Sonntag, 20. August 2023

tapfer sündigen

Predigt am 11. Sonntag n. Trinitatis, 20. August 2023, über Lukas 7,36-50

Liebe Schwestern und Brüder,


„Kann die Liebe Sünde sein?

Darf es niemand wissen, wenn man sich küsst,

wenn man einmal alles vergisst vor Glück?”


Liebe kann nicht Sünde sein.

Selbst wenn sie es wär, wär’s mir egal;

lieber will ich sündigen mal, als ohne Liebe sein.”


Das könnten gut Worte der Sünderin aus dem Evangelium sein.

Wie Zarah Leander würde sie singen,

ganz unschuldig und ein wenig verrucht -

eine Frau, der man alles zutraut.


Aber hat sie nicht recht?

Liebe ist das Beste, was Menschen einander geben können.

Der Apostel Paulus zählt in 1.Korinther 13,

dem „Hohenlied der Liebe”, auf,

was Liebe alles ist:

langmütig, freundlich, zurückhaltend,

verantwortungsvoll, bescheiden.


Liebe ist, so könnte man ergänzen,

wie ein freundlicher Spiegel,

in dem der Geliebte, die Geliebte sich selbst sehen darf

als schön, besonders und einzigartig,

wie wir es alle sind.


Ohne die Liebe wüssten wir nicht,

dass wir liebenswert sind.

Wir brauchen den liebevollen Blick, der uns sagt:

Du bist schön. Du bist angesehen.

Nur die Liebe teilt neidlos unsere Freude, unser Glück.

Das macht unser Glück erst vollkommen.


Kann diese Liebe Sünde sein?


I

Offenbar.

Denn eine Frau, von der Jesus sagt:

„sie hat viel geliebt”,

wird als Sünderin vorgestellt.

Ihre Sünden bestehen gerade darin,

dass sie viel geliebt hat.

Der Gastgeber, der Jesus eingeladen hat,

spricht es in Gedanken aus:

„Wenn dieser ein Prophet wäre,

wüsste er, wer diese Frau ist

und was für eine sie ist.”


Aha. So eine ist sie also.


Wobei - was soll das eigentlich bedeuten, „so eine”?

Ist es Lukas peinlich zu sagen,

was für eine diese Frau ist?

Oder ist sie gar nicht so eine,

an die wir jetzt gerade denken?

Denken wir überhaupt alle an dasselbe?


Das ist das Fatale, wenn man von „so einer” spricht.

Scheinbar ist klar, was gemeint ist,

aber es wird nicht ausgesprochen.

Und niemand traut sich, nachzufragen -

man möchte ja nicht als Tropf dastehen,

der als einziger nicht begreift, was alle zu wissen scheinen.


„So eine” oder „so einer” wird damit zu einem Stempel,

der einen Menschen abstempelt,

ohne das er oder sie etwas getan haben muss.

Es genügt, dass jemand mit dem Finger auf sie zeigt

und sagt: „Das ist auch so eine!”


Solche Leute, auf die man mit dem Finger zeigt,

gab und gibt es zu allen Zeiten.

Es waren und sind nicht immer dieselben Leute.

Im Laufe der Zeiten ändert sich,

wer zu „solchen Leuten” gezählt wird.

Es waren einmal Juden, es waren Zigeuner.

Es waren Arme wie die vom „Nachtjackenviertel”.

Es sind Menschen mit einem Handicap,

es sind Ausländer:innen …


Ich muss die Liste nicht fortsetzen.

Wir wissen, wer gemeint ist.

Gehörten vielleicht selbst einmal zu „solchen”,

auf die mit dem Finger gezeigt wurde.

Wie die Pfarrerstochter,

die zu DDR-Zeiten in einer Grundschule in Thüringen

vor die Klasse treten musste

und die Lehrerein sagte:

Jetzt lacht sie aus, denn sie glaubt noch an Gott.


Wer nicht so ist wie die anderen -

wer anders aussieht, anders lebt,

anders liebt oder anders glaubt als die Mehrheit -,

kann schnell zu „so einer” oder „so einem” werden.

Eine, von der man instinktiv weiß,

dass man sich mit „so einer” besser nicht abgibt,

mit „so einer” besser nicht gesehen wird,

sonst wird man mit ihr am Ende in einen Topf geworfen.


Und dabei kann man nicht einmal sagen,

was denn so verwerflich an ihr ist.


II

Aber in unserem Text geht es nicht nur um jemand,

die anders liebt als die Mehrheit, nämlich: viel.

Sie ist wegen dieser Liebe auch eine Sünderin.


Was in der Beziehung zu Gott Sünde heißt,

ist in unseren Beziehungen die Verletzung.

Wer jemanden verletzt mit Worten oder Taten,

verletzt oder zerstört die Beziehung zu diesem Menschen.

Wer verletzt wurde,

will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben.

Und wem bewusst wird, dass er jemanden verletzte,

traut sich oft nicht, ihr oder ihm unter die Augen zu treten.


In ähnlicher Weise verletzt Sünde die Beziehung zu Gott.

Wem bewusst wird, dass er die Beziehung zu Gott verletzte,

traut sich oft nicht, Gott unter die Augen zu treten

und hat das Gefühl, dass Gott nichts mehr von einem wissen will.


Oft sind die Taten,

durch die man die Beziehung zu Menschen verletzt,

und die Taten,

durch die man die Beziehung zu Gott verletzt,

dieselben.


