Freitag, 29. September 2023

Der Bote ist die Botschaft

Ansprache am Michaelistag, 29.9.2023, über Apg 5

Durch die Apostel geschahen im Volk viele Zeichen und Wunder.

Die ganze Gemeinde kam regelmäßig in der Salomohalle zusammen.

Der Hohepriester und seine Leute

– die Gruppe der Sadduzäer –

wurden eifersüchtig auf diese Erfolge.

Deshalb beschlossen sie einzugreifen.

Sie ließen die Apostel festnehmen und ins öffentliche Gefängnis werfen.

Aber in der Nacht öffnete ein Engel des Herrn die Gefängnistüren,

führte sie hinaus und sagte:

»Geht in den Tempel und stellt euch dort vor das Volk.

Verkündet die Botschaft von dem Leben, das Jesus gebracht hat!«

Die Apostel gehorchten.

Früh am Morgen gingen sie zum Tempel und lehrten dort.


Daraufhin zog der Hauptmann der Tempelwache

mit seinen Leuten los

und ließ die Apostel abführen.

Sie führten die Apostel vor den jüdischen Rat.

Dort verhörte sie der Hohepriester.

Er sagte: »Haben wir euch nicht streng verboten,

im Namen von Jesus zu lehren?

Und doch ist eure Lehre mittlerweile in ganz Jerusalem verbreitet.

Und außerdem wollt ihr, dass wir für den Tod dieses Menschen

verantwortlich gemacht werden!«

Petrus und die anderen Apostel antworteten:

»Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.«



Liebe Schwestern und Brüder,


es gibt zwei Arten von Engeln.


Da sind einmal die Engel,

die zu groß und zu erhaben sind,

als dass wir jemals hoffen könnten, ihnen zu begegnen.

Allen voran Gabriel, der Maria die Botschaft brachte,

dass sie Gottes Sohn zur Welt bringen würde.

Diese Engel sind nicht nur gewaltig,

sie sind auch gefährlich,

wenn sie die Pforten des Paradieses

mit flammendem Schwert bewachen.


Auf der anderen Seite gibt es Engel,

die uns eher auf Augenhöhe begegnen: Die Schutzengel.

Sie sind nicht so schrecklich und ehrfurchtgebietend

wie die Engel der Bibel.

Fast sind sie wie die Sicherheitsbeamten,

die wichtige Politiker auf Schritt und Tritt begleiten.


Einen solchen Schutzengel hatten auch die Apostel.

Er befreite sie aus dem Gefängnis.


Aber es ist doch eigenartig,

dass sich die Apostel nicht ihrer Freiheit freuen konnten,

sondern, kaum waren sie draußen,

mit einem Auftrag versehen wurden:

»Geht in den Tempel und stellt euch dort vor das Volk.

Verkündet die Botschaft von dem Leben, das Jesus gebracht hat!«


Gerade wegen dieser Botschaft waren die Apostel doch verhaftet

und ins Gefängnis geworfen worden!

Nun sollten sie sich erneut in Gefahr begeben

und wieder das Gefängnis erleiden - oder womöglich schlimmeres?


Paulus, ein anderer Apostel,

berichtet in einem Brief von den Entbehrungen und Gefahren,

denen er als Apostel ausgesetzt war:

„Von den Juden habe ich fünfmal

die »vierzig weniger einen Peitschenhiebe« bekommen.

Dreimal wurde ich von den Römern mit Stöcken geschlagen,

einmal gesteinigt.

Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten.

Einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem offenen Meer.”


Man kann nicht behaupten,

dass die Schutzengel der Apostel

ihrer Aufgabe gewissenhaft nachgegangen wären.


Man gewinnt vielmehr den Eindruck,

dass es gar kein Schutzengel war,

der die Apostel aus dem Gefängnis holte.


Es gibt wohl noch eine dritte Art von Engeln.


Wenn man Engel von allen Vorstellungen befreit,

die sie überhöhen und idealisieren,

und wenn man sie auch nicht zu guten Kumpeln macht,

die uns wie ein Schatten auf Schritt und Tritt folgen,

was bleibt dann?


Der Theologe Karl Barth formuliert es so:


„Wo immer ein Engel erscheint, ist, redet, wirkt,

da erscheint, ist, redet, wirkt Gott selber.

Der Engel hat wirklich nichts davon,

Kreatur und also von Gott verschieden zu sein. (…)

Er müsste ein Lügengeist, ein Dämon sein,

ein Wesen, das sich selbst und Andere

hinsichtlich seines himmlischen Charakters täuschen würde,

wenn er von dieser Natur und Stellung mehr haben,

etwas für sich herausschlagen,

eine eigene Figur darstellen,

eine eigene Rolle spielen,

eigene Zwecke verfolgen

und eigene Erfolge erzielen wollte.

Ein wirklicher, ordentlicher Engel tut das nicht.”


Soweit Karl Barth. (KD III/3, S. 562)


Ein „Engel” ist also das,

als was ihn das Hebräische bezeichnet,

wo er mal’ach heißt, Bote.

Auch im Griechischen wird er Bote, angelos, genannt.

Ein Engel ist, wie Karl Barth schreibt,

so sehr und so ausschließlich Bote,

dass Bote und Botschaft identisch werden:

Der Engel ist die Botschaft,

und die Botschaft ist der Engel.


Die Geschichte von der wunderbaren Errettung

der Apostel aus dem Gefängnis

will nicht den Glauben an Engel wecken,

die uns ebenso aus der Klemme helfen,

wie es der Engel bei den Aposteln tat.


Denn er half ihnen nicht aus der Klemme.

Er führte sie erneut in Schwierigkeiten,

womöglich in noch größere Schwierigkeiten,

indem er sie dazu beauftragte,

die Botschaft weiterzugeben, wegen derer sie verfolgt wurden.


