Samstag, 19. November 2016

Diese Worte sind eingetreten

Predigt am Ewigkeitssonntag, 20. November 2016, über Offenbarung 21,1-7:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr.
Und die heilige Stadt Jerusalem sah ich als neue herabsteigen aus dem Himmel, von Gott bereitet, wie eine Braut geschmückt wird für ihren Mann.
Und ich hörte eine gewaltige Stimme vom Thron, die sprach:
„Sieh her! Gottes Zelt [geht] mit den Menschen,
und er wird mit ihnen wohnen,
und sie werden sein Volk sein,
und Gott selbst mit ihnen wird ihr Gott sein.
Und er wird abwischen jede Träne aus ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
weder Trauer noch Klagegeschrei noch Schmerz wird noch sein,
weil das Erste vergangen ist.“
Und der auf dem Thron sitzt, sprach:
„Sieh her, alles mache ich neu!“
Und er spricht:
„Schreibe, dass diese Worte glaubwürdig und wahr sind“.
Und er sprach zu mir:
„Sie sind eingetreten.
Ich bin der erste und der letzte Buchstabe,
der Anfang und das Ende.
Ich werde dem Durstigen [zu trinken] geben aus der Quelle des Wassers des Lebens umsonst.
Wer durchhält, wird das [alles] bekommen,
und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist nur noch gut einen Monat hin,
dann werden wir sie wieder hören,
die alten, geheimnisvollen Worte:
„Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Johannes 1,14).
Von Jesus ist die Rede,
der in einem Stall in Bethlehem geboren wird
und in einer Futterkrippe liegt.
Jesus, das Wort.
Jesus, das eine Wort Gottes (Barmen I).
Wie kann es sein, dass ein Mensch ein Wort ist?

I
Viele von uns haben im zurückliegenden Kirchenjahr einen Menschen verloren,
der für sie der Liebste war, oder die Liebste,
Mutter oder Vater,
Bruder oder Schwester,
Oma oder Opa,
Freundin, Nachbarin, Kollegin.
Heute sind wir hier, um uns an sie zu erinnern
und um ihre Namen zu verlesen.

Diese Menschen, deren Namen wir heute nennen,
waren für die, die sie verloren, mehr als ein Name.
Für sie waren sie die Liebste oder der Liebste,
waren sie Vater oder Mutter,
Schwester oder Bruder,
Freund oder Freundin.
Wenn sie „Vater“ oder „Mutter“ dachten,
sahen sie diesen einen, besonderen Menschen vor sich,
der jetzt nicht mehr da ist.

So geht es uns allen.
„Mutter“ oder „Vater“, „Schwester“ oder „Bruder“, „Freund“ oder „Freundin“ sind keine abstrakten Begriffe für uns.
Wir sehen ein Gesicht vor uns, wenn wir diese Worte hören.
Das Gesicht unserer Mutter, unseres Vaters.
Das Wort „Vater“, das Wort „Mutter“ wurde Fleisch.
Es nahm Gestalt an in einem ganz bestimmten Menschen - unseren Eltern, eben.

Es wurde Fleisch - im Guten wie im Bösen.
Wie eine Mutter, wie ein Vater ist:
Das ist für uns verbunden mit den Erfahrungen, die wir mit unseren Eltern gemacht haben.
Es ist für uns damit verbunden, wie unser Vater, unsere Mutter für uns war.
Wir haben andere Mütter und Väter kennen gelernt.
Manchmal haben wir vielleicht davon geträumt, wie es schön es gewesen wäre,
wenn die unsere Mutter, der unser Vater hätte sein können.
Und manchmal waren wir froh, dass wir nicht solche Eltern hatten wie die,
dass unsere Eltern anders waren.

II
Viele von uns haben im zurückliegenden Kirchenjahr ihren Liebsten, ihre Liebste verloren,
einen Elternteil,
ein Geschwister,
einen Freund oder eine Freundin.
Der Mensch, der für uns die Mutter, den Vater verkörperte, in dem der Liebste, die Liebste Gestalt gewann, ist nicht mehr da.
Hat dadurch das Wort „Vater“ oder „Mutter“ sein Fleisch,
seine ganz konkrete Gestalt in Gesicht und Wesen eines Menschen verloren?

Nein.
Wenn Sie „Vater“ oder „Mutter“ hören,
wenn Sie an Ihre Liebste, Ihren Liebsten denken,
dann sehen Sie immer diesen einen Menschen vor sich,
der das für Sie war.
Das einmal Fleisch gewordene Wort verliert seine Gestalt nicht.
Selbst, wenn man andere Freunde hat, wenn man neue Freunde findet;
selbst, wenn man eine neue Liebe findet:
die eine, der eine bleibt, was er oder sie für Sie war.

„Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“.
Wer einen Menschen liebt oder geliebt hat, weiß, was damit gemeint ist.
Was für andere nur ein Wort ist,
bekommt für die, die liebt, ein Gesicht.
Bekommt Hände und Füße,
ein Wesen und eine Stimme.

So war und so ist es auch mit Jesus.
Für den, der glaubt, ist „Jesus“ nicht nur ein Name,
der irgendetwas bezeichnet.
Für die, die glaubt, hat Jesus ein Gesicht,
Hände und Füße,
ein Wesen und eine Stimme.

Wie aber kann das sein,
wo wir doch Jesus nie gesehen haben?

Wir haben ihn kennen gelernt
in den Geschichten, die in der Bibel von ihm erzählt werden.
Wir haben seine Stimme gehört in den Worten,
die von ihm berichtet werden.
Wir haben sein Wesen erkannt in den Verheißungen der Bibel, die von ihm sprechen.
Und wir haben sein Gesicht gespiegelt gesehen in den Gesichtern der Menschen, denen er sich zugewandt hat.
In all dem ist Jesus uns begegnet als der, der uns über alles liebt.
Er begegnet uns als Bruder und als Freund.
So, wie Gott uns als Vater und als Mutter begegnet.
Für die, die an Gott glauben, gibt es noch einen zweiten Vater; sie denken beim Wort „Vater“ nicht nur an ihren leiblichen Vater, sondern auch an den, den wir als „Vater unser im Himmel“ anreden.
Wer an Jesus glaubt, denkt beim „Bruder“ und beim „Freund“ nicht nur an den leiblichen Bruder, die beste Freundin oder den besten Freund, sondern auch an Jesus.

III
Jesus ist das eine Wort Gottes,
mit dem alles gesagt ist, was zu sagen ist.
Weil dieses eine Wort „Liebe“ lautet.
Jesus ist die Mensch gewordene Liebe Gottes.
Mehr braucht es nicht zum Leben.
Mehr muss nicht gesagt werden.