Wer Fremdlinge bedrückt,

indem er sie spüren lässt,

dass sie nicht willkommen sind,

ihnen die Gastfreundschaft oder das Asyl verweigert

oder sie sogar tätlich angreift,

versündigt sich.


Es gibt aber auch Dinge,

die galten oder gelten als moralisch verwerflich,

sind aber keine Sünde -

z.B. wie man lebt, oder wen man liebt.


Und es gibt Dinge, die sind Sünde,

werden aber von Gruppen der Gesellschaft akzeptiert

oder sogar gut geheißen,

wie der eben erwähnte Hass auf Fremde.


III

Zu welcher Art von Sünde gehört das,

was die Frau getan hat?

Sie wird als Sünderin bezeichnet, aber ist sie es auch?

Ihr Verhalten scheint ihre Schuld zu entlarven:

Sie kniet vor Jesus auf der Erde und wäscht ihm die Füße -

eine Arbeit, die sonst nur Sklaven verrichteten.

Dass sie einen Flakon mit teurem Salböl kaufen kann,

zeigt, dass sie wohlhabend ist,

sie ist keine Sklavin.

Die Frau erniedrigt sich vor Jesus und weint dabei -

so sehr, dass sie mit ihren Tränen

Jesus den Staub von den Füßen waschen kann.

Also muss sie doch wohl sehr viel zu bereuen haben.


Normalerweise wäre sie zu fein, anderen die Füße zu waschen.

Doch die Frau erniedrigt sich,

wie es auch Jesus tat, als er seinen Jüngern die Füße wusch.

„Ein Beispiel habe ich euch gegeben,

damit ihr tut, wie ich euch getan habe”, sagte er dazu.

Er meinte damit nicht die Fußkosmetik

oder eine nette Geste, die nichts kostet.

Sondern dass die Jünger sich nicht zu fein sein sollen,

sich ganz nach unten zu begeben, wie Sklaven.

Und dass sie sich keine Gedanken machen sollen,

wie sie angesehen werden,

wenn sie sich mit „so welchen” abgeben.


Zugleich ist die Art, wie die Frau Jesus die Füße wäscht,

sehr ungewöhnlich und sehr intim:

Sie trocknet seine Füße mit ihren Haaren

und hört nicht auf, sie mit Küssen zu bedecken.

In dieser Art, Jesus die Füße zu waschen,

behauptet sie ihren Eigensinn.

Sie erniedrigt sich vor Jesus

und bleibt dabei doch sie selbst.


Das lässt fragen, ob die Frau tatsächlich ihre Sünden beweint.

Vielleicht beweint sie vielmehr die Tatsache,

dass ihre besondere Art zu leben und zu lieben,

dass ihr Eigensinn und ihr Selbstbewusstsein

sie in den Augen der anderen zu „so einer” gemacht haben.

Wie wir alle, möchte auch diese Frau gesehen werden

und dadurch angesehen sein,

ohne sich dafür anpassen und ihre Eigenart aufgeben zu müssen.


IV

Jesus sieht die Frau an.

Er verteidigt sie gegenüber dem Gastgeber,

der schlecht von ihr denkt.

Ja, Jesus stellt sie, „so eine”, sogar über ihn,

über den moralisch einwandfreien, vorbildlichen Frommen:

„Ihre vielen Sünden sind vergeben,

denn sie hat viel geliebt;

wem aber wenig vergeben wird,

der liebt wenig.”


Dem Gastgeber muss nichts vergeben werden,

weil er sich nichts zu Schulden kommen ließ.

Aber weil er sich nichts zu Schulden kommen ließ,

hat er auch viele Gelegenheiten zur Liebe ausgelassen.

Jesus zählt sie auf:

„Du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben,

du hast mir keinen Kuss gegeben

und mich nicht gesalbt.”


Wer versucht, nach Gottes Willen zu leben,

wird immer wieder enttäuscht feststellen,

dass man dabei Fehler macht.

Wer einen anderen Menschen liebt,

wird ihr oder ihm oft nicht gerecht,

handelt manchmal lieblos.

Wer ein Kind großzieht,

tut ihm manchmal unrecht,

ist manchmal nicht da, wenn es seine Mutter, seinen Vater braucht,

ist manchmal kurz angebunden, genervt,

wenn das Kind Zuwendung sucht oder Verständnis.


Wer versucht, nach Gottes Willen zu leben,

macht die überraschende Erfahrung,

dass man gerade dabei sündigt.

Bei dem Versuch, Gott und die Nächsten zu lieben,

verletzt man die Beziehung zu den Mitmenschen

und die Beziehung zu Gott viel öfter, als man dachte.


Der Gastgeber zieht daraus den Schluss,

dass es besser ist, nichts zu tun.

Denn wer nichts tut,

kann auch nichts falsch machen.


Jesus aber wirbt in dieser Geschichte dafür,

es immer wieder mit der Liebe zu versuchen,

gerade weil man dabei so viel falsch machen,

gerade weil man damit scheitern,

gerade weil man sündigen kann.

Darum sagt er „ihre vielen Sünden sind vergeben,

denn sie hat viel geliebt.”


Bei unserem Versuch, nach Gottes Willen zu leben,

dürfen wir auf Vergebung hoffen

und aus der Vergebung leben.

Wir dürfen Fehler machen,

denn nur so lernen wir, wie Liebe geht.

Martin Luther schrieb seinem Freund Philipp Melanchthon:

„pecca fortiter,

sed fortius fide et gaude in Christo,

qui victor est peccati, morti et mundi” -

sündige tapfer,

aber tapferer sei dein Glaube und deine Freude an Christus,

der Sünde, Tod und Welt überwunden hat.


