Samstag, 14. September 2013

Wunder von unten

Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis, 15. September 2013, über Lukas 7,11-16:

Und es begab sich, dass Jesus danach in eine Stadt namens Naïn ging, und mit ihm gingen seine Jünger und eine große Menge. Als er sich nun dem Stadttor näherte, sieh, da wurde ein Leichnam herausgetragen, der einzige Sohn seiner Mutter, und die war Witwe, und ziemlich viele Einwohner der Stadt waren bei ihr. Als der Herr sie sah, empfand er Mitleid mit ihr und sprach zu ihr: "Weine nicht!" Und trat heran, berührte den Sarg - die Träger aber waren stehengeblieben - und sagte: "Junger Mann, ich sage dir: steh auf!" Und der Tote setzte sich auf und begann zu sprechen, und sie gaben ihn seiner Mutter. Furcht ergriff aber alle, und sie lobten Gott und sprachen: "Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten!", und dass Gott sein Volk besucht habe.

(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht,
wie man so sagt.
Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht,
hat sich ablenken lassen von tausend Kleinigkeiten
und sie mit dem verwechselt, worauf es eigentlich ankommt.
Wenn man mal darauf achtet, wird einem erst bewusst,
wie häufig einem das passiert:
Alle Zauberkünstler arbeiten damit, 
dass wir uns so leicht ablenken lassen.
Sie lenken unseren Blick auf die rechte Hand,
während sie in der linken die Münze verschwinden lassen.
Die Werbung arbeitet damit,
gaukelt uns den Schein für das Sein vor.
Und auch im Alltag passiert es uns immer wieder,
dass wir einem Herrn in Anzug und Krawatte mehr trauen
als einem langhaarigen Hippie,
dass wir das vermeintliche Schnäppchen ergattern
und uns hinterher darüber ärgern, wenn das Teil nichts taugt.

Ich habe mal tatsächlich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen:
da wollte der Förster von mir wissen,
ob die Bäume vor mir gepflanzt seien, oder wild gewachsen.
Am Rand des Waldes sah es so aus,
als ob alles kreuz und quer durcheinander wüchse, also sagte ich:
wild gewachsen.
Der Förster lächelte 
und zog mich ein paar Schritte in den Wald hinein,
da sah ich die Bäume in geraden Linien aufgereiht.
Man muss sich nur die Mühe machen,
ein paar Schritte in den Wald hineinzugehen,
einmal nachzufragen, nachzudenken, genauer hinzusehen:
dann sieht man das, worauf es eigentlich ankommt.

I
Auch das Evangelium des heutigen Sonntages verleitet dazu,
vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen.
Es legt eine falsche Fährte aus,
auf die man sich nur allzu leicht locken lässt.
Ich meine das Wunder der Totenerweckung.
Natürlich, Jesus wirkt hier ein Wunder:
Mit einer Berührung des Sarges,
mit einem Befehl an den Toten:
"Junger Mann, ich sage dir: steh auf!"
erweckt er den Toten zum Leben.
Und die Menge erschreckt sich und lobt Gott wegen dieses Wunders.

Eine tolle, märchenhafte Geschichte.
Wie wunderbar wäre das, wenn Tote wieder lebendig würden.
Wenn unser Leben ein Happy End hätte.
Jesus, so scheint die Geschichte zu erzählen,
Jesus kann das: er kann Menschen aus dem Tod zurückholen.
Und wenn Jesus das damals konnte,
kann er es auch noch heute - so denken manche.
Die Wundergeschichten der Bibel verleiten uns dazu,
auf ein Wunder zu hoffen, 
so, wie man auf sechs Richtige im Lotto hofft.

Die Enttäuschung vieler Menschen über Gott rührt daher,
dass er sich im entscheidenden Moment zu weigern scheint,
das Wunder zu tun.
Da haben sie ihr Leben lang geglaubt, gebetet,
gespendet, Kirchgeld gezahlt, und nun,
da ein geliebter Mensch schwer krank ist,
bitten sie Gott um das kleine Wunder,
dass dieser Mensch wieder gesund wird,
dass er nicht sterben muss.
Sie bitten nicht einmal für sich, sondern für jemand anderen
- trotzdem wird ihre Bitte nicht erhört.
Gott, für den es ein Leichtes wäre, die Bitte zu erfüllen,
schweigt, greift nicht ein.

Vielleicht schmunzeln wir über einen so naiven Glauben.
Vielleicht erkennen wir aber auch,
dass wir in schweren Momenten des Lebens
ganz ähnlich gedacht haben:
Warum lässt Gott das zu?
Warum greift Gott nicht ein und hilft?

II
Der Predigttext beginnt wie ein Märchen: "und es begab sich ..."
Und sie endet auch so: mit einem Happy End.
Aber dazwischen ist sie gar nicht märchenhaft,
sondern ziemlich realistisch - realistischer, 
als man das von so einer märchenhaften Geschichte erwartet,
als man es an einem Sonntag Morgen hören kann und will.

Denn es wird von einer Beerdigung erzählt.
Eine Witwe hat ihren einzigen Sohn verloren,
der gerade zu Grabe getragen wird.
Die Träger, die mit dem offenen Sarg dem Trauerzug vorangehen,
verlassen eben die Stadt.
Eine Frau hat ihr geliebtes Kind verloren.
Und mit ihm auch ihre Zukunft:
Jetzt hat sie niemanden mehr, der sie versorgt -
ihr Mann ist ja schon tot.

Witwen hatten in der antiken Gesellschaft,
in der es ja noch keine Rentenkasse gab,
eine besonders schwere Stellung.
Die Geschichte von Naomi und Rut zeichnet ein Bild davon:
Naomi muss, als ihr Mann und ihre beiden Söhne sterben,
das Land verlassen, in das sie gezogen sind,
nach Israel zurückkehren, weil dort noch Verwandte leben,
die sie versorgen können.
Rut, ihre Schwiegertochter, kommt mit ihr.
Die beiden Frauen versorgen sich,
indem Rut die Ähren aufsammelt,
die nach der Getreideernte liegengeblieben sind.
Ein armes, ein armseliges Leben.

Deshalb gibt es im Alten Testament allerorten die Mahnung,
sich der Witwen besonders anzunehmen.
"Schafft den Waisen Recht,
führt die Rechtssache der Witwen",
heißt es zum Beispiel bei Jesaja (Jesaja 1,17).
Gott erwartet von seinem Volk,
den Witwen und Waisen zu helfen.
Die ersten Christen nahmen sich besonders der Witwen an
und wurden dafür verspottet,
dass in manchen Gemeinden die Witwen die größte Gruppe waren.

III
Die Geschichte von Rut hat ein Happy End.
Aber für die namenlose Witwe des Evangeliums
ist eine Welt zusammengebrochen.
Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll.
Da kommt Jesus und gibt ihr ihren Sohn zurück - ein Wunder!
Aber die Geschichte wird nicht wegen dieses Wunders erzählt.
Denn was nützt es uns, dass Jesus einst dieses Wunder wirkte,
wenn uns solche Wunder heute nicht mehr widerfahren.
Manche meinen, man müsse eben fest und "richtig" glauben,
dann hätte man auch heute noch eine Chance auf ein solches Wunder.
Aber die Chance, dass sie Recht haben,
ist kleiner, als den Jackpot im Lotto zu knacken,
und widerspricht aller unserer Erfahrung.
Wer auf ein Wunder wartet, ist auf dem Holzweg.

