Freitag, 13. Mai 2016

Dies ist unser Haus!

Predigt am Pfingstsonntag, 15. Mai 2016, über Apostelgeschichte 2,1-18
(erstmals gehalten am 23. Mai 2010)

Liebe Gemeinde,

draußen ist draußen
und drinnen ist drinnen.
Wir sind hier zusammen in einem Raum;
wir singen und beten miteinander,
hören Gottes Wort, essen und trinken
und erinnern uns an Jesus.
Hier ist gut sein.

Und draußen?
Da sind andere, Fremde.
Da herrschen andere Regeln,
da herrscht ein anderer Geist.

I
So werden die Menschen gedacht haben,
die in einem Haus in Jerusalem versammelt waren:
die Jünger Jesu, Männer und Frauen,
die Jesus nachgefolgt waren,
darunter die 12 Apostel mit Maria, seiner Mutter
und seinen Brüdern.
Zusammen in einem kleinen Raum,
so groß wie ein Wohnzimmer.
Eine kleine Gemeinschaft,
verbunden durch das,
was sie gemeinsam erlebt hatten.
Verbunden durch die Angst, aufzufallen,
Ärger zu bekommen,
verfolgt, verhaftet zu werden.
Hier, im Haus, fühlten sie sich sicher.
Hier konnten sie abwarten,
wie die Sache Jesu weiter gehen würde.
Er hatte ihnen versprochen:
Ich will auf euch senden, was mein Vater verheißen hat.
Ihr sollt in der Stadt bleiben,
bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.“

Und plötzlich geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“
Da kommt etwas vom Himmel.
Die Verheißung des Vaters.
Kraft aus der Höhe.
Und verändert diese eingeschlossene,
in sich gekehrte,
ängstliche Gemeinschaft.
Von außen kommt etwas nach innen,
dringt in ihre Runde ein.
Was ist das?
Ein Wind ist zu hören, ein unheimliches Brausen.
Auch zu sehen ist etwas:
Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer;
und er setzte sich auf einen jeden von ihnen.“

Weißer Mann sprechen mit gespaltener Zunge“,
das kennen wir aus Indianerfilmen,
und es bedeutet nichts Gutes:
Wem das ins Gesicht gesagt wird, der lügt.
Hier aber weisen die gespaltenen Zungen auf die Fähigkeit hin,
in mehr als einer Zunge,
mehr als einer Sprache sprechen zu können:
Sie wurden alle erfüllt vom heiligen Geist
und fingen an, zu predigen in andern Sprachen,
wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Eine Kraft, ein neuer Geist
breitet sich aus im Haus,
und plötzlich fliegen die Türen auf.
Die ängstlichen Jüngerinnen und Jünger gehen nach draußen, denn die neue Sprache
kann man nur außerhalb des Hauses sprechen.
Die Jünger fallen auf durch ihre Fremdsprachen­kenntnis,
durch ihr Einfühlungsvermögen,
und sie haben keine Angst.
Andere Leute können sie verstehen.
Sie finden Worte,
mit denen sie anderen klar machen können,
worum es geht.
Die hören erstaunt, wie die Jünger
in ihren Zungen von den großen Taten Gottes reden.“

II
Draußen ist draußen
und drinnen ist drinnen.
Der Geist kommt von außen zu denen innen
und weht dann mit ihnen nach außen.
Grenzen werden überwunden.
Grenzen der Sprache:
Menschen reden miteinander,
die sich bis dahin nicht verständigen konnten.

Fast 2000 Jahre sind seither vergangen.
Die Jüngerinnen und Jünger
sind von drinnen nach draußen gegangen
und haben, getrieben von Gottes Geist,
von Gottes großen Taten erzählt,
haben Mission betrieben
und das Evangelium verkündet.
Gemeinden sind entstanden und Kirchen,
das Christentum hat sich über die ganze Erde ausgebreitet
- eine Erfolgsgeschichte.
Auch eine Geschichte der Fehler und Irrtümer,
der Verbrechen und der Grausamkeiten.

Fast 2000 Jahre sind vergangen,
und der Glaube hat sich über die Welt ausgebreitet.
Aber die Welt hat sich verändert.
Heute würde der brausende Pfingstgeist
wohl niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken
– da müssen schon ganz andere „Events“ her.

Heute geht es um die Frage,
wie Gottes Geist Menschen erreicht,
die schon Christinnen und Christen sind,
die Gottes Geist bei der Taufe empfangen haben,
aber von ihm nicht mehr bewegt werden.

III
Draußen ist draußen
und drinnen ist drinnen.
Kirche spielt nicht nur in der Gesellschaft
eine immer geringere Rolle.
Kirche ist auch vielen getauften Christinnen und Christen egal.
Kirche hat zu den großen Problemen unserer Zeit
keine einfachen Lösungen,
keine einprägsamen Sprüche.
Sie hat den Menschen von heute nichts mehr zu sagen,
oder wird nicht mehr gehört.

Woran liegt das?
Sind wir nicht mehr so eine Gemeinschaft,
wie es damals die Jüngerinnen und Jünger Jesu waren?
Sind wir nicht mehr vom Heiligen Geist beseelt?
Sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche,
die Pastorinnen und Pastoren,
nicht einfallsreich, nicht fleißig genug?
Sind wir als Kirche nicht einladend genug,
gehen wir zu wenig auf andere zu?

Es liegt nicht an unserem Machen, Wollen oder Tun,
wenn Menschen sich fragen,
wozu Kirche gut sein soll.
Es liegt an unserem Selbstbewusstsein.
Es ist uns nicht bewusst,
und wir sind uns selbst nicht bewusst,
dass dies unser Haus,
dass dies unsere Gemeinde, unsere Kirche ist.
Dass wir alle Kirche sind und Kirche gestalten,
dass wir alle Verantwortung dafür tragen
und nicht nur die,
die von unseren Kirchensteuern dafür bezahlt werden.

Es liegt an unserem Kirche-Sein,
ob Kirche noch etwas bedeutet oder nicht.
Wieso sollten andere in die Kirche kommen,
wenn wir selbst nicht hingehen?
Wieso sollten andere etwas mit dem Glauben anfangen,
wenn wir selbst nicht viel damit anfangen können?
Wieso überlassen wir die Kirche und den Glauben
den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?

Pfingsten ist das Fest,
das uns daran erinnert,
dass Kirche keine Veranstaltung ist,
kein Event, und auch kein Museum.
Kirche lebt von denen und durch die,
die Kirche sein wollen.
Man nennt das „Priestertum aller Gläubigen“.
Und das Pfingstfest erinnert uns daran:
an das Priestertum aller Gläubigen.
Es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott,
da will ich ausgießen von meinem Geist auf alle Menschen;
und eure Söhne und Töchter sollen weissagen,
und eure Jugendlichen sollen Gesichte sehen,
und eure Alten sollen Träume haben.“

IV
Draußen ist draußen
und drinnen ist drinnen.
Dass der heilige Geist das verändert hat,
ist schwer zu glauben.
Nicht nur für die, die drinnen sind,
sondern auch für die draußen.