Wenn wir von Schutzengeln sprechen -

und wenn wir enttäuscht sind,

dass unser Schutzengel nicht für uns

oder für einen anderen, uns lieben Menschen da war -,

liegt vielleicht ein Missverständnis vor:


Engel sind nicht für uns da.

Sie sind nicht dazu da, uns das Leben zu erleichtern,

uns vor Gefahren, vor Leid und Schmerz zu bewahren.

Denn das Leben ist gefährlich, ist leidvoll und schmerzvoll.

Wir meinen, dass Gesundheit, Wohlstand und Glück

der Normalzustand sind,

und Krankheit, Leid und Gefahr die Ausnahme.

Und in unserer westlichen Welt ist das so.

Aber eben nur in unserer westlichen Welt.


Es sollte so sein, dass alle Menschen in Frieden leben können,

in körperlicher Unversehrtheit,

mit Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung,

sauberem Wasser, genug zu Essen.

Es sollte so sein, dass alle Menschen

ihre Gaben frei entfalten können,

so leben können, wie sie es sich vorstellen

und wie es für sie richtig ist.

Es sollte so sein, dass alle Menschen glücklich sein können.

Aber so ist es nicht.

So ist es nicht einmal in unserem reichen Land.


Und zunächst einmal ist es nicht zu verstehen,

warum die Engel Gottes nicht kommen,

und diese Missstände beheben,

damit kein Flüchtling mehr im Mittelmeer ertrinken muss,

niemand mehr durch Raketen oder Minen getötet wird,

kein Kind mehr vor Hunger stirbt,

niemand mehr wegen seiner Art zu leben oder zu lieben

stigmatisiert und ausgegrenzt wird.


Aber dies ist unsere Welt, nicht ihre.

So perfekt manches manchmal schon zu sein scheint:

Diese Welt wird niemals der Himmel auf Erden sein.

Trotzdem ist das Leben oft schön,

gibt es das Glück, die Unbeschwertheit

selbst in Gegenden, in denen Krieg oder Hunger herrschen,

selbst für Menschen, die krank sind und Schmerzen leiden.

Und doch gibt es sie nie ohne das andere,

und es gibt sie nicht auf Dauer.


In den Engeln begegnet uns Gottes Wort -

oder Gottes Wort wird uns zum Engel -,

das uns in Bewegung setzt.

Es fordert uns auf, uns erneut dem Leben zu stellen

und dieser so schrecklichen und so schönen Welt

die Botschaft von dem Leben zu bringen,

das Jesus gebracht hat.


Das Wort Gottes - der Engel - lässt uns dieses Leben genießen

und täuscht doch nicht darüber hinweg,

dass dieses Leben nicht das wahre Leben ist,

solange Menschen leiden, verfolgt werden,

hungern oder unterdrückt sind.


Das Wort Gottes - der Engel - macht uns selbst

zu Botinnen und Boten dieses Wortes.

Damit werden wir im wahrsten Sinne des Wortes

für andere zu Engeln.


Jetzt schließt sich der Kreis,

und wir sehen:

Die Engel wirken keine Wunder, weil wir selbst diese Engel sind.

Trotzdem können wir das Wunder wirken,

dass ein Mensch getröstet wird;

dass ein Mensch satt wird oder wieder gesund;

dass ein Mensch im Leiden nicht allein bleibt.


Wir können diese Welt retten vor uns selbst,

wenn wir dabei bleiben,

dass die Engel nicht für uns da sind.

Wir selbst sind Engel, die für andere da sind:

für alle, die sich nicht selbst helfen,

die sich nicht wehren können.

Wenn wir so füreinander Engel sind,

dann kommt ein Engel auch zu uns.

Sonntag, 3. September 2023

Agape

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 3.9.2023, über 1.Joh 4,7-12

Liebe Schwestern und Brüder,


die grönländische Sprache hat bekanntlich

sehr viele Worte für Schnee und Eis.

Man muss zwischen brüchigem Eis, Treibeis, Seeeis,

Eisschollen und Gletschereis unterscheiden können;

das kann lebenswichtig sein.

Pulverschnee, den der Wind zu mächtigen Wächten aufhäuft,

Schneematsch, in dem die Pelzstiefel durchweichen,

oder Harsch, der hart und uneben ist,

muss man erkennen und benennen können,

damit andere sich nicht in Gefahr begeben.


Vielleicht regt die Kargheit, das eintönige Weiß-Grau

der grönländischen Landschaft auch dazu an,

den vielen Arten von Schnee und Eis Namen zu geben,

weil dort sonst nicht viel ist,

dem man einen Namen geben könnte.


Die griechische Sprache kennt ebenfalls viele Worte für etwas,

für das wir im Deutschen nur ein Wort haben: Die Liebe.

Es diente den Griechen sicher nicht zum Überleben,

die Liebe in ihren vielen Spielarten

genau bezeichnen zu können.

Vielleicht hatten sie einfach Freude daran,

Dinge ganz genau benennen zu können -

eine Qualität, die auch das Deutsche auszeichnet.


Die Liebe, die das Kribbeln im Bauch verursacht,

und die an nichts anderes mehr denken lässt

als an die Liebste oder den Liebsten,

nannten die Griechen Eros;

die Liebe zu Gott Eusébeia.

Sie hatten ein Wort für die Geschwisterliebe, Philadelphía,

und eines für die Liebe zu Pferden, die Philhíppia,

von dem sich der Name Philipp ableitet.

Für die Liebe zur Arbeit, zum Spazierengehen

oder die Liebe zum Spielen gab es jeweils einen eigenen Begriff,

und noch etliche weitere -

25 Spalten sind es in meinem Wörterbuch -

für alle erdenklichen Facetten der Liebe.


