Samstag, 8. Oktober 2016

Let's talk about Sex!

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 9. Oktober 2016, über 1.Thessalonicher 4,1-8

für Georg Renz
Ein Krokodil tief im Nil tut es,
bitte, frag' mich nicht, wie.
Nerz mit viel Herz tut es
für die Pelzindustrie.  
Von Tetuan bis Luzern tun sie's,
und ich möchte sagen:
Gern tun sie's. Tu du es:
Sei mal verliebt. 
Ein jeder Goldfisch im Glas macht es,
ein Betriebsausflug im Gras macht es.
Spaß macht es!
Sei mal verliebt! 
Quelle: http://lyrics.wikia.com/wiki/Hildegard_Knef:Sei_Mal_Verliebt_(Let's_Do_It)

Liebe Schwestern und Brüder,

tun wir's: Reden wir über Sex!

Denn darum geht es doch eigentlich in dem scheinbar harmlosen Lied, das Hildegard Knef gesungen hat. Sie singt davon, "es" zu tun, und nicht nur Männer denken dabei sofort an das Eine. 
Das macht ja den Reiz dieses Liedes aus, dass es den Gedanken an Sex provoziert und darauf zielt, aber dann ganz harmlos vom Verliebtsein singt.

Sex - dieses Wort wirkt in einer Kirche deplaziert, dazu noch von einer Kanzel! 
Auch im Alltag nehmen wir es nicht in den Mund, obwohl es uns von jeder Litfasssäule, jedem Werbespot geradezu anspringt. Denken Sie nur an die „Almased“-Werbung im Fernsehen. Da lässt man für die, die es gar nicht kapieren können oder wollen, sogar noch einen Mops durchs Bild laufen.

Sex und Kirche passen nach unserem Gefühl nicht zusammen. Und doch mischt Kirche sich fleißig in das Sexualleben ihrer Schäfchen ein - bis heute. 
Nicht nur die römisch-katholische Kirche. 
Die tut sich noch immer schwer mit Sexualität aus reiner Lust und erlaubt deshalb offiziell keine Verhütung. 
Auch in der Evangelischen Kirche ist es noch nicht überall so, dass andere Lebensgemeinschaften als die Ehe anerkannt und gesegnet werden.

Sex und Kirche - ein schwieriges Thema. 
Das war es offenbar schon in den Anfängen der Kirche. So lesen wir im Predigttext im 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher im 4. Kapitel:
1 Schließlich, liebe Geschwister, bitten und drängen wir euch im Herrn Jesus, dass ihr so lebt, wie ihr von uns gelernt habt, wie man leben und Gott gefallen soll - und so lebt ihr ja auch -, damit ihr euch immer mehr hervortut.
2 Ihr wisst ja, welche Verheißungen wir euch durch den Herrn Jesus gaben.
3 Denn das ist der Wille Gottes: Eure Heiligung, dass ihr euch von der Unzucht enthaltet,
4 und dass ihr jeder seine eigene Frau zu gewinnen wisst in Heiligung und Ehre,
5 nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen,
6 und dass man sich nicht in die Angelegenheiten seines Bruders oder seiner Schwester einmischt, und dass man ihn oder sie nicht übervorteilt, weil der Herr es denen heimzahlt, die dies tun, wie wir es euch vorhergesagt und bezeugt haben.
7 Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern zur Heiligung.
8 Wer also das verachtet, verachtet nicht einen Menschen, sondern Gott, der uns seinen Heiligen Geist gegeben hat.
(Eigene Übersetzung)
II
Man hat das Gefühl, Sex und Kirche passen nicht zusammen. 
Paulus sagt uns auch, warum. Er stellt sie in einen Gegensatz zueinander: 
Heiligung und Unreinheit.

Heiligung gehört auf die Seite der Kirche, also gehört die Unreinheit … Genau. 
Das Wort „Unzucht“ hat ja schon die selbe Vorsilbe wie die Unreinheit, dieses Un-, das ganz klar macht, dass das etwas Unmögliches, Unsittliches und Unpassendes für einen Christenmenschen ist. 
Und erst das griechische Wort, das hinter der „Unzucht“ steht: πορνεία (porneia) - da fällt einem sofort der Porno ein. Im Wörterbuch steht zu πορνεία: „jede Art von illegitimem Geschlechtsverkehr“
Diese Definition ist nicht gerade hilfreich. 
Denn was illegitim ist oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Es wird von der Gesellschaft vorgegeben, oder von einer Institution wie der Kirche. 
Bei den alten Griechen z.B. waren homosexuelle Beziehungen älterer Männer und Frauen mit Jugendlichen absolut üblich und gesellschaftlich akzeptiert. 
Aber für unsere Vorfahren galt schon Sex vor der Ehe als illegitim - obwohl er natürlich trotzdem stattfand. 
In der Regel treibt man es um so doller, je stärker nach außen hin Anstand und Sittlichkeit gewahrt werden. Und Schwule oder Lesben erst - ogottogott! 
Eine „andersartige“ sexuelle Orientierung eines Menschen - also z.B. die gleichgeschlechtliche Liebe - löst bis heute z.T. heftige Ablehung aus.

III
Warum mischt Paulus sich überhaupt in diesen intimsten Bereich eines Menschen ein? 
Was geht ihn, was geht es die Kirche an, wer mit wem Sex hat?

Das ist eine rhetorische Frage. 
Es geht ihn, es geht die Kirche gar nichts an. 
Niemand hat sich da einzumischen, wie Menschen ihre Sexualität leben - solange dies nicht gegen den Willen eines Menschen geschieht, oder wenn dieser Mensch sich nicht wehren oder nicht einwilligen kann in das, was da mit ihm geschieht. 
Bei allem, was Menschen miteinander tun können, ist Sex das, was ohne das ausdrückliche Ja beider nicht gehen kann und nicht sein darf. Wenn da ein Nein nicht beachtet wird - oder wenn gar nicht erst das Einverständnis gesucht wird -, dann muss man einschreiten. Nicht um irgendeine „Unzucht“ zu verhindern. Sondern um einem Menschen beizustehen, der sich nicht wehren kann.
Aber abgesehen von solchen schlimmen Fällen hat niemand etwas im Schlafzimmer eines anderen zu suchen.
Paulus will uns auch gar nicht vorschreiben, wie wir unsere Sexualität zu leben haben.

