Mittwoch, 23. November 2016

Krippenspiel für 3 SprecherInnen und wenige Kinder

Dieses Jahr hatte ich die Schwierigkeit, dass sich nur eine kleine Kindergruppe für das Krippenspiel gefunden hat, von denen nur drei ältere Kinder waren, die einen Text lernen können. Die anderen sind Kindergartenkinder oder Erstklässler, die maximal einen Satz sagen können. Eins der Kinder ist behindert (Josef). Da ich den Kindern überließ, welche Rolle sie spielen wollten, hatte ich drei Könige, drei Engel, eine Maria und einen Josef. Je ein König und ein Engel und die Maria sind Sprechrollen (*). Dieses Krippenspiel ist daraus entstanden. Vielleicht kann es jemandem mit einer ähnlich kleinen Gruppe als Inspiration dienen.

Krippenspiel am 24.12.2016

Die Rollen:

Engel Gabriel*
Stern-Engel (trägt einen Stern an einem Stab oder Sternlaterne)
Engel
Maria*
Josef
Caspar*
Melchior
Balthasar


1. SZENE: Vorbereitung im Himmel

(GABRIEL, STERN-ENGEL und ENGEL stehen vorn)

    GABRIEL:   Ist alles vorbereitet?

    ENGEL:     (nicken) Ja.

    GABRIEL:    Hast du den Stern richtig geputzt,
                damit er schön leuchtet?

    STERN-ENGEL:    Ja. (zeigt den Stern)

    GABRIEL:    Du musst den drei Weisen
                den Weg nach Bethlehem zeigen.
                Lauf nicht zu schnell,
                sonst verirren sie sich.
                Lauf aber auch nicht zu langsam,
                sonst kommen sie zu spät.
                Schaffst du das?

    STERN-ENGEL:    Ja.

    GABRIEL:    Dann fliege jetzt zu den Weisen.
   
(STERN-ENGEL geht ab)

    GABRIEL:   Und du musst mir helfen, 
               den Hirten die Botschaft zu sagen,
               dass Jesus geboren ist.

ENGEL:     Das mache ich.

GABRIEL:   Wollen wir noch mal üben,
           was wir den Hirten sagen?

ENGEL:     Ja.

GABRIEL:   Was sagst du?

ENGEL:     Fürchtet euch nicht!

GABRIEL:   Richtig!
           Und ich sage: 
           “Ich verkündige euch große Freude,
           die allem Volk widerfahren wird.
           Denn euch ist heute der Heiland geboren,
           welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
           Und das habt zum Zeichen:
           Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
           und in einer Krippe liegen.“ 

           Dann sagen wir beide:

GABRIEL und ENGEL gemeinsam:
           
           “Ehre sei Gott in der Höhe
           und Friede auf Erden
           bei den Menschen seines Wohlgefallens.”
   
     GABRIEL   (schaut auf die Uhr)
                Bald ist es soweit.
                Mal sehen, ob der Stern schon bei den Weisen ist.

(GABRIEL und ENGEL ab)


2. SZENE: Die Weisen brechen auf

(CASPAR, MELCHIOR und BALTHASAR kommen nach vorn. Sie tragen dicke Bücher und ein Fernrohr. STERN-Engel steht auf der Bühne und hält einen Stern)

     CASPAR:    Habt ihr auch den neuen Stern gesehen?

     MEL. und BAL.    (nicken) Ja.

     CASPAR:    Es ist ein ganz besonderer Stern.
                So einen habe ich nie zuvor gesehen.

     MEL. und BAL.    Wir auch nicht.

     CASPAR:    Habt ihr schon herausgefunden,
                was der Stern bedeutet?

     MEL. und BAL.    Nein. Weißt du es?

     CASPAR:    In diesem Buch habe ich etwas gefunden. 
                Es heißt “Die Bibel”. Hier steht:
                “ein Kind ist uns geboren,
                und auf seine Schulter ist die Herrschaft gekommen.
                Die Herrschaft wird grösser und grösser,
                und der Friede ist grenzenlos
                auf dem Thron Davids”. 

