Montag, 29. September 2025

auf der guten Seite

Ansprache zu Michaelis, 29.9.2025, über Lukas 10,17-20


Die 72 kehrten voller Freude zurück:

„Herr, auch die Dämonen gehorchen uns,

wenn wir in deinem Namen reden!”

Jesus sprach zu ihnen:

„Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel schlagen.

Seht, ich gab euch Macht,

auf Schlangen und Skorpione zu treten

und über alle Gewalt des Feindes.

Niemand wird euch jemals schaden.

Aber freut euch nicht darüber,

dass euch die Dämonen untertan sind.

Freut euch vielmehr darüber,

dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.”


Liebe Schwestern und Brüder,


72 Jünger sendet Jesus aus -

sie stehen symbolisch für die Zahl aller Völker der damaligen Welt.

Heute sind 193 Staaten Mitglieder der Vereinten Nationen,

dazu noch Palästina und der Vatikanstaat.


Die Aussendung der 72 Jünger, die Lukas hier beschreibt,

dient nicht dazu, den Völkern das Evangelium zu bringen -

davon erzählt Lukas in der Apostelgeschichte.

Hier steht nicht ihre Predigt im Vordergrund,

sondern ihre Macht über die Dämonen.


Die Aussendung der 72 ist damit, wenn man so will, ein politischer Akt:

an ihr scheiden sich die Geister.

Sie werden dazu gezwungen, Farbe zu bekennen;

zu zeigen, auf welcher Seite sie stehen.


Heute, an Michaelis, denken wir nicht nur an die guten Geister,

die Engel, die Boten Gottes.

Sondern auch an ihren Widerpart,

sozusagen „die dunkle Seite der Macht”: die Dämonen.


Im Mittelalter stellte man sie sich als teuflische Monster vor,

die für alles Böse verantwortlich waren, das Menschen einander antaten,

das sie der Schöpfung antaten

und den Tieren, ihren Mitgeschöpfen.


Auf dem Loste-Altar sind die kleinen und großen Teufel

sehr eindrücklich dargestellt.

Manche:n gruselt es bei ihrem Anblick,

vor allem, wenn es im Dom dunkel ist.

Wenn man sich diese Figuren lebensgroß und lebendig vorstellt,

kann einem Angst und Bange werden.


Viele Menschen hatten und haben Angst vor dem Teufel -

allen voran Martin Luther.

Auf der Wartburg warf er einmal mit einem Tintenfass nach ihm.


Aber die kleinen Teufelchen auf dem Altar haben auch etwas Komisches.

Das war schon damals die Absicht des Künstlers,

der dieses Altarrelief schuf:

Damit illustrierte er, was Jesus seinen Jüngern sagt:

„ich gab euch Macht, auf Schlangen und Skorpione zu treten

und über alle Gewalt des Feindes.

Niemand wird euch jemals schaden.”


Der Teufel, den wir uns in unserer Phantasie ausmalen

und der uns solche Angst macht,

kann uns nichts tun.

Der Teufel, den wir uns vorstellen, ist nicht real.

Der Tintenfleck auf der Wartburg,

wenn er denn tatsächlich von Martin Luther stammt,

erzählt eine andere Geschichte:


Der Teufel ist keine Person

und auch keine böse Macht, der wir ausgeliefert sind.

Das Teuflische steckt in uns.

Nicht als Dämon, von dem wir besessen wären.

Sondern als Möglichkeit, die wir besitzen.

So, wie wir die Möglichkeit zum Guten besitzen,

haben wir auch die Möglichkeit, Böses zu tun.

Dazu braucht es keinen Teufel.

Es ist ein Teil von uns.


Die Tinte, mit der Martin Luther schrieb,

war weder gut noch böse.

Aber Luther schrieb damit Gutes,

wie seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen”,

die Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche

oder eines seiner vielen schönen Lieder.


Und er schrieb damit Böses,

lieferte die aufständischen Bauern ans Messer

mit seiner Schrift „Wider die räuberischen
und mörderischen Rotten der Bauern”
;

zeichnete ein Zerrbild des Papstes

und verfasste gegen Ende seines Lebens

antisemitische Schriften,

in denen er seinen Zorn über die Juden ausgoss,

weil sie sein Evangelium nicht angenommen hatten.


Es gibt also nicht das Böse in Person,

sondern in jedem von uns

sind die Möglichkeiten zum Guten und Bösen angelegt;

wir haben manchmal einen guten

und manchmal einen bösen Geist.


Bei manchen überwiegt der gute Geist,

bei manchen der Böse,

und wie die Guten die Möglichkeit zum Bösen haben,

so haben die Bösen auch die Möglichkeit zum Guten.

Nur ergreifen sie sie meist nicht.


Durch Jesu Namen scheiden sich die Geister,

und wie es die gute Seite gibt,

so gibt es auch die dunkle Seite der Macht.

Wir gehören auf die gute Seite,

weil wir auf den Namen Jesu getauft sind.


Zugleich müssen wir uns immer wieder

für eine Seite entscheiden: wo wollen wir stehen?

Wie die 72 sind auch wir dazu berufen,

die Geister zu unterscheiden

und die Dämonen auszutreiben,

indem wir sie beim Namen nennen.


Doch ihre Namen sind nicht Luzifer,

Satan oder Beelzebub.

Sie heißen: Superbia, Avaritia, Luxuria,

Ira, Gula, Invidia und Acedia -

zu Deutsch: Hochmut, Geiz, Genusssucht,

Rachsucht, Maßlosigkeit, Neid und Trägheit.


Das sind keine gehörnten, bocksbeinigen Ungeheuer,

sondern Möglichkeiten, die in uns schlummern.

Wir entscheiden, ob wir sie wecken

oder weiter in uns schlafen lassen.


Ganz frei sind wir allerdings nicht in unseren Entscheidungen.

Oft handeln wir erst
und überlegen dann, ob es richtig war -
und stellen fest, dass wir uns für die falsche Seite entschieden haben.


Darum mahnt Jesus die 72 Jünger,

sich nicht darüber zu freuen,

dass ihnen die Geister untertan sind.

Denn das gelingt einem nicht auf Dauer.

Es führt zu Leid und Schmerz,

wenn man mit Gewalt immer das Richtige tun will.


Sondern darüber sollen wir uns und die Jünger sich freuen,

dass unsere und ihre Namen im Himmel aufgeschrieben sind.

Sie und wir, wir sind auf der guten Seite.

Und das bleiben wir, komme, was wolle.

Selbst, wenn wir uns bewusst für die andere Seite entscheiden sollten,

die gute Seite steht uns immer offen;

dort ist ein Platz auf unseren Namen reserviert.

Und das ist doch ein Grund zur Freude.

Sonntag, 28. September 2025

Siehste

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 28.9.2025 über 1.Petrus 5,5c-11:

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Kind möchte eine Kerze anzünden.
Es hat so oft zugesehen, wie die Eltern es machen;
jetzt möchte es das auch mal probieren.
„Du bist noch zu klein“, sagt die Mutter, „lass mich das machen“.
Aber das Kind quengelt und drängelt,
und schließlich gibt die Mutter nach
und reicht dem Kind die Streichholzschachtel.
Das Kind reißt ein Streichholz an. 
Nichts passiert. 

Nach vielen Versuchen fängt das Streichholz glücklich Feuer.
Stolz hält es das Kind in der Hand,
glücklich betrachtet es die Flamme,
triumphierend blickt es hinüber zur Mutter,
während sich die Flamme immer weiter nach unten frisst.
Das Kind hat ganz vergessen,
wo das Streichholz endet und die Finger anfangen.
Autsch! Da hat es sich verbrannt!
Es lässt das Streichholz fallen und fängt vor Schreck an zu weinen.
„Siehste!“, sagt die Mutter.
„Hättest du auf mich gehört, wäre das nicht passiert.“

I

„Siehste!“ - mit diesem Ausruf der Eltern wachsen viele Kinder auf.
„Siehste!“, das klingt mal triumphierend,
als würde der Schaden, der Schmerz, der Fehler bestätigen,
wie recht die Eltern hatten.
Manchmal klingt es fast mitleidig, „siehste?“,
und dabei wird das Kind schon in den Arm genommen und getröstet.
Und manchmal richtig ärgerlich: „Siehste!!!“ -
vor allem, wenn etwas kaputt gegangen ist.

Viele von uns haben das „Siehste!” erlebt,
und das wohl mehr als einmal.
Früher gab es meist noch einen Klaps dazu,
zur Verstärkung des Lerneffektes.
Denn lernen sollte man etwas daraus:
Dass es besser gewesen wäre, auf die Eltern zu hören.
Und dass man nun hoffentlich in Zukunft hört,
wenn die Eltern warnen oder verbieten.

