Sonntag, 25. September 2016

Einander aufbauen

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis, 25. September 2016, über Römer 14,17-19

Liebe Schwestern und Brüder,

als Jubelkonfirmandinnen und -konfirmanden blicken Sie heute zurück. Sie blicken zurück auf Ihre Konfirmandenzeit vor 25 Jahren, 50 Jahren, 60, 65 oder sogar 70 Jahren. Dabei blicken Sie auch zurück auf Ihr Familien- und Berufsleben; auf das, was Sie in Ihrem Leben erreicht haben:
Sie haben eine Partnerin, einen Partner. Sie haben Kinder, Enkelkinder, vielleicht sogar Urenkel.
Sie haben eine Wohnung, ein Haus. Sie haben sich etwas aufgebaut. Das war zu DDR-Zeiten nicht leicht. Nach der Wende wurde es nicht wesentlich leichter: Es gab jetzt zwar all das, was vorher nicht oder nur mit Beziehungen zu bekommen war, aber man musste es ja auch bezahlen …
Sie haben sich etwas aufgebaut, und Sie haben dafür gearbeitet. Haben mit eigener Kraft und mit der Hilfe von Familie, Freunden, Nachbarn Ihr Heim renoviert oder ein neues gebaut.
Heute blicken Sie zurück auf das Erreichte, dankbar und vielleicht auch ein bisschen stolz. Das können Sie auch sein. Sie dürfen stolz sein auf sich und auf das, was Sie geleistet und erreicht haben.

Wenn man so zurückblickt, denkt man unwillkürlich auch an die, die heute fehlen: 
Die man aus den Augen verlor. 
Die fortgegangen sind, um anderswo ihr Glück zu suchen. 
Die, von denen man sich im Streit trennte. 
Die, von denen man durch den Tod getrennt wurde. 
Die, die es nicht geschafft haben.

So ein Rückblick offenbart die Fehlstellen, auch die im eigenen Leben. Nicht jeder hat seine Träume und Ziele verwirklichen können. Nicht jeder hat es zu etwas gebracht. Nicht jeder Lebenslauf verlief kerzengerade auf das Ziel zu. Nicht jeder kann heute dankbar und zufrieden auf sein Leben zurückschauen.
In diese zwiespältige Situation des Rückblicks hinein spricht der Predigttext aus dem Römerbrief im 14. Kapitel:
17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.
18 Wer damit Christus dient, gefällt Gott und ist bei den Menschen angesehen.
19 Also wollen wir nach dem trachten, was dem Frieden dient und der gegenseitigen Erbauung.
II
„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken“.
Das Reich Gottes - da war doch was‽
An vielen Stellen des Neuen Testaments ist davon die Rede. Jesus führt es ständig im Mund. Doch an keiner Stelle wird gesagt, was das eigentlich genau ist, das Reich Gottes. So wird es zu einem Sehnsuchtsort. Es gibt unseren Träumen nach einer anderen, neuen, besseren Welt einen Namen. - Träume, die auch im Sozialismus geträumt wurden, zu denen man schon in der Schule immer wieder ermutigt und angehalten wurde: Träume vom Weltfrieden. Von Gerechtigkeit für die Völker, vor allem der sog. „Dritten Welt“, von internationaler Solidarität. Träume von Lebensfreude nicht nur für die Wenigen, die viel besitzen, sondern für alle, weil allen alles gehört.

Aber gerade der real existierende Sozialismus, der diese Träume weckte und schürte, scheiterte kläglich an ihrer Verwirklichung. Scheiterte auch dadurch, dass er die Träume vorschreiben wollte: Materialistisch sollten sie sein, die Träume. Die bessere Welt, sie sollte durch Arbeit und Maschinen kommen. Da war kein Platz für Poesie. Für die kleinen und großen Verrücktheiten des Lebens. Für das aus dem Rahmen Fallen, für die Freiheiten, die man sich nimmt, weil man sie braucht - vor allem die Freiheit, anders zu sein, nicht im Gleichschritt zu marschieren.

Darum verstehen wir sofort, was Paulus meint: Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken - das Reich Gottes ist nicht materialistisch. Es ist idealistisch. Friede, Gerechtigkeit und Glück kommen nicht durch Arbeit und Maschinen. Sie sind ein Geschenk, das man sich nicht verdienen kann.
Wann haben Sie zuletzt davon geträumt?
Und, wenn Sie davon träumten, war es der Weltfrieden, von dem Sie träumten, oder war es vielmehr Ihr Frieden, Gerechtigkeit für Sie selbst, Ihr kleines, stilles Glück?

III
Die Erfahrung des Lebens im real existierenden Sozialismus konnte einem das Träumen austreiben. Oder man träumte vom Westen und „machte rüber“, wenn man konnte. Aber auch im Westen waren die Träume materialistisch. Dort drehte sich alles ums Kaufen und Konsumieren - ein Traum, den man hier nach der Wende schnell nachholte, wenn man konnte.

Was ist aus den anderen Träumen geworden? Aus der früher so oft beschworenen Solidarität? Dem Weltfrieden? Der Völkerfreundschaft? Sind diese Träume, weil sie mit dem Sozialismus untergingen, falsch gewesen?

Paulus erinnert die Römer daran, dass sie über dem Streit über das Essen und Trinken - was darf man essen und was nicht, dürfen Christen Fleisch essen, wie muss man das Abendmahl feiern? - dass sie über dem Streit über so vergleichsweise äußerliche Dinge das Wesentliche vergessen: Das, was Gemeinschaft schafft. Das, was Gemeinde baut.

Diese Erinnerung des Paulus gilt auch uns. Heute streiten wir uns in der Gemeinde fast gar nicht mehr ums Essen. Wir streiten vielmehr fast gar nicht mehr. Weil wir uns nicht mehr als Gemeinde verstehen. Jede und jeder lebt sein und ihr Christsein für sich allein im stillen Kämmerlein. Essen und Trinken, Haus und Garten, die Familie sind so viel wichtiger als alle Träume von einer besseren Welt, die wir einmal träumten vor langer Zeit.

IV
Viele von Ihnen haben gebaut - das Elternhaus renoviert oder ein neues Haus gebaut. Wir alle haben geschafft und dadurch etwas erreicht für uns und unsere Familien. Darauf können wir stolz sein. Und darauf sollen wir auch stolz sein. 
Nur haben wir bei dem „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ eine andere, wichtige Baustelle völlig vergessen. Wir vergaßen, nach der „gegenseitigen Erbauung“ zu trachten, wie Paulus das nennt. Da steht tatsächlich „Erbauung“, auf Griechisch οἰκοδομή, Hausbau. Im Griechischen benutzt man dieses Wort, wenn man ein Haus oder etwas ähnliches erbaut - und wenn man davon spricht, dass einen etwas, oder jemand, aufbaut, genau wie im Deutschen. Paulus meint also, wir sollten uns gegenseitig aufbauen - so, wie wir unser Häusle bauen. Im Hinterkopf hat er dabei ein Bild von der Gemeinde, die er sich wie ein Haus vorstellt. 

Die Gemeinde, ein Haus aus vielen Menschen. 
Jede und jeder von uns ist ein Stein in diesem Haus. Deshalb darf auch niemand fehlen, sonst wackelt der Bau oder stürzt sogar zusammen. Niemand ist wichtiger als die anderen, und niemand ist unwichtig, niemand ist nur Dekoration. Alle zusammen bilden wir das Haus der Gemeinde, aufgebaut auf dem einen Stein, der Fundament und Eckstein des Baus ist: Christus.

Dieses Bild vom Haus der Gemeinde, das Paulus im Hinterkopf hat, ist auch so einer von diesen Träumen, die nicht mehr geträumt werden. Denn wenn uns Paulus heute fragte, wie wir es halten mit der gegenseitigen Erbauung - wir wüssten wohl nichts zu antworten. Statt uns gegenseitig zu ermutigen und aufzubauen, beneiden wir uns um das, was der andere hat. Statt uns mit dem anderen zu freuen, gönnen wir ihm nicht sein bisschen Glück. Statt alte Feinschaften zu beenden, bleiben wir misstrauisch, skeptisch und unversöhnlich.