Diese Liebe Gottes zu uns spricht auch aus den Worten von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, die wir so oft bei Trauerfeiern vorlesen.
Diese Worte sagen:
Da kommt noch etwas.
Der Tod ist nicht das Ende.
Trauer und Leid werden nicht über uns bestimmen.
Das der geliebte Mensch gestorben ist,
ist nicht das letzte Wort über diesen Menschen.

Was da kommt, wird anders sein als das, was wir kennen.
Ein neuer Himmel, eine neue Erde werden das, was wir von Himmel und Erde zu wissen meinen, in neuer Gestalt verkörpern.
Auch Gott wird anders da sein als bisher.
Wie zu den Zeiten, als er mit Israel durch die Wüste wanderte, wird er mit uns sein, mitten unter uns.
Gott wird sein Zelt aufschlagen mitten zwischen unseren Zelten.
Gott wird uns nahe sein - so nahe, wie er es früher nur Mose war, mit dem er von Angesicht zu Angesicht redete wie mit einem Freund.
So nahe, dass er uns die Träne aus dem Auge wischen kann, wie das eine Mutter für ihr Kind tut.

Ein schönes, ein tröstliches Bild.
Zu schön, um wahr zu sein.
Was hilt es, wenn jemand die alten Geschichten der Bibel mit neuem Leben füllt? Was hilft es uns?

Wir müssen nicht glauben, dass es so gewesen ist, wie die Bibel erzählt.
Wir müssen nicht glauben, dass es so werden wird, wie der Seher Johannes es beschreibt.
Es sind Bilder.
Bilder, die unserer Sehnsucht, unserer Hoffnung Gestalt geben.
Wir hoffen auf das Ende von Leid und Schmerz.
Wir hoffen auf die Überwindung des Todes.
Wir hoffen, dass der Abschied von Menschen, die wir lieben - und dass eines Tages unser Abschied von dieser lieben Erde, von den Menschen, an denen wir hängen -, dass dieser Abschied nicht das Ende sein wird, mit dem alles aus und vorbei ist, nach dem nichts mehr kommt.
Dieser Hoffnung gibt der Seher Johannes mit seinen Worten eine Gestalt.
Die Hoffnung wird Fleisch, sie wird greifbar, wir können sie zu unserer Hoffnung machen.
Wenn wir versuchen, über den Tod hinaus zu denken,
sehen wir vor uns den neuen Himmel, die neue Erde.
Sehen wir Gott behutsam die Tränen abwischen,
wie das eine Mutter für ihr Kind tut.

IV
Das Bild des Sehers Johannes gibt unserer Hoffnung Gestalt.
Und indem es ihr Gestalt gibt, wird das Wort Fleisch in uns.
Es wird zu einem Bild, das wir in uns tragen.
Das uns tröstet.
Das uns Mut macht.
Das uns antreibt, dem neuen Himmel, der neuen Erde entgegenzugehen,
für das Kommen des Reiches Gottes zu  beten und zu arbeiten.

Wer den Mut hat, zu glauben, für den gibt es eine wichtige Nachricht:
„Diese Worte sind eingetreten“, sagt Jesus.
Das Reich Gottes ist schon angebrochen;
es ist mitten unter uns.
Die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde,
auf Gott, der die Tränen abwischen und den Tod vernichten wird,
hat sich bereits erfüllt.
Sie ist Fleisch geworden in dem einen Wort Gottes, Jesus,
das alle Buchstaben des Alphabets umfasst, vom Ersten bis zum Letzten.
Und damit alles, was sagbar ist. Alle Worte.

Jesus verkörpert uns die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod;
die Hoffnung, dass die Liebe Leid und Schmerz und sogar den Tod besiegt.
Jesus verkörpert diese Hoffnung nicht nur,
in ihm ist sie Wirklichkeit geworden.
Jesus ist auferstanden,
er hat den Tod besiegt,
er hat bewiesen, dass die Liebe stärker ist
als alle Macht und Gewalt,
stärker als alle Dunkelheit, alles Leid und aller Schmerz.

V
Die Hoffnung auf ein Ende von Leid und Schmerz,
auf ein Leben nach dem Tod ist Fleisch geworden.
An Weihnachten liegt diese Hoffnung als kleines Kind in einer Futterkrippe.
Als Kind, das unser Herz berührt, unsere Liebe weckt.
In diesem Kind wird die Hoffnung greifbar.
Das zarte, zerbrechliche, neu geborene Leben schenkt uns die Gewissheit,
dass das Leben über den Tod siegt
und die Liebe niemals aufhört.
Amen.

Mittwoch, 16. November 2016

Reue, die niemanden reut

Predigt am Buß- und Bettag, 16. November 2016, über Römer 2,1-11:

Du kannst dich nicht rechtfertigen, Mensch, wenn du urteilst. Worin du nämlich den anderen beurteilst, verurteilst du dich. Du tust ja dasselbe, wenn du urteilst. Wir wissen aber, dass Gottes Urteil über die, die so etwas tun, sachgemäß ist. Meinst du aber, Mensch, der du über die urteilst, die so etwas tun, und dasselbe tust, dem Urteil Gottes zu entgehen? Oder verachtest du die Fülle von Gottes Güte, Nachsicht und Geduld und weißt nicht, dass Gottes Güte dich zur Reue bewegt? Wegen deines harten und zur Reue unfähigen Herzens häufst du dir Zorn an am Tag des Zorns und der Offenbarung des Gerichtes Gottes.
Gott wird jedem nach seinen Taten vergelten. Denen, die durch konsequent gutes Handeln Ruhm, Ehre und Unsterblichkeit suchen, wird er ewiges Leben geben. Die aber, die aus Egoismus der Wahrheit ungehorsam sind, aber dem Unrecht gehorchen, werden Wut und Zorn zu spüren bekommen.
Bedrängnis und Not komme über jeden, der Schlechtes tut, den Gläubigen zuerst und auch den Ungläubigen. Ruhm, Ehre und Frieden aber für jeden, der Gutes tut, den Gläubigen zuerst und auch den Ungläubigen, denn Gott macht keinen Unterschied.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie das: Manchmal braucht man einen Schubs, manchmal braucht es etwas Druck von außen, damit man sich zu einer ungeliebten Arbeit aufrafft. 
Manchmal müssen die Fruchtfliegen erst ihre Kreise ziehen, damit man endlich den Müll rausbringt. 
Manchmal braucht es erst die Mahnung vom Finanzamt, damit man endlich die Steuererklärung macht. 
Manchmal muss die Liebste erst ein paar deutliche Worte sagen, damit man endlich die leeren Flaschen aus dem Keller zum Container bringt …
Zu ungeliebten Arbeiten muss man sich manchmal regelrecht zwingen - oder gezwungen werden -, damit man sie tut. Das weiß auch Paulus, und darum stellt er denen, die Schlechtes tun, Wut und Zorn in Aussicht, damit sie sich zu Reue und Umkehr bequemen.