Natürlich ist er ein Kind seiner Zeit. 
Er teilt die Vorurteile und die Ablehung seiner jüdischen Glaubensgeschwister gegenüber der Homosexualität. 
Er teilt auch die theologische Auffassung von einer Ordnung, die Gott seiner Schöpfung gegeben hat. 
In der jüdischen Theologie ist Heiligung der Versuch, sein Leben nach dieser Ordnung Gottes - nach den Geboten - auszurichten.

Auf der anderen Seite hat Paulus einen neuen Weg entdeckt, der die Heiligung nicht mehr durch das Befolgen der Gebote erreicht. Paulus hat erkannt, dass der Versuch, sein Leben nach einer göttlichen Ordnung auszurichten, in eine Aporie führt: Man muss daran scheitern. Was den Menschen rettet, ist, sich dieses Scheitern einzugestehen und alles auf eine Karte, auf Christus, zu setzen. In der Gemeinschaft mit Christus ist man geheiligt, weil niemand heiliger als Christus sein kann. Das gibt dem Menschen die Freiheit, als Mensch zu leben, weil er nicht mehr wie Gott werden muss. 
In Christus ist er das ja schon. 

Diese Freiheit bedeutet auch, neue, andere Ordnungen auszuprobieren, oder einmal ganz „un-ordentlich“ zu sein. 
So waren in den christlichen Gemeinden die Sklaven gleichberechtigt mit den Freien, während sie in der Gesellschaft nicht als Menschen, sondern als „Dinge“ galten. 
So predigten und lehrten bei den Christen Frauen und Männer gleichberechtigt nebeneinander, während die Frau in der antiken Gesellschaft nichts zu sagen und ohne Mann keine Rechte hatte.

IV
Für die ersten Christen war das eine aufregende Entdeckung: Frei sein von den strengen Zwängen des Gesetzes, frei von den Geboten! Frei sein auch vom Staat, von den Zwängen und Regeln der Gesellschaft. Die hatten ja keine wirkliche Macht mehr über einen Christenmenschen.

Frei sein! High sein!
Ich denke, man kann sich die ersten Christinnen und Christen wie Hippies oder Punks vorstellen, wie die Stundentinnen und Studenten der 68er-Bewegung. Ihr Motto: „Make love, not war!“ hätte auch gut das Motto der ersten Christen sein können.
Im Rausch dieser Freiheit fielen manche Grenzen und Tabus - und mancher schoss dabei über das Ziel hinaus: Erkannte keine Grenzen mehr an und verachtete die „Spießer“, die Wert auf so reaktionäe Konstrukte wie „Besitz“ oder „Ehe“ legten - auch darin nicht unähnlich den späteren 68ern.

In einem anderen Brief, dem 1. Brief an die Korinther, beschäftigt sich Paulus ausführlich mit diesen „Starken“, wie sie sich selbst nennen (1.Korinther 8,7-13). Beachtlich ist dabei, dass er ihnen nicht widerspricht; er bezeichnet sich sogar als einer von ihnen und gibt ihnen recht. 
Aber er bittet sie um Rücksicht - Rücksicht auf die „Schwachen“, denen diese neue Freiheit der Christen Angst macht. 
Er bittet sie um Rücksicht, damit die Gemeinde nicht zerstört wird. Um der Gemeinschaft willen bittet er die Starken, darauf zu verzichten, ihre Freiheit voll auszuleben. Sie sollen sich selbst beschränken, damit die Gemeinde nicht auseinanderbricht.

V
Es gibt also noch ein zweites Gegensatzpaar, das Paulus in unserem Predigttext nicht explizit benennt, das aber dessen Hintergrund bildet: 
Den Gegensatz zwischen Selbstverwirklichung und Gemeinschaft, 
zwischen meinen Bedürfnissen, meinen Wünschen und denen der anderen. 
Dieser Gegensatz bildet den Hintergrund der „Unzucht“. Denn was geschieht da? 
Wer „Unzucht“ treibt, der setzt seine Bedürfnisse und Wünsche über die anderer. 
Auf diese Weise werden Menschen für Sex bezahlt oder sogar zum Sex gezwungen. 
Auf diese Weise zerbrechen Beziehungen, die auf Vertrauen, Treue und gegenseitiges Einvernehmen gegründet sind. 
Und auf diese Weise zerbricht auch eine Gemeinschaft, weil ehemalige Paare nun getrennte Wege gehen, oder weil sie ihren Beziehungskrach in die Gemeinde hinein tragen, wo die einen Partei für die eine, die anderen für die andere Seite ergreifen.

Deshalb führt Paulus auch noch ein zweites Beispiel an, das gar nichts mit Sex zu tun hat: Die Einmischung in anderer Leute Angelegenheiten, und das Über-den-Tisch-ziehen. Auch die zerstören Gemeinschaft: Wer das einmal erlebt hat, will mit dem, der einem das antat, nichts mehr zu tun haben.

VI
Paulus geht es also nicht um „Moral“, wie wir im ersten Augenblick vielleicht dachten. Ihm geht es um die Gemeinde. Darum besteht die „Heiligung“, die er meint, auch nicht im Befolgen der göttlichen Gebote. „Heiligung“, wie Paulus sie versteht, bedeutet, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse in Beziehung zu setzen - in Beziehung zur Partnerin, zum Partner, und in Beziehung zur Gemeinde.

Darauf wollen auch die Gebote Gottes hinaus. 
Auch sie setzen in Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen; auch sie stiften Gemeinschaft; auch sie führen dazu, dass man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse in Beziehung zu seinen Mitmenschen sieht und nicht mehr absolut setzt.

Es sind zwei Wege, die beide zum selben Ziel führen: 
In eine Beziehung zu Gott, die auf dem Weg über Beziehungen zu den Mitmenschen, über Gemeinschaft erreicht wird. 
Die Gebote geben dabei ein Geländer vor, an dem man sich festhalten und entlanghangeln, das manchem aber auch wie ein Käfig oder Gefängnis erscheinen kann.
Der Weg, den Paulus geht, ist der Weg der Liebe. Dieser Weg schenkt Freiheit, die man aber auch missverstehen und missbrauchen kann: Die Freiheit, die Christus uns gibt, ist nicht die Freiheit, auf unseren Mitmenschen herumzutrampeln. 