V
„Wer mit Gerechtigkeit, Friede und Freude Christus dient, gefällt Gott und ist bei den Menschen angesehen“.
Wir wissen es besser als Paulus, der Träumer: Bei den Menschen zählen nicht Gerechtigkeit, Friede und Freude, im Gegenteil: wer davon spricht, wer danach strebt, macht sich eher lächerlich. Was allein zählt, ist Leistung. Sind Ergebnisse - gute, vorzeigbare Ergebnisse. Sind materielle Werte: Haus, Auto, ein gepflegter Garten, ein gepflegtes Äußeres.

Erinnern Sie sich an die Wende?
Wenn „Graf Rotze im Benz“ (Wolf Biermann, Dideldumm!) aus dem Westen herangebraust kam, wurde er bestaunt, ein wenig beneidet auch. Aber er wurde auch durchschaut als der Unsympath, der er war. Dieses ganze Wiedervereinigungsgetue war bloß Fassade. Er war nicht wegen seiner „Brüder“ und „Schwestern“ in den Osten gekommen, die er schon zu Mauerzeiten hätte besuchen können. Er war gekommen, um Schnäppchen zu machen und ein paar doofe Ossis über den Tisch zu ziehen.

Damals, zur Wende, verschaffte man sich dadurch Respekt und Ansehen, dass man nicht mitgelaufen, sondern sich selbst treu geblieben war. Dass man sich für andere eingesetzt und seine Träume und Ideale nicht aufgegeben hatte. Doch als die Stasi verjagt und die Stasiakten gesichert waren, als die D-Mark kam und mit ihr die schöne, bunte Warenwelt, wurden solche Leute nicht mehr gebraucht. Die neue, noch ungewohnte Ordnung beanspruchte nun alle Kräfte. Man konnte und man musste jetzt etwas Neues aufbauen. Da blieb keine Zeit mehr für zwischenmenschliche Wärme, keine Zeit für Träume.

VI
Viel Zeit ist seitdem vergangen.
Sie, die Silbernen Konfirmanden, blicken auf diese Zeit zurück: Es war die Ihre; Sie wurden kurz nach der Wende konfirmiert.
Sie, die Goldenen Konfirmanden, haben beides je zur Hälfte erlebt, die alte DDR und die neue BRD. Sie haben besonders die Mühen des Übergangs tragen und ertragen müssen: Die Abbrüche, Ungewissheiten, Neuanfänge und Enttäuschungen.
Sie, die noch Älteren, haben noch so viel real existierenden Sozialismus in den Knochen, dass es Ihnen für den Rest Ihres Lebens reicht. Sie können aber vielleicht auch besser als wir anderen ermessen, was gewonnen wurde - und was verloren ging.

Paulus erinnert die Gemeinde in Rom daran, dass es nicht auf das Materielle ankommt, sondern auf das, wovon Menschen zu allen Zeiten und immer wieder träumen:
Frieden - nicht nur der private Friede in den eigenen vier Wänden, in der eigenen Familie, sondern Frieden auf der ganzen Welt.
Gerechtigkeit - nicht nur, dass ich bekomme, was mir zusteht, sondern dass allen Menschen Gerechtigkeit zuteil wird; ganz besonders den Schwachen, die sich nicht wehren können, die keine Lobby haben.
Freude im Heiligen Geist. Das ist eine andere Freude als die, die man beim Fernsehen oder Computerspielen erlebt, durch Alkohol oder im Urlaub. Freude im Heiligen Geist erlebt man, wenn man anderen Menschen ohne Angst und schlechtes Gewissen begegnen kann. Wenn man sich willkommen fühlt und willkommen ist. Wenn andere sich über einen und mit einem freuen können. Freude im Heiligen Geist erlebt man, wenn es gut geht, in der Gemeinde.

VII
Sie, liebe Jubelkonfirmandinnen und -konfirmanden, und wir, Sie und wir haben etwas geschafft in Ihrem und unserem Leben, und wir schaffen noch.
Lassen Sie uns bei unserem emsigen Bemühen um unsere Zukunft und die unserer Kinder die andere Baustelle nicht vergessen, auf der wir so dringend gebraucht werden: Die Gemeinde.
Lassen Sie uns nicht vergessen, dass nicht nur unser Haus, sondern auch unser Mitmensch aufgebaut werden muss.
Und lassen Sie uns die Träume nicht vergessen, die wir einmal träumten: Die Träume von Frieden, von Gerechtigkeit, von Freude für alle Menschen. 
Hier, in der Gemeinde, ist der Ort für solche Träume. 
Hier träumen wir sie gemeinsam, und hier erleben wir immer wieder, dass etwas davon Wirklichkeit wird.
Amen.

Samstag, 17. September 2016

Lippenbekenntnis

Predigt zur Jubelkonfirmation am 17. Sonntag nach Trinitatis, 18. September 2016, über Römer 10,9-17:

9 Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckte, wirst du gerettet.
10 Denn mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber bekennt man zur Rettung.
11 Denn die Schrift sagt (Jesaja 28,16):
„Keiner, der an ihn glaubt, wird zuschanden werden“.
12 Denn es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Es ist ein Herr über alle, der seinen Reichtum allen abgibt, die ihn anrufen.
13 Denn „jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden“ (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie nun anrufen,
an den sie nicht glauben?
Wie sollen sie aber glauben,
von dem sie nichts gehört haben?
Wie sollen sie aber hören ohne Verkündigung?
15 Wie sollen sie aber verkündigen,
wenn sie nicht gesandt sind?
Wie geschrieben steht (Jesaja 52,7):
„Wie rechtzeitig haben sich die Freudenboten eingestellt, die das Gute verkündigen!“.
16 Aber nicht alle gehorchen dem Evangelium. Jesaja sagt deshalb (Jesaja 53,1): „Herr, wer wird unserer Predigt glauben?“.
17 Also kommt der Glaube aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

wie viele Predigten haben Sie wohl schon gehört in Ihrem Leben?
Sie gehören größtenteils zu den Konfirmandinnen und Konfirmanden, die noch jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen mussten. Also haben Sie allein in Ihrer Konfirmandenzeit wohl an die 100 Predigten gehört.
Und - hat es etwas genutzt?

I
„Der Glaube kommt aus der Predigt“, sagt Paulus.
Aber er verrät nicht, wie er da herauskommen soll.
Als ich Konfirmand war, hatte ich einen lieben, herzensguten Pfarrer, der leider überhaupt nicht predigen konnte. Jedenfalls gelang es mir nicht, einen Sinn oder roten Faden in seinen Worten zu entdecken.
Vielen von Ihnen wird es als Konfirmandinnen und Konfirmanden ähnlich gegangen sein:
Was der Pfarrer auf der Kanzel erzählte, wird Sie selten interessiert und noch seltener angesprochen haben.

Ich denke inzwischen, dass das Konfirmandenalter noch nicht das Alter ist, in dem man Predigten hören kann und will. Man fängt gerade erst an, eigene Schritte ins Leben zu gehen, sich aus der Obhut von Mutter und Vater zu lösen und eigene Erfahrungen und Fehler zu machen. Da will man sich doch nicht ausgerechnet vom Pfarrer etwas sagen lassen!
Und dann die Fragen, mit denen die Predigt sich befasst! Fragen wie die nach Schuld und Vergebung, nach dem Sinn des Lebens und nach dem Tod - Fragen, die Jugendliche noch nicht interessieren.
Schlimme Erlebnisse, Enttäuschungen, der Verlust eines Menschen, den man liebte, falsche Entscheidungen oder Verletzungen sind ihnen hoffentlich noch nicht begegnet und werden, wenn es gut geht, noch eine Weile auf sich warten lassen. Sie bleiben zwar niemandem erspart. Aber die Jugend ist doch meist eine Zeit, in der man unbeschwert das Leben probieren kann und sich noch keine Sorgen und Gedanken machen muss.

