Montag, 14. September 2015

… und zittert da heute noch

Predigt zur Jubelkonfirmation am 15. September 2015 über Josua 4,1-9:

Als nun das Volk ganz über den Jordan gegangen war, sprach der Herr zu Josua: Nehmt euch aus dem Volk zwölf Männer, aus jedem Stamm einen, und gebietet ihnen: Hebt mitten aus dem Jordan zwölf Steine auf von der Stelle, wo die Füße der Priester stillstehen, und bringt sie mit euch hinüber und legt sie in dem Lager nieder, wo ihr diese Nacht bleiben werdet. Da rief Josua die zwölf Männer, die er bestellt hatte aus Israel, aus jedem Stamm einen, und sprach zu ihnen: Geht hinüber vor der Lade des Herrn, eures Gottes, mitten in den Jordan und ein jeder hebe einen Stein auf seine Schulter, nach der Zahl der Stämme Israels, damit sie ein Zeichen seien unter euch. Wenn eure Kinder später einmal fragen: Was bedeuten euch diese Steine?, so sollt ihr ihnen sagen: Weil das Wasser des Jordans weggeflossen ist vor der Lade des Bundes des Herrn, als sie durch den Jordan ging, sollen diese Steine für Israel ein ewiges Andenken sein. Da taten die Israeliten, wie ihnen Josua geboten hatte, und trugen zwölf Steine mitten aus dem Jordan, wie der Herr zu Josua gesagt hatte, nach der Zahl der Stämme Israels, und brachten sie mit sich hinüber in das Lager und legten sie dort nieder. Und Josua richtete zwölf Steine auf mitten im Jordan, wo die Füße der Priester gestanden hatten, die die Bundeslade trugen; diese sind noch dort bis auf den heutigen Tag.


Liebe Jubelkonfirmanden,
liebe Gemeinde!

"Als das Kind Kind war, 
ging es mit hängenden Armen, 
wollte der Bach sei ein Fluss, 
der Fluss sei ein Strom, 
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war, 
hatte es von nichts eine Meinung, 
hatte keine Gewohnheit, 
saß oft im Schneidersitz, 
lief aus dem Stand, 
hatte einen Wirbel im Haar 
und machte kein Gesicht beim Fotografieren.

Als das Kind Kind war, 
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis, 
und am gedünsteten Blumenkohl. 
und isst jetzt das alles und nicht nur zur Not.

Als das Kind Kind war, 
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot, 
und so ist es immer noch.

Als das Kind Kind war, 
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum, 
und sie zittert da heute noch."

(Peter Handke, Lied vom Kindsein)


Als das Kind Kind war … - wie lange ist das her?
Wie lange liegt es zurück,
dass Sie als Konfirmandinnen und Konfirmanden im Gottesdienst saßen,
nicht freiwillig, wie heute, sondern weil Sie mussten.
Weil der Pastor das so verlangte, die Eltern darauf achteten,
die Großmutter Sie am Sonntag Morgen daran erinnerte
und Sie mit sanfter Unnachgiebigkeit auf den Weg schickte.
Ganz so schlimm war der Gottesdienst dann aber doch nicht.
Man konnte mit seinen Freundinnen oder Freunden zusammensitzen,
sich unterhalten, bis irgendein Älterer zischte oder grimmig guckte,
konnte vielleicht sogar durch einen Streich glänzen
und den steifen Ernst des Gottesdienstes aufbrechen,
dass sogar die Erwachsenen schmunzeln mussten.

Als das Kind Kind war …
Irgendwann ist das Kind kein Kind mehr.
Nicht vom einen Tag auf den anderen,
nicht gestern noch Kind, und heute Erwachsener.
Aber irgendwann ... Irgendwann ist man zum Spielen zu alt,
irgendwann verlockt es nicht mehr, Eltern, Lehrer, den Pastor zu ärgern.
Und wenn man im Gottesdienst sitzt,
dann bei den Erwachsenen,
die Konfirmanden anzischen, weil sie so laut sind.
Man legt das Kindsein ab,
wie man irgendwann die kurzen Hosen ablegt
und die langen Zöpfe.

Irgendwann ist man kein Kind mehr.
Wenn das auch nicht von einem Tag auf den anderen geschieht:
Einen Einschnitt gibt es doch,
der das Ablegen der Kindheit markiert,
den Übergang vom Kindsein zum Erwachsenen.
Es ist die Konfirmation.

Zur Konfirmation legte man die Kinderkleidung ab
und zog, oft zum ersten Mal, die Kleidung der Erwachsenen an:
schwarzer Anzug für die Jungs,
Rock und Bluse für die Mädchen.

Und noch etwas markierte diesen Einschnitt:
die Erwartungen wurden größer
und die Verantwortung, die man nun übernehmen sollte.
Auch der Pastor erwartete etwas
- nicht nur, dass man sich bei der Konfirmation benahm,
dass man ordentlich gelernt hatte und ihn bei der Prüfung nicht blamierte.

Was der Pastor noch erwartete,
schildert ein Pastor in seinen eigenen Erlebnissen aus der Konfirmandenzeit:
"Als ich konfirmiert wurde,
da hatte uns unser Pastor einige Tage vorher in die Kirche, in die Sakristei bestellt.
Er hatte den Talar angezogen und saß da am Tisch.
Wir gingen einzeln rein.
Ich weiß nicht mehr viel davon, nur dies:
dass er sehr ernst war,
und dass er mich fragte, ob ich mit dem Glaubensbekenntnis klar wäre,
ob ich wüsste, welche Bedeutung die Konfirmation hätte.
Ich war ein wenig beklommen
und atmete auf, als ich wieder draußen war.
Irgendwie muss ich damals wohl gefühlt haben:
der will mich festkriegen.
Der greift nach mir, um mich festzubinden an die Kirche".

Die Konfirmation markiert einen Übergang.
Einen Übergang auch dafür,
dass man irgendwann den Glauben der Kinderzeit verliert.
Zuerst den Glauben an Osterhase und Weihnachtsmann,
später auch den an den lieben Gott mit Rauschebart.
Der Glaube verändert sich. Wird nüchterner.
Vielleicht nebensächlich, unbedeutend, nichtssagend.
Vielleicht wie ein Erinnerungsstück,
das man manchmal liebevoll hervorholt und gern ansieht.
Vielleicht ergeht es dem Glauben auch wie der Kindheit:
Man lässt ihn hinter sich, legt ihn ab.
Mit der Konfirmation hat sich das mit dem Glauben erledigt.

Die Konfirmation, ein Übergang.
Von Übergängen ist auch in der Bibel des öfteren die Rede.
Als das Volk Israel nach seiner Flucht aus Ägypten,
nach einer ermüdenden und verzehrenden Wanderung durch die Wüste
endlich das Land Kanaan erreicht, das heutige Israel,
da wird auch ein Übergang markiert:
Nachdem das Volk den Jordan überschriten hat,
lässt Moses' Nachfolger Josua zwölf Denksteine aufrichten.
Zwölf Denksteine zur Erinnerung an den Übergang.

Ein Übergang wird markiert.
Die Konfirmation ist nicht der einzige Übergang im Leben.
Es gibt viele Übergänge,
die zwölf Steine könnte man auch als Meilensteine verstehen.
Meilensteine, die Übergänge auf dem Lebensweg markieren.
Die für Ereignisse stehen,
die einschneidend waren, die besonders waren,
die den Lebensweg veränderten, Pläne vereitelten,
großes Glück bescherten oder großes Leid.
Beim Rückblick auf ein Leben gleitet der Blick von Meilenstein zu Meilenstein.
Über manchen schmerzhaften geht er schnell hinweg,
bei manch schönem bleibt er hängen.

Es gibt mehrere Übergänge im Leben.
Die Konfirmation ist nur einer davon
- wenn auch vielleicht ein sehr wichtiger.
Und bei jedem Übergang bleibt etwas zurück,
verändert sich etwas.

Beim Übergang ins Erwachsenenleben
möchte man die Kindheit möglichst schnell hinter sich lassen.
Nur die wenigsten wollen die Kindheit festhalten,
machen sich, wie Pippi Langstrumpf, auf die Suche nach der "Krummelnuss", die das Großwerden verhindert:
"liebe, kleine Krummelnuss,
lass mich niemals werden gruß".
Astrid Lindgren, die Dichterin von Pippi Langstrumpf, hat diese Nuss gefunden.
Aber sie ist eine Ausnahme.
Für die meisten kann es gar nicht schnell genug gehen mit dem Erwachsenwerden.
Da ist man froh über die Konfirmation,
diesen Übergang, bei dem man die Kindheit zurücklassen kann.