Etwas freier kann man es so ausdrücken:

Leben bedeutet, Fehler zu machen.

Darum habe keine Angst vor Fehlern.

Es kommt nicht darauf an, dass du ein fehlerfreier Mensch bist.

Worauf es ankommt, ist deine Tapferkeit:

Dein Mut, auf diese Zusage Christi hin zu leben:

„Deine Sünden sind dir vergeben.”

Darauf zu vertrauen, dass Gott dir deine Fehler vergibt,

damit du ihn und deine Nächste:n lieben kannst.


V

Kann die Liebe Sünde sein?


Die Frage ist falsch gestellt.

Sie muss lauten:

Kann ich mir eingestehen,

dass ich ein sündiger Mensch bin,

weil ich immer wieder in meinen Beziehungen

zu Gott und zu meinen Mitmenschen scheitere.

Und finde ich den Mut, mir vergeben zu lassen

und es immer wieder noch einmal zu versuchen mit der Liebe.


Für Jesus jedenfalls ist die Frage nicht,

ob Liebe Sünde sein kann,

sondern ob man liebt.

Sonntag, 13. August 2023

Mit Gott im Bund

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 13. August 2023, über Dtn 4,5-20


Liebe Schwestern und Brüder,


ein einziger Tag kann über das ganze weitere Leben entscheiden

und es für immer verändern.


Da ist natürlich zuerst der Geburtstag,

ohne den es uns nicht gäbe

und den wir deshalb jedes Jahr begehen -

und mit uns die Menschen,

die froh sind, dass wir auf der Welt sind:

Eltern, Geschwister, Liebste, Kinder,

Freundinnen und Freunde.


Paare begehen ihren Jahrestag:

Der Tag, an dem aus zwei Einzelnen

etwas Neues wurde, eine Einheit, ein Paar,

das seit diesem Tag alles miteinander teilt.

Wie einschneidend das war,

wie sehr sich das eigene Leben dadurch veränderte,

wird einem oft erst nach einer Trennung

oder dem Verlust des Partners oder der Partnerin bewusst.


Es gibt noch andere Tage,

nach denen das Leben nicht mehr ist wie zuvor:

Ein schwerer Unfall;

eine Krankheit;

ein schweres Leid

können einen Lebensweg durchkreuzen,

Pläne und Hoffnungen zunichte machen,

sodass man vor den Trümmern seines bisherigen Lebens steht

und nicht weiß, wie es weitergehen, wie man weiterleben soll.


Und dann gibt es noch Tage,

die nicht nur für eine:n selbst,

sondern für alle die Lebensbedingungen verändern,

das Leben auf den Kopf stellen.

Solche Tage gehen gewöhnlich in die Geschichtsbücher ein.


Der 9. November 1989 war so ein Tag.

Alle, die ihn erlebten, werden ihn nie vergessen -

und auch nicht das, was sie damals empfanden.

Wer ihn erlebte, weiß noch genau,

wo er damals war, was er damals tat.

Immer wieder wird es erzählt,

wenn sich Zeitzeugen treffen;

auch Kinder und Enkel haben die Geschichten schon oft gehört.


„Du sollst deinen Kindern und Enkelkindern

kundtun den Tag, da du vor dem Herrn, deinem Gott,

standest an dem Berg Horeb.“


Auch dies ein Tag, der alles veränderte:

Der Tag, an dem Gott den Bund mit seinem Volk Israel schloss

und ihn durch die Gabe der Zehn Gebote besiegelte.

Zehn Gebote bezeichnen den Inhalt dieses Bundes:

Ein Leben, das nach Gottes Willen fragt

und sich davon leiten lässt.

Ein Leben in Gemeinschaft mit allen,

die sich ebenso diesem Willen Gottes unterworfen haben.


Beides gehört untrennbar zusammen:

Die Gebote auf sich nehmen,

und dies gemeinsam tun.

Die Gebote sind kein Selbstzweck.

Keine Anleitung für eine religiöse Gymnastik,

die man daheim im stillen Kämmerlein übt.


Die Gebote begründen die Beziehung zu Gott.

Eine Beziehung, genauso intensiv und verbindlich

wie die zur Partnerin, zum Partner,

zu Eltern, Geschwistern, Kindern oder Enkeln.

Diese Beziehung zu Gott ist nicht möglich

ohne Beziehung zu den Mitmenschen.

Wie ich mich anderen gegenüber verhalte,

wirkt sich unmittelbar auf mein Verhältnis zu Gott aus.

Wenn ich mit anderen in Unfrieden lebe,

kann ich auch nicht mit Gott in Frieden sein.

So fordert Jesus in der Bergpredigt (Mt 5,23-24):


„Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst

und dort kommt dir in den Sinn,

dass dein Bruder etwas gegen dich hat,

so lass dort vor dem Altar deine Gabe

und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder,

und dann komm und opfere deine Gabe.”


Jesus spricht von „Brüdern” und „Schwestern”.

Der Glaube an Gott intensiviert auch

die Beziehung zu den Mitmenschen,

sodass sie wie Geschwister werden.


Zwischen Geschwistern herrscht eine besondere Verbundenheit.

Sie ist nicht immer von Sympathie getragen,

nicht immer unproblematisch,

nicht immer herzlich.

Und doch schafft die Tatsache,

dass man gemeinsame Eltern hat,

ein anderes Gefühl der Verbindlichkeit

und der Zusammengehörigkeit,

als man es anderen gegenüber empfindet.

