Sonntag, 8. Mai 2016

Freiraum schaffen!

Predigt am Sonntag Exaudi, 8. Mai 2016, über Epheser 3,14-21:

Ich beuge meine Knie vor dem Vater,
von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden den Namen empfängt,
dass er euch gebe
nach der Fülle seiner Herrlichkeit
Kraft für den inneren Menschen, 
damit ihr durch seinen Geist stark werdet
und damit Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
in Liebe, die fest verwurzelt und fundiert ist,
damit ihr imstande seid,
mit allen Heiligen ihre Dimensionen zu begreifen,
und zu erkennen, 
dass die Liebe zu Christus alle Erkenntnis übertrifft,
damit ihr erfüllt werdet
mit aller Fülle Gottes.
Dem aber, der imstande ist, Größeres zu tun als alles, 
was immer wir bitten oder ausdenken mögen
durch die Kraft, die in uns wirksam ist,
dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus
für alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

(Eigene Übersetzung, vgl. http://offene-bibel.de/wiki/Epheser_3)


Liebe Schwestern und Brüder,

„mach dich nicht breiter als dein Hemd ist“, 
schimpfte mein Vater,
wenn ich am Küchentisch oder auf dem Sofa zuviel Platz beanspruchte.
Jeder Mensch braucht ein Plätzchen, wo er leben kann,
braucht einen gewissen Freiraum um sich herum
und einen Raum für sich allein:
das eigene Zimmer, in das man sich zurückziehen kann.
Wenn man diesen Raum nicht hat,
wenn andere einem zu sehr „auf die Pelle“ oder „auf die Bude“ rücken, bekommt man Platzangst.

I
Der Mensch braucht nicht nur äußerlichen Raum um sich herum, man braucht auch innerlichen Raum: 
einen Spielraum für den inneren Menschen, der Möglichkeiten der Entscheidung und des Handelns eröffnet.
Diesen Spielraum muss man sich erst erarbeiten.
Er wächst, wie man selbst wächst.
Als kleines Baby hat man nur eine einzige Möglichkeit: schreien.
Ein Baby schreit, wenn es Hunger hat und wenn die Windel voll ist, wenn es auf den Arm genommen werden will und wenn es Bauchschmerzen hat. Als Vater oder Mutter ist man anfangs schwer im Stress, weil man das Schreien nicht deuten kann und erst herausfinden muss, was der Grund dafür ist.
Mit zunehmendem Alter wachsen die Ausdrucksmöglichkeiten, und die Handlungsalternativen nehmen zu. Die hohe Schule des Ausdrucks und der Handlungsmöglichkeiten ist der Flirt, wo man, aber besonders frau, mit Nähe und Distanz, mit Locken und sich Entziehen spielt, mit Blicken, Gesten, Düften und Worten.

Diese Anziehung und dieses Knistern, die Erotik, die ein Flirt entfacht, kann man auch auf geistiger Ebene erleben. 
Sie stellen sich ein, wenn man eine neue Erkenntnis gewonnen hat: Wenn man erkannte, dass man Dinge noch einmal ganz anders sehen und verstehen kann.
Es ist aufregend, ausgetretene Bahnen des Denkens zu verlassen;
es ist befreiend, Denkverbote und Tabus, „das haben wir immer schon so gemacht“ und „das gehört sich so“ über Bord zu werfen.

Die ehemalige DDR-Bildungsministerin Margot Honecker, die am Freitag in ihrem chilenischen Exil gestorben ist, stand für das Gegenteil: Sie wollte die Verengung des Denkens auf das, was die Partei zu denken vorgab - die Partei, die immer recht hatte. Sie wollte Betonköpfe erziehen, die die Mauern schon in ihre Hirne eingezogen hatte.
Frühere Schüler Margot Honeckers finden sich jetzt in der AfD. Der AfD ist die von den 68ern errungene Freiheit des Denkens zu bunt, das langhaarige, hippiehafte ist ihr ein Gräuel. Sie möchte alles schwarz-weiß haben; rot-grün kann sie überhaupt nicht leiden. Nur gegen deren Mischfarbe hat sie nichts einzuwenden …

II
Räume, Freiräume schafft der heutige Predigttext aus dem Epheserbrief. Er ist ein Gebet - die Kniebeuge, die der Verfasser im ersten Satz vollzieht, ist eine Geste des Betens. Wir kennen sie aus der katholischen Kirche und vom Karfreitag.
Der Verfasser bittet nicht direkt um Räume. Aber das ganze Gebet ist voller Worte, die mit Raum zu tun haben: die Fülle und das Wohnen, Wurzeln, Fundament und Dimensionen, Erfülltwerden, und am Schluss noch einmal die Fülle.
Es werden also, genau genommen, keine Räume eröffnet, sondern gefüllt, und zwar ziemlich reichlich. Die Epheser, für die der Autor betet, sollen geradezu überschüttet werden mit - - - ja, womit denn?

Wer „Harry Potter“ kennt - die Bücher las oder die Filme gesehen hat -, weiß, dass der böse Lord Voldemord sich darüber lustig macht, dass es immer wieder die Liebe ist, auf die der Unterschied zwischen ihm, dem Bösen, und Harry Potter, dem Guten, hinausläuft. Harrys Fähigkeit, zu lieben, die der Böse nicht hat, schützt ihn, wie die Liebe seiner Mutter ihn vor Lord Voldemords Todesfluch bewahrt hatte.

Auch in biblischen Texten taucht in schöner Regelmäßigkeit die Liebe als das Geheimnis auf, das hinter und über allem steht. Man kann es bald nicht mehr hören. Ist nicht schon alles über die Liebe gesagt? Gibt es keine anderen Themen, über die sich zu schreiben und nachzudenken lohnte?

III
Für einen heranwachsenden Menschen ist die Liebe die wichtigste Sache überhaupt, und furchtbar aufregend: Der erste Kuss, das erste Verliebtsein geben Rätsel über Rätsel auf. Man hat Angst, etwas falsch zu machen, man hat Angst, ausgelacht zu werden, man hat Angst, verletzt zu werden, man hat vor ziemlich allem Angst, was mit der Liebe zusammenhängt - und kann doch nicht anders: 
man muss es probieren.
Es wird aber nicht besser nach der ersten Beziehung, dem ersten Kuss, denn mit jedem neuen Partner ist wieder alles neu und anders und aufregend und peinlich. Erst, wenn man in einer festen Beziehung lebt, meint man, nun hätte man das Problem mit der Liebe endlich gelöst und hinter sich gelassen.
Ein schwerer Irrtum.
Die Liebe lässt sich nicht in eine Beziehung einsperren oder in einen Ehering fesseln. Sie ist lebendig, verändert sich und will immer wieder neu gelebt, geliebt und entdeckt werden - auch und gerade zwischen Partnern, die ihr halbes Leben miteinander verbracht haben.

Liebe gibt es aber nicht nur exklusiv zwischen Zweien. 
Die Liebe ist zu groß und zu mächtig, als dass sie sich in Zweisamkeit erschöpfen würde.
Heute ist Muttertag: Wir denken dankbar an unsere Mütter und an die Liebe, mit der sie uns erfüllten.
Wer Geschwister hat, musste sich diese Liebe der Mutter mit den anderen teilen. Dafür hat er/sie eine andere Art der Liebe gewonnen: Die Liebe zwischen Geschwistern, die sogar große Entfernungen und lange Zeiten des Getrenntseins übersteht und überbrückt.

IV
Der Predigttext schließlich spricht von der Liebe zu Christus. Im Griechischen ist dieser Ausdruck doppeldeutig: Er kan sowohl die Liebe zu Christus meinen als auch die Liebe Christi, die Liebe, mit der Christus uns liebt. Aber das kommt letzten Endes auf's gleiche hinaus. Denn Christus lieben können wir nur, weil Christus uns liebt. Umgekehrt geht es nicht: Christus liebt uns nicht deshalb, weil wir uns furchtbar viel Mühe geben würden, ihn zu lieben.

Wie soll man sich diese Liebe Christi vorstellen?
Nonnen im Kloster trugen einen Ring am Finger; sie waren mit Christus verlobt und verstanden sich als „Bräute Christi“. In frommem Überschwang hat manche diese Liebe zu Christus nicht nur geistlich aufgefasst - jedenfalls könnten die Schriften mittelalterlicher Mystikerinnen gut als erotische Literatur durchgehen.

Auf jeden Fall ist die Liebe Christi keine „Kopfsache“.
Das Gebet bittet am Ende um die Erkenntnis, „dass die Liebe zu Christus alle Erkenntnis übertrifft“. 
Ein schönes Wortspiel.
Aber wie erkennt man denn nun, dass es gar nicht auf das Erkennen ankommt? Ist das nicht ein Widerspruch?

