Sonntag, 9. Juni 2024

du gehörst dazu

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 9.6.2024, über Epheser 2,11-22:

Erinnert euch, dass ihr, von der Herkunft Heiden,
einst „Unbeschnittene” genannt wurdet
von der sogenannten „Beschneidung”,
die mit der Hand am Körper vorgenommen wird.
Zu jener Zeit wart ihr ohne Christus.
Ihr wart von der Bürgerschaft Israels ausgeschlossen,
hattet keinen Anteil an den Bundesschlüssen der Verheißung,
wart ohne Hoffnung und ohne Gotteserkenntnis in der Welt.
Jetzt aber steht ihr, die ihr einst fern wart,
in Christus Jesus Gott nah durch das Blut Christi.
Denn er ist unser Friede.
Er hat beide, Juden und Heiden, vereint.
Dadurch hat er die durch die Abgrenzung gebildete Trennung,
die Feindschaft, in seinem Leib aufgehoben.
Er setzte das Gesetz der Gebote, die aus Verordnungen bestehen,
außer Kraft und schuf in sich beide, Juden und Heiden,
zu einem neuen Menschen.
Dadurch machte er Frieden.
Er versöhnte beide miteinander für Gott durch das Kreuz
zu einem Leib, indem er die Feindschaft in sich selbst tötete.
Und er kam und verkündete Frieden
euch, den Fernen, und Frieden den Nahen.
Denn durch ihn haben wir beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
Also seid ihr nun nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht,
sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes,
erbaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten
zu einem Gebäude, dessen Eckstein Christus Jesus ist.
Durch ihn wird das ganze Bauwerk zusammengehalten.
Durch ihn wächst es zu einem heiligen Tempel im Herrn.
In ihn seid auch ihr mit eingefügt
zu einer Wohnung Gottes im Geist.


Liebe Schwestern und Brüder,

wir“ gehören leider nicht mehr dazu.
Wir“ haben uns nicht in der 2. Bundesliga halten können,
sondern sind wieder nur drittklassig.
Für die Fans von Hansa Rostock
ist eine entscheidende Frage fürs erste beantwortet,
nämlich die Frage: Gehören wir dazu?
Hansa gehört nicht mehr dazu – zur 2. Bundesliga.
Gehören wir dazu? Gehöre ich dazu?
Vor ein paar Tagen gab es einen sehr bewegenden Bericht im Ersten
unter dem Titel „Einigkeit und Recht und Vielfalt”
über die Spieler der Nationalmannschaft,
die einen Migrationshintergrund hatten
wie Gerald Asamoah oder Mesut Özil.
Welche Erfahrungen sie machen mussten und immer noch machen:
Dass sie so gut spielen können wie sie wollen,
sie werden von vielen Deutschen nicht als Mitbürger angesehen.
Gehöre ich dazu?
Für viele ist es nicht selbstverständlich,
eine Bürgerin, ein Bürger dieses Landes zu sein.
Obwohl sie hier geboren wurden.
Obwohl sie bairisch, plattdeutsch oder schwäbisch sprechen,
wie unser Landwirtschaftsminister Cem Özdemir.
Wegen ihrer Hautfarbe,
wegen der Herkunft ihrer Eltern, Großeltern, oder ihrer Vorfahren,
wegen ihres Glaubens oder ihrer Muttersprache
werden sie als Fremde angesehen, und nicht als Mitbürger.

l
Gehöre ich dazu?
Die Frage nach der Nähe wird auch anders herum gestellt:
Wir selbst werden einsortiert in Gruppen und Grüppchen:
Ist das eine, ist das einer von uns?
Eine andere Meinung, eine andere politische Gesinnung,
eine andere Weise zu leben, zu lieben
oder den eigenen Glauben auszudrücken
können schnell zum Außenseiter stempeln.
Zu einem, zu einer, die nicht dazugehört.
Auch in der Kirche kommt das vor.
Es gibt den harten Kern der Gemeinde,
die, die regelmäßig in den Gottesdienst gehen,
die sich auskennen und einbringen.
Und es gibt die, die selten kommen,
die mal vorbeischauen, und dann auch wieder Abstand suchen.
Es gibt Menschen, die regelmäßig beten und in der Bibel lesen
und solche, die sich nur in Ausnahmezeiten des Lebens an Gott wenden.
Wie ist es mit uns?
Die meisten von uns möchten wohl gern dazugehören.
Und nicht nur das: wir möchten möglichst nahe sein.
Da sein, wo das Leben pulsiert.
Wo die Entscheidungen getroffen werden.
Wo etwas passiert.
Vielleicht, weil wir hoffen, dass auch etwas mit uns passiert,
wenn wir möglichst nah an das Zentrum, an die Quelle kommen.
Dabei sein ist alles, schön und gut.
Mehr aber zählt: Nahe sein, dort, wo das Leben ist.
Nicht in der Dritten, sondern am liebsten in der Ersten Liga spielen.
Was kann man tun, um dorthin zu gelangen?