Im Notfall würde man Geschwistern immer beistehen,

selbst, wenn die Beziehung abgekühlt ist.

Dieses Wissen macht eine Familie aus:

Dass man sich aufeinander verlassen kann,

dass man im besten Fall füreinander da ist,

fair und loyal miteinander umgeht.

Dadurch wird eine Familie zu einem Zufluchtsort,

der Halt und Sicherheit im Leben gibt.


So verhält es sich auch mit der Gemeinde.

Die Gemeinschaft derer, die nach Gottes Willen fragen

und danach zu leben versuchen -

die „Gemeinschaft der Heiligen”,

wie sie im Glaubensbekenntnis heißt -,

ist im Idealfall ein Ort der Zuflucht, wie die Familie.

Nicht umsonst waren und sind Kirchen Stätten des Asyls.

Hier darf ich auf Fairness, Loyalität und Hilfe hoffen -

oder mich sogar darauf verlassen.


Solche Gemeinschaften haben aber die Tendenz,

sich nach außen abzugrenzen und eng zu werden -

eine Enge, die abschreckt nach außen

und einschnürt nach innen.


Jesus nennt jeden Menschen Schwester und Bruder.

Wir aber möchten wissen, mit wem wir es zu tun haben,

ob wir ihr oder ihm trauen können und vor allem:

ob sie so sind wie wir.

Vorher lassen wir keine:n rein,

geschweige denn, dass wir sie

wie Geschwister ansehen und behandeln.


Von außen betrachtet scheint es so,

dass sich da eine Gruppe von anderen abkapselt.

Sich abgrenzt durch eigene Kleidung,

eigene Rituale und eine eigene Sprache,

die Außenstehende nicht mehr verstehen.

So hat man über Jahrhunderte

Menschen jüdischen Glaubens wahrgenommen

und misstrauisch beäugt:

Warum sondern sie sich ab?

Warum sind sie nicht so wie wir?


Dieses Misstrauen gipfelte

in der im Nationalsozialismus vertretenen Auffassung,

es gäbe ein „Judentum” und eine jüdische „Rasse”.

Die Idiotie dieser Auffassung,

die sich wissenschaftlich als „Rassenlehre” gab,

hätte man schon damals erkennen müssen.

Denn Menschen jüdischen Glaubens gab es nicht nur

im Orient und in Europa.

Es gab und gibt afrikanische Jüd:innen und chinesische -

überall auf der Welt, unter allen Völkern,

haben Menschen den jüdischen Glauben angenommen,

obwohl sie nicht in direkter Linie

mit einem der Zwölf Söhne Israels verwandt sind.


Trotzdem sind sie Jüd:innen.

Wie kann das sein?

Hat Gott nicht seinen Bund mit den Kindern Israels geschlossen,

den Nachfahren der zwölf Söhne Jakobs?

Und sind diese Israeliten nicht die,

die mit Mose die Flucht aus Ägypten gewagt hatten

und mit denen er durch die Wüste gewandert war

bis zum Berg Gottes, dem Horeb?

Daran erinnert er sie:


„Da tratet ihr herzu

und standet unten am Berge;

der Berg aber stand in Flammen

bis in den Himmel hinein.

Und der Herr redete mit euch

mitten aus dem Feuer.”


Das fünfte Buch Mose ist,

ebensowenig wie die anderen Bücher Mose,

von Mose selbst geschrieben worden.

Es entstand Jahrhunderte,

wenn nicht ein Jahrtausend nach den Ereignissen,

von denen es erzählt.

Geschrieben wurde es nach der Zerstörung Jerusalems

im babylonischen Exil,

etwa 500 Jahre vor Christi Geburt.

Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem

begann die Diaspora,

die Zerstreuung der Kinder Israel

in aller Herren Länder.


Man kann es auch andersherum sagen:

Es begann die Zeit der Ausbreitung

des jüdischen Glaubens in alle Länder

und unter alle Völker der Erde.

Griechen wurden Juden und Römer,

Syrer und Araber, Germanen und Slaven.

Zu ihnen allen wird gesagt:


„Da tratet ihr herzu

und standet unten am Berge.”


In der jüdischen Überlieferung heißt es,

die Seelen aller Menschen,

die jemals den jüdischen Glauben annehmen würden,

wären damals mit am Horeb gewesen.


Auch das kann man andersherum sagen:

Alle Menschen, denen diese Worte vorgelesen werden,

sind Ohrenzeugen dieses Geschehens:


„Der Herr redete mit euch

mitten aus dem Feuer.

Den Klang der Worte hörtet ihr,

aber ihr saht keine Gestalt,

nur eine Stimme war da.”


Nur eine Stimme …

Es ist die Stimme von Mutter oder Vater,

von Katechet:in, Pastor:in oder Lektor:in,

die uns diese Geschichte vorliest oder erzählt,

wie sie seit tausenden von Jahren

erzählt und vorgelesen wurde.

Für die, die sie hören,

wird die Stimme zu Gottes Stimme.


Es ist nicht die Begabung oder Kunst

von Katechet:in oder Lektor:in,

die bewirkt, dass uns Gottes Stimme

anspricht aus diesen Worten.

Es ist Gott selbst - sein Heiliger Geist,

der uns zu Ohrenzeug:innen macht

und uns aufnimmt in den Bund mit seinem Volk.


Wir Christ:innen haben dafür das Zeichen der Taufe.

Auch sie ist einer dieser Tage im Leben,

der alles verändert.