Als Heranwachsende/r macht man sich viele Gedanken über die Liebe. Manche/r versucht, im Kopf zu lösen, was sich dann in der Begegnung mit der oder dem anderen ereignen soll. Erst mit dem Alter und der Erfahrung lernt man, dass man sich einfach fallen lassen kann in dieses überwältigende Gefühl, in die Arme der oder des anderen.
Manchmal erleidet man dabei allerdings eine schmerzhafte Bauchlandung. Manche/r, der zu oft so hart fiel, hat es verlernt, sich fallen zu lassen …

Auch in die Liebe zu Christus kann man sich nur fallen lassen. Es führt kein gedanklicher Schritt zu ihm hinüber.
Der Glaube, der die Voraussetzung zu dieser Liebe ist, ist ein Sprung - und ein ziemlich riskanter noch dazu, so als spränge man über einen tiefen, garstigen Graben, und das ohne Netz und doppelten Boden. Denn der Glaube widerspricht vielem von dem, was wir als wahr und richtig gelernt haben.
In den Augen derer, die auf Zahlen vertrauen, macht er einen zum naiven Trottel. Der Glaube bringt manchmal all die Peinlichkeiten und Verletzungen zurück, die man mit den ersten Liebeserfahrungen abgelegt zu haben glaubte.
Aber ohne diese Verletzlichkeit, ohne die Bereitschaft, sich bis auf die Knochen zu blamieren, kommt man zu Jesus nicht hinüber.

V
Kein Wunder, dass viele gern auf den Glauben verzichten!
Wer will sich schon zum Affen machen,
wer will sich so verletzlich machen, so verletzt werden,
wie es viele überzeugte Christen als Schülerinnen und Schüler im System der Margot Honecker erleben mussten?

Zum Glück ist der Glaube keine bewusste, willentliche Entscheidung. Er überfällt einen - wie die Liebe. Und wie bei der Liebe kann man gar nichts dagegen tun. Denn hinter ihm steht eine Kraft, die Menschen niemals bändigen und unter ihre Kontrolle bringen werden: der Geist Gottes, dessen Kommen wir am kommenden Sonntag feiern.
Dieser Gottesgeist ermutigt und befähigt uns zum Sprung über den Graben in den Glauben. 
Er gibt uns Kraft, auf die Liebe zu vertrauen - trotz aller Enttäuschungen und Verletzungen, die wir erlitten haben.

Wer von dieser Liebe erfüllt ist, gewinnt Spielräume. 
Erlebt eine solche innere Weite, 
dass Raum selbst in der kleinsten Hütte ist; 
dass am Krankenbett oder im Sterbezimmer keine Platzangst aufkommt; 
dass Asylantenheime und Moscheen keine Angst einflößen; 
dass jede Kirche zum Zuhause wird.

Wer von dieser Liebe erfüllt ist, braucht sicherlich weiterhin seine Freiräume und sein eigenes Zimmer.
Aber sein Herz ist so groß und weit geworden,
dass es Platz für alle Menschen hat.
Nicht nur für den Liebsten oder die Liebste,
nicht nur für die eigenen Kinder und Enkel,
nicht nur für Familie und nahe Verwandte,
nicht nur für Freunde und Bekannte -
alle Menschen finden darin Platz.
Sogar die finden Mitgefühl und Liebe, die beides eigentlich nicht verdient haben, weil sie selbst nicht dazu fähig sind.

VI
Die Liebe Christi macht auf eine nüchterne Art betrunken.
Man vergisst zu fragen, was man davon hat, was man dafür bekommt, oder ob der andere die Liebe überhaupt verdient.
Sie eröffnet neue Räume, 
die Spielräume und Auswege zugleich sind 
in einer Gesellschaft, 
die nur nach den Kosten, nach dem Wert und nach dem Preis fragt. Die etwas nur tut um des Gewinns willen oder um des Nutzens willen, aber nicht um seiner selbst willen.
Die Liebe zeigt uns, dass man etwas um der Liebe willen tun kann.
Und das jeder Mensch um seiner selbst willen etwas „wert“ ist, nämlich: liebenswert, weil die Liebe Christi ihm/ihr gilt wie uns, und weil er/sie, wie wir, fähig ist, Christus zu lieben, wenn der Heilige Geist es ihm/ihr schenkt.
Amen.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Den Wald vor Lauter Bäumen nicht sehen

Predigt an Christi Himmelfahrt, 5.5.2016, über Apg 1,3-11:


Liebe Gemeinde,
manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Manchmal ist man von Details, von Einzelheiten so gefesselt oder verwirrt, 
dass man darüber das Ganze aus dem Blick verliert.
Das kann einem auch bei der Geschichte von der Himmelfahrt passieren:

Nach seinem Leiden erwies sich Jesus den Aposteln durch viele Beweise als lebendig. 40 Tage lang erschien er ihnen und sprach zu ihnen über das Reich Gottes. Und während er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, nicht von Jerusalem wegzugehen, sondern die Verheißung des Vaters zu erwarten, „die ihr von mir gehört habt. Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet in wenigen Tagen mit heiligem Geist getauft werden“. Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn: „Herr, wirst du jetzt die Königsherrschaft für Israel wiederherstellen?“ Er aber sprach zu ihnen: „Ihr dürft Zeit oder Zeitpunkte nicht wissen, die der Vater in seiner Vollmacht festgesetzt hat. Aber ihr sollt Kraft empfangen, indem der Heilige Geist über euch kommen wird, und ihr sollt meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Erde“.
Nachdem er das gesagt hatte, sahen sie, wie er aufgehoben wurde und eine Wolke ihn vor ihren Augen verbarg. Und während sie noch gespannt zum Himmel emporblickten, wohin er gegangen war, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer bei ihnen, die sprachen: „Ihr Galiläer, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch in den Himmel emporgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen“.


I
Wenn man sich die Geschichte der Himmelfahrt ausmalt,
entsteht ein eigenartiges Bild:
Da sehen wir die Jünger, wie sie den Kopf in den Nacken legen
und angestrengt nach oben starren,
wie beim Raketenstart in Baikonur oder auf Cape Caneveral.
Als ob man von Jesus vielleicht noch die Füße sehen könnte,
wie sie gerade in den Wolken verschwinden,
oder gar so etwas wie einen Kondensstreifen …
Als ob Jesus wie eine Rakete in den Himmel zischte!

Nein, so geht es nicht.
Die Geschichte von Himmelfahrt ist keine Beschreibung.
Sie ist ein Bild. Ein Bild der Abwesenheit.
Ein Bild dafür, dass der, von dem die Evangelien so viel erzählt haben,
nun nicht mehr da ist.
Himmelfahrt ist ein Bild für unsere Realität, für unser Leben,
in dem Jesus abwesend ist.
Man kann ihn einfach mal eben treffen oder anrufen.

Deshalb kommen zwei Engel ins Bild, die die Jünger ansprechen.
Damit ziehen sie deren und unsere Blicke auf sich.
Sie, wir, verlieren Jesus aus den Augen,
dem wir eben noch hinterher geschaut haben.
Damit lenken sie die Jünger - und mit ihnen uns -
von der unglaublichen Himmelfahrt ab,
lenken ihren und unseren Blick zurück auf den Boden der Tatsachen.
Damit weisen sie die Jünger - und mit ihnen uns -
darauf hin, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen,
wenn wir gebannt in den Himmel starren, als ob da irgendwas wäre:
Was steht ihr da und seht zum Himmel?“

Die beiden Engel lenken den Blick der Jünger, lenken unseren Blick
auf die Erde zurück: Jesus ist nicht da,
die Jünger, wir, sind auf uns allein gestellt.
Die Jünger, wir, stehen mit unserem Glauben und dem Problem,
diesen Glauben in der Welt
und gegenüber der Wirklichkeit zu behaupten, allein da.

II
Das haben wir alle erlebt:
Irgendwann im Leben kommt der Moment, wo man allein dasteht.
Wo Mutter oder Vater nicht mehr für einen da sind,
um zu helfen, um etwas für einen zu regeln.
Irgendwann muss man sich selbst das Brot schmieren,
selbst die Schuhe zubinden;
irgendwann muss man sich einfuchsen
in diese furchtbar komplizierte Bedienungsanleitung des Lebens
- von der Krankenversicherung über die Steuererklärung
bis zur Telefonrechnung,
vom verstopften Abfluss bis zur gestopften Socke,
vom Hosen- bis zum Autokauf,
vom ersten Kuss bis zum Heiratsantrag.
Irgendwann wird man erwachsen.
Himmelfahrt beschreibt den Moment,
in dem die Jünger, in dem wir Gläubigen
aus der Abhängigkeit von Greifbarem heraustreten
und erwachsen werden.
Wo die Jünger, wo wir gelernt haben,
dass es keine Beweise für den Glauben,
keine Wunder, keine automatische Erfüllung unserer Wünsche gibt.
Wo die Jünger, wo wir gelernt haben,
dass der Zweifel und die Unsicherheit zum Glauben dazugehören.

Wie lernt man das?
Indem man lernt, den Wald zu sehen,
und nicht nur die vielen einzelnen Bäume.