Jesus hat den Armen das Evangelium verkündigt;
er hat den Gefangenen gepredigt, dass sie frei sein sollen,
den Blinden, dass sie sehen sollen,
den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen.
Er hat uns die Gnade Gottes zugesagt.
Von nun an sind wir frei von Ansprüchen anderer;
niemand darf uns sagen,
so und so musst du sein,
damit Gott und die Menschen dich lieben.
Wir sind frei, weil Gott uns mit seinem Geist anspricht.
Wir sind frei und gerade deshalb in der Lage,
anderen Menschen das weiter zu geben,
was wir selbst bekommen haben,
selbst denen, die uns fremd sind
und die wir nicht leiden können.
Wir selbst waren arm, gefangen,
blind und zerschlagen,
und wir sind es immer wieder.
Wir leben aus der Kraft des Heiligen Geistes,
der uns hilft, unsere Hilflosigkeit, unser Leid zu tragen.
Wir leben aus der Kraft dieser Gemeinde,
in der wir einander tragen,
in der wir uns gemeinsam versichern,
dass Gottes Geist unter uns ist.
Wir leben davon,
dass Gott uns mit seiner Fülle beschenkt
– vielleicht fehlt uns nur, das zu erkennen,
und vielleicht müssen auch andere das zu sehen lernen,
um selbst zu schenkenden,
hilfsbereiten Menschen zu werden.

Nach süßem Wein, so klingen diese Worte
- so wie damals, als man Petrus vorwarf, betrunken zu sein.
Der Geist macht Mut,
Rechenschaft zu geben von der Hoffnung,
die seit Jesu Auferstehung in uns ist:
Der Hoffnung,
dass wir nicht auf Kosten anderer leben müssen,
sondern das eigene Leben
und das Leben der Gesellschaft
auf Gerechtigkeit aufbauen können.

Der Geist ermutigt uns dazu,
die Grenzen zwischen Drinnen und Draußen zu öffnen:
Fremde und Fremdes hereinzulassen,
und zu den Fremden hinauszugehen.
Das Fremde, die Fremden,
das sind immer weniger exotische Menschen
aus fernen Ländern,
deren Sprache wir nicht sprechen.
Fremde Menschen,
das sind immer mehr die Menschen,
die manchmal nur ein paar Straßen von uns entfernt leben,
in einem anderen Stadtteil.
Menschen, die scheinbar eine andere Sprache sprechen,
weil sie ihre Muttersprache
auf der Schule nicht richtig lernen konnten.
Vielleicht, weil sie nicht wollten.
Vielleicht, weil sie nicht konnten.
Vielleicht, weil man ihnen keine Chance gab.

Gottes Geist schickt uns von drinnen nach draußen,
aus unseren guten Stuben
hinaus auf die Straße, wo wir Menschen begegnen;
aus unserer bürgerlichen Sattheit, unserem Wohlstand
zu denen, die Hunger haben nach Bildung,
nach Arbeit, nach Respekt und Anerkennung.

Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Innen und außen
- ein neuer Geist und viele, vielfältige Gaben.
Und die Predigt nicht so sehr mit Worten,
sondern vor allem mit Taten
- Taten der Mitmenschlichkeit
und der Liebe.

Amen.

Sonntag, 8. Mai 2016

Freiraum schaffen!

Predigt am Sonntag Exaudi, 8. Mai 2016, über Epheser 3,14-21:

Ich beuge meine Knie vor dem Vater,
von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden den Namen empfängt,
dass er euch gebe
nach der Fülle seiner Herrlichkeit
Kraft für den inneren Menschen, 
damit ihr durch seinen Geist stark werdet
und damit Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
in Liebe, die fest verwurzelt und fundiert ist,
damit ihr imstande seid,
mit allen Heiligen ihre Dimensionen zu begreifen,
und zu erkennen, 
dass die Liebe zu Christus alle Erkenntnis übertrifft,
damit ihr erfüllt werdet
mit aller Fülle Gottes.
Dem aber, der imstande ist, Größeres zu tun als alles, 
was immer wir bitten oder ausdenken mögen
durch die Kraft, die in uns wirksam ist,
dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus
für alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

(Eigene Übersetzung, vgl. http://offene-bibel.de/wiki/Epheser_3)


Liebe Schwestern und Brüder,

„mach dich nicht breiter als dein Hemd ist“, 
schimpfte mein Vater,
wenn ich am Küchentisch oder auf dem Sofa zuviel Platz beanspruchte.
Jeder Mensch braucht ein Plätzchen, wo er leben kann,
braucht einen gewissen Freiraum um sich herum
und einen Raum für sich allein:
das eigene Zimmer, in das man sich zurückziehen kann.
Wenn man diesen Raum nicht hat,
wenn andere einem zu sehr „auf die Pelle“ oder „auf die Bude“ rücken, bekommt man Platzangst.

I
Der Mensch braucht nicht nur äußerlichen Raum um sich herum, man braucht auch innerlichen Raum: 
einen Spielraum für den inneren Menschen, der Möglichkeiten der Entscheidung und des Handelns eröffnet.
Diesen Spielraum muss man sich erst erarbeiten.
Er wächst, wie man selbst wächst.
Als kleines Baby hat man nur eine einzige Möglichkeit: schreien.
Ein Baby schreit, wenn es Hunger hat und wenn die Windel voll ist, wenn es auf den Arm genommen werden will und wenn es Bauchschmerzen hat. Als Vater oder Mutter ist man anfangs schwer im Stress, weil man das Schreien nicht deuten kann und erst herausfinden muss, was der Grund dafür ist.
Mit zunehmendem Alter wachsen die Ausdrucksmöglichkeiten, und die Handlungsalternativen nehmen zu. Die hohe Schule des Ausdrucks und der Handlungsmöglichkeiten ist der Flirt, wo man, aber besonders frau, mit Nähe und Distanz, mit Locken und sich Entziehen spielt, mit Blicken, Gesten, Düften und Worten.

Diese Anziehung und dieses Knistern, die Erotik, die ein Flirt entfacht, kann man auch auf geistiger Ebene erleben. 
Sie stellen sich ein, wenn man eine neue Erkenntnis gewonnen hat: Wenn man erkannte, dass man Dinge noch einmal ganz anders sehen und verstehen kann.
Es ist aufregend, ausgetretene Bahnen des Denkens zu verlassen;
es ist befreiend, Denkverbote und Tabus, „das haben wir immer schon so gemacht“ und „das gehört sich so“ über Bord zu werfen.