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ - dieses Goethewort kennen alle, und innerlich stimmt man ihm auch zu. Aber leichter ist es doch, gemein zu sein, egoistisch und schlecht.
Man macht das ja nicht mit Absicht. Jedenfalls nicht immer. Es ist uns zur Gewohnheit geworden. Und genau diese Gewohnheit nimmt Paulus aufs Korn, wenn er uns vor der Schlechtigkeit warnt, indem er Gottes Wut und Zorn heraufbeschwört.

I
Das, was Paulus unter schlechtem Handeln versteht, ist das Urteilen. Darauf wären wir wohl nicht gekommen. Wir würden als Beispiele für Schlechtigkeit das Lügen nennen, den Vertrauensbruch, oder den Diebstahl. Aus aktuellem Anlass könnte man auch die Feindseligkeit gegenüber Fremden und Ausländern dazu zählen. Oder die Einschüchterung durch gewalttätiges Auftreten, durch Kleidung und Hassparolen. 
Aber Urteilen? Das machen wir doch ständig, das ist etwas ganz Normales, Alltägliches! Was sollte daran falsch, gar schlecht sein?

Wir wuchsen mit Urteilen auf. Zu dem ersten, was wir hörten, gehörte: Das hast du aber fein gemacht!, wenn uns der erste Schritt gelang, wenn wir aufs Töpfchen gingen, später das Radfahren oder das Schwimmen lernten.
In der Schule bekamen wir dann Fleißbienchen, und später Zensuren. Und spätestens dann gab es auch den Tadel, der auch in Zahlen ausgedrückt wurde. Mit einer 4, 5 oder gar 6 ließ man sich besser nicht zuhause blicken …
Wir wuchsen mit Urteilen auf, und seitdem beurteilen wir auch, was wir erleben: Das Wetter ist schön oder schlecht, die Sendung im Fernsehen war interessant oder öde, das Buch spannend oder langweilig. Das Urteilen ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Oft ist der erste Satz, den wir sagen, bereits ein Urteil, als wäre unser Leben eine Talentshow, und wir sitzen in der Jury und bewerten die Leistungen.
Darum sagen wir so selten danke. Danke, dass ihr Kirchenältesten euch um den Erhalt der Kirche kümmert und so viel von eurer Zeit dafür investiert. Statt dessen heißt es: 
Wieso lasst ihr denn die Wand verputzen?! Die sah doch unverputzt viel schöner aus! 
Und warum die Südwand? Die Nordwand hat's doch viel nötiger!
Warum lasst ihr die Kirchentür in einem so scheußlichen Grau streichen!? 
Und hättet ihr bei der Treppe nicht auch gleich das Podest neu machen können, das alte beißt sich doch mit den neuen Stufen!

II
Es ist, als wäre unser Leben eine Talentshow. Oft finden wir uns aber nicht in der Jury wieder, die ihre Noten abgibt, sondern auf der anderen Seite. Wir werden ständig beurteilt. Von der Familie, von den Nachbarn, von den Kollegen, vom Chef. Immer gibt es etwas an uns zu kritisieren, nie ist man einfach nur dankbar und zufrieden. Das gefällt niemandem, und viele leiden unter diesem ständigen Beurteiltwerden.

Aber bevor wir mit dem Finger auf die zeigen, die uns beurteilen, und uns über sie ärgern, weil sie so undankbar und ungerecht sind, fassen wir uns schnell an die eigene Nase. Und erinnern uns daran, dass, wer mit dem Finger auf andere zeigt, mit drei Fingern auf sich selbst zeigt.
Wir sind nicht besser als die anderen. Wenn wir nicht gerade beurteilt werden, sitzen wir selbst in der Jury. Wir urteilen über andere und beurteilen, was sie tun. Auch wir sagen selten „danke“ und häufiger „das gefällt mir nicht“, „so ist das nicht richtig“. Deshalb, sagt Paulus, gibt es für uns keine Rechtfertigung. Wir haben kein größeres Recht, andere zu beurteilen, als sie, uns zu beurteilen.

Warum können wir das Urteilen nicht überhaupt bleiben lassen? Warum fällt es uns offensichtlich so schwer, uns einfach zu freuen, dass jemand etwas getan hat? Warum gelingt es uns so selten, eine Arbeit anzuerkennen, auch, wenn wir sie besser gemacht hätten?

Eigentlich ist diese ganze Bewerterei und Beurteilerei doch völlig überflüssig. Sie hilft niemandem, sie richtet nur Schaden an, bewirkt Verletzungen und Frust. Warum können wir das nicht lassen?

III
Zu den Kriegsspuren, die uns in der diesjährigen Friedensdekade beschäftigten, gehören die Verletzungen. Noch schlimmer als die Einschusslöcher in den Wänden, als die zerstörten Gebäude und Städte sind die Verletzungen an Leib und Seele. Wer einmal so verletzt wurde, wer sein Zuhause, gar jemanden aus seiner Familie durch den Krieg verlor, vergisst es sein Lebtag nicht. Der kann dem nicht vergeben, der ihm das antat, und wird nach einer Möglichkeit suchen, es ihm zu vergelten. Daher kommt die endlose Kette der Gewalt und der Kriege. Jeder Militärschlag zieht einen Gegenschlag nach sich; jeder Schlag bewirkt, dass jemand zurückschlägt.

Das gilt auch vom Urteilen. Auch Urteile können Schläge sein - oft sind sie als Schläge beabsichtigt, sollen verletzen, kränken, demütigen. Noch im Ratschlag, der ja meist gut gemeint ist, steckt der Schlag: Ratschläge sind auch Schläge. Das hat jeder erfahren, der einen ungewollten Ratschlag erhalten hat.