II
Alle wollen dazugehören, keine:r möchte außen vor bleiben.
Dadurch entsteht fast von selbst ein Verhalten,
das dafür sorgt, dass man dazugehört:
Man passt sich an.
Man entwickelt einen Instinkt dafür,
was man tun darf und was nicht.
Man spürt, wie man sich verhalten muss,
und wodurch man sich unbeliebt machen könnte.
Man richtet sich nach den unausgesprochenen
und dennoch allen bekannten Regeln des Zusammenlebens.
Zu bedauern sind die Fremden, die diese Regeln nicht kennen
und deshalb Außenseiter bleiben.
Am schlimmsten dran sind aber die,
bei denen man schon am Äußeren sieht, dass sie anders sind:
die mit den Tattoos oder den schrägen Klamotten;
die mit der anderen Hautfarbe, dem fremden Aussehen.
Das sind Menschen, die immer außen vor bleiben werden.
Zusammenleben geht nicht ohne Kompromisse.
Es geht nicht ohne Regeln und Vereinbarungen.
Im Gottesdienst folgen wir einer Gottesdienstordnung,
die uns in die Nähe des Heiligen führt und wieder hinaus.
Im Alltag sind es die Gesetze, die uns helfen, zusammenzuleben.
Aber anpassen ist auch anstrengend. Es hat seinen Preis.
Wer sich anpasst, kann nicht sein, wer man ist.
Wer sich zurücknimmt, kann nicht den Ton angeben.
Will man dazugehören, kann man sich nur bedingt ausleben,
mit angezogener Handbremse, sozusagen.
Wer sich derart anstrengen muss, es allen recht zu machen,
wird misstrauisch gegen jede, die sich traut, anders zu sein.
Gegen jeden, der sich traut, frei und unabhängig zu leben.
Jemand, der nicht so ist wie alle, fällt auf.
In der Schule. Im Beruf.
In der Gesellschaft. In der Kirche.
Vielleicht auch und gerade,
weil uns so jemand immer wieder daran erinnert,
wie viel es kostet, sich anzupassen,
und wie schmerzhaft es ist,
sich nicht so zeigen zu können, wie man ist.

III
Es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben,
die zum Außenseiter geboren schienen
und dafür büßen mussten, dass sie anders waren.
Sie gehörten nicht dazu –
und wollten auch gar nicht dazugehören.
Schlimm traf es besonders die,
die sich durch ihren Glauben von der Mehrheit abgrenzten.
Sie ließen sich nichts zuschulden kommen,
hielten sich an die Spielregeln
und wurden doch als Fremde betrachtet.
Durch unsere ganze Geschichte hindurch
waren das immer wieder Menschen jüdischen Glaubens.
Sie wurden in Ghettos gedrängt, gebrandmarkt, vertrieben, verfolgt,
weil sie anders lebten, sich anders verhielten als die Mehrheit.
Das geschah ihnen nicht nur, weil sie anders waren.
Gleichzeitig hatten und haben Juden
allen anderen etwas voraus, worum sie immer beneidet wurden:
Sie haben den Zugang zu Gott, dem Vater.
Israel ist Gottes erwähltes Volk.
Anders sein und trotzdem – oder gerade deshalb –
besonders nahe an der Quelle des Lebens sein,
in der ersten Liga des Glaubens spielen:
das weckt Neid, und nicht nur Neid, auch Hass.

IV
Hinter dem Neid steckt vielleicht aber auch eine Sehnsucht;
die Sehnsucht, zu diesen anderen, den Außenseitern, gehören zu dürfen.
Zu denen, die sich nicht anpassen müssen.
Zu denen, die, ohne sich anzupassen,
dennoch – oder gerade deshalb – an der Quelle des Lebens sind.
Die Sehnsucht auch danach,
dass sich die Widersprüche in meinem Leben versöhnen mögen,
dass ich nicht kämpfen muss um Anerkennung,
um einen Platz an der Quelle,
sondern meinen Platz finde ohne Kampf.
Es ist die Sehnsucht nach Frieden.
Jesus Christus hat diesen Frieden gebracht:
Und zwar gleichermaßen den Fernstehenden
wie den Nahestehenden.
Er hat die Unterschiede aufgehoben zwischen denen,
die dazugehören und denen, die außen stehen;
durch ihn haben wir alle Zugang zur Quelle des Lebens.
Wie das geht?
Christus - der, der Gott ganz nahe ist,
so nahe wie niemand anders –
behält sein Nahesein nicht für sich selbst.
Er verschenkt sich an alle, die Zugang zu Gott suchen.
So, als ob der Anführer einer Gruppe
nicht entschiede, wer dazugehören darf und wer nicht,
sondern statt dessen auf andere zuginge und sie fragte:
Willst du nicht auch dabei sein?
Nur, dass es hier um mehr geht als ums Dabeisein.
Hier geht es um die erste Liga:
Es geht um den Zugang zu Gott.
Es geht um das Leben.

V
Hausgenossin, Hausgenosse Gottes - wie wird man das?
Wir werden Gottes Hausgenossen,
wenn jede und jeder sich einfügt, wie Steine zu einem Bau.
Nicht so sich einfügt, dass er sich klein macht,
dass sie sich anpasst, es allen recht zu machen versucht.
Sondern jede:r an seinem und ihrem Ort sich einfügt
als Stein des Tempels, der Gemeinde: als Teil des Leibes Christi.
Und das heißt, die Balance wagt
zwischen der Anpassung an die anderen Steine,
ohne die der Bau nicht halten würde,
und dem Anderssein, dem Bewahren der Eigenart.
Wenn jede:r alle seine und ihre Ecken und Kanten behält,
gibt es nicht genug Verbindungsfläche.
Dann wackelt es, dann gibt es keinen Zusammenhalt.
Und wenn alle gleich sind, wird der Bau eintönig und öde.
Die Gemeinde als Bauwerk
existiert nur durch die vielen einzelnen Steine,
die alle auf ihre Art besonders sind.
Der Bau hält nur, weil zwischen den Steinen Frieden herrscht
und keiner den anderen hinausdrängt.
Keine:r ist näher oder ferner,
weil jede und jeder einen Platz hat,
an dem er, an dem sie gebraucht wird.
Wenn jede:r an seinem Platz ist,
wenn kein Stein hinausgedrängt wird,
dann wird Gott in dieses Haus einziehen.
Wir, die Gemeinde, ein Tempel: ein Haus für Gott –
ist das nicht ein schönes Bild?
Es ist mehr als ein Bild.
Es ist die Überzeugung,
dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile,
dass Menschen, die sich im Gottesdienst versammeln,
mehr sind als eine Anzahl von Leuten.
Weil wir hier, und in allen Kirchen der Welt,
gemeinsam Gottesdienst feiern, ist Gott auch unter uns,
sind wir Gottes Hausgenossen.
Und auch wir sind mehr als wir selbst.
Wir sind Mitbürger der Heiligen.