II
Wenn der Glaube, wie Paulus schreibt, aus der Predigt kommt, die Jugend aber eine Lebensphase ist, die sich für die Fragen des Glaubens noch nicht interessiert - was soll dann der Konfirmandenunterricht? Er fällt ja genau in die Phase der Abnabelung vom Elternhaus; er kommt zur falschen Zeit, in einer Lebensphase, in der sich niemand für den Glauben interessiert. Also ist es sinnlose, vertane Zeit.
Haben Sie Ihren Konfirmandenunterricht so erlebt?
Empfinden Sie ihn als vertane, sinnlose Zeit?

Wenn man ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden fragt, welche Erfahrungen sie mit dem Konfirmandenunterricht gemacht haben, fällt den meisten als erstes das Auswendiglernen ein: Lieder aus dem Gesangbuch und das Glaubensbekenntnis, den 23. Psalm und die 10 Gebote mit Erklärungen musste man auswendig können. An zweiter Stelle stehen die Marotten und Schrullen des Pfarrers - und in neuerer Zeit auch der Pfarrerin. Und dann vielleicht die Erinnerung an einen schönen Ausflug, eine gemeinsame Fahrt, eine Konfirmandenrüste.

Alle ehemaligen Konfirmandinnen und Konfirmanden, die ich bisher fragte - mich selbst eingeschlossen - haben ihre Konfirmandenzeit in guter Erinnerung. Trotz Auswendiglernen. Trotz - oder gerade wegen - ihrer Pfarrerin oder ihres Pfarrers. Trotz langweiliger Gottesdienste.
Wie kommt das?

Vielleicht, weil der Konfirmandenunterricht, obwohl er Unterricht heißt, anders ist als der Schulunterricht: Hier gelten andere Regeln, hier wird anderes zum Thema als in der Schule. Im Konfirmandenunterricht fällt man für eine Stunde aus der Welt, wird von Pfarrerin oder Pfarrer mit Fragen und Themen traktiert, die scheinbar so gar nichts mit dem Leben zu tun haben und dem, was Jugendliche interessiert: Das andere Geschlecht; die Veränderungen, die am eigenen Körper vor sich gehen; das, was Erwachsene tun - Alkohol trinken, rauchen, sich lieben …

III
Der Konfirmandenunterricht ist nicht so ganz von dieser Welt, wie auch die Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihn halten: Die scheinen manchmal auch ein bisschen weltfremd mit ihrem Glauben, ihren Ideen, ihren Geschichten von Gott und Jesus … Aber wenn man zurückblickt auf die Konfirmandenzeit, kann sie einem wie eine Reise in ein fremdes Land erscheinen, wie ein Urlaub, von dem man manche schöne Erinnerung zurückbringt.

Kommen wir auf die eingangs gestellte Frage nach dem Sinn des Konfirmandenunterrichts zurück, so könnte das eine Antwort sein: Der Konfirmandenunterricht ermöglicht andere Erfahrungen als die, die der Alltag in Schule und Familie bietet. Man lernt hier andere Werte kennen als die, die in Gesellschaft und Wirtschaft vertreten werden. Man erfährt von einer anderen Wirklichkeit als die, der man in der Tagesschau - aber auch in Computerspielen begegnet.

Paulus gibt auch eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Konfirmandenunterrichts, gleich im ersten Satz des Predigttextes, und seine Antwort wirft noch einmal ein anderes Licht auf die Konfirmandenzeit. Sie lautet: „Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckte, wirst du gerettet“.

Wer als Baby oder Kleinkind getauft wurde wie wohl noch die meisten von uns, hat keine Erinnerung mehr daran. Damals bekannten Eltern und Paten stellvertretend für uns den Glauben, den wir erst noch kennen lernen sollten. Deshalb feiern wir Konfirmation und wiederholen dort das Glaubensbekenntnis: Konfirmandinnen und Konfirmanden sollen mit eigenen Lippen bekennen: „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn“.

Ich glaube nicht, dass sich irgendeine Konfirmandin oder ein Konfirmand etwas dabei denkt, wenn er oder sie diese Worte spricht. Selbst, wenn man das Glaubensbekenntnis im Unterricht behandelte, bleiben einem diese Worte fremd. Das geht einem auch als Erwachsene noch so. Es ist oft ein bloßes Lippenbekenntnis.
Aber das genügt auch völlig. Es ist nicht nötig, dass wir jedes Wort glauben oder dahinter stehen: „Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst“, schreibt Paulus, „wirst du gerettet“.

IV
Wer aufgepasst hat, wir mir widersprechen. Es heißt ja bei Paulus: „Wenn du mit deinem Mund bekennst … und mit deinem Herzen glaubst“! Hier ist also gerade nicht von einem Lippenbekenntnis die Rede, sondern von einem Glauben, der von Herzen kommt.

Das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht.

Bekennen und Glauben geschehen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander.
Erst kommt das Bekenntnis. Paulus zitiert dazu den Propheten Joel: „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden“. Zur Rettung ist nicht mehr nötig als dieses Bekenntnis. Mehr wird von uns nicht verlangt, und mehr können wir auch nicht tun. Für uns, die wir schon als Kinder getauft wurden, haben die Eltern und Paten dieses Bekenntnis abgelegt. Wir sind also, was unser Verhältnis zu Gott angeht, quasi arbeitslos: Wir können und brauchen nichts mehr dafür tun.

Erst kommt das Bekenntnis. Dann kommt der Glaube.

Glauben lernt man nicht im Konfirmandenunterricht. Der Glaube ist ein Geschenk, etwas, das von außen zu uns kommt, das wir nicht selbst machen können. Er ist ein Geschenk und eine lebenslange Aufgabe. Bis der Glaube aus dem Herzen kommt, bis er eine Herzensangelegenheit wird, hat man viele Erfahrungen gemacht. Der Kinderglauben ist zerbrochen. Man zweifelte am Glauben, an der Existenz Gottes. Man probierte verschiedene Möglichkeiten aus, doch an Gott zu glauben. Wenn es gut ging, erlebte man irgendwann den Trost, die Freude, die Hoffnung, den Sinn, den man im Glauben findet.

Heute sind Sie hier mit Ihren Glaubenserfahrungen. Sie bringen heute Ihre Glaubensernte ein und vergleichen sie mit dem Glauben, den Sie hatten, als Sie damals hier vor dem Altar standen und als schüchterner Junge oder Mädchen Ihr „Ja“ zum Glauben sagten.
Sie sind noch einmal zurückgekommen, nachdem Sie vielleicht lange nicht mehr hier waren, vielleicht schon lange keinen Gottesdienst mehr gefeiert, keine Predigt mehr gehört haben.
In den 25, 50 oder mehr Jahren seit Ihrer Konfirmation sind Sie Glaubensprofis geworden. Vielleicht würden Sie sich selbst nicht so bezeichnen, aber Sie sind es - weil ich es Ihnen sage.

Darum kommt der Glaube aus der Predigt, weil ich Sie als der, der Ihnen heute predigt, auf Ihren Glauben anspreche. Ich setze Ihren Glauben voraus. Ich zweifle nicht an ihm oder meine, Sie würden zu wenig glauben, weil Sie vielleicht nicht so oft in der Kirche waren. Der Glaube kommt aus der Predigt als Zusage: Ich sage Ihnen Ihren Glauben auf den Kopf zu. Aber nicht meine Zusage ist es, auch wenn ich es bin, der zu Ihnen spricht. Es ist die Zusage des Evangeliums: Die gute Nachricht von Jesus, die Ihnen den Glauben zuspricht, und damit ist der Glaube da.

V
Als Konfirmandinnen und Konfirmanden haben Sie damals, bei Ihrer Konfirmation vor 25, 50 oder mehr Jahren, den Glauben bekannt. Seitdem haben Sie ihn gelebt. Auch, wenn es Ihnen selbst nicht bewusst war, wenn der Glaube bisher in Ihrem Leben keine Rolle spielte: Er war da. Er wuchs mit Ihnen, veränderte sich mit Ihnen. Die Predigt kann diesen Glauben voraussetzen und Sie darauf ansprechen. Und Sie selbst können darauf vertrauen, dass Ihr Leben seit Ihrer Taufe unter einem guten Stern steht. Was immer auch geschah und noch geschehen wird: Sie sind gerettet. Nichts und niemand kann verhindern, dass Ihr Leben gut ist und gelungen, und dass es einen Sinn hat.