Sie ist der Tag im Leben,

weil sie alles zum Guten verändert.

So sehr verändert,

dass alles Schlimme und Böse, das wir erleben,

keine Macht mehr besitzt,

über unser Leben zu bestimmen.

Wie das Leben uns auch zeichnen mag:

Wir, die wir mit der Taufe bezeichnet wurden,

tragen sie wie eine schützende Hülle um uns.


Wir haben auch besondere Tage gemeinsam.

Tage, die uns an den Bund Gottes mit uns erinnern

und an das, was Gott uns damit geschenkt hat:

Den Heiligen Abend,

den Karfreitag

und den Ostertag.


Wie die Menschen jüdischen Glaubens

ergreift auch uns Gottes Geist,

der uns davon überzeugt, dass es wahr ist:

Wir gehören zu Gott

wie Kinder zu einer Familie.

Gottes Geist schenkt uns den Mut und die Kraft,

darauf zu vertrauen:

Gott ist mit uns im Bund und wir mit ihm,

gemeinsam mit den Menschen jüdischen Glaubens.

Mit ihnen stehen wir vor Gott

und hören seinen guten Willen für uns.

Mit ihnen sind wir aufgefordert,

nach diesem Willen auch zu leben.


Gebe Gott uns den Wunsch und die Kraft dazu.

Amen.

Sonntag, 23. Juli 2023

Ein Zeichen der Hoffnung

Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 23.7.2023, über Apostelgeschichte 2,41-47

„Die das Wort annahmen, ließen sich taufen;

und an diesem Tag wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.”


Liebe Schwestern und Brüder,


dreitausend neue Gemeindeglieder

sind der Traum jede:r Gemeinde und jede:r Pastor:in.

Dreitausend neue Gemeindeglieder -

das sind dreitausend Kirchensteuerzahler:innen;

das ist die Gewähr dafür, dass die Stellen

von Kirchenmusiker:in, Gemeindepädagog:in und Pastor:in

noch lange Zeit erhalten bleiben.

So kann man das sehen.

So haben wir uns angewöhnt,

die Zahl derer zu betrachten,

die noch Kirchenmitglieder sind

oder neue Mitglieder der Kirche werden.


Dreitausend neue Gemeindeglieder,

das sind jedoch zuerst und vor allem

dreitausend Menschen,

die das Wort angenommen haben.

Das Wort, das eine Gemeinschaft begründet,

die sich den Bedürftigen verpflichtet weiß;

die alles gemeinsam besitzt

und mit dieser Art zu leben positiv auf die Gesellschaft einwirkt.


Solch positive Energie hat die Gesellschaft bitter nötig.

Unsere Gesellschaft ist gespalten.

Nicht nur geht die Schere zwischen Arm und Reich

immer weiter auseinander.

Es gibt auch Gruppen in unserer Gesellschaft,

die unsere Regierung abschaffen wollen

und am besten auch gleich unsere demokratische Ordnung.

Die Verschwörungstheorien anhängen

und die Meldungen in Tageszeitung und Tagesschau für Lügen halten.


Es gibt Gruppen in unserer Gesellschaft,

die sind voller Neid auf die finanzielle Unterstützung,

die anderen gewährt wird;

die sind voller Hass auf Menschen,

die Zuflucht oder eine Heimat bei uns suchen;

auf Menschen, die anders leben, anders lieben als sie.


Es gibt Gruppen in unserer Gesellschaft,

die fühlen sich abgehängt und vergessen;

die fühlen sich überrollt von den Veränderungen;

die verstehen schon lange die Welt nicht mehr.


Diese Spaltung unserer Gesellschaft ist beängstigend.

Neu ist sie nicht.

Früher blieben die Verschwörungstheorien,

der Neid und der Hass auf die Anderen

im Dunstkreis der Stammtische.

Heute sind sie gesellschaftsfähig geworden.


Unsere Gesellschaft hat die positive Energie nötig,

die von der Zahl der dreitausend Getauften

aus der Apostelgeschichte ausgeht.

Aber ist diese Zahl realistisch.

Im Jerusalem zur Zeit Jesu wäre es undenkbar,

dass eine Massentaufe von dreitausend Menschen

ohne Aufruhr und Eingreifen der Behörden

hätte stattfinden können.


Man kann auch zu recht fragen,

ob es jemals eine Gemeinschaft gegeben hat,

in der Privatbesitz nicht mehr existierte

und alles der Allgemeinheit gehörte.

In der gemeinsamer Besitz verkauft wurde,

um mit dem Erlös Notleidenden zu helfen.


Die sozialistischen Experimente

des vergangenen Jahrhunderts jedenfalls

haben schmerzvoll gezeigt,

dass auch der neue sozialistische Mensch

durch und durch der alte blieb,

der sich selbst der Nächste ist.

Auch im Sozialismus waren nicht alle gleich,

sondern einige gleicher als die anderen.

Sie nahmen sich Freiheiten heraus,

die sie anderen nicht zugestehen wollten.


„Alle hatten alle Dinge gemeinsam”,

das hat nie funktioniert.

Aber das bedeutet ja nicht,

dass es keine gute Idee ist.

Und es gibt sie ja, die Dinge,

die alle gemeinsam besitzen:

Es sind unsere öffentlichen Plätze,

die Parks und Spielplätze,

die Seen und Wälder

und auch unsere Kirchen.


Doch gerade das, was allen gehört,

scheint niemandem zu gehören.

Jedenfalls gehen wir mit den öffentlichen Orten um,

wie wir niemals unseren Privatbesitz behandeln würden.