III
Als Heranwachsende/r fühlt man sich mit seinen Problemen,
mit seiner Unsicherheit ganz allein auf der Welt.
Man hat das Gefühl, man sei die/der einzige,
die/der nicht weiß wie das denn nun geht mit dem ersten Kuss,
mit der Liebe, oder auch mit der Lehre oder dem Studieren.
Die anderen prahlen mit ihren Erfahrungen und Erfolgen.
Ihnen scheint alles leicht zu fallen,
für sie scheint das alles kein Problem zu sein
mit den Küssen und den Reißverschlüssen …
Deshalb traut man sich nicht, zu fragen
- man will sich schließlich nicht blamieren.

Irgendwann macht man aber die befreiende Erfahrung,
dass es jeder und jedem so geht.
Man sieht das Ganze: Sieht,
dass solche Fragen und Probleme zum Erwachsenwerden dazugehören,
dass jeder Mensch auf dem Weg zur Selbständigkeit
mit Sorgen und Problemen zu kämpfen hat
- auch und gerade die, die schon in der Schule eine große Klappe hatten.
Sie wollten es bloß nicht zugeben,
weil sie sich noch mehr schämten als wir.

Die Angst, die Probleme und die unvermeidlichen Fehler
haben wir alle gemeinsam.
Und hätten wir gewusst, dass es allen so geht,
wäre uns manches nicht so peinlich gewesen,
hätten wir manches mutiger ausprobiert,
wäre uns der Weg in das Leben der Erwachsenen
womöglich leichter gefallen.

IV
Aus vielen Einzelteilen wird ein Ganzes,
aus vielen Bäumen wird ein Wald.
Aus vielen Einzelpunkten setzt sich ein Bild zusammen.
Aus vielen unterschiedlichen Menschen wird die Gemeinde.

Menschen, die sich mit ihren Schicksalen,
mit ihren Erfahrungen, ihren Sorgen und Ängsten allein fühlen,
erfahren in der Gemeinde,
dass es vielen - wenn nicht allen - so geht wie ihnen.
Im großen Ganzen der Gemeinde
bekommen Erfahrungen, Sorgen und Ängste den Platz und die Größe,
die ihnen gebührt.
Sie verschwinden nicht, aber sie werden kleiner,
verlieren ihre Macht und befähigen zum Handeln.

Im großen Ganzen der Gemeinde
schrumpfen auch die Sorgen und Nöte der Welt
- seien es die unserer Umwelt,
seien es die der großen Welt der Poilitik unseres Staates oder Landes,
oder seien es die unserer kleinen Welt hier unter dem Kummelkreuz.
Schrumpfen von überwältigender Größe auf ein Maß,
das hoffen lässt, dass man doch noch etwas tun kann.

Im großen Ganzen der Gemeinde geschieht all das,
weil Jesus hier mitten unter uns ist.
Gemeinde, so sagt die Bibel, ist der Leib Christi.

So wie die vielen einzelnen Bäume den Wald ergeben,
so sind wir vielen einzelnen Menschen zusammen
ein größeres Ganzes: der Leib Christi.

Der Leib Christi ist ein so großes Ganzes,
dass Gott uns darin nahe ist,
wenn wir in seinem Namen zusammenkommen.

V
Was steht ihr da und seht zum Himmel?“
Die Engel haben recht.
Wer nur nach oben sieht, der bleibt bei sich;
der sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Erst wenn man sich umsieht,
stellt man fest, dass man nicht allein ist.
Es sind Mitmenschen da,
die meine Sorgen und Ängste,
meine Freude und mein Glück mit mir teilen.

Es sind Mitmenschen da, die, wie ich,
mehr erwarten vom Leben,
die sich einsetzen wollen, es besser machen wollen
für sich und andere.

Es ist nur ein kleiner Wechsel des Blicks,
der unglaublich viel verändern kann.


Amen.

Freitag, 29. April 2016

Legt die Hände in den Schoß!

Predigt am Sonntag Rogate, 1. Mai 2016, über 1.Timotheus 2,1-6a:

Zuallererst möchte ich, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, sogar für die Regierenden und alle hohen Beamten, damit wir ein stilles und ruhiges Leben führen können, in aller Gottesfurcht und Würde. Das ist schön und gefällt Gott, unserem Retter, der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen,
dass Gott Einer ist,
Einer auch der Mittler zwischen Gott und Menschen,
der Mensch Jesus Christus,
der sich für alle zum Lösegeld gab.

Eigene Übersetzung, vgl. http://offene-bibel.de/wiki/1_Timotheus_2

Liebe Schwestern und Brüder,

"wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten", hört und liest man manchmal, besonders vor Wahlen. Manch einer begründet mit diesem Satz auch sein Nichtwählen: "Meine Stimme ändert doch sowieso nichts; da kann ich auch gleich zuhause bleiben", heißt es. Das ist natürlich Blödsinn - sowohl der Spruch über die Wahlen, die nichts ändern, als auch die Haltung des Nichtwählens. Dass allgemeine, freie und geheime Wahlen etwas verändern, sieht und erlebt man immer wieder da, wo sie möglich sind. In unserem Land hat vor über 25 Jahren die erste frei gewählte Volkskammer viele Hoffnungen geweckt. Dass manche dieser Hoffnungen enttäuscht wurden - daran sind nicht die Wahlen schuld. Und dass Machthaber, wenn und wo sie können, Wahlen manipulieren, Wähler einschüchtern, Kandidaten oder Parteien nicht zulassen oder das Wahlergebnis nicht anerkennen, spricht nicht gegen die Wahl - im Gegenteil! Darum steckt in diesem Spruch mehr als ein Körnchen Wahrheit: Allgemeine, freie und geheime Wahlen gibt es in Ländern mit Dikatatoren und autoritären Regimen nicht, weil sie tatsächlich alles ändern würden.

I
"Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten" - gleiches kann man wohl auch über das Gebet sagen: 
"Wenn Beten etwas ändern würde, wäre es verboten". Wahrscheinlich ist, wie bei den Wahlen die Partei der Nichtwähler, auch beim Beten die Partei der Nichtbeter die größte. Vielen Menschen erscheint es sinnlos, mit einem Gott zu sprechen, den man nicht sehen kann und der nicht antwortet. Das ist, als führe man Selbstgespräche, und das ist irgendwie --- peinlich. 
Außerdem bringt das Beten nichts. Wenn man für die Klausur nicht gelernt hat, bewahrt einen auch das inbrünstigste Gebet nicht vor einer Fünf. Den kranken Freund macht ein Gebet nicht gesund; die Liebste, die einen verließ, bringt es nicht zurück; den alkoholkranken Nachbarn rettet es nicht vor der Sucht. Die Skepsis scheint berechtigt: 
"Wenn Beten etwas verändern würde, wäre es verboten".

II
Warum also sollte man überhaupt beten?
Die Epistel gibt eine überraschende Antwort auf diese Frage, sie lautet: "Ich möchte, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Danksagung für alle Menschen".
Überraschend ist dieser Satz in mehrfacher Hinsicht:
1. Zunächst ist Beten offenbar nichts, was von der Stimmung abhängt, der eigenen Lust und Laune. Die Epistel verlangt es einfach von ihren Lesern: „Ich möchte …“, heißt es da. Beten ist eine Pflicht. Heute, am Tag der Arbeit, wo es um die Rechte der Arbeitnehmer geht, hören wir das nicht so gern. Doch zugleich passt es gerade zum Tag der Arbeit: Beten ist Arbeit. Ora et labora lautet die Regel der Mönche im Kloster, bete und arbeite. Man hat den Eindruck, als handele es sich um einen Gegensatz - hier das besinnliche, gemütliche, entspannende Gebet, dort die harte, fordernde, ermüdende Arbeit. Aber wer sich einmal den Tagesablauf der Mönche im Kloster angesehen hat, weiß, dass dieser Gegensatz nicht stimmt: Sieben Mal am Tag und einmal des Nachts zu beten ist richtig anstrengende, harte Arbeit.
Es müsste also richtigerweise lauten: Orare est labora, Beten ist Arbeit. Jede geistige Arbeit ist nicht weniger anstrengend als körperliche Arbeit - das erfahren Schüler und Studierende am eigenen Leib.

III
2. Die nächste Überraschung: Beim Beten geht es offenbar gar nicht um mich, meine Befindlichkeiten und Bedürfnisse. Beten ist kein Kreisen um sich selbst, sondern ein Durchbrechen dieses Kreisens, indem man einmal an andere denkt. Es besteht, so die Epistel, aus Fürbitte und Dankgebet. In der Fürbitte denke ich an andere, im Dankgebet danke ich für andere.
Ich denke an Menschen, die mich beschäftigen.
- Weil ich mir Sorgen um sie mache: Sie sind vielleicht krank; sie wirken niedergeschlagen oder traurig auf mich; ich weiß, dass sie gerade Schweres durchmachen.
- Menschen beschäftigen mich auch, wenn ich mich über sie ärgere: Jemand hat mich nicht gegrüßt. Jemand war pampig zu mir. Jemand war gemein zu mir, hat mich verletzt oder enttäuscht.
- Dann gibt es die Menschen, die mich beschäftigen, weil sie mir auf der Seele liegen: Ich habe ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich ihnen Unrecht tat, sie vergaß, oder einen Fehler machte.
- Und schließlich gibt es noch die Menschen, an die ich denken sollte, die ich aber immer wieder vergesse: Die alten Eltern. Freunde, die weggezogen sind. Die Nachbarin oder den Nachbarn, der keine Angehörigen mehr hat und einsam ist. Die Kollegin, die im Krankenhaus liegt.
Ihnen allen gilt unsere Fürbitte - oder sollte sie gelten.
Nun wird auch deutlich, warum Beten Arbeit ist: Wenn man wirklich an all diese Menschen denken wollte, das artete ja tatsächlich in Arbeit aus!
Aber was spricht dagegen, sich die Namen der Menschen, an die man denken will oder sollte, auf einen Zettel zu schreiben und sich einmal am Tag fünf Minuten Zeit zu nehmen, an sie zu denken? Man muss dafür kein Gebet formulieren - Gott weiß doch sowieso, um was wir ihn bitten wollen. Es genügt, wenn wir für einen Moment in Gedanken bei diesen Menschen sind.