„Beugt euch unter die starke Hand Gottes“
- auch der Predigttext ermahnt dazu,
auf den zu hören, der den besseren Überblick hat,
der die Konsequenzen absehen kann,
der weiß, was für uns gut ist und was schädlich.

Wussten es unsere Eltern, 
was gut für uns war und was nicht?
Wussten oder wissen wir es als Eltern, 
was gut für unsere Kinder ist und was nicht?

Jedenfalls ist die wichtigste Lebensphase, die Pubertät,
davon geprägt, dass sich das Kind gegen seine Eltern auflehnt.
Dass es nicht glaubt, dass seine Eltern wirklich wissen,
was für das Kind gut ist und was nicht.

Das Kind lehnt sich auf, auch gegen das „Siehste!“.
Es will selber sehen.
Und wenn es wehtut, dann tut es halt weh.
Als Mutter, als Vater steht man machtlos daneben.
Sieht hilflos mit an, wie das eigene Kind auf die Nase fällt
und kann es doch nicht davor bewahren.

II

Irgendwann ist die Pubertät zuende.
Aus dem Kind ist eine Erwachsene geworden, ein Erwachsener.
Es ist nicht so sehr das Ende der Pubertät,
das einen zum Erwachsenen macht:
Man wird in dem Augenblick erwachsen,
in dem einem bewusst geworden ist,
wie hart und unerbittlich das Leben sein kann.
In dem einem bewusst wird, dass für viele Menschen niemand da ist,
der ihnen aufhilft und sie tröstet, wenn sie hingefallen sind
– selbst wenn er dabei „Siehste!“ sagt.
Dass es vielmehr zum Leben gehört,
schmerzhafte, schlimme Erfahrungen zu machen:
„Ihr wisst, dass eure Geschwister in der Welt dasselbe erleiden“.
Wenn wir das wissen, dann sind wir erwachsen.

Dieses Wissen ist nichts, worauf man stolz wäre.
Manchmal, da wünscht man sich sehnsüchtig,
man würde nicht wissen, wie die Welt wirklich ist,
was an teuflischen Gräueln und Verbrechen,
an Gemeinheiten und Hinterlist geschah und geschieht.
Manchmal sehnt man sich die heile Welt der Kindheit zurück
- und weiß doch, dass sie für immer verloren ist.

Wenn man dann selbst Kinder hat, sagt man: „Siehste!“,
wenn sie sich verbrennen oder weh tun.
Und wünscht sich doch inständig,
sie mögen noch nicht so bald sehen,
was die Menschen einander Schlimmes antun;
mancher Anblick, manche Erfahrung
möge ihnen erspart bleiben.

III

Wenn man erkannt hat, wie die Welt wirklich ist,
ist man erwachsen geworden.
Manchmal kommt diese Erkenntnis so mächtig,
so gewaltig über einen, dass man sich verkriechen möchte.
Man will sich schützen gegen diese feindliche Welt,
gegen die Gemeinheit der Mitmenschen.
Mit Lebensversicherungen und Rechtsschutz,
mit Geländewagen und Alarmanlagen,
mit Selbstverteidigungskursen und Survival-Training 
versucht man, sich abzusichern, 
Stärke zu gewinnen und Stärke zu zeigen,
damit niemand auch nur auf den Gedanken kommen kann:
mit der, mit dem kann man's ja machen.

Diese Stärke muss sich auch in der Körperhaltung widerspiegeln:
Kein Entgegenkommen zeigen 
– das könnte als Schwäche ausgelegt werden -.
Keine Freundlichkeit
- die könnte man ausnutzen.
Mit Zynismus, Arroganz und Kälte hält man sich über Wasser
und die anderen vom Leibe,
und nur im engsten Kreis lässt man die Rüstung fallen.

Aber manche können selbst das nicht mehr.
Manche können nicht einmal in der eigenen Familie sein, wie sie sind, 
ihre Gefühle zeigen, ihre Angst, ihre Verletzlichkeit.

IV

„Beugt euch unter die starke Hand Gottes,
damit er euch zur rechten Zeit erhöht.“
Wer erwachsen geworden ist,
wer die Illusionen der Kindheit über die Welt verloren hat,
der beugt sein Haupt nicht mehr.
Denn sich beugen hieße: sich verletzlich machen.
Sich beugen hieße: sich klein machen
und den anderen, vor dem man sich beugt, groß sein lassen.
Sich beugen hieße: vertrauen. 
Denn wer sich beugt, hat nicht mehr unter Kontrolle,
was der andere gerade tut, was er im Schilde führt.

„Beugt euch unter die starke Hand Gottes,
damit er euch zur rechten Zeit erhöht.“
Warum sollte man sich vor Gott beugen,
wenn Gott doch nichts ändern kann an der Welt?
Der heillose Zustand unserer Welt ist wohl
das stärkste Argument gegen die Allmacht Gottes.

Aber verstehen wir „Allmacht“ wirklich richtig,
wenn wir von Gott erwarten, dass er mit der Faust dreinschlägt,
Verbrecher umbringt, Naturkatastrophen verhindert,
schief Gegangenes gerade biegt,
Mitmenschen treu und redlich macht?
Und wollten wir wirklich, dass Gott auch in unser Leben
so eingreift, dass er verändert, was in seinen Augen falsch ist
- was wir aber vielleicht ganz nett und richtig finden?

Wenn Gott von außen in die Welt, in unser Leben eingriffe,
wären wir immer noch Kinder.
Wohlgemerkt, wir sind Gottes Kinder – so,
wie wir zeitlebens Kinder unserer Eltern bleiben
und unsere Kinder zeitlebens unsere Kinder bleiben,
auch wenn sie längst erwachsen sind und selbst Kinder haben.

Wenn Gott von außen in die Welt und in unser Leben eingriffe,
würden wir niemals erwachsen werden.
Wir würden niemals ein Streichholz anreißen,
denn Streichhölzer kann man auch zum Zündeln benutzen.

Worin besteht aber dann die Macht Gottes?
„Der Gott aller Gnade hat euch berufen
zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus.”

Gott ist der „Gott aller Gnade“.
Gnade heißt auf Griechisch: cháris,
und damit wird all das bezeichnet, was Freude erregt.
Gott ist einer, der unsere Freude erregen will,
der uns gut tun will, der will, dass wir glücklich sind.
Nicht nur wir hier im Dom,
alle Menschen sollen glücklich sein.
Gottes Macht besteht darin,
dass seine Sache zur unseren wird.
Gott verwickelt uns in sein Geschäft des Glücks für alle Menschen.

Glück, wie Sie wissen, erreicht man nicht mit Gewalt.
Glück kann man nicht machen.
Glück fällt einem zu. Es ist ein Geschenk.
Es kommt alles darauf an, die Voraussetzungen dafür zu schaffen,
dass Menschen glücklich werden, 
dass ihnen das Glück zufallen kann.
Mit dem Glück ist es so:
Je mehr ich mich um das Glück anderer bemühe,
desto glücklicher bin ich, und desto mehr fällt mir zu.

V

Wenn man erkannt hat, wie die Welt wirklich ist,
ist man erwachsen geworden.
Dann weiß man Bescheid, kennt sich aus mit der Welt,
mit den Menschen.
Und sagt denen, die das noch nicht wissen,
denen, die immer noch an das Gute im Menschen glauben,
die immer noch Hoffnung haben auf eine bessere Welt:
„Siehste!“

Oder man hört nicht auf zu träumen.
Hört nicht auf, an den Menschen zu glauben,
von dem Gott bei der Schöpfung sagte:
„Siehe, es war sehr gut“.
Hört nicht auf, an diese Welt zu glauben,
die Gott gut geschaffen hat.
Lässt die Rüstung fallen, beugt sich hinab,
damit Gottes Wille wahr werden,
Gottes Plan gelingen kann:
Cháris, Glück und Freude, für alle Menschen.

Das ist ein viel größerer Beweis von Gottes Macht:
wenn Menschen gut sein wollen, 
obwohl sie davon keinen Vorteil haben.
Wenn Menschen bei der Wahrheit bleiben,
obwohl sie dann einen Fehler eingestehen müssen.
Wenn Menschen umkehren,
weil sie erkannten, dass sie Unrecht taten.

Dass Gott uns so anrühren und bewegen kann,
dass uns das Schicksal anderer Menschen nicht gleichgültig ist,
sodass wir ihnen helfen möchten
und ihnen das gleiche Glück gönnen, das wir genießen:
ist ein viel größerer Beweis von Gottes Macht,
ein viel größeres Wunder als alle brennenden Dornbüsche,
geteilten Meere, geheilten Gelähmten
und vom Glauben versetzten Berge zusammen.
Denn das größte Wunder ist es doch,
wenn ein Mensch den andern sieht
und seinen alten Weg verlässt.  