Aber die Kindheit kann man nicht zurücklassen.
Man wird zwar erwachsen,
doch die Kindheit trägt man weiter mit sich.
Je älter man wird, desto stärker erinnert man sich an die Kindertage
und staunt, wieviel von dem,
was man vergessen zu haben glaubte,
doch noch da ist.

"Als das Kind Kind war, 
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum, 
und sie zittert da heute noch."

Erlebnisse der Kindheit prägen uns.
Es sind nicht nur die schlimmen Erlebnisse,
es ist nicht nur das, was wir erlitten haben,
was uns angetan wurde,
was uns fürs Leben prägt.
Es sind auch unsere Hoffnungen und Träume,
unsere Wünsche, das, was uns wichtig war und wichtig blieb:
Der Stock, für uns die Lanze eines Ritters,
den wir gegen den Baum warfen,
der zittert da heute noch,
obwohl der Stock längst vergangen und der Baum gefällt ist.

Und so ist es auch mit dem Glauben aus Kindertagen.
Er gehört zu dem, was wichtig ist.
Denn er hat mit unserer Hoffnung auf Liebe und Glück zu tun,
mit unseren Träumen von Gerechtigkeit und Frieden,
die wir einmal geträumt haben.

Der Glaube hält Hoffnung und Träume wach.
Indem uns die alten Geschichten des Glaubens,
wie die zwölf Steine im Jordan,
zu Merkzeichen werden.
Merkzeichen, die uns an das erinnern,
was alle Menschen erhoffen und erträumen.

Mehr noch: Der Glaube gibt uns Halt
und die alten Geschichten des Glaubens haben die Kraft,
Hoffnung in uns zu wecken,
uns zu trösten, uns heil zu machen und glücklich.
Sie sind wie der Stock,
gegen den Baum geworfen.
Nur ein einfacher Stock,
aber für uns war er die Lanze eines großen Kriegers
Achill, Odysseus oder Chingagkook.
Und sie zittert noch immer in dem Baum
und erinnert uns daran,
dass wir einmal mehr sein wollten als scheinen,
dass wir mehr erreichen wollten, als etwas zu besitzen,
dass wir die Welt verändern wollten.

Zwölf Steine als Merkzeichen, zwölf Meilensteine.
Es können auch Trittsteine sein:
Trittsteine des Glaubens,
die uns einen Weg durchs Leben finden lassen
und uns sicher über seine Abgründe führen.
Amen.

Sich sorgen

Dialogpredigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 13.9.2015 über Matthäus 6,25-34:

Jesus spricht: Darum sage ich euch: Seid nicht besorgt um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung, und der Leib mehr als die Kleidung? Schaut hinauf zu den Vögeln am Himmel: Sie säen nicht, noch ernten sie, noch sammeln sie in die Scheunen, und doch ernährt sie euer himmlischer Vater; unterscheidet ihr euch nicht erheblich von ihnen?
Wer von euch aber könnte durch Sorgen seinem Lebensalter eine Elle hinzusetzen?
Und warum sorgt ihr euch über die Kleidung? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen. Sie rackern sich nicht ab, noch spinnen sie. Ich sage euch aber, dass nicht einmal Salomon in aller seiner Herrlichkeit angezogen war wie eine von ihnen. Wenn Gott aber das Unkraut, das heute noch da ist und morgen in den Ofen geworfen wird, so bekleidet, um wieviel mehr euch Kleingläubige? Macht euch also keine Sorgen, indem ihr sagt: Was werden wir essen? oder: Was werden wir trinken? oder: Was sollen wir anziehen? Nach all diesem streben nämlich die Ungläubigen. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles nötig habt. Strebt aber zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, und das alles wird euch hinzugegeben werden. Macht euch also keine Sorgen um morgen, denn Morgen wird für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
(Eigene Übersetzung)

I
Güntzel:
Christian, ich mache mir Sorgen!

Christian:
Nanu, warum machst Du Dir denn Sorgen? Du hast doch gerade erst mit deinem Dienst angefangen; da wird es doch wohl noch keinen Grund zur Sorge geben?

Güntzel:
Nein, nein, um die Gemeinde oder um meine Arbeit mache ich mir auch keine Sorgen. Aber wenn ich die Zeitung lese und die Nachrichten höre, mache ich mir Sorgen wegen der vielen Flüchtlinge.

Christian:
Und, was bedrückt dich da?

Güntzel:
Ich frage mich, wo die alle unterkommen sollen. Ob sie genug zu Essen und zu Trinken bekommen, genug Kleidung. Und dann brauchen sie wahrscheinlich auch Geschirr. Bettzeug. Möbel - all das, was in einem Haushalt eben so nötig ist. Wo soll das denn alles herkommen?

Christian:
Da mach dir mal keine Sorgen!

Güntzel:
Ach, Du meinst wegen des Evangeliums, das wir gehört haben, wo Jesus sagt, dass wir uns keine Sorgen um unser Leben machen sollen? Glaubst du, das gilt auch für die vielen Flüchtlinge?

Christian:
Ich meinte gar nicht das Evangelium, sondern meine Erfahrungen mit den Menschen hier in Neudietendorf und Ingersleben. Du bist noch nicht lange hier, deshalb kannst du nicht wissen, wie hilfsbereit die Menschen hier sind! Jedes Jahr gehen von hier Transporte mit Hilfsgütern nach Rumänien ab, die auch aus unseren Gemeinden gespendet werden. Und neulich haben wir im Kindergarten zu Spenden für die Flüchtlinge in Gotha aufgerufen. Obwohl es nur ein kleiner Zettel am Aushang war, kamen unglaublich viele Sachen zusammen - Kleidung, Spielsachen, Geschirr. Noch immer bekommen wir Dinge, die meine Frau an die Flüchtlinge weitergibt.
Du musst dir also keine Sorgen machen: Bei einer so großen Hilfsbereitschaft vor Ort bin ich sicher, dass sich viele Menschen finden werden, die helfen, wenn Flüchtlinge zu uns nach Neudietendorf kommen sollten!

Güntzel:
Das wusste ich wirklich nicht! Das ist ja großartig! … 

II
Trotzdem, Sorgen mache ich mir noch immer.

Christian:
Was hast du denn noch?

Güntzel:
Ich glaube dir, dass die Flüchtlinge hier Hilfe finden, wenn es ums Essen und Trinken, um Kleidung und Wohnraum geht. Aber, wie heißt es im Evangelium: Das Leben ist mehr als die Nahrung, und der Leib ist mehr als die Kleidung. Ich frage mich, ob man diese Menschen auch freundlich empfangen wird, oder ob ihnen Misstrauen und offene Ablehnung entgegenschlagen werden, wie an so vielen Orten unseres Landes. Lebensnotwendig sind nicht nur Nahrung, Kleidung und Obdach. Es ist auch wichtig, willkommen zu sein, Freunde zu finden, oder zumindest Menschen, die mit einem sprechen, die sich für einen interessieren. Was hilft es, wenn man Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf hat, aber niemanden, der einem freundlich begegnet, kein Gespräch, keine Einladung, keine Gemeinschaft?

Christian:
Na, du hast ja ein kurzes Gedächtnis!

Güntzel:
Wie meinst du das?

Christian:
Erinnere dich doch mal daran, wie du letzte Woche hier empfangen wurdest! War das nicht freundlich und herzlich? Alle deine Begegenungen bisher, so hast du es selbst letzten Sonntag erzählt, waren herzlich und offen und freundlich. Meinst du nicht, dass anderen Menschen auch eine solche Offenheit und Freundlichkeit entgegengebracht wird wie dir, auch, wenn sie aus einem anderen Land kommen?

Güntzel:
Oh, du hast recht! Ja, ich bin wirklich sehr herzlich empfangen worden - und werde es noch. Jetzt schäme ich mich fast ein wenig, dass ich den Neudietendorfern und Ingerslebern so wenig zugetraut habe …

III
Christian:
Ich kann deine Sorge verstehen: Es gibt sie ja, die Anschläge auf Wohnheime für Flüchtlinge, die mangelnde Gastfreundschaft vielerorts, die offenen Drohungen, auch gegen Helfer. Aber auf der anderen Seite gibt es auch die Menschen, die auf den Bahnhöfen auf die Züge mit den Flüchtlingen gewartet und sie herzlich willkommen geheißen haben.
Im Evangelium vergleicht Jesus die Jünger mit den Vögeln am Himmel und mit den Lilien auf dem Feld und fragt: Seid ihr nicht viel mehr als sie? Und natürlich antwortet jeder auf diese Frage: Ja, ein Menschenleben ist viel mehr wert als eine Pflanze oder ein Tier. Es ist eine rhetorische Frage. Der Wert eines Menschenlebens und die Menschenwürde sind selbstverständlich, und ebenso selbstverständlich ist es, dass man einem Menschen in Not hilft. Diese Hilfsbereitschaft ist uns Menschen angeboren; wir können gar nicht anders, als zu helfen, wenn wir darum gebeten werden. Jeder Mensch, wenn er nicht ganz und gar krank und verroht ist, wird ein Menschenleben über alles andere stellen und wird alles tun, um Leben zu retten.