Wir wurden von klein auf beurteilt. Von klein auf erlebten wir, wie mit Urteilen Gewalt gegen uns angewendet wurde. Keine körperliche Gewalt. Aber wir haben gespürt: Die Beurteilung drängt uns in eine Richtung. Wir sollen etwas nicht so tun, wie wir es wollen und können, sondern so, wie es von uns verlangt wird. Selten hörten wir: „Toll, wie du das hingekriegt hast!“. Viel öfter: „Du machst das ganz falsch! So macht man das!“

Diese Beurteilungen haben uns verletzt - und was uns verletzt, ist eine Form der Gewalt. Ist es da ein Wunder, dass wir zurückschlagen, wenn wir können? Zwar können wir es nicht denen heimzahlen, die uns beurteilten; dafür geben wir die Verletzungen an andere weiter: An Schwächere; an von uns Abhängige; an die, die sich nicht wehren. 
Wie beim Krieg entsteht auch beim Beurteilen eine Kette von Gewalt und Gegengewalt, von der niemand mehr sagen kann, wann sie angefangen hat, und die niemand zerbrechen kann. Für jedes Urteil, das über uns gesprochen wird, rächen wir uns mit einem Urteil über jemand anderen. Und so geht es weiter und weiter, bis in alle Ewigkeit …

IV
Krieg ist eine Kette der Gewalt, und auch das Urteilen ist eine Kette verbaler Gewalt. In diesen Ketten von Gewalt und Gegengewalt liegt die Ausweglosigkeit des Krieges und des Urteilens. Kriege ließen sich nur beenden, wenn es gelänge, die Kette von Gewalt und Gegengewalt zu zerreißen, indem man einmal nicht Gewalt mit Gewalt beantwortet. Ebenso ließen sich die Urteile beenden, wenn man einmal ein verletzendes Urteil nicht mit der Beurteilung eines anderen beantwortet.

Gott beurteilt uns nicht.
Gott wendet uns Güte, Nachsicht und Geduld zu.
Wenn wir einen Fehler gemacht haben, sagt Gott nicht: „Du Idiot, so muss du das machen!“
Gott sagt freundlich: „Komm, probier's doch noch einmal!“
Wenn wir dann den selben Fehler wieder machen, verliert Gott nicht die Geduld mit uns, wie wir es täten, sondern macht uns Mut, es noch einmal zu versuchen.
Und wenn wir siebzig mal sieben Mal den selben Fehler machten - Gott würde uns immer noch liebevoll anstupsen und sagen: „Komm, du schaffst das! Ich glaube an dich!“

Wir sind nicht wie Gott. 
Wir sind nicht so geduldig wie Gott, nicht so gütig und nicht so nachsichtig. Und wir brauchen es zum Glück auch nicht zu sein.
Aber Gottes Güte, Geduld und Nachsicht mit uns sollte uns ab und an dazu bewegen, auch mit unseren Mitmenschen gütig, geduldig und nachsichtig zu sein.

Gütig, indem wir sie mit Humor nehmen, wenn sie einmal schlecht gelaunt sind oder sich schlecht benehmen.
Geduldig, indem wir ihnen eine zweite Chance geben. Oder eine dritte. Oder vielleicht sogar eine weitere …
Nachsichtig, indem wir ihnen gute Absichten unterstellen und nicht gleich die schlechtesten.

Wenn wir das versuchten, könnten wir die Ketten der Gewalt unterbrechen. Davon wird wahrscheinlich nicht gleich viel zu merken sein. Aber je mehr sich unserem guten Beispiel anschließen, desto größere Auswirkungen wird es haben. Wenn wir es schaffen könnten, mehr und mehr auf das Urteilen und Beurteilen zu verzichten, hätten wir alle viel mehr Freude am Leben und an der Arbeit. 

Dann würde es auch viel mehr Spaß machen, Kirchenältester zu sein. 
Dann würden sich vielleicht auch Leute trauen, in der Gemeinde mitzumachen, die es sich bisher nicht zutrauten, oder die sich die ständige Kritik nicht mehr anhören mochten. 
Dann würde von uns, von dieser Gemeinde, von diesem Ort Freude ausgehen.

V
Am Buß- und Bettag betrachten wir kritisch, was wir tun. Wir fragen nach den Gründen und den Folgen unseres Tuns. Wir tun das mit Gottes Güte, Nachsicht und Geduld im Rücken. 
Wir können uns selbst kritisch sehen, weil Gott uns nicht auf unsere Fehler und Schwächen, sondern auf unsere Stärken und Möglichkeiten hin ansieht. So können wir Reue empfinden, die wir nicht bereuen. Reue, die uns bedauern lässt, was falsch lief, und uns Mut macht, unsere Einstellung, unser Verhalten zu ändern. 
Der erste Schritt zu dieser Reue ist, dass wir erkennen und glauben, wie gut Gott es mit uns meint. Gebe Gott, dass wir diesen ersten Schritt gehen können.
Amen.

Samstag, 22. Oktober 2016

Professionalität

Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis, 23. Oktober 2016, über Philipper 1,3-11:

Jedes Mal, wenn ich an euch denke, danke ich Gott bei jedem meiner Gebete für jede und jeden von euch - und ich bete mit Freuden - für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tag bis heute. Ich bin davon überzeugt, dass, der das gute Werk in euch begonnen hat, es auch zu Ende bringen wird bis zum Tag des Christus Jesus.
Da ist es nur gerecht, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch im Herzen haben, die ihr sowohl in meiner Gefangenschaft als auch, während ich das Evangelium verteidige und verbürge, meine Gnadensgenossen seid.
Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne in der Zuneigung des Christus Jesus.
Und darum bete ich, dass eure Liebe noch weiter zunehme an Erkenntnis und jeder Erfahrung, damit ihr prüfen könnt, worauf es ankommt, damit ihr am Tag Christi lauter und tadellos seid, erfüllt vom Ertrag der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus kommt, zu Ehre und Lob Gottes.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

vom Theologen Fulbert Steffensky stammt der Satz:
„Mein allerliebster Pfarrer liest täglich in der Bibel und betet täglich,nicht, weil er von Glauben glüht, sondern weil es sein Beruf ist“
(GPM 87/1998, S. 303).

In diesem Satz scheint manches von dem auf,
was Paulus an die Philipper schreibt:
Paulus ist ja so etwas wie deren Pfarrer,
auch wenn es dieses Amt zu seiner Zeit so noch nicht gab
- das Christentum war ja gerade erst erfunden.
Paulus betet täglich für seine Gemeinde,
die ihm offensichtlich sehr am Herzen liegt.
Er kann und will es nicht verleugnen,
wie gern er die Gemeinde in Philippi hat,
wie viel sie ihm bedeutet.

Zugleich ist er aber auch sehr darum bemüht,
keine Missverständnisse aufkommen zu lassen,
was die Art seiner Zuneigung angeht:
Sie ist strikt professionell, d.h. sie ist seinem Auftrag untergeordnet.
Paulus mag die Philipper nicht, weil alle so nett zu ihm sind,
weil er sich mit ihnen gut versteht und sie ihn mögen.
Sie liegen ihm am Herzen, weil sie mit ihm etwas gemein haben:
Die „Gemeinschaft am Evangelium“.
Mit anderen Worten: Es geht den Philippern um die selbe Sache wie ihm:
um die Sache Jesu.