Die Geschichte wird aus einem anderen Grund erzählt:
Jesus empfand Mitleid mit der Witwe, heißt es.
Deshalb hilft er ihr.
Und das Volk lobt Gott - nicht, wie man meinen könnte,
wegen des Wunders der Totenerweckung.
Sondern weil Gott in Jesus Stellung bezogen hat:
Gott steht auf der Seite derer, die alles verloren haben,
die keine Zukunft für sich sehen, die von Armut bedroht sind.
Gott ergreift Partei für die Armen, Ohnmächtigen und Rechtlosen.
Davon singt Maria in ihrem Lied, dem Magnifikat:
"Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen."
Gott, so erzählt auch unsere Geschichte, ist parteiisch.
Und die Menge erkennt es, sie ruft:
"Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten!"
Die Propheten waren es,
die immer wieder dazu aufriefen,
die Rechte der Witwen und Waisen zu achten
und ihnen zu helfen.
Jesus tritt in ihre Fußtapfen,
mehr noch: er hilft der Witwe,
wie es schon Elia tat (1.Könige 17).

IV
Daran erkennen die Menschen,
dass Gott sein Volk besucht hat.
Gott hat sein Volk besucht -
wer sich ein wenig in der Bibel auskennt,
der oder dem kommt dieser Satz bekannt vor:
"Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk",
singt Zacharias, als sein Sohn Johannes geboren ist,
Johannes, der später den Beinamen "der Täufer" erhält.

Gott hat sein Volk besucht
in seinem Sohn Jesus Christus,
dessen Geschichte ebenso märchenhaft beginnt wie unsere,
mit den Worten: "Es begab sich aber zu der Zeit ..."
Lukas erzählt viele solcher Geschichten.
Aber er ist kein Märchenonkel, er ist Realist.
Er will seinen Lesern keine heile Welt vorgaukeln.
Ihr Leben hatte, wie unseres, kein Happy End.
Auch sie rettete kein Wunder vor einer schweren Krankheit,
vor dem Verlust eines geliebten Menschen,
vor einem unzeitigen Tod.
Aber das verspricht die Geschichte auch nicht, die Lukas erzählt.

Die Geschichte wird deshalb erzählt,
weil wir durch sie erkennen sollen,
dass Gott sein Volk - uns - tatsächlich besucht hat.
Dass Gott Mitleid mit uns empfindet
und unserem Leben ein Happy End geben will.
Nicht, wie wir es uns wünschen,
in Form eines Wunders,
das alles Böse, alles Leiden einfach ungeschehen macht.
Sondern durch das Wunder der Auferstehung seines Sohnes,
die den Tod besiegt hat.
Am Ende unseres Lebens wartet - - - Leben auf uns.
Mit anderen Worten: Wer wir sind, was uns ausmacht,
ist unzerstörbar. Nichts und niemand kann uns zunichte machen.
Das ist unsere Lebensversicherung.

Vor allem aber wird dieses Geschichte erzählt 
weil Jesus Mitleid mit der Witwe empfindet.
Als Schwestern und Brüder Jesu,
die in seinen Fußtapfen gehen,
will diese Geschichte uns zum Mitleiden ermuntern
mit Menschen, denen die Zukunft genommen wurde,
die keine Hoffnung mehr haben, keinen Ausweg mehr sehen.
Wenn wir uns ihnen zuwenden,
sehen sie einen Moment den Himmel offen.
Dann blitzt für einen Moment Gottes Reich auf.
Durch uns spüren sie, dass Gott bei ihnen ist.

V
Wir sind einander wie Jesus,
wenn uns das Leiden des anderen nicht egal ist.
Und so, wie wir uns anderen zuwenden,
erfahren auch wir, dass wir anderen nicht egal sind.
Das ist das eigentliche Wunder,
es geschieht immer wieder
und macht Menschen Mut, gibt ihnen Kraft zum Leben.

"Was steht ihr da und seht zum Himmel?",
fragen die Engel die Jünger bei der Himmelfahrt Jesu.
Statt auf ein Wunder vom Himmel zu warten,
sollen wir erkennen, dass wir es selbst in der Hand haben,
das Wunder geschehen zu lassen.
Nicht wie die Zauberkünstler mit ihren Tricks.
Sondern wirklich und wahrhaftig so,
dass wir uns an die Seite derer stellen,
die keine Lobby haben, die vergessen, übersehen werden,
und die wir dadurch aufrichten.
Durch uns erfahren sie, dass Gott an ihrer Seite ist.
In unseren Augen, die sie ansehen und anlächeln, 
spiegelt sich für sie der Himmel.
Amen.

Sonntag, 7. April 2013

Betriebssystem: Bibel - eine Konfirmationspredigt


Predigt zur Konfirmation am Sonntag Quasimodogeniti, 7. April 2013 über Jesaja 40,26-31:

Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen? Gott lässt sie alle aufmarschieren, das ganze unermessliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft.
Ihr Leute von Israel, ihr Nachkommen Jakobs, warum klagt ihr: "Gott kümmert sich nicht um uns; unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht"? Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen? Der Herr ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen! Er wird nicht müde, seine Kraft lässt nicht nach; seine Weisheit ist tief und unerschöpflich. Er gibt den Müden Kraft und die Schwachen macht er stark. Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen. Aber alle, die auf Gott vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.
(Gute Nachricht)

Liebe Gemeinde,
liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

heute werden Eure Eltern und Großeltern,
Eure Onkel und Tanten ab und zu ein bisschen wehmütig sein.
Denn heute, mit Eurer Konfirmation,
wird Ihnen - und vielleicht auch Euch - endgültig bewusst,
dass Ihr keine Kinder mehr seid.
Ihr seid nun endgültig und unwiderruflich dabei, "groß" zu werden.
Das sollt Ihr auch.
Das wollt nicht nur Ihr, das wollen auch Eure Eltern.
Aber sie erinnern sich vielleicht gerade heute daran,
wie es war, als Ihr noch klein wart und sie an Eurem Bett saßen
und Euch z.B. "Weißt du, wieiviel Sternlein stehen" vorsangen.
Ihr wisst das nicht mehr. Ist schon zu lange her.
Und doch könnt Ihr Euch vielleicht noch
an das Gefühl der Geborgenheit damals erinnern.
Daran, wie schön es war,
wenn Mama oder Papa an Eurem Bett saßen,
Euch eine Geschichte vorlasen oder Euch in den Schlaf sangen.
Und vielleicht seid auch Ihr ein kleines bisschen traurig,
dass Ihr keine Kinder mehr seid -
nicht mehr unbeschwert in den Tag hinein leben,
selbstvergessen spielen könnt -, sondern Pflichten habt:
Ihr müsst vieles tun.
Zur Schule gehen, lernen, üben;
den Müll rausbringen, den Rasen mähen,
die Spülmaschine ausräumen.
Ihr müsst zum Sport, zur Tanzstunde ...
- vorbei die Zeit, wo das alles nur Spaß war.
Jetzt ist das meiste sehr ernst, und es hängt viel davon ab,
dass Ihr gut in der Schule seid.
Dass Ihr intensiv lernt, übt, trainiert.
Dass Ihr Verantwortung für Euch und Euer Leben übernehmt.