IV
Güntzel:
Ich weiß nicht … Du hast mich noch nicht überzeugt. Ich denke gerade an die Stelle im Evangelium, wo Jesus sagt, dass die Ungläubigen nach Essen und Trinken und Kleidung trachten. Ich denke, er meint damit, dass es viele Menschen gibt, die ihren Besitz über alles andere stellen, ihren Status, ihr Eigenheim, ihr Auto. Ich bin mir nicht so sicher, dass Menschen, denen Besitz, Ansehen, Einfluss so wichtig sind - oft wichtiger als alles andere, selbst Freunde und Familie - dass diese Menschen dazu bereit sind, etwas abzugeben. Und sei es nur etwas von dem, was sie sowieso im Überfluss haben.
Ich frage mich, ob Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft tatsächlich so selbstverständlich sind, wie du behauptest. Oder ob dazu nicht doch der Glaube an Gott gehört.

Christian:
Du meinst den Glauben, der sich an die Gebote hält und deshalb das "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" beherzigt?

Güntzel:
Daran habe ich jetzt gar nicht gedacht, aber du hast recht! Ich meinte aber eher das Evangelium. Mit seiner Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen, sagt Jesus doch: Als Glaubender, als Kind Gottes kann ich darauf vertrauen, dass Gott für mich sorgen wird. Gott wird dafür sorgen, dass ich genug zu essen und zu trinken, dass ich etwas anzuziehen habe - und deshalb muss ich mir keine Sorgen machen, was morgen wird. Wie ein Kind, das, von seinen Eltern geborgen, keine Angst vor dem nächsten Tag hat, so kann ich darauf hoffen und mich darauf verlassen, dass Gott mir die Kraft geben wird, den nächsten Tag zu bestehen. Und auch Herausforderungen zu bestehen, wie zum Beispiel die, einer großen Zahl von Menschen schnell und unbürokratisch zu helfen.

Christian:
Ja, aber das ist doch meine Rede!

Güntzel:
Wie? Das verstehe ich nicht!

Christian:
Na, ich habe doch vorhin gesagt, dass es sich für uns Menschen quasi von selbst versteht, anderen zu helfen. Das ist es, was Jesus meint. Es ist ja nicht so, dass Gott nachts Heinzelmännchen schickt, die Kühlschrank und Kleiderschrank auffüllen, wenn sie leer sind. Sondern da ist der Nachbar, der einen zum Kaffee einlädt oder einem den Liter Milch borgt, den man vergessen hat. Immer wieder finden wir Hilfsbereitschaft, wenn wir sie nötig haben. Und als Christen glauben wir, dass Gott es ist, der uns diese Hilfe schickt, Hilfe durch unsere Mitmenschen.

V
Güntzel:
Ah, ich verstehe, was Du meinst! Das heißt also, wenn wir im Vaterunser beten: "Unser tägliches Brot gib uns heute", dann bitten wir im Grunde nicht darum, dass sich unser Kühlschrank jeden Tag auf's Neue füllt, sondern wir bitten  um diese Hilfsbereitschaft in Notfällen?

Christian:
So könnte man es sagen. Das "tägliche Brot" bedeutet ja nicht nur, dass ich jeden Tag satt werde und genug zu essen habe, sondern auch mein Nachbar - oder eben der Flüchtling, der zu uns kommt und unsere Hilfe braucht. Als Gemeinde leben wir in einem ständigen Geben und Nehmen. Wir geben von unserer Zeit, unserer Energie, unserem Wissen, oder ganz konkret von unserem Geld. Und wir bekommen Zeit geschenkt, Zuwendung, gute Worte, ein Lächeln, oder Hilfe, wenn wir sie nötig haben. Und manchmal bekommt ein Durchreisender ein paar Euro, um sich eine Fahrkarte oder etwas zu Essen zu kaufen. Auf diese Weise leben wir als Gemeinde, was Jesus lehrte und wie er selbst die Menschen angenommen hat.

VI
Güntzel:
Das meint Jesus also, wenn er sagt, dass wir zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit streben sollen! Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt. Und doch ist es uns so nah, dass man manchmal meint, es wäre nur eine dünne Haut zwischen uns und Gott.

Christian:
Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken, sagt Paulus (Römer 14,17), sondern in dem, was mehr ist als die Nahrung und mehr als die Kleidung. Es besteht in einem Leben, das nicht so sehr nach dem Ertrag und dem Gewinn fragt, sondern danach, wie es meinen Nächsten, meinen Mitmenschen ergeht. Es besteht in einem Leben, das nach Gerechtigkeit fragt und sich um Gerechtigkeit für alle bemüht.

Güntzel:
Eine Kirche, die nach dem Reich Gottes fragt, besteht nicht in Zahlen und Geldbeträgen, sondern aus Menschen, die sich in ihr engagieren. Menschen, die vom Reich Gottes träumen. Die wissen, dass es nicht von dieser Welt ist, und doch etwas davon in dieser Welt verwirklichen wollen, indem sie sich für Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzen. Wo solche Menschen sind, wird es auch nicht an Möglichkeiten fehlen, eine Kirche, ein Gemeindehaus zu öffnen und zu erhalten.

Christian:
Heute, am Tag des offenen Denkmals, haben wir unsere Kirche nicht nur zum Gottesdienst geöffnet. Wir öffnen sie auch für Menschen, die mit dem Glauben nichts zu tun haben wollen, vielleicht noch nie davon gehört haben. Vielleicht werden sie neugierig auf diesen besonderen Raum. Vielleicht werden sie berührt durch die Gebete, Worte und Lieder, mit denen die Steine dieser Kirche vollgesogen sind. Vielleicht beschließen sie, wiederzukommen, weil sie hier Menschen begegnet sind, die anders waren: Freundlich, herzlich und offen.

Amen.

Sonntag, 6. September 2015

Rettung

Predigt zur Einführung in die Gemeinde Ingersleben/ Neudietendorf 
am 14. Sonntag nach Trinitatis, 6. September 2015 
in St. Johannis, Neudietendorf
über Lukas 17,11-19:

Und es begab sich, während Jesus nach Jerusalem wanderte, da ging er mitten durch Samarien und Galiläa.
Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn leprakranke Männer, die blieben in der Ferne stehen und riefen laut: Jesus, Meister, erbarme dich unser!
Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es begab sich, als sie weggingen, da wurden sie rein.
Einer aber von ihnen, als er sah, dass er geheilt war, kehrte um und lobte Gott mit lautem Schreien, und fiel auf sein Angesicht bei seinen Füßen nieder und dankte ihm; und dieser war ein Samaritaner.
Da sprach Jesus: Wurden nicht zehn rein? Aber die Neun anderen, wo sind sie? Sind sie nicht umgekehrt, um Gott Ehre zu geben, nur dieser Fremde?
Und er sprach zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

was einem die Leute so erzählen! Mancher weiß Dinge zu berichten, da klappt einem vor Staunen der Unterkiefer herunter, oder die Haare stehen einem zu Berge vor Schreck. In der Nähe solch begnadeter Erzähler kann das eigene Leben belanglos und langweilig wirken. Der eigene Alltag scheint angesichts dessen, was diese Leute erleben, vergleichsweise wenig Erzählenswertes bereit zu halten.

Die Geschichte, die Lukas erzählt, ist auch eine von diesen Staunen erregenden Stories - jedenfalls, wenn man sie auf der Straße von einer Nachbarin hören würde. Hier dagegen, in der Kirche, wirkt sie gar nicht soo aufregend. Wir haben wohl schon zu oft von solchen Taten Jesu gehört; zu vertraut sind uns diese Wundergeschichten, als dass wir noch darüber staunen würden

Und doch: wenn man genauer hinsieht und hinhört, erkennt man, dass diese Geschichte sehr besonders ist. 

I
Nur auf den ersten Blick handelt es sich um eine der vertrauten Heilungsgeschichten: Zehn Männer, die an Lepra leiden und durch ihre Krankheit am Rand der Gesellschaft leben müssen, werden von Jesus von ihrem „Aussatz“ befreit. „Gereinigt“, heißt es. In diesem „Gereinigt“ schwingt mit, dass die Zehn durch ihre Krankheit „unrein“ waren. Die Verfärbung ihrer Haut, die Entstellungen, die die Lepra verursacht, sind so auffällig, so sichtbar „anders“, dass sie deswegen von der Gesellschaft anderer ausgeschlossen werden - nicht etwa wegen der Ansteckungsgefahr, die von der Lepra ausging; die wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt.