I
Als Pfarrerin oder Pfarrer hat man eine eigenartige Rolle in der Gemeinde.
Gemeindearbeit ist Beziehungsarbeit
- eine Pfarrerin, ein Pfarrer muss in der Lage sein,
Kontakt zu anderen Menschen zu knüpfen.
Dazu muss man gesprächsbereit und fähig zur Sympathie sein.
Und man muss auch ein wenig sympathisch sein,
man muss gemocht werden - und man möchte auch gemocht werden,
wer möchte das nicht?

Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin kann nicht nur für die da sein, die sie mag.
Sie muss für alle Gemeindeglieder da sein,
unabhängig von Sympathien und Antipathien,
unabhängig auch von politischen Überzeugungen
und anderem, was Menschen so voneinander unterscheidet.

Das ist gar nicht so leicht.
Natürlich geht man lieber zu denen,
die einen willkommen heißen, als zu denen,
die erst einmal abwarten, misstrauisch oder verschlossen sind.
Natürlich findet man leichter einen Draht zu Gleichgesinnten
als zu denen, die in politischen oder anderen Fragen die Gegenposition einnehmen. Das geht jeder und jedem so.
Deshalb bestehen unsere Freundeskreise überwiegend aus Leuten,
die gleiche oder ähnliche Ansichten haben wie wir.
Aber in einer Gemeinde geht es nicht um Freundschaften,
sondern um Beziehungen, und das ist etwas ganz anderes.
Nicht jeder, zu dem ich eine Beziehung aufgebaut habe,
ist meine Freundin oder mein Freund.
Das hängt von der Art der Beziehung ab,
ob sie beruflich ist oder privat.

Deshalb ist es manchmal problematisch,
wenn Pfarrerinnen oder Pfarrer Leute in der Gemeinde duzen.
Im Prinzip könnte und müsste ich Sie alle duzen,
denn ich habe Sie eben als „Schwestern und Brüder“ angesprochen
- und Geschwister siezt man für gewöhnlich nicht.
Aber Sie wären wohl zu recht irritiert, wenn ich‘s täte.
Es gehört sich, dass man das Duzen verabredet
und dabei gewisse Formen einhält:
Die Ältere duzt die Jüngere.
Die Vorgesetzte die Untergebene.
Die Ranghöhere die Rangniedrigere.

Wenn nun eine Pfarrerin nicht alle auf einmal duzen kann,
weil sich das nicht gehört,
aber im Laufe der Zeit einige duzt,
weil sich das so ergeben hat,
können Außenstehende den Eindruck gewinnen,
hier würde mit zweierlei Maß gemessen.
Da gibt es die, die mit der Pfarrerin per Du sind.
Und da gibt es die anderen, die offenbar nicht zum „inner circle“ gehören.
Das kann leicht zu Irritationen oder sogar zu Ärger führen.

II
Warum steht die Pfarrerin oder der Pfarrer überhaupt so im Mittelpunkt?
Liegt es daran, dass ich hier vor Ihnen stehe?
Dass mein Talar, der ursprünglich dazu dienen sollte,
die Person in den Hintergrund zu drängen,
mich besonders heraushebt, weil er ein so ungewöhnliches Kleidungsstück ist?
Oder liegt es daran, dass der, der fast als einziger im Gottesdienst redet,
automatisch auch das Sagen hat?

Schon in den Anfängen des Christentums standen einzelne Personen im Mittelpunkt 
- in unserem Fall z.B. Paulus.
Er hat die Gemeinde in Philippi gegründet,
er ist ihr Pfarrer, sozusagen.
Paulus redet darum auch von sich,
er beschreibt, wie das ist, wenn er sein tägliches Gebet verrichtet:
Wie sehr er an seine Gemeinde denkt, wie dankbar er für sie ist,
weil sie von Anfang an dabei waren.
Er schreibt auch, wie sehr ihm die Philipper fehlen.
Aber obwohl wir von Paulus auf diese Weise einiges erfahren
- dass er im Gefängnis war,
dass er Anfeindungen ausgesetzt ist wegen seiner Predigten -
und obwohl Paulus so oft „ich“ sagt
- ich zähle elf Mal in unserem kurzen Abschnitt -
geht es doch nicht um ihn.
Es geht ihm um die Gemeinde in Philippi.

Das ist es, was ich mit Professionalität meine:
Als Leiter der Gemeinde trägt er eine Verantwortung für die Gemeinde.
Und diese Verantwortung veranlasst ihn dazu,
sich selbst zurück zu nehmen.
Es geht nicht ohne ihn, aber es geht nicht um ihn,
sondern nur um seinen Auftrag, den er sich mit der Gemeinde teilt:
um das Evangelium.

III
Wenn man in Beziehungen lebt und arbeitet,
wie es in der Gemeinde gar nicht anders geht,
rückt oft das Miteinander in den Mittelpunkt:
Warum duzt er den und nicht mich?
Warum hat er mich heute nicht gegrüßt?
Warum ist er so kurz angebunden, habe ich ihm was getan?

Wir leben in Beziehungen, diese Fragen gehören zu unserem Alltag.
Wir können nicht anders, als uns immer wieder diese und ähnliche Fragen zu stellen, immer wieder nach Bestätigung zu suchen:
Ja, wir sind noch Freunde.
Ja, wir haben uns noch lieb.
Wir verbringen einen großen Zeit mit dieser Vergewisserung und mit der Beziehungspflege.

Auch Paulus bemüht sich um seine Beziehung zu den Philippern.
Er denkt täglich an sie, er betet für sie, und er bittet für sie.
Seine Bitten drehen sich dabei nicht um sein Verhältnis zu den Philippern.
Sondern darum, dass die Liebe der Philipper zunimmt.
Wiederum: Nicht zu ihm.
Sondern damit sie durch die Liebe erkennen,
worauf es im Leben wirklich ankommt: auf das Evangelium.
Da sind wir wieder beim Steffensky-Zitat vom Pfarrer,
der täglich betet, weil es sein Beruf ist.

IV
Wieso führt die Liebe dazu, dass man erkennt, worauf es im Leben ankommt?
- Muss ich das wirklich erklären?
Gibt es etwas Größeres, Wichtigeres als die Liebe zwischen zwei Menschen,
als die Liebe der Eltern zu ihren Kindern?

Aber was hat das mit der Gemeinde zu tun?
Mit der Gemeinde, in der Menschen zusammenkommen,
die einander mehr oder weniger fremd sind,
die einander womöglich nicht mögen,
sich nicht einmal kennen - und auch gar nicht kennen lernen wollen?