Unter dem guten Stern Ihrer Taufe sind Sie bisher durchs Leben gegangen. Unter diesem guten Stern gehen Sie in die Zukunft. Alles, was zum Gelingen Ihres Lebens nötig ist, wurde bereits getan:
„Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckte, wirst du gerettet.“

Amen.

Sonntag, 4. September 2016

Glaubensgymnastik

für Sylvia Giuliani


Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 4. September 2016, über 1.Petr. 5,5c-11:

5 „Gott widersetzt sich den Starken,
aber den Demütigen gibt er Gnade" (Sprüche 3,34).

6 Beugt euch also unter die starke Hand Gottes,
damit er euch zu gegebener Zeit erhöht,
7 indem ihr alle eure Sorge auf ihn legt, denn er kümmert sich um euch.
8 Seid besonnen, seid wachsam. Euer Feind, der Widersacher,
geht umher „wie ein brüllender Löwe“ und sucht, wen er verschlingen kann.
9 Ihm widersteht fest im Glauben, weil ihr wisst, dass sich die selben Leiden an euren Glaubensgeschwistern in der Welt vollziehen.
10 Aber der Gott aller Gnade, der euch zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus berufen hat, nachdem ihr ein wenig gelitten habt, wird euch zurechthelfen, stark machen, Kraft verleihen und fest gründen.
11 Ihm sei die Macht in Ewigkeit. Amen.

(Eigene Übersetzung, vgl. http://offene-bibel.de/wiki/1_Petrus_5)


Liebe Schwestern und Brüder,

wie halten Sie’s mit der Morgengymnastik?

Ich muss gestehen: Ich bin morgens zu faul dazu. Aber eine gute Freundin macht jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen 20 Liegestütze und 100 Sit-ups. Dadurch würde sie so richtig fit für den Tag, sagt sie.

Die meisten werden keine so schweißtreibenden Aktivitäten anwenden, um wach und für den Tag bereit zu werden. Man vertraut da lieber auf die muntermachende Wirkung einer Tasse starken Kaffees. Am schönsten erwacht es sich, wenn man diesen Kaffee vom Liebsten oder von der Liebsten direkt ans Bett serviert bekommt …

I
Während man mit Hilfe von Gymnastik oder Kaffee die Arme des Schlafes abschüttelt, der einen noch einmal ins kuschlig-warme Bett zurückziehen will, ist etwas anderes schon längst wach und wartet wie ein Hund mit wedelndem Schweif darauf, Gassi geführt zu werden: Die Sorgen.
Sorgen begleiten ins Bett, suchen mitten in der Nacht heim, rauben den Schlaf und erwarten einen am nächsten Morgen wie ein treuer Hund, den man wie einen alten Freund begrüßt: „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Habt ihr auch so gut geschlafen? Na, dann ist ja alles klar!“

Wie verheißungsvoll klingt da der Wochenspruch aus dem heutigen Predigttext: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“! - Na, dann ist ja alles klar! Ade, ihr Sorgen, macht’s gut und lasst euch bei mir nicht mehr blicken!
Schön wär’s, wenn man seine Sorgen so einfach los würde.
Aber leider funktioniert es so nicht.
Es genügt nicht, die Aufforderung zu hören: „Alle eure Sorgen werft auf ihn …“, um seine Sorgen los zu werden. Es funktioniert genauso wenig wie der Trost: „Du brauchst doch keine Angst zu haben“, wenn man Angst hat.
Dass man keine Angst zu haben braucht, weiß man selbst - aber man hat sie ja trotzdem, und gerade das macht einen so hilflos. Wissen allein genügt nicht, die Angst zu vertreiben. Es muss etwas mit einem geschehen, das die Angst tatsächlich vertreibt, es muss in einem selbst stattfinden und man muss selbst darauf kommen. Wer z.B. seine Höhenangst überwinden will, übt mit einer Therapeutin so lange, bis irgendwann der Knoten geplatzt und die Angst überwunden ist; das ist richtig anstrengende und schwere Arbeit.

II
So ist es auch mit dem Ablegen der Sorgen.
Das Wissen, dass man Gott seine Sorgen anvertrauen kann und er sie für einen trägt, bringt die Sorgen nicht zum Verschwinden. Auch hier muss sich etwas in einem selbst verändern. Und es steht zu befürchten, dass diese Veränderung auch nur mit großer Arbeit und Anstrengung erzielt werden kann.
Anders als viele gutmeinende Ratgeber, die einem sagen, man brauche sich nicht zu sorgen, speist uns der Predigttext nicht mit einem bloßen Spruch ab. Er gibt Hilfestellung, wie es gehen könnte, die Sorgen auf Gott zu legen. Der Rat, den er gibt, hat viel mit Morgengymnastik zu tun, zu der man so wenig Lust verspürt. Er lautet: „Beugt euch!“.

Ach, das Beugen ist keine schöne Übung!
Je älter und steifer man wird, desto schwerer fällt es, sich zu beugen.
Vor allem fällt die Übung schwer, weil sie bedeutet, sich klein zu machen - kleiner, als man ist.
Eine Verbeugung ist eine Geste der Unterwerfung, der Unterordnung. Wer sich vor einem anderen verbeugt, bringt damit zum Ausdruck, dass der andere einen höheren Rang hat, den man anerkennt; dass er über einem steht.
Es ist keine Frage, dass man sich vor der Bundeskanzlerin oder dem Bundespräsiden-ten verbeugt, vor der britischen Queen oder dem Papst. Eine solche Verbeugung würde kaum jemandem schwer fallen - im Gegenteil, man fühlte sich geehrt und würde das Foto dieser Begegnung (bei solchen Anlässen werden immer Fotos gemacht) wahrscheinlich sogar an einem Ehrenplatz aufhängen.

III
Es fällt nicht schwer, sich einer berühmten, wichtigen, mächtigen Persönlichkeit zu beugen. Da sollte es doch auch kein Problem darstellen, sich unter die starke Hand Gottes zu beugen - denn wer sollte mächtiger, wichtiger, berühmter sein als Gott? - Nun, Donald Trump würde da vielleicht Einwände erheben, aber ihn wollen wir jetzt mal beiseite lassen.

Doch es gibt tatsächlich ein Problem: Von der starken Hand Gottes ist weder etwas zu sehen noch zu spüren.
Zwar behauptet die Bibel, Gott habe mit starker Hand sein Volk aus Ägypten geführt, habe die Welt erschaffen und unzählige Male in die Geschichte Israels eingegriffen. Gott habe Jesus von den Toten auferweckt und Petrus aus dem Gefängnis befreit. Aber seitdem war und ist von Gottes starker Hand nichts mehr zu spüren.
Darum suchen sie uns ja heim, die Sorgen, bei Tag und bei Nacht, wie lästiges Geziefer, weil sie genau wissen: Niemand ist da, der sie vertreiben könnte.

Wenn also Gottes starke Hand nicht zu spüren ist: Worunter soll man sich denn dann beugen, um seine Sorgen los zu werden?

Das Schlimme an der morgendlichen Gymnastik sind nicht die Anstrengung und der Schweiß, die sie kostet. Das Schlimme ist die Überwindung, das wohlig-warme Bett zugunsten des harten, kalten Fußbodens aufzugeben, und wofür? Sind Gelenkigkeit und Fitness, die einem die Gymnastik schenkt, wirklich diese Mühe wert? Da dreht man sich doch lieber noch einmal im Bett um und wartet auf den Kaffee …

Sich unter Gottes Hand zu beugen ist auch so eine beschwerliche Übung, die keinen offensichtlichen Nutzen hat - denn welchen Sinn hat es, sich unter eine Hand zu beugen, die man nicht sehen kann?

IV
Damit der Glaube tragen und einem die Sorgen nehmen kann, muss man ihn üben. Zwar ist die Taufe alles, was zum Glauben nötig ist. Die Taufe allein genügt, damit unser Leben gelingt, damit wir sorglos, fröhlich und glücklich als Kinder Gottes leben können. Mehr braucht es nicht. Aber damit uns diese Tatsache trösten und sorgenfrei machen kann, muss man üben, üben, üben, sich darauf zu verlassen.