I
"Weißt du, wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?"
Diesen Satz aus dem alten Kinderlied
haben wir so ähnlich eben schon mal gehört.
In der Lesung heißt es:
"Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen?"
Was hat der Blick in die Sterne mit der Konfirmation zu tun?
Oder, um Euch und Ihnen einen Tipp zu geben,
was hat das Firmament, ein altertümlicher Name für den Himmel,
mit der Kon-firma-tion zu tun?

"Seht doch nur in die Höhe!", fordert die Lesung auf,
die wir eben gehört haben.
Also gut - machen wir das doch einfach mal:
Schauen wir nach oben - was sehen wir?
Das Gewölbe der Klosterkirche.
Zur Zeit des Propheten Jesaja, zur Zeit Jesu,
aber auch noch im Mittelalter, als diese Kirche gebaut wurde,
stellte man sich den Himmel als Gewölbe vor,
als eine feste Schale, wie eine überdimensionierte Eierschale.
Vielleicht nicht gemauert, wie das Gewölbe der Klosterkirche,
aber jedenfalls fest: als Firmament,
an dem die Sterne sozusagen angeklebt sind.
In manchen alten Kirchen sind deshalb auf das Gewölbe Sterne gemalt.
In der Kirche in Rautheim gibt es sogar einen ganzen Sternenhimmel.
Firmament - in diesem Wort steckt das lateinische Wort firmus.
Es bedeutet "fest".
Dieses Wort steckt auch in Eurer Konfirmation.

II
Heute wird etwas festgemacht.
Und heute macht Ihr etwas fest.

Festgemacht wird ein Einschnitt in Eurem Leben.
Gestern wart Ihr noch Kinder. Heute seid Ihr es nicht mehr.
Früher begann nach der Konfirmation die Lehre.
Schülerinnen und Schüler wurden gesiezt.
Jungs trugen zum ersten Mal Anzug und Krawatte,
und die Mädchen schnitten ihre langen Kinderzöpfe ab.
Erste Schritte hinein in eine andere Welt,
in die man als Kind nicht schnell genug kommen kann
und von der man später, wenn man älter ist, wünscht,
sie wäre nicht so schnell gekommen:
Die Welt der Erwachsenen.

Was Ihr heute fest macht, ist Euer Glaube.
Es ist Euch wahrscheinlich gar nicht bewusst,
und es ist Euch nicht so wichtig wie all das andere,
das mit der Konfirmation zusammenhängt.
Das ist in Ordnung so. Der Glaube hängt nicht an der Konfirmation,
sondern an der Tatsache, dass Ihr getauft seid.
Aber der Grund, warum wir überhaupt Konfirmation feiern,
ist, dass Ihr heute Euren Glauben festmacht:
Ihr sagt heute, dass Ihr Christinnen und Christen sein wollt.
Bei den meisten von Euch haben Eure Eltern das für Euch entschieden,
indem Ihr schon als kleine Kinder getauft wurdet.
Nun entscheidet Ihr Euch dafür.

Habt Ihr Euch das auch wirklich gut überlegt?

Christsein, das klingt ja erst einmal harmlos.
Das klingt sogar richtig gut, wenn man bedenkt,
dass Ihr jetzt Patinnen und Paten werden könnt,
Gemeindeglieder mit fast allen Rechten seid -
aber habt Ihr auch das Kleingedruckte gelesen?

III
Das am meisten nicht gelesene Kleingedruckte sind die EULAs,
die Endbenutzer-Lizenzverträge,
die man bei der Installation von Software abnicken muss.
Bei jedem Spiel, das man installiert, bei jedem Update muss man
"Ich stimme zu" anklicken.
Aber ich kenne kaum einen, der auf den Link darüber geklickt hätte,
der zum seitenlangen Lizenzvertrag führt.
Und ich kenne niemanden,
der sich das Ungetüm mal in Ruhe durchgelesen hätte.
Man nickt ihn ab, weil es alle so machen
und weil es sowieso keine Konsequenzen hat. Hofft man wenigstens.

Das Christentum ist gottseidank lizenzfrei.
Es ist "Public Domain", freie Software, sozusagen.
Jede und jeder kann mitmachen.
Man muss allerdings, wenn man Geld verdient,
eine Nutzungsgebühr zahlen: die Kirchensteuer.
Es ist also nicht völlig frei, sondern Shareware:
Wie die Shareware im Internet lebt das Christentum davon,
dass Menschen, die das können, es finanziell unterstützen,
damit es weiterentwickelt werden kann
und damit andere, die kein oder zu wenig Geld haben,
es kostenlos nutzen können.

Aber dennoch kennt auch das Christentum das Kleingedruckte.
Es hat sogar ziemlich viel davon,
und es ist manchmal so klein gedruckt,
dass manche es ohne Brille gar nicht mehr lesen können.
Gegen unser Kleingedrucktes sehen selbst die längsten Lizenzverträge aus dem Internet geradezu mickrig aus.
Ich spreche natürlich von der Bibel.
Da steht drin, worauf Ihr Euch einlasst.
Aber wie den EULAs, so geht es auch der Bibel:
Sobald man sich das Christentum heruntergeladen hat,
nickt man die Bibel ab,
aber kaum einer schaut mal wirklich nach,
was er da abgenickt hat.
Und ich kenne niemanden,
der sich das Ungetüm mal in Ruhe durchgelesen hätte.
Man nickt sie ab, weil es alle so machen
und weil es sowieso keine Konsequenzen hat. Hofft man wenigstens.

IV
Mit Eurer Konfirmation schließt Ihr keinen Vertrag.
Der Vergleich zwischen Christentum und Software hinkt natürlich:
Die Bibel ist keine EULA, kein Lizenzvertrag.
Man muss auch nicht alles, was in ihr steht,
wörtlich befolgen - auch wenn manche das meinen -
und dann doch wieder Ausnahmen machen,
weil die Bibel eben so nicht funktioniert.
Die Bibel ist selbst eine Art Software, ein Betriebssystem,
das in seinen alten Teilen weit über 2.000 Jahren auf dem Buckel hat
und immer noch läuft und, so Gott will,
auch in den nächsten 2.000 Jahren noch laufen wird.

Die Bibel ist ein freies Betriebssystem wie LINUX,
nur, dass es keine Updates mehr gibt.
Der Code liegt seit langer, langer Zeit schon fest.
Die Kirche ist der Computer,
der mit diesem Betriebssystem Bibel läuft.
Man kann damit nicht zocken, keine Mails verschicken.
Aber Musik gibt's hier zu hören.
Vor allem ist Kirche eine Art Facebook, das man live erleben kann.
Die Kirche ist das Soziale Medium schlechthin.
Und Ihr seid dabei.
Wie gut dieser Computer "Kirche" funktioniert
und wie schick er aussieht,
das liegt jetzt auch in Eurer Hand.
Ihr gestaltet ihn mit.