Zu allen Zeiten fallen Menschen auf, die eine andere Hautfarbe haben, die sich anders kleiden oder anders verhalten, als man es gewohnt ist. Sie werden gemieden, und oft werden ihnen schlechte Eigenschaften zugeschrieben - so werden sie zu Ausgegrenzten, zu Außenseitern - die Bibel nennt sie: „Aussätzige“. 

Die Unreinheit der zehn Leprakranken trennte sie nicht nur von der Dorfgemeinschaft und der Gemeinde, sondern - nach damaligem Verständnis - auch von Gott. Deshalb reichte es nicht, dass ihre Haut wieder heil wurde. Erst die erfolgreiche Begutachtung durch einen Priester machte sie wieder gesellschaftsfähig.
Wenn Jesus also die zehn Lepraprakranken zum Priester schickt, tut er das, was damals im Falle einer der seltenen Heilungen vom Aussatz üblich war. Und die Neun machen nichts verkehrt, wenn sie sich, statt zu Jesus umzukehren, den Priestern zeigen: Sie handeln so, wie man es von ihnen erwartete und wie Jesus es ihnen auftrug. So weit ist an der Geschichte noch nichts Besonderes.

Doch die zehn Leprakranken sind ja noch gar nicht geheilt, als Jesus sie zum Priester schickt! Sie werden es, als sie sich auf den Weg machen. Die Besonderheit dieser Geschichte ist, dass sich die Kranken auf ein bloßes Wort, auf das Wort Jesu hin, aufmachen, obwohl sie noch gar keine Veränderung an sich bemerken. Sie glauben an sein Wort, vertrauen da-rauf, ohne einen Beweis dafür bekommen zu haben. Sie glauben, und durch diesen Glauben werden sie geheilt.
Für Lukas steht nicht die wunderbare Heilung von einer damals unheilbaren Krankheit im Mittelpunkt. Sondern der Glaube, der diese Heilung ermöglicht. Lukas will sagen: Nicht das Befolgen von Geboten oder Ritualen macht rein, kein ordentlicher Lebenswandel und auch nicht die Bestätigung durch die religiöse Instanz, die Priester, sondern allein der Glaube - mit Luthers Worten: sola fide.

II
Eine zweite Besonderheit schließt sich an die erste an:
Jesus ist von den neun Kranken, die auf sein Wort hin schnurstracks zum Priester gingen, enttäuscht. Offenbar hatte er mehr von ihnen erwartet. Das, was Jesus erwartete, ist das Thema dieses 14. Sonntags nach Trinitatis: Dankbarkeit.
Allerdings erwartet Jesus kein Dankeschön für seine Hilfe. Was er erwartet, scheint auf den ersten Blick gar nichts mit Dankbarkeit zu tun zu haben: Jesus erwartet eine Umkehr, und zwar, „um Gott Ehre zu geben“.

Die Forderung zur Umkehr durchzieht die ganze Bibel. Die Propheten riefen das Volk Israel zur Umkehr auf; Johannes der Täufer predigte: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1,15), und Jesus tut es ihm nach (Matthäus 4,17).
Umkehren bedeutet: nicht mehr weitergehen auf dem Weg, auf dem man sich gerade befindet. Man kehrt um, wenn man in eine Sackgasse geraten ist; wenn der Weg unwegsam wird; wenn man sich verlaufen hat, das Wetter sich verschlechtert oder die Puste knapp wird. Umkehren hat deshalb immer etwas von einer Niederlage an sich, weil man sich eingestehen muss, dass es auf dem eingeschlagenen Weg nicht weiter geht und man das gesteckte Ziel nicht erreicht.
Das entspricht ziemlich genau dem biblischen Sinn von „Umkehren“. Dort bedeutet „Umkehr“ das Eingeständnis, auf dem falschen Weg gewesen zu sein, einen Irrtum, einen Fehler begangen zu haben. An dieses Eingeständnis - die Bibel nennt es: „Buße tun“ - schließt sich an, dass man seinen bisherigen Weg aufgibt, eben: umkehrt, damit einem der selbe Fehler nicht noch einmal passiert.

III
Jesus erwartet von den zehn Aussätzigen die Umkehr. Wovon sollen sie umkehren? Was haben sie falsch gemacht? Ist die Lepra Strafe für eine Sünde, einen Fehler? - Diese Frage ist uns nicht unbekannt. Gerade, wenn man überraschend erkrankt oder von einem Schicksalsschlag heimgesucht wird, fragt man sich unwillkürlich, womit man das „verdient“, was man falsch gemacht hat. Wir suchen bei einer Krankheit, bei einem Schicksalsschlag nach dem Grund. Wir wollen verstehen, warum uns das zugestoßen ist. 
Aber wenn die Krankheit in unserer Geschichte Strafe für einen Fehler, eine Sünde gewesen wäre, dann hätten die neun Kranken nicht gesund werden dürfen, ohne vorher umzukehren. Jesus aber heilt sie ohne Bedingung, allein auf ihre Bitte hin. Erst dann erwartet er die Umkehr von ihnen. Umkehr ist keine Bedingung für die Heilung, denn Umkehr, wie Jesus sie hier versteht, ist Hinwendung zu ihm, so, wie es der Samaritaner tut: Er geht zu Jesus zurück und wirft sich ihm zu Füßen. 
Wer weiß, womit die neun anderen ihre Heilung erklären werden? Dieser eine jedenfalls hat erkannt und weiß, dass Jesus es war, der ihn geheilt hat. Diese Erkenntnis nennt Jesus „Glaube“, und dieser Glaube, sagt Jesus, hat ihn gerettet.

IV
Die Geschichte unterscheidet also zwischen Heilung und Rettung. Alle zehn Kranken werden geheilt, aber nur einer, der Samaritaner, wird gerettet. Rettung ist offenbar mehr oder anders als Genesung von einer schlimmen Krankheit.
Uns geht es meist so wie den neun anderen: Wir wären mit einer Heilung völlig zufrieden. Unsere Wünsche und Hoffnungen richten sich nicht auf Rettung. Das würde ja bedeuten, dass wir umkehren, dass wir unsere eingelaufenen Pfade verlassen und neue Wege ausprobieren, unser Leben ändern würden. Heilung dagegen bedeutet, dass alles wieder so wird, wie es war. 
Jesus möchte offenbar nicht, dass wir uns mit dem zufrieden geben, was ist, und uns im Bestehenden einrichten. Er möchte, dass wir umkehren, nach neuen Wegen suchen. 
Wir aber möchten am liebsten, dass alles so bleibt, wie es ist. Oder, besser noch, dass es wieder so wird „wie früher“. 
Wir wünschen uns Gesundheit; ein Leben in Frieden und Wohlstand. Wir wünschen uns eine Partnerin, einen Partner für's Leben, Kinder und Enkelkinder. 
Jesus lenkt unseren Blick weg von den Menschen und Dingen, die wir für unentbehrlich für unser Leben halten, auf das, was für unser Leben allein wichtig ist: unsere Rettung
Diese Rettung besteht offenbar nicht darin, eine Familie zu haben, Arbeit, eine Altersversorgung, ein Auto, Haus und Garten - obwohl wir wohl alle überzeugt sind, wir hätten es „geschafft“, wenn wir das erreicht haben. Jesus erklärt nicht, was „Rettung“ ist. Aber ich glaube, wir ahnen, an was er dabei denkt: 
Wir ahnen etwas davon, wenn wir auf unser Leben zurück schauen und uns fragen, was aus unseren Träumen und Hoffnungen geworden ist.
Wir ahnen es, wenn wir Bilder von flüchtenden Menschen sehen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um Krieg, Armut, einem Leben ohne Hoffnung und Zukunft, religiöser Verfolgung oder Rassenhass zu entgehen.
Wir ahnen es, wenn wir Momente erleben, die so unendlich viel schöner sind, uns so viel mehr bedeuten als alles Geld und aller Besitz.