Als die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde,

so etwa im 3. vorchristlichen Jahrhundert,

entstand ein neues Wort,

das es bis dahin nur als Verb gegeben hatte: die Agápe.

Dieses Wort beschreibt die besondere Art der Liebe,

die im „Doppelgebot der Liebe” zusammengefasst ist:

„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele,

mit all deinem Verstand und mit aller deiner Kraft,

und deine:n Nächste:n wie dich selbst.”

Beide Arten von Liebe,

die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten,

werden mit Agápe bzw. dem Verb agapein wiedergegeben.


Warum ein neues Wort,

wo die griechische Sprache doch schon so viele Begriffe

für die vielen Spielarten der Liebe hat?

Und warum musste es beide Male das selbe sein:

Agápe für die Liebe zu Gott und die Liebe zur Nächsten?


Beginnen wir mit dem Neologismus,

dem neuen Wort, das für die Liebe gefunden wurde.

Es gab bereits ein Wort für die Liebe zu Gott, die Eusébeia.

Diese Eusébeia war die Liebe, die man Gott schuldete.

Eine Liebespflicht, sozusagen.

Der Gott Israels will aber nicht pflichtschuldigst geliebt werden.

Zwar geht das Volk Israel am Sinai die Verpflichtung ein,

Gottes Gebote zu halten.

Aber das Halten der Gebote soll nicht mechanisch geschehen,

aus Pflichtbewusstsein, weil man einen Vertrag mit Gott erfüllt.

Es soll aus Liebe geschehen,

mit ganzem Herzen, ganzer Seele,

allem Verstand und aller Kraft.

Dafür existierte bis dahin kein Wort im Griechischen.


Die Liebe zur Nächsten ist ebenfalls anders.

Anders als die Liebe zu dem einen Menschen,

an den, an die ich mein Herz verlor;

etwas anderes auch als die Liebe,

die Eltern mit ihren Kindern

und Geschwister untereinander verbindet.

Und sie ist auch etwas anderes als das besondere Verhältnis,

das man zur besten Freundin, zum besten Freund hat

und das die Griechen Philía nannten.

Für die Nächstenliebe braucht es überhaupt keine Liebe,

nicht einmal Freundschaft, Zuneigung oder Sympathie.


Für die Nächstenliebe gab es auch bereits ein Wort:

die Philanthropie.

Dieses Wort wird heute noch benutzt.

Ein Philanthrop war und ist jemand, der seinem Gemeinwesen -

seiner Heimatstadt, seinem Heimatland -

Geld für gemeinnützige Zwecke spendet.

Das bedeutet, nicht jede:r kann Philanthrop:in sein.

Um es zu sein, muss man mehr besitzen,

als man für sich und seinen Lebensunterhalt benötigt.


Die Nächstenliebe dagegen ist umfassender,

sowohl, was die betrifft, die diese Hilfe erfahren -

es sind alle Menschen, überall auf der Welt -

als auch, was die betrifft, die sie üben -

jede und jeder kann es tun, unabhängig vom Einkommen.


Die Nächstenliebe kommt, ihrem Namen zum Trotz,

ganz ohne Liebe zum Nächsten aus.

Trotzdem braucht man die Fähigkeit zu lieben,

um zur Nächstenliebe fähig zu sein.

Denn wie sollte sonst Mitgefühl mit dem Nächsten entstehen;

Barmherzigkeit, die zur Hilfe bereit macht

und dabei nicht fragt, ob der andere Mensch diese Hilfe auch wert ist.

Die Liebe, die im Wort Nächstenliebe steckt,

bezeichnet die Fähigkeit und die Bereitschaft

zu Wohlwollen, Freundlichkeit, Großzügigkeit und Solidarität.


Das ist genau die Liebe, mit der uns Gott begegnet.

Jesus beschreibt diese Liebe Gottes in den Gleichnissen,

die von Schuldnern handeln,

und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Gott wird darin mit jemand verglichen,

der anderen Geld leiht und,

als sie es nicht zurückzahlen können,

ihnen alle Schulden erlässt.


Jesus vergleicht diese Liebe Gottes auch

mit einem Gastgeber, der großzügig

alle Menschen in sein Haus einlädt,

die sein Knecht auf der Straße,

an den Wegrändern,

vor den Toren der Stadt auftreiben kann,

und sie fürstlich bewirtet,

ohne Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Stellung.


Aus dieser Liebe zu uns sandte Gott seinen Sohn in die Welt

zur Versöhnung der Sünden,

damit wir durch ihn leben sollen.

Diese Liebe heißt Agápe, weil Gott mich liebt

und dich und dich und dich … - uns alle.


Gottes Liebe ist nicht exklusiv, wie sie der Eros ist,

die Liebe zwischen Zweien;

Auch nicht auf bestimmte Menschen beschränkt

wie die Philía, die Liebe zu Eltern oder Geschwistern.

Sie ist auch nicht wie die vielen Lieben und Vorlieben,

die wir Menschen so haben, bis hin zur Philatelie,

dem Briefmarkensammeln.


Gottes Liebe gilt allen ohne Unterschied,

und sie gilt allen in der selben, allumfassenden Weise,

ohne dass auch nur ein einziger, eine einzige dabei zu kurz kommt.


„Hat uns Gott so geliebt”, heißt es im 1. Johannesbrief,

„so sollen wir uns auch untereinander lieben.”

Die Nächstenliebe ist unsere Reaktion, unsere Antwort

auf die Liebe, die Gott uns entgegenbringt.

Zu dieser Antwort wird fähig, wer erkennt,

wie viel ihr, wie viel ihm von Gott geschenkt wurde.