IV
Zur Fürbitte, in der ich an Menschen denke, kommt das Dankgebet, in dem ich für Menschen danke. Wann machen wir uns schon bewusst, dass es jemanden gibt, den wir lieb haben und der uns lieb hat? Wann denken wir dankbar daran, dass es Menschen gibt, die uns gut tun und uns Gutes tun; die uns helfen, wenn wir Hilfe brauchen, oder einfach mal auf einen Plausch vorbeischauen; die uns ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, die uns glücklich machen, weil es sie gibt, die uns zum Lachen bringen? Wann denken wir daran, wie kostbar die Zeit ist, die wir mit lieben Menschen verbringen dürfen? - Kinder werden viel zu rasch erwachsen und ziehen aus; Eltern oder Großeltern werden alt und sterben; Verwandte, Freunde, die zu Besuch waren, müssen wieder abreisen.
Auch die Namen dieser Menschen könnten auf unserem Zettel stehen; auch ihnen könnten wir fünf Minuten unserer Zeit widmen, in denen wir an sie denken und Dankbarkeit dafür empfinden, dass es sie gibt.

Was geschieht in diesen fünf Minuten? 
Mehr, als eine Predigt ausmalen kann.
Wer an einen Menschen denkt, vergegenwärtigt ihn sich. Es ist, als wäre er da, in seiner Nähe. So steht er vor dem geistigen Auge als der, der er oder sie ist: mit Stärken und Schwächen, mit dem, was man ihr oder ihm geschenkt hat und was man schuldig geblieben ist.
Und indem man betet, stehen beide, der andere Mensch und man selbst, vor Gott. Dabei bewirkt das Gebet, dass man den anderen mit Gottes Augen sieht - Augen, die liebevoll, barmherzig und voller Vergebung sind. Da kann man nicht anders, da muss man selbst über seinen Schatten springen: da entdeckt man das Liebenswerte am anderen; da empfindet man Mitleid mit dem anderen; da vergibt man dem anderen.

V
3. Es gibt noch eine dritte Überraschung in dem Satz aus der Epistel: "Ich möchte, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Dankgebet für alle Menschen". Die dritte und vielleicht größte Überraschung ist, dass unser Gebet allen Menschen gelten soll. Die Epistel nennt als besonders extremes Beispiel die Regierenden und Beamten. Wir verstehen heute nicht mehr, was daran extrem sein soll. Die Bundeskanzlerin würde sich sicher freuen, wenn wir für sie beteten, und uns würde es nichts ausmachen - selbst, wenn wir politisch vielleicht nicht auf einer Wellenlänge sind. Aber als die Epistel geschrieben wurde, da litten Christen unter den Regierenden und Beamten: Sie ordneten brutale Verfolgungen gegen die Christen an, die nicht selten mit einem entsetzlich grausamen Tod endeten. Regierende und Beamte waren damals Todfeinde der Christen. Was die Aufforderung, für diese Leute zu beten, bedeutet, kann man sich vielleicht am besten vorstellen, wenn man sich ausmalt, wie die Aufforderung der Epistel wohl zu DDR-Zeiten gelautet hätte: „ich möchte, dass man betet: Gebete als Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, sogar für den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und für den Minister Erich Mielke".
Spätestens jetzt wird deutlich, wie groß die Zumutung ist, für alle Menschen beten zu sollen, und welcher Sprengstoff in der gleichlautenden Aufforderung Jesu steckt, seine Feinde zu lieben und für die zu bitten, die einen hassen und verfolgen.

VI
Warum sollte man sich das antun?
Warum sollte man für Leute beten, die das nicht verdienen? Für gemeine Halunken, Schweinehunde, Verbrecher?

Eben darum.
Eben weil wir manche Menschen nur noch als Halunken, Schweinehunde, Verbrecher sehen und bezeichnen und dabei vergessen, dass auch sie, trotz allem, Menschen sind. Gott mutet uns zu, dass wir auch in diesen Unmenschen das Menschliche suchen und entdecken und keinem Menschen das Menschsein absprechen, so unmenschlich er auch sein mag. Denn auch wir bleiben in Gottes Augen immer Menschen, ja, seine geliebten Töchter und Söhne, ganz gleich, was wir getan haben und ganz gleich, was andere oder wir selbst uns nicht vergeben können.
Das Gebet für alle Menschen kostet Überwindung. Auch deshalb ist Beten Arbeit. Eine Arbeit, die uns selbst zugute kommt. Denn erst, wer seinem Feind zugestehen kann, trotz allem ein Mensch und ein Kind Gottes zu sein, kann aus vollem Herzen glauben und annehmen, dass Gott auch ihn selbst als sein geliebtes Kind ansieht und haben will.
Vergebung erfährt nur, wer versucht, anderen zu vergeben. Darum beten wir im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“.

VII
Beten ist Arbeit. Am Ende eines langen Arbeitstages, am Sonntag, am Tag der Arbeit zumal, möchte man einmal nicht arbeiten müssen und auch nicht daran erinnert werden. Aber die fünf Minuten, die wir uns Zeit nehmen, um in Fürbitte und Dank an andere zu denken, sind nicht vertan. Sie kommen ihnen wie uns zugute, indem sie uns verändern. Und gemeinsam werden wir, durch das Gebet verändert, die Welt verändern. Als Betende sind wir Christen Salz der Erde, weil wir der Unmenschlichkeit die Menschlichkeit entgegenhalten, der Unbarmherzigkeit die Barmherzigkeit, der Berechnung die Vergebung.
Darum lassen Sie uns an die Arbeit gehen, gerade heute, am Sonntag, der auch der Tag der Arbeit ist! Dazu brauchen wir nicht die Ärmel hochzukrempeln - im Gegenteil: Wir Christen verändern die Welt, indem wir die Hände falten und in den Schoß legen!
Amen.

Freitag, 1. April 2016

Aufs Sehen verzichten

Predigt am Sonntag Quasimodogeniti, 3. April 2016, über 1.Petrus 1,3-9:

Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns wegen seiner großen Barmherzigkeit wieder gezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen, reinen und unverwelklichen Heilsbesitz, für euch im Himmel aufbewahrt, die ihr durch Gottes Macht bewahrt seid durch den Glauben zur Rettung, die bereitet ist, um zur letzten Zeit offenbart zu werden. In ihr jubelt ihr, die ihr jetzt ein wenig, wenn es sein soll, durch mannigfache Prüfungen betrübt werdet, damit die Echtheit eures Glaubens, die viel wertvoller ist als das vergängliche Gold, das doch durchs Feuer geprüft wird, erwiesen wird zu Lobpreis und Ruhm und Ehre bei der Offenbarung Jesu Christi. Ihn liebt ihr, obwohl ihr ihn nicht seht, an ihn glaubt ihr, ohne ihn jetzt zu sehen, doch jubelnd mit unaussprechlicher verklärter Freude, weil ihr das Ziel eures Glaubens erreicht, die Rettung eures Lebens.
(Eigene Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

von Cat Stevens, der sich heute Yusuf Islam nennt, gibt es ein Lied, in dem er davon singt, was wäre, wenn er dies oder das nicht mehr könnte. "Moon shadow" heißt es auf Englisch. Er singt darin z.B.: "Sollte ich jemals meine Beine verlieren, würde ich weder klagen noch betteln, denn sollte ich jemals meine Beine verlieren, müsste ich nie wieder laufen. Und sollte ich jemals meinen Mund verlieren, meine Zähne oben und unten ausfallen, ja, sollte ich jemals meinen Mund verlieren, müsste ich nie wieder etwas sagen".

Ich weiß nicht, ob wir den Verlust einer Fähigkeit oder eines Körperteils so locker verkrafteten, wie Cat Stevens es in seinem Lied zu tun scheint. Vielleicht meint er es auch nicht ganz so ernst, und wahrscheinlich würde es ihm ziemlich viel ausmachen, wenn er nicht mehr laufen oder singen könnte. Aber bedenkenswert ist seine Anregung doch, nicht nur zu beklagen, was man verliert, sondern auch wahrzunehmen, was nun nicht mehr nötig ist oder was man vielleicht sogar gewinnt. Denn mit zunehmendem Alter büßen wir immer mehr Fähigkeiten ein. Die Ausdauer lässt nach, man kommt schneller aus der Puste als früher und hat auch keine Lust mehr, hinter einem Bus herzurennen. Man ist nicht mehr so beweglich wie man es als Jugendliche war, hört und sieht schlechter.