Die ehemalige DDR-Bildungsministerin Margot Honecker, die am Freitag in ihrem chilenischen Exil gestorben ist, stand für das Gegenteil: Sie wollte die Verengung des Denkens auf das, was die Partei zu denken vorgab - die Partei, die immer recht hatte. Sie wollte Betonköpfe erziehen, die die Mauern schon in ihre Hirne eingezogen hatte.
Frühere Schüler Margot Honeckers finden sich jetzt in der AfD. Der AfD ist die von den 68ern errungene Freiheit des Denkens zu bunt, das langhaarige, hippiehafte ist ihr ein Gräuel. Sie möchte alles schwarz-weiß haben; rot-grün kann sie überhaupt nicht leiden. Nur gegen deren Mischfarbe hat sie nichts einzuwenden …

II
Räume, Freiräume schafft der heutige Predigttext aus dem Epheserbrief. Er ist ein Gebet - die Kniebeuge, die der Verfasser im ersten Satz vollzieht, ist eine Geste des Betens. Wir kennen sie aus der katholischen Kirche und vom Karfreitag.
Der Verfasser bittet nicht direkt um Räume. Aber das ganze Gebet ist voller Worte, die mit Raum zu tun haben: die Fülle und das Wohnen, Wurzeln, Fundament und Dimensionen, Erfülltwerden, und am Schluss noch einmal die Fülle.
Es werden also, genau genommen, keine Räume eröffnet, sondern gefüllt, und zwar ziemlich reichlich. Die Epheser, für die der Autor betet, sollen geradezu überschüttet werden mit - - - ja, womit denn?

Wer „Harry Potter“ kennt - die Bücher las oder die Filme gesehen hat -, weiß, dass der böse Lord Voldemord sich darüber lustig macht, dass es immer wieder die Liebe ist, auf die der Unterschied zwischen ihm, dem Bösen, und Harry Potter, dem Guten, hinausläuft. Harrys Fähigkeit, zu lieben, die der Böse nicht hat, schützt ihn, wie die Liebe seiner Mutter ihn vor Lord Voldemords Todesfluch bewahrt hatte.

Auch in biblischen Texten taucht in schöner Regelmäßigkeit die Liebe als das Geheimnis auf, das hinter und über allem steht. Man kann es bald nicht mehr hören. Ist nicht schon alles über die Liebe gesagt? Gibt es keine anderen Themen, über die sich zu schreiben und nachzudenken lohnte?

III
Für einen heranwachsenden Menschen ist die Liebe die wichtigste Sache überhaupt, und furchtbar aufregend: Der erste Kuss, das erste Verliebtsein geben Rätsel über Rätsel auf. Man hat Angst, etwas falsch zu machen, man hat Angst, ausgelacht zu werden, man hat Angst, verletzt zu werden, man hat vor ziemlich allem Angst, was mit der Liebe zusammenhängt - und kann doch nicht anders: 
man muss es probieren.
Es wird aber nicht besser nach der ersten Beziehung, dem ersten Kuss, denn mit jedem neuen Partner ist wieder alles neu und anders und aufregend und peinlich. Erst, wenn man in einer festen Beziehung lebt, meint man, nun hätte man das Problem mit der Liebe endlich gelöst und hinter sich gelassen.
Ein schwerer Irrtum.
Die Liebe lässt sich nicht in eine Beziehung einsperren oder in einen Ehering fesseln. Sie ist lebendig, verändert sich und will immer wieder neu gelebt, geliebt und entdeckt werden - auch und gerade zwischen Partnern, die ihr halbes Leben miteinander verbracht haben.

Liebe gibt es aber nicht nur exklusiv zwischen Zweien. 
Die Liebe ist zu groß und zu mächtig, als dass sie sich in Zweisamkeit erschöpfen würde.
Heute ist Muttertag: Wir denken dankbar an unsere Mütter und an die Liebe, mit der sie uns erfüllten.
Wer Geschwister hat, musste sich diese Liebe der Mutter mit den anderen teilen. Dafür hat er/sie eine andere Art der Liebe gewonnen: Die Liebe zwischen Geschwistern, die sogar große Entfernungen und lange Zeiten des Getrenntseins übersteht und überbrückt.

IV
Der Predigttext schließlich spricht von der Liebe zu Christus. Im Griechischen ist dieser Ausdruck doppeldeutig: Er kan sowohl die Liebe zu Christus meinen als auch die Liebe Christi, die Liebe, mit der Christus uns liebt. Aber das kommt letzten Endes auf's gleiche hinaus. Denn Christus lieben können wir nur, weil Christus uns liebt. Umgekehrt geht es nicht: Christus liebt uns nicht deshalb, weil wir uns furchtbar viel Mühe geben würden, ihn zu lieben.

Wie soll man sich diese Liebe Christi vorstellen?
Nonnen im Kloster trugen einen Ring am Finger; sie waren mit Christus verlobt und verstanden sich als „Bräute Christi“. In frommem Überschwang hat manche diese Liebe zu Christus nicht nur geistlich aufgefasst - jedenfalls könnten die Schriften mittelalterlicher Mystikerinnen gut als erotische Literatur durchgehen.

Auf jeden Fall ist die Liebe Christi keine „Kopfsache“.
Das Gebet bittet am Ende um die Erkenntnis, „dass die Liebe zu Christus alle Erkenntnis übertrifft“. 
Ein schönes Wortspiel.
Aber wie erkennt man denn nun, dass es gar nicht auf das Erkennen ankommt? Ist das nicht ein Widerspruch?

Als Heranwachsende/r macht man sich viele Gedanken über die Liebe. Manche/r versucht, im Kopf zu lösen, was sich dann in der Begegnung mit der oder dem anderen ereignen soll. Erst mit dem Alter und der Erfahrung lernt man, dass man sich einfach fallen lassen kann in dieses überwältigende Gefühl, in die Arme der oder des anderen.
Manchmal erleidet man dabei allerdings eine schmerzhafte Bauchlandung. Manche/r, der zu oft so hart fiel, hat es verlernt, sich fallen zu lassen …

Auch in die Liebe zu Christus kann man sich nur fallen lassen. Es führt kein gedanklicher Schritt zu ihm hinüber.
Der Glaube, der die Voraussetzung zu dieser Liebe ist, ist ein Sprung - und ein ziemlich riskanter noch dazu, so als spränge man über einen tiefen, garstigen Graben, und das ohne Netz und doppelten Boden. Denn der Glaube widerspricht vielem von dem, was wir als wahr und richtig gelernt haben.
In den Augen derer, die auf Zahlen vertrauen, macht er einen zum naiven Trottel. Der Glaube bringt manchmal all die Peinlichkeiten und Verletzungen zurück, die man mit den ersten Liebeserfahrungen abgelegt zu haben glaubte.
Aber ohne diese Verletzlichkeit, ohne die Bereitschaft, sich bis auf die Knochen zu blamieren, kommt man zu Jesus nicht hinüber.