                Ich denke, der Stern zeigt uns,
                dass dieser Friedenskönig jetzt geboren wird.

     MEL.:      Wir wollen ihn besuchen.

     BAL.:      Und ihm unsere Geschenke bringen.

     CASPAR:    (zum STERN-ENGEL)
                Kannst du uns hinbringen?

     STERN-ENGEL:    Ich zeige euch den Weg.

     CASPAR:    Dann leuchte uns voran.
                Wir folgen dir.

(STERN-ENGEL geht vor, CASPAR, MELCHIOR und BALTHASAR folgen ihm)

GEMEINDELIED zur Umbaupause:
Krippe und zwei Stühle werden aufgebaut

3. SZENE: Maria berichtet

(MARIA kommt mit JOSEF nach vorn. Sie setzen sich an die Krippe)

     MARIA:     Das war ein langer Weg!
                Und anstrengend war es. 
                In Bethlehem hatten wir richtig Pech.
                Josef hat an alle Türen geklopft.

JOSEF:     (macht Geste des Klopfens)

MARIA:     Aber an jeder Tür dasselbe:
           “Tut mir leid, alles belegt.”
           Josef war ganz schön sauer.

JOSEF:     (macht Geste des Zornes)

MARIA:     Er hat geschimpft und wollte nicht glauben,
           dass kein Zimmer mehr frei ist.
           Aber zum Glück hatte ein Wirt diesen Stall für uns.
           Nicht das, was wir uns erhofft hatten.
           Ich hatte mich auf ein weiches Bett gefreut.
           Und Josef auf ein gutes Essen und Glas Wein.

JOSEF:     (macht Geste des Essens und Trinkens)

MARIA:      Aber jetzt sind wir hier,
            bei Ochs und Esel,
            in einem muffigen Stall.

 JOSEF:     (hält sich die Nase zu)

 MARIA:     Hier ist mein Kind zur Welt gekommen.
            Es heißt Jesus.
            Es liegt in dieser Krippe.
            Ich kann es noch gar nicht glauben:
            Es ist so klein und zerbrechlich
            und so schön!


4. SZENE: Die Engel kommen von den Hirten

(GABRIEL und ENGEL kommen auf die Bühne)

      GABRIEL:    Das hat gut geklappt!
                  Die Hirten haben unsere Botschaft gehört
                  und sind gleich losgelaufen zum Stall.
                  (zum ENGEL)
                  Du hast deine Sache sehr gut gemacht!
   
      ENGEL:      Danke!

      GABRIEL:    Jetzt wollen wir schnell zum Stall fliegen 
                  und sehen,
                  ob der Stern-Engel die Weisen richtig geführt hat.
                  Komm, fliegen wir los!

(ENGEL und GABRIEL ab)


5. SZENE: Die Sterndeuter kommen an.

(MARIA und JOSEF sitzen an der Krippe. ENGEL und GABRIEL stehen im Hintergrund. STERN-ENGEL kommt auf die Bühne, gefolgt von CASPAR, MELCHIOR und BALTHASAR. Geht dann zu ENGEL und GABRIEL)

      CASPAR:     Ich glaube, wir sind da.

      MEL.:       Ein Stall?

      CASPAR:     Du hast recht.
                  Ein König müsste eigentlich 
                  in einem Palast wohnen.
                  Aber im Palast wusste man nichts
                  von einem neu geborenen König.
                  Der König war sogar richtig misstrauisch
                  und hat uns ausgefragt.
                  Gut, dass wir nichts verraten haben!

       BAL::      Da ist es!

       CASPAR:    Ja, da sind die Eltern.
                  Und in der Krippe muss das Kind sein.

(die drei gehen zur Krippe, schauen hinein)

       MEL.:      Wie schön es ist!

       BAL.:      Und wie klein!

       CASPAR:    Wie heißt das Kind?

       MARIA:     Es heißt Jesus.
                  Das bedeutet: Gott hilft.

       CASPAR:    Das ist der Friedenskönig,
                  von dem wir in der Bibel gelesen haben.
                  Sei uns willkommen, Friedenskönig!
                  Bringe allen Menschen den Frieden.