Den schleichenden Verlust seiner Fähigkeiten bemerkt man zum Glück kaum. Erst über einen längeren Zeitraum hinweg wird einem  bewusst, was nun nicht mehr geht, und manchmal bedauert man das. Schlimm ist es aber, wenn man plötzlich, von einem Moment zum nächsten, etwas nicht mehr kann, durch einen Unfall z.B. Davor haben viele Angst - ich auch. Meine größte Angst war immer, nicht mehr sehen zu können. Wir verlassen uns nun mal auf unsere Augen, wie ein Hund sich auf seine Nase verlässt.

II
Zu erblinden gehört für viele Menschen mit zum Schlimmsten, was man sich vorstellen kann. Die Farben, die Schönheit der Natur nicht mehr sehen zu können, sich selbst und die Menschen, die man liebt - eine schreckliche Vorstellung! Wie soll man sich zurechtfinden, wie überhaupt etwas finden oder etwas normalerweise so Einfaches schaffen, wie sich eine Tasse Kaffee einzuschenken? Wir verlassen uns so sehr auf unsere Augen, dass wir uns gar nicht vorstellen können, dass es überhaupt anders geht und dass natürlich auch ein blinder Mensch sich selbst eine Tasse Kaffee einschenken kann, ohne zu kleckern.

Wir sind Augenwesen, für die Sehen etwas Selbstverständliches ist - so selbstverständlich, dass wir nur glauben, was wir mit eigenen Augen sehen. So wie Thomas im Evangelium, so sind auch wir: wir möchten sehen und begreifen, etwas anfassen, um es im Wortsinn zu be-greifen, wie Thomas seinen Finger in die Wunde legen wollte. Wenn es sich um komplizierte oder empfindliche Dinge handelt, verbietet deshalb oft ein Schild: "Bitte nicht berühren!" Denn man würde doch zu gerne mal nur ganz kurz ein kleines bisschen mit dem Finger …

Der Glaube ist so gar nichts für uns Augenwesen, denn da gibt es nichts zu sehen. Zwar haben Künstler zu allen Zeiten sich und den Gläubigen ausgemalt, wie Jesus ausgesehen haben könnte. Haben die Geschichten der Bibel bebildert und ihren Protagonisten Gestalt und Charakter gegeben. Haben Himmel und Hölle in den schönsten oder düstersten Farben geschildert und mit Engeln oder grausamen Fabelwesen bevölkert. Aber den Glauben konnten sie mit all ihrer Kunst nicht wecken und schon gar nicht beweisen.

III
Beim Glauben versagt unser wichtigster Sinn, das Sehen. Er kann uns da überhaupt nicht helfen, ja, manchmal ist er uns richtig im Wege. Vielleicht schließt mancher deshalb beim Beten die Augen: um nicht abgelenkt zu werden von äußeren Reizen und sich ganz auf die Wirklichkeit des Glaubens zu konzentrieren.

Ich habe mal mit Jugendlichen an einem "Dialog im Dunkeln" teilgenommen. Dabei ging es darum, zu erleben, wie ein Blinder die Welt wahrnimmt. Wir bekamen einen Blindenstock in die Hand, uns wurde erklärt, wie man damit den Weg ertastet - indem man ihn nicht wie einen Stock umfasst, sondern ihn als verlängerten Zeigefinger benutzt -, dann führte uns ein Blinder durch ein stockdunkles Labyrinth von Räumen. Er "sah" den richtigen Weg, wo wir uns im Dunkeln hoffnungslos verirrt hätten. Es war so komplett dunkel, dass es keine Rolle spielte, ob man die Augen auf oder zu hatte. Doch zu meiner Überraschung konnte ich mich schon nach kurzer Zeit zurechtfinden und "sah" mit meinem Blindenstock mehr, als ich geglaubt hatte. Gehör, Gefühl und auch Geruchssinn ersetzten das fehlende Sehen.

Glaube ist kein Ersatz fürs Sehen. Er ist vielmehr ein Sinn, der aktiviert wird, wenn wir auf das Sehen verzichten. Darauf verzichten, zu beweisen, zu begreifen, sondern uns der Wirklichkeit Gottes auf andere Weise nähern. Der Wissenschaftler rümpft darüber die Nase, der moderne Mensch findet es peinlich oder primitiv. Sie ahnen nicht, was ihnen entgeht.

IV
Was bekommt denn der Glaube zu "sehen", was dem Nichtglaubenden entgeht?
Ich würde sagen: Ein glaubender Mensch steht über den Dingen. Er oder sie steht sozusagen neben sich und betrachtet sich und die Welt aus einer anderen Perspektive, mit anderen Augen. Das ist eine Erfahrung, wie ich sie beim "Dialog im Dunkeln" machen konnte. Mit einem Mal merkt man, dass man seine Umwelt auch anders "sehen" kann. Grenzen werden durchlässig, Überzeugungen geraten ins Wanken. Sätze wie "das war immer schon so", "das gehört sich so" oder "das muss nun mal so sein" werden einem plötzlich verdächtig. Man beginnt sich zu fragen, ob wirklich alles so sein und bleiben muss, wie es ist, oder ob es nicht auch anders ginge. Liebevoller. Freundlicher. Gerechter. Hoffnungsvoller.

Wenn Grenzen ins Fließen geraten und Überzeugungen wanken, beginnt man auch, die Werte und Ziele infrage zu stellen, an denen man sich bisher orientierte. Ist Geld wirklich das Wichtigste im Leben? Muss ich mir alles leisten können, muss ich alles kaufen, was es gibt? Ist unsere Art zu wirtschaften wirklich "alternativlos"? Ist unsere Freiheit tatsächlich nur um den Preis vertriebener Familien, unsere Ernährung tatsächlich nur um den Preis der Tierquälerei und der Schädigung der Umwelt, unser Wohlstand tatsächlich nur um den Preis verhungernder Kinder, zerstörter Natur, vergifteter Luft, Wasser und Erde zu haben?

Der Glaube bekommt all das Unrecht zu sehen, das in der Welt geschieht und für das wir mit verantwortlich sind, und das ist kein schöner Anblick. Der Glaube sieht aber auch die Hoffnung, dass unsere Welt noch zu retten ist; die Hoffnung, dass der Mensch gut sein kann; die Hoffnung, dass unser Leben einen Sinn hat, der darüber hinausgeht, Konsument und ein gutgläubiger Depp für die Wirtschaft zu sein. Der Glaube sieht, dass jeder Mensch schön ist und dass diese Schönheit unschätzbar und unbezahlbar ist.

V
"Ihn, Jesus Christus, liebt ihr, obwohl ihr ihn nicht seht; an ihn glaubt ihr, ohne ihn jetzt zu sehen".
Der Glaube tut das in den Augen der "vernünftigen" Menschen Verrückte und hält sich an Christus. Wie von einem Blindenstock lässt er sich von Jesus durch die Wirklichkeit führen und sieht mit geschlossenen Augen mehr als viele kluge Wissenschaftler, Politiker oder Unternehmer. Denn er sieht die Konsequenzen. Er sieht die Mitmenschen, und er sieht die Zukunft. Er sieht die Schönheit dieser Welt, ihrer Pflanzen, Tiere und Menschen, die von unserer Gier, unserem rücksichtslosen Raubbau bedroht ist. Und so öffnet er sich für die andere Wirklichkeit, die Wirklichkeit Gottes, die Liebe. 
Martin Luther hat es in seiner Schrift "Von der Freiheit eines Cristenmenschen" so beschrieben:
"Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe".
Für diese Freiheit eines Christenmenschen öffnet der Glaube uns den Sinn: Er lässt uns Gottes Liebe zu uns erkennen, und er macht uns empfänglich für die Not und die Schönheit unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe. Es ist eine ganze Welt, die uns der Glaube aufschließt; eine Wirklichkeit, von der uns Hören und Sehen vergehen. Lassen wir sie vergehen. Unser Herz wird uns sagen, was zu tun ist.
Amen.