Wer dankbar Gottes Erbarmen empfindet,

kann mit seinen Mitmenschen Erbarmen haben.

Wer sich eingestehen kann,

dass Gott bei mir Gnade vor Recht ergehen ließ,

muss auch gegenüber den Mitmenschen nicht fragen,

ob sie es verdienen, dass man ihnen hilft.

Wer staunend feststellt, wie reich ihn,

wie reich sie Gott beschenkt hat trotz allem,

was das Leben an Lasten auferlegt,

kann gegenüber den Mitmenschen großzügig sein

und ihnen ihr Glück, ihre Freude, ihren Reichtum gönnen.


Aus der Liebe, die wir durch Gott erfahren,

erkennen wir, dass Gott die Liebe ist.

Gott ist die Liebe,

die in der Nächstenliebe durch uns weiterfließt

zu anderen Menschen.

Darum haben Gottesliebe und Nächstenliebe

dasselbe Wort im Griechischen: Agápe,

weil sie ein und dasselbe sind.

Wenn ich meine:n Nächste:n liebe,

findet meine Liebe zu Gott ihren Ausdruck,

der will, dass ich die Liebe, von der ich lebe

liebend an andere weitergebe.


Die Liebe zu den Nächsten kommt also

aus der Liebe, mit der Gott uns geliebt hat,

mit der er uns jetzt liebt und immer lieben wird.


Wer aber in seinem Leben Liebe entbehren musste,

wer Lieblosigkeit erlebte und erlitt,

dem fällt es schwer, diese Liebe Gottes zu erkennen

und für sich anzunehmen.


Darum gibt es die Nächstenliebe,

und darum gehören Gottes- und Nächstenliebe untrennbar zusammen:

Durch die Nächstenliebe erfahren wir Liebe in unserem Leben.

Liebe von Menschen, die nicht mit uns verwandt sind;

von Menschen, die sich nicht in uns verliebt haben

und sich auch nicht in uns verlieben wollen;

die nicht unser Freund, unsere Freundin sein oder werden wollen.

Trotzdem wenden sie sich uns freundlich zu;

trotzdem geben sie uns mehr, als manchen von uns

Eltern, Geschwister oder beste Freund:innen

geben konnten oder geben wollten:

Sie geben Gottes Liebe an uns weiter durch Barmherzigkeit,

durch Wohlwollen, Freundlichkeit, Großzügigkeit und Solidarität.

Durch sie erfahren wir die Liebe Gottes.

Auf diese Weise lernen wir, Gott zu lieben.


Die Nächstenliebe macht uns empfänglich für Gottes Liebe.

Durch Erfahrungen wie diese können wir uns eines Tages eingestehen:

Gott liebt mich, so wie ich bin.

Gott schenkt mir das Leben und will,

dass ich glücklich bin.

Das ist Gottesliebe.

Diese Liebe Gottes macht glücklich,

schenkt Freude, Anerkennung und dadurch Selbstvertrauen.


Wer sich so von Gott geliebt erfährt,

findet sich in einer Beziehung mit Gott wieder.

Eine Beziehung besteht aus Geben und Nehmen:

Die Liebe, die Gott uns schenkt,

findet ihre Antwort in der Liebe, die wir erwidern.

So ist es in unseren Freundschafts- und Liebesbeziehungen.

Bei Gott ist das etwas anders.

Denn wie können wir Gottes Liebe erwidern?


Die Liebe zu Gott ist kein Eros -

niemand hat Gott für sich allein,

sondern teilt Gottes Liebe mit allen anderen Menschen.

Die Liebe zu Gott ist auch nicht auf einen kleinen Kreis beschränkt,

etwa derer, die mit Ernst und entschieden Christen sein wollen,

den Kreis der Gemeinde oder auch nur der Christ:innen weltweit.

Auch wenn wir es uns oft nicht vorstellen können:

Gottes Herz ist immer noch größer und weiter als unser Herz.


Die Liebe zu Gott ist Agápe, denn sie zeigt sich

in der Hinwendung zum Mitmenschen:

in freundlicher Aufmerksamkeit,

verständnisvollem Zuhören,

einem guten Wort oder tätiger Hilfe.


Liebe gibt es ja niemals „an sich”,

sondern nur in Beziehung.

Unter uns ist das die Zweierbeziehung.

Darum existiert die Eifersucht,

die immer dann auftritt,

wenn jemand sich von der Liebe ausgeschlossen fühlt.


Die Liebe zu Gott ist mehr als eine Zweierbeziehung.

Sie ist eine Dreiecksbeziehung

zwischen Gott, meinen Mitmenschen und mir.

Gott selbst beschreiben wir durch das Geheimnis der Dreifaltigkeit:

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist

stehen miteinander in Beziehung - und sind doch eins.


In unserer Dreiecksbeziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen

ist die Kraft, die uns miteinander verbindet, die Liebe, die Agápe.

Darum trägt die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten

den selben Namen „Agápe”,

weil sie beide Male dieselbe ist.

Sonntag, 27. August 2023

Das Wunder, das wir sind

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 27. August 2023, über Jesaja 29,17-24:

Noch ein klein wenig,

dann wird der Libanon zu einem Baumgarten werden

und der Baumgarten als Wald gelten.

An diesem Tage werden die Tauben

die Worte des Buches hören,

und aus Dunkelheit und Finsternis

werden die Augen der Blinden sehen.

Die Geringen werden wieder Freude haben am Herrn,

und die Armen unter den Menschen

werden über den Heiligen Israels frohlocken.

Denn ein Ende hat Tyrannenmacht, und der Spötter vergeht,

und ausgerottet werden alle, die auf Böses lauern:

Die einen Menschen durch ein Wort als schuldig hinstellen

und den, der im Tor Recht spricht, mit dem Stellholz fangen

und durch Nichtiges den Gerechten beugen.