VI
Wir sind bereits Mitbürger der Heiligen,
und wir werden es erst noch.
Weil wir Mitbürger der Heiligen sind,
müssen wir uns keine Sorge um unsere Zugehörigkeit machen.
Wir müssen nichts tun, um dazuzugehören.
Ganz im Gegenteil:
ohne uns würde der Bau, würde die Gemeinde nicht existieren.
Ohne uns wäre sie nicht schön.
Und weil wir Mitbürger der Heiligen erst noch werden,
sind wir keine Heiligen, sondern immer noch Menschen
und dürfen es auch sein.
Menschen, die gern dazugehören würden,
die um Nähe kämpfen, Neid und Eifersucht empfinden,
die unachtsam sind und andere ausgrenzen.
Menschen, die mit ihren Fragen auf der Suche sind
nach einer Antwort.
Weil wir Mitbürger der Heiligen erst noch werden,
dürfen wir Menschen sein.
Und können zugleich tun, was Heiligen entspricht:
Wir können uns einfügen in den gemeinsamen Bau.
Uns nicht wichtiger nehmen,
aber auch nicht weniger wichtig als die anderen.
Wir können friedvoll sein, freundlich miteinander umgehen
und auch im anderen Menschen den Mitbürger der Heiligen
und den Hausgenossen Gottes sehen,
der oder die wir selbst sind.
Gehöre ich dazu?
Diese Frage können wir uns gegenseitig beantworten.
Gleich, oder nachher am Ausgang
durch einen Blick, durch einen Händedruck,
durch ein Lächeln:
Ja!
Ja, in Gottes Namen:
du gehörst dazu!
Amen. 

Sonntag, 2. Juni 2024

The times they are a-changin

Predigt am 1.Sonntag nach Trinitatis, 2. Juni 2024, über Jeremia 23,16-29

So spricht der Herr Zebaoth:

Ihr sollt nicht auf die Worte der Propheten hören, die euch predigen.

Sie halten euch zum Narren.

Sie reden, was ihre Herzen ihnen eingeben,

nicht, was der Mund des Herrn sagt.

Denen, die mich nicht achten, sagen sie:

Der Herr sagt: Friede sei mit euch!

Und allen, die in ihrer eigenen Welt gefangen sind, sagen sie:

Euch wird nichts Schlimmes passieren.

Fürwahr, wer stand im Rat des Herrn und sah und hörte sein Wort?

Wer hörte genau hin auf mein Wort und nahm es wahr?

Seht, ein Sturm des Herrn! Sein Zorn bricht hervor.

Der Sturmwind wirbelt. Er kommt über die Häupter der Bösartigen.

Gottes Zorn wird nicht aufhören,

bis er seine Absichten verwirklicht und zustande gebracht hat.

Am Ende der Zeiten werdet ihr es verstehen.


Ich habe die Propheten nicht beauftragt, aber sie wuseln umher.

Ich habe nicht zu ihnen gesprochen, aber sie predigen.

Hätten sie in meinem Rat gestanden,

hätten sie mein Volk mein Wort hören lassen

und sie von ihren bösen Wegen abgehalten

und von ihren bösen Taten.

Bin ich ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr,

und nicht ein Gott, der fern ist?

Kann sich ein Mensch im Versteck verbergen,

und ich sehe ihn nicht?, spricht der Herr.

Habe nicht ich Himmel und Erde mit Leben erfüllt?, spricht der Herr.


Ich habe gehört, was die Propheten sagen,

die in meinem Namen Lüge predigen und sagen:

„Mir träumte, mir träumte!”

Wie lange haben die Propheten vor, Lügen zu verbreiten

und zu predigen, womit sie sich selbst betrügen?

Mit ihren Träumen, die ein jeder seinem Freund erzählt,

wollen sie erreichen, dass mein Volk meinen Namen vergisst.

So vergaßen ihre Väter meinen Namen wegen des Baals.


Ein Prophet, der einen Traum hat, erzähle seinen Traum.

Wer aber mein Wort hat, verkünde mein Wort wahrhaftig.

Was soll der Häcksel zwischen dem Weizen?, spricht der Herr.

Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der Herr,

und wie ein Schmiedehammer, der Felsen zerschlägt?


Liebe Schwestern und Brüder,


the times they are a-changin’ - es kommen andere Zeiten

sang Bob Dylan 1964 auf seinem Album mit dem gleichnamigen Titel.

Ich denke, man kann sagen, dieses Album war prophetisch.

Nicht, weil es einen Zeitenwandel voraussagte.

Der trat tatsächlich schon ein Jahr später ein,

mit den Protesten gegen den Vietnam-Krieg.

Proteste, die zur Flower-Power-Bewegung führten.

Diese Bewegung inspirierte wiederum die 68er-Revolten in Frankreich

und dann auch in Deutschland.

Ein gewaltiger historischer Einschnitt, der eine ganze Generation geprägt hat.


Nicht weil er vom Wandel der Zeiten singt,

sind Bob Dylans Lieder prophetisch.

Die Zeiten sind ständig im Wandel begriffen.

Andauernd müssen wir auf Veränderungen

und neue Herausforderungen reagieren.

Doch man muss wohl eingestehen,

dass die Herausforderungen des letzten Jahrzehnts

besonders gravierend gewesen sind:

Die großen Flüchtlingsströme aus Syrien

und die bis heute im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge aus Afrika.

Die Covid-Pandemie.

Die Annexion der Krim und der Überfall Russlands auf die Ukraine,

der ein neues Wettrüsten in Gang gesetzt hat.

Die globale Erwärmung, durch die das Wetter

immer verrückter und gefährlicher wird,

und die uns vor die Entscheidung stellt, ob wir bereit sind,

unsere Lebens- und Wirtschaftsweise jetzt zu ändern,

um die Erderwärmung vielleicht doch noch im Rahmen

des 2-Grad-Ziels zu halten.