Montag, 28. März 2016

Schwerer als der Glaube an die Auferstehung

Predigt am Ostermontag, 28. März 2016, über 1.Korinther 15,12-20:

Wenn aber Christus verkündigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wieso sagen einige bei euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferstanden. Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist auch unsere Verkündigung inhaltsleer, leer auch euer Glaube. Außerdem stehen wir als falsche Zeugen Gottes da, weil wir im Widerspruch zu Gott bezeugt haben, dass er Christus auferweckt habe, den er nicht auferweckte, wenn, wie sie sagen, die Toten nicht auferstehen. Wenn nämlich die Toten nicht auferstehen, ist auch Christus nicht auferstanden. Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, ist euer Glaube nichtig, seid ihr noch in euren Sünden, sind auch die in Christus Entschlafenen der Macht des Todes verfallen. Wenn wir allein in diesem Leben auf Christus hoffen, sind wir bemitleidenswerter als alle Menschen.
Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erster der Entschlafenen.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus trifft Jesus zwei seiner Jünger, denen er einiges erklären muss. Sie haben nicht verstanden, was geschehen ist. Vor allem aber verstehen sie nicht, was die Auferstehung bedeutet.
Richtig peinlich, die Jünger. Alles muss Jesus ihnen erklären: die Gleichnisse muss er ihnen auslegen. Bei seiner Verklärung begreifen sie nicht, was geschieht. Als Jesus seinen Tod ankündigt, will Petrus ihn von seinem Weg abbringen. Bei der Fußwaschung will Petrus sich erst gar nicht waschen lassen, dann aber auch noch den Kopf gewaschen bekommen. Und dann ist da noch der ungläubige Thomas, der nicht glauben kann, ohne seinen Finger in die Wunde zu legen.
Quer durch die Evangelien zieht sich die Begriffsstutzigkeit, das Unverständnis der Jünger. Waren sie einfach zu dumm?

I
Sind wir ehrlich, geht es uns auch nicht anders als den Jüngern: Vieles an unserem Glauben verstehen wir nicht. Selbst die zwei Jahre Konfirmandenunterricht reichen nicht aus, um alles über den Glauben zu lernen - im Gegenteil: Je mehr man über den Glauben weiß, desto mehr Fragen hat man. Selbst ein so großer Theologe wie Martin Luther bekannte auf dem Sterbebett: „Den Vergil kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirt oder Landmann gewesen. Den Cicero in seinen Briefen versteht niemand, wenn er nicht zwanzig Jahre in einem hervorragenden Staatswesen sich betätigt hat. Die Heilige Schrift meine niemand genügend geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre mit den Propheten Kirchen geleitet. Wir sind Bettler. Das ist wahr.“ (WA 5 Nr. 5677, 317f)

Ist der Glaube tatsächlich so schwer zu verstehen?
Glauben an sich ist ja kinderleicht - jedenfalls haben ihn viele von uns bereits als Kinder kennen gelernt,
und seitdem gehen wir mehr oder weniger selbstverständlich davon aus, dass Gott existiert, dass man mit ihm reden kann.
Im „Mehr oder weniger“ - da liegt das Problem:
Wenn wir erklären sollten, was wir eigentlich glauben, und wie wir uns das so vorstellen mit Gott und der Welt, fehlen uns oft die Worte. Wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus, können auch wir uns auf Vieles keinen Reim machen.

II
Die Auferstehung ist dabei wohl der größte Brocken, den der Glaube einem zu schlucken geben kann. Sie rangiert noch vor der Jungfrauengeburt und der Erschaffung der Welt in sieben Tagen, die jeder für sich schon unglaublich genug sind. Es ist ein schwacher Trost, dass es nicht nur uns Heutigen so geht, sondern schon die ersten Christen ihre Schwierigkeiten mit der Auferstehung hatten. So auch die Christen in Korinth, denen Paulus schreibt. Einige von ihnen waren der Meinung, dass man auch ohne Auferstehung an Christus glauben kann. Dass die Auferstehung sozusagen ein entbehrliches Extra ist, das man auch weglassen kann, um den Glauben nicht mit etwas Unglaublichem zu belasten. Ich denke, diese Auffassung der Korinther teilen noch heute viele Menschen. Paulus aber widerspricht dieser Auffassung ungewöhnlich scharf, ja, er spricht denen, die die Auferstehung weglassen wollen, geradezu den Glauben ab: Wer nicht an die Auferstehung glaubt, glaubt gar nicht. Wer Christus nur als einen besonderen, vorbildlichen Menschen wie den Mahatma Gandhi oder die Mutter Theresa sehen will, ist „bemitleidenswerter als alle Menschen“.

III
Paulus nimmt den Mund ziemlich voll.
Man sollte meinen, wenn einer so schroff und absolut anderen den Glauben abspricht, hat er gute Gründe dafür. Hat Paulus die? Auf den ersten Blick klingt es ja ganz überzeugend, was Paulus da sagt, aber hört man genauer hin, wiederholt er sich einfach nur: Die Auferstehung Jesu und die Auferstehung der Toten hängen zusammen. Wenn die Toten nicht auferstehen, ist Jesus auch nicht auferstanden, dann gibt es also kein Ostern. - Na gut, könnte man einwenden, kein Ostern zu haben, wäre zwar schade, aber richtig fehlen würde es einem auch nicht - im Gegensatz zu Weihnachten - oder?

IV
Warum ist der Glaube „leer“ und „nichtig“, wenn es keine Auferstehung der Toten gibt? Paulus erklärt es nicht - die Korinther scheinen zu wissen, was er meint. Er hat es ihnen offenbar gepredigt. Was wissen die Korinther, was wir nicht wissen?

Die Emmausgeschichte und der Brief des Paulus an die Korinther sind lange nach dem Tod Jesu enstanden. Paulus schrieb etwa 30 Jahre nach dem Tod Jesu nach Korinth; Lukas schrieb sein Evangelium erst 50 Jahre nach Jesu Tod.
Der Brief und das Evangelium wurden geschrieben mit dem Wissen um Jesu Tod und Auferstehung. Sie sind überhaupt nur deswegen entstanden, weil Jesus nicht nur ein besonderer Mensch war, sondern weil er auferstanden ist. Denn erst mit seiner Auferstehung bewahrheitete sich, was er gepredigt hatte: Dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen war.
Das Reich Gottes - das ist nicht der Himmel auf Erden, und das ist auch kein Gottesstaat. Das Reich Gottes, das ist vielmehr der Einbruch einer anderen Wirklichkeit in unsere. Auferstehung erwartet uns nicht erst am Ende der Zeiten, wenn die Posaune erschallt und die Toten auferstehen. Auferstehung hat direkt etwas mit uns zu tun, sie betrifft unseren Alltag, unser Hier und Jetzt - aber wie?

V
Im Wort Auferstehung steckt das Aufstehen, und das ist mehr als ein Wortspiel.
Die Auferstehung Christi bewirkt, dass wir aufstehen können, immer und immer wieder. Denn mit der Auferstehung Christi ist nicht nur das Reich Gottes Wirklichkeit geworden, sondern auch etwas anderes, das Jesus verkündigt hat: die Vergebung der Sünden. Die Vergebung der Sünden ist die Möglichkeit, jeden Tag neu anzufangen. Weil mir vergeben ist, kann ich jeden Tag hinter mir lassen, was war. Es ist nicht vergessen, es bleibt als Fehler, als Schuld, als Belastung. Aber Gott legt mich nicht darauf fest. Gott gibt mir die Chance, es noch einmal neu zu versuchen - auch wenn es möglicherweise ein weiteres Mal in die Hose geht. Ich kann die Konsequenzen tragen und mit ihnen leben, weil das, was ich tue, nicht darüber entscheidet, wer ich bin. Gott legt mich nicht auf meine Fehler fest, sondern auf meine Möglichkeiten - meine Möglichkeit, zu lieben und gut zu sein.

Die Auferstehung schafft also neben dem, was wir als Wirklichkeit vorfinden, noch eine andere Wirklichkeit. 
In der vorfindlichen Wirklichkeit habe ich einen Fehler gemacht, habe vielleicht sogar versagt. 
In der vorfindlichen Wirklichkeit fühle ich mich hässlich, minderwertig, zu dick oder zu unsportlich. 
In der vorfindlichen Wirklichkeit habe ich keinen Erfolg, keinen tollen Job, keinen großen Besitz, keine einflussreichen Freunde.
Aber in der anderen Wirklichkeit bin ich von Gott über alles geliebter Mensch.
In der anderen Wirklichkeit mag Gott mich so, wie ich bin.
In der anderen Wirklichkeit sieht Gott nicht meine Fehler und Schwächen, sondern meine Möglichkeiten, mein Bemühen, meine gute Absicht.

VI
Schön und gut, diese andere Wirklichkeit - aber muss man dazu unbedingt an die Auferstehung glauben? Hier sind wir - und da ist Gott. Hier ist unsere Wirklichkeit, und da Gottes. Das geht auch ohne Auferstehung, die braucht man dazu nicht. Man kann einfach glauben, dass Gott uns lieb hat.

Nein, das kann man nicht.
Und zwar aus dem einfachen Grund, dass ohne die Auferstehung die andere Wirklichkeit Gottes keine Wirklichkeit wäre, sondern nur eine Einbildung.
Mit der Zumutung der Auferstehung steht und fällt, ob wir Gott für real halten, oder nur für eine nette, hilfreiche Phantasie, die niemandem schadet.

VII
Der Glaube an die Auferstehung ist eine Zumutung.
Es ist ganz schön viel verlangt, dass wir diese Kröte schlucken müssen, um glauben zu können.

Aber es ist noch die Frage, was schwerer ist:
An die Auferstehung zu glauben, oder daran, dass ich gut und schön und richtig bin, wie ich bin? Dass es nicht auf meine Leistung, auf meinen Erfolg ankommt und nicht darauf, wie ich dastehe und was die anderen von mir halten, sondern allein darauf, was Gott von mir hält?