Darum, so spricht der Herr, der Abraham erlöst hat,

zum Haus Jakob: Jakob soll sich nicht mehr schämen

und sein Gesicht soll nicht mehr erbleichen.

Denn wenn er sehen wird seine Kinder, das Werk meiner Hände,

in seiner Mitte,

werden sie meinen Namen heiligen

und den Heiligen Jakobs heilig sein lassen

und den Gott Israels fürchten.

Und die im Geist Verwirrten werden Verstehen erlangen,

und die Unzufriedenen Einsicht lernen.



Liebe Schwestern und Brüder,


alles Neue, jeder Fortschritt beginnt mit dem Zweifel.

Dem Zweifel, ob alles so bleiben muss, wie es ist

und der Frage, ob es nicht anders sein könnte, anders ginge.


Diese Frage stellt sich nicht von selbst;

der Zweifel kommt nicht von allein.

Wer nie das Licht sah,

das Spiel der Farben, die Pracht eines Sonnenuntergangs,

wie sollte er wissen, dass ihm etwas fehlt, und was ihm fehlt?

Wer nie hören konnte, wie sollte sie den Klang

der Worte, Töne und der Musik kennen, lieben und ersehnen?

Wer nur die Steppe kennt,

mit trockenem Gras und kümmerlichen Sträuchern,

weiß nichts von einem Wald, strotzend vor Grün,

mit mächtigen, hohen Bäumen;

kann sich nicht vorstellen,

wie kühl es unter dem Blätterdach ist,

wie herrlich das Wasser im Bach plätschert und sprudelt.


Wann fängt man an zu fragen?

Wo beginnt der Zweifel?


„Als das Kind Kind war,

war es die Zeit der folgenden Fragen:

Warum bin ich ich und warum nicht du?

Warum bin ich hier und warum nicht dort?

Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?

Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?

Ist, was ich sehe und höre und rieche,

nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?

Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,

die wirklich die Bösen sind?

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin,

bevor ich wurde, nicht war,

und dass einmal ich, der ich bin,

nicht mehr, der ich bin, sein werde?”


(Peter Handke, Lied vom Kindsein)


Kinder fragen.

Oh, sie haben tausend Fragen, die Kinder.

Und wenn sie zu viel fragen,

sagt wohl mal ein:e Erwachsene:

„Warum, warum, warum

ist die Banane krumm?

Warum hat die Kokosnuss

noch immer keinen Reißverschluss?”

Das Kind lernt daraus,

dass seine Fragen stören

und sein Wunsch nach Verstehen nicht respektiert wird.


Dabei beginnen die Fragen und die Zweifel

mit dem Warum,

mit dem Versuch, die Welt zu verstehen,

Vielleicht fällt die Reaktion Erwachsener so aus,

weil die Fragen der Kinder

sie ganz schön in Verlegenheit bringen.

Nicht nur die eine, berühmt-berüchtigte Frage,

auf die man mit den Blümchen und den Bienchen

oder mit dem Klapperstorch antwortet.

Sondern auch die Frage,

warum Kinder, die genau so alt sind wie unsere,

in Afrika Hunger leiden oder verhungern müssen,

wenn es bei uns doch so viel zu essen gibt.

Die Frage, warum es Krieg gibt, Panzer und Bomben.

Die Frage, warum wir immer noch Auto fahren,

wenn doch schon jetzt viel zu viel Kohlendioxid in der Luft ist.


Wir Erwachsenen reagieren ungehalten auf solche Fragen.

Wir wissen keine Antwort darauf und spüren:

Wir sind unseren Kindern die Antwort schuldig.

Eigentlich haben wir selbst einmal solche Fragen gestellt.

Wann haben wir verlernt, so zu fragen?

Wann haben wir uns daran gewöhnt zu antworten,

dass es nun mal so zugeht in der Welt,

dass es nun mal nicht zu ändern ist?

Warum haben wir akzeptiert,

dass bestimmte Entscheidungen „alternativlos” sind,

und warum glauben manche,

dass Nationalismus, Chauvinismus und Fremdenhass

eine Alternative für Deutschland sein könnten?


Alles Neue, jeder Fortschritt beginnt mit dem Zweifel.

Und doch bleibt manches, wie es immer schon war.

Wie politische Gegner

oder unbequeme Kritiker verleumdet werden;

wie Mächtige versuchen, die Justiz zu behindern

und deren Macht zu beschneiden

und wie Rechtschaffene als „Gutmenschen”

verächtlich gemacht werden:

das können wir schon bei Jesaja über die lesen,

„die einen Menschen durch ein Wort als schuldig hinstellen

und den, der im Tor Recht spricht, mit dem Stellholz fangen

und durch Nichtiges den Gerechten beugen.”


Jesaja rechnet fest damit, das sich das ändert.

Bald, nur noch eine kleine Weile,

dann geht ein Aufatmen durch die Welt.

Es beginnt in der Natur,

die zu neuem Leben erwacht;

es öffnet den Blinden die Augen und den Tauben die Ohren

und fegt schließlich die Diktatoren hinweg,

die Spötter, denen nichts heilig ist

und die Skrupellosen, die das Recht zu ihren Gunsten beugen.


Seit diesen Worten Jesajas ist viel Zeit vergangen.

Ein Tyrann hat den anderen abgelöst.

Länder, die einmal die Freiheit der Demokratie kosteten,

fallen zurück in autoritäre Herrschaftsformen

oder werden mit Krieg überzogen,

weil sie sich fremder Übermacht nicht beugen wollen.

Steppen und Wüsten nehmen zu.