V
Kein Wunder, dass viele gern auf den Glauben verzichten!
Wer will sich schon zum Affen machen,
wer will sich so verletzlich machen, so verletzt werden,
wie es viele überzeugte Christen als Schülerinnen und Schüler im System der Margot Honecker erleben mussten?

Zum Glück ist der Glaube keine bewusste, willentliche Entscheidung. Er überfällt einen - wie die Liebe. Und wie bei der Liebe kann man gar nichts dagegen tun. Denn hinter ihm steht eine Kraft, die Menschen niemals bändigen und unter ihre Kontrolle bringen werden: der Geist Gottes, dessen Kommen wir am kommenden Sonntag feiern.
Dieser Gottesgeist ermutigt und befähigt uns zum Sprung über den Graben in den Glauben. 
Er gibt uns Kraft, auf die Liebe zu vertrauen - trotz aller Enttäuschungen und Verletzungen, die wir erlitten haben.

Wer von dieser Liebe erfüllt ist, gewinnt Spielräume. 
Erlebt eine solche innere Weite, 
dass Raum selbst in der kleinsten Hütte ist; 
dass am Krankenbett oder im Sterbezimmer keine Platzangst aufkommt; 
dass Asylantenheime und Moscheen keine Angst einflößen; 
dass jede Kirche zum Zuhause wird.

Wer von dieser Liebe erfüllt ist, braucht sicherlich weiterhin seine Freiräume und sein eigenes Zimmer.
Aber sein Herz ist so groß und weit geworden,
dass es Platz für alle Menschen hat.
Nicht nur für den Liebsten oder die Liebste,
nicht nur für die eigenen Kinder und Enkel,
nicht nur für Familie und nahe Verwandte,
nicht nur für Freunde und Bekannte -
alle Menschen finden darin Platz.
Sogar die finden Mitgefühl und Liebe, die beides eigentlich nicht verdient haben, weil sie selbst nicht dazu fähig sind.

VI
Die Liebe Christi macht auf eine nüchterne Art betrunken.
Man vergisst zu fragen, was man davon hat, was man dafür bekommt, oder ob der andere die Liebe überhaupt verdient.
Sie eröffnet neue Räume, 
die Spielräume und Auswege zugleich sind 
in einer Gesellschaft, 
die nur nach den Kosten, nach dem Wert und nach dem Preis fragt. Die etwas nur tut um des Gewinns willen oder um des Nutzens willen, aber nicht um seiner selbst willen.
Die Liebe zeigt uns, dass man etwas um der Liebe willen tun kann.
Und das jeder Mensch um seiner selbst willen etwas „wert“ ist, nämlich: liebenswert, weil die Liebe Christi ihm/ihr gilt wie uns, und weil er/sie, wie wir, fähig ist, Christus zu lieben, wenn der Heilige Geist es ihm/ihr schenkt.
Amen.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Den Wald vor Lauter Bäumen nicht sehen

Predigt an Christi Himmelfahrt, 5.5.2016, über Apg 1,3-11:


Liebe Gemeinde,
manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Manchmal ist man von Details, von Einzelheiten so gefesselt oder verwirrt, 
dass man darüber das Ganze aus dem Blick verliert.
Das kann einem auch bei der Geschichte von der Himmelfahrt passieren:

Nach seinem Leiden erwies sich Jesus den Aposteln durch viele Beweise als lebendig. 40 Tage lang erschien er ihnen und sprach zu ihnen über das Reich Gottes. Und während er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, nicht von Jerusalem wegzugehen, sondern die Verheißung des Vaters zu erwarten, „die ihr von mir gehört habt. Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet in wenigen Tagen mit heiligem Geist getauft werden“. Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn: „Herr, wirst du jetzt die Königsherrschaft für Israel wiederherstellen?“ Er aber sprach zu ihnen: „Ihr dürft Zeit oder Zeitpunkte nicht wissen, die der Vater in seiner Vollmacht festgesetzt hat. Aber ihr sollt Kraft empfangen, indem der Heilige Geist über euch kommen wird, und ihr sollt meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Erde“.
Nachdem er das gesagt hatte, sahen sie, wie er aufgehoben wurde und eine Wolke ihn vor ihren Augen verbarg. Und während sie noch gespannt zum Himmel emporblickten, wohin er gegangen war, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer bei ihnen, die sprachen: „Ihr Galiläer, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch in den Himmel emporgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen“.


I
Wenn man sich die Geschichte der Himmelfahrt ausmalt,
entsteht ein eigenartiges Bild:
Da sehen wir die Jünger, wie sie den Kopf in den Nacken legen
und angestrengt nach oben starren,
wie beim Raketenstart in Baikonur oder auf Cape Caneveral.
Als ob man von Jesus vielleicht noch die Füße sehen könnte,
wie sie gerade in den Wolken verschwinden,
oder gar so etwas wie einen Kondensstreifen …
Als ob Jesus wie eine Rakete in den Himmel zischte!

Nein, so geht es nicht.
Die Geschichte von Himmelfahrt ist keine Beschreibung.
Sie ist ein Bild. Ein Bild der Abwesenheit.
Ein Bild dafür, dass der, von dem die Evangelien so viel erzählt haben,
nun nicht mehr da ist.
Himmelfahrt ist ein Bild für unsere Realität, für unser Leben,
in dem Jesus abwesend ist.
Man kann ihn einfach mal eben treffen oder anrufen.

Deshalb kommen zwei Engel ins Bild, die die Jünger ansprechen.
Damit ziehen sie deren und unsere Blicke auf sich.
Sie, wir, verlieren Jesus aus den Augen,
dem wir eben noch hinterher geschaut haben.
Damit lenken sie die Jünger - und mit ihnen uns -
von der unglaublichen Himmelfahrt ab,
lenken ihren und unseren Blick zurück auf den Boden der Tatsachen.
Damit weisen sie die Jünger - und mit ihnen uns -
darauf hin, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen,
wenn wir gebannt in den Himmel starren, als ob da irgendwas wäre:
Was steht ihr da und seht zum Himmel?“

Die beiden Engel lenken den Blick der Jünger, lenken unseren Blick
auf die Erde zurück: Jesus ist nicht da,
die Jünger, wir, sind auf uns allein gestellt.
Die Jünger, wir, stehen mit unserem Glauben und dem Problem,
diesen Glauben in der Welt
und gegenüber der Wirklichkeit zu behaupten, allein da.

II
Das haben wir alle erlebt:
Irgendwann im Leben kommt der Moment, wo man allein dasteht.
Wo Mutter oder Vater nicht mehr für einen da sind,
um zu helfen, um etwas für einen zu regeln.
Irgendwann muss man sich selbst das Brot schmieren,
selbst die Schuhe zubinden;
irgendwann muss man sich einfuchsen
in diese furchtbar komplizierte Bedienungsanleitung des Lebens
- von der Krankenversicherung über die Steuererklärung
bis zur Telefonrechnung,
vom verstopften Abfluss bis zur gestopften Socke,
vom Hosen- bis zum Autokauf,
vom ersten Kuss bis zum Heiratsantrag.
Irgendwann wird man erwachsen.
Himmelfahrt beschreibt den Moment,
in dem die Jünger, in dem wir Gläubigen
aus der Abhängigkeit von Greifbarem heraustreten
und erwachsen werden.
Wo die Jünger, wo wir gelernt haben,
dass es keine Beweise für den Glauben,
keine Wunder, keine automatische Erfüllung unserer Wünsche gibt.
Wo die Jünger, wo wir gelernt haben,
dass der Zweifel und die Unsicherheit zum Glauben dazugehören.