Zu Beginn der Predigt habe ich Sie als Schwestern und Brüder angeredet.
Das war keine Floskel, die in der Kirche eben üblich ist.
Sie sind meine Schwestern und Brüder.
Denn Gott ist unser aller Vater.
Und Jesus ist unser Bruder.
Ergo sind wir Geschwister,
weil wir alle den selben Vater und alle den selben Bruder haben.
Wir sind Geschwister, und Geschwister haben ein ganz besonderes Verhältnis zueinander.
Wenn Sie Geschwister haben, wissen Sie, was ich meine:
Man ist und bleibt verbunden, trotz räumlicher Trennung,
auch, wenn man sich lange Zeit nicht sieht.
Sogar, wenn man sich zerstritten hat, wenn man einander spinnefeind ist:
Diese Verbindung kann nicht zerbrochen werden.
Sie bringt einen immer wieder zusammen.
Diese Verbindung zwischen Geschwistern ist etwas Einmaliges und Besonderes.
Auch sie nennt man: Liebe.

Wir sind als Geschwister Jesu in der Gemeinde miteinander verbunden.
Diese Verbindung ist stärker, als wir wahrhaben wollen.
Sie zieht uns immer wieder in die Kirche,
so, als ob uns einer gerufen hätte.
Und tatsächlich hat uns einer gerufen.
Und der uns gerufen hat, der beruft uns auch.
Jede und jeden von uns hat Gott berufen,
an ihrem und seinem Ort das Evangelium zu verteidigen und zu verbürgen.
Nicht, wie bei Paulus, mit flammenden Reden.
Sondern durch das, was wir Tag für Tag tun:
durch kleine Gesten. Durch unsere Haltung den Mitmenschen gegenüber.

Indem wir an je unserem Ort unserer Berufung folgen,
wachsen wir an Erkenntnis und Erfahrung,
wächst unsere Liebe - denn um sie geht es ja im Evangelium:
um die Liebe zum Nächsten und zum Fremden,
um die Liebe zu Gott und zu uns selbst.

Am Sonntag kommen wir zusammen,
um unsere Erkenntnisse und Erfahrungen vor Gott zu bringen.
Am Sonntag, dem Tag des Herrn,
der ein kleiner Vorgeschmack ist auf den Tag Christi,
von dem Paulus schreibt,
kommen wir zusammen als Schwestern und Brüder.
Wir bringen unsere Sorgen mit, unseren Kummer,
unsere Trauer, unser Leid.
Wir bringen Fröhlichkeit mit, unser Staunen,
unsere Entdeckungen, unsere Leistungen.
Wir teilen Freude und Leid als Schwestern und Brüder,
die durch die geschwisterliche Liebe verbunden sind;
so dienen wir der Sache Jesu, dem Evangelium.

V
Als Pfarrer bin ich ein Teil dieser Gemeinde.
Ich stehe vor Ihnen, weil das meine Berufung ist
- nicht größer, nicht wichtiger als Ihre Berufung.
Es ist mein Beruf, so, wie Sie Ihre Berufe haben.
Wir alle sind dazu berufen, in je unserem Beruf das Evangelium zu vertreten.
Ich habe es leichter als Sie,
weil ich es im geschützten Raum der Kirche tun kann.

Und so sind meine Herzlichkeit und Fröhlichkeit,
meine Freundlichkeit und Zuneigung zu verstehen:
Das ist mein Beruf.
Das heißt nicht, dass sie nicht von Herzen kommen.
Das heißt nicht, dass ich Sie nicht ins Herz geschlossen habe,
so, wie Paulus die Philipper im Herzen trägt.
Aber wie bei Paulus, ist auch meine Zuneigung nicht Selbstzweck,
sie ist durch Christus vermittelt.
Ich mag Sie, weil wir gemeinsam für die Sache Jesu arbeiten,
ich mag Sie wegen unserer „Gemeinschaft am Evangelium
vom ersten Tag bis heute“.

„Und darum bete ich,
dass eure Liebe noch weiter zunehme an Erkenntnis und jeder Erfahrung, 
damit ihr prüfen könnt, worauf es ankommt,
damit ihr am Tag Christi lauter und tadellos seid,
erfüllt vom Ertrag der Gerechtigkeit,
die durch Jesus Christus kommt,

zu Ehre und Lob Gottes“. Amen.

Samstag, 15. Oktober 2016

There is no way to peace - peace is the way

Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis, 16. Oktober 2016, über Epheser 6,10-17:

10 In Zukunft sollt ihr stark werden im Herrn und in der Stärke seiner Macht.
11 Legt die Vollrüstung Gottes an, damit ihr Widerstand leisten könnt gegen die Machenschaften des Teufels.
12 Denn unser Kampf geht nicht gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Geistermächte, gegen die Dämonen, gegen die Beherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister der Bosheit im Himmel.
13 Deshalb tragt die Vollrüstung Gottes, damit ihr widerstehen könnt am bösen Tag und nach dem Sieg über alles den Stand behauptet.
14 Steht also, an euren Hüften umgürtet mit Wahrheit und gewappnet mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit.
15 Unter die Füße habt die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens gebunden.
16 Über all dem tragt den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt,
17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,


wenn man den Predigttext hört, hat man sie vor Augen, die „Gotteskämpfer“, die mit Feuer und Schwert die Ungläubigen zum wahren Glauben „bekehren“ wollen.
Extremisten, die nur in schwarz-weiß denken und die Vielfalt der Meinungen und des Glaubens nicht aushalten können.
Rechthaber, die nur eine Sicht der Dinge akzeptieren: die ihre.
Gewaltmenschen, die nach dem Motto verfahren: „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein“.
Verlierer der Gesellschaft, die sich stark fühlen, wenn sie auf noch Schwächere einprügeln können.

Zur Zeit tummeln sie sich beim sogenannten „Islamischen Staat“ in Syrien und im Irak, bei „Boko Haram“ in Nigeria oder bei den Taliban in Afghanistan, die „Gotteskämpfer“, die morden und vergewaltigen, stehlen und erpressen, Kunstwerke zerstören und heimlich verschachern. Und das alles im Auftrag Gottes, der das angeblich so will und gut heißt. 

Wir haben aber keinen Grund, uns moralisch zu empören und mit dem Finger auf die Islamisten zu zeigen. Wir Christen haben es ja über Jahrhunderte nicht anders gehalten. Ob in den Kreuzzügen, als es vordergründig um die Befreiung Jerusalems aus der Hand der Muslime ging, in Wahrheit aber, wie immer, um Macht und Geld, bei den Verfolgungen von „Hexen“ und „Ketzern“, oder im Dreißigjährigen Krieg, der offiziell ein Krieg der beiden Konfessionen war. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass sich in Nordirland Katholiken und Protestanten gegenseitig erschossen und in die Luft sprengten.


Immer musste der Glaube, immer musste Gott für die Exzesse der Gewalt herhalten; immer war es angeblich die Verteidigung des wahren, einzigen, richtigen Glaubens, die all das Morden rechtfertigte - als ob Gott unsere „Verteidung“ nötig hätte!