Und wenn auch die Medizin große Fortschritte gemacht hat:

Verblendung und Hass,

Taubheit gegenüber der Wahrheit,

Blindheit für das Leid und die Not der anderen

kann sie bis heute nicht heilen -

wird sie wohl nie heilen können.


Die neue Welt, die Jesaja kommen sieht,

können Menschen nicht schaffen.

Zu oft ist es versucht worden.

Jeder dieser Versuche endete in einem schrecklichen Desaster.

Nur Gott kann Neues schaffen,

nur er menschliche Willkür und Bosheit überwinden.

Und Gott schafft Neues: die Kinder in unserer Mitte.

Sie sind Gottes Versprechen,

dass „eine Grenze hat Tyrannenmacht”.

In jedem Kind, das geboren wird,

geht eine neue Welt auf.

Mit den Augen eines Kindes lernen wir, neu zu sehen.

Mit seinen Fragen nach dem Warum

öffnet es uns die Ohren

und erinnert uns, wie auch wir einmal gefragt haben.


In jedem Kind geht eine neue Welt auf.

Eine Welt, von Gott geschaffen.

Sie kann grünende Wälder hervorbringen.

Sie kann uns die Wahrheit sehen lassen

und die Ungerechtigkeit.

Sie fegt Bosheit, Gemeinheit und Gier hinweg.

Aber sie ist ein zartes Pflänzchen, diese Welt.

Wir müssen es behüten,

ihm Raum zum Wachsen, Luft zum Atmen,

Liebe und Güte als Nahrung geben.


Wie verletzlich und zerbrechlich ein Kind ist,

davon kann Bettina Wegner ein Lied singen:


„Sind so kleine Hände, winzge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.


Sind so kleine Füße mit so kleinen Zehn.
Darf man nie drauf treten, könn sie sonst nicht gehn.


Sind so kleine Ohren scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.


Sind so schöne Münder, sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.


Sind so klare Augen, die noch alles sehn.
Darf man nie verbinden, könn sie nichts verstehn.


Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, gehn kaputt dabei.


Ist son kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.”


Wir Menschen machen so viel kaputt.

Wir treiben den Kindern das Träumen,

wir treiben ihnen das Zweifeln und die Fragen aus,

weil wir wollen, dass sie so werden wie wir.

Vielleicht wäre es anders,

wenn wir mehr Respekt hätten vor dem Wunder,

das jedes einzelne Kind ist;

vor dem Neuen, das Gott geschaffen hat.


Ein Kind kann uns Ehrfurcht lehren.

Es kann uns lehren, dass uns etwas heilig ist:

Dieses Kind ist uns heilig,

dem wir alles Glück der Welt wünschen und gönnen,

das wir lieben und bestaunen

und auf das wir stolz sind.

Dieses Kind ist eine Schöpfung Gottes.

Darum sollte uns Gott, der Schöpfer, heilig sein

und alles, was er geschaffen hat.


Ein Kind kann uns lehren,

dass wir selbst einmal Kinder waren

und immer noch Kinder sind: Gottes Kinder,

von ihm geschaffen.

Jede und jeder von uns ein neuer Anfang.

Jede und jeder von uns liebenswert und staunenswert:

ein Wunder.

Auch wir haben noch Träume,

haben Fragen und unsere Zweifel.

Vielleicht wäre die Welt eine andere,

wenn wir mehr Respekt hätten vor dem Wunder,

das jede:r Einzelne von uns ist -

dem Wunder, das jeder Mensch ist,

jedes Geschöpf auf Gottes wunderbarer Erde.


„Wenn Israel sehen wird seine Kinder, das Werk meiner Hände,

in seiner Mitte,

werden sie meinen Namen heiligen

und den Heiligen Jakobs heilig sein lassen

und den Gott Israels fürchten.”


„Wenn Israel sehen wird …”


Es kommt darauf an, hinzusehen

und das Wunder zu erkennen,

das diese Welt, jeder Mensch,

jedes Lebewesen auf ihr ist.


Das Wunder der Welt weist auf ihren Schöpfer.

Ihn als Schöpfer zu erkennen

und die Welt als seine Schöpfung zu bewahren heißt,

ihn heilig sein lassen.


Nach Recht und Gerechtigkeit,

nach Gottes Gebot zu fragen

und danach zu leben heißt,

den Gott Israels fürchten.


Gottes Namen heiligen heißt,

jedem, der sich Macht über andere anmaßt

die Grenze aufzeigen, die Gott uns gesetzt hat.


Wir schaffen keine neue Welt,

auch unsere Kinder und Enkel nicht.

Gott wird eine neue Welt schaffen

und schafft sie schon jetzt

mit jedem Menschenkind, das geboren wird,

mit jeder und jedem von uns.

Wenn wir Gottes Namen heiligen,

Gott heilig sein lassen und ihn fürchten

besteht eine Chance,

dass auch unsere Kinder

sich an der Schönheit dieser Welt erfreuen

und ihren Kindern einmal davon werden erzählen können,

wer sie und alles geschaffen hat.

Sonntag, 20. August 2023

tapfer sündigen

Predigt am 11. Sonntag n. Trinitatis, 20. August 2023, über Lukas 7,36-50

Liebe Schwestern und Brüder,


„Kann die Liebe Sünde sein?

Darf es niemand wissen, wenn man sich küsst,

wenn man einmal alles vergisst vor Glück?”


Liebe kann nicht Sünde sein.

Selbst wenn sie es wär, wär’s mir egal;

lieber will ich sündigen mal, als ohne Liebe sein.”


Das könnten gut Worte der Sünderin aus dem Evangelium sein.

Wie Zarah Leander würde sie singen,

ganz unschuldig und ein wenig verrucht -

eine Frau, der man alles zutraut.


