Sonntag, 18. Februar 2024

Versuchungen

Predigt am Sonntag Invokavit, 18. Februar 2024, über Matthäus 4,1-11


Liebe Schwestern und Brüder,


Versuchungen sind etwas Alltägliches.

Allzuoft erliegen wir ihnen.

Zum Beispiel, gerade in der Fastenzeit,

der zartesten Versuchung, seit es Schokolade gibt.

Wir werden rückfällig, wenn ein Sofa hinter uns steht.

Der Schlummertaste auf dem Handy,

den Neuigkeiten auf Facebook,

den kleinen Filmchen auf TikTok oder Instagram

können wir nicht widerstehen.

Wir prokrastinieren - schieben unliebsame Pflichten

oder dringende Aufgaben vor uns her,

indem wir Zeit auf dem Handy vertun - Sie kennen das.


Smartphones, so scheint es, machen es besonders schwer,

der Versuchung zu widerstehen:

Durch das Handy liegt sie nur einen Handgriff,

ein Wischen des Fingers entfernt.

Aber das ist ein Irrtum:

Der innere Schweinehund hat schon immer

jede Gelegenheit ergriffen, die sich ihm bot,

lange vor der Erfindung des Smartphones.


Versuchungen sind etwas Alltägliches.

Und sie sind lebenswichtig.

Denn wir lernen durch sie.

„Probieren geht über studieren”,

„man kann’s ja mal probieren”,

„ein Versuch schadet nicht” -

in solchen Redewendungen zeigt sich,

wie sehr die Versuchung zum Versuch Teil unseres Lebens ist.

Wer ihr nicht nachgibt, kann nichts lernen,

kann keine Erfahrungen machen.


Natürlich hätte man sich im Nachhinein

manche Erfahrung gern erspart.

Und doch muss man am eigenen Leibe erleben,

wovor Eltern und Ältere warnten.

Bevor man die Erfahrung tatsächlich machte,

erschien sie zu verlockend und ganz harmlos.

Hinterher ist man klüger

und hat hoffentlich daraus gelernt.


Von anderer Art sind die Versuchungen,

die Jesus bestehen muss.

Weder sind es Ablenkungen,

noch kann er daraus etwas lernen.

Eher das Gegenteil ist der Fall:

Diese Versuchungen sind ein Test,

wie man in der Schule mit einen Test nachweisen muss,

dass man den Stoff gelernt und verstanden hat,

oder wie erst die Fahrprüfung entscheidet,

ob man ein Auto fahren darf.


Jesus muss sich einer Überprüfung seines Glaubens unterziehen.

Dazu muss er drei Proben bestehen:

Als erstes soll er seinen Glauben demonstrieren.

Er soll zeigen, dass er Glauben besitzt, und wie viel Glauben er hat.

In der zweiten Prüfung soll Jesus seinen Glauben rechtfertigen

angesichts des eklatanten Widerspruchs,

der zwischen den Glaubensaussagen der Bibel

und unserer alltäglichen Wirklichkeit besteht.

Die letzte Prüfung soll dann erweisen,

ob Jesus bereit ist, seinen Glauben zugunsten der Macht zu verleugnen.


Auf den ersten Blick scheint es,

das sind Proben, die nur von Jesus verlangt werden können,

weil er der Sohn Gottes ist.

Darum bekommt er auch einen ganz besonders fiesen Prüfer, den Teufel.

Aber tatsächlich sind diesen Versuchungen, die Jesus bestehen muss,

alle ausgesetzt, die an Gott glauben.

Offenbar kann der Glaube auch beim Sohn Gottes in Gefahr geraten.

Darin ist er, wie es in der Epistel heißt, „versucht wie wir.”


An den Proben, denen Jesus sich stellen muss,

erkennen wir, wo unser Glaube herausgefordert wird.

Und die Antworten, die Jesus seinem Prüfer gibt,

können uns zeigen, wo unser Glaube festen Grund finden kann.


Beginnen wir also mit der ersten Prüfung:

„Wenn du der Sohn Gottes bist,

befiehl, dass diese Steine Brot werden sollen.”


Was der Teufel von Jesus verlangt, ist ein Wunder.

Ein Wunder, das die Naturgesetzte aus den Angeln hebt.

Das Wunder gehört irgendwie zum Glauben dazu.

Wir wissen zwar, dass Wunder nicht möglich sind.

Aber irgendwo in uns gibt es einen Rest von Aberglauben,

der sich diesem Wissen widersetzt.

Vielleicht gibt es ja doch Wunder.

Die Welt ist so groß und bunt,

wir wissen so wenig,

es könnte doch sein, dass da noch etwas anderes ist.

Da ist es doch nicht verkehrt,

dreimal auf Holz zu klopfen, um Leitern einen Bogen zu machen

oder seinen Teller leer zu essen, damit morgen die Sonne scheint.

Vielleicht hilft es ja, vor der Klassenarbeit zu beten,

um eine schlechte Zensur zu verhindern.

Vielleicht rechnet Gott einem das Gute an,

das man getan hat - oder zumindest tun wollte -,

und man kann von ihm einen Gefallen einfordern,

weil man etwas gut hat bei ihm.


Die stille Hoffnung auf ein Wunder,

darauf, dass es für mich eine Ausnahme von der Regel gibt,

ist eine Seite des Aberglaubens.

Die andere Seite ist das Gefühl, seinen Glauben

darstellen und rechtfertigen zu müssen.