Dazu hilft es,
wenn man ab und zu mal in das Betriebssystem "Bibel" schaut.
Aber vor allem hilft es, wenn man hinkommt und mitmacht.
Denn der Computer Kirche ist kein Gebäude wie diese Klosterkirche,
er ist nichts Festes, sondern besteht aus Menschen.
Aus den Menschen, die eine Gemeinde bilden
und darin versuchen, zusammen zu leben,
Gottesdienste zu feiern und das Leben zu gestalten und zu begleiten,
von der Taufe bis zur Beerdigung.

V
Über uns wölbt sich der Himmel.
Früher dachten die Menschen, die es nicht besser wussten,
er sei fest, wie ein gemauertes Gewölbe: das Firmament.
Heute wissen wir: da ist weitgehend nichts,
jedenfalls nichts Festes, abgesehen von den paar Planeten und Sternen.

Die Bibel spricht noch einmal ganz anders vom Himmel:
"Seht doch nur in die Höhe!", sagt sie.
"Wer hat die Sterne da oben geschaffen? 
Gott lässt sie alle aufmarschieren, das ganze unermessliche Heer. 
Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen."

Das ist natürlich nicht wirklich so.
Aber Ihr habt durch die Konfirmandenzeit
vielleicht eine Ahnung davon bekommen,
oder werdet sie eines Tages bekommen,
dass es nicht nur eine Wirklichkeit gibt.
Die Bibel lässt uns die Dinge anders sehen, als wir es gewohnt sind.
Dabei geht es, wie gesagt, nicht darum,
was wir tun oder lassen sollen.
Die Bibel will uns nicht die Welt erklären.
Aber sie hilft uns, unser Leben noch einmal anders zu verstehen:
Ihr seid bei Eurem Schritt in die Welt der Erwachsenen nicht allein.
Eure Eltern, Eure Familien begleiten Euch dabei.
Und es geht auch der mit, von dem die Bibel sagt,
er habe die Sterne geschaffen.

Gott, der jeden Stern beim Namen kennt,
der kennt vor allem Eure Namen: Sie sind in seine Hand geschrieben.
Gott ist auf Eurer Seite, seit Eurer Taufe schon.
Seit Eurer Taufe ist er mindestens so stolz auf Euch,
wie Eure Eltern es heute sind.
Und er wird es immer sein, komme, was wolle.

Die Konfirmation soll und wird euch vor allem daran erinnern:
dass man die Dinge, dass man diese Welt auch anders sehen kann.
Dass man beim Blick in den Himmel nicht nur in unendliche Weiten schaut, in denen weitgehend nichts ist.
Sondern dass man in ein freundliches Gesicht schaut:
in Gottes Gesicht.
Man kann es zwar nicht sehen, aber man kann wissen.
Es leuchtet über mir, wie ein Stern.
Es leuchtet vor Freude, dass es mich gibt,
dass ich der Mensch bin, der ich bin.
Es leuchtet vor Freude, dass es Euch gibt
und dass Ihr so seid, wie Ihr seid.
Darin soll Euch die Konfirmation fest machen:
Dass Gott für Euch ist und an Eurer Seite steht
heute, morgen und an allen Tagen, die kommen.

Amen.

Montag, 1. April 2013

Wer wird denn weinen? Eine Predigt zum Abschied


Predigt am Ostermontag, 1. April 2013, zur Verabschiedung als Pfarrer an der Klosterkirche Riddagshausen, über Jesaja 25,8-9

"Ach!", sagte der Fuchs, "ich werde weinen."
"Das ist deine Schuld", sagte der kleine Prinz,
"ich wünschte dir nichts Übles,
aber du hast gewollt, dass ich dich zähme ..."
"Gewiss", sagte der Fuchs.
"Aber nun wirst du weinen!", sagte der kleine Prinz.
"Bestimmt", sagte der Fuchs.
"So hast du also nichts gewonnen!" [1]

Liebe Gemeinde,

die Aussicht, sein Freund könnte weinen,
erschreckt den kleinen Prinzen.
Für ihn sind Tränen etwas Fremdes, Bedrohliches.
Das geht wohl allen Kindern so,
die Erwachsene weinen sehen.
Weil Erwachsene so selten und nur heimlich weinen,
- und, wenn sie es gar nicht verhindern können,
dabei ihr Gesicht verbergen -, erschrecken sich Kinder,
wenn sie ihre Eltern doch einmal weinen sehen und befürchten,
dass etwas Schlimmes, etwas Ungewöhnliches geschehen sein muss.

Auch wir erschrecken, wenn wir jemanden weinen sehen.
Man ist ganz verdattert und hilflos
und reagiert entweder mit sofortigem Mitleid und dem Wunsch,
zu trösten und zu helfen, die Tränen zu vertreiben,
oder mit sofortiger Ablehnung und Verachtung vor so wenig Selbstbeherrschung.
So oder so: Tränen, wenn sie nicht vor Freude geweint werden,
wenn sie einem nicht beim Zwiebelschneiden
oder vor Lachen in die Augen schießen,
Tränen sind etwas Schlimmes.
Denn sie deuten darauf hin, dass etwas Schlimmes passiert ist.

I
So denkt offenbar auch der Predigttext für den Ostermontag,
der beim Propheten Jesaja im 25. Kapitel steht.
Ich lese eine eigene Übersetzung:

Gott wird den Tod vernichten für immer,
und abwischen wird er die Tränen von allen Gesichtern.
Und die Schmähung seines Volkes wird er aufheben von der ganzen Erde, denn er hat es versprochen.
Und man wird sagen an diesem Tag:
"Sieh, das ist unser Gott.
Wir haben auf ihn gehofft, und er hat uns geholfen.
Das ist der Herr, auf ihn haben wir gewartet.
Lasst uns jubeln und fröhlich sein über seine Hilfe!"

Tod und Tränen in einem Satz, in einem Atemzug.
Hier werden keine Krokodilstränen vergossen,
hier ist den Menschen großes Leid widerfahren.
Einen ganz ähnlichen Satz lesen wir oft bei Trauerfeiern und Beerdigungen vor,
aus dem Buch der Offenbarung des Johannes:
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, 
und der Tod wird nicht mehr sein.

Ich finde dieses Bild sehr tröstlich:
Gott, der wie eine Mutter, wie ein Liebender
behutsam die Tränen aus dem Gesicht wischt.
Da ist Gott ganz auf der Seite der Trauernden, der Leidenden.
Teilt ihre Fassungslosigkeit, ihre Verzweiflung,
und hat keine Antworten auf die Frage nach dem Warum parat,
keinen höheren Sinn, der den Tod dieses Menschen rechtfertigt,
sondern nur Mitgefühl und Trost.

Aber so bange einem um Trost sein kann,
frage ich mich doch:
Was ist so schlimm an Tränen,
dass man sie nicht zeigen darf
und, kaum sind sie geweint, wieder abwischen muss?