Samstag, 19. November 2016

Diese Worte sind eingetreten

Predigt am Ewigkeitssonntag, 20. November 2016, über Offenbarung 21,1-7:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr.
Und die heilige Stadt Jerusalem sah ich als neue herabsteigen aus dem Himmel, von Gott bereitet, wie eine Braut geschmückt wird für ihren Mann.
Und ich hörte eine gewaltige Stimme vom Thron, die sprach:
„Sieh her! Gottes Zelt [geht] mit den Menschen,
und er wird mit ihnen wohnen,
und sie werden sein Volk sein,
und Gott selbst mit ihnen wird ihr Gott sein.
Und er wird abwischen jede Träne aus ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
weder Trauer noch Klagegeschrei noch Schmerz wird noch sein,
weil das Erste vergangen ist.“
Und der auf dem Thron sitzt, sprach:
„Sieh her, alles mache ich neu!“
Und er spricht:
„Schreibe, dass diese Worte glaubwürdig und wahr sind“.
Und er sprach zu mir:
„Sie sind eingetreten.
Ich bin der erste und der letzte Buchstabe,
der Anfang und das Ende.
Ich werde dem Durstigen [zu trinken] geben aus der Quelle des Wassers des Lebens umsonst.
Wer durchhält, wird das [alles] bekommen,
und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist nur noch gut einen Monat hin,
dann werden wir sie wieder hören,
die alten, geheimnisvollen Worte:
„Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Johannes 1,14).
Von Jesus ist die Rede,
der in einem Stall in Bethlehem geboren wird
und in einer Futterkrippe liegt.
Jesus, das Wort.
Jesus, das eine Wort Gottes (Barmen I).
Wie kann es sein, dass ein Mensch ein Wort ist?

I
Viele von uns haben im zurückliegenden Kirchenjahr einen Menschen verloren,
der für sie der Liebste war, oder die Liebste,
Mutter oder Vater,
Bruder oder Schwester,
Oma oder Opa,
Freundin, Nachbarin, Kollegin.
Heute sind wir hier, um uns an sie zu erinnern
und um ihre Namen zu verlesen.

Diese Menschen, deren Namen wir heute nennen,
waren für die, die sie verloren, mehr als ein Name.
Für sie waren sie die Liebste oder der Liebste,
waren sie Vater oder Mutter,
Schwester oder Bruder,
Freund oder Freundin.
Wenn sie „Vater“ oder „Mutter“ dachten,
sahen sie diesen einen, besonderen Menschen vor sich,
der jetzt nicht mehr da ist.

So geht es uns allen.
„Mutter“ oder „Vater“, „Schwester“ oder „Bruder“, „Freund“ oder „Freundin“ sind keine abstrakten Begriffe für uns.
Wir sehen ein Gesicht vor uns, wenn wir diese Worte hören.
Das Gesicht unserer Mutter, unseres Vaters.
Das Wort „Vater“, das Wort „Mutter“ wurde Fleisch.
Es nahm Gestalt an in einem ganz bestimmten Menschen - unseren Eltern, eben.

Es wurde Fleisch - im Guten wie im Bösen.
Wie eine Mutter, wie ein Vater ist:
Das ist für uns verbunden mit den Erfahrungen, die wir mit unseren Eltern gemacht haben.
Es ist für uns damit verbunden, wie unser Vater, unsere Mutter für uns war.
Wir haben andere Mütter und Väter kennen gelernt.
Manchmal haben wir vielleicht davon geträumt, wie es schön es gewesen wäre,
wenn die unsere Mutter, der unser Vater hätte sein können.
Und manchmal waren wir froh, dass wir nicht solche Eltern hatten wie die,
dass unsere Eltern anders waren.

II
Viele von uns haben im zurückliegenden Kirchenjahr ihren Liebsten, ihre Liebste verloren,
einen Elternteil,
ein Geschwister,
einen Freund oder eine Freundin.
Der Mensch, der für uns die Mutter, den Vater verkörperte, in dem der Liebste, die Liebste Gestalt gewann, ist nicht mehr da.
Hat dadurch das Wort „Vater“ oder „Mutter“ sein Fleisch,
seine ganz konkrete Gestalt in Gesicht und Wesen eines Menschen verloren?