Es reicht nicht, im stillen Kämmerlein zu beten;

man sollte seinen Glauben öffentlich zeigen,

damit andere sehen, dass man gläubig ist.

Als Pastor sollte ich deshalb vielleicht ein Kreuz tragen,

ein Kollarhemd oder einen Lutherrock,

damit man sieht, dass ich ein geistliches Amt bekleide.


Hinter der Versuchung, seinen Glauben derart zur Schau zu stellen,

steht die Angst, der eigene Glaube könnte nicht genügen;

er könnte zu klein sein, er könnte nicht ausreichen.

Jesus begegnet dieser Angst mit dem Hinweis auf das Wort Gottes.

Dieser Hinweis besagt:

Nicht ich bin es, der oder die glaubt.

Glaube ist keine persönliche Leistung,

keine Fähigkeit, die man erwerben, üben und steigern kann.

Glaube kommt von Gott, durch sein Wort.

Jede und jeder bekommt den Glauben von Gott geschenkt;

niemand bekommt zu wenig, niemand mehr als die anderen.

Ein Pastor hat nicht mehr Glauben als eine Konfirmandin,

eine regelmäßige Kirchgängerin nicht mehr als ein Weihnachtschrist.


Die zweite Probe lautet:

„Wenn du der Sohn Gottes bist,

spring vom Dach des Tempels!”


Der Glaube sieht sich von der Wirklichkeit herausgefordert.

Skeptiker und Gegnerinnen des Glaubens verlangen Beweise,

dass es Gott wirklich gibt.

Der Sprung von der Tempelzinne wäre ein Beweis,

der jeden Zweifler zum Schweigen brächte.

Und, wenn wir ehrlich sind,

manchmal hätten wir auch gern so einen Beweis.

Nämlich dann, wenn wir nicht erleben,

was der Psalm verspricht:

„Gott hat seinen Engeln befohlen,

dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.”

Wo sind sie, die Engel, wenn man sie braucht?

Diese Frage lässt sich noch steigern:

Warum passiert das ausgerechnet mir?

Warum lässt Gott das zu?


Die Versuchung besteht darin,

auf diese Frage eine Antwort zu geben.

Wer es versucht, maßt sich an zu wissen, was allein Gott weiß -

oder es sogar besser zu wissen als Gott.

Man darf - man muss sogar manchmal -

Gott dieses WARUM ins Gesicht schleudern.

Dann kann man die Erfahrung machen,

dass Gott den Schmerz, den Zorn aushält,

der ihm entgegen geschleudert wird.

Gott lässt uns nicht fallen, wenn wir auf ihn wütend sind,

wenn wir nach dem Warum fragen.

Gott teilt unsere Wut über die Ungerechtigkeit des Lebens und der Welt,

über die Gemeinheit und Bosheit unserer Mitmenschen.

Gott begegnet unserem Schmerz mit Mitgefühl,

unserem Zorn mit Liebe.

Und gibt trotzdem keine Antwort auf unsere Frage nach dem Warum.


Es gibt eine Grenze zwischen Gott und Mensch,

zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Manchmal ist es kaum auszuhalten,

dass wir nur kleine Partikel im Strom des Lebens sind

und nicht Gebieter über das Leben.

Wenn Jesus sagt: „Du sollst Gott nicht versuchen”, ist das kein Trost.

Sondern ein Hinweis auf die Grenze,

die uns gezogen ist und die wir so gern überschreiten würden.

Wir wären manchmal gern mehr, als wir sind.

Wir würden manchmal gern Gott spielen.

Wir stellen Gott auf die Probe mit unserem Warum.

Aber Gott lässt sich nicht provozieren.

Gott hält uns stand.

Liebevoll, freundlich, aber unerbittlich

weist er uns unseren Platz im Leben:

als Geschöpfe, nicht als Schöpfer.


„Das will ich dir alles geben,

wenn du mich anbetest.”


Die dritte und größte Versuchung für den Glauben ist die Macht.

Auch Macht ist etwas Notwendiges und Alltägliches.

Sie ist überall, wir alle üben sie täglich über einander aus.

Dieser Gottesdienst zum Beispiel zwingt Sie dazu,

auf Ihrem Platz zu sitzen und mir zuzuhören.

Sie haben sich dem freiwillig unterworfen,

trotzdem ist es ein Zwang,

den der Ablauf des Gottesdienstes erfordert.

Sie ordnen sich dem Gottesdienst unter -

und ich tue es auch.

Auch ich bin gezwungen, der Liturgie zu folgen

und das zu tun, was Sie von mir als Pastor erwarten.


Neben dieser Macht, die unser Miteinander bestimmt,

gibt es die Macht, die jemand ergreift,

um über andere zu herrschen

und seinen oder ihren Willen durchzusetzen.

Es ist die Macht der Eltern, der Lehrerinnen und Lehrer,

die für Kinder Verantwortung übernehmen,

bis sie selbst entscheiden können.

Es ist die Macht der Ärztin, die eine Operation durchführt,

oder der Polizei, die Ordnung und Sicherheit gewährleistet.


Macht kann auch missbraucht werden.

Dazu missbraucht, sich über andere zu erheben,

sich an anderen zu bereichern,

sie auszunutzen oder zu quälen.

Diesem Machtmissbrauch steht der Glaube entgegen.