So kommt es, das Glück:
Durch Menschen, die glauben
und sich in ihrem Glauben nicht beirren lassen
von dem Leid, das auch ihnen widerfährt.

Die den alten Worten der Bibel vertrauen,
den Hoffnungen und Träumen von einer neuen,
einer gerechten und friedlichen Welt,
auf Gerechtigkeit für alle Menschen.

Wer auf diese neue Welt Gottes hofft,
wird leiden, wie unsere Geschwister in der Welt,
wird Fehler machen, sich irren.
Gott aber wird nicht „Siehste!“ sagen.
Denn „der Gott aller Gnade, der uns berufen hat
zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus,
wird uns vollenden, stark machen,
uns Kraft verleihen und uns ein festes Fundament geben. 
Sein ist die Macht in Ewigkeit.”
Amen.

Samstag, 13. September 2025

Zuneigung

Predigt am Vorabend des 13.n.Trinitatis, 13.9.2025, über Markus 3,31-35:

Die Mutter und die Geschwister Jesu kommen
und stehen vor dem Haus, in dem er sich aufhielt.
Sie schickten jemanden zu ihm, dass sie ihn sprechen wollten.
Um ihn herum saß eine große Menge, und man sagte ihm:
Hey, deine Mutter und deine Brüder und Schwestern sind draußen
und fragen nach dir.
Er antwortet ihnen:
Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?
Und er blickte die, die um ihn im Kreis saßen,
der Reihe nach an und sagt:
Hier sind meine Mutter und meine Geschwister.
Denn wer den Willen Gottes tut,
der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.


Liebe Schwestern und Brüder,

- ach nein, das stimmt nicht.
Ich habe ja gar keinen Bruder.
Ich habe auch nur zwei Schwestern,
und die sind heute nicht hier.

Wie komme ich dazu, Sie als meine Schwestern und Brüder anzusehen
und Sie so anzusprechen: Liebe Schwestern, liebe Brüder?
Wir haben keine gemeinsamen Eltern, dass wir Geschwister,
kein gemeinsames Elternteil, dass wir Stiefgeschwister wären.
Wir sind auch nicht miteinander verwandt,
nicht einmal um drei Ecken.
Wie kann ich Sie dann als meine Geschwister ansehen?

Ich könnte es natürlich gar nicht so meinen.
„Liebe Schwestern und Brüder”, das ist eben so eine Floskel,
die man in der Kirche benutzt.
Wie man „Sehr geehrte Damen und Herren” sagt,
wenn man eine Rede im Bundestag hält,
ohne dass man der Meinung sein muss,
dass die so Angesprochenen
tatsächlich aller Ehren wert seien.
Im Gegenteil: es gehört sich,
dass man auch den politischen Gegner
bei einer solchen Rede
mit „Sehr geehrte Damen und Herren” anspricht.

Das wäre ganz schön verlogen,
wenn ich Sie „Schwestern und Brüder” nenne,
aber in Wirklichkeit gar nicht denke,
dass Sie meine Schwestern und Brüder sind.
Es gehört sich nicht für einen Pastor,
es gehört nicht in einen Gottesdienst:
Etwas zu sagen, was man gar nicht so meint.
Da gäbe es eine andere Möglichkeit:
Ich könnte Sie mit „liebe Gemeinde” anreden.
Das ist neutral, das kann man nicht anders verstehen.
Wobei man sich natürlich trotzdem fragen kann,
ob ich Sie als Gemeinde wirklich lieb habe
oder ob das auch nur so dahingesagt ist.

Gehen wir davon aus, dass ich meine, was ich sage,
wenn ich Sie mit „Liebe Schwestern und Brüder” anspreche.
Ich muss eine ganze Reihe von Voraussetzungen machen,
damit ich Sie so ansehen und anreden kann.
Und Sie teilen diese Voraussetzungen,
wenn Sie sich diese Anrede gefallen lassen.
Denn Sie könnten natürlich auch denken:
Was redet der da? Der ist doch nicht mein Bruder!

Indem Sie mir erlauben, Sie so anzusprechen,
gehen wir von gemeinsamen Voraussetzungen aus,
über die wir uns vorher nicht verständigt haben,
weil sie für uns selbstverständlich sind.
Trotzdem kann es nicht schaden,
sich darüber Gedanken zu machen,
welche Voraussetzungen das sind,
und ob man wirklich bereit ist, sie zu teilen.

Bevor wir jedoch über die Voraussetzungen nachdenken,
könnten Sie zunächst einmal fragen,
wie ich überhaupt dazu komme,
Sie als meine Schwestern und Brüder anzusehen,
wenn wir doch gar keine leiblichen Geschwister sind?
Die Antwort liegt natürlich auf der Hand;
wir haben sie gerade im Predigttext gehört.
Jesus hat es aufgebracht,
dass wir uns als Geschwister ansehen und anreden.

Er spricht von seinen Zuhörerinnen und Zuhörern
als seinen Geschwistern.
Und das sind auch wir.
Wenn wir das Evangelium hören, geschieht es,
dass wir uns angesprochen fühlen.
Schon allein durchs Zuhören gerät man in den Kreis derer,
die Jesus als seine Schwestern und Brüder bezeichnet.
Wir sitzen im Geist um Jesus herum,
während er uns der Reihe nach anblickt,
uns seine Schwestern und Brüder nennt.

Das ist seine Antwort an die,
die im Auftrag seiner leiblichen Familie gekommen sind,
um ihn nach draußen zu holen:
Weg von denen, die ihm zuhören,
hin zu denen, die wenige Verse vorher im Markusevangelium
von Jesus sagten: „Der spinnt!”

Dort heißt es:
Jesus ging in ein Haus.
Und wieder kam eine Menge zusammen,
sodass sie nicht einmal Brot essen konnten.
Als das seine Familie hörte,
kamen sie heraus, um ihn mitzunehmen.
Sie sagten: „Er spinnt!”

Jesus nimmt das seiner Familie ziemlich übel.
Er sagt den Leuten im Haus,
dass jede Sünde vergeben wird,
nur nicht die Lästerung gegen den Heiligen Geist.
Das ist zunächst auf die Pharisäer gemünzt,
die ihm unterstellten, er sei vom Teufel besessen,
mit dessen Hilfe er die Dämonen austreiben würde.

Aber ob man von jemandem sagt,
er sei vom Teufel besessen, oder „der spinnt”,
macht keinen großen Unterschied.
Seine Familie stellt sich damit auf die Seite der Lästerer.
Sie nehmen nicht ernst, was Jesus sagt und tut.
Sie halten ihn für übergeschnappt, für verrückt
und wollen ihn aus dem Verkehr ziehen.

Die erste Voraussetzung ist also,
dass wir Jesus ernst nehmen.
Mit anderen Worten: an Jesus glauben.
Wir halten das, was er sagt und tut, nicht für verrückt.
Wir glauben, dass es wahr ist,
und nehmen es uns zu Herzen.
Darum gehören wir in den Kreis seiner Zuhörerinnen und Zuhörer.
Wenn Jesus sie als seine Schwestern und Brüder anspricht,
sind auch wir gemeint.

Damit kommen wir zur zweiten Voraussetzung,
die mit der ersten zusammenhängt:
Jesus nennt die seine Schwestern und Brüder,
die den Willen Gottes tun.
Hier macht nun Jesus seinerseits eine Voraussetzung:
Das, was er sagt, ist Gottes Wille.
Für uns ist das selbstverständlich,
wir denken gar nicht darüber nach,
weil Jesus für uns der Sohn Gottes ist.
Aber seine Gegner sehen das anders.

Darum hängt die zweite Voraussetzung,
dass wir Jesu Geschwister sind,
mit der ersten Voraussetzung zusammen:
Dass wir Jesus anerkennen.
Anerkennen als den, der er zu sein behauptet:
Gottes Sohn, der den Willen des Vaters
sozusagen aus erster Hand kennt und tut.

Wenn wir Geschwister Jesu sein wollen,
müssen auch wir Gottes Willen tun.
Jesus fasst den Willen Gottes im „Höchsten Gebot” zusammen:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele,
von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft,
und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst” (Markus 12,29-31)
Im Grunde sind es drei Gebote,
die durch die Liebe zusammengehalten werden:
Die Liebe zu Gott,
die Liebe zum Mitmenschen
und die Liebe zu sich selbst.

Die Liebe taucht auch in der Anrede auf:
„Liebe Schwestern und Brüder.”
Was kann damit gemeint sein?
Ich kann Sie unmöglich alle lieb haben.
Ganz abgesehen davon,
dass man nicht jeden Menschen mag
und sich nicht dazu zwingen kann,
jeden Menschen gern zu haben.