Obwohl viele ihrer Prophezeiungen sich auf die Zukunft beziehen,

sind Propheten keine Wahrsager.

Sie beschreiben, wie die gegenwärtigen Lage ist.

So singt Bob Dylan die Ballade von Hollis Brown,

der seine Familie und sich erschießt,

weil sie nichts mehr zu essen haben und keine Aussicht auf Hilfe.

Er singt vom einsamen Tod der Hattie Carroll, einer schwarzen Serviererin,

die von einem jungen weißen Sohn reicher Eltern

grundlos niedergeschlagen wurde und starb.

Für den Mord wurde er zu gerade einmal sechs Monaten Haft verurteilt.


Bob Dylan benennt Ungerechtigkeiten,

die es heute noch genau so in den USA gibt.

Vielleicht ist es heute sogar schlimmer als vor 60 Jahren.

Weil die republikanische Partei mit allen Mitteln an ihrer Macht festhält

und ihr Präsidentschaftskandidat, der gerade rechtskräftig verurteilt wurde,

schon jetzt die Wahl für gefälscht erklärt,

sollte er in einem halben Jahr nicht gewählt werden.


Ungerechtigkeit ist nicht nur ein Problem der fernen USA.

Auch in unserem Land gelingt es nicht, den Wohlstand gerecht zu verteilen.

Wenn Menschen vor Hunger oder Krieg zu uns fliehen,

wächst die Angst auf Seiten der Ärmeren, es könnte für sie nicht mehr reichen.

Wächst der Neid auf die, die Hilfe erhalten, ohne dafür gearbeitet zu haben,

während die, die es ihr Leben lang taten,

mit einer Rente leben müssen, die kaum zum Leben reicht.


Neid und Angst, die manche ausnutzen und schüren,

um von den wahren Problemen abzulenken.

Flüchtlinge werden zu Sündenböcken gemacht

und zu Menschen zweiter Klasse erklärt von Leuten,

die wieder von einer „deutschen Herrenrasse” träumen

und denen das Schicksal der Rentnerinnen und Rentner herzlich gleichgültig ist.

Sie sind ihnen nur Mittel zum Zweck.


Was hat das alles mit dem Glauben,

was hat das mit wahrer Prophetie, was hat das mit Gott zu tun?

Das ist doch alles Politik,

das hat in einer Kirche, das hat auf einer Kanzel nichts zu suchen.


Es stimmt: Seit dem Ende des 1.Weltkrieges

sind Kirche und Staat in unserem Land getrennt.

Schon Israels Könige haben ihre politischen Entscheidungen

und ihren Glauben streng voneinander getrennt gehalten -

was neben der schreienden Ungerechtigkeit,

die ein Prophet wie Amos anprangert,

ein Grund war, warum die Propheten auftraten:

Sie kritisierten die politischen Entscheidungen der Könige

im Auftrag und im Namen Gottes.

Jeremia war wohl der Prophet,

der sich am stärksten in die Politik einmischte

und dafür mehrmals verhaftet und eingesperrt wurde.


Bob Dylan ist kein Prophet, wie Jeremia es war.

Solche Propheten, die Gott sandte, um seinem Volk die Leviten zu lesen,

gibt es heute nicht mehr.

Niemand würde heute behaupten,

er habe seine Botschaft direkt von Gott erhalten.

Aber vielleicht war es auch früher schon anders,

als es bei den biblischen Propheten erscheint:

Vielleicht haben auch die damaligen Propheten

keine Stimme gehört, die ihnen diktierte, was sie sagen sollten.

Sondern haben beschrieben, wie die Lage in ihrer Gegenwart war

und sie im Licht von Gottes Wort betrachtet:

Ein Wort wie Feuer, das Licht ins Dunkel bringt

und Unterschiede deutlich hervortreten lässt.

Ein Wort wie ein Schmiedehammer,

das fest sitzende Vorurteile und Lügengebäude zertrümmert.


Von außen ist ein Prophet nicht zu erkennen.

Er, sie ist ein Mensch wie Sie und ich.

Erst, wenn er, wenn sie die Stimme erhebt, wird er zum Propheten.

Ihre Stimmen erheben die Lügenpropheten ebenso wie Jeremia.

Wie soll man sie voneinander unterscheiden?

Wenn Propheten die Zukunft vorhersagen würden,

könnte man den wahren Propheten daran erkennen,

dass eintritt, was er prophezeite.


Das wird gern gegen jene eingewandt, die vor etwas warnen:

Den Jugendlichen, die sich in den 80ern aus Angst vor einem Atomkrieg

und vor der Umweltzerstörung im Osten in Umweltgruppen trafen

oder im Westen auf die Straße gingen

und den Jugendlichen, die heute aus Angst vor dem Klimawandel protestieren,

sagte und sagt man, sie würden maßlos übertreiben,

es würde schon nicht so schlimm kommen, wie sie es befürchten.


Das Problem ist, dass wir nicht warten können bis sich erweist,

dass die Warner und Mahner doch recht hatten.

Es nützt uns hinterher auch nichts, dass sie richtig lagen,

weil dann alles zu spät, alles zerstört ist.


Die falschen Propheten predigen ihre Träume.

Und sie sagen ihren Zuhörern, was sie hören wollen.

Denen, die ihr Denken und Handeln nicht hinterfragen wollen,

ob es gut ist und richtig, sagen sie, dass Gott sie lieb hat, wie sie sind,

und dass sie sich nicht zu ändern brauchen.

Denen, die sich ihr eigenes Weltbild zimmern,

die kreuz- und querdenken, an Verschwörungstheorien glauben,

die dem Staat und der „Lügenpresse” nicht mehr trauen

und den Klimawandel nicht wahrhaben wollen,

sagen sie, dass alles in Ordnung ist, dass alles gut wird.


Wer dagegen mit Gottes Wort umgeht,

kann sich die Finger oder, wie der Prophet Jesaja,

die Lippen verbrennen.