Der Glaube fragt nach Gottes Willen

und unterwirft sich damit Gottes Macht,

der uns nicht ausnutzen und nicht schaden will,

sondern Gutes für uns und alle Menschen im Sinn hat.

Darum antwortet Jesus:

„Du sollst Gott allein anbeten und dienen.”


In diesem Satz ist zusammengefasst, was Glauben bedeutet

und worin ein Leben im Glauben besteht:

Gott Herr sein lassen.

Wenn Sie jetzt denken: Nichts leichter als das!,

denken Sie bitte noch einmal nach.

Nichts ist schwerer, als sich fremder Macht zu unterwerfen.

Denn damit gibt man ja seine Freiheit auf.

Wir wissen noch, wie es als Kind war

und warum wir unbedingt erwachsen werden wollten.


Wenn wir Gott nicht nur „Vater” nennen,

sondern auch akzeptieren, dass wir seine Kinder sind

und Gott wie ein guter Vater, eine gute Mutter für uns ist,

dann bedeutet das:

wir sind als Erwachsene wieder Kinder geworden.

Gottes Kinder.

Der Theologe Friedrich Schleiermacher hat diese Einsicht

das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit” genannt.

Dieses Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott,

das ist der Glaube.

In dieser schlechthinnigen Abhängigkeit liegt,

so wiedersinnig das klingt, uns´ere Freiheit begründet.

Denn Gott macht uns ja nicht zu Sklaven,

sondern befreit uns von allem,

was Macht über uns beansprucht.

Wir werden frei, selbst zu entscheiden;

wir sind frei, auch Nein zu sagen.


Versuchungen sind etwas Alltägliches.

Auch der Glaube lebt von Versuch und Irrtum.

Nie sind wir wirklich frei von Aberglauben.

Nie können wir uns darauf beschränken,

dass Gott Gott ist und wir „nur” Menschen sind.

Und nie können wir Gott wirklich Herr sein lassen.


Gott erwartet nichts anderes von uns.

Gott weiß ja, wie wir sind, und dass wir nicht anders können.

Seine Geduld mit uns speist sich aus seiner Liebe zu uns,

und die ist unergründlich und unerschöpflich.

Wenn wir diese Geduld Gottes erfahren, glauben wir.

Dann gelingt es uns, Gott Herr sein zu lassen.

Dann sind wir frei.

Sonntag, 4. Februar 2024

man weiß nicht wie

Predigt am 2.Sonntag der Passionszeit, Sexagesimae, über Markus 4,26-29

Liebe Schwestern und Brüder,


„wie war zu Köln es doch vordem

mit Heinzelmännchen so bequem!

Denn, war man faul, man legte sich

hin auf die Bank und pflegte sich:

Da kamen bei Nacht, ehe man’s gedacht,

die Männlein und schwärmten

und klappten und lärmten

und rupften und zupften

und hüpften und trabten

und putzten und schabten.

Und eh ein Faulpelz noch erwacht,

war all sein Tagewerk bereits gemacht!”


An die Heinzelmännchen erinnert das Gleichnis,

das Jesus im Evangelium erzählt.

Wie niemand diese hilfreichen Wesen je zu Gesicht bekam,

so geht es auch dem Sämann: „Er weiß nicht wie.”

Er weiß nicht, wie es vor sich geht,

dass der Same keimt und wächst.


So geht es uns heute auch noch.

Natürlich weiß man heute,

welche biochemischen Vorgänge dazu führen,

dass der Samen keimt und daraus eine Pflanze wächst.

Man weiß, wieviel Wärme, Feuchtigkeit und Nährstoffe

dazu nötig sind,

und wie der Code der DNA die Entwicklung

und das Wachstum der Pflanze steuert.

Doch auch wir staunen noch darüber,

dass aus einem Samen eine Sonnenblume wächst,

eine Mohrrübe, ein Radieschen oder eine große Fichte.


Es geschieht ohne unser Zutun, von selbst.

Wenn der Boden bereitet ist,

Feuchtigkeit und Temperatur stimmen,

dann wird aus dem Samenkorn von selbst eine Pflanze.

Doch damit ein Saatkorn so automatisch heranwächst,

müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.

Und die erfüllen sich nicht von selbst.

Es ist nicht so, wie es im Evangelium heißt,

dass man hingeht und aufs Geratewohl Samen auswirft,

und am Ende den Weizen ernten kann.

Schön wär’s!


Bevor man säen kann, muss der Boden bereitet sein.

Er muss tiefgründig gelockert und gut gedüngt sein.

Es darf nichts anderes darauf wachsen,

wenn die Weizenkörner eine Chance haben sollen.

Auch nach der Aussaat kann man nicht einfach

die Hände in den Schoß legen und schlafen,

wie es der Mensch im Gleichnis macht.

Was an Wildkräutern neben dem Weizen aufwächst,

muss gejätet werden, damit es das Getreide nicht erstickt.

Pilze, Schädlinge müssen bekämpft werden;

bei Trockenheit muss man für Wasser sorgen.

Und selbst die Ernte kann einem noch verhagelt werden.


Von nichts kommt nichts - das lehrt uns die Erfahrung.

Das Geschirr spült sich nicht von selbst,

die Wäsche wäscht, trocknet, bügelt sich nicht von allein.

Auch der Müll trägt sich nicht selbst hinaus.

Und wenn man darauf wartet,

dass vielleicht ein Familienmitglied sieht,

dass Wäsche aus der Maschine genommen

und aufgehängt werden müsste,

dass der Müll fast überquillt

und wirklich kein Teller mehr in die Spülmaschine geht,

wartet man oft vergebens.