Und nun müssen wir uns vom Epheserbrief einen solchen Gotteskämpfer vor Augen malen und uns von ihm auffordern lassen, aufzurüsten, zu den Waffen zu greifen und gegen feindliche Mächte zu kämpfen.


I
Was der Epheserbrief da beschreibt, ist die Rüstung eines römischen Legionärs, wie er damals nicht nur in Ephesus, sondern in ganz Europa anzutreffen war: Mit Brustpanzer und Gürtel, an dem das Schwert hing, mit einem großen Schild und dem typischen Helm, den Obelix so gern als Trophäe einsammelte.

Einen heutigen Gottesstreiter müsste der Epheserbrief anders beschreiben: Statt des Brustpanzers trüge er eine dicke, kugelsichere Splitterschutzweste, statt des Schwertes ein Sturmgewehr, den Stahlhelm auf dem Kopf, Kampfstiefel an den Füßen und an seinem Gürtel hinge kein Schwert, sondern eine Pistole.


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Wenn ich irgendwo einen Soldaten oder einen Polizisten in voller Rüstung sehe, dann bekomme ich es mit der Angst zu tun. Und das soll wohl auch so sein. So sehr Helm, Panzerung und Waffe dem Schutz des Trägers dienen, so sehr sollen sie auch abschrecken und einschüchtern.


Es ist beruhigend, dass unsere Polizei so gut ausgerüstet ist, um Hooligans und Neonazis etwas entgegensetzen zu können. Aber wer einmal bei einer friedlichen Demonstration durch ein Spalier von derart gepanzerten und bewaffneten Polizisten laufen musste, konnte nur hoffen, dass alles friedlich bleibt und sich diese martialisch Gekleideten nicht gegen einen wenden.


Nein. Das Bild, das der Epheserbrief da zeichnet, ist alles andere als glücklich. Es ist beängstigend und abschreckend, und man möchte sich am liebsten gar nicht weiter damit beschäftigen.

Warum tue ich‘s dann?

Warum lasse ich Sie und mich nicht damit in Ruhe und wende mich einem anderen Text zu - es ist ja nicht so, als gäbe es nicht genug Auswahl an Predigttexten in der Bibel.


Ich mute Ihnen und mir diesen Text zu, weil ich der Meinung bin, dass jeder Bibeltext es verdient, dass wir uns ernsthaft mit ihm auseinandersetzen. Auch und gerade die, die uns auf den ersten Blick abstoßen. Wenn wir sie gleich beim ersten Hören oder Lesen ablehnen, kommen wir nicht dazu, sie genauer anzusehen und zu verstehen, was sie sagen wollen. Wir übersehen die Details, auf die es oft so ankommt.

Lassen Sie uns also genauer auf das Bild des Gottesstreiters schauen, das der Epheserbrief uns da vor Augen malt.

II
Wenn wir genauer hinsehen, fällt auf, dass der Epheserbrief zwar eine Rüstung beschreibt, wie sie seiner Zeit die Legionäre trugen. Aber die Rüstung, die seine Leser anlegen sollen, ist nicht aus Metall. Es ist überhaupt keine Rüstung, sondern genau das Gegenteil davon. Statt uns zu wappnen und zu bewaffnen, macht der Epheserbrief uns völlig schutzlos. Denn wie sieht die Rüstung aus?

Der Riemen, der verhindert, dass die Hose vor Angst in die Knie rutscht, ist die Wahrheit. Die Wahrheit wird oft über Gebühr gedehnt, aber als Gürtel eignet sie sich trotzdem nicht. Im Gegenteil, wer es mit der Wahrheit hält, der macht sich angreifbar und verletzlich. Man gibt nicht zu, dass man einen Fehler gemacht hat. Man gesteht nicht, dass man etwas nicht weiß, dass man etwas nicht kann oder dass man Angst vor einer Aufgabe hat - das sind Zeichen von Schwäche. Wer ein Macher, ein Manager sein will, darf eigene Schwächen nicht zugeben. Notfalls muss eben die Wahrheit dran glauben.
Nein, die Wahrheit als Gürtel umzulegen, ist kein guter Rat, wenn man vor einem Konflikt steht.

Mit der Gerechtigkeit als Panzer ist es auch nicht besser. Mit Gerechtigkeit kann man nichts gewinnen. Man muss sehen, dass man für sich das Meiste herausholt. Den Rest kann man dann immer noch an die verteilen, die es nötig haben. So funktioniert unsere Wirtschaft, und so haben wir uns bisher gegenüber den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ verhalten - kein Wunder, dass die jetzt zu uns kommen, um sich eine Scheibe von dem Reichtum abzuschneiden, den wir auf ihre Kosten erwirtschaftet haben.
Wer auf Gerechtigkeit setzt, gefährdet das Funktionieren unserer Wirtschaft. Der ist am Ende - Gott bewahre! - vielleicht sogar ein Kommunist!
Gerechtigkeit anzulegen kann man also ebenfalls nicht empfehlen, denn sie wäre kein Panzer, sie würde uns vielmehr zur Zielscheibe machen.


Muss ich die anderen Rüstungsteile noch aufzählen? Es dürfte deutlich geworden sein, dass der Epheserbrief seine Leser nicht rüsten, sondern vielmehr bloßstellen will. Wer tatsächlich die Aufforderung des Epheserbriefes befolgen wollte, machte sich im besten Falle lächerlich; im schlimmsten Falle bekäme er eins aufs Haupt - und wäre auch noch selber schuld!


III
Warum will uns der Epheserbrief zu einem solchen Leichtsinn verleiten?
Er hätte es ja nicht in die Bibel geschafft, wenn er böswillig Gläubige ans Messer liefern, oder den christlichen Glauben mit seinen unsinnigen Ratschlägen diskreditieren und lächerlich machen wollte.
Wir müssen uns ansehen, gegen wen es überhaupt in den Kampf geht, um zu verstehen, warum der Epheserbrief gerade diese Ausrüstung empfiehlt.