II
Am dritten Tage auferstanden von den Toten,
so sprechen wir im Glaubensbekenntnis.
Und tatsächlich sind es von Karfreitag bis Ostersonntag drei Tage.
Aber schon als Kind habe ich das nicht verstanden
und immer wieder nachgezählt.
Denn wenn man die Zeit von der Kreuzigung am Freitag Nachmittag
bis zur Auferstehung am Ostermorgen misst
und nicht die Anzahl der Wochentage zählt,
dann sind es bestenfalls zwei Tage - eigentlich nur anderthalb.
Nicht, dass ich hier zum Pfennigfuchser werden will oder meine,
Jesus hätte längere Zeit im Reich des Todes verbringen müssen.
Aber auffällig ist es doch,
dass wir die Grabesruhe Jesu offenbar nur schwer aushalten können
und deshalb abkürzen müssen.
Schon der Karfreitag ist für viele eine Zumutung.
Aber am eigentlichen Tag der Grabesruhe, dem Karsonnabend,
da muss schnell wieder eingekauft werden,
da muss das Leben wieder seinen gewohnten Gang gehen.
Dieser eine Tag Unterbrechung ist genug.
Es kann nicht schnell genug Ostern werden,
wir können nicht früh genug
die erlösende Botschaft von der Auferstehung hören.
Wir können die Totenstille nicht aushalten.

So ist es auch mit den Tränen.
Wenn jemand weint, dann ist es schwer,
das mit anzusehen, ihn oder sie weinen zu lassen.
Hilflos versuchen wir, den Tränenfluss zu stoppen,
sagen: "Du musst doch nicht weinen", reichen Taschentücher.
Dabei hilft es doch,
wenn die Trauer mit den Tränen herausgeschwemmt wird,
wenn die Gefühle, die einem wie ein Kloß im Hals sitzen,
sich Bahn brechen können
und man - vielleicht zum ersten Mal - spürt,
was einem fehlt, was einem so weh tut.

Tränen, Krankheit, Leid, Schmerz und am Ende der Tod
gelten als schrecklich, als etwas, das man nicht verdient hat.
Und so ist es: Niemand hat verdient, zu leiden.
Niemand verdient es, krank zu sein,
einen geliebten Menschen zu verlieren.
Niemand verdient es, zu sterben.
Und doch kann dem niemand entgehen.
Es gehört zu unserem Menschsein, zu unserem Leben dazu,
dass wir Leid und Schmerz erleben und empfinden,
dass wir Abschied nehmen müssen und anderswo neu anfangen,
dass wir krank werden und alt,
dass wir geliebte Menschen durch den Tod verlieren
und eines Tages selbst sterben müssen.
Niemandem bleibt das erspart.
Niemand hat einen Anspruch, ein Recht auf ein Leben,
das von all dem unbeschwert ist,
das nur Gesundheit kennt, Erfolg und glückliche Tage
und an dessen Ende ein sanfter Tod steht.
Aber wir alle träumen davon und, wenn wir ehrlich sind,
erwarten wir, dass es uns genau so ergeht.
Wenn es aber nicht so kommt - und das ist die Regel -,
dann hadern wir mit Gott und fragen,
warum er so grausam zu uns ist,
warum er uns dieses schwere Schicksal nicht erspart,
warum er uns leiden lässt.

III
Gott wird den Tod vernichten für immer,
und abwischen wird er die Tränen von allen Gesichtern.
Und die Schmähung seines Volkes wird er aufheben von der ganzen Erde, denn er hat es versprochen.
Dieses Versprechen Gottes bezieht sich nicht auf unsere Gegenwart.
Es bezieht sich auf einen Tag, von dem Jesus sagt,
dass er kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.
Ein Tag, den viele Fromme sehnlichst erwartet haben,
der immer wieder berechnet wurde und doch nicht angebrochen ist.

Ich bin ganz froh darüber, dass er noch nicht angebrochen ist.
Denn das würde ja das Ende, den Untergang der Welt bedeuten.
Ich bin froh, dass ich in dieser Welt leben darf -
auch, wenn das bedeutet, dass ich leide,
dass ich Schmerz empfinde, krank und alt werde,
Menschen verliere, die ich liebe und eines Tages selbst sterben werde.

Aber diese Welt ist die schönste aller Welten,
weil ich sie mir "gezähmt" habe, wie Saint-Exupery es nennt:
Ich habe mir Bäume, Blumen, Wasser und Wolken vertraut gemacht;
ich habe Menschen kennen gelernt und mich mit ihnen angefreundet;
ich habe die wunderbarsten Eltern und Geschwister, die es gibt;
die schönste und klügste aller Frauen
und die zauberhafteste Tochter,
die man sich nur vorstellen kann.
Ich durfte in dieser so anrührend schönen und erhabenen Kirche arbeiten
in einem Team von engagierten und professionellen Mitarbeitern, die auch noch ganz wunderbare Menschen sind;
mit einem Kantor, der ein großer Künstler ist;
mit Menschen, die unglaubliche Mengen an Zeit und Kraft und Herzblut in diese Gemeinde, in diese Kirche investieren.
Ich bin über die Maßen begnadet und beschenkt worden.

Und Sie sind es auch.

Denn auch Sie haben wunderbare Partnerinnen und Partner,
auch Ihre Kinder lieben Sie über alles,
auch Ihre Kirche, Ihre Gemeinde ist die beste und schönste der Welt.

Aber - wenn alle so besonders sind:
dann ist niemand besonders.

Nein, so ist es nicht.
Sondern:
man erkennt das Wunder, das jeder einzelne Mensch ist,
erst dann, wenn man sie "gezähmt",
sich mit ihnen vertraut gemacht hat:
Wenn man sie oder ihn zu sehen lernt, wie sie ist,
und wenn man sie oder ihn dafür zu lieben lernt,
dass sie genau so ist, wie sie ist,
und sie nicht anders haben will.

Wer die Einmaligkeit eines Menschen entdeckt,
die Schönheit eines Ortes, der Pflanzen und Tiere,
indem er sie "zähmt", sich mit ihnen vertraut macht,
zahlt einen hohen Preis: die Tränen beim Abschied.

Menschen, die wir lieben, verletzten oder verlassen uns.
Orte verändern sich. Tiere sterben. Bäume werden gefällt.
Wir verändern uns. All das ist schmerzhaft, tut weh.

Irgendwann müssen wir das,
was wir uns vertraut gemacht haben, zurücklassen.
Das tut sehr weh.
Denn wir wissen nicht, wie das Neue sein wird.
Ob da überhaupt noch etwas kommt.

IV
Man wird sagen an diesem Tag:
"Sieh, das ist unser Gott.
Wir haben auf ihn gehofft, und er hat uns geholfen.
Das ist der Herr, auf ihn haben wir gewartet.
Lasst uns jubeln und fröhlich sein über seine Hilfe!"