Die Liebe, von der hier die Rede ist,
kann man wohl am besten mit dem Wort „Zuneigung” zusammenfassen:
Zuneigung zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst.
Dabei steht nicht das Gefühl im Vordergrund,
das man bei der „Zuneigung” empfindet.
Sondern die Bewegung:
die Bewegung auf jemanden zu.
Auf Gott zu, auf den Mitmenschen, und auf mich selbst.

Wer sich Gott zuneigt,
bewegt sich in Richtung auf Gott hin.
Da man nicht sagen kann, wo genau Gott ist,
ist das eine Wendung nach innen.

Wer sich dem Mitmenschen zuneigt,
wendet sich anderen zu,
sieht sie an, sieht, wer sie sind und wie es ihnen geht
und empfindet dabei Respekt und Mitgefühl.

Und wer sich selbst zuneigt,
achtet auf seine Empfindungen und nimmt sie ernst:
Ob man müde ist oder hungrig,
ob man eine Pause braucht oder eine Umarmung.

So neigt sich Jesus seinen Zuhörerinnen und Zuhörern zu:
Er blickt jede und jeden in der Runde an,
als er sie als seine Schwestern und Brüder anspricht.
Sein Blick: Das ist seine Hinwendung, seine Zuneigung.

Als Gottes Sohn kann Jesus uns alle lieben,
jede und jeden von uns.
Als Gottes Sohn hat Jesus uns gern, so, wie wir sind;
er muss sich nicht dazu zwingen
und will uns nicht anders haben.

Als Gottes Sohn lehrt er uns,
Gott als „Vater” und „Mutter” anzusprechen,
weil wir alle Gottes Kinder sind.
Und als Gottes Kinder sind wir Geschwister Jesu,
seine Schwestern und Brüder.

Wenn ich Sie also „Schwestern und Brüder” nenne,
meine ich das auch so: Wir sind Geschwister.
Geschwister, weil wir alle an Jesus glauben -
und damit die erste Voraussetzung erfüllen.
Und weil wir Gottes Willen tun wollen -
die zweite Voraussetzung.

Und wir sind Geschwister,
weil wir alle Kinder Gottes sind.
Jede und jeder Einzelne von uns so geliebt,
wie nur Gott seine Menschenkinder lieben kann.

Sonntag, 7. September 2025

Blicke am schönen Tor

Predigt zum 12.Sonntag nach Trinitatis, 7.9.2025, über Apostelgeschichte 3,1-10


Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel

um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.

Und es wurde ein Mann herbei getragen, lahm von Mutterleibe;

den setzte man täglich vor die Tür des Tempels,

die da heißt die Schöne,

damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.

Als er nun Petrus und Johannes sah,

wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!

Und er sah sie an und wartete darauf,

dass er etwas von ihnen empfinge.

Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht;

was ich aber habe, das gebe ich dir:

Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf.

Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,

er sprang auf, konnte gehen und stehen

und ging mit ihnen in den Tempel,

lief und sprang umher und lobte Gott.

Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.

Sie erkannten ihn auch, dass er es war,

der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen

und um Almosen gebettelt hatte;

und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das,

was ihm widerfahren war.



Liebe Schwestern und Brüder,


„Blicke am schönen Tor”

könnte man diese Geschichte überschreiben.

„Blicke am schönen Tor:”

Was schwingt dabei nicht alles mit!

Zwei Augenpaare, die sich treffen, ineinander versinken.

Schönheit, die befangen macht, die fesselt,

man kommt nicht davon los.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft,

einer romantischen Liebesgeschichte.


Von all dem kann in der Geschichte

von der Heilung des Gelähmten keine Rede sein.

Und doch ist es eine Liebesgeschichte.

Das zeigt sich allerdings erst auf den zweiten Blick.


I

Von Blicken handelt diese Geschichte.

Blicke, die gewechselt werden zwischen dem Gelähmten,

der zum Betteln ans „schöne Tor” des Tempels hinausgetragen wurde,

und Petrus und Johannes.

Er war nicht zu übersehen, der Gelähmte am „schönen Tor”.

Der Kontrast könnte größer nicht sein:

Hier das prunkvoll verzierte „schöne Tor”, dort der Gelähmte.

Kein schöner Anblick, wie er da auf dem Boden saß, im Staub.

Nicht durchs Tor ging wie alle anderen,

die zum Gottesdienst wollten und laufen konnten.

Wer genauer hinsah, bemerkte seine verkrümmten Füße.


Das Andere fällt auf.

Das, was nicht so ist wie bei den meisten:

Ein Mensch mit einer anderen Hautfarbe fällt auf,

mit einem sichtbaren Muttermal.

Jemand mit einer Behinderung fällt auf,

die oder der sich anders bewegt, als man es erwartet.

Da guckt man hin, ganz ungewollt.

Ganz von selbst dreht sich der Kopf, starren die Augen,

bis man merkt, was man da tut, und den Blick verschämt abwendet.

Aber der oder die so Angestarrte hat es schon bemerkt.

Hat den Blick auf sich gefühlt,

der eine:n das Anderssein spüren lässt.


Wir kennen diesen Blick.

Wir kennen ihn aus eigener Erfahrung.

Vom Hinstarren auf Ungewohntes, Auffälliges, Anderes.

Und vom angestarrt Werden.

Wir kennen diesen Blick, wir haben ihn verinnerlicht.

Wir leben mit ihm, fühlen ihn jederzeit auf uns,

auch wenn niemand da ist, der uns ansehen könnte:

Der Blick, der uns taxiert, ob wir der Norm entsprechen.


Wir vergleichen uns mit den Vorbildern

aus den Social Media, aus dem Fernsehen, aus Zeitschriften:

Was trägt man, und was nicht?

Wie muss man aussehen, wie muss man sein,

um als „normal” zu gelten, um dazuzugehören?

Wir vergleichen unseren Körper mit Körpern,

die ebenmäßiger, schöner, gepflegter,

schlanker, trainierter, jünger erscheinen als unsere.

Und fallen dabei oft auf nachträglich bearbeitete,

„gefotoshoppte” Bilder herein.


II

Der Gelähmte aus unserer Erzählung sitzt am „schönen Tor” des Tempels.

Bis heute weiß niemand, wo dieses Tor lag,

wenn es das überhaupt gegeben hat.

Der Tempel in Jerusalem ist ja zerstört,

und nirgendwo sonst wurde der Name „schönes Tor” überliefert.

Vielleicht kam es Lukas, dem Erzähler unserer Geschichte,

gar nicht auf eine genaue Ortsangabe an,

sondern auf die Vorstellung, die sich mit dem Wort „schön” verknüpft.


Wie stellen wir uns den Bettler am schönen Tor vor?

In unserer Phantasie sehen wir keinen Adonis,

keinen strahlenden Jüngling,

sondern ein Häuflein Elend am Boden sitzen.

Sonst hätte er als Bettler keinen Erfolg.

Würde er kerngesund und gepflegt aussehen,

bekäme er nicht einmal eine Kupfermünze.


Das „schöne Tor”, das über ihm aufragt,

und der Bettler am Boden bilden einen Gegensatz.

Sein Anderssein, durch die Blicke der anderen aufgedeckt,

steht in starkem Kontrast zum schönen Tor,

das durch seine Schönheit besticht.

Was anders ist, ist nicht schön.


Was anders ist, ist nicht schön.

Man kann und muss diesem Satz widersprechen.

Auch und gerade das Andere ist schön.

Aber nicht auf den ersten Blick.

Der erste Blick erwartet das Gewohnte, das Bekannte

und stolpert sozusagen über das Ungewohnte.

Dem ersten Blick erscheint das Ungewohnte anders, fremd,

oft sogar befremdlich, und deshalb nicht schön.


Der zweite Blick entdeckt die Schönheit des Fremden.

Man muss erst den Mut finden, es zu sehen.

Bei etwas, das man noch nicht kennt, das man nicht versteht,

orientiert man sich am Geschmack der anderen,

der Mehrheit, oder der sogenannten „Experten”.

Man entdeckt bei sich die Tendenz, das schön zu finden,

was auch alle anderen schön finden

oder Autoritäten für „schön” erklären.


Das, was alle auf Anhieb schön finden,

was keinen Widerspruch oder Widerwillen erzeugt,

entpuppt sich meist als Kitsch oder, schlimmer noch,

als etwas durch und durch Spießiges.

Wie z.B. die Skulpturen des Künstlers Arno Breker,

der während der NS-Zeit dem „Herrenmenschen“,

den die Nazis phantasierten, eine Gestalt gab:

Makellose, muskulöse, übermenschliche Körper,

wie man sie heute in den Social Media

und in den verschiedenen Darstellungen von „Helden”

in Comics und Filmen findet.

Das war die offizielle Kunst des Hitlerstaates.

Alles andere war in den Augen der Machthaber

und der Massen, die ihnen nachliefen und anhingen, keine Kunst.