Diese Ahnungen zu haben und zu wissen, wem wir das Wesentliche in unserem Leben verdanken: das meint Jesus, wenn er davon spricht, „Gott Ehre zu geben“. Dass unser Leben glücklich und erfüllt ist; dass unser Herz warm und weit wird für Menschen in Not; dass wir Hoffnungen und Träume haben für unsere Welt: das kommt nicht von uns. Gott lässt uns von einer neuen Welt träumen, in der alle Tränen abgewischt werden; Gott ergreift Partei für die Armen, die Verfolgten und Flüchtenden; Gott schenkt uns Augenblicke im Leben, die uns mit Glück erfüllen. Jesus möchte, dass wir das erkennen, eben: dass wir Gott Ehre geben. Das ist die Dankbarkeit, von der dieser Sonntag handelt. Sie ist nichts anderes als die Erkenntnis, dass uns das Beste im Leben von Gott geschenkt wird, und dass Gott es ist, der unserem Leben Mitte, Sinn und Glück verleiht. Wenn wir das erkennen: Dann sind wir gerettet. Dann sind wir bereit und in der Lage, andere zu retten. Weil wir unseren Wohlstand, unseren Frieden und unsere Freiheit nicht mehr für uns allein behalten müssen; wir können sie teilen.

V
Eine letzte Pointe hält die Geschichte noch für uns bereit: Der einzige, der zu Jesus umkehrt, ist ein Fremder, ein Ausländer. Es ist Lukas wichtig, dass ausgerechnet der uns den Glauben vorlebt, der nicht dazu gehört; der zur Zeit Jesu misstrauisch beäugt und ausgegrenzt wurde, allein deshalb, weil er anders war, unbeliebt, ein Fremder. Wie es bei Lukas auch ein Fremder ist, der als barmherziger Samaritaner zeigt, was Nächstenliebe bedeutet. Warum tut Lukas das? Warum ist ihm gerade dieses Detail wichtig?
Lukas will uns zeigen, worauf es ankommt: Wir sind nicht wertvoll durch das, was wir besitzen, wertvoll nicht durch unseren Ruf, unsere Herkunft, unsere Zugehörigkeit zu einem Verein, zu einem Dorf, einer Gemeinde oder einem Volk. Wir sind wertvoll durch das, was Gott uns schenkt. Weil wir alle bedingungslos zu Gott gehören; weil wir Gottes Kinder heißen und es wahrhaftig sind. Es gibt nichts Größeres als das, keinen Titel, kein Amt, nichts. Der Samaritaner erinnert uns daran, dass alle Menschen, auch die, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, Gottes Kinder sind.

VI
Die besten Geschichten sind nicht die, die uns zum Staunen bringen oder uns Angst einjagen. Die besten Geschichten sind die, in denen Menschen gerettet werden. 
Auch wir haben Gelegenheit, an Rettungsgeschichten mitzuwirken. Es sind zum Beispiel die Geschichten der Rettung so vieler Flüchtlinge, die über das Meer kommen, um bei uns Asyl und Gastfreundschaft zu finden. 

Amen.

Samstag, 20. Juni 2015

Abnehmen

Predigt zum Tag der Geburt Johannes des Täufers (24. Juni) am 21. Juni 2015 über Johannes 3,30:
"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."


Liebe Gemeinde,

"ich muss abnehmen" - ein Stoßseufzer, den jetzt, zu beginn der Badesaison, wohl viele äußern, wenn sie Badehose oder Bikini aus dem Schrank holen und anprobieren.

"Ich muss abnehmen!" - ein Satz, der nicht nur zur Sommerzeit, sondern das ganze Jahr über gebetsmühlenartig wiederholt wird. 
Die Models aus den bunten Magazinen, auf den Plakatwänden und in den Fernsehshows suggerieren, dass ihre zerbrechlichen, dünnen Körper das Maß sind, an dem wir uns messen lassen müssen. Und deshalb kann es für die meisten von uns nur heißen: "Ich muss abnehmen!".

Dabei ist es überhaupt nicht gesund, ständig abzunehmen - im Gegenteil: am gesündesten und am längsten lebt, wer ein leichtes Fettpolster hat; solche Menschen haben die besten Chancen, steinalt zu werden.

I
Abseits unserer Körperwelten spielt das Abnehmen zum Glück auch keine Rolle.  Ganz im Gegenteil: Es scheint, als ginge es überall und allenthalben - sieht man mal vom Körper ab - nur ums Zunehmen. Ums mehr Werden und den Mehrwert, um Steigerung und Wachstum.

Wachstum ist überhaupt die Grundüberzeugung unserer Gesellschaft, die gebetsmühlenartig wiederholt wird. Ohne Wachstum geht es nicht; ohne Wachstum geht gar nichts. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, dann droht die Krise. Die Produktion muss wachsen. Unsere Exporte müssen wachsen. Die Rendite muss größer werden. Aber auch der Konsum muss wachsen. Weil nur so die Wirtschaft wachsen kann, und dann nimmt vielleicht auch die Zahl der Arbeitsplätze wieder zu.

Auch im privaten Bereich ist alles auf Wachstum ausgerichtet: Das Einkommen muss steigen, schließlich steigen ja auch die Preise. Es gilt, Sprosse um Sprosse auf der Karriereleiter zu erklimmen. Und kann man selbst nicht auch immer besser werden? Die eigene Leistung steigern, die Effizienz? Auch seinen Körper kann man immer besser machen, durch Training und Fitness. 

Und warum jammert die Kirche über sinkende Mitgliederzahlen? Gemeinden können doch wachsen! Man muss sich nur ein bisschen Mühe geben, die richtigen Methoden anwenden, sich mal ein bisschen anstrengen - mehr und bessere Angebote machen, mehr Gottesdienste, mehr Hausbesuche, dann werden die Kirchen auch wieder voll!

Es scheint nichts zu geben, das nicht besser zu machen, nicht zu steigern wäre. Unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unser ganzes Leben ist auf Steigerung, Optimierung, Wachstum ausgerichtet. Mehr leisten, mehr verdienen, mehr besitzen: Das ist es!

II
Fällt niemandem auf, dass daran etwas nicht stimmt?

Wie weit soll das Wachstum denn noch gehen - wie weit kann es noch gehen? Für alles Wachstum gibt es eine natürlich Grenze; selbst Bäume wachsen nicht in den Himmel. Und wenn irgendwo etwas mehr wird - Geld, Kapital, Zeit, Material -, dann muss es irgendwo anders weniger werden. 
Unsere Erde, so riesig so ist mit ihrem weiten Himmel, den schier unendlichen Landflächen und den immens großen Ozeanen, ist endlich. 
Sie ist ein geschlossenes System: Es kann nicht mehr werden. Wenn das Öl einmal ausgebeutet sein wird, ist es weg. Es wächst keins nach. 
Es kann auch nichts heraus. Das Kohlendioxid, das wir in die Atmosphäre pusten, bleibt da und geht einfach nicht weg.

"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Dieser Ausspruch des Johannes stellt zunächst einmal fest: 
Wenn irgendwo etwas mehr wird, muss es an anderer Stelle weniger werden.
Wenn einer mehr bekommt, bekommt ein andere weniger. 
Wenn jemand mehr verdient, wird ein anderer heruntergestuft, wie jetzt bei der Deutschen Post. Oder es wird jemand entlassen; denn die Personalkosten dürfen ja nicht steigen. 
Wenn ich einen schöneren, strafferen, sportlicheren Körper haben möchte, muss ich mehr Zeit für seine Pflege und für's Training investieren - Zeit, die ich sonst für andere Dinge, für andere Menschen hätte.
Wenn mehr geleistet werden soll, muss man länger arbeiten, und es bleibt weniger Zeit zur Erholung, weniger Zeit zum Nachdenken. Weniger Zeit für anderes - die Familie, die Freiwillige Feuerwehr, der Trachtenverein, die Gemeinde oder das Hobby.

III
"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Johannes ist nicht auf Diät. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man von Heuschrecken und wildem Honig Speck ansetzen kann. Trotzdem wird er weniger, weil ein anderer ihm etwas wegnimmt: Johannes dem Täufer laufen die Täuflinge weg. Sie gehen zu Jesus, der auch tauft, wie Johannes. Der aber mehr zu bieten hat als er: "Ich taufe mit Wasser", sagt Johannes; "der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen."

Wir kochen alle nur mit Wasser.
Wir sind alle nicht so besonders, dass es allein nur auf uns ankäme. 
Das wissen wir eigentlich.
Trotzdem sind wir der Meinung, dass uns mehr zusteht als unserem Nachbarn.
Dass wir ein Recht auf Wohlstand, ein Recht auf Glück hätten,
während es anderen schlecht geht, sie in Armut und Todesangst leben müssen.
Wir sind der Meinung, wir hätten ein Recht, unseren Wohlstand zu verteidigen,
wo doch die Vorräte auf der Erde begrenzt sind und,
wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato Si" betont hat, allen gehören.