Wer sich dieses Wort zu Herzen nimmt,

wer genau hinhört und nicht nur hört, was er hören will,

dem wird es die Illusionen zertrümmern und einen Spiegel vorhalten,

in dem man die Wahrheit über sich ungeschminkt erkennt.


Gottes Wort ist Liebe.

Liebe, die sich für Schwache einsetzt

und Ungerechtigkeit leidenschaftlich bekämpft.

Liebe, die bei der Wahrheit bleibt, auch wenn sie schmerzhaft ist,

die niemanden bevorzugt, niemandem etwas zu Gefallen tut.

Gottes Wort ist Liebe,

die allen Menschen gilt, den Nahen und den Fernen.

Eine Liebe, der jede und jeder zum Nächsten wird,

die mit jeder und jedem mitleidet und sich mit freut.


Gottes Wort ist Liebe,

und darum ist es politisch.

Es mischt sich in unsere Beziehungen ein.

Es mischt sich in unsere Gesellschaft ein, in unseren Umgang miteinander.

Immer wieder beruft Gott Menschen, die sagen, was ist und wie es ist.

Die uns den Spiegel vorhalten

und uns im unbarmherzig-barmherzigen Licht der Liebe erkennen lassen,

wie sehr Gott uns, unsere Mitmenschen und diese Welt liebt

und deshalb will, dass wir für sie eintreten, sie beschützen und bewahren.


Propheten sagen nicht die Zukunft voraus,

sie sagen, was ist, und wie es ist.

Aber wenn Gottes Wort sie bewegt und ergreift,

wenn Gottes Liebe sie erfüllt,

dann sprechen sie auch von einer Hoffnung,

die die Gegenwart übersteigt.

Sie wecken die Hoffnung in uns, dass die Mühe sich lohnt

und dass unsere Tränensaat einmal eine reiche Ernte einbringen wird.


The times they are a-changin’ - es kommen andere Zeiten.

Die kommenden Zeiten sind nicht nur Veränderungen zum Schlechteren.

Veränderungen sind ohnehin nicht per se schlecht.

Sie sind anstrengend, sie verunsichern.

Und schaffen neue Möglichkeiten, mischen die Karten neu.

In allen Veränderungen ist Gott an unserer Seite.

In allen Veränderungen möchte Gott,

dass wir an der Seite derer stehen,

die unter die Räder des Fortschritts geraten

und in die Mühlen der Bürokratie.

Gott möchte, dass wir sagen, was ist, und wie es ist,

und dass wir uns und anderen nichts vormachen.

Dafür schenkt Gott uns Hoffnung, die alles übersteigt,

was diese Welt uns geben kann.

Hoffnung über den Tod hinaus.

Sonntag, 26. Mai 2024

man hat es - oder man hat es nicht

Predigt am Sonntag Trinitatis, 26.5.2024, über Epheser 1,3-14:


Gepriesen sei Gott.

Er ist der Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Er hat uns in Christus gesegnet

mit allem geistlichen Segen im Himmel.

Bevor der Grund der Welt gelegt wurde,

hat er uns ja in ihm ausgewählt.

Wir sollen vor Gott leben heilig und untadelig, in Liebe.

Durch Jesus Christus hat Gott schon im Voraus bestimmt,

dass wir seine Kinder sein sollen.

Das entsprach seinem guten Willen.


In Jesus, dem Geliebten, hat er uns seine Zuneigung geschenkt.

Dadurch wurde sie für alle Welt erkennbar.

In Christus wurde uns die Erlösung durch sein Blut zuteil.

Die Sünden wurden uns vergeben,

weil Gottes Wohlwollen für uns so gewaltig ist.

Er hat uns noch größere Zuneigung gezeigt,

indem er uns Weisheit und Einsicht gab.


Weil Gott uns wohlgesonnen ist,

hat er uns das Geheimnis seines Willens offenbart.

Gott hatte beschlossen,

seinen Heilsplan durch Christus zu verwirklichen,

wenn die Zeit sich erfüllt hat.

Alles soll in Christus zusammengefasst sein:

Das, was im Himmel ist, und das auf der Erde, in ihm.


In ihm sind auch wir berufen worden.

Wir wurden im Voraus dazu bestimmt.

Es war der Wille dessen, der alles bewirkt,

wie es sein Wille beschlossen hat.

Wir, die wir im Voraus auf Christus gehofft haben,

sollen durch unser Beispiel dazu dienen,

dass Gottes Herrlichkeit gelobt wird.


In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört,

die gute Nachricht eurer Rettung.

Weil wir an ihn glauben,

sind wir bezeichnet worden mit dem Heiligen Geist,

der versprochen worden war.

Er ist eine Anzahlung auf unser Erbe.

Weil wir Gottes Eigentum sind, werden wir erlöst,

damit Gottes Herrlichkeit gelobt wird.



Liebe Schwestern und Brüder,


einer hat’s, der andere hat’s nicht.

Wenn jemand etwas hat, was andere nicht haben,

weckt das Neid, Bewunderung oder Sehnsucht:

Das hätte ich auch gern,

das würde ich auch gern können.


Es - das kann Verschiedenes sein:

- die Lösung, die jemand mit Leichtigkeit findet,

während andere sich vergeblich mit der Aufgabe abmühen;

- das Geschick, mit dem jemand alles hin bekommt,

während andere an jeder Hand nur Daumen haben;

- Musikalität: jemand kann singen oder ein Instrument spielen,

anderen fehlt diese Gabe;

- Beliebtheit: Jemand steht immer im Mittelpunkt des Interesses,

während ein anderer nie beachtet wird.


Man könnte diese Liste noch lange fortsetzen.


Eine hat’s, die andere hat’s nicht.

Auch der Glaube gehört dazu:

Einige haben ihn, viele haben ihn nicht.

Und die ihn nicht haben, werden immer mehr.