VII
Paulus warnt in seinem Brief vor der Beziehungslosigkeit, in die das egoistische Streben nach der Erfüllung nur der eigenen Wünsche und Bedürfnisse führt, das rücksichtslose Ausnutzen und Ausspähen des anderen um des eigenen Vorteils willen.
Statt dessen ermutigt er uns zur Heiligung als Leben in Beziehungen. Zu diesen Beziehungen gehört natürlich auch die schönste Nebensache der Welt.
Darum darf man auch in der Kirche mal über Sex reden.
Amen.

Samstag, 1. Oktober 2016

Investieren Sie in Früchte der Gerechtigkeit!

Predigt am Erntedanktag, 2. Oktober 2016, über 2.Korinther 9,6-15:

6 Ich bin folgender Meinung: Wer spärlich sät, wird spärlich ernten, und wer mit vollen Händen sät, wird mit vollen Händen ernten.
7 Jeder, wie er es sich vorgenommen hat, bloß nicht aus Unlust oder gezwungen, denn einen fröhlichen Geber liebt Gott.
8 Gott aber kann euch in jeder Weise reichlich beschenken, damit ihr, weil ihr in allem immer volles Auskommen habt, Überfluss habt für jedes gute Werk,
9 wie geschrieben steht (Psalm 112,9):
„Er hat ausgestreut, er gab den Armen,
seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit“.
10 Der aber dem Sämann Samen gibt und Brot zur Nahrung, der wird euch Samen geben und ihn vermehren und die Frucht eurer Gerechtigkeit wachsen lassen.
11 Ihr seid in jeder Hinsicht reich gemacht für den Erweis schlichter Güte, die durch uns Dankbarkeit Gott gegenüber bewirkt.
12 Denn der Dienst dieser Kollekte hilft nicht nur den Nöten der Gemeinde in Jerusalem ab, sondern wirkt auch überreich dadurch, dass viele Gott danken werden.
13 Weil sie sich auf eure Kollekte verlassen können, loben sie Gott für den Gehorsam, mit dem ihr euch zum Evangelium von Christus bekennt, und für die Aufrichtigkeit der Gemeinschaft zu ihnen und zu allen,
14 und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der außerordentlichen Gnade Gottes bei euch.
15 Dank sei Gott für sein unbeschreibliches Geschenk.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt etwas an Kirche, das gewaltig nervt und das immer wieder für Unsicherheit oder sogar Unmut sorgt: Die Kollekte.
Da kommt man schon in den Gottesdienst, zahlt vielleicht sogar Kirchensteuer, und dann soll man am Ausgang auch noch etwas geben!
Wenn man von vornherein wüsste, dass der Gottesdienst Eintritt kostet, dann würde man ja gar nicht erst kommen. Aber einem am Ausgang den leeren Teller unter die Nase zu halten - das ist ganz schön unverschämt!

I
Ich weiß, dass Sie nicht so denken. Ich habe die Reaktionen, die ich schon am Ausgang erlebt habe, etwas überspitzt und übertrieben. Doch möglicherweise haben Sie sich ja auch schon gefragt, warum in jedem Gottesdienst eine Kollekte gesammelt wird, die zudem meistens nicht für die eigene Gemeinde, sondern für andere Gemeinden oder Einrichtungen bestimmt ist. Oft sagen einem diese Einrichtungen gar nichts, und man fragt sich, warum man denen sein Geld geben soll.

Falls Sie sich so etwas schon einmal gefragt haben, sind Sie in guter Gesellschaft: Die Korinther, an die Paulus schreibt, wissen auch nicht, was das soll mit dieser Kollekte. Paulus bittet sie um Geld für die Jerusalemer Gemeinde - für die Urgemeinde also, die allerersten Christen, die deshalb auch die „Heiligen“ genannt werden. Offenbar haben die „Heiligen“ finanzielle Schwierigkeiten. In Jerusalem fehlen ihnen wohl die Mittel, sich über Wasser zu halten, während die Christen in der reichen Handelsstadt Korinth - unter ihnen Kaufleute wie die Purpurhändlerin Lydia - keine finanziellen Sorgen haben. Trotzdem trennen sie sich nicht gern von ihrem Geld - sonst müsste Paulus wohl nicht so ausführlich für die Kollekte werben, die er persönlich der Jerusalemer Gemeinde überbringen will.
Vielleicht sehen sie nicht ein, schon wieder Geld zu schicken, nachdem sie schon einige Male gespendet haben.
Vielleicht fragen sie sich, was diese Kollekte überhaupt soll.
Vielleicht sind sie der Meinung, jede Gemeinde sollte für sich selbst sorgen können; wer dazu nicht in der Lage ist, der hat eben Pech gehabt.
Vielleicht sind sie auch sauer, weil sie sich von Paulus genötigt fühlen, etwas zu geben; lieber würden sie das Geld für die eigene Gemeinde verwenden - es gibt ja immer etwas zu bauen und zu reparieren und anzuschaffen …

II
Paulus gibt sich große Mühe, sein Anliegen der Kollekte den Korinthern verständlich zu machen.
Ich finde, es lohnt sich, seinen Argumenten zu folgen - vielleicht verstehen wir dann besser, warum wir bis heute eine Kollekte im Gottesdienst einsammeln.

Also:
Paulus beginnt mit einem Vergleich, der unmittelbar einleuchtet:
Wenn jemand etwas aussäen will, und er spart beim Saatgut, dann werden nur wenige Pflanzen wachsen, entsprechend mager wird die Ernte ausfallen.
Wer dagegen beim Säen aus dem Vollen schöpfen kann, der wird auch eine große Ernte einfahren, denn viele Pflanzen bringen nun einmal einen größeren Ertrag als wenige.
So weit, so logisch. Aber was hat das mit der Kollekte zu tun?

Schon damals ließ man Geld für sich arbeiten. Man verlieh es gegen Zinsen, wie es heute die Banken tun, und freute sich, wenn es sich vermehrte. Insofern ist Geld durchaus mit dem Samen vergleichbar, und auch hier gilt: Wer viel anlegt, wird einen größeren Gewinn haben als der, der knausert.
Aber wie kann eine Kollekte eine Geldanlage sein? Man gibt doch Geld weg - und bekommt es nicht wieder; das Geld wird nicht mehr, sondern verschwindet!

Warten wir mal ab, wie Paulus weiter argumentiert; vielleicht erhalten wir eine Antwort auf diese Frage.