Wer nicht diesem Herrenmenschentum huldigte,

wer den Menschen in seiner Schwachheit, seinem Leiden,

seiner Gebrochenheit zeigte;

wer zeigen wollte, wie schön das Andere, Fremde, Befremdliche sein kann,

wurde für krank erklärt, als „entartet” diffamiert.

Solche Werke wurden neben den Bildern psychisch Kranker ausgestellt,

verspottet, und schließlich verboten.

Sie waren nicht „schön” im oberflächlichen Sinn.

Sie verunsicherten die Betrachter, man verstand sie nicht.

Das glatte, oberflächlich Schöne der Brekerschen Skulpturen

war dagegen so viel einfacher und eingängiger.


Heute ist der Geschmack nicht mehr gleichgeschaltet.

Heute sind alle Kunstrichtungen erlaubt.

Und doch, wenn man uns fragte, was wir als „schön” empfinden:

Würden wir da nicht auf die Mannequins in den Illustrierten verweisen,

auf die Film- und sonstigen Stars und die,

die auf TikTok und Instagram ihre makellosen,

schlanken oder durchtrainierten Körper zeigen?

Würden wir nicht von uns weg weisen,

die wir diese perfekten Körper in aller Regel nicht besitzen?

Und damit auch von denen weg weisen, die auf dieser,

von der Mode und der Werbung aufgestellten Skala,

das andere Ende markieren: den Menschen, die „anders“ sind?


III

Am „schönen Tor” werden Blicke gewechselt.

Petrus blickt den Bettler an.

Nicht heimlich und verstohlen, sondern ganz offen.

Er fordert den Bettler sogar auf, ihn und Johannes anzusehen,

den Blick zu erwidern: „Sieh uns an!”

Dieser Blick des Petrus ist anders

als das heimliche oder dreiste Beobachten und Begaffen


Wer einen anderen Menschen anstarrt,

betrachtet ihn wie einen Gegenstand.

Man empfindet das als unangenehm.

Fühlt sich von den Blicken anderer geradezu ausgezogen.

Hat das Gefühl, dass der Körper taxiert wird wie ein Stück Fleisch.

Petrus dagegen taxiert nicht, sondern sucht den Kontakt.

Er ignoriert die Oberfläche und nimmt den Menschen wahr:

den Menschen, wie er da vor ihm im Staub hockt.

Er starrt nicht auf seine unnormalen, verkrümmten Füße.

Er blickt ihm in die Augen.


Der Beobachter, der Gaffer will nicht wirklich etwas vom anderen wissen.

Er schaut nur hin, weil der andere anders ist.

Petrus sieht hin und nimmt Kontakt auf.

Damit bleibt der andere kein Fremder, er wird Mitmensch.

Der Bettler weiß das zu würdigen, erwidert den Blick,

wenn auch zunächst in der Hoffnung, etwas Geld zu bekommen.

Petrus weiß das und rechtfertigt sich sogar,

dass er ihm das Erhoffte, ein Almosen, nicht geben kann.

Er hat viel mehr zu geben.

Mehr, als der Bettler sich jemals erträumte.

Mehr als die größte Gabe, die er und wir uns vorstellen können,

Silber und Gold.

„Silber und Gold habe ich nicht”, sagt Petrus;

„was ich aber habe, das gebe ich dir.”


Da passiert etwas zwischen den beiden, als ihre Blicke sich treffen.

Im Film „Casablanca” sagt Rick zu Elsa:

„Ich schau dir in die Augen, Kleines.”

Dem „kleinen Prinzen” erzählt der Fuchs beim Abschied,

er habe ihn „gezähmt”.

Wie immer man es nennen will:

Sich in den Augen eines anderen zu spiegeln,

ist etwas ganz besonders Schönes und Wertvolles,

mehr wert als Silber und Gold.


Und hier geschieht noch mehr:

Der Gelähmte wird nicht nur als Mitmensch wahrgenommen,

darf sich nicht nur in den Augen von Petrus spiegeln;

er wird geheilt.

Ein Wunder geschieht. Seine verkrümmten Füße strecken sich.

Er kann stehen und dann sogar „springen wie ein Hirsch” (Jes 35,6).


IV

Das ist der Moment,

wo man aus dieser Geschichte springen oder fallen kann.

Ein Wunder - zu schön, um wahr zu sein!, denkt man.

Mag sein, dass heute nicht mehr die Zeit für Wunder ist.

Mag sein, dass dieses Wunder vor allem erzählt wurde,

um deutlich zu machen: Die Sache Jesu geht weiter,

und das Reich Gottes, das er ankündigte,

beginnt tatsächlich unter uns anzubrechen.


Vielleicht aber geschah wirklich ein Wunder.

Ein Wunder, das in dem Namen besteht, den Petrus nennt:

„Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!”


Petrus gibt dem Gelähmten den Namen Jesu Christi.

Und er, Jesus, bewirkt das Wunder seiner Heilung.

Was aber ist es, das Petrus ihm damit gibt?


Im Namen Jesu Christi werden Aufmerksamkeit und Zuwendung,

die Petrus diesem Menschen schenkt,

zur Aufmerksamkeit und Zuwendung Jesu selbst.

Mit den Blicken des Petrus blicken Jesu Augen

voller Liebe den Gelähmten an.

Durch Petrus erfährt und erlebt der Gelähmte,

dass Gott ihm nah ist und ihn liebt.

Erfährt es nicht als Information

wie das auf die Straße gesprühte „Jesus liebt dich”.

Sondern als Tat: durch die Zuwendung,

zu der Petrus von Jesus bewegt wurde.

Im Hinsehen und in-die-Augen-Sehen,

das so anders ist als das unbeteiligte Starren und Gaffen,

das so viel mehr wert ist als Gold und Silber,

und das so gut tut.


V

„Blicke am schönen Tor” -

auf den ersten Blick eine Wundergeschichte,

die uns nicht mehr anzugehen scheint,

weil die Zeit der Wunder vorüber ist.

Auf den zweiten Blick wird sie zu einer der unzähligen Geschichten,

die von der Liebe Gottes zu uns Menschen erzählen.

Einer Liebe, die uns bedingungslos annimmt, wie wir sind.

Die unsere Schönheit erkennt

und uns selbst erkennen lassen will.

Einer Liebe, die uns lehren will,

unser Anderssein zu schätzen,

auf dass wir die anderen und ihr Anderssein zu schätzen lernen

und ihnen im Namen Jesu die Liebe schenken, die sie verdienen.

 

Sonntag, 10. August 2025

Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 10. August 2025, über Jesaja 2,1-5

Liebe Schwestern und Brüder,

„weißt du, wie es war, als wir beim Antiquar das Buch fanden ‚Tausend weise Sprüche’ ?” fragt Hermann van Veen in einem melancholischen Lied. „Mir fällt einer ein, der passt dort gut heinein: Mit der Zeit geht alles in die Brüche.”

Weise Sprüche - davon gibt es viele. In der Bibel eine ganze Sammlung davon, das Buch der Sprüche Salomos. Auch außerhalb der Bibel werden weise Sprüche gesammelt; der Bedarf nach solchen Sprüchen ist offenbar groß. Sogar in Jesajas Vision drängen die Völker nach Jerusalem, um Weisung von Gott zu erhalten.

Weise Sprüche sind manchmal weise, und manchmal sind es bloß Sprüche. „Mit der Zeit geht alles in die Brüche” - schwer zu sagen, ob das wirklich weise ist, oder einfach nur eine banale Feststellung.

Sprüche, die man so im Leben zu hören bekommt, auch und gerade die scheinbar banalen, haben einen größeren Einfluss auf uns, als man denkt oder sich eingesteht.

Das gilt sicherlich nicht für jede und jeden. Mancher, manche geht ihren Weg unbeirrt von den Sprüchen, mit denen man sie belegt, unbeeindruckt von den Ratschlägen, die man ihr erteilt. Wer weiß, was er will, besitzt einen inneren Kompass, der verlässlich die Richtung weist, sodass man sich nicht ablenken lässt von seinem Weg.

Andere werden beeinflusst von Sprüchen und Ratschlägen. Denn Ratschläge sind auch Schläge. Sie sind, so gut sie gemeint sein mögen, eine manchmal sanfte, manchmal sehr spürbare Form von Gewalt, durch die jemand zu einem bestimmten Handeln oder Verhalten bewegt werden soll. Ein Spruch, den Sie als Kind vielleicht auch hörten, bringt das ziemlich unverblümt zum Ausdruck: 

„Den jungen Bäumen gibt man ihre Stützen,
um einst als gerade Stämme frei zu stehn.
Die Jugend mag des Alters Rat benützen,
sich leiten lassen, es sie selbst kann gehn.” 