Auch unseren Dom können wir ohne Aufsicht nicht öffnen,

weil sonst Dinge gestohlen oder zerstört werden würden.

Und wenn irgendwo im Dom eine Tür offen bleibt,

kann man sicher sein, dass jemand nachsieht,

was wohl dahinter ist.

So würde sich niemand verhalten,

der bei jemandem zu Gast ist.


Früher war mehr Respekt vor dem, was allen gehört.

Im Mittelalter gab es die Allmende,

eine Weide- oder Waldfläche,

die von allen gemeinsam genutzt und gepflegt wurde.

Auf Englisch heißt die Allmende „commons”.

Sie erlebte mit der Entstehung des Internet eine Wiedergeburt.

Die Pionier:innen des Internet waren fasziniert von der Idee,

das Wissen der Welt allen Menschen kostenlos zugänglich zu machen.

Werke von Schriftsteller:innen, Musiker:innen, Künstler:innen

allen zur Verfügung zu stellen.

Die „creative commons” waren geboren:

der Gedanke, dass andere die Früchte der eigenen Arbeit

nutzen und verwenden durften,

solange auch ihre Schöpfungen gemeinfrei blieben.

Dadurch entstand eine Allmende des Wissens.

Programme wie Linux oder Wikipedia prägten das Internet

und sind bis heute ein wichtiger Teil davon.


Eine ähnliche Faszination wie die Pionier:innen des Internet

erlebten die Menschen damals in Jerusalem.

Da entstand eine neue Gemeinschaft,

die es so noch nicht gegeben hatte

und die bis heute etwas Einmaliges ist:


Keine Hippie-Kommune,

in der Menschen aus der Gesellschaft aussteigen,

um sich selbst zu finden,

neue Lebensformen, neue Formen der Liebe auszuprobieren.


Kein sozialistisches Experiment,

in der alle sich dem Prinzip der Gleichheit

und der Parteilinie unterwerfen.


Keine „Volksgemeinschaft”, die sich abgrenzt von anderen

und alle ausgrenzt, die irgendwie „anders” sind.


Kein Fanclub, der einen Star anhimmelt

und seine Allüren erträgt.


Keine Verbindung, in der Beziehungen zählen,

eine Hand die andere wäscht

und man sich gegenseitig auf Pöstchen und Posten hievt.


Und auch kein „Inner Circle”,

in dem man durch Bussi-Bussi oder Dresscodes zeigt,

dass man dazugehört -

und die anderen bestenfalls Zaungäste sein dürfen.


Die neue Gemeinschaft derer, die sich „Christen” nennen,

wird untereinander verbunden durch das Wort.

Dieses Wort ist das eine Wort Gottes,

durch das er die Welt ins Sein rief.

Das Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte.

Das Vergebung lebte, Barmherzigkeit und Liebe

gerade zu denen, denen Gemeinschaft verweigert wurde.


Dieses Wort ist das Wort der Bibel,

das uns Gottes Willen verkündet

und von dem erzählt,

der das Wort Gottes war und ist.


Wer dieses Wort annimmt, macht es sich zu eigen.

Identifiziert sich damit, und lässt sich damit identifizieren:

Lässt sich als Christ:in sehen und erkennen.

Nicht allein durch das Zeichen des Kreuzes,

das man um den Hals trägt,

oder den Fisch, der am Heck des Autos klebt.

Sondern indem man zu vergeben, zu lieben

und barmherzig zu sein versucht,

wie Jesus vergeben, geliebt

und Barmherzigkeit erwiesen hat.


Weil dieses Wort die Gemeinschaft der Christ:innen begründet,

spielen die Herkunft, die politische Gesinnung,

der Bildungsgrad, der Besitz oder die soziale Stellung

keine Rolle in der Gemeinde.

Es ist auch unwichtig, ob man sich kennt oder gar mag.

Diese Gemeinschaft ist kein Selbstzweck.

Sie existiert, weil sie eine Aufgabe zu erfüllen hat:

Das Wort Gottes zu bezeugen nach innen und nach außen.


Nach innen:

Jesus hat versprochen: „Wo zwei oder drei

in meinem Namen versammelt sind,

da bin ich mitten unter ihnen.”

Wir kommen als Gemeinde zusammen,

damit wir von der Gegenwart Jesu erfüllt und gestärkt werden.

Wir kommen zusammen,

weil man sich nicht selbst sagen kann:

Gott hat dir vergeben.

Du bist Gott recht so, wie du bist.

Du bist ein Kind Gottes, ein geliebtes Kind Gottes.


Wir sagen und zeigen es uns in dieser Gemeinschaft

immer dann, wenn wir als Gemeinde zusammenkommen.

Wir sagen und zeigen es auch denen,

die wir nicht kennen,

die wir auf der Straße nicht grüßen würden,

die wir vielleicht nicht einmal eines Blickes würdigten.

Hier erkennen wir sie als Geschwister:

Als die, die, wie wir, von Gott geliebt und angenommen sind.


Nach außen

setzen wir der Menschenverachtung

die Mitmenschlichkeit entgegen;

dem Hass auf Fremde, auf anders Lebende oder Liebende

die Liebe Gottes, die alle Menschen annimmt, wie sie sind;

dem Neid, der Bitterkeit, dem Ressentiment

die Vergebung, die dankbar erkennen lässt,

wie viel uns von Gott geschenkt ist.


Damit setzen wir ein Zeichen.

Ein Zeichen, an dem sich andere orientieren können

auf der Suche nach einem besseren, einem menschlichen Leben.