Zunächst bewegt Paulus ein anderer Gedanke: Wenn man etwas gibt, meint er, soll man es nicht lustlos tun, und auch nicht gezwungen. Paulus möchte bei der Kollekte also sicher gehen, dass sie aus innerer Überzeugung gegeben wird, gern und freudig. Warum ist ihm das so wichtig? Er kann doch froh sein, wenn er überhaupt Geld bekommt, warum muss er auch noch verlangen, dass man das Geld freiwillig gibt, und aus Überzeugung? - Offensichtlich hat Paulus keine Angst davor, mit leeren Händen oder einem peinlich kleinen Betrag vor der Jerusalemer Gemeinde zu stehen. Wichtiger ist ihm, dass die Gemeinde in Korinth begreift, was die Kollekte bedeutet. Er möchte das Denken der Korinther ändern und sie auf diese Weise dazu bringen, gern zu geben.

III
Das für die Korinther - und wohl auch für uns - Neue ist, dass Paulus davon ausgeht, dass die Korinther von Gott beschenkt sind. Das Geld, das sie so reichlich haben, und von dem sie - wie wir - glauben, sie hätten es sich verdient: dieses Geld wurde ihnen von Gott geschenkt.
Wie kann das sein? Jede und jeder von uns, der berufstätig war oder ist, weiß, dass das Geld vom Arbeitgeber kommt. Auf dem monatlichen Gehaltszettel steht‘s drauf. Man bekommt dieses Geld, weil man ehrlich und sauer dafür gearbeitet hat. Man hat es verdient - und man hat es sich verdient. Davon zu sprechen, dass Gott einem dieses Geld geschenkt hätte, klingt fast zynisch, so, als wollte sich da einer mit fremden Federn schmücken.

Andererseits ist es nicht selbstverständlich, dass wir Arbeit haben. Es gibt viele Menschen, die keinen Job finden; die durch eine Krankheit erwerbsunfähig wurden; die zu wenig bekommen, um davon leben zu können. Es ist nicht, oder zumindest nicht nur, unser Verdienst, dass wir einen Beruf erlernen konnten, eine Stelle fanden, die uns und unsere Familien ernährt, und dass wir gesund geblieben sind. Es hätte auch ganz anders kommen können, und es könnte jederzeit anders kommen.

Deshalb feiern wir ja heute auch Erntedank: Weil es auch nicht selbstverständlich ist, dass wir in einem reichen Land leben, das genug preiswertes Essen für alle produziert. Dass es immer noch genug Jugendliche gibt, die den anstrengenden und unsicheren Beruf des Landwirts ergreifen; dass dank der Imker immer noch Bienen fliegen und unsere Obstbäume bestäuben; dass Eltern und Großeltern im Garten ackern, einmachen und einkochen, damit wir Marmelade, Kompott und Gemüse aus dem Garten essen können.

IV
Paulus möchte das Denken der Korinther und unser Denken verändern. Er möchte, dass wir nicht mehr denken:
Das habe ich geschafft!
Das habe ich verdient!
Das steht mir zu!,
sondern dass wir denken:
Das hat Gott mir geschenkt.
Das habe ich nicht mehr verdient als andere.
Anderen steht das selbe zu wie mir.

Paulus möchte aber nicht nur, dass wir unseren Verdienst nicht als eigenen Verdienst ansehen, er möchte noch mehr:
Er möchte, dass wir lernen, auf Gott zu vertrauen.
Dabei beruft er sich auf das Evangelium von Christus, der gesagt hat (Matthäus 6,25.32-33):
„Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet … Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“.

Damit ist nun nicht gemeint, dass man einfach so in den Tag hinein leben soll. Jesus - und auch Paulus - wissen nur zu gut: Von nichts kommt nichts.
Beide haben ein Handwerk gelernt - Jesus Zimmermann, Paulus Zeltmacher. Paulus legt zudem Wert darauf, dass er immer selbst für seinen Lebensunterhalt aufgekommen ist und sich nicht von den Gemeinden bezahlen ließ.

Man muss also für seinen Lebensunterhalt arbeiten, das ist unbestritten.
Die Frage ist aber, wie man seinen Gewinn investiert. Wenn man Geld so vermehren kann wie Pflanzensamen, indem man es anlegt: Wie soll man es am besten anlegen? So, dass es möglichst viele Zinsen bringt, damit man immer mehr davon hat, immer reicher wird? Oder so, dass es andere Früchte trägt - Paulus nennt sie „Früchte der Gerechtigkeit“. Das sind Früchte, die nicht mir selbst zugute kommen, sondern anderen helfen, das selbe zu haben wie ich - also auch genug zu essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, einen Arbeitsplatz, Frieden, Schulbildung und eine Zukunft für die Kinder …

V
Ich denke, jetzt verstehen wir, was die Kollekte ist:
Sie ist eine Investition, eine Geldanlage.
Sie bringt nicht mir Gewinn und Zinsen, sondern den Menschen, für die sie bestimmt ist. Insofern ist sie eine Investition in die Zukunft - in die Zukunft dieser Menschen.
Ich persönlich habe nichts davon - diese Menschen erfahren ja nicht einmal, dass das Geld von mir kam.
Und trotzdem ernte ich etwas: ich ernte „Früchte der Gerechtigkeit“.
Davon kann ich mir nichts kaufen. Aber vielleicht meine Kinder und Enkel.
Denn die „Früchte der Gerechtigkeit“ machen unsere Welt menschlicher, weil sie Menschenleben retten oder ermöglichen.
Sie machen sie heil, weil sie Ungerechtigkeiten heilen.
Sie machen sie schön, weil dadurch Menschen glücklich werden.
Ich glaube, diese Investition kann man mit keinem Geld der Welt aufwiegen.

Jetzt ist eigentlich alles zur Kollekte gesagt und bedacht.

Aber Paulus ist noch nicht fertig. Er dreht noch eine letzte gedankliche Kurve, er sagt: die Kollekte bewirkt Dank. Dieser Dank gilt nicht denen, die sie gegeben haben, sondern Gott. Und zwar Gott nicht deshalb, weil Geld zu Leuten kam, die es benötigten - diese Leute wissen ja, von wem es kam: Von den Korinthern, aus ihrem Vermögen, von ihrer Hände Arbeit.

Nein, der Dank gilt Gott deshalb, weil er die Korinther so reich beschenkt hat, dass sie von sich aus etwas von ihrem Besitz abgeben. Die Kollekte ist also ein Zeichen ihres Gottvertrauens, ihres Glaubens: Er ist so groß, dass sie ihr Geld nicht kleinlich einteilen, nicht geizig zurückhalten, sondern großzügig von dem abgeben, was sie haben.