Heute feiern wir die Auferstehung.
Wir jubeln und sind fröhlich darüber,
dass noch etwas gekommen ist.
Dass unser Warten nicht enttäuscht wurde.
Gott hat versprochen, eines Tages den Tod zu vernichten
und alle Tränen abzuwischen.
An diesem Tag werden wir sagen, dass Gott uns geholfen hat.
Noch ist es nicht so weit.
Noch leben wir in dieser Welt,
die keinesfalls die beste aller Welten ist.
Aber so schön, so wunderbar,
dass sie für jede und jeden von uns ein Paradies sein könnte,
wenn wir nur wollten.

"Sieh, das ist unser Gott.
Wir haben auf ihn gehofft, und er hat uns geholfen.
Das ist der Herr, auf ihn haben wir gewartet.
Lasst uns jubeln und fröhlich sein über seine Hilfe!"
Diese Hilfe Gottes hat einen Namen.
Hilfe heißt nämlich auf Hebräisch "Jeschua".
Jeschua - bei diesem Namen klingelt etwas:
Es ist der hebräische Name dessen, den wir "Jesus" nennen
und der an Ostern auferstanden ist.
Gottes Hilfe hat einen Namen,
eine Gestalt und ein Gesicht.
Und weil Jesus auferstanden ist,
ist sie tatsächlich, leibhaftig da.

V
"Ach!", sagte der Fuchs, "ich werde weinen."
"Das ist deine Schuld", sagte der kleine Prinz,
"ich wünschte dir nichts Übles,
aber du hast gewollt, dass ich dich zähme ..."
"Gewiss", sagte der Fuchs.
"Aber nun wirst du weinen!", sagte der kleine Prinz.
"Bestimmt", sagte der Fuchs.
"So hast du also nichts gewonnen!"
"Ich habe", sagte der Fuchs, "die Farbe des Weizens gewonnen."

Viele Menschen, viele Dinge begegnen uns auf unserem Lebensweg.
Sie begleiten uns ein kurzes oder langes Stück unseres Weges,
dann müssen wir sie zurücklassen und ohne sie weiter gehen.
Wenn wir sie uns vertraut gemacht haben, werden wir weinen.
Es wird schmerzhaft sein, uns von ihnen zu trennen.
Aber wir nehmen etwas mit, das sie uns geschenkt haben.
Die Farbe des Weizens bedeutet uns etwas,
weil der, den wir liebten, weizenblondes Haar hatte.
Wir haben Farben gewonnen, Töne;
mit allen Sinnen, mit unserem Herzen sind wir berührt worden,
und diese Berührung wirkt noch lange fort und verändert uns.

Sie verändert die Welt.
Ein Weizenfeld ist nicht mehr nur ein Weizenfeld,
sondern eine anfangs schmerzliche,
später immer glücklichere Erinnerung an den Menschen,
den wir lieben.

Sterne sind nicht nur einfach Sterne,
sondern Schellen, aus denen das silberhelle Lachen tönt,
das wir so sehr vermissen;
wir haben Sterne, die lachen können.

Brot ist nicht nur einfach Brot,
und Wein ist nicht nur einfach Wein.
Sie sind Zeichen der Gegenwart dessen,
der in Brot und Wein unter uns, lebendig bei uns ist
und der eines Tages behutsam die Tränen von unseren Augen abwischen wird.

Das ist wohl der Tränen wert.

____________________
[1] Antoine de Saint-Exupery, Der kleine Prinz, in: Gesammelte Schriften, Bd. I, München (DTV), 1985, S. 554

Sonntag, 24. März 2013

Auf Ehre

Predigt am Sonntag Palmarum, 24. März 2013, über Johannes 17,1–8

Liebe Gemeinde,


der Begriff der “Ehre” spielt heutzutage keine Rolle mehr - zum Glück. Vor zwei Generationen, zur Zeit des Nationalsozialismus, war die “Ehre” der zentrale Begriff schlechthin. Um der “Ehre” willen wurden die schlimmsten Verbrechen begangen. Wenn die Zeit des Nationalsozialismus nicht gereicht haben sollte, denn Begriff zu desavouieren, dann hat die Affäre um das “Ehrenwort” Uwe Barschels und zuletzt die Debatte um den “Ehrensold” des Bundespräsidenten dem Wort “Ehre” den letzten Stoß gegeben. Es liegt an dieser schlimmen Geschichte, dass der Begriff der “Ehre” aus der Mode gekommen ist und nur noch von den Ewig Gestrigen im Munde geführt wird.
Ewig Gestrige? Sind wir das auch? Schließlich sprechen wir das Wort “Ehre” jede Woche aus. Wir singen zu Beginn des Gottesdienstes - den heutigen Palmsonntag ausgenommen - “Ehre sei Gott in der Höhe” und - außer in der Passionszeit - “Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’ ”. Und auch im heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium ist viel von Ehre die Rede:

Jesus erhob seine Augen zum Himmel und betete: "Vater, die Stunde ist gekommen. Ehre deinen Sohn, damit der Sohn dich ehre. du hast ihm ja Vollmacht über jedermann gegeben, damit er jedem, den du ihm anvertraut hast, ewiges Leben gebe. Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den einzigen wahren Gott, kennen und Jesus Christus, den du gesandt hast. Ich habe dich auf Erden geehrt und das Werk vollendet, das du mir zu tun gabst; und jetzt ehre du mich, Vater, bei dir mit der Ehre, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.
Ich habe dich den Menschen bekannt gemacht, die du mir aus der Welt anvertraut hast. Dein waren sie, und mir hast du sie anvertraut, und auf dein Wort haben sie geachtet. Jetzt haben sie erkannt, dass alles, was du mir anvertraut hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen mitgeteilt und sie haben sie aufgenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast."
(Eigene Übersetzung)

I 
Der Begriff der “Ehre” ist zwar aus der Mode gekommen, doch können wir alle, glaube ich, uns etwas darunter vorstellen. Wir kennen das “Ehrenwort”, das “Ehrenamt”, das “Ehrenmitglied”, den “Ehrenbürger” und den “Ehrendoktor”. Aber was genau ist diese “Ehre”, die in all den Begriffen steckt und um die es hier geht?
In einem alten Lexikon habe ich eine Definition gefunden, die ich für sehr einleuchtend halte: “Die Ehre ist die Geltung der Persönlichkeit im Urteil der Gesellschaft.” (RGG II, 2.Bd., Tübingen 1928, Sp. 40) Mit anderen Worten: “Ehre” hat, wer in den Augen der anderen etwas “gilt”. Im “Gelten” bzw. im Wort “Urteil” zeigt sich aber sogleich der Pferdefuss des Ehrbegriffs: “Ehre” ist keine feste Größe wie das Kilogramm oder der Meter, sondern hängt vom Urteil einer Mehrheit ab. Eine Gruppe entscheidet, was Ehre ist. Falls ich anderer Meinung sein sollte, werde ich überstimmt, und dann habe ich keine Ehre - nicht, weil ich etwa ein ehrloser Gesell wäre, sondern weil die anderen behaupten, dass ich keine hätte. Unsere jüdischen Mitbürger haben in der deutschen Geschichte auf schreckliche, mörderische Weise erleben müssen, wie ihnen die Ehre genommen, wie sie ihnen regelrecht abgeschnitten wurde. Die, die gestern noch geachtete Mitbürger waren, deren Leistungen und deren Bildung man respektierte, die man als Mitbürger schätzte, deren Meinung wichtig war, galten plötzlich als “ehrlos”, waren aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und vogelfrei - niemand setzte sich
für sie, ihre Ehre, ihre Würde - ihr Leben - ein.