"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Das bedeutet auch: Wir müssen nicht ständig mehr haben und mehr werden. 
Wir müssen nicht ständig wachsen. Das ist kein Naturgesetz.
Und nur, weil es gebetsmühlenartig wiederholt wird, ist es nicht wahr.

Wir brauchen nicht ständig zu wachsen, sagt Johannes. 
Wir dürfen auch mal weniger machen, weniger werden, weniger sein.
Wir dürfen sagen: "Das schaffe ich nicht. Das ist mir zu viel. Das ist mir zu schwer" - ohne, dass wir darum weniger wert wären, oder unsere Leistung dadurch geschmälert würde.

"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Das Beispiel des Johannes stellt uns die Frage, ob wir nicht mal aufs Wachstum verzichten können. Verzichten zugunsten unserer Mitmenschen. Verzichten zugunsten unserer Umwelt. Verzichten um unsretwillen: Damit wir endlich aus der Tretmühle des Schneller - Höher - Weiter herauskommen und einmal durchschnaufen. Und uns beim Durchschnaufen einmal ansehen, was wir da tun. Und uns fragen, ob wir wirklich immer weiter wie der Hamster im Rad laufen wollen.

IV
Es gäbe noch einen anderen Weg:
"Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen."
Dieser Satz des Johannes ist eine Entlastung für uns.
Nicht wir müssen wachsen. 
Jesus tut es. Jesus nimmt uns das Wachsenmüssen ab. 
Wir dürfen wachsen. Aber wir müssen nicht mehr. 
Wir dürfen auch nachlassen. Weniger werden. Aussteigen und Pause machen.

Das gilt auch und gerade für die Kirche, für die Gemeinde:
Wir dürfen weniger werden. Wir dürfen abnehmen, schrumpfen. 
Denn Jesus wächst auch ohne unser Zutun, ohne unsere Arbeit, ohne dass wir es mit aller Macht wollen.
Wenn wir gelassen Gemeinde und Kirche sind, statt ständig immer mehr sein und mehr werden zu wollen, dann kommen Menschen vielleicht gerade in die Kirche. Weil sie hier etwas vorfinden, das anders ist als die Wachstumsgesellschaft: Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit, die keinem mehr zumutet, als er schaffen kann.
Barmherzigkeit, die jede und jeden so sein lässt, wie sie oder er ist.
Barmherzigkeit, die jeder und jedem eine Pause gönnt - und auch den Erfolg.

Für diese Barmherzigkeit lohnt es sich, abzunehmen.
Dann ist uns nicht nur ein langes Leben gewiss,

sondern auch noch das Glück!

Sonntag, 24. Mai 2015

Glaubensfragen

Predigt über Johannes 14,23-27 am Pfingstsonntag, 24.5.2015 in der Fasanerie Hermannsfeld

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus nimmt Abschied.
Das Evangelium des Pfingstsonntages versetzt uns in Gedanken zurück an den Gründonnerstag, zum letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte. Jesus spricht zu seinen Jüngern in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Abendmahl und seiner Verhaftung im Garten Gethsemane. Es bleibt ihm nur noch wenig Zeit, und es gibt noch so viel zu sagen. Es sind die "Abschiedsreden Jesu", die im Johannesevangelium vier Kapitel füllen. Anders als wir, die wir beim Abschiednehmen oft keine Worte finden, hat Jesus noch viel mitzuteilen.

Mit den Antworten auf die Fragen seiner Jünger beginnt er.
Fragen, die von Zweifel erfüllt sind.
Fragen, die manchmal auch unsere Fragen sind.

I
„Wo gehst du hin?“, stellt Petrus die erste Frage. Jesus antwortet: „Dahin, wo du mir nicht folgen kannst. Denn dazu müsstest du sterben.“
Das Ziel des Glaubens: das Einssein mit Gott, das Ende aller Zweifel und Fragen, erreicht man erst nach dem Tod. So sehr wir uns manchmal wünschen, Gott möchte sich uns zeigen, möchte beweisen, dass es ihn wirklich gibt – so sehr halten wir auch an unserer Freiheit fest. Wir wollen, wir können sie nicht aufgeben, unsere Freiheit, die darin besteht, dass unser Wille nicht aufgeht in Gottes Willen. Wir wollen über den Weg unseres Lebens selbst bestimmen - und wir dürfen den Weg unseres Lebens selbst bestimmen. Auch, wenn diese Selbstbestimmung einen Preis hat: den schmerzlichen Preis des Getrenntseins von Gott.

„Welcher Weg führt zu Gott?“, stellt Thomas, der ungläubige Thomas, die zweite Frage.
„Ich bin der Weg“, antwortet Jesus. „Wenn ihr wisst, wer ich bin, werdet ihr auch Gott erkennen.“
Auf dem Weg zu Gott nehmen Menschen vieles auf sich: Halten Vorschriften ein, unterziehen sich religiösen Übungen, ziehen sich aus der Welt in die Einsamkeit eines Klosters zurück. Von all dem spricht Jesus nicht. Nur eins betont er: „Ich bin der Weg. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Wollen wir zu Gott vordringen, führt an Jesus, dem Sohn Gottes, der unser Mitmensch, unser Bruder wurde, kein Weg vorbei. „Jesus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“, lautet die erste These der Barmer Theologischen Erklärung vom Mai 1934. Es gibt für uns Christinnen und Christen keinen anderen Weg zu Gott. Wir erkennen Gott nur durch das Leben und in der Gestalt des Menschen Jesus.
Dass Jesus der einzige Weg ist, bedeutet aber auch: Es braucht nicht mehr als den Glauben an Jesus, um zu Gott zu gelangen. Wir müssen nicht der Welt entsagen, um gläubig zu sein.

„Wie kann Gott sich in einem Menschen offenbaren?“, das ist die dritte Frage, die Philippus stellt.
Das Göttliche stellen wir uns als das ganz Andere vor, anders als die Welt, anders als wir. Wenn der Weg zu Gott nur über den Menschen Jesus führt, wie können wir sicher sein, dass Jesus wirklich Gottes Sohn und nicht ein Hochstapler ist? Wie können wir sicher sein, durch Jesus zum wahren, zum lebendigen Gott zu gelangen?
Jesus antwortet Philippus: „Du erkennst Gott nicht in mir, weil du dir Gott anders vorstellst, als er ist.“
Unsere Bilder, die wir uns von Gott machen, stehen uns im Weg, wenn wir Gott suchen. Dass Jesus Gott ist – ein schwacher Mensch, über den die anderen lästerten, als er am Kreuz starb – fällt uns schwer zu glauben.
Der einzige „Beweis“, den Jesus uns über seine Worte hinaus anbietet, sind seine Taten. Sie hätten als Beweise vor Gericht keinen Bestand. Es gibt keine unabhängigen Zeugen dafür, keine Protokolle, keine Indizien. Aber was er getan hat: Blinde machte er sehen, Lahme gehen; Kranken, Armen, Ausgestoßenen wandte er sich zu – all das spricht dafür, dass Jesus Gottes Sohn ist. Denn die Bibel beschreibt Gott als den, der auf der Seite der Armen und Rechtlosen steht und für sie eintritt.

II
Auf dem Weg der Einwände gegen Jesus, auf dem Weg des Zweifels kommt die vierte, die wichtigste Frage. Judas stellt sie, der Jünger mit dem gleichen Vornamen wie der, der Jesus verriet. Es ist die Frage, die alle Kritiker des Christentums stellen und die auch die Christen selbst sich immer wieder stellen:
Wie kommt es, dass damals niemand gemerkt hat, dass Jesus Gottes Sohn ist – außer denen, die seine Jünger geworden sind? Wenn Gott in unsere Welt einbricht: müsste das nicht zu spüren sein, müsste das nicht gewaltige Wellen schlagen?
Die Antwort, die Jesus auf diese Frage gibt, das Evangelium des heutigen Pfingstsonntages, lautet: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten“.
Ist das eine Antwort auf die Frage?
„Wer mich liebt, der wird mein Wort halten“: Die Liebe zu Jesus - oder, allgemeiner gesagt, der Glaube an Gott - kommt nicht aus dem Befolgen der Gebote. Es ist genau andersherum: Erst kommt die Liebe, erst kommt der Glaube. Daraus ergibt sich dann das Befolgen der Gebote quasi von selbst. 
Der Glaube ist nicht "logisch", nicht zu erklären und nicht zu beweisen. Der Glaube ist auch nicht zu "machen" - indem man z.B. bestimmte Dinge tut oder nicht tut, indem man sich an die Gebote hält oder sich religiösen Übungen widmet.
Deshalb kommen Menschen nicht von selbst dazu, an Jesus zu glauben. Deshalb konnte und kann die Welt Jesus nicht erkennen - weil die Voraussetzung dafür der Glaube ist. Die Welt hat Jesus nicht erkannt, weil sie nicht geglaubt hat, dass Jesus Gottes Sohn ist. Das glauben nur die Wenigsten: die, die Jesus lieben.