Diese letzte Gedankenbogen des Paulus ist ungemein wichtig.
Denn die Kollekte ist keine moralische Verpflichtung - deshalb betont Paulus auch, dass sie aus freien Stücken und fröhlich gegeben werden soll.
Sie ist vielmehr ein direkter Ausfluss des Glaubens:
Nur, wer sich so bei Gott geborgen und von Gott getragen weiß,
nur wer Gott so dankbar ist für das, was er hat,
nur der kann aus vollem Herzen und mit vollen Händen geben.

Die Kollekte am Ausgang ist keine heimliche zweite Kirchensteuer.
Sie ist die Gelegenheit, unseren Glauben zu überprüfen:
Sind wir dankbar?
Fühlen wir unsere Sorgen bei Gott aufgehoben?
Vertrauen wir Gott?

So, wie wir für uns diese Fragen beantworten können, so sollten wir geben.

Amen.

Sonntag, 25. September 2016

Einander aufbauen

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis, 25. September 2016, über Römer 14,17-19

Liebe Schwestern und Brüder,

als Jubelkonfirmandinnen und -konfirmanden blicken Sie heute zurück. Sie blicken zurück auf Ihre Konfirmandenzeit vor 25 Jahren, 50 Jahren, 60, 65 oder sogar 70 Jahren. Dabei blicken Sie auch zurück auf Ihr Familien- und Berufsleben; auf das, was Sie in Ihrem Leben erreicht haben:
Sie haben eine Partnerin, einen Partner. Sie haben Kinder, Enkelkinder, vielleicht sogar Urenkel.
Sie haben eine Wohnung, ein Haus. Sie haben sich etwas aufgebaut. Das war zu DDR-Zeiten nicht leicht. Nach der Wende wurde es nicht wesentlich leichter: Es gab jetzt zwar all das, was vorher nicht oder nur mit Beziehungen zu bekommen war, aber man musste es ja auch bezahlen …
Sie haben sich etwas aufgebaut, und Sie haben dafür gearbeitet. Haben mit eigener Kraft und mit der Hilfe von Familie, Freunden, Nachbarn Ihr Heim renoviert oder ein neues gebaut.
Heute blicken Sie zurück auf das Erreichte, dankbar und vielleicht auch ein bisschen stolz. Das können Sie auch sein. Sie dürfen stolz sein auf sich und auf das, was Sie geleistet und erreicht haben.

Wenn man so zurückblickt, denkt man unwillkürlich auch an die, die heute fehlen: 
Die man aus den Augen verlor. 
Die fortgegangen sind, um anderswo ihr Glück zu suchen. 
Die, von denen man sich im Streit trennte. 
Die, von denen man durch den Tod getrennt wurde. 
Die, die es nicht geschafft haben.

So ein Rückblick offenbart die Fehlstellen, auch die im eigenen Leben. Nicht jeder hat seine Träume und Ziele verwirklichen können. Nicht jeder hat es zu etwas gebracht. Nicht jeder Lebenslauf verlief kerzengerade auf das Ziel zu. Nicht jeder kann heute dankbar und zufrieden auf sein Leben zurückschauen.
In diese zwiespältige Situation des Rückblicks hinein spricht der Predigttext aus dem Römerbrief im 14. Kapitel:
17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.
18 Wer damit Christus dient, gefällt Gott und ist bei den Menschen angesehen.
19 Also wollen wir nach dem trachten, was dem Frieden dient und der gegenseitigen Erbauung.
II
„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken“.
Das Reich Gottes - da war doch was‽
An vielen Stellen des Neuen Testaments ist davon die Rede. Jesus führt es ständig im Mund. Doch an keiner Stelle wird gesagt, was das eigentlich genau ist, das Reich Gottes. So wird es zu einem Sehnsuchtsort. Es gibt unseren Träumen nach einer anderen, neuen, besseren Welt einen Namen. - Träume, die auch im Sozialismus geträumt wurden, zu denen man schon in der Schule immer wieder ermutigt und angehalten wurde: Träume vom Weltfrieden. Von Gerechtigkeit für die Völker, vor allem der sog. „Dritten Welt“, von internationaler Solidarität. Träume von Lebensfreude nicht nur für die Wenigen, die viel besitzen, sondern für alle, weil allen alles gehört.

Aber gerade der real existierende Sozialismus, der diese Träume weckte und schürte, scheiterte kläglich an ihrer Verwirklichung. Scheiterte auch dadurch, dass er die Träume vorschreiben wollte: Materialistisch sollten sie sein, die Träume. Die bessere Welt, sie sollte durch Arbeit und Maschinen kommen. Da war kein Platz für Poesie. Für die kleinen und großen Verrücktheiten des Lebens. Für das aus dem Rahmen Fallen, für die Freiheiten, die man sich nimmt, weil man sie braucht - vor allem die Freiheit, anders zu sein, nicht im Gleichschritt zu marschieren.

Darum verstehen wir sofort, was Paulus meint: Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken - das Reich Gottes ist nicht materialistisch. Es ist idealistisch. Friede, Gerechtigkeit und Glück kommen nicht durch Arbeit und Maschinen. Sie sind ein Geschenk, das man sich nicht verdienen kann.
Wann haben Sie zuletzt davon geträumt?
Und, wenn Sie davon träumten, war es der Weltfrieden, von dem Sie träumten, oder war es vielmehr Ihr Frieden, Gerechtigkeit für Sie selbst, Ihr kleines, stilles Glück?

III
Die Erfahrung des Lebens im real existierenden Sozialismus konnte einem das Träumen austreiben. Oder man träumte vom Westen und „machte rüber“, wenn man konnte. Aber auch im Westen waren die Träume materialistisch. Dort drehte sich alles ums Kaufen und Konsumieren - ein Traum, den man hier nach der Wende schnell nachholte, wenn man konnte.

Was ist aus den anderen Träumen geworden? Aus der früher so oft beschworenen Solidarität? Dem Weltfrieden? Der Völkerfreundschaft? Sind diese Träume, weil sie mit dem Sozialismus untergingen, falsch gewesen?

Paulus erinnert die Römer daran, dass sie über dem Streit über das Essen und Trinken - was darf man essen und was nicht, dürfen Christen Fleisch essen, wie muss man das Abendmahl feiern? - dass sie über dem Streit über so vergleichsweise äußerliche Dinge das Wesentliche vergessen: Das, was Gemeinschaft schafft. Das, was Gemeinde baut.