Wie lernt man das?
Indem man lernt, den Wald zu sehen,
und nicht nur die vielen einzelnen Bäume.

III
Als Heranwachsende/r fühlt man sich mit seinen Problemen,
mit seiner Unsicherheit ganz allein auf der Welt.
Man hat das Gefühl, man sei die/der einzige,
die/der nicht weiß wie das denn nun geht mit dem ersten Kuss,
mit der Liebe, oder auch mit der Lehre oder dem Studieren.
Die anderen prahlen mit ihren Erfahrungen und Erfolgen.
Ihnen scheint alles leicht zu fallen,
für sie scheint das alles kein Problem zu sein
mit den Küssen und den Reißverschlüssen …
Deshalb traut man sich nicht, zu fragen
- man will sich schließlich nicht blamieren.

Irgendwann macht man aber die befreiende Erfahrung,
dass es jeder und jedem so geht.
Man sieht das Ganze: Sieht,
dass solche Fragen und Probleme zum Erwachsenwerden dazugehören,
dass jeder Mensch auf dem Weg zur Selbständigkeit
mit Sorgen und Problemen zu kämpfen hat
- auch und gerade die, die schon in der Schule eine große Klappe hatten.
Sie wollten es bloß nicht zugeben,
weil sie sich noch mehr schämten als wir.

Die Angst, die Probleme und die unvermeidlichen Fehler
haben wir alle gemeinsam.
Und hätten wir gewusst, dass es allen so geht,
wäre uns manches nicht so peinlich gewesen,
hätten wir manches mutiger ausprobiert,
wäre uns der Weg in das Leben der Erwachsenen
womöglich leichter gefallen.

IV
Aus vielen Einzelteilen wird ein Ganzes,
aus vielen Bäumen wird ein Wald.
Aus vielen Einzelpunkten setzt sich ein Bild zusammen.
Aus vielen unterschiedlichen Menschen wird die Gemeinde.

Menschen, die sich mit ihren Schicksalen,
mit ihren Erfahrungen, ihren Sorgen und Ängsten allein fühlen,
erfahren in der Gemeinde,
dass es vielen - wenn nicht allen - so geht wie ihnen.
Im großen Ganzen der Gemeinde
bekommen Erfahrungen, Sorgen und Ängste den Platz und die Größe,
die ihnen gebührt.
Sie verschwinden nicht, aber sie werden kleiner,
verlieren ihre Macht und befähigen zum Handeln.

Im großen Ganzen der Gemeinde
schrumpfen auch die Sorgen und Nöte der Welt
- seien es die unserer Umwelt,
seien es die der großen Welt der Poilitik unseres Staates oder Landes,
oder seien es die unserer kleinen Welt hier unter dem Kummelkreuz.
Schrumpfen von überwältigender Größe auf ein Maß,
das hoffen lässt, dass man doch noch etwas tun kann.

Im großen Ganzen der Gemeinde geschieht all das,
weil Jesus hier mitten unter uns ist.
Gemeinde, so sagt die Bibel, ist der Leib Christi.

So wie die vielen einzelnen Bäume den Wald ergeben,
so sind wir vielen einzelnen Menschen zusammen
ein größeres Ganzes: der Leib Christi.

Der Leib Christi ist ein so großes Ganzes,
dass Gott uns darin nahe ist,
wenn wir in seinem Namen zusammenkommen.

V
Was steht ihr da und seht zum Himmel?“
Die Engel haben recht.
Wer nur nach oben sieht, der bleibt bei sich;
der sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Erst wenn man sich umsieht,
stellt man fest, dass man nicht allein ist.
Es sind Mitmenschen da,
die meine Sorgen und Ängste,
meine Freude und mein Glück mit mir teilen.

Es sind Mitmenschen da, die, wie ich,
mehr erwarten vom Leben,
die sich einsetzen wollen, es besser machen wollen
für sich und andere.

Es ist nur ein kleiner Wechsel des Blicks,
der unglaublich viel verändern kann.


Amen.

Freitag, 29. April 2016

Legt die Hände in den Schoß!

Predigt am Sonntag Rogate, 1. Mai 2016, über 1.Timotheus 2,1-6a:

Zuallererst möchte ich, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, sogar für die Regierenden und alle hohen Beamten, damit wir ein stilles und ruhiges Leben führen können, in aller Gottesfurcht und Würde. Das ist schön und gefällt Gott, unserem Retter, der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen,
dass Gott Einer ist,
Einer auch der Mittler zwischen Gott und Menschen,
der Mensch Jesus Christus,
der sich für alle zum Lösegeld gab.

Eigene Übersetzung, vgl. http://offene-bibel.de/wiki/1_Timotheus_2

Liebe Schwestern und Brüder,

"wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten", hört und liest man manchmal, besonders vor Wahlen. Manch einer begründet mit diesem Satz auch sein Nichtwählen: "Meine Stimme ändert doch sowieso nichts; da kann ich auch gleich zuhause bleiben", heißt es. Das ist natürlich Blödsinn - sowohl der Spruch über die Wahlen, die nichts ändern, als auch die Haltung des Nichtwählens. Dass allgemeine, freie und geheime Wahlen etwas verändern, sieht und erlebt man immer wieder da, wo sie möglich sind. In unserem Land hat vor über 25 Jahren die erste frei gewählte Volkskammer viele Hoffnungen geweckt. Dass manche dieser Hoffnungen enttäuscht wurden - daran sind nicht die Wahlen schuld. Und dass Machthaber, wenn und wo sie können, Wahlen manipulieren, Wähler einschüchtern, Kandidaten oder Parteien nicht zulassen oder das Wahlergebnis nicht anerkennen, spricht nicht gegen die Wahl - im Gegenteil! Darum steckt in diesem Spruch mehr als ein Körnchen Wahrheit: Allgemeine, freie und geheime Wahlen gibt es in Ländern mit Dikatatoren und autoritären Regimen nicht, weil sie tatsächlich alles ändern würden.