Wir setzen ein Zeichen, das Hoffnung gibt:

Diese Welt ist noch zu retten.

Ein Zeichen, das zuversichtlich macht,

dass man Besitz teilen, Notleidenden helfen kann,

ohne Angst haben zu müssen, selbst zu kurz zu kommen.

Ein Zeichen, das Mut macht,

das Andersartige, das Neue, das Fremde

nicht als Bedrohung anzusehen,

sondern als Freund:in zu begrüßen.


Dreitausend neue Gemeindeglieder

werden es damals nicht gewesen sein.

Auch keine dreihundert.

Vielleicht nicht einmal dreißig.

Wie viele es auch immer waren:

Sie setzten ein Zeichen.

Sie veränderten die Welt.


Durch das Christentum, durch die Kirche

kam nicht nur Gutes in die Welt,

nicht nur Hoffnung, Zuversicht und Mut,

nicht nur Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Immer wieder wurde das Wort vergessen,

das diese besondere Gemeinschaft begründet.

Menschen setzten sich an die Stelle des Wortes,

wähnten sich gleicher als die anderen,

mit Freiheiten, die sie anderen verwehrten.


Aber das Wort lief weiter.

Auch heute ruft und beruft es Menschen,

andere Wege zu beschreiten,

andere Lieder zu singen,

die der Welt Hoffnung machen

auf Heilung und auf Frieden.

Sonntag, 2. Juli 2023

über Schönheit

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 2. Juli 2023, über 1.Petrus 3,8-17:

Seid alle gleichgesinnt, teilnahmsvoll,

geschwisterlich, barmherzig und demütig.

Vergeltet Böses nicht mit Bösem

oder eine Beleidigung mit einer Beleidigung,

sondern wünscht einander Gutes,

denn ihr seid dazu berufen, Segen zu erben.


Denn „wer möchte leben

und gute Tage sehen?

Der halte seine Zunge von Schlechtem zurück

und seine Lippen davor, zu betrügen,

wende sich ab vom Bösen und tue Gutes,

suche Frieden und jage ihm nach.

Denn die Augen des Herrn ruhen auf den Gerechten,

und seine Ohren lauschen auf ihre Bitten.

Das Antlitz Gottes aber richtet sich gegen die,

die Böses tun” (Psalm 34,13-17).


Und wer könnte euch quälen,

wenn ihr Eiferer für das Gute werdet?

Und wenn ihr auch leiden müsstet um der Gerechtigkeit willen,

selig seid ihr!

„Denn ihr Drohen fürchtet nicht,

noch lasst euch davon erschüttern,

liebt aber den Herrn” (Jesaja 8,12) Christus in euren Herzen,

allzeit bereit zur Rechtfertigung gegenüber jedem,

der euch um Auskunft bittet

über die Hoffnung, die in euch ist,

aber mit Sanftmut und Ehrfurcht.

Habt ein gutes Gewissen,

damit sie durch das beschämt werden,

womit sie euch schlecht machen wollen, wenn sie euch

wegen eures guten Lebenswandels als Christen verunglimpfen.

Denn es ist besser - wenn dies Gottes Wille ist -

als jemand zu leiden, der Gutes tut,

als der Schlechtes tut.



Liebe Schwestern und Brüder,


wenn man Gott beschreiben will,

gibt es seit dem Mittelalter drei Wege dazu.

Der erste ist der Weg positiver Aussagen,

die wir in der Bibel finden:

Gott ist der Schöpfer;

Gott ist die Liebe, der gute Hirte, der Herr der Heerscharen;

Gott ist Wahrheit, Licht und Leben.


Der zweite Weg ist der negativer Aussagen:

Gott ist un-sichtbar,

Gott ist un-endlich, un-begreiflich.


Der dritte Weg ist der der Überhöhung:

Gott ist die Vollendung, die Krönung von allem:

Gott ist allmächtig, allwissend, ewig.

Anselm von Canterbury, ein mittelalterlicher Theologe,

hat daraus sogar einen Gottesbeweis ableiten wollen:

Gott, sagt Anselm, sei etwas,

worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden könne

(aliquid quo nihil maius cogitari possit, Proslogion II).


Von allen Eigenschaften, die Gott hat,

kommt eine in unserem Denken und Reden über Gott nicht vor:

Die Schönheit.

Dabei wäre die Eigenschaft der Schönheit geradezu prädestiniert

für den Weg der Überhöhung:

Von allem Schönen auf der Welt

müsste Gott doch das Schönste sein.

So singt die Altistin im Weihnachtsoratorium:

„Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben

den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn.”


Der Grund, warum im Zusammenhang mit Gott

nicht von Schönheit die Rede ist, liegt auf der Hand:

Gott kann man nicht sehen.

Andererseits wurde Gott Mensch in seinem Sohn,

„dem Schönsten, dem Liebsten”.

Und so wurde Jesus auch oft dargestellt:

Als schöner Mann mit langen, wallenden Haaren,

ebenmäßigem Gesicht und idealen Proportionen.


Bis eines Tages schöne Männer nicht mehr gefragt waren.

Männer mussten nun echte Kerle sein,

muskelbepackt und hart wie Kruppstahl.

Bei evangelikalen Christen in den USA

sind Darstellungen beliebt,

auf denen Jesus mit dem Körper von Rambo

ein Schnellfeuergewehr im Anschlag hält.


Was ist eigentlich Schönheit?

„Über Geschmack kann man nicht streiten”, sagt man,

und „Schönheit liegt im Auge des Betrachters”.