Da sehnt man sich schon mal ein Heinzelmännchen herbei.


Manchmal scheint eines dagewesen zu sein.

Da hat jemand die Wäsche gebügelt.

Hat den Kühlschrank gefüllt,

die Wohnung aufgeräumt und gesaugt

oder die Hauswoche erledigt

und auch noch Blumen auf den Tisch gestellt.

Das sind sehr besondere Momente,

gerade weil man nicht damit gerechnet hat.

Sie machen oft mehr Freude als ein Blumenstrauß, Pralinen

oder ein Gutschein zu Muttertag.


Doch so viel Freude diese Erfahrungen auch machen -

die Regel sind sie leider nicht.


Oft hätte man es dann doch auch besser selbst gemacht:

Wenn jemand ein rotes T-Shirt mit der weißen,

oder den geliebten Wollpulli mit der Kochwäsche gewaschen hat.

Weil man viel mehr Geschirr in die Spülmaschine bekommt,

wenn man sie selbst einräumt,

und weil es dann auch wirklich sauber wird.

Weil niemand so gut, so gründlich, so schnell

putzt, bügelt, aufräumt,

einkauft, kocht oder spült wie man selbst.


Wie schade.

Denn es wäre ja auch denkbar,

dass man einfach zu schnell war für die anderen.

Sie hätten es auch gemacht - nur, da war schon alles fertig.


Es wäre auch denkbar,

dass man die anderen entmutigt,

wenn man wegen des eingelaufenen Pullis eine Szene macht

oder triumphierend vorführt,

wie viel mehr Geschirr in die Maschine passt,

wenn man sich nur ein bisschen Mühe gibt.


Es wäre auch denkbar, dass andere sich mehr beteiligen würden,

wenn sie es so tun dürften, wie sie es vermögen

und es nicht genauso machen müssten wie man selbst.


Damit etwas von selbst geschehen kann,

muss man es auch geschehen lassen.

Man kann alles für die Aussaat Nötige tun;

dass das Weizenkorn keimt und wächst,

kann man nicht erzwingen.

Man kann auch sein Wachstum nicht beschleunigen,

indem man am Halm zieht.


Man kann sich entscheiden, alles selbst zu machen -

oder andere machen lassen.

Dann aber muss man aushalten können,

dass sie es nicht dann tun, wann man will

und nicht so, wie man selbst es machen würde.


Jesus erzählt von der Saat,

die von selbst keimt, wächst und reift

und vom Menschen, der nicht weiß, wie es geschieht,

und meint damit das Reich Gottes.

Das Reich Gottes, von dem der Dichter Kurt Marti singt:


„Der Himmel, der ist,

ist nicht der Himmel, der kommt,

wenn einst Himmel und Erde vergehen.


Der Himmel, der kommt,

das ist der kommende Herr,

wenn die Herren der Erde gegangen.


Der Himmel, der kommt,

das ist die Welt ohne Leid,

wo Gewalttat und Elend besiegt sind.


Der Himmel, der kommt,

das ist die fröhliche Stadt

und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.”


Es steht noch aus, das Reich Gottes,

es steht uns erst noch bevor.

Erst müssen Himmel und Erde vergehen,

müssen die Herren dieser Welt gegangen sein.

Wir werden es wohl nicht erleben.


Doch weil es uns sicher erwartet,

bildet das Reich Gottes den Maßstab,

an dem wir messen, was ist

und an dem wir erkennen, was nicht gut ist;

was nicht so ist, wie es sein sollte oder sein könnte.

Das Reich Gottes ermutigt uns dazu,

etwas zu verändern - uns zu ändern, wie Kurt Marti sagt:


„Der Himmel, der kommt,

grüßt schon die Erde, die ist,

wenn die Liebe das Leben verändert.”


Immer wieder haben Menschen,

die mit ihren Lebensumständen unzufrieden waren

oder mit dem Leiden anderer Mitgefühl hatten,

versucht, etwas zu verändern.

Manchmal geschah und geschieht es im Kleinen

durch Taten der Nächstenliebe,

durch Widerstand und Widerspruch,

durch einen Neuanfang, eine neue Idee.

Und manchmal gab es eine Revolution,

die ein ganzes Land umstürzte.


Man kann wohl sagen,

dass Veränderungen zum Leben dazugehören,

sogar das Leben ausmachen:

Wie man das Kopfkissen so lange zurechtrückt,

bis man bequem darauf liegen kann,

versuchen wir, uns das Leben zurechtzurücken,

bis wir damit zufrieden sind.

Und auch hier macht man die Erfahrung:

Von nichts kommt nichts.

Wenn man will, dass sich etwas ändert,

kann man nicht warten, dass es jemand anders tut:

Man muss schon selbst Hand anlegen.


So ist es mit dem Reich Gottes nicht.

Das Reich Gottes kommt ohne unser Zutun.

Wir können es nicht beschleunigen,

wir können es nicht herbeizwingen.

Von selbst wächst es heran, wir wissen nicht, wie.

Wir sehen nichts davon.

Das bedeutet aber nicht, dass es nicht nahe ist.

Vielleicht trennt nur eine Haut, dünn wie Papier,

Gottes Zukunft von unserer Gegenwart.