I
"Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten" - gleiches kann man wohl auch über das Gebet sagen: 
"Wenn Beten etwas ändern würde, wäre es verboten". Wahrscheinlich ist, wie bei den Wahlen die Partei der Nichtwähler, auch beim Beten die Partei der Nichtbeter die größte. Vielen Menschen erscheint es sinnlos, mit einem Gott zu sprechen, den man nicht sehen kann und der nicht antwortet. Das ist, als führe man Selbstgespräche, und das ist irgendwie --- peinlich. 
Außerdem bringt das Beten nichts. Wenn man für die Klausur nicht gelernt hat, bewahrt einen auch das inbrünstigste Gebet nicht vor einer Fünf. Den kranken Freund macht ein Gebet nicht gesund; die Liebste, die einen verließ, bringt es nicht zurück; den alkoholkranken Nachbarn rettet es nicht vor der Sucht. Die Skepsis scheint berechtigt: 
"Wenn Beten etwas verändern würde, wäre es verboten".

II
Warum also sollte man überhaupt beten?
Die Epistel gibt eine überraschende Antwort auf diese Frage, sie lautet: "Ich möchte, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Danksagung für alle Menschen".
Überraschend ist dieser Satz in mehrfacher Hinsicht:
1. Zunächst ist Beten offenbar nichts, was von der Stimmung abhängt, der eigenen Lust und Laune. Die Epistel verlangt es einfach von ihren Lesern: „Ich möchte …“, heißt es da. Beten ist eine Pflicht. Heute, am Tag der Arbeit, wo es um die Rechte der Arbeitnehmer geht, hören wir das nicht so gern. Doch zugleich passt es gerade zum Tag der Arbeit: Beten ist Arbeit. Ora et labora lautet die Regel der Mönche im Kloster, bete und arbeite. Man hat den Eindruck, als handele es sich um einen Gegensatz - hier das besinnliche, gemütliche, entspannende Gebet, dort die harte, fordernde, ermüdende Arbeit. Aber wer sich einmal den Tagesablauf der Mönche im Kloster angesehen hat, weiß, dass dieser Gegensatz nicht stimmt: Sieben Mal am Tag und einmal des Nachts zu beten ist richtig anstrengende, harte Arbeit.
Es müsste also richtigerweise lauten: Orare est labora, Beten ist Arbeit. Jede geistige Arbeit ist nicht weniger anstrengend als körperliche Arbeit - das erfahren Schüler und Studierende am eigenen Leib.

III
2. Die nächste Überraschung: Beim Beten geht es offenbar gar nicht um mich, meine Befindlichkeiten und Bedürfnisse. Beten ist kein Kreisen um sich selbst, sondern ein Durchbrechen dieses Kreisens, indem man einmal an andere denkt. Es besteht, so die Epistel, aus Fürbitte und Dankgebet. In der Fürbitte denke ich an andere, im Dankgebet danke ich für andere.
Ich denke an Menschen, die mich beschäftigen.
- Weil ich mir Sorgen um sie mache: Sie sind vielleicht krank; sie wirken niedergeschlagen oder traurig auf mich; ich weiß, dass sie gerade Schweres durchmachen.
- Menschen beschäftigen mich auch, wenn ich mich über sie ärgere: Jemand hat mich nicht gegrüßt. Jemand war pampig zu mir. Jemand war gemein zu mir, hat mich verletzt oder enttäuscht.
- Dann gibt es die Menschen, die mich beschäftigen, weil sie mir auf der Seele liegen: Ich habe ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich ihnen Unrecht tat, sie vergaß, oder einen Fehler machte.
- Und schließlich gibt es noch die Menschen, an die ich denken sollte, die ich aber immer wieder vergesse: Die alten Eltern. Freunde, die weggezogen sind. Die Nachbarin oder den Nachbarn, der keine Angehörigen mehr hat und einsam ist. Die Kollegin, die im Krankenhaus liegt.
Ihnen allen gilt unsere Fürbitte - oder sollte sie gelten.
Nun wird auch deutlich, warum Beten Arbeit ist: Wenn man wirklich an all diese Menschen denken wollte, das artete ja tatsächlich in Arbeit aus!
Aber was spricht dagegen, sich die Namen der Menschen, an die man denken will oder sollte, auf einen Zettel zu schreiben und sich einmal am Tag fünf Minuten Zeit zu nehmen, an sie zu denken? Man muss dafür kein Gebet formulieren - Gott weiß doch sowieso, um was wir ihn bitten wollen. Es genügt, wenn wir für einen Moment in Gedanken bei diesen Menschen sind.

IV
Zur Fürbitte, in der ich an Menschen denke, kommt das Dankgebet, in dem ich für Menschen danke. Wann machen wir uns schon bewusst, dass es jemanden gibt, den wir lieb haben und der uns lieb hat? Wann denken wir dankbar daran, dass es Menschen gibt, die uns gut tun und uns Gutes tun; die uns helfen, wenn wir Hilfe brauchen, oder einfach mal auf einen Plausch vorbeischauen; die uns ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, die uns glücklich machen, weil es sie gibt, die uns zum Lachen bringen? Wann denken wir daran, wie kostbar die Zeit ist, die wir mit lieben Menschen verbringen dürfen? - Kinder werden viel zu rasch erwachsen und ziehen aus; Eltern oder Großeltern werden alt und sterben; Verwandte, Freunde, die zu Besuch waren, müssen wieder abreisen.
Auch die Namen dieser Menschen könnten auf unserem Zettel stehen; auch ihnen könnten wir fünf Minuten unserer Zeit widmen, in denen wir an sie denken und Dankbarkeit dafür empfinden, dass es sie gibt.

Was geschieht in diesen fünf Minuten? 
Mehr, als eine Predigt ausmalen kann.
Wer an einen Menschen denkt, vergegenwärtigt ihn sich. Es ist, als wäre er da, in seiner Nähe. So steht er vor dem geistigen Auge als der, der er oder sie ist: mit Stärken und Schwächen, mit dem, was man ihr oder ihm geschenkt hat und was man schuldig geblieben ist.
Und indem man betet, stehen beide, der andere Mensch und man selbst, vor Gott. Dabei bewirkt das Gebet, dass man den anderen mit Gottes Augen sieht - Augen, die liebevoll, barmherzig und voller Vergebung sind. Da kann man nicht anders, da muss man selbst über seinen Schatten springen: da entdeckt man das Liebenswerte am anderen; da empfindet man Mitleid mit dem anderen; da vergibt man dem anderen.

