinen Jüngern erlaubt, Ähren auszuraufen. Damit gibt er ein Beispiel für den Umgang mit einer Regel, das nicht nur für diese eine Regel gilt, sondern für alle: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.”
Jesus verleugnet die Regel nicht, er hebt sie auch nicht auf. Das Verbot, am Sabbat nicht zu arbeiten, gilt weiterhin.Aber Jesus schafft einen Auslegungsspielraum: „Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat.” Wenn der Sabbat um des Menschen willen gemacht ist, kann der Mensch selbst entscheiden, wie er den Sabbat heiligen will.
Auch das Judentum kannte Ausnahmen des Arbeitsverbotes am Sabbat: War z.B. ein Haustier in eine Grube gefallen, durfte man es herausziehen und retten. Jesus verlagert die Entscheidung darüber, welche Tätigkeit am Sabbat erlaubt ist und welche nicht, vom Austausch der Gelehrten auf den einzelnen Menschen.
V
Ist damit nicht dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet? Wenn es stimmt, dass die Ausnahme von der Regel schnell zur Regel wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn viele das dritte Gebot nicht ernst nehmen. Es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit - oder einer schwierigen wirtschaftlichen Lage -, bis aus dem Sonntag ein ganz normaler Werktag wird.
Jesus setzt, wie gesagt, das dritte Gebot nicht außer Kraft. In der Auseinandersetzung mit den Pharisäern übernimmt er die Verantwortung dafür, wenn seine Jünger das Gebot übertreten. Er beruft sich dafür auf David. Nicht auf den König David, dem man aufgrund seiner Stellung wohl kaum verdenken würde, in einem wichtigen Fall das Gebot zu übertreten. Sondern auf David, als er nur der Anführer einer Bande von Räubern war. David übernahm Verantwortung für seine Leute, verhandelte mit den Priestern, um die Brote zu bekommen, mit denen er ihren Hunger stillte.
Ein verantwortlicher Umgang mit dem Gebot, ein Umgang im Sinne Jesu, ist also einer, der Achtung vor dem Gebot hat und es respektiert. Und der aus dieser Achtung und diesem Respekt heraus die Verantwortung dafür übernimmt, wie man dem Gebot entsprochen will.
VI
Regeln schränken ein, setzen Grenzen. Aber sie eröffnen auch einen Raum: Einen Spiel-Raum. Alle Spiele, die wir spielen und die uns fesseln, existieren, weil es einfache oder komplizierte Regeln für sie gibt. Ohne Regel gäbe es kein Spiel.
Auch unser Leben wird interessant, weil es Regeln gibt, die wir eine nach der anderen kennen lernen, wenn wir heranwachsen. Das Kennenlernen, das Verlieben ist wie ein Spiel, das nach Regeln abläuft, die man erst einmal erlernen muss durch Versuch und Irrtum. Der gesellschaftliche Umgang erfolgt nach Regeln, die man nicht ohne Schaden missachtet.
Auch unser Glaube basiert auf Regeln. Gottes Gebote eröffnen uns einen Spiel-Raum, in dem wir Gott begegnen, wenn wir uns an seine Gebote halten. Auch der Gottesdienst folgt Regeln, der Liturgie, die einen Raum der Begegnung mit Gott eröffnen.
Jesus lehrt uns, diese Regeln zu achten und uns daran zu halten. Und zeigt uns dabei, wie wir mit diesen Regeln leben können: Nicht durch starres Festhalten an der Regel und wortwörtliches Befolgen. Auch nicht durch Ignorieren, durch ein Leben ohne Regeln. Sondern indem wir die Verantwortung dafür übernehmen, wie wir diese Regeln in unser Leben übertragen.