Eine Haut, die wir nicht zerreißen können,

hinter der wir aber schemenhaft ahnen,

was uns die Bibel verheißt.


Gottes Zukunft, sein Reich

der Gerechtigkeit und des Friedens

beeinflusst unsere Gegenwart und verändert sie.

Gott beeinflusst und verändert uns durch die Liebe:


Die Liebe, die uns nicht nur erträgt, sondern annimmt,

macht uns fähig zu ertragen, dass andere anders sind:

anders handeln, anderes wichtig finden als man selbst.

Die Liebe lässt uns erkennen,

dass unser Maßstab nicht der einzige und allein richtige ist.

So, wie es andere tun, kann es auch gehen,

kann es auch richtig sein.


Die Liebe, die uns nicht nur erträgt, sondern vergibt,

macht uns fähig, zu ertragen, wenn wir enttäuscht werden,

weil wir etwas von anderen erwarten,

was sie uns nicht geben können oder geben wollen.

Die Liebe vertraut, dass sie sich ändern können

und dass wir uns ändern können.

Sie gibt Gelegenheit zu Klärung oder Widerspruch,

um gemeinsam die Gegenwart zu gestalten.


Die Liebe, die uns nicht nur erträgt, sondern ermächtigt,

macht uns fähig, nicht alles selbst machen,

nicht alles kontrollieren und in der Hand behalten zu müssen.

Die Liebe kann andere machen lassen.

Sie kann Gott machen lassen.

Sie hat Geduld zu warten,

bis etwas von selbst wächst und reift und Frucht bringt,

auch ohne Heinzelmännchen.

Sonntag, 28. Januar 2024

Herrlichkeit

Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 28.1.2024, über 2.Korinther 4,6:

„Gott sprach: Aus der Finsternis soll Licht scheinen.

Gott schien in unsere Herzen.

Dadurch erleuchtete er uns.

Wir erkannten die Herrlichkeit Gottes.

Sie erstrahlt im Angesicht Jesu Christi.”


Liebe Schwestern und Brüder,


jeder Anfang liegt im Dunkeln.

Wir haben keine Erinnerung an den Beginn unseres Lebens,

an unsere Geburt.

Was beginnt, begann im Dunkel.

Nach dem im Dunkeln verborgenen Anfang kommt das Licht.

Das Licht der Welt, das wir erblickten.

Dem Licht folgen Worte.

Wir hörten, dass diese Helle „Licht” ist oder „Sonne”,

„Lampe” oder „Kerze”, an der man sich verbrennen kann.

Wir lernten, dass man nicht in die Flamme fassen darf,

dass das Licht nicht zu fassen, nicht zu greifen ist.

Schließlich wurde unser Verstand erleuchtet:

Was wir mit den Händen ergriffen,

fügte sich uns zu Begriffen, zum Begreifen und zur Erkenntnis.

Eines Tages wussten wir, was „Licht” war

und was es bedeutet.

Erst dann wurde es eigentlich Licht für uns.


Jeder Anfang liegt im Dunkeln.

In die Dunkelheit des Anfangs spricht Gott sein Wort:

Es werde Licht.

Gottes schöpferischer Anfang liegt im Dunkeln.

Wenn es vollbracht ist, wenn er das Wort gesprochen hat,

wird es Licht.

Licht lässt erkennen.

Erst im Licht sehen wir, was im Verborgenen geschah.

Licht macht den Unterschied,

ermöglicht zu unterscheiden:

Hier beginnt etwas, da hört es auf.

Hier bin ich, da bist du.


Gottes schöpferisches Handeln vollzieht sich,

bevor das Licht erstrahlt.

Es bleibt im Dunkeln, es bleibt verborgen.

Wir wüssten nichts von Gottes Schöpfung,

wäre nicht das Wort:

„Und Gott sprach: Es werde Licht.”

Der Glaube spricht das Wort des Schöpfers nach,

das niemand hören konnte,

weil noch nichts existierte.

Wer es nachspricht, wie Paulus es tut,

erkennt, wie das Licht in der Finsternis erstrahlt.


Das Licht scheint in der Finsternis.

Und es ist in unseren Herzen aufgegangen.

Sein Anfang liegt im Dunkeln.

Wie Gott am Anfang das Licht durch sein Wort erschafft,

so beginnt unser Glaube damit,

dass Gott das Licht des Glaubens in uns entzündet.

Wir bemerkten nichts davon.

Wir wussten es nicht,

bis wir zum ersten Mal die Welt in einem anderen Licht sahen.

Das göttliche Licht lässt uns eine andere Wirklichkeit sehen.


Diese andere Wirklichkeit unterscheidet sich von der Welt,

die uns umgibt.

Zugleich eröffnet sich die andere Wirklichkeit

mitten in der Welt:


Wir sehen am Himmel die Wolken ziehen,

wir sehen den Boden unter unseren Füßen;

wir sehen das Gras, sehen Bäume,

Fische, Insekten, Vögel.


Und wir sehen die andere Wirklichkeit:

Das alles ist Gottes Schöpfung.

Alles in ihr hat seine einzigartige Schönheit,

seinen Wert und seine Würde von Gott.

Alles Leben ist von Gott gewollt.

Alles Leben hat einen Sinn und ein Ziel.

Alles ist uns anvertraut,

damit wir sorgsam mit Gottes Schöpfung umgehen

und sie bewahren.


Wir sehen Menschen, große und kleine,

junge und alte, hell- und dunkelhäutige,

Frauen, Männer und alles dazwischen und darüber hinaus.