V
3. Es gibt noch eine dritte Überraschung in dem Satz aus der Epistel: "Ich möchte, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Dankgebet für alle Menschen". Die dritte und vielleicht größte Überraschung ist, dass unser Gebet allen Menschen gelten soll. Die Epistel nennt als besonders extremes Beispiel die Regierenden und Beamten. Wir verstehen heute nicht mehr, was daran extrem sein soll. Die Bundeskanzlerin würde sich sicher freuen, wenn wir für sie beteten, und uns würde es nichts ausmachen - selbst, wenn wir politisch vielleicht nicht auf einer Wellenlänge sind. Aber als die Epistel geschrieben wurde, da litten Christen unter den Regierenden und Beamten: Sie ordneten brutale Verfolgungen gegen die Christen an, die nicht selten mit einem entsetzlich grausamen Tod endeten. Regierende und Beamte waren damals Todfeinde der Christen. Was die Aufforderung, für diese Leute zu beten, bedeutet, kann man sich vielleicht am besten vorstellen, wenn man sich ausmalt, wie die Aufforderung der Epistel wohl zu DDR-Zeiten gelautet hätte: „ich möchte, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, sogar für den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und für den Minister Erich Mielke".
Spätestens jetzt wird deutlich, wie groß die Zumutung ist, für alle Menschen beten zu sollen, und welcher Sprengstoff in der gleichlautenden Aufforderung Jesu steckt, seine Feinde zu lieben und für die zu bitten, die einen hassen und verfolgen.

VI
Warum sollte man sich das antun?
Warum sollte man für Leute beten, die das nicht verdienen? Für gemeine Halunken, Schweinehunde, Verbrecher?

Eben darum.
Eben weil wir manche Menschen nur noch als Halunken, Schweinehunde, Verbrecher sehen und bezeichnen und dabei vergessen, dass auch sie, trotz allem, Menschen sind. Gott mutet uns zu, dass wir auch in diesen Unmenschen das Menschliche suchen und entdecken und keinem Menschen das Menschsein absprechen, so unmenschlich er auch sein mag. Denn auch wir bleiben in Gottes Augen immer Menschen, ja, seine geliebten Töchter und Söhne, ganz gleich, was wir getan haben und ganz gleich, was andere oder wir selbst uns nicht vergeben können.
Das Gebet für alle Menschen kostet Überwindung. Auch deshalb ist Beten Arbeit. Eine Arbeit, die uns selbst zugute kommt. Denn erst, wer seinem Feind zugestehen kann, trotz allem ein Mensch und ein Kind Gottes zu sein, kann aus vollem Herzen glauben und annehmen, dass Gott auch ihn selbst als sein geliebtes Kind ansieht und haben will.
Vergebung erfährt nur, wer versucht, anderen zu vergeben. Darum beten wir im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“.

VII
Beten ist Arbeit. Am Ende eines langen Arbeitstages, am Sonntag, am Tag der Arbeit zumal, möchte man einmal nicht arbeiten müssen und auch nicht daran erinnert werden. Aber die fünf Minuten, die wir uns Zeit nehmen, um in Fürbitte und Dank an andere zu denken, sind nicht vertan. Sie kommen ihnen wie uns zugute, indem sie uns verändern. Und gemeinsam werden wir, durch das Gebet verändert, die Welt verändern. Als Betende sind wir Christen Salz der Erde, weil wir der Unmenschlichkeit die Menschlichkeit entgegenhalten, der Unbarmherzigkeit die Barmherzigkeit, der Berechnung die Vergebung.
Darum lassen Sie uns an die Arbeit gehen, gerade heute, am Sonntag, der auch der Tag der Arbeit ist! Dazu brauchen wir nicht die Ärmel hochzukrempeln - im Gegenteil: Wir Christen verändern die Welt, indem wir die Hände falten und in den Schoß legen!
Amen.

Freitag, 1. April 2016

Aufs Sehen verzichten

Predigt am Sonntag Quasimodogeniti, 3. April 2016, über 1.Petrus 1,3-9:

Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns wegen seiner großen Barmherzigkeit wieder gezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen, reinen und unverwelklichen Heilsbesitz, für euch im Himmel aufbewahrt, die ihr durch Gottes Macht bewahrt seid durch den Glauben zur Rettung, die bereitet ist, um zur letzten Zeit offenbart zu werden. In ihr jubelt ihr, die ihr jetzt ein wenig, wenn es sein soll, durch mannigfache Prüfungen betrübt werdet, damit die Echtheit eures Glaubens, die viel wertvoller ist als das vergängliche Gold, das doch durchs Feuer geprüft wird, erwiesen wird zu Lobpreis und Ruhm und Ehre bei der Offenbarung Jesu Christi. Ihn liebt ihr, obwohl ihr ihn nicht seht, an ihn glaubt ihr, ohne ihn jetzt zu sehen, doch jubelnd mit unaussprechlicher verklärter Freude, weil ihr das Ziel eures Glaubens erreicht, die Rettung eures Lebens.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

von Cat Stevens, der sich heute Yusuf Islam nennt, gibt es ein Lied, in dem er davon singt, was wäre, wenn er dies oder das nicht mehr könnte. "Moon shadow" heißt es auf Englisch. Er singt darin z.B.: "Sollte ich jemals meine Beine verlieren, würde ich weder klagen noch betteln, denn sollte ich jemals meine Beine verlieren, müsste ich nie wieder laufen. Und sollte ich jemals meinen Mund verlieren, meine Zähne oben und unten ausfallen, ja, sollte ich jemals meinen Mund verlieren, müsste ich nie wieder etwas sagen".

Ich weiß nicht, ob wir den Verlust einer Fähigkeit oder eines Körperteils so locker verkrafteten, wie Cat Stevens es in seinem Lied zu tun scheint. Vielleicht meint er es auch nicht ganz so ernst, und wahrscheinlich würde es ihm ziemlich viel ausmachen, wenn er nicht mehr laufen oder singen könnte. Aber bedenkenswert ist seine Anregung doch, nicht nur zu beklagen, was man verliert, sondern auch wahrzunehmen, was nun nicht mehr nötig ist oder was man vielleicht sogar gewinnt. Denn mit zunehmendem Alter büßen wir immer mehr Fähigkeiten ein. Die Ausdauer lässt nach, man kommt schneller aus der Puste als früher und hat auch keine Lust mehr, hinter einem Bus herzurennen. Man ist nicht mehr so beweglich wie man es als Jugendliche war, hört und sieht schlechter.

Den schleichenden Verlust seiner Fähigkeiten bemerkt man zum Glück kaum. Erst über einen längeren Zeitraum hinweg wird einem  bewusst, was nun nicht mehr geht, und manchmal bedauert man das. Schlimm ist es aber, wenn man plötzlich, von einem Moment zum nächsten, etwas nicht mehr kann, durch einen Unfall z.B. Davor haben viele Angst - ich auch. Meine größte Angst war immer, nicht mehr sehen zu können. Wir verlassen uns nun mal auf unsere Augen, wie ein Hund sich auf seine Nase verlässt.

II
Zu erblinden gehört für viele Menschen mit zum Schlimmsten, was man sich vorstellen kann. Die Farben, die Schönheit der Natur nicht mehr sehen zu können, sich selbst und die Menschen, die man liebt - eine schreckliche Vorstellung! Wie soll man sich zurechtfinden, wie überhaupt etwas finden oder etwas normalerweise so Einfaches schaffen, wie sich eine Tasse Kaffee einzuschenken? Wir verlassen uns so sehr auf unsere Augen, dass wir uns gar nicht vorstellen können, dass es überhaupt anders geht und dass natürlich auch ein blinder Mensch sich selbst eine Tasse Kaffee einschenken kann, ohne zu kleckern.