II
In dieser Zeit des Nationalsozialismus wollten sogar viele Pastoren nichts mehr davon wissen, dass auch Jesus selbst Jude war und zu denen gehörte, denen man die Ehre abgesprochen, die man aus der “Volksgemeinschaft” ausgeschlossen hatte.
Als “König der Juden”, als Messias zieht Jesus in Jerusalem ein. Er handelt nach den Worten des Propheten, der angekündigt hatte, dass der Messias auf einem Esel und einem Eselsfohlen in Jerusalem einreitet (Sacharja 9,9), und nimmt bewusst in Kauf, dass man ihn als Messias ansieht, als “König der Juden”. “Iesus Nazarenus, Rex Iudaeorum”, INRI, “Jesus von Nazareth, König der Juden” steht denn auch bald als Hinrichtungsgrund auf einem Schild über seinem Kreuz.
Aber Jesus ist gar nicht der “König der Juden”. Die, die dabei ein Wörtchen mitzureden hätten, wollten ihn nämlich auf keinen Fall als König haben: Von seinen Glaubensbrüdern wird er ebenfalls ausgeschlossen. Pharisäer und Schriftgelehrte wollen nichts mit diesem radikalen Rabbi zu tun haben. Sie verfolgen ihn sogar und wollen ihn zum Schweigen gebracht sehen. Jesus ist selbst mit daran schuld. Er provoziert die frommen Juden immer wieder, indem er sich wenig messiasmäßig verhält: Er übertitt absichtlich Gebote - arbeitet, heilt Menschen am Sabbat -, und gibt sich mit Menschen ab, die aus gutem Grund aus der Gemeinde ausgeschlossen sind - Zöllner, Prostituierte, Ehebrecher.
Seinen Zeitgenossen muss Jesus wie ein Hippie vorgekommen sein, ein Aufmüpfiger, ein Herumtreiber, vielleicht sogar ein Terrorist. Mit “Ehre” hat man diesen Menschen nicht in Verbindung gebracht - davon weiß auch der Philipperhymnus ein Lied zu singen, wenn er davon spricht, dass Jesus “sich selbst entäußerte”, “Knechtsgestalt annahm” und “sich selbst erniedrigte”. Die Ehren, die man ihm beim Einzug in Jerusalem erwies, galten denn auch nicht ihm persönlich, sondern dem Messias, den man in ihm sehen wollte - und der er ja auch war. Aber ganz anders, als die Menschen ihn sich erträumten. Als sie merkten, dass er nicht der war, den sie haben wollten, wurde aus dem Ruf “Hosianna!” der Schrei “Kreuzige ihn!”.


III
Wie kann Jesus, der die Erfahrungen machte, dass er keineswegs wohlgelitten war; den man bat, doch schnell weiterzuziehen, sobald er irgendwo auftauchte; der sich verstecken musste, um nicht vor der Zeit gelyncht zu werden - wie kann Jesus von sich behaupten, dass er Gott geehrt habe? Er hat sich anstößig und wenig anständig verhalten, jedenfalls so gar nicht ehrenwert, so gar nicht jesusmäßig, wie man es von einem Mann Gottes erwarten muss. Ein Widerspruchsgeist, ein Aufmüpfiger, der die Autoritäten nicht anerkennt - wie soll der die Autorität Gottes anerkennen, gar vertreten können? Wie soll so einer Gott ehren können?
Für Jesus bestand das Ehren Gottes darin, ihn den Menschen bekannt zu machen. Ein unkonventionelles Verständnis von “ehren”. Aber wenn wir das für den Moment gelten lassen wollen, müssen wir leider feststellen: auch dabei hat er es wieder übertrieben. Wenn man sich ansieht, wie Jesus Gott den Menschen bekannt gemacht hat, schüttelt man erneut entsetzt den Kopf: Jesus hat die Menschen nicht Ehrfurcht vor Gott gelehrt. Er hat ihnen nicht die Scheu vor dem Allmächtigen, die Furcht vor Gottes unerbittlicher Gerechtigkeit eingepflanzt. Er hat vielmehr Gott vom Himmel auf die Erde geholt, aus dem Allerheiligsten des Tempels mitten unter die Leute gezerrt. Er hat den Menschen alle Scheu vor Gott genommen und sie sogar dazu gebracht, Gott so anzureden, wie ein Kind seine Eltern anspricht: “Papa”.
Schockierend ist schließlich auch, was das für Menschen waren, denen Jesus Gott bekannt gemacht hat: Jesus ging nicht zu denen, zu denen er hätte gehen sollen und müssen: den Honoratioren, den Stützen der Gesellschaft, den Machern und Mächtigen, denen, die man ihrer Beziehungen wegen kennen und mit denen man sich gut stellen muss. Jesus erzählte ganz anderen Leuten von Gott; Leute, auf die wir niemals gekommen wären: Fischern, Widerstandskämpfern, Prostituierten, Kollaborateuren - all dem ehrlosen Pack, dem man nicht trauen kann, nicht trauen darf, die Obrigkeit und Gott nicht fürchten und von vornherein keine Ehrfurcht kennen.

IV
“Die Ehre ist die Geltung der Persönlichkeit im Urteil der Gesellschaft.” Auch Jesus hatte eine Gesellschaft, die ihn respektierte, denen er etwas galt und die ihn ehrten - so sehr, dass eine seiner Freundinnen eine ganze Flasche kostbares Parfum vergoss, um Jesus damit zu salben. Es war nicht die feine Gesellschaft, die ihn umgab. Uberhaupt war keine und keiner von denen, die er seine Jüngerinnen und Jünger nannte, ein Mitglied der Gesellschaft - es waren die, die an ihrem Rand lebten. Die nicht dazugehören wollten, nicht dazugehören durften. Die keine Riddagshäuser waren, weil sie nicht da geboren waren. Keine Deutschen, weil ihnen die deutsche Abstammung fehlte. Keine Adligen, weil sie keinen Stammbaum hatten. Keine Respektspersonen, weil sie weder ein hohes Einkommen hatten, noch Mitglied in einem der Clubs waren, zu denen man gehören muss.
Aber daran hängt die Ehre Gottes ja auch nicht. Die Ehre Gottes hängt nach Ansicht Jesu daran, Gott den Menschen bekannt zu machen. Andersherum ehren also die Menschen Gott, die sich für ihn interessieren und die Gott anderen bekannt machen wollen. Es war und es ist die Gemeinde, die Jesus ehrt und mit ihm Gott. Die Gemeinde, die sich sonntags zum Gottesdienst trifft und immer wieder selbst überrascht ist, wer heute gekommen ist. Die sich nicht selbst aussucht, wer zu ihr gehören darf und wer nicht.
Gott sucht sich aus, wer zur Gemeinde gehört: alle, die zum Gottesdienst kommen. Große, Kleine, Reiche, Arme, Einflussreiche und Außenseiter, Hell- und Dunkelhäutige, Ausländer und Deutsche, Macher und Loser, Kluge und Dumme, Alte und Junge. Nicht wir entscheiden, wer zur Gemeinde gehört, Gott entscheidet, wer dazugehört. Wir haben das nicht zu kommentieren oder zu kritisieren, wir sollen nur unsere Reihen öffnen und unsere Arme und jeden begrüßen, den Gott dazugehören lässt.
Die Ehre Gottes ist eine andere Ehre als die, die eine Gesellschaft oder eine Gruppe definiert. Denn hier legt nicht eine Gruppe fest, wer als ehrenwert gilt, sondern Gott. Gott fragt uns nicht, was wir von seiner Wahl halten, ob wir damit einverstanden sind. Gott hat jede und jeden von uns Jesus anvertraut - auch die Menschen, denen wir das nicht gönnen; die wir nicht bei uns haben wollen; die wir ausschließen möchten, weil wir sie nicht für ehrenwert halten.
Durch Jesus kennen wir Gott, wir kennen ihn als Papa oder Mama, als liebevolle, liebende Mutter oder Vater, die stolz ist auf uns, wie Eltern es auf ihre Kinder sind, jede ihrer Kinder über alles liebt, wie Eltern es tun, und möchte, dass wir glücklich sein und das Leben genießen können. Jede und jeder von uns. Ohne Ausnahme. Ohne dass wir uns fragen müssen, ob uns das zusteht, ob wir das verdient haben.