Aber hat sie nicht recht?

Liebe ist das Beste, was Menschen einander geben können.

Der Apostel Paulus zählt in 1.Korinther 13,

dem „Hohenlied der Liebe”, auf,

was Liebe alles ist:

langmütig, freundlich, zurückhaltend,

verantwortungsvoll, bescheiden.


Liebe ist, so könnte man ergänzen,

wie ein freundlicher Spiegel,

in dem der Geliebte, die Geliebte sich selbst sehen darf

als schön, besonders und einzigartig,

wie wir es alle sind.


Ohne die Liebe wüssten wir nicht,

dass wir liebenswert sind.

Wir brauchen den liebevollen Blick, der uns sagt:

Du bist schön. Du bist angesehen.

Nur die Liebe teilt neidlos unsere Freude, unser Glück.

Das macht unser Glück erst vollkommen.


Kann diese Liebe Sünde sein?


I

Offenbar.

Denn eine Frau, von der Jesus sagt:

„sie hat viel geliebt”,

wird als Sünderin vorgestellt.

Ihre Sünden bestehen gerade darin,

dass sie viel geliebt hat.

Der Gastgeber, der Jesus eingeladen hat,

spricht es in Gedanken aus:

„Wenn dieser ein Prophet wäre,

wüsste er, wer diese Frau ist

und was für eine sie ist.”


Aha. So eine ist sie also.


Wobei - was soll das eigentlich bedeuten, „so eine”?

Ist es Lukas peinlich zu sagen,

was für eine diese Frau ist?

Oder ist sie gar nicht so eine,

an die wir jetzt gerade denken?

Denken wir überhaupt alle an dasselbe?


Das ist das Fatale, wenn man von „so einer” spricht.

Scheinbar ist klar, was gemeint ist,

aber es wird nicht ausgesprochen.

Und niemand traut sich, nachzufragen -

man möchte ja nicht als Tropf dastehen,

der als einziger nicht begreift, was alle zu wissen scheinen.


„So eine” oder „so einer” wird damit zu einem Stempel,

der einen Menschen abstempelt,

ohne das er oder sie etwas getan haben muss.

Es genügt, dass jemand mit dem Finger auf sie zeigt

und sagt: „Das ist auch so eine!”


Solche Leute, auf die man mit dem Finger zeigt,

gab und gibt es zu allen Zeiten.

Es waren und sind nicht immer dieselben Leute.

Im Laufe der Zeiten ändert sich,

wer zu „solchen Leuten” gezählt wird.

Es waren einmal Juden, es waren Zigeuner.

Es waren Arme wie die vom „Nachtjackenviertel”.

Es sind Menschen mit einem Handicap,

es sind Ausländer:innen …


Ich muss die Liste nicht fortsetzen.

Wir wissen, wer gemeint ist.

Gehörten vielleicht selbst einmal zu „solchen”,

auf die mit dem Finger gezeigt wurde.

Wie die Pfarrerstochter,

die zu DDR-Zeiten in einer Grundschule in Thüringen

vor die Klasse treten musste

und die Lehrerein sagte:

Jetzt lacht sie aus, denn sie glaubt noch an Gott.


Wer nicht so ist wie die anderen -

wer anders aussieht, anders lebt,

anders liebt oder anders glaubt als die Mehrheit -,

kann schnell zu „so einer” oder „so einem” werden.

Eine, von der man instinktiv weiß,

dass man sich mit „so einer” besser nicht abgibt,

mit „so einer” besser nicht gesehen wird,

sonst wird man mit ihr am Ende in einen Topf geworfen.


Und dabei kann man nicht einmal sagen,

was denn so verwerflich an ihr ist.


II

Aber in unserem Text geht es nicht nur um jemand,

die anders liebt als die Mehrheit, nämlich: viel.

Sie ist wegen dieser Liebe auch eine Sünderin.


Was in der Beziehung zu Gott Sünde heißt,

ist in unseren Beziehungen die Verletzung.

Wer jemanden verletzt mit Worten oder Taten,

verletzt oder zerstört die Beziehung zu diesem Menschen.

Wer verletzt wurde,

will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben.

Und wem bewusst wird, dass er jemanden verletzte,

traut sich oft nicht, ihr oder ihm unter die Augen zu treten.


In ähnlicher Weise verletzt Sünde die Beziehung zu Gott.

Wem bewusst wird, dass er die Beziehung zu Gott verletzte,

traut sich oft nicht, Gott unter die Augen zu treten

und hat das Gefühl, dass Gott nichts mehr von einem wissen will.


Oft sind die Taten,

durch die man die Beziehung zu Menschen verletzt,

und die Taten,

durch die man die Beziehung zu Gott verletzt,

dieselben.


Wer Fremdlinge bedrückt,

indem er sie spüren lässt,

dass sie nicht willkommen sind,

ihnen die Gastfreundschaft oder das Asyl verweigert

oder sie sogar tätlich angreift,

versündigt sich.


Es gibt aber auch Dinge,

die galten oder gelten als moralisch verwerflich,

sind aber keine Sünde -

z.B. wie man lebt, oder wen man liebt.


Und es gibt Dinge, die sind Sünde,

werden aber von Gruppen der Gesellschaft akzeptiert

oder sogar gut geheißen,

wie der eben erwähnte Hass auf Fremde.


III

Zu welcher Art von Sünde gehört das,

was die Frau getan hat?

Sie wird als Sünderin bezeichnet, aber ist sie es auch?

Ihr Verhalten scheint ihre Schuld zu entlarven:

Sie kniet vor Jesus auf der Erde und wäscht ihm die Füße -

eine Arbeit, die sonst nur Sklaven verrichteten.