III
„Wer mich liebt, wird mein Wort halten“, sagt Jesus. Der Glaube an Jesus hat etwas mit Liebe zu tun. Diese Liebe, von der Jesus spricht, ist etwas anderes als Verliebtsein in einen anderen Menschen. Und hat doch viel damit gemein.
Dass Menschen sich ineinander verlieben, dass der Funke überspringt, kann man ebenfalls nicht „machen“, das ist ebenfalls nicht "logisch", und weder zu erklären, noch zu beweisen. Es geschieht einfach - oft auf eine Weise, die zeigt, wie machtlos wir gegen die Macht der Liebe sind: 

Man verliebt sich z.B. in einen Menschen, der so gar nicht ins Bild passt, das man sich von seiner Traumfrau, seinem Traummann gemacht hat – sondern der oder die ganz anders, nämlich, wie man mit einem Mal merkt: viel wunderbarer ist. 

Oder es geschieht, dass man sich in einen Menschen verliebt, obwohl der schon an einen anderen Menschen gebunden ist, oder obwohl man selbst gebunden ist. Gegen alle Vernunft geschieht das, und man ist machtlos gegenüber dem, was da mit einem geschieht.

Mit der gleichen Macht bemächtigt sich Gott eines Menschen.
Dass wir Jesus lieben – dass er uns verzaubert, dass uns der Weg, den er ging, einleuchtet und sein Wort uns ergreift – das „geschieht“ mit uns.
Bei den Jüngern war es Jesus selbst, die Begegnung mit ihm, die sie verzauberte. Und bei uns? „Der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“
Es ist Gottes Geist, der sich unser bemächtigt und der uns von Jesus überzeugt.

In der Geschichte vom Pfingstwunder ist von flammenden Zungen die Rede, die sich den Jüngern aufs Haupt setzen und sie befähigen, in fremden Sprachen zu reden. Sie sprechen in ihrer Muttersprache von dem, was sie erfüllt; von dem, der sie überzeugt hat. 
So ist Gottes Geist bis heute am Werk: 
Er ist da, wo Menschen von Jesus verzaubert werden: 
Er verzaubert sie. 
Er ist da, wo Menschen von Jesu Worten ergriffen werden: 
Er ergreift sie. 
Der Heilige Geist war schon oft in uns und in unserem Leben am Werk: Wir haben es nicht gespürt, aber trotzdem war er da. Deshalb wird die Geschichte vom Pfingstwunder jedes Jahr auf's Neue gelesen: Pfingsten passiert immer wieder, bei jeder und jedem von uns, ganz unspektakulär, aber genauso unwiderstehlich wie damals.

IV
Jesus lieben – das hat viel mit Verlieben zu tun, weil wir dies genauso wenig „machen“ können wie jenes. 
Zur Liebe gehört Respekt. Mit den Menschen, die wir lieben, gehen wir manchmal respektlos um. Wir wahren nicht den Abstand, den sie brauchen. Wir respektieren nicht die Grenzen, die jeder Mensch hat. 
Auch Jesus ist nicht unser "Kumpel". 

Wir wahren den Respekt gegenüber anderen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass der andere, die andere uns nicht gehört, und wir mit ihr, mit ihm nicht umgehen können, wie wir wollen.
Wir wahren den Respekt, wenn wir uns eingestehen, dass die andere, der andere ganz anders ist als wir, und dass wir sie, dass wir ihn nicht wirklich kennen - und wahrscheinlich nie wirklich kennen werden. 
So ist es mit Jesus auch. Jesus ist anders, manchmal schmerzhaft anders, als wir ihn uns vorstellen. Jeden Sonntag hören wir von Jesus - und lernen stets auf's Neue, wer und wie Jesus ist.

Jesus lieben hat auch viel mit Nächstenliebe zu tun: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe“. Nächstenliebe zeigt sich in der Bereitschaft, vom eigenen Leben etwas an andere abzugeben. 
Nicht mehr zu fragen: Wieso denn gerade ich?, 
sondern: Wer denn sonst? 
Nicht mehr: Was wird aus mir?, 
sondern: Was wird aus den anderen?
Wohlgemerkt: Nicht als Bußübung, wie etwas, das man sich zur Strafe auferlegt. Sondern weil Jesus uns zuerst geliebt hat und noch liebt, weil wir erfüllt sind von dieser Liebe, die deshalb aus uns wie aus einem Brunnen überfließt zu anderen Menschen. 

V
Jesus hat Abschied genommen und ist fortgegangen. Vor zehn Tagen haben wir uns an Christi Himmelfahrt diesen Abschied vergegenwärtigt. Aber wir bleiben nicht allein zurück. Gottes Geist ist unter uns und in uns: er macht, dass uns Jesu Worte ergreifen. Er zeigt uns Gott, wie er wirklich ist, und er zeigt uns, wie sehr Gott uns liebt. 

Der Abschied gehört zu unserem Leben, und er gehört auch zu unserem Glauben. Jedes Jahr an Gründonnerstag, Himmelfahrt und Pfingsten werden wir daran erinnert, dass Jesus Abschied nehmen musste, damit wir seine Gemeinde werden konnten, die aus seiner Liebe, seinem Wort und seinem Frieden lebt. Jesus verabschiedet sich, damit das Leben einen neuen, geisterfüllten Anfang nehmen kann. Damit der Heilige Geist uns lehren kann, was wirkliches Leben ist, und wofür es sich zu leben lohnt.
Amen.

Sonntag, 17. Mai 2015

Ein Vers aus der Kindheit

Predigt am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2015, über Johannes 15,26-16,4:

Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.
Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.


 Liebe Schwestern und Brüder,
 liebe Familie N.,

 als ich noch klein war, setzte sich meine Mutter abends an mein Bett, betete ein Abendgebet mit mir und sang mir ein Gutenachtlied vor. Meistens war es:
“Guten Abend, gut' Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf' unter die Deck'.
  |: Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt. :|”
 Ich bin natürlich schon lange über das Alter der Kindergebete und Gutenachtlieder hinaus. Unsere Tochter, der ich Gutenachtlieder vorsang, ist erwachsen, und ich komme in das Alter, wo man immer häufiger an “früher” zurückdenkt und von “Früher” erzählt. Aber das Gutenachtlied meiner Kindheit habe ich nie vergessen. Es hat mich wie ein guter Geist durch's Leben begleitet. Wenn ich Kummer hatte, kam es mir wieder in den Sinn und tröstete mich. Wenn ich Angst hatte oder mir Sorgen machte, ermutigte mich der Gedanke:
  “|: Morgen früh, wenn Gott will,
  wirst du wieder geweckt. :|”,
 und so ist es bis heute.

 II
 In diesem Gottesdienst wird N. getauft; Sie haben ihn zu Beginn des Gottesdienstes ja schon kurz kennen gelernt. Mit seiner Taufe wird er Christ, wird aufgenommen in die weltweite Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Fortan wird jede Kirche ein Zuhause für ihn sein, ganz gleich, wo auf der Welt er sich befindet. Vor allem aber wird die Johanniskirche sein Zuhause sein, wie sie es für seine Eltern und Großeltern, wie sie es für Sie alle ist.

 Mit der Taufe wird N. ein Christ und ein Mitglied dieser Gemeinde. Er wächst hinein in eine Tradition, die sich von Ort zu Ort unterscheidet und doch überall so ähnlich ist, dass man sich schnell zurecht findet, wenn man einmal den Gottesdienst und die christliche Tradition kennen gelernt hat. Diese christliche Tradition stellt so etwas wie ein Zuhause für die Seele, eine Seelenheimat, dar. 
 Dazu gehören Kindergottesdienst und Christenlehre, Krippenspiel und Konfirmation, Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, die Passionsandachten, die Singstunde im Brüdersaal und vieles mehr. Zur christlichen Tradition gehören auch die Dinge, die man zuhause kennen lernt und die in jeder Familie anders sind: Tischgebet, Abendgebet und Gutenachtlied; die Losungen; Taufen, Hochzeiten und Trauerfeiern.
 Jede und jeder von uns ist von dieser christlichen Tradition geprägt, sie ist unsere Seelenheimat. Jede und jeder von uns trägt ein Stück dieser Tradition in sich, das ihm besonders viel bedeutet und das schon viele Male Mut gemacht, Trost gespendet hat - sei es ein Bibelvers, ein besonderes Erlebnis im Gottesdienst oder, wie bei mir, ein Gutenachtlied aus Kindertagen. Ich bin gespannt, was es einmal für N. sein wird.