Noch einmal: Der Glaube, den Gott uns schenkt, genügt, damit unser Leben gelingt und damit wir gut durchs Leben kommen; es braucht dazu keinerlei Zutun von unserer Seite, wir müssen dazu auch nicht einen Finger krumm machen. Aber damit wir selbst es wissen und glauben können, müssen wir den Glauben üben, üben, üben, wie man seine tägliche Morgengymnastik macht.
Und diese Glaubensübung besteht darin, sich auf eine Hand zu verlassen, die man nicht sieht und die, so scheint es, auch nicht da ist.
Es ist, wie mit verbundenen Augen an den Rand einer tiefen Schlucht geführt und aufgefordert zu werden, jetzt einfach weiter geradeaus zu gehen, da sei ein Steg, schmal zwar und ohne Geländer, aber man käme darauf sicher auf die andere Seite.

Vielleicht finden Sie dieses Beispiel übertrieben und unrealistisch - wann kommt man jemals in die Verlegenheit, eine Schlucht mit verbundenen Augen auf einem Steg überqueren zu müssen?
Aber Sie können sich anhand dieses Beispiels vielleicht vorstellen, welches Vertrauen zu einer solchen Überquerung nötig ist, und wie schwer es ist, den Mut zu einem solchen Vertrauen aufzubringen.
Solches Vertrauen ist nötig, wenn man sich auf die Hand Gottes verlassen will, die doch weder zu sehen noch zu spüren ist. Dass dieses Vertrauen nicht von heute auf morgen da ist, sondern langsam wachsen und mühsam erarbeitet werden muss, dürfte auf besagter Hand liegen.

V
Sollte es wirklich nur darum gehen: Sich unter diese eine unsichtbare Hand zu beugen? Ist das nicht etwas mager - und nicht auch ein wenig lächerlich?
Es macht uns jedenfalls nichts aus, uns unter die unsichtbare Hand des Marktes zu beugen, die unserem angeblich alternativlosen Wirtschaftssystem so gut tun soll.

Wie Sie sich vielleicht schon gedacht haben, geht es bei dem Beugen unter die unsichtbare Hand Gottes nicht um Gymnastik, sondern um eine Haltung (die allerdings durch Gymnastik verbessert werden kann). Der Predigttext bezeichnet diese Haltung mit dem Wort Demut.

Demütig zu sein heißt nicht, mit gesenktem Haupt, hochgezogenen Schultern und gebeugtem Rücken durchs Leben zu schleichen. Demut ist keine Körper-, sondern eine Geisteshaltung:
- wer demütig ist, erkannt an, dass er einen über sich hat, dem er sich und alles verdankt;
- wer demütig ist, wendet die eigenen Fähigkeiten stets im Bewusstsein dessen an, dem sie sich verdanken - so, wie man in einer Doktorarbeit angibt, woher man das Wissen bezog, das man darin ausbreitet;
- wer demütig ist, dem fällt es nicht schwer, sich anderen zu beugen - nicht, weil er kein Rückrat besäße, sondern weil er andere nicht für geringer hält als sich selbst, und sich selbst nicht für schlechter als andere.

Wer seine Sorgen los werden will, unterziehe sich dieser Glaubensgymnastik, übe Demut und Vertrauen. Das ist anstrengend. Es erfordert Ausdauer und Geduld. Oft fragt man sich, wazu man sich das antut, was es bringt, da man doch keine Wirkung spürt. Aber am Ende winkt als Belohnung das Ende aller Sorgen, ein Leben in der Freiheit der Kinder Gottes. Das ist doch wohl den Schweiß der Edlen wert!


Amen.

Samstag, 27. August 2016

Ich bin so frei

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2016, über Römer 8,14-17:

14 Welche nun vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Kinder Gottes.
15 Denn ihr habt nicht einen Sklavengeist empfangen, der euch wieder in Angst versetzt, sondern ihr empfingt den Geist der Kindschaft, durch den wir bekennen: „Abba, Vater!“.
16 Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.
17 Wenn aber Kinder, dann auch Erben. Als Erben Gottes sind wir aber Miterben Christi, wenn wir mitleiden, um auch mit verklärt zu werden.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

Paulus’ Brief an die Römer enthält in seinen 15 Kapiteln so viel Theologie, dass man ein ganzes Leben lang darüber nachdenken kann, ohne damit zuende zu kommen. Über jeden einzelnen der Verse, die uns heute beschäftigen, ließe sich jeweils eine ganze Predigt halten, ohne dass damit auch nur annähernd alles gesagt wäre.

Trotzdem möchte ich versuchen, diese vier Verse aus dem Römerbrief mit Ihnen anzusehen und zu verstehen, was Paulus meint. Damit das in der gewohnten Zeit einer Predigt gelingt, kann ich pro Vers jeweils nur einen Gedanken aufgreifen.

I
„Welche nun vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Kinder Gottes.”

Die Kinder Gottes sind vom Geist Getriebene. Hinter diesem Ausdruck steckt eine Menge Energie, die ja der Heilige Geist darstellt: Er ist die göttliche Energie, die uns erfüllt und antreibt. 
Das Getriebensein vom Geist Gottes hat nichts mit der Unruhe zu tun, mit der wir von einem Termin zum nächsten hetzen, mit der wir fünf Dinge auf einmal tun, mit der wir immer wieder Neues beginnen, dem neusten Trend nachlaufen.

Das Getriebensein vom Geist Gottes hat mit Begeisterung zu tun, in der ja auch der Geist steckt - und das nicht bloß als Wortspiel. 
Begeisterung ergreift einen, ohne dass man sich und anderen begreiflich machen könnte, warum man so begeistert ist. Wie soll man auch erklären, dass es aufregend ist, eine Modelleisenbahn im Kreis fahren zu lassen, noch ein Paar Schuhe zu kaufen oder seine Briefmarkensammlung zu vervollständigen? Oft versteht man ja selbst nicht, warum man ein Musikstück so schön findet, dass man es wieder und wieder hören muss, warum man ein Buch nicht mehr aus der Hand legen kann oder warum man staunend und fasziniert vor etwas stehen bleibt, das andere übersehen.

Gottes Geist ist die Energie, die uns Christinnen und Christen antreibt. An diesem Getriebensein erkennen wir, dass wir Gottes Kinder sind. Wir erkennen es an der Begeisterung für die Gemeinde; am Wunsch, bei „Kirche“ mitzumachen und mitzuarbeiten; an der Freude, die wir in der Kirche, im Gottesdienst empfinden, und vielem mehr. 
Entscheidend ist nicht, ob ein anderer Mensch anerkennt, dass man ein Kind Gottes ist, ob man eine Bescheinigung mit Siegel dafür hat, womöglich unterschrieben vom Pfarrer. Entscheidend ist allein die Begeisterung: Begeistert mich der Glaube, die Gemeinde, die Kirche? Dann bin auch ich ein Kind Gottes.

Damit aber gar nicht erst ein Missverständnis entsteht: Begeisterung ist nicht die Voraussetzung dafür, ein Kind Gottes zu sein. Gottes Kinder sind wir durch die Taufe. Aber die Taufe als Tatsache, die sie ist, kann uns nicht das Gefühl ersetzen, dass es eben auch braucht: Das Gefühl, tatsächlich zu Gott zu gehören. Dieses Gefühl teilt sich uns durch die Begeisterung mit, die wir empfinden.

II
„Ihr habt nicht einen Sklavengeist empfangen, der euch wieder in Angst versetzt, sondern ihr empfingt den Geist der Kindschaft, durch den wir bekennen: ‘Abba, Vater!’.“

Ob man tatsächlich zu Gott gehört, und ob man Gott recht so ist, wie man ist, das kann zu einer Frage werden, die einen nicht los lässt.
Martin Luthers Lebensangst und Lebensfrage lautete: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“
So sehr hatte er unter dieser Frage gelitten, dass er die Antwort - seine reformatorische Entdeckung  - nicht für sich behalten konnte. Es war die Entdeckung, dass Gottes Gerechtigkeit keine Eigenschaft Gottes ist, durch die wir ständig geprüft und für untauglich befunden werden, sondern sein Geschenk an uns, mit dem er uns gerecht macht, so dass wir ihm recht sind.