Nein.
Wenn Sie „Vater“ oder „Mutter“ hören,
wenn Sie an Ihre Liebste, Ihren Liebsten denken,
dann sehen Sie immer diesen einen Menschen vor sich,
der das für Sie war.
Das einmal Fleisch gewordene Wort verliert seine Gestalt nicht.
Selbst, wenn man andere Freunde hat, wenn man neue Freunde findet;
selbst, wenn man eine neue Liebe findet:
die eine, der eine bleibt, was er oder sie für Sie war.

„Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“.
Wer einen Menschen liebt oder geliebt hat, weiß, was damit gemeint ist.
Was für andere nur ein Wort ist,
bekommt für die, die liebt, ein Gesicht.
Bekommt Hände und Füße,
ein Wesen und eine Stimme.

So war und so ist es auch mit Jesus.
Für den, der glaubt, ist „Jesus“ nicht nur ein Name,
der irgendetwas bezeichnet.
Für die, die glaubt, hat Jesus ein Gesicht,
Hände und Füße,
ein Wesen und eine Stimme.

Wie aber kann das sein,
wo wir doch Jesus nie gesehen haben?

Wir haben ihn kennen gelernt
in den Geschichten, die in der Bibel von ihm erzählt werden.
Wir haben seine Stimme gehört in den Worten,
die von ihm berichtet werden.
Wir haben sein Wesen erkannt in den Verheißungen der Bibel, die von ihm sprechen.
Und wir haben sein Gesicht gespiegelt gesehen in den Gesichtern der Menschen, denen er sich zugewandt hat.
In all dem ist Jesus uns begegnet als der, der uns über alles liebt.
Er begegnet uns als Bruder und als Freund.
So, wie Gott uns als Vater und als Mutter begegnet.
Für die, die an Gott glauben, gibt es noch einen zweiten Vater; sie denken beim Wort „Vater“ nicht nur an ihren leiblichen Vater, sondern auch an den, den wir als „Vater unser im Himmel“ anreden.
Wer an Jesus glaubt, denkt beim „Bruder“ und beim „Freund“ nicht nur an den leiblichen Bruder, die beste Freundin oder den besten Freund, sondern auch an Jesus.

III
Jesus ist das eine Wort Gottes,
mit dem alles gesagt ist, was zu sagen ist.
Weil dieses eine Wort „Liebe“ lautet.
Jesus ist die Mensch gewordene Liebe Gottes.
Mehr braucht es nicht zum Leben.
Mehr muss nicht gesagt werden.

Diese Liebe Gottes zu uns spricht auch aus den Worten von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, die wir so oft bei Trauerfeiern vorlesen.
Diese Worte sagen:
Da kommt noch etwas.
Der Tod ist nicht das Ende.
Trauer und Leid werden nicht über uns bestimmen.
Das der geliebte Mensch gestorben ist,
ist nicht das letzte Wort über diesen Menschen.

Was da kommt, wird anders sein als das, was wir kennen.
Ein neuer Himmel, eine neue Erde werden das, was wir von Himmel und Erde zu wissen meinen, in neuer Gestalt verkörpern.
Auch Gott wird anders da sein als bisher.
Wie zu den Zeiten, als er mit Israel durch die Wüste wanderte, wird er mit uns sein, mitten unter uns.
Gott wird sein Zelt aufschlagen mitten zwischen unseren Zelten.
Gott wird uns nahe sein - so nahe, wie er es früher nur Mose war, mit dem er von Angesicht zu Angesicht redete wie mit einem Freund.
So nahe, dass er uns die Träne aus dem Auge wischen kann, wie das eine Mutter für ihr Kind tut.

Ein schönes, ein tröstliches Bild.
Zu schön, um wahr zu sein.
Was hilt es, wenn jemand die alten Geschichten der Bibel mit neuem Leben füllt? Was hilft es uns?