Diesen Spruch leitet die Überzeugung, dass das Alter der Jugend etwas voraus hat, weshalb die Jugend „angebunden” werden muss, wie das Bäumchen, das man gepflanzt hat. Sie darf nicht wachsen, wie sie will, die Jugend, sondern muss auf das Alter hören. Mit dieser Überzeugung sind wir wohl alle aufgewachsen und haben sie nie infrage gestellt. Dabei ist Alter an sich kein Grund, dass jemand etwas besser kann oder besser weiß als ein junger Mensch.

Ratschläge und Sprüche sagen nicht nur, was man tun oder lassen soll. Sie transportieren auch eine Weltanschauung, eine Ideologie. Im Fall des Spruches von den jungen Bäumen die, dass das Alter es besser weiß als die Jugend. Selbst wenn man es anders sieht, ist es schwer, gegen diese Überzeugung anzukommen, weil sie so verbreitet ist.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis man begriff, dass Kinder keine unfertigen Erwachsenen sind, die man heranzieht wie Ferkel und abrichtet wie Hunde. Denen man den Mund verbietet, wenn Erwachsene reden, und deren Wille gebrochen werden muss, damit sie lernen, das zu wollen, was die Erwachsenen wollen.

Bis heute ist es keineswegs selbstverständlich und allgemein verbreitet, dass Kinder vollwertige Mitmenschen sind, deren Willen man ebenso ernst nehmen und respektieren muss wie den eines Erwachsenen; dass Kinder eigene Interessen und Meinungen haben, die es wert sind, angehört, beachtet und gefördert zu werden; dass Kinder ihren Eltern nicht gehören und sie darum mit ihnen nicht tun und lassen können, was sie wollen. Ich will nicht sagen, dass die Sicht auf die Kinder als unfertige Erwachsene durch den Spruch von den jungen Bäumen und ihren Stützen kommt. Dieser Spruch ist nur das Symptom einer zu meiner Kindheit jedenfalls noch weit verbreiteten Anschauung.

Ratschläge und Sprüche sind sozusagen die Spitze des Eisbergs einer Weltanschauung, einer Ideologie, mit der wir aufwachsen und leben. Weltanschauungen und Ideologien trennen Generationen voneinander und Völker. Sie stehen hinter den Vorurteilen, die man gegenüber anderen hegt - gegenüber den eigenen Kindern, gegenüber dem anderen Geschlecht, gegenüber Menschen, die anders aussehen, anders leben, anders lieben als man selbst.

Jerusalem, die Stadt aus der Vision Jesajas, kann man als ein Symbol für die Unversöhnlichkeit ansehen, zu der unterschiedliche Ideologien führen. Juden, Muslime, Christen und Atheisten leben dort miteinander und können doch nicht zusammenleben.

Es gab und gibt viele geteilte Städte, viele gespaltene Gesellschaften. Jerusalem, als himmlisches Jerusalem Ort der Sehnsüchte und Hoffnungen, ist der Ort, an dem die Zerrissenheit und Unversöhnlichkeit der Menschheit besonders erfahrbar wird. Weil der schon so lange währende Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis, zwischen Muslimen, Christen und Juden nicht beendet werden kann. Auf allen Seiten Täter und Opfer. Weil die Situation so verfahren und unlösbar ist, macht Jesajas Vision schmerzlich bewusst, dass es eine Lösung dieses Konfliktes erst am Ende der Zeiten geben wird. Denn das Problem liegt nicht an den unterschiedlichen Interessen von Israelis und Palästinensern, nicht an den religiösen Unterschieden zwischen Christen, Juden und Muslimen. Es ist in unserem Menschsein selbst begründet; darum ist es auch von uns nicht lösbar.

Wir wachsen mit einer Weltanschauung, einer Ideologie auf. Mit Bildern von Freund und Feind, von Gut und Böse, richtig und falsch, die wir sozusagen mit der Muttermilch aufsaugen und die uns ständig umgeben und begleiten, wie die Ratschläge und Sprüche. Sie verhindert, dass wir uns die Hände reichen, einander vertrauen und Frieden schließen.

Doch zugleich zeigt Jesajas Vision die Lösung auf, wie die Konflikte zwischen Menschen und Völkern, die in Gewalt und Krieg münden, überwunden werden könnten: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!”

Die Lösung ist nicht eine Wallfahrt zum Zion. Sie ist nicht an der Mauer zu finden, die allein vom zweiten Tempel übrig geblieben ist. Die Lösung besteht darin, dass man nach dem Willen Gottes fragt, seine Wege kennenlernt und nach seiner Weisung lebt. Dabei ist es, wie wir wissen und wie die Geschichte uns lehrt, nicht damit getan, dass man die Bibel aufschlägt und tut, was da steht.

Denn wir können die Bibel nur als die lesen, die wir sind: mit der Brille unserer Weltanschauung, unserer Ideologie. Wir lesen hinein, was wir darin finden wollen, was wir zu finden gewohnt sind oder gelehrt wurden.

Zunächst müssen wir uns also bewusst werden, dass wir die Welt durch eine Brille sehen - nicht nur durch die auf der Nase. Dann müssen wir den Mut haben, diese Brille wegzuwerfen: Uns lösen von unseren Vorstellungen von richtig und falsch, gerecht und ungerecht, Wahrheit und Fiktion, damit wir überhaupt erst einmal fragen können, was Gott von uns will.

Das ist ein sehr mühsamer Weg. Die Konflikte dieser Welt werden sich damit nicht beenden lassen. Aber es ist der einzige Weg, der wirklich erfolgreich und nachhaltig ist.

Dass die Völker sich friedlich am Zion treffen, um nach Gottes Weisung zu fragen, wird wohl erst am Ende der Zeiten geschehen. Aber etwas davon kann jetzt schon wirklich werden in kleinen Schritten, die wir als Einzelne gehen. Vielleicht spricht es sich herum, dass das ein gangbarer Weg ist. Vielleicht macht unser Verhalten anderen Mut, es auch mit Gottes Weisung zu versuchen.

Irgendwann werden die, die Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln machen wollen, mehr sein als die, die mit Schwertern und Sicheln aufeinander losgehen. Irgendwann werden sie einflussreicher sein als die, die ihr Geld damit verdienen, dass sie Schwerter und Sicheln herstellen, neue, noch tödlichere Waffen entwickeln und Regierungen dazu bewegen, sie bei ihnen in großen Massen zu bestellen.

„Mit der Zeit geht alles in die Brüche.” Ja, die Ideologien und Weltanschauungen müssen zerbrechen, damit wir zu fragen beginnen können, was dem Leben dient: Die Weisung und der gute Wille dessen, der uns und allen Menschen das Leben geschenkt hat; der will, dass wir und alle Menschen glücklich sind und in Frieden leben können.

Und der weiß, wie das geht: Indem man seine Ideologie nicht mit Gewalt durchsetzt, sondern anerkennt, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, die Welt zu sehen und zu erleben. Nicht meine Weltsicht ist die Maßgebliche. Nicht die desjenigen, der am lautesten schreit oder mich dazu zwingen kann, die Welt so zu sehen, wie er will.

Gottes unbedingte Liebe ist der Maßstab, an dem jede Ideologie zerschellt. Sie ist der Weg, der uns ins Leben und in sein Licht führt.

Samstag, 9. August 2025

du bist gemeint

Liedpredigt am Vorabend des 8.Sonntag nach Trinitatis, 9.8.2025
über EG 318, O gläubig Herz, gebenedei

Liebe Schwestern und Brüder,

den Gottesdienst hält nicht nur einer, und im Gottesdienst redet auch nicht nur einer – auch wenn es oft den Anschein hat. Da sind auch die Organistin, die Küsterin, die Lektorin. Und da sind Sie: die Gemeinde. Der Gottesdienst ist die gemeinsame Feier aller, die hier und heute versammelt sind. Der Gottesdienst ist Sache der ganzen Gemein­de.

Das unterstreicht ein winziges Wört­chen, das wir meist automatisch sagen und das sozusagen unsere Unterschrift unter das ist, was wir hörten, beteten oder sangen: Das hebrä­ische Wörtchen Amen.

Wer „Amen“ sagt, stimmt zu, sagt „Ja und Amen“ zu dem, was sie, was er gerade hörte, sprach oder sang, und macht sich damit das Gesagte zu eigen. Beteiligung, Mittun geschieht nicht nur dadurch, dass man die Kirche vorbereitet, die Lesung hält, die Orgel spielt oder auf die Kanzel steigt. Mitsingen, Mitbeten und vor allem: die innere Beteiligung sind Formen des Mitwirkens am Gottesdienst.

Wir sagen und singen Vieles im Gottesdienst. Meist tun wir es, ohne darüber groß nachzudenken; dazu geht es auch einfach zu schnell. Singen und dabei auf den Text achten funktioniert nur bei bekannten Liedern. Manches wiederum ist so vertraut, dass man es im Schlaf herunterbeten könnte, wie Glaubensbekenntnis oder Vaterunser.