Nein, wir haben keinen Geist empfangen, der uns durch Angst versklaven will - Angst vor Gottes Zorn; Angst, seinem Anspruch nicht zu genügen; Angst, kein Kind Gottes zu sein.
Der Geist, den wir bei unserer Taufe geschenkt bekamen und der uns seither umtreibt, ist ein Geist der Freiheit. 
Nicht der Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollen. 
Auch nicht der Freiheit von Leid, Krankheit, Unglück oder Enttäuschung.
Sondern der Freiheit, die man meint, wenn man sagt: „Ich bin so frei“.

Wir sind so frei, uns zur Familie Gottes zu zählen.
Wir sind so frei, unseren Platz in der Gemeinde einzunehmen - selbst dann, wenn uns niemand eingeladen, niemand uns einen Platz angeboten hat.
Gottes Geist bewahrt uns vor falscher Scham und macht uns unverschämt.
So unverschämt nehmen wir den Platz ein, der uns zusteht.
So unverschämt machen wir unseren Mund auf und sagen, was nicht verschwiegen werden darf.
So unverschämt bieten wir den Fremden einen Platz unter uns an.

Die Unverschämtheit, die der Geist uns gibt, mündet in ein Bekenntnis, in die Worte: „Abba, Vater!“
Es ist nicht das Bekenntnis zu einer schwedischen Popgruppe, über deren Musik man geteilter Meinung sein kann. „Abba“ ist das aramäische Wort für „Vater“. Indem wir Gott als Vater bekennen, erklären wir uns zu Töchtern und Söhnen Gottes. 
Ein Bekenntnis ist ein formaler Akt, es braucht keinen Glauben, keine innere Überzeugung, um uns zu dem zu machen, was es sagt. Wer etwas bekennt, lässt sich darauf ein. „Ich bekenne mich schuldig“ bedeutet: Ich nehme die Konsequenzen meiner Tat auf mich. Es muss nicht heißen, dass ich auch an mein Schuldigsein glaube. Das ist der feine Unterschied, der durch die Vergebung kommt: Indem Gott uns vergibt, müssen wir uns nicht mehr schuldig fühlen. Wir müssen allerdings nach wie vor die Konsequenzen tragen, die unser Handeln verursachte - die kann uns die Vergebung nicht abnehmen.

Indem wir also bekennen: „Abba, Vater!“, sind wir tatsächlich und wirklich Kinder Gottes - selbst, wenn es uns manchmal schwer fällt, es zu glauben; selbst, wenn wir uns dessen nicht für würdig halten.

III
„Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.”

Ist das wirklich so? Reicht es, zwei Worte zu sagen - „Abba, Vater!“ - und schon ist man ein Kind Gottes? 
Ist denn dann der Glaube nicht bloß leeres Gerede, sind es dann nicht bloß Worte, die uns zu Glaubenden machen?

Ja, genauso ist es. Es sind nur Worte. 
Genauso, wie es nur Worte sind, wenn andere zu uns sagen: 
Du bist zu dick. 
Du bist nicht schön. 
Du musst mehr aus deinem Leben machen. 
Das kannst du nicht.

Es sind nur Worte, aber sie haben die Macht, dass wir uns dick fühlen oder hässlich, als Versager oder Verlierer. In der Folge sind wir es tatsächlich, weil Worte die Macht haben, Gestalt in uns zu gewinnen.
Nur wenige Menschen mögen sich so, wie sie sind.
Solche Menschen werden oft misstrauisch und neidisch beäugt und für Aufschneider gehalten, weil sie können, was den meisten nicht gelingt: Sich so annehmen, wie sie sind. Sie lassen sich nicht von ihren angeblichen Schwächen und Fehlern bestimmen, sondern sehen, was an ihnen gut ist; sehen, was sie gut können, und freuen sich darüber.
Den meisten von uns fällt es dagegen leichter, unsere Fehler und Schwächen zu sehen als unsere Stärken, unsere Defizite und Mankos als unsere Schönheit.

Wenn man tatsächlich einmal gut über sich denkt, muss man diesen Gedanken festhalten: Er ist ein Geschenk!
Mit der Freiheit und Unverschämtheit, zu der Gottes Geist uns befähigt, können wir öfter solche guten Gedanken über uns denken. Können wir anders über uns denken, anders als bisher. 
Denn die Wahrheit über uns ist nicht das, was andere über uns sagen oder denken. 
Die Wahrheit über uns ist auch nicht das, was uns nahe Stehende sagen oder denken - Eltern, Geschwister, Freund, Partnerin -, denn sie kennen uns längst nicht so gut, wie sie meinen.
Die Wahrheit über uns ist, dass wir Gottes Kinder sind.
Als Kinder Gottes sind wir klug genug, schön genug, fleißig genug, Manns und Fraus genug. Diese Wahrheit ist nicht weniger wirklich und wahr als die angeblichen Wahrheiten über uns, die man uns einredet und die wir selbst uns einreden, denn der Heilige Geist bezeugt sie mit unserem Geist: Der Heilige Geist schafft in unserem Denken Raum für neue Gedanken, für eine veränderte Perspektive auf uns selbst. Raum, der uns frei macht und unverschämt, weil wir die Scham verlieren über unsere angeblichen Fehler und Schwächen.

IV
„Wenn aber Kinder, dann auch Erben. Als Erben Gottes sind wir aber Miterben Christi, wenn wir mitleiden, um auch mit verklärt zu werden.“

Bisher klang das, was Paulus über Gotteskindschaft sagte, wie Autosuggestion: Man redet sich so lange etwas ein, bis man es selbst glaubt. - Nun ja: Genau so läuft es im Leben. Unsere Eltern reden uns etwas ein, unsere Lehrerinnen und Lehrer, unsere Mitmenschen - sie alle beeinflussen uns, wollen uns von ihrer Meinung, ihrer Sicht auf uns überzeugen - natürlich nur zu unserem Besten! Und irgendwann glauben wir, dass wir nicht schön sind, dass wir etwas nicht können, das wir eigentlich gern getan hätten, dass wir zu wenig leisten, nicht gut genug sind als Mutter oder Vater, als Partnerin oder Partner, als Tochter oder Sohn.

Ja, wir reden uns ein, wer und wie wir sind, und bekommen es von anderen eingeredet. Paulus aber legt wert darauf, dass der Heilige Geist keine Einbildung ist, kein Gerede und auch kein Hirngespinst, sondern eine Energie, die unser Leben verändert. Darum spricht er vom Erben, vom Leiden und vom Verklärtwerden.

Erben ist ein sehr realer Vorgang. Zum einen, weil dazu leider jemand gestorben sein muss. Der Tod eines Menschen gehört zu den einschneidendsten Erfahrungen, die oft tief ins Leben eingreifen, es aus dem Gleichgewicht bringen oder verändern.
Zum anderen ist das Erben ein sehr realer Vorgang, weil man nur Zählbares erben kann - Geld, ein Grundstück, ein Haus.
Wenn Paulus uns Erben nennt, meint er damit, dass unser Glaube etwas Reales ist, so wirklich wie ein Haus oder eine Münze.

Dieser Glaube führt ins Leiden. Man erwartet in der Regel nicht, zu leiden, wenn man etwas erbt - obwohl so mancher Erbfall viel Leid und Streit verursacht. 
Der Glaube führt ins Leiden, weil er uns auf den Weg der Nachfolge Jesu führt. Wer versucht, so konsequent zu lieben, wie Jesus es tat, sich allein auf die Macht der Liebe zu verlassen und nicht auf die eigene Kraft, wird sehr bald Leid erfahren. Doch ist der Weg der Nachfolge bei keinem Menschen gleich. Für jede und jeden gestaltet er sich so, wie es ihrer und seiner Leidenfähigkeit entspricht. Von niemandem verlangt Gott mehr, als er aushalten und leisten kann.