In der Kirche rätseln wir darüber,

warum ihn so viele nicht oder nicht mehr haben.

Woran das liegen könnte.

Und warum man den Glauben offenbar gar nicht vermisst,

wenn man ihn nicht hat.


„Bevor der Grund der Welt gelegt wurde,

hat Gott uns in Christus ausgewählt.”

Das könnte die Antwort auf die Frage sein,

warum manche glauben und viele nicht:

Man muss dazu auserwählt sein.


Was bedeutet es, auserwählt zu sein?

Die Bibel erzählt davon,

dass Gott eine Beziehung

mit einem ganz bestimmten Menschen eingegangen ist:

Mit Abraham.

Mit ihm schloss er einen Bund:

Das Versprechen, dass diese Beziehung weitergeht

durch alle Generationen hindurch, bis heute.


Zuerst war es eine Familie: Abraham und Sara,

dann Isaak und Rebekka,

dann Jakob, der mit Lea und Rahel zwölf Söhne hatte

und „Israel” genannt wurde.


Aus einer Familie wurde in Ägypten ein Volk,

das Mose aus der Sklaverei befreite.

In der Wüste, am Berg Sinai,

bekräftigte Gott den Bund mit seinem Volk.

Israel erhielt von Gott die Gebote.

Die Gebote, Grundlage der Beziehung

zwischen Gott und seinem Volk.

Sie sind das Zeichen der Erwählung.

Durch die Gebote wird das Volk Israel zum Volk Gottes.


Erwählung bedeutet also,

was der Epheserbrief so beschreibt:

„Weil Gott uns wohlgesonnen ist,

hat er uns das Geheimnis seines Willens offenbart.”

Gottes Wille kommt in seinen Geboten zum Ausdruck.

Wer diese Gebote kennt, der, die ist auserwählt.

Auserwählt, in einer Beziehung mit Gott zu sein,

Gottes Kind zu sein.


Diese Beziehung zu Gott besteht nicht

in einer verwandtschaftlichen Beziehung

zu den Nachkommen Abrahams.

Sie entsteht durch das Wissen um Gottes Willen,

durch die Gebote.

Darum heißt es in der jüdischen Überlieferung,

dass die Seelen aller Glaubenden am Sinai waren,

als Gott Israel die Gebote gab,

auch die Seelen derer, die erst noch geboren werden würden.


Wer die Gebote kennt und danach lebt,

kurz: wer an Gott glaubt, ist auserwählt.

Das gilt auch umgekehrt:

Die Tatsache, dass man an Gott glaubt,

zeigt an, dass man von Gott ausgewählt wurde.

Man ist nicht erwählt wegen der Abstammung

oder wegen einer bestimmten Fähigkeit,

sondern weil man glaubt.


So steht es auch im Epheserbrief,

und der geht noch einen großen Schritt weiter:

„Bevor der Grund der Welt gelegt wurde,

hat Gott uns in Christus ausgewählt.”

„Bevor der Grund der Welt gelegt wurde”,

bevor irgendjemand da war, der glauben konnte.

Wie soll man sich das vorstellen?

Wie kann man jemanden auswählen,

die oder der noch gar nicht existiert?


Der Epheserbrief will mit diesem Bild

den Kreis ganz weit ausziehen.

Das Missverständnis, es hinge doch irgendwie

an einer Abstammung, einer Fähigkeit,

einer besonderen Eigenschaft

soll gar nicht erst aufkommen.

„In Christus” sind alle ausgewählt.


Wer „in Christus” ist, gehört zur Gemeinde.

Denn die Gemeinde ist der Leib Christi.

Oder, wie es der Epheserbrief beschreibt,

ein Gebäude, wie dieser Dom:

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,

sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,

erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten,

da Jesus Christus der Eckstein ist,

auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst

zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.”


Damit wird auch deutlich, was Erwählung nicht ist:

Sie ist keine Aussonderung, keine Grenzziehung,

kein „Wir sind auf der guten Seite, und ihr seid verloren.”

Erwählung ist vielmehr eine Einladung an alle,

sich in diesen Bau, in die Gemeinde einzufügen.


„In Christus habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört,

die gute Nachricht eurer Rettung.”

Die Einladung ergeht durch das „Wort der Wahrheit”.

Durch Gottes Wort.

Gottes Wort - das ist nicht nur die Bibel.

Es erscheint in vielerlei Gestalt:

als Predigt, als Lied, als Gebet.

Es erscheint in einer Tat der Nächstenliebe,

in Beistand und Solidarität.

In einem Ja zu einem Menschen,

einem Nein zu Menschenverachtung, Hass,

Ungerechtigkeit oder Ausgrenzung.


Wenn Menschen dieses Wort Gottes hören oder erleben,

kann das in ihnen den Glauben wecken.

Zuerst vielleicht als eine Unruhe, eine Frage, ein Suchen.

Als Erinnerung an ein Lied aus der Kindheit,

eine biblische Geschichte, einen Raum wie diesen Dom.


Menschen kommen zum Glauben durch Gottes Wort,

das sich in unterschiedlicher Gestalt zeigt.

Wenn sie zum Glauben kommen,

erfahren sie, dass sie ausgewählt sind.

Sie erfahren, dass sie Gottes Kinder sind.

Sie erfahren die Zuneigung, die Gott uns schenkt:

„In Jesus, dem Geliebten, hat Gott uns seine Zuneigung geschenkt.

Dadurch wurde sie für alle Welt erkennbar.”


An Gott liegt es also nicht,

dass manche glauben und viele nicht.

Woran liegt es dann?


Dass Gott alle Menschen liebt,

dass Gott alle Menschen einlädt,

Mitbürger der Heiligen und seine Hausgenossen zu werden,

sieht man an denen, die schon in seinem Hause ein und ausgehen:

an uns.


Sieht man es uns an?

Damit man es sehen kann, müssten wir es selbst glauben:

Wir müssten glauben, dass wir auserwählt sind,

dass wir zu Gott gehören, seine Kinder sind.