Diese Erinnerung des Paulus gilt auch uns. Heute streiten wir uns in der Gemeinde fast gar nicht mehr ums Essen. Wir streiten vielmehr fast gar nicht mehr. Weil wir uns nicht mehr als Gemeinde verstehen. Jede und jeder lebt sein und ihr Christsein für sich allein im stillen Kämmerlein. Essen und Trinken, Haus und Garten, die Familie sind so viel wichtiger als alle Träume von einer besseren Welt, die wir einmal träumten vor langer Zeit.

IV
Viele von Ihnen haben gebaut - das Elternhaus renoviert oder ein neues Haus gebaut. Wir alle haben geschafft und dadurch etwas erreicht für uns und unsere Familien. Darauf können wir stolz sein. Und darauf sollen wir auch stolz sein. 
Nur haben wir bei dem „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ eine andere, wichtige Baustelle völlig vergessen. Wir vergaßen, nach der „gegenseitigen Erbauung“ zu trachten, wie Paulus das nennt. Da steht tatsächlich „Erbauung“, auf Griechisch οἰκοδομή, Hausbau. Im Griechischen benutzt man dieses Wort, wenn man ein Haus oder etwas ähnliches erbaut - und wenn man davon spricht, dass einen etwas, oder jemand, aufbaut, genau wie im Deutschen. Paulus meint also, wir sollten uns gegenseitig aufbauen - so, wie wir unser Häusle bauen. Im Hinterkopf hat er dabei ein Bild von der Gemeinde, die er sich wie ein Haus vorstellt. 

Die Gemeinde, ein Haus aus vielen Menschen. 
Jede und jeder von uns ist ein Stein in diesem Haus. Deshalb darf auch niemand fehlen, sonst wackelt der Bau oder stürzt sogar zusammen. Niemand ist wichtiger als die anderen, und niemand ist unwichtig, niemand ist nur Dekoration. Alle zusammen bilden wir das Haus der Gemeinde, aufgebaut auf dem einen Stein, der Fundament und Eckstein des Baus ist: Christus.

Dieses Bild vom Haus der Gemeinde, das Paulus im Hinterkopf hat, ist auch so einer von diesen Träumen, die nicht mehr geträumt werden. Denn wenn uns Paulus heute fragte, wie wir es halten mit der gegenseitigen Erbauung - wir wüssten wohl nichts zu antworten. Statt uns gegenseitig zu ermutigen und aufzubauen, beneiden wir uns um das, was der andere hat. Statt uns mit dem anderen zu freuen, gönnen wir ihm nicht sein bisschen Glück. Statt alte Feinschaften zu beenden, bleiben wir misstrauisch, skeptisch und unversöhnlich.

V
„Wer mit Gerechtigkeit, Friede und Freude Christus dient, gefällt Gott und ist bei den Menschen angesehen“.
Wir wissen es besser als Paulus, der Träumer: Bei den Menschen zählen nicht Gerechtigkeit, Friede und Freude, im Gegenteil: wer davon spricht, wer danach strebt, macht sich eher lächerlich. Was allein zählt, ist Leistung. Sind Ergebnisse - gute, vorzeigbare Ergebnisse. Sind materielle Werte: Haus, Auto, ein gepflegter Garten, ein gepflegtes Äußeres.

Erinnern Sie sich an die Wende?
Wenn „Graf Rotze im Benz“ (Wolf Biermann, Dideldumm!) aus dem Westen herangebraust kam, wurde er bestaunt, ein wenig beneidet auch. Aber er wurde auch durchschaut als der Unsympath, der er war. Dieses ganze Wiedervereinigungsgetue war bloß Fassade. Er war nicht wegen seiner „Brüder“ und „Schwestern“ in den Osten gekommen, die er schon zu Mauerzeiten hätte besuchen können. Er war gekommen, um Schnäppchen zu machen und ein paar doofe Ossis über den Tisch zu ziehen.

Damals, zur Wende, verschaffte man sich dadurch Respekt und Ansehen, dass man nicht mitgelaufen, sondern sich selbst treu geblieben war. Dass man sich für andere eingesetzt und seine Träume und Ideale nicht aufgegeben hatte. Doch als die Stasi verjagt und die Stasiakten gesichert waren, als die D-Mark kam und mit ihr die schöne, bunte Warenwelt, wurden solche Leute nicht mehr gebraucht. Die neue, noch ungewohnte Ordnung beanspruchte nun alle Kräfte. Man konnte und man musste jetzt etwas Neues aufbauen. Da blieb keine Zeit mehr für zwischenmenschliche Wärme, keine Zeit für Träume.

VI
Viel Zeit ist seitdem vergangen.
Sie, die Silbernen Konfirmanden, blicken auf diese Zeit zurück: Es war die Ihre; Sie wurden kurz nach der Wende konfirmiert.
Sie, die Goldenen Konfirmanden, haben beides je zur Hälfte erlebt, die alte DDR und die neue BRD. Sie haben besonders die Mühen des Übergangs tragen und ertragen müssen: Die Abbrüche, Ungewissheiten, Neuanfänge und Enttäuschungen.
Sie, die noch Älteren, haben noch so viel real existierenden Sozialismus in den Knochen, dass es Ihnen für den Rest Ihres Lebens reicht. Sie können aber vielleicht auch besser als wir anderen ermessen, was gewonnen wurde - und was verloren ging.

Paulus erinnert die Gemeinde in Rom daran, dass es nicht auf das Materielle ankommt, sondern auf das, wovon Menschen zu allen Zeiten und immer wieder träumen:
Frieden - nicht nur der private Friede in den eigenen vier Wänden, in der eigenen Familie, sondern Frieden auf der ganzen Welt.
Gerechtigkeit - nicht nur, dass ich bekomme, was mir zusteht, sondern dass allen Menschen Gerechtigkeit zuteil wird; ganz besonders den Schwachen, die sich nicht wehren können, die keine Lobby haben.
Freude im Heiligen Geist. Das ist eine andere Freude als die, die man beim Fernsehen oder Computerspielen erlebt, durch Alkohol oder im Urlaub. Freude im Heiligen Geist erlebt man, wenn man anderen Menschen ohne Angst und schlechtes Gewissen begegnen kann. Wenn man sich willkommen fühlt und willkommen ist. Wenn andere sich über einen und mit einem freuen können. Freude im Heiligen Geist erlebt man, wenn es gut geht, in der Gemeinde.