V
Weil Gott so zu uns ist, darum singen wir jeden Sonntag: “Ehre sei Gott”. Vielleicht singen wir es jetzt noch ein bisschen inbrünstiger, noch ein bisschen lauter als ohnehin schon, weil wir jetzt wissen, wie Gott für uns ist. Welche große Ehre lässt er uns zuteil werden, dass wir seine Kinder heißen dürfen und es auch sind! Das ist mehr wert, als Riddagshäuser zu sein, Braunschweiger, Deutscher zu sein, Ehrenbürger, Ehrenmitglied, oder einen Ehrendoktor zu haben. Das ist mehr wert als jedes
denkbare Amt, jeder denkbare Titel, jede denkbare Ehrung. Weil Gott uns damit das ewige Leben schenkt: seine Gegenwart, seine Nähe und den Sinn für unser Leben. Amen. 

Freitag, 15. März 2013

Ein neues Kleid - eine Beerdigungsansprache


Ansprache zur Trauerfeier über Jesaja 38,12.17:

Zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.
Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,
dass sie nicht verdürbe.


Liebe Angehörige,
liebe Trauergemeinde,

"zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden",
heißt es beim Propheten Jesaja im 38. Kapitel.
Das Leben eines Menschen -
eine große Stoffbahn, an der man webt,
bis eines Tages der Faden abgeschnitten wird.
Das bedeutet: der Stoff ist fertig,
ganz gleich, wie kurz oder lang die Bahn geworden ist,
wie viel sich auf dem Webstuhl befindet.
Ganz gleich auch, wie sorgfältig gewebt wurde,
wie viele Fehler darin sind.

Ich finde, das Bild vom Leben als einer Stoffbahn,
die man im Laufe seines Lebens webt,
passt gut zu Ihrer Mutter,
die gern und viel mit Stoffen umgegangen ist -
wenn sie auch keine Weberin war.
(...)

I

(...)
Als dann aber vor zwei Jahren Ihre Schulfreundin starb,
mit der sie sehr viel verband, verlor Ihre Mutter doch den Lebensmut.
Sie erwartete nichts mehr vom Leben, zog sich von der Welt zurück.
Sie, Ihre Kinder, erkannte sie noch,
aber auf neue Menschen konnte sie sich nicht mehr einstellen.
Sie hatte den Stoff ihres Lebens zuende gewebt
oder hatte kein Kraft, keine Phantasie mehr für ein weiteres Stück.
Und dennoch hatte sie Angst davor,
den Stoff vom Webstuhl zu lösen, den Faden abzuschneiden.

Es ist dann einfach so passiert.
(...)

II

Wenn man sich den Stoff ihres Lebens ansieht,
den ich ein wenig vor Ihnen ausgebreitet habe,
und wenn Sie im Geiste die eine oder andere Bahn aufdecken,
an der Sie mitgewirkt haben:
Was für ein wunderbarer, bunter Stoff ist da entstanden!
Da gibt es Kettfäden, die sich durchziehen,
es gibt alle Arten von Farben und Mustern,
und auch der eine oder andere Webfehler findet sich.
Das Bild des Webers, der den Faden am Stoff des Lebens abschneidet,
wie die Parze den Lebensfaden durchschneidet,
scheint vollständig zu sein:
Der Stoff ist fertig, das Leben ist zuende.

Aber Ihre Mutter war keine Weberin. Sie war Schneiderin.
Für sie war der Stoff die Ausgangsbasis für etwas Neues,
das sie schon im Kopf hatte
und das unter ihren Händen Gestalt annahm.
So dürfen wir uns vielleicht die Auferstehung vorstellen,
das neue Leben, das Ihre Mutter erwartet:
aus dem Stoff ihres Lebens entsteht eine neue Gestalt.

Sie entsteht bei Ihnen, in Ihnen, die Sie ihr Leben geteilt haben.
Vielleicht fügen Sie Teile von NNs Lebensstoff
in den Stoff Ihres Lebens ein,
so dass eine Art Patchwork entsteht,
oder ein schwedischer Flickenteppich.
Vielleicht ziehen sich Fäden aus NNs Leben
durch Ihr Lebensgewebe hindurch,
verschönern, verändern den Stoff Ihres Lebens,
so dass er eine neue Textur, einen neuen Glanz erhält.

Für Ihre Mutter beginnt noch einmal etwas Neues.
Ihr Lebensfaden ist durchschnitten,
der Stoff ihres Lebens vom Webstuhl abgenommen.
Nun entsteht etwas Neues aus diesem Stoff:
Aus dem Stoff ihres Lebens entsteht ein himmlisches Kleid -
so beschreibt es der Zeltmacher Paulus,
der davon spricht, dass wir "Christus anziehen",
dass wir "mit einem neuen Leben überkleidet werden".
In diesem neuen Kleid lebt all das weiter,
was NN für Sie war,
was sie Ihnen von sich geschenkt hat,
und was Sie ihr schenkten an Zeit, an Zuneigung und Liebe.

Wir können uns nicht vorstellen,
wie dieses neue, himmlische Kleid sein und aussehen wird.
Wir können es nicht vor uns sehen,
und dennoch ist es nicht unsichtbar
wie es des Kaisers neue Kleider waren.
Gott lässt den Stoff des Lebens Ihrer Mutter,
er lässt ihre Seele nicht verderben,
sondern nimmt sich ihrer herzlich an,
macht ein Kleid daraus,
in dem Ihre Mutter in einem neuen Leben geht und tanzt.
Amen.