Die Worte und Melodien, die wir sprechen und singen, wirken auf eine unterschwellige, subversive Weise: Diese Worte, diese Melodien machen etwas mit uns. Etwas geschieht mit uns, wenn wir sprechen oder singen, ohne dass wir es bemerken. Was das sein könnte, möchte ich Ihnen an dem Lied zeigen, das wir gerade gesungen haben.

„O gläubig Herz, gebenedei“ - nicht gerade ein Schlager, dieses Lied. Manche von Ihnen haben es heute wohl zum ersten Mal gesungen. Seine altertümliche Ausdrucksweise befremdet und schreckt ab. Gerade weil uns die Sprache des Liedes so fremd ist, muss man genauer hinschauen, was wir da eigentlich gerade gesungen haben.

Schon in der ersten Zeile findet sich das Wörtchen „gebenedei“. „Gebenedei” - woher kennt man das bloß? Ach ja! Aus dem „Ave Maria“:  

„Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnaden.
        Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen,
        und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus ...”

Da ist es, das Wort „gebenedeit“. Es stammt vom Lateinischen „benedicere”. Wörtlich bedeutet es “gutsprechen”. Nicht „gut sprechen” als Eigenschaft im Sinne von „sich gut ausdrücken, schön oder verständlich sprechen.” Sondern als Vorgang: ich sage, dass etwas gut ist - oder ich sage etwas Gutes. Das eine ist das Preisen, das andere des Segnen. Das Lied spricht also vom Segnen und Preisen. Aber es heißt nicht „O gläubig Herz, gebenedei-T,” „gesegnet“, sondern gebened-EI – „segne“. Das Herz wird aufgefordert zu segnen und zu preisen ...

Wie kann ein Herz segnen? Ein Herz schlägt im Körper, pumpt Blut. Aber segnen? Doch ein Herz kann mehr als nur schlagen: Uns hat es bei großem Liebeskummer das Herz zerrissen, das wir vorher unserer Liebsten oder unserem Geliebten geschenkt hatten. Wenn es ganz schlimm kam, dann hat uns jemand das Herz gebrochen. Unvermittelt sind wir in eine andere Sprachwelt eingetaucht: in die Welt der Bilder, in der Herzen zerrissen, verschenkt und auch gebrochen werden können. Damit sage ich nichts anderes, als dass ich zerrissen wurde, ich mich verschenkte, ich gebrochen wurde. Das Herz steht für das, was mich ausmacht, was ich im Innersten bin. 

Das „gläubig Herz” - das bin ich. Das „gläubig Herz” ist auch der oder die, die ich „ansinge“. Wenn wir singen, geschehen zwei Dinge auf einmal: Wir sprechen etwas aus, und wir sprechen uns an, sagen und singen uns etwas zu. Mit den Worten „O gläubig Herz, gebenedei“ fordere ich mich nicht nur selbst zum Segnen und Preisen auf, sondern auch die, die mit mir singen. Zugleich werde ich, indem andere mich „ansingen“, von ihnen ermuntert, zu segnen und den Herrn zu loben. So sind wir beim Singen zugleich Geben­de und Empfangende, Worte Schenkende und mit Worten Beschenkte

Was aber soll das Segnen bedeuten? Der Segen im Gottesdienst kommt ja erst am Schluss. Der Segen: Das Versprechen von Gottes Nähe und Beistand: „Der Herr segne dich und behüte dich.“ Das Ver­spre­chen von Gottes Freundlichkeit und Güte: „Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.“ Das Versprechen von Gottes liebevoller Zuwendung und seiner Versöhnung: „Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

„O gläubig Herz, gebenedei“ will also sagen: Diesen Segen, den wir von Gott empfangen, können und sollen wir weitergeben, indem wir erzählen, was Gott für uns getan hat. 

Was hat Gott denn für mich, für uns getan? Das finden wir in den nächsten Versen des Liedes. Doch Halt! So viele Worte, so viele Gedanken, allein für den ersten Satz der ersten Strophe des Liedes! Und es hat insgesamt neun … Was mag das noch werden, wie lange mag die Predigt heute noch dauern, werden Sie jetzt vielleicht ängstlich denken!

Oder Sie fragen sich, wie viel Zeit und Hirnschmalz man aufwenden muss, um dieses Lied zu verstehen – und ob es wegen dieses Aufwandes nicht besser wäre, auf solche alten Lieder zu verzichten?

Beide Befürchtungen haben ihr Recht. Aber zuerst möchte ich Entwarnung geben: So viel zu sagen wie zum ersten Satz des Liedes habe ich zu den übrigen Stro­phen nicht. In diesem Lied hängt alles am ersten Satz; wenn wir den verstanden haben, ergibt sich alles andere von allein. 

Allerdings – ums Verstehen und verstehen Wollen kommen wir nicht herum. Und das nicht, weil unser Glaube etwa schwer zu begreifen wäre: Nein, die Schwierigkeit liegt darin, dass wir oft nicht merken oder wahrhaben wollen, oft nicht merken oder wahrhaben können, dass Gott gut zu uns ist – und wie gut Gott zu uns ist. Barmherzig, liebevoll, freundlich kann nur sein, wer Barmherzigkeit, Liebe und Freundlichkeit erfährt. Nur wer etwas hat, kann etwas geben. Wenn also das Herz segnen und preisen soll, dann muss dieses Herz voll sein – denn nur „wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ (Luk 6,45). Und da kommt jetzt der spannende Moment und der sprin­gende Punkt: Kann ich das fühlen, kann ich dem zustimmen, dass mein Herz voll ist, dass ich von Gott gesegnet bin?

Oft fühlt man ihn nicht, diesen Überschwang, die Lust zu loben und Gott zu danken. Denn wie oft fehlt es uns an Wich­tigem – an Liebe und Zuwendung, an Bestätigung und Erfolg. Wer Streit in der Beziehung, in der Familie hat, wer von seiner Arbeit überfordert ist, wer krank ist oder einsam – wie kann dessen Herz voll sein? Wie soll segnen können, wer selbst so dringend des Segens bedarf?

Schauen wir uns ein letztes Mal die ersten beiden Zeilen des Liedes an: „O gläubig Herz, gebenedei und gib Lob deinem Herren!“ Auf den ersten Blick klingen sie wie eine Aufforderung, die ich nur müde abwinken kann: Mir ist nach Loben nicht zumute. Erst beim Weiterlesen und -singen wird deutlich, dass uns hier etwas zugesprochen wird: Nämlich, dass es Grund zum Lob gibt, weil unser Herz gefüllt ist. Wir können segnen und Gott loben, weil wir allen Grund dazu haben. Warum?

Weil Gott uns ein guter Vater ist, der uns von Herzen liebt und alles mit uns teilt, uns – wie der Vater den verlorenen Sohn – aufnimmt, vergibt und Gutes tut. Das ganze Lied möchte uns davon überzeugen, wie sehr wir geliebt, wie reich wir gesegnet sind – auch und gerade dann, wenn unsere Lebenserfahrung dem zu widersprechen scheint. 

Damit komme ich zu meiner Behauptung vom Anfang zurück, dass das Singen unterschwellig,  subversiv wirkt: Wer diese Worte singt, spricht sich selbst zu, wie reich er, wie reich sie beschenkt ist. Spricht es sich selbst zu, und der Nachbarin, dem Nachbarn in der Bank. Bekommt es von vorn, von  hinten, von rechts und links zugesprochen und zugesungen. Es ist uns gar nicht bewusst, wie viel wir einander geben, wie viel wir da füreinander tun, wenn wir uns durch unser Mitsingen und Mitbeten gute Worte sagen und zusprechen. Und wie wichtig, wie unentbehrlich gerade unser Mitsingen und Mitbeten sind - denn wie sollte unser Banknachbar sonst diese wichtigen Worte hören?

Es ist gerade diese altertümliche, schwer verständliche Form, durch die man aushalten und vielleicht sogar annehmen kann, was einem da an Gutem zugesprochen wird. Wie komisch wäre es, wenn wir uns gegenseitig mit treuem Blick sagen würden: „Gott hat dich lieb.” So verfremdet durch die altertümliche Form aber kann man es hören und annehmen, wann - und wenn - man will. Man kann, muss aber nicht. Und gerade in dieser Freiheit will mich das Lied verlocken, es doch einmal zu versuchen: Seine Worte auf mich beziehen, sie mir gesagt sein zu lassen und zu spüren: Sie gelten mir. Ich bin gemeint.

Sonntag, 3. August 2025

wie werden Menschen satt

Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 2./3.8.2025 über Johannes 6,30-35

Liebe Schwestern und Brüder,

ach, wäre das schön, wenn man Probleme ganz einfach lösen könnte. Wenn Autos mit Wasser fahren würden, wenn wir unsere Häuser warm bekämen, ohne Gas und Öl dafür verbrennen zu müssen.