 III
 Wahrscheinlich nicht die Verse des Abendliedes meiner Kindheit:
  “|: Morgen früh, wenn Gott will,
  wirst du wieder geweckt. :|”.
 Dieses Lied ist schon etwas angestaubt und wird heute wohl nicht mehr gesungen. Außerdem sind die Verse missverständlich: 
 aus dem Mund meiner Mutter klang das “wenn Gott will” ganz zuversichtlich, so dass ich mit der beruhigenden Gewissheit einschlief, dass Gott mich am nächsten Morgen ganz bestimmt aufwecken wird. 
 Aber wenn man den Predigttext bedenkt, in dem wir vorhin gehört haben, wie Jesus seine Jünger auf Verfolgung und Tod vorbereitet, nehmen die Verse des Abendliedes den Charakter einer Frage an: “wenn Gott will …?” Will Gott mich denn wirklich wieder wecken? Was, wenn er es nicht mehr will?

 Diese - oder eine ähnliche Frage - haben sich manche wohl schon gestellt. Es ist eine Frage, die häufig in Partnerschaften oder Freundschaften wie aus dem Nichts auftaucht, die Frage: Bin ich gut genug? Bin ich schön, interessant, liebenswert genug für meine Partnerin, meinen Partner, meine Freundin oder meinen Freund?
 Wenn es gut läuft in der Beziehung, kommt einem diese Frage nie in den Sinn. Aber nach einem Streit, oder wenn sich das Verhalten der Partnerin, des Partners ändert, taucht sie plötzlich auf, macht sich breit und lässt sich nicht so leicht vertreiben.

 Mit dem Glauben verhält es sich ähnlich. Kein Wunder, er ist ja auch eine Beziehung, unsere Beziehung zu Gott. Wenn alles gut geht, wenn man gesund ist und keine Sorgen hat, dann gibt es keine Frage, dass unsere Beziehung zu Gott in Ordnung ist. Wenn es aber Schwierigkeiten oder Probleme gibt, wenn - wie im schlimmsten Fall, den der Predigttext ausmalt - Verfolgung, gar Tod wegen des Glaubens drohen, dann erhebt die bange Frage ihr hässliches Haupt: Bin ich Gott noch gut genug, oder mag Gott mich nicht mehr? Wird Gott auch morgen an meiner Seite stehen, oder lässt Gott mich fallen und kennt mich nicht mehr?

 IV
 Dass man als Christin, als Christ hierzulande Nachteile in Kauf nehmen musste, manchmal sogar verfolgt und bespitzelt wurde, ist zum Glück schon über 25 Jahre her - nur die Älteren erinnern sich noch daran, wie das war. Heute bedeutet es in unserem Land keinen Nachteil, kein Risiko mehr, sich zu seinem christlichen Glauben zu bekennen. Höchstens wird man von denen belächelt, die den Glauben an Gott für ein kindisches Hirngespinst halten, oder misstrauisch beäugt von denen, die einen mit religiösen Fanatikern in einen Topf werfen wollen.
 Wir leben in einer toleranten, offenen Gesellschaft, in der wir als Christinnen und Christen nichts zu befürchten haben - ganz anders als die Christen im Orient oder in Afrika. Trotzdem bedeutet Glaube auch für uns ein gewisses Risiko, gilt die Warnung Jesu an seine Jünger auch uns. Zwar müssen wir, wie gesagt, nicht befürchten, dass wir um unseres Glaubens willen verfolgt und ermordet werden. Aber der christliche Glaube bringt uns notgedrungen in eine gewisse Distanz zur Gesellschaft und ihren Werten. Für uns steht nicht so sehr im Mittelpunkt, was der Einzelne will. Wir fragen danach, was Gott will. Wer nach Gottes Willen fragt, geht das Risiko ein, dass es im Leben anders kommt, als man dachte. Es kann sein, dass man sich dann plötzlich für Menschen in Rumänien engagiert, Spenden sammelt und mehrmals im Jahr Kleidung und anderes Lebensnotwendige dorthin transportiert. Es kann sein, dass man sich entscheidet, Erzieherin zu werden und im Evangelischen Kindergarten dafür zu sorgen, dass Kinder in der Geborgenheit christlicher Traditionen und Werte aufwachsen. Es kann sein, dass man sich für Asylbewerber verantwortlich fühlt, oder dass man gegen rechtsradikales Gedankengut angeht.
 Wenn man dann gefragt wird, warum man sich ausgerechnet dafür einsetzt, und wie man dazu gekommen ist, weiß man oft keine Antwort. Es hat sich eben so ergeben. Man könnte aber auch sagen: Es war Gottes Geist, der einen auf diesen Weg gesetzt hat. Der Tröster, der Zeugnis gibt von Jesus - von dem, was er predigte, und vor allem von dem, was er seinen Jüngern vorlebte: die Liebe zu allen Menschen. Und der den Menschen zeigte, dass sie alle, ohne Unterschied, Gottes geliebte Kinder sind. Gott rief uns alle ins Leben. Gott will, dass wir alle leben und glücklich sein können.
 Dieser Heilige Geist erinnert uns an Gottes guten Willen für uns. Durch ein Gutenachtlied aus Kindertagen. Durch einen Bibelvers wie N.s Taufspruch. Durch eine Strophe aus dem Gesangbuch. Im Gottesdienst - besonders, wenn wir eine Taufe oder das Abendmahl feiern.

 V
  “|: Morgen früh, wenn Gott will,
  wirst du wieder geweckt. :|”.
 Dieser Satz ist keine Frage.
 Gottes Wille für uns ist klar: Gott will, dass wir leben und glücklich sein können. Gott will Gutes für uns. Aber das Leben und unsere Mitmenschen sind nicht immer gut zu uns. Das ist nicht Gottes Wille, es ist nicht seine Schuld. Die Welt ist nun einmal so - so schrecklich. Und so wunderschön. Wir müssen unseren Weg durch diese schrecklich-schöne Welt finden und gehen, und niemand, auch Gott, kann uns das Leid ersparen, dem wir dabei begegnen. Wie auch niemand für uns die Freude und das Glück empfinden kann, das wir auf diesem Weg erleben. Was Gott tun kann und tut, ist, uns auf diesem Weg zu begleiten und immer an unserer Seite zu sein.
 Der Geist Gottes ist dafür Zeuge. Und erinnert uns in Momenten, wo wir es vergessen haben, dass wir Gottes geliebte Kinder sind.

 Der Geist macht auch uns zu Zeugen. An dem, was wir sagen oder tun, können andere erkennen, wie Jesus war und wer Jesus für uns ist. Als Zeugen für Jesus bezeugen wir, dass wir nicht allein durchs Leben gehen, sondern dass Gott uns begleitet. 
 Und so können auch wir füreinander Begleiterinnen und Begleiter sein. Wir können für andere tun, was auch Jesus getan hat: ihnen mit Liebe und Respekt begegnen; ihnen helfen, ihren Lebensweg zu gehen und ihnen zeigen, dass sie dabei nicht allein sind. Die einen bringt der Geist dazu, Menschen in Rumänien zu helfen. Andere, als Erzieherin zu arbeiten. N.s Eltern hat er dazu gebracht, sich für die Rettung von Menschenleben einzusetzen, in der Rettungsleitstelle und als Feuerwehrmann vor Ort. Uns alle bringt Gottes Geist dazu, nach unseren Kräften und Möglichkeiten um der Liebe willen etwas für andere zu tun. Wir nehmen Mühen und Risiken auf uns, wir verschenken unsere Zeit, unser Geld. Wir tun es, weil wir durch den Geist von der Sache Jesu begeistert sind. Wir tun es, weil uns Gottes Liebe so erfüllt, dass wir gar nicht anders können, als sie an andere weiterzugeben.

 Ich bin gespannt, auf welchen Weg Gottes Geist N. eines Tages setzen wird. Doch schon jetzt gibt N. Zeugnis von Gottes Liebe, indem er Sie glücklich macht und uns zum Lächeln bringt. Sie und uns zum Staunen bringt über das, was er alles schon kann. Sie und uns  zum Danken bringt dafür, dass er dieses einzigartige Kind ist. So begeistert N. Sie, seine Eltern und Paten, seine Großeltern und seine Familie. Und so begeistert er uns durch den Heiligen Geist, der mit ihm ist. Dieser Heilige Geist wird N. immer wieder daran erinnern, was für jede und für jeden von uns gilt: Dass er ein Wunschkind ist. Ein über alles geliebtes Kind seiner Eltern und ein Kind Gottes.
 Amen.