Und wir sehen die andere Wirklichkeit:

Diese Menschen sind unsere Nächsten,

die wir lieben wollen wir uns selbst.

Sie sind Gottes Kinder, wie wir.


Der helle Schein, den Gott in unsere Herzen gab,

fällt auf alles, was wir ansehen.

Wir sehen es, wie alle anderen es sehen.

Und zugleich sehen wir es im Lichte Gottes:

Bestimmt und umschlossen von Gottes Liebe, Gottes Macht.


Es gibt Gewalt, Bosheit und Willkür.

Doch Gott hat die Macht der Mächtigen gebrochen.

Er hält sich zu den Kleinen, Schwachen, Ohnmächtigen.

Er ermächtigt sie, sein Reich des Friedens

und der Gerechtigkeit zu bauen.


Es gibt Leid, Schmerz und den Tod.

Doch Gottes Liebe hat den Tod überwunden.

Seine Liebe kann nicht besiegt werden.

Sie lässt sich nicht unterkriegen.

Sie triumphiert über das Leid und über den Tod.


Im Licht, das Gott in unseren Herzen erschaffen hat,

das uns erleuchtet und uns Gottes Wirklichkeit

mitten in der Welt erkennen lässt,

sehen wir Gottes Herrlichkeit.


Gottes Herrlichkeit ist keine Steigerung dessen,

was wir als schön empfinden,

ins Übermenschliche und Unermessliche.

Gottes Herrlichkeit ist Alles, ist universal;

sie ist das All, das Universum.

Licht ist sein Kleid,

Sterne der Saum seines Gewandes.

Gott kleidet sich in die Schönheit seiner Schöpfung.


Durch das Licht des Glaubens erkennen wir,

dass die Wunder dieser Welt,

das Wunder des Lebens und das Wunder,

das unser Leben selbst ist,

ein Abglanz von Gottes Herrlichkeit sind.

Dieses Erkennen nennt der Theologe Friedrich Schleiermacher

„Sinn und Geschmack fürs Unendliche”.

Im Endlichen erkennen wir das Unendliche,

im Kleinen, Schwachen und Zerbrechlichen

die Größe und Allmacht Gottes.


Wer Sinn und Geschmack fürs Unendliche entwickelt hat,

der, dem wird die kleine Alltagswelt zu klein.

Gottes Herrlichkeit erweitert unsere Vorstellung,

überwindet Grenzen, Traditionen und Konventionen.


Auch die Grenzen, die wir zu anderen Menschen ziehen,

überwindet der Sinn und Geschmack fürs Unendliche.

Im Licht von Gottes Herrlichkeit gibt es keine Völker,

keine „Rassen” - die gibt es ohnehin nicht.

In seinem Licht fallen die Grenzen der Kulturen,

der Religionen, der Sprachen oder Ideologien dahin.

In seinem Licht hat nur die Menschheit bestand,

die von jedem einzelnen Menschen repräsentiert wird.

Jede und jeder ist ein wichtiger, unentbehrliches Teil

des Ganzen der Menschheit.

Nur als das Ganze der Menschheit

dürfen wir uns als Gottes Ebenbild verstehen.

Jesus Christus wurde ein Teil der Menschheit.

Ein Teil des Ganzen, ohne den das Ganze nichts ist.


So sehen wir in Gottes Antlitz,

wenn wir einander ins Gesicht schauen.

Wir sehen es nicht wirklich.

So stark ist das Licht des Glaubens nicht,

dass wir durch das Geschöpf hindurch

den Schöpfer erblicken könnten.

Doch auf jedem Gesicht leuchtet ein Abglanz

der Herrlichkeit Gottes.

Den kann der Glaube wahrnehmen,

der von Gottes Licht erleuchtet wurde.


Auf unseren Gesichtern ist es nur ein Abglanz.

Aber auf dem Angesicht Jesu erstrahlt sie,

die Herrlichkeit Gottes, schreibt Paulus.

Wo kann man dem Angesicht Jesu begegnen,

wo kann man es sehen?


Auf dem Turiner Grabtuch findet sich der Abdruck

des Gesichtes eines bärtigen Mannes.

Fromme Gemüter wollen darin das Gesicht Christi erkennen.

Doch ein Abdruck ist kein Erstrahlen,

und das Turiner Grabtuch war Paulus noch unbekannt.


Vielleicht ist es in Schönheit zu finden,

im Gesicht der Schönsten unter den Menschen.

Vielleicht sucht Deutschland deshalb das Supermodel,

weil sich eigentlich alle danach sehnen,

gesehen zu werden, angesehen und erkannt,

mit ihren Wünschen und Bedürfnissen,

ihrer Angst und ihrem Stolz.

Jesus würde uns so ansehen.


Aber solche äußerliche Schönheit ist nur um ihrer selbst willen da.

Sie sieht nur sich selbst.

Alle anderen sieht sie als Konkurrentinnen.

Sie spendet keine Wärme, keine Liebe, keinen Trost.


Sollte Jesus unter den Frommen zu finden sein?

Wer sich um den Glauben bemüht,

wer um des Glaubens willen auf vieles verzichtet,

wird die, wird der nicht allmählich selbst wie Jesus?

Wird der, wird die nicht durchsichtig auf Gott hin,

wie es die Heiligen für viele Menschen waren und noch sind?