Wir müssen nicht glauben, dass es so gewesen ist, wie die Bibel erzählt.
Wir müssen nicht glauben, dass es so werden wird, wie der Seher Johannes es beschreibt.
Es sind Bilder.
Bilder, die unserer Sehnsucht, unserer Hoffnung Gestalt geben.
Wir hoffen auf das Ende von Leid und Schmerz.
Wir hoffen auf die Überwindung des Todes.
Wir hoffen, dass der Abschied von Menschen, die wir lieben - und dass eines Tages unser Abschied von dieser lieben Erde, von den Menschen, an denen wir hängen -, dass dieser Abschied nicht das Ende sein wird, mit dem alles aus und vorbei ist, nach dem nichts mehr kommt.
Dieser Hoffnung gibt der Seher Johannes mit seinen Worten eine Gestalt.
Die Hoffnung wird Fleisch, sie wird greifbar, wir können sie zu unserer Hoffnung machen.
Wenn wir versuchen, über den Tod hinaus zu denken,
sehen wir vor uns den neuen Himmel, die neue Erde.
Sehen wir Gott behutsam die Tränen abwischen,
wie das eine Mutter für ihr Kind tut.

IV
Das Bild des Sehers Johannes gibt unserer Hoffnung Gestalt.
Und indem es ihr Gestalt gibt, wird das Wort Fleisch in uns.
Es wird zu einem Bild, das wir in uns tragen.
Das uns tröstet.
Das uns Mut macht.
Das uns antreibt, dem neuen Himmel, der neuen Erde entgegenzugehen,
für das Kommen des Reiches Gottes zu  beten und zu arbeiten.

Wer den Mut hat, zu glauben, für den gibt es eine wichtige Nachricht:
„Diese Worte sind eingetreten“, sagt Jesus.
Das Reich Gottes ist schon angebrochen;
es ist mitten unter uns.
Die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde,
auf Gott, der die Tränen abwischen und den Tod vernichten wird,
hat sich bereits erfüllt.
Sie ist Fleisch geworden in dem einen Wort Gottes, Jesus,
das alle Buchstaben des Alphabets umfasst, vom Ersten bis zum Letzten.
Und damit alles, was sagbar ist. Alle Worte.

Jesus verkörpert uns die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod;
die Hoffnung, dass die Liebe Leid und Schmerz und sogar den Tod besiegt.
Jesus verkörpert diese Hoffnung nicht nur,
in ihm ist sie Wirklichkeit geworden.
Jesus ist auferstanden,
er hat den Tod besiegt,
er hat bewiesen, dass die Liebe stärker ist
als alle Macht und Gewalt,
stärker als alle Dunkelheit, alles Leid und aller Schmerz.

V
Die Hoffnung auf ein Ende von Leid und Schmerz,
auf ein Leben nach dem Tod ist Fleisch geworden.
An Weihnachten liegt diese Hoffnung als kleines Kind in einer Futterkrippe.
Als Kind, das unser Herz berührt, unsere Liebe weckt.
In diesem Kind wird die Hoffnung greifbar.
Das zarte, zerbrechliche, neu geborene Leben schenkt uns die Gewissheit,
dass das Leben über den Tod siegt
und die Liebe niemals aufhört.
Amen.

Mittwoch, 16. November 2016

Reue, die niemanden reut

Predigt am Buß- und Bettag, 16. November 2016, über Römer 2,1-11:

Du kannst dich nicht rechtfertigen, Mensch, wenn du urteilst. Worin du nämlich den anderen beurteilst, verurteilst du dich. Du tust ja dasselbe, wenn du urteilst. Wir wissen aber, dass Gottes Urteil über die, die so etwas tun, sachgemäß ist. Meinst du aber, Mensch, der du über die urteilst, die so etwas tun, und dasselbe tust, dem Urteil Gottes zu entgehen? Oder verachtest du die Fülle von Gottes Güte, Nachsicht und Geduld und weißt nicht, dass Gottes Güte dich zur Reue bewegt? Wegen deines harten und zur Reue unfähigen Herzens häufst du dir Zorn an am Tag des Zorns und der Offenbarung des Gerichtes Gottes.
Gott wird jedem nach seinen Taten vergelten. Denen, die durch konsequent gutes Handeln Ruhm, Ehre und Unsterblichkeit suchen, wird er ewiges Leben geben. Die aber, die aus Egoismus der Wahrheit ungehorsam sind, aber dem Unrecht gehorchen, werden Wut und Zorn zu spüren bekommen.
Bedrängnis und Not komme über jeden, der Schlechtes tut, den Gläubigen zuerst und auch den Ungläubigen. Ruhm, Ehre und Frieden aber für jeden, der Gutes tut, den Gläubigen zuerst und auch den Ungläubigen, denn Gott macht keinen Unterschied.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie das: Manchmal braucht man einen Schubs, manchmal braucht es etwas Druck von außen, damit man sich zu einer ungeliebten Arbeit aufrafft. 
Manchmal müssen die Fruchtfliegen erst ihre Kreise ziehen, damit man endlich den Müll rausbringt. 
Manchmal braucht es erst die Mahnung vom Finanzamt, damit man endlich die Steuererklärung macht. 
Manchmal muss die Liebste erst ein paar deutliche Worte sagen, damit man endlich die leeren Flaschen aus dem Keller zum Container bringt …
Zu ungeliebten Arbeiten muss man sich manchmal regelrecht zwingen - oder gezwungen werden -, damit man sie tut. Das weiß auch Paulus, und darum stellt er denen, die Schlechtes tun, Wut und Zorn in Aussicht, damit sie sich zu Reue und Umkehr bequemen.

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ - dieses Goethewort kennen alle, und innerlich stimmt man ihm auch zu. Aber leichter ist es doch, gemein zu sein, egoistisch und schlecht.
Man macht das ja nicht mit Absicht. Jedenfalls nicht immer. Es ist uns zur Gewohnheit geworden. Und genau diese Gewohnheit nimmt Paulus aufs Korn, wenn er uns vor der Schlechtigkeit warnt, indem er Gottes Wut und Zorn heraufbeschwört.

I
Das, was Paulus unter schlechtem Handeln versteht, ist das Urteilen. Darauf wären wir wohl nicht gekommen. Wir würden als Beispiele für Schlechtigkeit das Lügen nennen, den Vertrauensbruch, oder den Diebstahl. Aus aktuellem Anlass könnte man auch die Feindseligkeit gegenüber Fremden und Ausländern dazu zählen. Oder die Einschüchterung durch gewalttätiges Auftreten, durch Kleidung und Hassparolen. 
Aber Urteilen? Das machen wir doch ständig, das ist etwas ganz Normales, Alltägliches! Was sollte daran falsch, gar schlecht sein?

Wir wuchsen mit Urteilen auf. Zu dem ersten, was wir hörten, gehörte: Das hast du aber fein gemacht!, wenn uns der erste Schritt gelang, wenn wir aufs Töpfchen gingen, später das Radfahren oder das Schwimmen lernten.
In der Schule bekamen wir dann Fleißbienchen, und später Zensuren. Und spätestens dann gab es auch den Tadel, der auch in Zahlen ausgedrückt wurde. Mit einer 4, 5 oder gar 6 ließ man sich besser nicht zuhause blicken …
Wir wuchsen mit Urteilen auf, und seitdem beurteilen wir auch, was wir erleben: Das Wetter ist schön oder schlecht, die Sendung im Fernsehen war interessant oder öde, das Buch spannend oder langweilig. Das Urteilen ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Oft ist der erste Satz, den wir sagen, bereits ein Urteil, als wäre unser Leben eine Talentshow, und wir sitzen in der Jury und bewerten die Leistungen.
Darum sagen wir so selten danke. Danke, dass ihr Kirchenältesten euch um den Erhalt der Kirche kümmert und so viel von eurer Zeit dafür investiert. Statt dessen heißt es: 
Wieso lasst ihr denn die Wand verputzen?! Die sah doch unverputzt viel schöner aus! 
Und warum die Südwand? Die Nordwand hat's doch viel nötiger!
Warum lasst ihr die Kirchentür in einem so scheußlichen Grau streichen!? 
Und hättet ihr bei der Treppe nicht auch gleich das Podest neu machen können, das alte beißt sich doch mit den neuen Stufen!