V
Kein schöner Gedanke, dass die Nachfolge Jesu Leiden mit sich bringt. Glaube sollte doch eigentlich eine fröhliche Angelegenheit sein; ein Kind Gottes zu sein, das ist doch etwas Schönes!?

Wer, vom Geist Gottes getrieben, so frei ist, die Wahrheit zu sagen, auf Fremde zuzugehen, seinen Platz zu behaupten und für sein Recht und das anderer zu kämpfen, macht sich nicht beliebt. Solche Un-Verschämtheit wird einem oft übel genommen. Und das bedeutet am Ende meist Leiden, in der einen oder anderen Form.

Ebenso leidet man, wenn man sich das Schicksal, die Not anderer zu Herzen gehen lässt: Hungernde sättigt, Fremde aufnimmt, Bedürftige kleidet, Kranke oder Gefangene besucht.

Der Geist Gottes treibt uns dazu. 
Er treibt uns in den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse, wenn Menschen darunter leiden. 
Er treibt uns in den Widerspruch zur herrschenden Meinung, wenn sie dem Gebot der Liebe widerspricht.
Sobald man sich jedoch mit denen anlegt, die herrschen, bekommt man ihre Macht zu spüren.
Darum bedeutet die Nachfolge Jesu Leiden.

Aber am Ende wartet nicht der Tod auf uns, sondern die Verklärung.
Verklärung ist eine Verwandlung.
Der Tod wird vom Leben verschlungen.
Das Leid wandelt sich in Freude.
Wir werden alle verwandelt werden, sagt Paulus an anderer Stelle. Verwandlung geschieht nicht erst am Ende. Während wir auf dem Weg sind, verwandeln wir uns und erkennen staunend an den Reaktionen der Menschen, denen wir begegnen, dass wir gute Menschen sind, liebenswerte Menschen, schöne Menschen; dass wir etwas bewirken und etwas können.
Und je mehr wir den anderen zeigen und es sie spüren lassen, dass sie Gottes geliebte Kinder sind, desto mehr zeigen sie es uns, und wir spüren, wie Gottes Geist uns und unsere Welt verwandelt.

VI
In den vier Versen des Römerbriefes, über die wir nachdachten, versucht Paulus, uns vom Hören auf die zahlreichen Stimmen abzulenken, die auf uns einreden und uns sagen wollen, wer wir sind und wie wir sein sollten, was wir zu tun und zu lassen haben.

Paulus macht uns Mut, dem Geist zu vertrauen, der uns begeistert, und un-verschämt die Freiheit zu ergreifen, die er uns schenkt: So frei zu sein, zu sein, wie wir wollen und können. Mit anderen Worten: Die Freiheit, Töchter und Söhne Gottes zu sein.

Amen.

Sonntag, 31. Juli 2016

Bekenntnis zur Bedürftigkeit

Predigt am Israelsonntag, 31. Juli 2016, über Römer 9,1-8.14-16


Liebe Schwestern und Brüder,

haben Sie am Freitag die Bilder des Besuches von Papst Franziskus im Konzentrationslager Auschwitz gesehen?
Er hat nicht, wie man es von einer solchen Persönlichkeit erwartet, eine bewegende Rede gehalten; Franziskus schwieg. Er setzte sich in die Zelle, in der Pater Kolbe verhungerte; er betete das jüdische Totengebet, das Kaddisch, mit, und ins Gästebuch von Auschwitz schrieb er:
„Herr, habe Erbarmen mit deinem Volk!
Herr, vergib uns so viel Grausamkeit.“

Franziskus ist gebürtiger Argentinier.
In Argentinien haben viele der damaligen Täter Unterschlupf gefunden. Adolf Eichmann, der Organisator des millionenfachen Mordens, lebte dort jahrelang unerkannt und unbehelligt, bis ihn der Mossad fand und einem Gerichtsverfahren zuführte.

Die Argentinier, und Franziskus im Besonderen, trifft natürlich trotzdem keine Schuld an Auschwitz. Die haben allein wir Deutschen zu tragen - selbst dann, wenn wir die „Gnade der späten Geburt“ für uns in Anspruch nehmen. Unsere Eltern oder Großeltern waren in der einen oder anderen Weise Mitläufer oder sogar Mittäter dieses unmenschlichen Regimes des Nationalsozialismus; als ihre Kinder und Enkel haben wir diese Schuld von ihnen geerbt. Für alle Zeiten wird der Name „Auschwitz“ und was dort geschah mit Deutschland verbunden bleiben. 

Franziskus bat Gott um Vergebung für diese Verbrechen. Damit stellt er sich zu den Schuldigen, obwohl er es seiner leiblichen Abstammung nach nicht ist.
Warum hat er das getan?

Die Antwort finden wir im Predigttext des Israelsonntages im Römerbrief im 9. Kapitel:

1 Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht; mein Gewissen bezeugt es im Heiligen Geist:
2 Ich habe großen Kummer, und unaufhörliche Herzensschmerzen.
3 Denn ich wünschte, ich selbst wäre von Christus verflucht zugunsten meiner Brüder, meiner leiblichen Volksgenossen,
4 die Israeliten sind,
denen die Gotteskindschaft gehört
und die Ehre
und der Bund Gottes
und die Tora
und der Gottesdienst
und die Verheißungen,
5 von denen die Väter herkommen und Christus in seiner leiblichen Natur, der ist Gott über alles und sei gelobt in Ewigkeit, Amen.
6 Es ist durchaus nicht so, dass Gottes Wort hinfällig geworden wäre. Denn nicht alle aus Israel sind Israel.
7 Noch sind alle Nachkommen Abrahams Gottes Kinder, sondern “in Isaak soll deine Nachkommenschaft bestehen“ (Genesis 21,12).
8 Das heißt: Nicht die leiblichen Nachkommen sind Gottes Kinder, sondern die Kinder der Verheißung werden zur Nachkommenschaft gezählt.
14 Was bedeutet das?
Gibt es etwa Ungerechtigkeit bei Gott?
Keinesfalls!
15 Er sagt nämlich zu Mose (Exodus 33,19):
„Ich erbarme mich dessen,
dem ich mich erbarmen werde,
und habe Mitleid mit dem,
dem ich Mitleid erweisen werde.“
16 Also liegt es weder am Willen noch am Fleiß, sondern an Gottes Erbarmen.

I
In diesem Abschnitt des Römerbriefes geht es um eine wichtige, ja, zentrale Frage des christlichen Glaubens: 
Es geht um unser Verhältnis zu Gottes erwähltem Volk, zu Israel, und um die Frage, ob wir uns dazu zählen dürfen - ob also auch wir Gottes Kinder sind, und ob die Verheißungen der Bibel an Israel auch uns gelten.
Im Alten Testament ist das Verhältnis Gottes zu seinem Volk exklusiv: alle anderen Völker sind aus diesem Verhältnis ausgeschlossen. Und noch im Neuen Testament finden sich Spuren eines Streites darüber, ob man Jude sein muss, um Christ werden zu können, oder nicht. Paulus vertritt in diesem Streit die Meinung, dass es nicht nötig ist; es dauert Jahre, bis er sich durchsetzen und das Evangelium auch zu den Griechen und schließlich sogar zu den Bürgern Roms tragen kann - wenn auch wohl nicht persönlich, sondern nur in einem Brief.

Paulus musste eine Antwort auf die Frage finden, wie es sein kann, dass Menschen, die nicht jüdischer Abstammung sind, Gottes Gaben an Israel erben können, wenn doch nur die leiblichen Nachkommen erben?
Aber eine Antwort auf diese Frage allein genügt nicht; sie zieht noch einen ganzen Rattenschwanz weiterer Fragen nach sich, z.B.:
Wenn wir Christen tatsächlich Gottes Kinder sind, was wird dann aus den Juden? Sind sie nicht mehr Gottes Kinder? 
Aber wenn sie nicht mehr Gottes Kinder wären, würde Gott sich ja selbst widersprechen, denn er hat doch seinen Bund mit ihnen geschlossen!? 
Aber wenn dieser Alte Bund - oder das Alte Testament, wie es auch heißt - nicht mehr gelten sollte, wer gerantiert uns dann, dass der Neue Bund - oder das Neue Testament - gilt, dass Gott es sich nicht vielleicht einmal anders überlegt?