Es ist noch die Frage, was schwerer ist:
An die Auferstehung zu glauben, oder daran, dass Gottes Liebe nicht nur mir gilt und den Menschen, die ich mag und nett finde. Sondern auch und gerade denen, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Sie gilt den bedrohlich dunkeläugigen Flüchtlingen mit ihren befremdlichen kopftuchtragenden Frauen. Sie gilt den nervigen Nachbarn. Sie gilt den alten Feinden.
Wobei es nicht allein darauf ankommt, das einfach so dahinzusagen und zuzugeben. Wer tatsächlich glauben möchte, dass Gottes Liebe *allen* Menschen gilt, der muss auch so leben: Der muss *alle* Menschen als Gottes geliebte Kinder ansehen. Das ist oft sogar noch schwerer, als an so etwas unvorstellbares wie die Auferstehung zu glauben.

An die Auferstehung zu glauben ist nicht so schwer.
Viel schwerer ist es, sie für mich gelten zu lassen.
Noch schwerer ist es, sie für meine Mitmenschen gelten zu lassen.

Zu diesem Glauben will Paulus uns ermutigen.
Für diesen Glauben ließ Jesus sich ans Kreuz schlagen.
Damit dieser Glaube wahr wird, hat Gott ihn auferweckt.

Amen.

Sonntag, 27. März 2016

Glauben an Geschichten

Predigt im Familiengottesdienst am Ostersonntag, 27. März 2016, über 1.Korinther 15,1-11:

Ich lasse euch aber, liebe Schwestern und Brüder, die Frohbotschaft wissen, die ich euch predigte, die ihr auch angenommen habt, in der ihr auch fest steht, durch die ihr auch gerettet werdet, in dem Wortlaut, in dem ich sie euch predigte, wenn ihr sie festhaltet, es sei denn, ihr glaubt ohne Sinn und Verstand.
Denn in erster Linie habe ich euch überliefert, was auch ich angenommen habe:
Dass Christus für unsere Sünden starb gemäß der Schrift,
dass er begraben wurde,
dass er am dritten Tag auferweckt wurde gemäß der Schrift,
und dass er Kephas erschien, darauf den Zwölfen.
Darauf erschien er mehr als 500 Schwestern und Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch leben, einige aber sind entschlafen. Darauf erschien er Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem von allem, quasi als einer Fehlgeburt, erschien er auch mir. Ich bin ja der geringste der Apostel, nicht einmal geeignet, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgte. Gott sei Dank aber bin ich, was ich bin, und seine Gnadengabe für mich blieb nicht ohne Erfolg, sondern mehr als alle anderen plagte ich mich. Aber nicht ich, sondern Gottes Gnadengabe, die mit mir ist. Ob nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

man muss nicht alles glauben, was einem so erzählt wird.
Das lernt man schon als Kind, wenn man veräppelt und hereingelegt wird. Dann ärgert man sich, dass man man so leichtgläubig war, und nimmt sich vor, nicht mehr so schnell auf etwas hereinzufallen. In ein paar Tagen schicken wir uns wieder gegenseitig in den April. Dann darf man einen ganzen Tag lang andere hereinlegen, wenn man es schafft. Und sie dürfen einem nicht böse sein, dass man sie in den April geschickt hat.

I
Man muss nicht alles glauben, was einem so erzählt wird.
Muss man an die Auferstehung glauben?
Sie ist ziemlich starker Tobak und mit unserer Erfahrung und den Naturgesetzen nicht zu vereinbaren. Was einmal tot ist, so unsere Erfahrung, wird nicht wieder lebendig. Mit dem Tod geht etwas im Menschen kaputt, das kein Arzt der Welt reparieren kann. Von einem Moment zum nächsten wird aus einem lebendigen Menschen ein lebloser Körper, der nur noch so aussieht wie der Mensch, den man kannte und liebte. Aber der, den man kannte und liebte, ist nicht mehr da. Es ist, als sei er aus seinem Körper ausgezogen, fortgegangen und hätte den Körper als Hülle zurückgelassen, so, wie man abends seine Kleider ablegt.
Das alles soll jedoch für Jesus nicht gegolten haben. Bei ihm wurde es außer Kraft gesetzt. Er war tot - und wurde doch wieder lebendig. Kann man das glauben?

II
Wie ist es sonst, wenn wir etwas glauben?
Wenn z.B. jemand fragt: Glaubst du, dass es bald regnet?, was machen wir da? Wir gucken aus dem Fenster und schauen in den Himmel. Wir suchen nach Anzeichen, die auf Regen hindeuten, und wenn es nach Regen aussieht, sagen wir: Ja, du nimmst besser deinen Schirm mit.

Oder wenn jemand fragt: Glaubst du, du schaffst das? Dann sehen wir uns die Aufgabe an, überlegen, was dazu nötig ist, und wenn sie uns zu schwer erscheint, antworten wir: Nein, das schaffe ich nicht - oder: alleine schaffe ich's nicht, du musst mir helfen.

Oder wenn jemand fragt: Hast du mich lieb? …
Aber das ist keine Glaubensfrage - oder?
Dass man jemanden liebt, das glaubt man nicht, das fühlt man: Am Herzklopfen. An den plötzlich feuchten Händen. An den Schmetterlingen im Bauch. An der Wärme, die einen durchflutet, wenn man an den anderen denkt. Daran, dass dieser andere Mensch einen glücklich macht.
Aber wie ist es umgekehrt? Fühlt man auch, dass man geliebt wird?

Es ist wohl nicht so sehr das Gefühl, es sind eher Zeichen, die einen davon überzeugen, geliebt zu werden: Wenn der andere aufmerksam und zärtlich ist. Wenn er sich um einen bemüht.  Wenn man mit einem Kuss geweckt wird, eine Tasse Kaffee ans Bett gebracht wird. Wenn man Blumen geschenkt bekommt, oder einen Ring: Dann ist der oder die andere unübersehbar in einen verliebt.

Wie aber ist es im Alltag? Wie ist es zwischen Tür und Angel, wie, wenn man sich nervt, sich streitet? Wie ist es, wenn man dem anderen weh getan, sie oder ihn verletzt hat? Dann kann man oft nur glauben, dass der andere einen liebt - dass er einen trotzdem liebt. Manchmal fällt es ganz schön schwer, an die Liebe des anderen zu glauben …

III
Und unsere Kinder? Woher wissen die, dass wir sie lieben - mehr als alles andere? Woher wissen sie, dass sie für uns die schönsten, klügsten, wichtigsten, liebenswertesten Menschen der Welt sind? Wie wird der Glaube unserer Kinder an unsere Liebe so sicher und so fest, dass er nicht erschüttert wird, wenn wir mit ihnen schimpfen, wenn wir uns mit ihnen streiten, wenn wir keine Zeit für sie haben, wenn wir müde und genervt von der Arbeit heimkommen, wenn sie das erste Mal allein auf Klassenfahrt sind oder eines Tages von zuhause ausziehen?

Wir haben ihnen hoffentlich zeigen können, wie sehr wir sie lieben. Wir haben sie hoffentlich oft genug im richtigen Moment in den Arm genommen, ihnen Trost gespendet, wenn sie ihn brauchten, ihnen zugehört, wenn es nötig war, sie oft genug gelobt, sie oft genug angelächelt und angestrahlt, dass ihr Liebesakku voll aufgeladen ist, wenn sie ihre eigenen Wege als Erwachsene gehen.

Und wir haben ihnen, wenn es gut ging, Geschichten weitergegeben. Geschichten, die von unserer Liebe zu ihnen erzählen. Das können unvergessliche gemeinsame Erlebnisse sein - eine Übernachtung im Zelt, ein toller Urlaub, ein abendlicher Spaziergang, das gemeinsame Spielen, Toben, Malen oder Kochen. Das kann die Gutenachtgeschichte sein, oder ein Lied, das man immer gemeinsam sang. Diese Geschichten erinnern unsere Kinder an unsere Liebe, wie uns unsere Geschichten an die Liebe unserer Eltern erinnern. Es sind kleine Schätze, die wir in uns tragen, und die leuchten und Wärme spenden, wenn wir sie herausholen, um sie wieder einmal anzusehen.

IV
Wenn es um die Auferstehung geht, haben wir nur Geschichten, keine Beweise, keine Augenzeugenberichte, keine Bilder oder Filme. Wir haben nur Geschichten, und mit Geschichten lässt sich nichts beweisen. Aber diese Geschichten sind wie die, die wir aus unserer Kindheit in uns tragen: sie sind Schätze, die uns eine andere Wirklichkeit aufschließen. Die Geschichten der Kindheit rufen uns, wenn wir eine gute Kindheit hatten, die Geborgenheit und Liebe bei den Eltern in Erinnerung.