Und dass Gott uns über alles liebt.

Manchmal, in besonderen Momenten, glauben wir das.

Aber das genügt nicht.

Aus diesem Selbstverständnis, mit diesem Selbstbewusstsein

müssten wir immer leben, jeden Tag.

Nur so strahlen wir die Zuneigung aus, die Gott uns schenkt.

Nur so wird durch unser Beispiel Gottes Herrlichkeit gelobt -

und damit für andere hör- und erfahrbar.


Ach, wenn wir doch nur so leben könnten …!


Aber wir leben doch so!

Genau so sind auch wir zum Glauben gekommen:

Durch Menschen, die durch ihr Beispiel

Gottes Herrlichkeit lobten

und sie dadurch für uns erfahrbar und hörbar machten.

Durch Musik, die uns ergriff;

durch einen Gemeindechoral, das Singen in der Kantorei.

Weil andere uns einen Platz in ihrer Mitte einräumten.

Weil sie uns annahmen, wie wir waren

und uns spüren ließen: wir sind recht so, wie wir sind.

Weil sie uns ein Strahlen, ein Lächeln schenkten.


Wie wir es erfahren haben, so handeln wir auch:

Wir loben Gottes Herrlichkeit mit Gesang oder Orgelspiel;

wir laden Menschen in den Dom ein

als Aufsichtskräfte am Domtresen

oder als Kirchenführer in der Domführergilde.

Wir begegnen Menschen mit Freundlichkeit, mit Hilfsbereitschaft.

Wir stehen anderen bei, wir sagen Stopp, wir sagen Nein.

Wir sagen Ja zu Menschen, die andere hier nicht haben wollen.

Wir schenken unserer Nachbarin,

unserm Nachbarn in der Bank ein Lächeln.

Damit loben wir Gottes Herrlichkeit,

machen sie hör- und erfahrbar.


Eine hat’s, die andere hat’s nicht.

Wir alle haben Gottes Liebe erfahren.

Wir alle geben Gottes Liebe weiter.

Meistens ist es uns gar nicht bewusst, dass wir das tun.

Vielleicht, weil wir zu gering denken von dem, was wir tun.

Weil wir meinen, es müsste mehr, größeres sein.


Um den Glauben zu wecken, genügt ein Wort,

eine Erinnerung, eine Melodie.

Um Menschen in die Gemeinde einzuladen,

genügt ein wenig Freundlichkeit, genügt ein Lächeln.

Alles andere können wir getrost Gott überlassen. 

Sonntag, 12. Mai 2024

das Wesentliche

Predigt zur Konfirmation am Sonntag Exaudi, 12. Mai 2024, über Johannes 16,5-15


„Bitte … zähme mich!”, sagte der Fuchs.

„Ich möchte wohl”, antwortete der kleine Prinz,

„aber ich habe nicht viel Zeit.

Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.”

„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt”, sagte der Fuchs.


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

liebe Eltern und Paten,

liebe Gemeinde,


wie die Zeit vergangen ist!

Vor anderthalb Jahren begann für euch

der Konfirmandenunterricht am Dom.

Mit dem heutigen Tag liegt er hinter euch.


Wie die Zeit vergangen ist!

Diesen Satz werdet ihr heute vielleicht öfter hören,

wenn sich eure Eltern und Verwandten an früher erinnern,

als ihr noch sooo klein wart;

wenn Fotos oder Filme aus eurer Kindheit hervorgeholt

und voller Rührung betrachtet werden.

Seht es ihnen nach:

Heute sind sie nicht nur stolz auf euch,

sondern auch traurig darüber,

dass eure Kindheit nun endgültig vorbei ist.


Mit der Konfirmation geht ihr über eine Schwelle

und lasst eure Kindheit hinter euch zurück.

Ihr seid noch keine Erwachsenen,

aber ihr seid auch keine Kinder mehr.


Wie der kleine Prinz seid ihr dabei,

Freundinnen und Freunde zu finden

und viele Dinge kennen zu lernen.

Und während es euch schien,

als hättet ihr dafür alle Zeit der Welt,

sind anderthalb Jahre wie im Flug vergangen.


In diesen anderthalb Jahren gehörte zu den vielen Dingen,

die ihr in der Schule gelernt habt,

bei den vielen Trainingseinheiten und Übungsstunden,

auf Reisen oder durch Begegnungen mit anderen

auch die Kirche und der Glaube.


Glaube und Kirche sind eine Welt,

mit der man normalerweise wenig zu tun hat.

In der nächsten Zeit werden sie keine große Rolle für euch spielen.

Das muss so sein.

Schließlich gibt es für euch noch so viel zu entdecken und zu erleben!

Und außerdem muss man oft erst weggehen

und Abstand gewinnen, um zu merken,

was man an einer Sache hatte

und was sie einem bedeutet.


Auch Jesus geht weg, wie das Evangelium erzählt.

Die 40 Tage von Ostern bis zur Himmelfahrt

sind ein langer Abschied.

Am heutigen Sonntag blicken wir bereits auf diesen Abschied zurück.

Jesus ist nicht mehr da.

Der Tröster, den er schicken will, ist noch nicht gekommen.

Ein Schwebezustand wie der, in dem sich der kleine Prinz befindet:

Er hat nicht viel Zeit,

bevor er auf seinen Asteroiden zurückkehren muss, zu seiner Rose.

Soll er seine wenige Zeit dazu verwenden, den Fuchs zu zähmen?


„Was heißt ‚zähmen’?”, fragte der kleine Prinz.

„Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache”, sagte der Fuchs.

„Es bedeutet: sich ‚vertraut machen’.”


Sich vertraut machen, vertraut werden mit etwas,

das gelingt durch Übung und Wiederholung.

Ihr kennt das aus der Schule,

von den vielen Stunden des Trainierens und Übens.


Vertraut werden, sich vertraut machen ist auch die Art,

wie man den Glauben kennenlernt.