Wir sind Augenwesen, für die Sehen etwas Selbstverständliches ist - so selbstverständlich, dass wir nur glauben, was wir mit eigenen Augen sehen. So wie Thomas im Evangelium, so sind auch wir: wir möchten sehen und begreifen, etwas anfassen, um es im Wortsinn zu be-greifen, wie Thomas seinen Finger in die Wunde legen wollte. Wenn es sich um komplizierte oder empfindliche Dinge handelt, verbietet deshalb oft ein Schild: "Bitte nicht berühren!" Denn man würde doch zu gerne mal nur ganz kurz ein kleines bisschen mit dem Finger …

Der Glaube ist so gar nichts für uns Augenwesen, denn da gibt es nichts zu sehen. Zwar haben Künstler zu allen Zeiten sich und den Gläubigen ausgemalt, wie Jesus ausgesehen haben könnte. Haben die Geschichten der Bibel bebildert und ihren Protagonisten Gestalt und Charakter gegeben. Haben Himmel und Hölle in den schönsten oder düstersten Farben geschildert und mit Engeln oder grausamen Fabelwesen bevölkert. Aber den Glauben konnten sie mit all ihrer Kunst nicht wecken und schon gar nicht beweisen.

III
Beim Glauben versagt unser wichtigster Sinn, das Sehen. Er kann uns da überhaupt nicht helfen, ja, manchmal ist er uns richtig im Wege. Vielleicht schließt mancher deshalb beim Beten die Augen: um nicht abgelenkt zu werden von äußeren Reizen und sich ganz auf die Wirklichkeit des Glaubens zu konzentrieren.

Ich habe mal mit Jugendlichen an einem "Dialog im Dunkeln" teilgenommen. Dabei ging es darum, zu erleben, wie ein Blinder die Welt wahrnimmt. Wir bekamen einen Blindenstock in die Hand, uns wurde erklärt, wie man damit den Weg ertastet - indem man ihn nicht wie einen Stock umfasst, sondern ihn als verlängerten Zeigefinger benutzt -, dann führte uns ein Blinder durch ein stockdunkles Labyrinth von Räumen. Er "sah" den richtigen Weg, wo wir uns im Dunkeln hoffnungslos verirrt hätten. Es war so komplett dunkel, dass es keine Rolle spielte, ob man die Augen auf oder zu hatte. Doch zu meiner Überraschung konnte ich mich schon nach kurzer Zeit zurechtfinden und "sah" mit meinem Blindenstock mehr, als ich geglaubt hatte. Gehör, Gefühl und auch Geruchssinn ersetzten das fehlende Sehen.

Glaube ist kein Ersatz fürs Sehen. Er ist vielmehr ein Sinn, der aktiviert wird, wenn wir auf das Sehen verzichten. Darauf verzichten, zu beweisen, zu begreifen, sondern uns der Wirklichkeit Gottes auf andere Weise nähern. Der Wissenschaftler rümpft darüber die Nase, der moderne Mensch findet es peinlich oder primitiv. Sie ahnen nicht, was ihnen entgeht.

IV
Was bekommt denn der Glaube zu "sehen", was dem Nichtglaubenden entgeht?
Ich würde sagen: Ein glaubender Mensch steht über den Dingen. Er oder sie steht sozusagen neben sich und betrachtet sich und die Welt aus einer anderen Perspektive, mit anderen Augen. Das ist eine Erfahrung, wie ich sie beim "Dialog im Dunkeln" machen konnte. Mit einem Mal merkt man, dass man seine Umwelt auch anders "sehen" kann. Grenzen werden durchlässig, Überzeugungen geraten ins Wanken. Sätze wie "das war immer schon so", "das gehört sich so" oder "das muss nun mal so sein" werden einem plötzlich verdächtig. Man beginnt sich zu fragen, ob wirklich alles so sein und bleiben muss, wie es ist, oder ob es nicht auch anders ginge. Liebevoller. Freundlicher. Gerechter. Hoffnungsvoller.

Wenn Grenzen ins Fließen geraten und Überzeugungen wanken, beginnt man auch, die Werte und Ziele infrage zu stellen, an denen man sich bisher orientierte. Ist Geld wirklich das Wichtigste im Leben? Muss ich mir alles leisten können, muss ich alles kaufen, was es gibt? Ist unsere Art zu wirtschaften wirklich "alternativlos"? Ist unsere Freiheit tatsächlich nur um den Preis vertriebener Familien, unsere Ernährung tatsächlich nur um den Preis der Tierquälerei und der Schädigung der Umwelt, unser Wohlstand tatsächlich nur um den Preis verhungernder Kinder, zerstörter Natur, vergifteter Luft, Wasser und Erde zu haben?

Der Glaube bekommt all das Unrecht zu sehen, das in der Welt geschieht und für das wir mit verantwortlich sind, und das ist kein schöner Anblick. Der Glaube sieht aber auch die Hoffnung, dass unsere Welt noch zu retten ist; die Hoffnung, dass der Mensch gut sein kann; die Hoffnung, dass unser Leben einen Sinn hat, der darüber hinausgeht, Konsument und ein gutgläubiger Depp für die Wirtschaft zu sein. Der Glaube sieht, dass jeder Mensch schön ist und dass diese Schönheit unschätzbar und unbezahlbar ist.

V
"Ihn, Jesus Christus, liebt ihr, obwohl ihr ihn nicht seht; an ihn glaubt ihr, ohne ihn jetzt zu sehen".
Der Glaube tut das in den Augen der "vernünftigen" Menschen Verrückte und hält sich an Christus. Wie von einem Blindenstock lässt er sich von Jesus durch die Wirklichkeit führen und sieht mit geschlossenen Augen mehr als viele kluge Wissenschaftler, Politiker oder Unternehmer. Denn er sieht die Konsequenzen. Er sieht die Mitmenschen, und er sieht die Zukunft. Er sieht die Schönheit dieser Welt, ihrer Pflanzen, Tiere und Menschen, die von unserer Gier, unserem rücksichtslosen Raubbau bedroht ist. Und so öffnet er sich für die andere Wirklichkeit, die Wirklichkeit Gottes, die Liebe. 
Martin Luther hat es in seiner Schrift "Von der Freiheit eines Cristenmenschen" so beschrieben:
"Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe".
Für diese Freiheit eines Christenmenschen öffnet der Glaube uns den Sinn: Er lässt uns Gottes Liebe zu uns erkennen, und er macht uns empfänglich für die Not und die Schönheit unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe. Es ist eine ganze Welt, die uns der Glaube aufschließt; eine Wirklichkeit, von der uns Hören und Sehen vergehen. Lassen wir sie vergehen. Unser Herz wird uns sagen, was zu tun ist.
Amen.