VII
Sie, liebe Jubelkonfirmandinnen und -konfirmanden, und wir, Sie und wir haben etwas geschafft in Ihrem und unserem Leben, und wir schaffen noch.
Lassen Sie uns bei unserem emsigen Bemühen um unsere Zukunft und die unserer Kinder die andere Baustelle nicht vergessen, auf der wir so dringend gebraucht werden: Die Gemeinde.
Lassen Sie uns nicht vergessen, dass nicht nur unser Haus, sondern auch unser Mitmensch aufgebaut werden muss.
Und lassen Sie uns die Träume nicht vergessen, die wir einmal träumten: Die Träume von Frieden, von Gerechtigkeit, von Freude für alle Menschen. 
Hier, in der Gemeinde, ist der Ort für solche Träume. 
Hier träumen wir sie gemeinsam, und hier erleben wir immer wieder, dass etwas davon Wirklichkeit wird.
Amen.

Samstag, 17. September 2016

Lippenbekenntnis

Predigt zur Jubelkonfirmation am 17. Sonntag nach Trinitatis, 18. September 2016, über Römer 10,9-17:

9 Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckte, wirst du gerettet.
10 Denn mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber bekennt man zur Rettung.
11 Denn die Schrift sagt (Jesaja 28,16):
„Keiner, der an ihn glaubt, wird zuschanden werden“.
12 Denn es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Es ist ein Herr über alle, der seinen Reichtum allen abgibt, die ihn anrufen.
13 Denn „jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden“ (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie nun anrufen,
an den sie nicht glauben?
Wie sollen sie aber glauben,
von dem sie nichts gehört haben?
Wie sollen sie aber hören ohne Verkündigung?
15 Wie sollen sie aber verkündigen,
wenn sie nicht gesandt sind?
Wie geschrieben steht (Jesaja 52,7):
„Wie rechtzeitig haben sich die Freudenboten eingestellt, die das Gute verkündigen!“.
16 Aber nicht alle gehorchen dem Evangelium. Jesaja sagt deshalb (Jesaja 53,1): „Herr, wer wird unserer Predigt glauben?“.
17 Also kommt der Glaube aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

wie viele Predigten haben Sie wohl schon gehört in Ihrem Leben?
Sie gehören größtenteils zu den Konfirmandinnen und Konfirmanden, die noch jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen mussten. Also haben Sie allein in Ihrer Konfirmandenzeit wohl an die 100 Predigten gehört.
Und - hat es etwas genutzt?

I
„Der Glaube kommt aus der Predigt“, sagt Paulus.
Aber er verrät nicht, wie er da herauskommen soll.
Als ich Konfirmand war, hatte ich einen lieben, herzensguten Pfarrer, der leider überhaupt nicht predigen konnte. Jedenfalls gelang es mir nicht, einen Sinn oder roten Faden in seinen Worten zu entdecken.
Vielen von Ihnen wird es als Konfirmandinnen und Konfirmanden ähnlich gegangen sein:
Was der Pfarrer auf der Kanzel erzählte, wird Sie selten interessiert und noch seltener angesprochen haben.

Ich denke inzwischen, dass das Konfirmandenalter noch nicht das Alter ist, in dem man Predigten hören kann und will. Man fängt gerade erst an, eigene Schritte ins Leben zu gehen, sich aus der Obhut von Mutter und Vater zu lösen und eigene Erfahrungen und Fehler zu machen. Da will man sich doch nicht ausgerechnet vom Pfarrer etwas sagen lassen!
Und dann die Fragen, mit denen die Predigt sich befasst! Fragen wie die nach Schuld und Vergebung, nach dem Sinn des Lebens und nach dem Tod - Fragen, die Jugendliche noch nicht interessieren.
Schlimme Erlebnisse, Enttäuschungen, der Verlust eines Menschen, den man liebte, falsche Entscheidungen oder Verletzungen sind ihnen hoffentlich noch nicht begegnet und werden, wenn es gut geht, noch eine Weile auf sich warten lassen. Sie bleiben zwar niemandem erspart. Aber die Jugend ist doch meist eine Zeit, in der man unbeschwert das Leben probieren kann und sich noch keine Sorgen und Gedanken machen muss.

II
Wenn der Glaube, wie Paulus schreibt, aus der Predigt kommt, die Jugend aber eine Lebensphase ist, die sich für die Fragen des Glaubens noch nicht interessiert - was soll dann der Konfirmandenunterricht? Er fällt ja genau in die Phase der Abnabelung vom Elternhaus; er kommt zur falschen Zeit, in einer Lebensphase, in der sich niemand für den Glauben interessiert. Also ist es sinnlose, vertane Zeit.
Haben Sie Ihren Konfirmandenunterricht so erlebt?
Empfinden Sie ihn als vertane, sinnlose Zeit?

Wenn man ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden fragt, welche Erfahrungen sie mit dem Konfirmandenunterricht gemacht haben, fällt den meisten als erstes das Auswendiglernen ein: Lieder aus dem Gesangbuch und das Glaubensbekenntnis, den 23. Psalm und die 10 Gebote mit Erklärungen musste man auswendig können. An zweiter Stelle stehen die Marotten und Schrullen des Pfarrers - und in neuerer Zeit auch der Pfarrerin. Und dann vielleicht die Erinnerung an einen schönen Ausflug, eine gemeinsame Fahrt, eine Konfirmandenrüste.

Alle ehemaligen Konfirmandinnen und Konfirmanden, die ich bisher fragte - mich selbst eingeschlossen - haben ihre Konfirmandenzeit in guter Erinnerung. Trotz Auswendiglernen. Trotz - oder gerade wegen - ihrer Pfarrerin oder ihres Pfarrers. Trotz langweiliger Gottesdienste.
Wie kommt das?

Vielleicht, weil der Konfirmandenunterricht, obwohl er Unterricht heißt, anders ist als der Schulunterricht: Hier gelten andere Regeln, hier wird anderes zum Thema als in der Schule. Im Konfirmandenunterricht fällt man für eine Stunde aus der Welt, wird von Pfarrerin oder Pfarrer mit Fragen und Themen traktiert, die scheinbar so gar nichts mit dem Leben zu tun haben und dem, was Jugendliche interessiert: Das andere Geschlecht; die Veränderungen, die am eigenen Körper vor sich gehen; das, was Erwachsene tun - Alkohol trinken, rauchen, sich lieben …

III
Der Konfirmandenunterricht ist nicht so ganz von dieser Welt, wie auch die Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihn halten: Die scheinen manchmal auch ein bisschen weltfremd mit ihrem Glauben, ihren Ideen, ihren Geschichten von Gott und Jesus … Aber wenn man zurückblickt auf die Konfirmandenzeit, kann sie einem wie eine Reise in ein fremdes Land erscheinen, wie ein Urlaub, von dem man manche schöne Erinnerung zurückbringt.