Aber Jesus hat nicht Opfer gesucht, sondern Barmherzigkeit.

Keine geistlichen Höchstleistungen, sondern Liebe,

die sich selbst annehmen kann mit allen Fehlern und Schwächen.

Weil sie die Liebe spürt und aus der Liebe lebt,

mit der sie von Gott angenommen ist,

und so diese Liebe Gottes anderen weitergeben kann.


Das Antlitz Jesu, auf dem Gottes Herrlichkeit erstrahlt,

findet man in den Gesichtern derer,

die Jesus die „Kleinen” nennt:

Menschen, die bedürftig sind.

Menschen, die man an den Rand gedrängt hat,

Menschen, die man nicht mehr bei uns haben will,

weil sie nicht so sind wie wir.

Menschen, für die sich niemand interessiert.

Menschen, die man in Anstalten und Heimen vergessen hat.


Wer sich zu diesen Menschen begibt,

wer sich ihnen zuwendet,

ihnen Liebe schenkt und Freundlichkeit,

wird ein Leuchten auf ihren Gesichtern sehen.

Dieses Leuchten: Das ist die Herrlichkeit Gottes,

die im Angesicht Jesu Christi erstrahlt.

Mehr und größeres kann man in diesem Leben

von Gott nicht zu sehen bekommen.

Sonntag, 7. Januar 2024

Platz schaffen

Predigt am 1.Sonntag nach Epiphanias, 7.1.2024 über 1.Korinther 1,26-31

Liebe Schwestern und Brüder,


„am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Und die Erde war wüst und leer.”

Mit diesen Worten beginnt die Bibel;

damit beginnt das schöpferische Handeln Gottes.

Gott erschafft aus dem Nichts die Welt.

Damit Etwas werden kann, muss erst Nichts sein.

Bzw. wenn schon etwas da ist,

muss es erst beiseite geräumt werden,

damit etwas Neues entstehen kann.


Wer Hausaufgaben machen, einen Brief schreiben will,

muss dafür Platz auf dem Schreibtisch schaffen.

Muss so viel zur Seite schieben,

dass Schulbuch und Heft,

dass Laptop oder Computertastatur einen Platz finden.


Neues beginnt damit, dass dafür Platz geschaffen wird.

Altes muss weichen - in den Müll, auf den Dachboden,

in die Hände anderer oder zumindest an die Seite.


Das gilt auch für unser Denken.

Das Denken ändert sich zum Glück selten von heute auf morgen.

Ganz allmählich, fast unmerklich

verändern sich Ansichten und Meinungen.

Aber auch hier gilt: Bevor Neues gedacht werden kann,

muss Altes beiseite geschoben

oder ganz aufgegeben werden.


Das Alte: Das sind die Vorstellungen und Ansichten,

in die man quasi hineingewachsen ist.

Man hat sie als Kind unzählige Male gehört

und dadurch verinnerlicht,

bevor man gelernt hatte, sie zu hinterfragen.

Inzwischen sind sie selbstverständlich geworden.

Man kommt gar nicht mehr auf den Gedanken,

dass es auch anders sein, anders gehen könnte.


Um auf andere Gedanken zu kommen,

braucht es einen Anstoß von außen.

Die Begegnung mit jemandem,

die oder der es anders sieht, anders macht.

Dieser Anstoß setzt das eigene, eingefahrene Denken

wieder in Bewegung.

Am Ende dieser Bewegung kann es geschehen,

dass man eine Meinung, eine Überzeugung beiseite schiebt,

von der man nie gedacht hätte,

dass man sie ändern könnte.


Paulus nennt solche Überzeugungen „dem Fleische nach”;

heute würde man wohl von menschlichen Maßstäben sprechen.

Er zählt sie auf: Weisheit, Macht, Vornehmheit.

Weisheit und Vornehmheit sind Begriffe,

die wir heute kaum noch verwenden.

Statt „Weisheit” könnte man sagen: Bescheid wissen;

statt „Vornehmheit” Einfluss.

Nur mit der Macht ist es heute noch so wie damals:

Über Macht spricht man nicht, man hat sie -

oder hat sie nicht.


Bescheid wissen, Macht und Einfluss

sind miteinander verbunden

und treten oft zusammen auf:

„Wissen ist Macht”, sagt man.

Wer Bescheid weiß, hat auch Einfluss.

Und Einfluss zu haben bedeutet, Macht zu besitzen.


Bescheid wissen, Macht und Einfluss haben sind Mittel,

um etwas zu erreichen,

seinen Willen, seine Vorstellungen durchzusetzen

und zu verwirklichen.

Über diese Mittel sagt Paulus, Gott habe sie nicht erwählt.

Gott erwählte das Gegenteil:

das Törichte, das Schwache, das Geringe und Verachtete.

Mit Dummheit, Schwäche und ohne Einfluss

erreicht man aber nichts -

und hat auch nichts zu melden.


Dummheit, Schwäche, keinen Einfluss -

Paulus meint damit seine Leser, die Korinther.

An wen würden wir denken?

An Flüchtlinge vielleicht.

Sie sind nicht dumm,

aber sie beherrschen unsere Sprache noch nicht,

wissen nicht, wie man sich in der Gesellschaft bewegt,

welche Wege man gehen, welche Mittel man einsetzen muss,

um etwas zu erreichen.

Sie haben keine Stimme.


An Kinder könnte man denken.

Auch sie sind nicht dumm.