Entscheidet jede:r von uns selbst, was schön ist?

Wenn das so wäre - wie kommt es dann,

dass wir uns darauf einigen können, dass etwas schön ist?

Dass es Schönheitsideale gibt,

denen besonders Frauen unterworfen sind

und die großes körperliches und seelisches Leid verursachen.


Es gibt Dinge, die empfinden alle als schön:

Die Farbenpracht eines Sonnenuntergangs.

Das ätherische Wunder des Regenbogens.

Meisterwerke der Kunst aller Epochen.


Wir finden auch Kinderzeichnungen schön,

obwohl die nun wirklich nicht

die Normen eines Kunstwerkes erfüllen.

Wir finden sie schön,

weil wir nicht die Zeichnung an sich sehen,

sondern die Zeichnung in ihrem Zusammenhang:

Wir sehen sie mit dem Wissen,

dass sie von einem Kind stammt -

vielleicht unserem Kind oder Enkelkind.

Dieses Wissen fließt in die Betrachtung mit ein.

Und weil ein Kind jedes Herz erweicht,

das nicht aus Stein ist,

darum berührt uns auch ein Bild,

das ein Kind gemalt hat.


Etwas ist nicht an sich schön;

Schönheit existiert immer in einem Zusammenhang.

Gold und Diamanten sind nicht an sich schön,

sondern weil sie selten und wertvoll sind.

Ein Mensch, den wir lieben, ist schön,

auch wenn er oder sie nicht dem Schönheitsideal entspricht.

Sie, er ist schön, weil wir ihn lieben:

Wir sehen etwas, das flüchtige Betrachter nicht sehen können.

Wir sehen, was dieser Mensch ist.

Was andere an ihr, an ihm nicht schön finden,

kann für uns gerade das Besondere sein:

Weil es uns etwas bedeutet.

Weil wir diese Stelle tausendmal berührt,

diese Hand gehalten, diese Haare gerochen haben,

in diesen Augen versunken sind.


Die Liebe macht einen Menschen schön.

Umgekehrt gilt auch:

Schönheit ist Liebe.

Damit kommen wir zum Predigttext,

zu den Ermahnungen des 1.Petrusbriefes.

Es sind liebevolle Ermahnungen,

die zu einer liebevollen Haltung ermutigen sollen.

Dort heißt es nicht:

Seid anständig.

Gehorcht euren Eltern und der Obrigkeit.

Haltet Ohren und Fingernägel sauber

und nachts die Hände über der Bettdecke.

Die Mahnungen des 1.Petrusbriefes schränken nicht ein,

erlegen keine Last auf,

beschneiden nicht die Lebensfreude.


Der 1.Petrusbrief ist an eine Gemeinde geschrieben,

die als Minderheit in einer unchristlichen Gesellschaft lebt,

die misstrauisch beäugt und verfolgt wird.

Der Brief will in dieser Situation Mut machen,

indem er die christliche Lebensweise als die schönere darstellt.


Man hat nichts davon, wenn man Gutes tut -

vor allem nicht, wenn man denen Gutes tut,

die eine:n sowieso nicht leiden können.

Man hat nichts davon, wenn man ehrlich bleibt,

während andere betrügen und ihren Vorteil ausnutzen.

Man hat nichts davon, Beleidigungen, Kränkungen hinzunehmen -

im Gegenteil: Der Ruf wird dadurch ruiniert.


Dennoch, man spürt: Es ist die schönere Art zu leben.

Es ist schön, weil es liebevoll ist.

Auch, wenn andere nicht liebevoll sein wollen

oder sein können.

Wenn andere Angst verbreiten,

Kälte, Selbstsucht, Zwang und Gewalt - also: Hässlichkeit,

kann ich mit meiner Liebe etwas dagegen setzen.

Ich kann etwas Schönes entstehen lassen.

Und damit einen anderen Weg,

eine andere Lebensweise zeigen als die,

die zu etwas Hässlichem, zu Hässlichkeit führt

und diese Welt hässlich macht.


In diesem Sinne ist Gott schön.

Denn Gott ist die Liebe.

Gott wünscht sich von uns Liebe

zu unseren Mitmenschen und zu uns selbst.

Gott wünscht sich, dass wir die Schönheit seiner Welt

erhalten und strahlen lassen,

indem wir Schönheit in ihr verbreiten.

Und Gott wünscht sich,

dass wir unsere eigene Schönheit erkennen

und schätzen lernen.

Dass wir nicht anders sein wollen,

als er uns geschaffen hat,

sondern lieben, was wir sind und wie wir sind.


Wenn man etwas Schönes erlebt:

von einem Konzert ganz erfüllt ist,

von einer Aufführung im Theater gerührt oder aufgerüttelt,

in einem Film im Kino ganz versunken,

von einem Gemälde bezaubert,

von einem Panorama, einem Sonnenuntergang überwältigt,

wird man gestärkt, ermutigt,

ist man fröhlich, sogar glücklich.

Schönheit, auch im Kleinen -

als winzige Blüte am Wegesrand,

als Lächeln, das ein:er geschenkt wird -

macht glücklich.

Dieses Glück verbreitet, wer Schönes tut.

Dadurch wird das Leben lebenswert.

Und dadurch kann Menschen,

die von Gott noch nichts wissen

oder die ihn vergessen haben,

Gott begegnen.


Wenn wir liebevoll sind,

liebevoll handeln,

entsteht etwas Schönes

und gibt Zeugnis von der Hoffnung,

die in uns ist.