Zu recht sagt Paulus, dass es keinesfalls so sein kann, dass Gott ungerecht ist - denn wenn selbst Gott nicht gerecht wäre, dann gäbe es überhaupt keine Gerechtigkeit mehr. 
Dann kann das aber doch nur bedeuten, dass Israel noch immer Gottes auserwähltes Volk ist und bleibt, dass Gottes Verheißungen für Israel in Kraft sind und bleiben. Und zugleich gilt auch, dass wir Gottes Kinder sind und deshalb auch zu Gottes Bund gehören.

II
Das Problem ist also:
Wie kann Gott sich selbst und seinem Versprechen treu bleiben, dass Israel sein auserwähltes Volk ist, und zugleich seinen Bund auch für Menschen öffnen, die nicht jüdischer Abstammung sind?

Die Lösung dieses Problems, die Paulus in der Bibel, im zweiten Buch Mose, fand, ist genial - und genial einfach. 
Sie lautet:
„Ich erbarme mich dessen,
dem ich mich erbarmen werde,
und habe Mitleid mit dem,
dem ich Mitleid erweisen werde.“

Diese Worte klingen sehr willkürlich. Ein absoluter Herrscher oder ein Diktator würde wohl sagen: „Ich erbarme mich, wem ich will“ - so klingen diese Sätze für uns beim ersten Hören.

Aber Gott sagt das nicht.

Diese Sätze haben eine große Ähnlichkeit mit einer anderen Selbstvorstellung Gottes, die sich ebenfalls im 2. Buch Mose findet: Als Mose Gottes Stimme aus dem brennenden Dornbusch hört, fragt er Gott nach seinem Namen. Gott aber verrät seinen Namen nicht, sondern antwortet (Exodus 3,14):
„Ich werde sein, der ich sein werde.“

Das klingt beim ersten Hören auch wieder nach Willkür: Gott ist eben so, wie er ist, und basta.

Aber auch das sagt Gott nicht.

III
Gott zeigt sich an beiden Stellen als der, der etwas tut - sich erbarmen, Mitleid haben, oder „sein“ - nicht im Sinne von „da sein“, sondern im Sinne von „für jemanden da sein“. Gott ist einer, der sich den Menschen erbarmend, mitleidig, fürsorgend zuwendet.

Wann braucht man Mitleid, Erbarmen, Fürsorge?
Nicht, wenn's einem gut geht.
Darum ist es auch kein Wunder, dass Menschen, die alles haben, die gesund und deren Sorgen klein sind, nicht nach Gott fragen und nicht im Gottesdienst auftauchen: Sie brauchen Gott nicht.

Erbarmen sucht man, wenn man etwas ausgefressen hat. Wenn man eine Verantwortung nicht tragen, mit den Folgen einer Schuld nicht leben kann.
Mitleid sucht man, wenn es einem schlecht geht, wenn man leidet und im Leiden nicht allein sein möchte, sondern Verständnis sucht und Trost.

Sind wir, die wir heute im Gottesdienst zusammenkommen, solche Leute? 
Haben wir alle etwas ausgefressen, 
geht es uns allen so schlecht?

Ich denke nicht, dass wir schlechter, ärmer dran sind als die, die nicht zum Gottesdienst kommen. 
Was uns allerdings von ihnen unterscheidet, ist unser Wissen darum, dass es so sein könnte: 
Wir wissen, dass unser Wohlstand, unsere Gesundheit, unser Glück nicht garantiert sind und nicht ewig andauern können.
Wir wissen, dass wir schuldig werden können, weil wir Verantwortung übernehmen für das, was wir tun.
Wir wissen um unsere Bedürftigkeit.
Darum rufen wir zu Beginn des Gottesdienstes:
„Kyrie, eleison! - Herr, erbarme dich!“
Dieser Ruf ist nicht so sehr eine Bitte als vielmehr ein Bekenntnis, dass wir auf Gottes Mitleid und Erbarmen angewiesen sind, weil wir Menschen sind.

IV
Wenn Gott nun zu Mose sagt:
„Ich erbarme mich dessen,
dem ich mich erbarmen werde,
und habe Mitleid mit dem,
dem ich Mitleid erweisen werde“,
dann sagt er damit:
Wer sich an mich wendet, weil er Erbarmen oder Mitleid sucht, dem werde ich mich erbarmen; dem werde ich Mitleid erweisen.
Gott wendet sich uns zu, sofern wir unsere Bedürftigkeit erkennen und bekennen - daher der Ruf: Kyrie, eleison!

Die Voraussetzung für Gottes Mitleid und Erbarmen ist also nicht eine leibliche Abstammung, eine Zugehörigkeit. 
Voraussetzung sind auch nicht Wille oder religiöser Fleiß. 
Voraussetzung ist die Bedürftigkeit: 
Wer Gott braucht, für die oder den ist Gott da: „Ich werde sein, der ich sein werde“.

Wenn wir eine Mutter oder einen Vater brauchen, dann wird Gott unsere Mutter, unser Vater sein. 
Dann sind wir seine Kinder, wenn wir - wie Kinder nach der Hand von Vater oder Mutter - nach Gottes Hand greifen.
Es gibt keine Zugehörigkeit, kein Drinnen und Draußen, es gibt nur die Bedürftigkeit. Allein sie macht uns zu Gottes Kindern.

Mit anderen Worten:
Ob wir zu Gott gehören oder nicht, kann kein Mensch, keine Autorität, kein Papst, keine Pastorin entscheiden oder erlauben - und wir brauchen niemanden um Erlaubnis zu fragen. 
Ob wir zu Gott gehören, entscheidet sich allein daran, dass wir erkennen und bekennen, dass wir Gott brauchen. Wer das für sich erkannt hat, ist ein Kind Gottes.

V
Auf diese Weise kann beides nebeneinander bestehen: Die Verheißung Gottes an sein Volk Israel und sein Versprechen, dass er sich denen zuwendet, die ihn brauchen.
Paulus nimmt also den Juden weder die Gotteskindschaft weg noch den Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat, weder die Gebote, noch den Gottesdienst, der in der Synagoge seinen Ursprung hat, sondern öffnet sie für alle Menschen, die nach Gott fragen.

Solche Öffnungen des Glaubens für alle Menschen hat es immer wieder gegeben: 
Martin Luther öffnete in der Reformation die Bibel für alle Menschen, weil das Wort Gottes nicht den Fachleuten vorbehalten bleiben sollte. 
Und in der neusten Zeit wurden kirchliche Ämter für Frauen geöffnet, weil die Predigt nicht den Männern vorbehalten bleiben sollte. 

Immer waren Mitleid und Erbarmen die leitenden Kräfte dieser Öffnungen. Weil man daran erkennen kann, dass Gott kein ausschließender Gott ist, sondern ein einschließender, der sich allen Menschen zuwendet, die nach ihm fragen.

VI
Können wir jetzt verstehen, warum Franziskus in das Gästebuch von Auschwitz schrieb:
„Herr, habe Erbarmen mit deinem Volk!
Herr, vergib uns so viel Grausamkeit“?
Wir sind nicht wie Gott. Wir kennen oft kein Mitleid, kein Erbarmen. Wir schließen Menschen aus - weil sie nicht unsere Sprache sprechen, nicht so aussehen, sich nicht so verhalten wie wir -, statt sie einzuschließen, einzuladen.

Unsere Vorfahren haben Juden ausgeschlossen allein deshalb, weil sie Juden waren, weil sie anders glaubten, anders lebten als sie. Das reichte als Grund für Demütigung, Ghettoisierung, Verfolgung, Ermordung.
Unsere Vorfahren waren aber keine schlechteren Menschen als wir. Sie waren Menschen - wie wir. 
Wie unsere Vorfahren haben auch wir die Möglichkeit, schuldig zu werden, das Falsche zu tun, das Rückgrat zu verlieren gerade dann, wenn es gebraucht wird.
Franziskus war so weise zu erkennen, dass auch er, trotz seines Papstamtes, ein Mensch ist. Und weil er das erkannte, bat er Gott um Erbarmen und Vergebung.

Amen.