Sie kennen aber noch nicht die Kniffe,

mit denen man sich Informationen, Macht und Einfluss verschafft.

Sie sind schwach, und gesellschaftlich

sind sie nach wie vor ohne Einfluss:

Kinder haben keine Macht.


Genau sie hat Gott erwählt -

und Menschen, die so schwach sind wie sie.

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder,

werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen”, sagt Jesus (Matthäus 18,3).

Werden wie die Kinder bedeutet, dass man Schwäche zulässt

und das, was gemeinhin als Stärke gilt -

Wissen, Macht und Einfluss - beiseite lässt.

Jedenfalls dort, wo es um unsere Berufung geht.


Von der Berufung handelt der Abschnitt des Briefes,

den Paulus an die Korinther schreibt,

handelt auch der heutige Sonntag.

Davon, dass wir Christ:innen sind,

und wie wir es geworden sind:

dadurch, dass Gott uns berufen hat.


Paulus schreibt: Gott beruft die Törichten,

die Schwachen, die Geringen und Verachteten.

Finden wir uns in dieser Liste wieder?

Würden wir jemandem zustimmen,

der uns so bezeichnete,

wären wir nicht verletzt und verärgert?


Paulus markiert hier einen Gegensatz.

Er will einen Unterschied deutlich machen

zwischen dem, was in der Welt, in der Gesellschaft

als stark und zielführend angesehen wird,

und dem, was dem Glauben als Stärke erscheint.

Dieser Gegensatz zeigt:

Der Glaube ist eine gänzlich andere,

eine neue Art zu denken und die Welt zu sehen.


Für diese neue Art zu denken

muss man erst einmal Platz schaffen,

alte Denkgewohnheiten beiseite schieben.

Wie z.B. dass es auf Stärke ankommt.

Darauf kommt es in der Welt an.

Gott aber steht auf der Seite der Schwachen,

derer, die nicht wissen, wie man Macht und Einfluss gewinnt.

Gott steht auf der Seite derer,

die man für unwichtig und unbedeutend hält.


Man könnte Gott für parteiisch halten,

und das ist er sicher auch.

Aber auch andersherum wird ein Schuh daraus:

Dass Gott zu den Schwachen zu halten scheint,

liegt daran, dass diese Menschen für Gott offen sind.

Wer dagegen Wissen, Macht und Einfluss besitzt

hat keinen Platz für Gott -

ein volles Gefäß kann man nicht weiter füllen.

Und wahrscheinlich hat so jemand ´auch kein Bedürfnis nach ihm.


Wer seine Ziele aus eigener Kraft erreicht,

wer sich durchsetzen kann,

gewinnt dadurch Selbstvertrauen.

Dieses Selbstvertrauen - Paulus nennt es das „Rühmen” -

steht im Weg, wenn man auf Gott vertrauen will.

Man ist stolz auf das, was man weiß, kann und leistet,

und man kann es auch sein.

Aber dieser Stolz verhindert,

dass wir gerade das, worauf wir stolz sind, infrage stellen:

Ob es wirklich so wichtig ist, wie wir denken.


Der Stolz verhindert, dass wir die Welt mit Gottes Augen sehen.

Manchmal verhindert er auch Mitgefühl und Barmherzigkeit.

Vor allem verhindert unser Stolz auf unsere Fähigkeiten,

dass wir uns von Gott schenken lassen,

was im Leben wirklich wichtig ist:


Weisheit, die im unbedingten, grenzenlosen Vertrauen

auf Gottes Liebe besteht, wie Christus es uns vorgelebt hat.

Wir vertrauen statt dessen auf Wissenschaft, Logik

und die Macht des Geldes.


Gerechtigkeit, die uns Christus schenkt

und durch die wir jeden Tag neu anfangen,

mit der wir Fehler machen und uns irren können.

Wir brauchen keine Angst zu haben,

durch einen Fehler, einen Irrtum unser Gesicht,

unser Ansehen zu verlieren.

Statt dessen vertrauen wir unser Leben

Versicherungsgesellschaften an,

verlassen uns auf unser Können und unsere Leistung.


Heiligung, die Christus für uns erwirkt

und durch die wir Gott so recht sind, wie wir sind.

Statt dessen unterwerfen wir uns dem Schönheitsideal der Werbung,

optimieren uns und unseren Körper.


Erlösung, die uns durch Jesu Tod am Kreuz zukommt.

Wir müssen uns nicht selbst erlösen.

- Wir brauchen und wir können es auch nicht.


Um diese Geschenke Gottes annehmen zu können,

muss man Platz für sie schaffen.

Das muss nicht bedeuten, dass wir alle Überzeugungen,

die wir im Laufe unseres Lebens gewonnen haben,

über Bord werfen.

Es reicht, wenn wir sie ein wenig zur Seite schieben.

Dabei kann es geschehen,

dass sie in einem anderen Licht erscheinen,

dass wir beginnen, darüber nachzudenken,

ob sie wirklich so unumstößlich sind, wie wir meinen.

Dadurch gewinnen wir Freiheit -

eine Freiheit im Denken

und die Freiheit, anders zu leben und zu handeln.


Wenn wir, was gemeinhin als Stärke gilt,

ein wenig beiseite schieben,

schaffen wir dadurch Platz für Gottes Macht.

Dann verstehen wir, warum Gott auf der Seite der Schwachen steht.

Vielleicht finden wir sogar den Mut,

uns zu ihnen zu stellen.