II
Es ist, als wäre unser Leben eine Talentshow. Oft finden wir uns aber nicht in der Jury wieder, die ihre Noten abgibt, sondern auf der anderen Seite. Wir werden ständig beurteilt. Von der Familie, von den Nachbarn, von den Kollegen, vom Chef. Immer gibt es etwas an uns zu kritisieren, nie ist man einfach nur dankbar und zufrieden. Das gefällt niemandem, und viele leiden unter diesem ständigen Beurteiltwerden.

Aber bevor wir mit dem Finger auf die zeigen, die uns beurteilen, und uns über sie ärgern, weil sie so undankbar und ungerecht sind, fassen wir uns schnell an die eigene Nase. Und erinnern uns daran, dass, wer mit dem Finger auf andere zeigt, mit drei Fingern auf sich selbst zeigt.
Wir sind nicht besser als die anderen. Wenn wir nicht gerade beurteilt werden, sitzen wir selbst in der Jury. Wir urteilen über andere und beurteilen, was sie tun. Auch wir sagen selten „danke“ und häufiger „das gefällt mir nicht“, „so ist das nicht richtig“. Deshalb, sagt Paulus, gibt es für uns keine Rechtfertigung. Wir haben kein größeres Recht, andere zu beurteilen, als sie, uns zu beurteilen.

Warum können wir das Urteilen nicht überhaupt bleiben lassen? Warum fällt es uns offensichtlich so schwer, uns einfach zu freuen, dass jemand etwas getan hat? Warum gelingt es uns so selten, eine Arbeit anzuerkennen, auch, wenn wir sie besser gemacht hätten?

Eigentlich ist diese ganze Bewerterei und Beurteilerei doch völlig überflüssig. Sie hilft niemandem, sie richtet nur Schaden an, bewirkt Verletzungen und Frust. Warum können wir das nicht lassen?

III
Zu den Kriegsspuren, die uns in der diesjährigen Friedensdekade beschäftigten, gehören die Verletzungen. Noch schlimmer als die Einschusslöcher in den Wänden, als die zerstörten Gebäude und Städte sind die Verletzungen an Leib und Seele. Wer einmal so verletzt wurde, wer sein Zuhause, gar jemanden aus seiner Familie durch den Krieg verlor, vergisst es sein Lebtag nicht. Der kann dem nicht vergeben, der ihm das antat, und wird nach einer Möglichkeit suchen, es ihm zu vergelten. Daher kommt die endlose Kette der Gewalt und der Kriege. Jeder Militärschlag zieht einen Gegenschlag nach sich; jeder Schlag bewirkt, dass jemand zurückschlägt.

Das gilt auch vom Urteilen. Auch Urteile können Schläge sein - oft sind sie als Schläge beabsichtigt, sollen verletzen, kränken, demütigen. Noch im Ratschlag, der ja meist gut gemeint ist, steckt der Schlag: Ratschläge sind auch Schläge. Das hat jeder erfahren, der einen ungewollten Ratschlag erhalten hat.

Wir wurden von klein auf beurteilt. Von klein auf erlebten wir, wie mit Urteilen Gewalt gegen uns angewendet wurde. Keine körperliche Gewalt. Aber wir haben gespürt: Die Beurteilung drängt uns in eine Richtung. Wir sollen etwas nicht so tun, wie wir es wollen und können, sondern so, wie es von uns verlangt wird. Selten hörten wir: „Toll, wie du das hingekriegt hast!“. Viel öfter: „Du machst das ganz falsch! So macht man das!“