Darum die vielen Gottesdienste, die ihr besucht habt,

darum die wöchentlichen Treffen zum Konfirmandenunterricht.

Es ging dabei nicht so sehr darum,

Wissen über den Glauben anzuhäufen.

Sondern darum, den Glauben als Lebenshaltung kennen zu lernen.

Und damit vertraut zu werden, wie man ihn leben kann.


Die Wahrheit, um die es dem Glauben geht,

ist nicht die empirische Wahrheit,

die man messen, wiegen, beweisen oder logisch herleiten kann.

Die Wahrheit ist ein Geheimnis,

das nicht verstanden wird, sondern plötzlich einleuchtet.


Eure Konfirmandenzeit war also eine Art „Zähmen”.

Wir haben uns kennen gelernt,

haben uns aneinander gewöhnt,

sind vielleicht sogar ein wenig Freunde geworden

wie der kleine Prinz und der Fuchs.


Viel wichtiger war,

dass ihr euch mit einem anderen vertraut gemacht habt.

Er brauchte sich nicht mit euch vertraut zu machen,

denn er kennt euch seit eurer Geburt

und hat euch seitdem in jedem Augenblick eures Lebens begleitet.

Ich spreche natürlich von Gott.


Hier, im Dom, seid ihr ihm begegnet.

Im Gottesdienst.

Wenn wir zum Schluss der Stunde das Vaterunser beteten

und miteinander den Segen sprachen.

In besonderen Momenten, die ihr für euch allein

hier im Dom erlebt habt.


Dass wir Gott begegnen können, das macht der „Tröster”,

der Heilige Geist.

Wir müssen nicht auf ihn warten wie die Jünger im Evangelium.

Wir haben ihn bei der Taufe erhalten, er ist bei uns.

Damit er bei uns sein kann, musste Jesus weggehen.

Damit wir Gott nahe sein können, muss Gott weg sein -

ist das nicht paradox?


„Ach”, sagte der Fuchs, „ich werde weinen.”

„Das ist deine Schuld”, sagte der kleine Prinz,

„ich wünschte dir nichts Übles,

aber du hast gewollt, dass ich dich zähme …”

„Gewiss”, sagte der Fuchs.

„Aber nun wirst du weinen!” sagte der kleine Prinz.

„Bestimmt”, sagte der Fuchs.

„So hast du also nichts gewonnen!”

„Ich habe”, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.”


Der kleine Prinz hatte, wir erinnern uns, weizenblondes Haar.

Bisher war dem Fuchs der Weizen gleichgültig gewesen.

Nun erinnerte er ihn an den kleinen Prinzen, seinen Freund.


Jesus geht weg, damit wir uns an ihn erinnern.

Das, was uns an ihn erinnert: das ist das Geheimnis.


Euer Konfirmandenunterricht war das,

was der Weizen für den Fuchs ist:

Im besten Fall etwas, das euch an das Wesentliche erinnert.

Nicht nur an diesen schönen Dom,

sondern an den, zu dessen Ehre er erbaut wurde.

Im Unterricht haben wir versucht,

euch mit Gott vertraut zu machen,

damit ihr eines Tages das Geheimnis des Glaubens entdeckt.


Man kann es nicht erklären - dann wäre es ja kein Geheimnis.

Man kann es auch nicht zeigen.

Jede und jeder muss es für sich selbst finden,

wie der Fuchs die Farbe des Weizens gewann:

Indem man mit dem Glauben vertraut wird.


Das vertraut Werden hat mit eurer Konfirmandenzeit begonnen.

Die Konfirmation ist nicht das Ende,

sondern der Anfang des Weges,

auf dem ihr mit Gott vertraut werdet.

Der Tröster, der Heilige Geist,

den wir heute für euch erbitten,

wird euch alles lehren, was ihr braucht,

um das Geheimnis des Glaubens zu entdecken.


„Adieu”, sagte der kleine Prinz.

„Adieu”, sagte der Fuchs. Hier ist mein Geheimnis.

Es ist ganz einfach.

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”


Ihr seid auf dem Weg, viele Dinge kennen zu lernen,

Freundinnen und Freunde zu finden.

Viele behaupten zu wissen, was wesentlich ist,

und wollen eine:n davon überzeugen.

Man soll sich auf eine Seite stellen,

man soll für eine Sache sein und gegen eine andere,

man soll bestimmte Leute gut finden und andere schlecht.


Der Glaube nimmt der Welt gegenüber eine andere Haltung ein.

Er unterscheidet zwischen der Welt,

die uns umgibt und die ihr zu entdecken beginnt, und Gott.

Gottes Wirklichkeit steht der Welt gegenüber.

Wenn man sich auf Gottes Seite begibt,

gewinnt man ein kritisches Gegenüber zur Welt,

gewinnt die Freiheit, seine eigene Seite zu wählen,

seine eigenen Freundinnen und Freunde.


Im Evangelium heißt es, dass der Tröster,

der Heilige Geist der Welt die Augen auftut.

Wer sehen will, erkennt:

das Wesentliche ist nicht das, was die Welt bietet.

Die Welt ist bunt, aufregend, spannend, wunderschön;

auch leidvoll, ungerecht, gemein und gefährlich.

Aber sie ist nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche erkennt man nur mit dem Herzen.


Ich wünsche euch viele schöne, aufregende,

bereichernde Erlebnisse und Erfahrungen mit der Welt.

Ich wünsche euch, dass ihr so viel wie möglich kennen lernt,

das Leben genießen könnt und viele Freund:innen gewinnt.


Und vielleicht erinnert ihr euch eines Tages an ein Geheimnis,

das ihr gewonnen habt:


Das Geheimnis, dass Gott euch über alles liebt.

Dass Gott euch annimmt, so, wie ihr seid.

Und dass Gott über die Maßen stolz auf euch ist -

so, wie es eure Eltern und Paten heute sind.

Und Matthias und ich sind es auch.