Kommen wir auf die eingangs gestellte Frage nach dem Sinn des Konfirmandenunterrichts zurück, so könnte das eine Antwort sein: Der Konfirmandenunterricht ermöglicht andere Erfahrungen als die, die der Alltag in Schule und Familie bietet. Man lernt hier andere Werte kennen als die, die in Gesellschaft und Wirtschaft vertreten werden. Man erfährt von einer anderen Wirklichkeit als die, der man in der Tagesschau - aber auch in Computerspielen begegnet.

Paulus gibt auch eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Konfirmandenunterrichts, gleich im ersten Satz des Predigttextes, und seine Antwort wirft noch einmal ein anderes Licht auf die Konfirmandenzeit. Sie lautet: „Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckte, wirst du gerettet“.

Wer als Baby oder Kleinkind getauft wurde wie wohl noch die meisten von uns, hat keine Erinnerung mehr daran. Damals bekannten Eltern und Paten stellvertretend für uns den Glauben, den wir erst noch kennen lernen sollten. Deshalb feiern wir Konfirmation und wiederholen dort das Glaubensbekenntnis: Konfirmandinnen und Konfirmanden sollen mit eigenen Lippen bekennen: „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn“.

Ich glaube nicht, dass sich irgendeine Konfirmandin oder ein Konfirmand etwas dabei denkt, wenn er oder sie diese Worte spricht. Selbst, wenn man das Glaubensbekenntnis im Unterricht behandelte, bleiben einem diese Worte fremd. Das geht einem auch als Erwachsene noch so. Es ist oft ein bloßes Lippenbekenntnis.
Aber das genügt auch völlig. Es ist nicht nötig, dass wir jedes Wort glauben oder dahinter stehen: „Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst“, schreibt Paulus, „wirst du gerettet“.

IV
Wer aufgepasst hat, wir mir widersprechen. Es heißt ja bei Paulus: „Wenn du mit deinem Mund bekennst … und mit deinem Herzen glaubst“! Hier ist also gerade nicht von einem Lippenbekenntnis die Rede, sondern von einem Glauben, der von Herzen kommt.

Das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht.

Bekennen und Glauben geschehen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander.
Erst kommt das Bekenntnis. Paulus zitiert dazu den Propheten Joel: „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden“. Zur Rettung ist nicht mehr nötig als dieses Bekenntnis. Mehr wird von uns nicht verlangt, und mehr können wir auch nicht tun. Für uns, die wir schon als Kinder getauft wurden, haben die Eltern und Paten dieses Bekenntnis abgelegt. Wir sind also, was unser Verhältnis zu Gott angeht, quasi arbeitslos: Wir können und brauchen nichts mehr dafür tun.

Erst kommt das Bekenntnis. Dann kommt der Glaube.

Glauben lernt man nicht im Konfirmandenunterricht. Der Glaube ist ein Geschenk, etwas, das von außen zu uns kommt, das wir nicht selbst machen können. Er ist ein Geschenk und eine lebenslange Aufgabe. Bis der Glaube aus dem Herzen kommt, bis er eine Herzensangelegenheit wird, hat man viele Erfahrungen gemacht. Der Kinderglauben ist zerbrochen. Man zweifelte am Glauben, an der Existenz Gottes. Man probierte verschiedene Möglichkeiten aus, doch an Gott zu glauben. Wenn es gut ging, erlebte man irgendwann den Trost, die Freude, die Hoffnung, den Sinn, den man im Glauben findet.

Heute sind Sie hier mit Ihren Glaubenserfahrungen. Sie bringen heute Ihre Glaubensernte ein und vergleichen sie mit dem Glauben, den Sie hatten, als Sie damals hier vor dem Altar standen und als schüchterner Junge oder Mädchen Ihr „Ja“ zum Glauben sagten.
Sie sind noch einmal zurückgekommen, nachdem Sie vielleicht lange nicht mehr hier waren, vielleicht schon lange keinen Gottesdienst mehr gefeiert, keine Predigt mehr gehört haben.
In den 25, 50 oder mehr Jahren seit Ihrer Konfirmation sind Sie Glaubensprofis geworden. Vielleicht würden Sie sich selbst nicht so bezeichnen, aber Sie sind es - weil ich es Ihnen sage.

Darum kommt der Glaube aus der Predigt, weil ich Sie als der, der Ihnen heute predigt, auf Ihren Glauben anspreche. Ich setze Ihren Glauben voraus. Ich zweifle nicht an ihm oder meine, Sie würden zu wenig glauben, weil Sie vielleicht nicht so oft in der Kirche waren. Der Glaube kommt aus der Predigt als Zusage: Ich sage Ihnen Ihren Glauben auf den Kopf zu. Aber nicht meine Zusage ist es, auch wenn ich es bin, der zu Ihnen spricht. Es ist die Zusage des Evangeliums: Die gute Nachricht von Jesus, die Ihnen den Glauben zuspricht, und damit ist der Glaube da.

V
Als Konfirmandinnen und Konfirmanden haben Sie damals, bei Ihrer Konfirmation vor 25, 50 oder mehr Jahren, den Glauben bekannt. Seitdem haben Sie ihn gelebt. Auch, wenn es Ihnen selbst nicht bewusst war, wenn der Glaube bisher in Ihrem Leben keine Rolle spielte: Er war da. Er wuchs mit Ihnen, veränderte sich mit Ihnen. Die Predigt kann diesen Glauben voraussetzen und Sie darauf ansprechen. Und Sie selbst können darauf vertrauen, dass Ihr Leben seit Ihrer Taufe unter einem guten Stern steht. Was immer auch geschah und noch geschehen wird: Sie sind gerettet. Nichts und niemand kann verhindern, dass Ihr Leben gut ist und gelungen, und dass es einen Sinn hat.

Unter dem guten Stern Ihrer Taufe sind Sie bisher durchs Leben gegangen. Unter diesem guten Stern gehen Sie in die Zukunft. Alles, was zum Gelingen Ihres Lebens nötig ist, wurde bereits getan:
„Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckte, wirst du gerettet.“

Amen.