Diese Beurteilungen haben uns verletzt - und was uns verletzt, ist eine Form der Gewalt. Ist es da ein Wunder, dass wir zurückschlagen, wenn wir können? Zwar können wir es nicht denen heimzahlen, die uns beurteilten; dafür geben wir die Verletzungen an andere weiter: An Schwächere; an von uns Abhängige; an die, die sich nicht wehren. 
Wie beim Krieg entsteht auch beim Beurteilen eine Kette von Gewalt und Gegengewalt, von der niemand mehr sagen kann, wann sie angefangen hat, und die niemand zerbrechen kann. Für jedes Urteil, das über uns gesprochen wird, rächen wir uns mit einem Urteil über jemand anderen. Und so geht es weiter und weiter, bis in alle Ewigkeit …

IV
Krieg ist eine Kette der Gewalt, und auch das Urteilen ist eine Kette verbaler Gewalt. In diesen Ketten von Gewalt und Gegengewalt liegt die Ausweglosigkeit des Krieges und des Urteilens. Kriege ließen sich nur beenden, wenn es gelänge, die Kette von Gewalt und Gegengewalt zu zerreißen, indem man einmal nicht Gewalt mit Gewalt beantwortet. Ebenso ließen sich die Urteile beenden, wenn man einmal ein verletzendes Urteil nicht mit der Beurteilung eines anderen beantwortet.

Gott beurteilt uns nicht.
Gott wendet uns Güte, Nachsicht und Geduld zu.
Wenn wir einen Fehler gemacht haben, sagt Gott nicht: „Du Idiot, so muss du das machen!“
Gott sagt freundlich: „Komm, probier's doch noch einmal!“
Wenn wir dann den selben Fehler wieder machen, verliert Gott nicht die Geduld mit uns, wie wir es täten, sondern macht uns Mut, es noch einmal zu versuchen.
Und wenn wir siebzig mal sieben Mal den selben Fehler machten - Gott würde uns immer noch liebevoll anstupsen und sagen: „Komm, du schaffst das! Ich glaube an dich!“

Wir sind nicht wie Gott. 
Wir sind nicht so geduldig wie Gott, nicht so gütig und nicht so nachsichtig. Und wir brauchen es zum Glück auch nicht zu sein.
Aber Gottes Güte, Geduld und Nachsicht mit uns sollte uns ab und an dazu bewegen, auch mit unseren Mitmenschen gütig, geduldig und nachsichtig zu sein.

Gütig, indem wir sie mit Humor nehmen, wenn sie einmal schlecht gelaunt sind oder sich schlecht benehmen.
Geduldig, indem wir ihnen eine zweite Chance geben. Oder eine dritte. Oder vielleicht sogar eine weitere …
Nachsichtig, indem wir ihnen gute Absichten unterstellen und nicht gleich die schlechtesten.

Wenn wir das versuchten, könnten wir die Ketten der Gewalt unterbrechen. Davon wird wahrscheinlich nicht gleich viel zu merken sein. Aber je mehr sich unserem guten Beispiel anschließen, desto größere Auswirkungen wird es haben. Wenn wir es schaffen könnten, mehr und mehr auf das Urteilen und Beurteilen zu verzichten, hätten wir alle viel mehr Freude am Leben und an der Arbeit. 

Dann würde es auch viel mehr Spaß machen, Kirchenältester zu sein. 
Dann würden sich vielleicht auch Leute trauen, in der Gemeinde mitzumachen, die es sich bisher nicht zutrauten, oder die sich die ständige Kritik nicht mehr anhören mochten. 
Dann würde von uns, von dieser Gemeinde, von diesem Ort Freude ausgehen.

V
Am Buß- und Bettag betrachten wir kritisch, was wir tun. Wir fragen nach den Gründen und den Folgen unseres Tuns. Wir tun das mit Gottes Güte, Nachsicht und Geduld im Rücken. 
Wir können uns selbst kritisch sehen, weil Gott uns nicht auf unsere Fehler und Schwächen, sondern auf unsere Stärken und Möglichkeiten hin ansieht. So können wir Reue empfinden, die wir nicht bereuen. Reue, die uns bedauern lässt, was falsch lief, und uns Mut macht, unsere Einstellung, unser Verhalten zu ändern. 
Der erste Schritt zu dieser Reue ist, dass wir erkennen und glauben, wie gut Gott es mit uns meint. Gebe Gott, dass wir diesen ersten Schritt gehen können.
Amen.