Es geht nicht gegen Fleisch und Blut - also nicht gegen menschliche Gegner -, sondern gegen böse Mächte, die ihren Ursprung beim Gegenspieler Gottes haben, dem Teufel.
Der Teufel, auf Griechisch und Hebräisch der „Verleumder“, wird in der Bibel beschrieben als einer, der Gott immer wieder gegen die Menschen aufzuhetzen versucht.
Der Teufel sitzt in den biblischen Geschichten nicht uns im Nacken, sondern Gott.
Der Teufel zweifelt an, dass die Menschen so gut sind, wie Gott denkt - und Gott denkt schon ziemlich realistisch von uns. So haben wir letzten Sonntag in der alttestamentlichen Lesung aus der Sintflutgeschichte gehört, dass Gott über Noahs Opfer zu der Einsicht kommt, dass „das Dichten und Trachten des Menschen böse ist von Jugend auf“, dass es also keinen Sinn hat, die Bösen auslöschen zu wollen, weil der Mensch nun einmal so ist, wie er ist.
Der Teufel aber will Gott dazu provozieren, auch noch das Gute im Menschen in Zweifel zu ziehen
- so bei Hiob, dem er unterstellt, dass seine Frömmigkeit nur auf seinen Reichtum und seinem unverschämtes Glück beruhen würde.
Und dem Menschen flüstert er ein, er könne so schöpferisch, so mächtig, so klug sein wie Gott
- so beim berühmten Biss in die verbotene Frucht im Garten Eden und auch bei der Versuchung Jesu in der Wüste.


Heute müssen wir nicht mehr den Teufel bemühen, um die Einflüsterungen zu enttarnen, die uns das Leben schwer machen.
Wir kennen das Gefühl des Ungenügens und der Ohnmacht - das Gefühl, nicht gut genug, nicht schön genug zu sein, nicht genug zu leisten.
Und wir kennen auch die Phantasien der Allmacht:
wir kriegen das Klima in den Griff - obwohl wir alle weiter Auto fahren;
wir schaffen das mit den Flüchtlingen und der Bankenkrise - obwohl wir eigentlich nur die Augen davor verschließen;
wir halten das Bienensterben auf - obwohl wir weiterhin Gift auf die Äcker spritzen;
mit ferngelenkten Bomben bringen wir den Menschen in Krisengebieten den Frieden.
Und wenn wir die Erde eines Tages kaputtgespielt haben, ziehen wir eben auf den Mars um.


IV
Die Logik der Wirtschaft und der Politik ist das Paradox, der Widerspruch:
Wir schaffen das, obwohl wir es nachweislich nicht schaffen.
Wir schaffen die Flüchtlinge im wahrsten Sinne des Wortes, indem wir erfolgreich verhindern, dass sie überhaupt in unser Land kommen - wir lassen sie lieber im Mittelmeer ertrinken. Das gelingt, weil wir über einen autoritären Herrscher in der Türkei, der die Pressefreiheit mit Füßen tritt und seine Gegner einsperrt, den Mantel der Liebe breiten.
Wir meistern die Bankenkrise, indem wir die belohnen und entlasten, die sie ausgelöst haben und dafür verantwortlich sind.
Wir klären die NSU-Morde auf, indem wir Beweise vernichten oder verschwinden lassen.
Und so weiter.


Politik und Wirtschaft folgen keiner Logik - wenn sie je einer gefolgt sind.
Wir aber verlangen vom Glauben, dass er logisch sein soll und beweisbar und wollen nicht glauben, was wir nicht sehen können, weil das „unwissenschaftlich“ ist.
Was wir Politik und Wirtschaft durchgehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken, das kreiden wir dem Glauben an: Dass er paradox ist, also etwas behauptet, was dem Augenschein widerspricht, was dem zuwider läuft, was wir für die Realität halten.

So widersprüchlich ist die Rüstung, die uns der Epheserbrief vor Augen malt.
Eine Rüstung, mit der man nichts anfangen kann, die soll uns helfen im Kampf gegen Mächte, die stärker sind als Menschen?
Und offenbar sind sie auch gefährlicher, weil sie hinter den Handlungen derer stehen, die uns - und vor allem anderen - das Leben schwer machen.
Die Gewalt verüben und Verbrechen.
Die ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen.
Die behaupten, das Demütigen und Verletzen von Frauen sei „Locker-room-talk“, also etwas, was Mann angeblich in der Umkleidekabine so macht.


Der Epheserbrief empfiehlt uns, den Widersprüchen in Politik und Wirtschaft, in zwischenmenschlichen Beziehungen und in der Schule, mit seiner widersprüchlichen Rüstung zu begegnen.

Das besondere an dieser Rüstung ist, dass man die Widersprüche aufgibt, wenn man sie anlegt.
Man mauschelt und mogelt sich nicht mehr so durch, sondern bleibt bei der Wahrheit und trägt notfalls die Verantwortung und die Konsequenzen.
Man fragt nicht mehr zuerst: Was kriege ich dafür? Was habe ich davon? Sondern sorgt sich um Gerechtigkeit: Haben alle genug? Fehlt jemandem etwas?
Vor allem aber beantwortet man Gewalt nicht mit Gewalt, Hass nicht mit Hass. „Unter die Füße habt die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens gebunden“ - das ist nicht bloß ein frommer Spruch. Damit ist gemeint, was Jesus in der Bergpredigt sagt:
Die Feinde zu lieben.
Der Schwester und dem Bruder zu vergeben.
Dem Übel nicht zu widerstehen, sondern es durch Gewaltlosigkeit zu entwaffnen.


Der Epheserbrief möchte also, dass wir den Widersprüchen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik die Konsequenz unseres Glaubens entgegensetzen.
Eine Konsequenz, die sich nicht darin äußert, dass wir zu Fanatikern werden, die alle Andersgläubigen verfolgen.
Sondern darin, dass wir uns selbst darauf verlassen, dass die scheinbar so schwachen Waffen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Glaubens mächtiger und wirkungsvoller sind als das, was gemeinhin als Waffe gilt.


V
Beim genaueren Hinsehen hat sich gezeigt, dass die Rüstung des Epheserbriefes gar nicht die Zumutung ist, die wir anfangs in ihr gesehen haben - sondern eine noch viel größere!
Denn wozu der Epheserbrief uns überreden will, ist, auf etwas zu vertrauen, mit dem wir uns garantiert lächerlich machen, mit dem wir anecken und nichts als Scherereien haben werden:
Auf die Wahrheit. Auf die Gerechtigkeit. Auf den Glauben. Auf das Wort Gottes.

Dazu kann man niemanden überreden, dazu kann man nicht einmal raten.
Das kann nur jede und jeder für sich selbst entscheiden.
Aber soviel sollte deutlich geworden sein: Wenn sich tatsächlich etwas in der Welt ändern soll, wird es sich nicht ändern, wenn wir selbst nicht bei uns anfangen.

Der amerikanische Friedensaktivist Abraham Johannes Muste hat den Satz geprägt: „There is no way to peace - peace is the way“, zu deutsch: Es gibt keinen Weg zum Frieden als nur der Friede selbst. Wenn wir, wie der Epheserbrief möchte, Botinnen und Boten für das Evangelium des Friedens werden sollen, müssen wir bei uns anfangen.
Gott gebe uns dazu den Willen und die Kraft.
Amen.