Ach, wäre das schön, wenn man Frieden herstellen könnte zwischen Israelis und Palästinensern, Drusen und Beduinen, Russen und Ukrainern.

Ach, wäre das schön, wenn es auch eine einfache Lösung gäbe, wie man Menschen satt macht. Angesichts der verhungernden oder bereits verhungerten Kinder im Sudan und in Gaza ein ganz dringlicher Wunsch.

Man fragt sich, warum es überhaupt so weit kommen konnte. Warum es immer wieder so weit kommt, dass Menschen vor Hunger sterben müssen, während wir hier im Überfluss leben und Nahrung wegwerfen, weil sie niemand kaufen will.

Jesus bietet für das große Problem, wie Menschen satt werden, eine genial einfache Lösung an. Wir haben es im Evangelium gehört: „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.”

I

Immer wieder werden einfache Lösungen für schwierige Probleme angeboten. Manchmal ist die Lösung tatsächlich ganz einfach: Wenn man ein Marmeladenglas nicht aufbekommt, gibt es einen Trick. Man muss nur wissen, wie, schon geht das Glas auf. 

Eine Freundin konnte einmal ihre Ente nicht starten; nachdem sie alles mögliche versucht hatte, haute sie schließlich entnervt mit der Faust auf die Motorhaube. Aber davon sprang der Wagen natürlich auch nicht an. Da sagte jemand, der gesehen hatte, wie sie sich abmühte, sie solle das Auto nicht schlagen, sondern streicheln. Weil sie so verzweifelt war und dringend weg musste, tat sie, was der Mann ihr geraten hatte: Sie streichelte ihrer Ente über die Motorhaube - und sofort sprang sie an.

Solche radikal einfachen Lösungen müsste es doch auch für die großen Probeme geben. Da müsste es doch auch einen Trick geben. Und manchmal geht's einem wie Wickie: man hat einen Geistesblitz und denkt, Ha! jetzt hab ich’s! So könnte, so müsste es gehen. Aber wenn man genauer darüber nachdenkt - und spätestens dann, wenn man seine Idee anderen vorstellt -, zeigt sich, dass man doch etwas Wesentliches übersehen hat, und dass die Lösung nicht so einfach ist, wie man dachte.

Für die großen Probleme scheint es keine einfachen Lösungen zu geben - ja, es scheint gar keine Lösungen zu geben.  Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, der Krieg Russlands gegen die Ukraine, die globale Erwärmung und vor allem die Bekämpfung des Hungers - dafür hat noch niemand ein Rezept gefunden.

Oder vielleicht doch? 

Hat Jesus vor knapp 2.000 Jahren bereits die Lösung für das Problem des Hungers gezeigt? „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.” Beim ersten Hören klingt es so. Nie mehr hungrig, nie mehr durstig sein - was für eine tolle Aussicht! 

Jesus bietet für das große Problem, wie Menschen satt werden, eine ganz einfache Lösung an: Er bricht das Brot, und alle werden satt. So wird im Johannesevangelium von der Speisung der 5.000 erzählt,  die von fünf Broten und zwei Fischen satt werden - am Ende blieben sogar 12 Körbe mit Brocken übrig.

II

Was bei der Speisung der 5.000 geschah, war ein Wunder. Ein Wunder aber, das lehrt uns die Erfahrung, ist keine Lösung. Wunder gibt es zwar immer wieder, wie es in einem Schlager heißt, aber sie passieren doch so unberechenbar und zufällig; man kann sich nicht darauf verlassen, dass sie eintreten, wenn man sie braucht. Wenn, dann geschehen sie unverhofft.

Ein Wunder scheint Jesus auch nicht zu meinen, wenn er nach der Speisung der 5.000 sagt: „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.” Nachdem die Menschen gesättigt sind, geht es um einen anderen Hunger, den Jesus stillen will. 

Der Hunger, den Jesus meint, ist ein Hunger der Seele. Den kennen wir auch.  Jemand ist „hungrig nach Anerkennung,” oder „hungrig nach Liebe.” Man hat „Wissensdurst” oder „dürstet nach Leben.” In solchen Redewendungen zeigen sich Hunger und Durst der Seele. Ich weiß nicht, ob man auch seelisch verhungern kann. Aber quälend und schmerzhaft kann der seelische Hunger sein.  Und ist nicht weniger schwer zu ertragen als der körperliche.

III

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral,” singt Meckie Messer in der „Dreigroschenoper.” Wenn Menschen hungrig sind  und ihnen das Lebensnotwendige fehlt, kann man wohl nicht erwarten, dass sie sich menschlich verhalten. Das ist nicht nur die Meinung von Meckie Messer. Wenn Hunger und Durst zu groß werden, wird für die meisten alles andere zur Nebensache. Erst wer satt ist, kann sich um Anderes und um Andere kümmern.

Es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Es gibt Menschen, die in extremsten Situationen ihre Menschlichkeit bewahrten und dadurch zu einem Vorbild wurden. Pater Kolbe zum Beispiel, der freiwillig für einen Mithäftling, der von der SS willkürlich für den Hungertod ausgewählt worden war, in den Hungerbunker ging, weil dieser Familie hatte und er nicht.

Irgendetwas hatte dieser Pater Kolbe. Etwas, das ihn so erfüllte, dass er den Hunger, der auch ihn quälte, aushalten konnte. Sein seelischer Hunger war gestillt. 

Wenn der Hunger der Seele gestillt ist, kann man offenbar körperlichen Hunger besser aushalten. Oder zumindest in Situationen, wo erst das Fressen kommt und dann die Moral, seine Menschlichkeit bewahren.

Wie werden Menschen satt? Keine Frage: Indem sie etwas essen. Nein, das ist noch nicht die Antwort. Denn auch ein satter Mensch empfindet noch Hunger. Den seelischen Hunger, den auch eine üppige Mahlzeit nicht stillen kann.

IV

Was Jesus anbietet, wenn er sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten,” was Jesus anbietet ist das, was den Hunger der Seele stillt: Er selbst. 

Jesus stillt den Hunger der Seele, weil er uns mit Gott verbindet. Der direkte Draht zu Gott, die Verbindung mit der Schöpfermacht, mit der Fülle des Lebens, stillt den Hunger der Seele. Was könnte ihn besser stillen?

Wer mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott angesehen, geliebt und anerkannt. Kann die Anerkennung seiner Mitmenschen genießen, muss sie aber nicht um jeden Preis haben. Kann selbst andere anerkennen, ohne sich dabei etwas zu vergeben. Kann anderen Anerkennung gönnen, ohne das Gefühl zu haben, zu kurz zu kommen.

Wer mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott geliebt. Muss nicht alle Liebe von seinen Mitmenschen, von der Partnerin oder dem Partner erwarten. Kann Durststrecken und Krisen einer Beziehung ertragen. 

Wer mit Gott verbunden ist, fühlt sich von Gott angenommen, auch mit seinen Fehlern, seinem  Versagen, seiner Schuld. Findet den Mut, noch einmal von vorn anzufangen. Findet die Größe, anderen zu vergeben, mit anderen noch einmal von vorn anzufangen.

Wer mit Gott verbunden ist, hat die Fülle des Lebens gefunden. Muss nicht gierig oder geizig sein, muss nicht immer mehr Wachstum, immer größere Gewinne erzielen. Muss nicht den Neid empfinden auf das Glück und das Wohlergehen der anderen.

Muss die innere Leere nicht mit den völlig überflüssigen Dingen anfüllen, die die Werbung uns andrehen will. 

V

Vielleicht gibt es sie ja doch, die einfache Lösung der großen Probleme. Vielleicht liegt er näher, als wir meinen, der Trick, mit dem der Verschluss aufgeht.

Vielleicht besteht die Lösung darin, dass wir, die wir körperlichen Hunger zum Glück nicht mehr kennen, begreifen, dass auch der Hunger unserer Seele gestillt ist. Wir sind mit Gott verbunden, auf die engste nur denkbare Weise. 

Beim Abendmahl erleben wir diese enge Verbindung, wenn wir Gott in uns aufnehmen - ihn essen, so dass er in uns ist. Mit dem Leib Christi nehmen wir Gottes Fülle in uns auf. Sie ist in uns wie ein Energieball, der aus und heraus strahlt in Liebe und Freundlichkeit und Mitgefühl.

Wenn der Hunger gestillt ist, der Hunger des Körpers wie der Seele, dann kann selbst ein Meckie Messer sich nicht mehr entschuldigen mit seinem Satz „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.”

Wenn der Hunger gestillt ist, finden wir zu unserem Menschsein und zu unserer Bestimmung: Füreinander da zu sein und uns das Leben nicht zur Hölle, sondern zu einem Vorgeschmack des Himmels zu machen. Amen.