Dass sie einen Flakon mit teurem Salböl kaufen kann,

zeigt, dass sie wohlhabend ist,

sie ist keine Sklavin.

Die Frau erniedrigt sich vor Jesus und weint dabei -

so sehr, dass sie mit ihren Tränen

Jesus den Staub von den Füßen waschen kann.

Also muss sie doch wohl sehr viel zu bereuen haben.


Normalerweise wäre sie zu fein, anderen die Füße zu waschen.

Doch die Frau erniedrigt sich,

wie es auch Jesus tat, als er seinen Jüngern die Füße wusch.

„Ein Beispiel habe ich euch gegeben,

damit ihr tut, wie ich euch getan habe”, sagte er dazu.

Er meinte damit nicht die Fußkosmetik

oder eine nette Geste, die nichts kostet.

Sondern dass die Jünger sich nicht zu fein sein sollen,

sich ganz nach unten zu begeben, wie Sklaven.

Und dass sie sich keine Gedanken machen sollen,

wie sie angesehen werden,

wenn sie sich mit „so welchen” abgeben.


Zugleich ist die Art, wie die Frau Jesus die Füße wäscht,

sehr ungewöhnlich und sehr intim:

Sie trocknet seine Füße mit ihren Haaren

und hört nicht auf, sie mit Küssen zu bedecken.

In dieser Art, Jesus die Füße zu waschen,

behauptet sie ihren Eigensinn.

Sie erniedrigt sich vor Jesus

und bleibt dabei doch sie selbst.


Das lässt fragen, ob die Frau tatsächlich ihre Sünden beweint.

Vielleicht beweint sie vielmehr die Tatsache,

dass ihre besondere Art zu leben und zu lieben,

dass ihr Eigensinn und ihr Selbstbewusstsein

sie in den Augen der anderen zu „so einer” gemacht haben.

Wie wir alle, möchte auch diese Frau gesehen werden

und dadurch angesehen sein,

ohne sich dafür anpassen und ihre Eigenart aufgeben zu müssen.


IV

Jesus sieht die Frau an.

Er verteidigt sie gegenüber dem Gastgeber,

der schlecht von ihr denkt.

Ja, Jesus stellt sie, „so eine”, sogar über ihn,

über den moralisch einwandfreien, vorbildlichen Frommen:

„Ihre vielen Sünden sind vergeben,

denn sie hat viel geliebt;

wem aber wenig vergeben wird,

der liebt wenig.”


Dem Gastgeber muss nichts vergeben werden,

weil er sich nichts zu Schulden kommen ließ.

Aber weil er sich nichts zu Schulden kommen ließ,

hat er auch viele Gelegenheiten zur Liebe ausgelassen.

Jesus zählt sie auf:

„Du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben,

du hast mir keinen Kuss gegeben

und mich nicht gesalbt.”


Wer versucht, nach Gottes Willen zu leben,

wird immer wieder enttäuscht feststellen,

dass man dabei Fehler macht.

Wer einen anderen Menschen liebt,

wird ihr oder ihm oft nicht gerecht,

handelt manchmal lieblos.

Wer ein Kind großzieht,

tut ihm manchmal unrecht,

ist manchmal nicht da, wenn es seine Mutter, seinen Vater braucht,

ist manchmal kurz angebunden, genervt,

wenn das Kind Zuwendung sucht oder Verständnis.


Wer versucht, nach Gottes Willen zu leben,

macht die überraschende Erfahrung,

dass man gerade dabei sündigt.

Bei dem Versuch, Gott und die Nächsten zu lieben,

verletzt man die Beziehung zu den Mitmenschen

und die Beziehung zu Gott viel öfter, als man dachte.


Der Gastgeber zieht daraus den Schluss,

dass es besser ist, nichts zu tun.

Denn wer nichts tut,

kann auch nichts falsch machen.


Jesus aber wirbt in dieser Geschichte dafür,

es immer wieder mit der Liebe zu versuchen,

gerade weil man dabei so viel falsch machen,

gerade weil man damit scheitern,

gerade weil man sündigen kann.

Darum sagt er „ihre vielen Sünden sind vergeben,

denn sie hat viel geliebt.”


Bei unserem Versuch, nach Gottes Willen zu leben,

dürfen wir auf Vergebung hoffen

und aus der Vergebung leben.

Wir dürfen Fehler machen,

denn nur so lernen wir, wie Liebe geht.

Martin Luther schrieb seinem Freund Philipp Melanchthon:

pecca fortiter,

sed fortius fide et gaude in Christo,

qui victor est peccati, morti et mundi” -

sündige tapfer,

aber tapferer sei dein Glaube und deine Freude an Christus,

der Sünde, Tod und Welt überwunden hat.


Etwas freier kann man es so ausdrücken:

Leben bedeutet, Fehler zu machen.

Darum habe keine Angst vor Fehlern.

Es kommt nicht darauf an, dass du ein fehlerfreier Mensch bist.

Worauf es ankommt, ist deine Tapferkeit:

Dein Mut, auf diese Zusage Christi hin zu leben:

„Deine Sünden sind dir vergeben.”

Darauf zu vertrauen, dass Gott dir deine Fehler vergibt,

damit du ihn und deine Nächste:n lieben kannst.


V

Kann die Liebe Sünde sein?


Die Frage ist falsch gestellt.

Sie muss lauten:

Kann ich mir eingestehen,

dass ich ein sündiger Mensch bin,

weil ich immer wieder in meinen Beziehungen

zu Gott und zu meinen Mitmenschen scheitere.

Und finde ich den Mut, mir vergeben zu lassen

und es immer wieder noch einmal zu versuchen mit der Liebe.


Für Jesus jedenfalls ist die Frage nicht,

ob Liebe Sünde sein kann,

sondern ob man liebt.