Paulus erinnert die Korinther an die Geschichte der Auferstehung, die er ihnen erzählt hat. All die Zeugen, die er anführt, sind keine Augenzeugen in einem Beweisverfahren. Sie stehen für Geschichten - deshalb erinnert Paulus auch zweimal an die Bibel, wenn er sagt, dass es "gemäß der Schrift" geschah.
Die Geschichten, die von der Auferstehung erzählen, rufen uns in Erinnerung, wie sehr Gott uns liebt: So sehr, dass sein Sohn sich für uns ans Kreuz schlagen lässt. Sie rufen uns in Erinnerung, wie groß Gottes Liebe ist: So groß, dass der Tod sie nicht besiegen kann. Die Liebe ist stärker als der Tod. Damals, bei der Auferstehung Jesu, und auch heute - trotz aller Gewalt und allem Terror, die uns glauben machen wollen, dass die Macht der Fäuste, der Waffen, der Einschüchterung und des Schmerzes die Liebe besiegen könnte. Aber die Liebe wird sich immer gegen die Gewalt durchsetzen. Darum glauben wir an die Auferstehung: Wir glauben daran, dass Liebe und Menschlichkeit, dass Barmherzigkeit und Vergebung unbesiegbar sind.

V
Die wirklich wichtigen und entscheidenden Dinge im Leben kann man nicht beweisen. An die wirklich wichtigen und entscheidenden Dinge im Leben muss man glauben. Manche glauben nur an sich, an ihre Kraft, ihre Stellung, ihren Einfluss; an die Macht des Geldes, an die Macht der Gewalt. Dieser Glaube hat die schlagenden Argumente auf seiner Seite, deshalb sind so viele davon überzeugt, dass nur Geld, Macht und Gewalt zum weltweiten Frieden und zum persönlichen Glück führen.

Es sind nur wenige, die es besser wissen. Diese Wenigen sind die, die an die Geschichten glauben. An die kleinen Geschichten der Familie, und an die großen Geschichten der Familie Gottes, an Gottes Geschichte mit uns Menschen.
Von Gottes Geschichte mit uns Menschen, von seiner unumstößlichen Liebe zu jeder und jedem einzelnen von uns, erzählt uns die Bibel. Die Predigt über die biblischen Texte vergegenwärtigt uns Sonntag für Sonntag, dass diese Geschichten aktuell sind, dass sie uns und unsere Welt betreffen und dass sie einen anderen Weg eröffnen als den der Macht, der Gewalt und des Geldes. 

Zu diesen Geschichten gehört die Auferstehung. Sie ist die wichtigste, denn sie öffnet uns die Tür zu Gottes Wirklichkeit. Vor allem aber zeigt sie uns, dass es sich lohnt, auf die Liebe zu setzen. Weil die Liebe am Ende siegt und stärker ist als alles, was sich ihr entgegenstellen will - Hass, Neid, Gier, Rassismus, Unmenschlichkeit, Egoismus. Die Liebe ist stärker, stärker sogar als der Tod. Das feiern wir heute, an Ostern. Amen.

Freitag, 25. März 2016

Lasst euch versöhnen!

Predigt am Karfreitag, 25. März 2016, über 2.Korinther 5,14b-21:

Weil einer stellvertretend für alle gestorben ist, sind alle gestorben. Und er ist stellvertretend für alle gestorben, damit, wer lebt, nicht mehr sich selbst lebt, sondern für den, der für ihn gestorben und auferstanden ist. Daraus folgt, dass wir von jetzt an niemanden mehr nach seinem Äußeren kennen. Selbst wenn wir Christus nach seinem Äußeren gekannt hätten, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so. Das liegt daran, dass, wer zu Christus gehört, eine Neuschöpfung ist. Das Alte verging; sieh da, Neues ist entstanden. Das alles aber kam von Gott, der uns mit sich versöhnt hat durch Christus und uns den Auftrag zur Versöhnung gab, nämlich, dass Gott es war, der durch Christus die Welt mit sich versöhnt hat und ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnet und uns die Predigt der Versöhnung gab. An Christi statt wirken wir jetzt als Botschafter, indem Gott euch durch uns auffordert. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Gott hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit uns durch ihn Gottes Gerechtigkeit zuteil werde.
(Eigene Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man Bilder von den PEGIDA-Protesten sieht oder von den Demonstrationen vor Flüchtlingsheimen; wenn man sich die Reden der AfD-Führer anhört; wenn man Gespräche in der Bahn, beim EDEKA oder auf der Straße mit anhören muss, dann fällt eine Gemeinsamkeit auf, die man auf einen Begriff bringen kann: unversöhnlich. Was die Menschen, die der AfD ihre Stimme geben, mit dem Nachbarn verbindet, der sich in Tiraden über die Ausländer, die Bekannte oder die Politik ergeht, ist ihre Unversöhnlichkeit.

I
Unversöhnlich ist, wer schwer gekränkt wurde. Wer so verletzt wurde, dass nicht vorstellbar ist, wie dieser Schaden je wieder gut gemacht werden könnte. Da ist etwas zerbrochen, etwas ganz Grundlegendes und Grundsätzliches. Bei den Anhängern der AfD z.B. das Vertrauen in die Freiheit der Presse. Sie unterstellen den Medien, dass sie nicht wahrheitsgemäß berichten, die Wirklichkeit verzerren würden. Und das Vertrauen in die Politik, die offensichtlich „das Volk“, als das sich die AfD-Anhänger fühlen - auch, wenn die große Mehrheit des Volkes anders denkt als sie - nicht mehr versteht und nicht mehr vertritt.
Aber unversöhnlich stehen die Anhänger der AfD nicht nur der Politik und der Presse gegenüber, sondern auch den Flüchtlingen, die in unserem Land Schutz und die Chance zu einem menschenwürdigen Leben suchen. 
Da muss man fragen: Was haben diese Flüchtlinge den AfD-Anhängern angetan, dass sie ihnen so unversöhnlich begegnen? Was haben die, die aus Lebensgefahr, vor Terror und Schrecken, aus menschenunwürdigen Lebensverhältnissen geflohen sind und nun betteln, dass wir sie aufnehmen: was haben die verbrochen, dass es kein Mitleid für sie gibt? Was haben sie denen, die sich so vehement gegen sie wehren, getan?
Man wird antworten müssen: nichts haben sie ihnen getan.

II
Die Unversöhnlichkeit der PEGIDA und der AfD tritt besonders grell zutage, weil sich die Aufmerksamkeit der Medien auf sie richtet. Außerhalb des Lichtkegels der Kamerascheinwerfer fällt nicht auf, dass Unversöhnlichkeit nicht eine Domäne der AfD ist. Auch unter uns ist sie gang und gäbe: 
Wie oft wird als Begründung für einen Kirchenaustritt angegeben, ein Pfarrer oder ein kirchlicher Mitarbeiter habe sich falsch verhalten, ein Gottesdienst oder eine Amtshandlung sei nicht so gewesen, wie man sich das gewünscht hätte, oder „Kirche“ sei ganz allgemein nicht da gewesen, als man sie brauchte. Während man bei eigenen Fehlern Nachsicht erwartet und das Recht, es noch einmal zu versuchen, scheinen manche nur auf einen Fehler kirchlicher Mitarbeiter gewartet zu haben, um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können.
Oder wie oft lassen wir uns bei unseren Entscheidungen, in unseren Einschätzungen, bei unserer Meinungsbildung leiten von negativen Erfahrungen, die wir machen mussten, oder die andere machten? Da ist jemand von einem Ausländer bestohlen worden, also sind alle Ausländer Diebe. Da kennt jemand einen, der keine Arbeit suchen will, sondern mit der Sozialhilfe zufrieden ist, also sind alle Sozialhilfeempfänger faul und arbeitsscheu. Ebenso könnte man behaupten, dass alle Senioren Nazis oder Genossen sind, weil einige von ihnen in der entsprechenden Partei waren; dass alle Jugendlichen Drogen nehmen, weil einige es tun.
Oder manchmal, da reicht schon eine falsche Bemerkung, ein Fehlverhalten, und jemand ist für uns gestorben, bevor wir ihn oder sie überhaupt richtig kennen lernten.
Woher kommt es, dass wir manchmal sofort persönlich verletzt oder gekränkt sind? Woher kommt es, dass wir manchmal so unversöhnlich sind?

III
Es liegt daran, dass wir uns meist vom äußeren Eindruck leiten lassen. Hat jemand dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Haut? Das ist bestimmt ein Ausländer! Auch, wenn man versucht, sich gegen diesen ersten äußeren Eindruck zu wehren: die Angst vor'm „schwarzen Mann“ sitzt so tief in uns, dass sie uns schon beeinflusst hat, bevor unsere Vernunft uns dazu raten kann, uns nicht von unseren Vorurteilen leiten zu lassen. In Afrika ist es übrigens genau umgekehrt: Da hat man Angst vor'm „weißen Mann“.

Vorurteile, Angst vor Fremdem und Fremden sitzen tief in uns. Darum ist es keine Frage der Bildung, ob man Vorurteile hat oder nicht, sondern eine Frage des Glaubens. Wem der Glaube fehlt, dem fehlt die Möglichkeit, sich zu versöhnen: Sich mit der eigenen Begrenztheit zu versöhnen, mit den eigenen Fehlern und Schwächen. Und darum auch die Fähigkeit, anderen Fehler, Schwächen, Grenzen zuzugestehen. Ihnen zuzugestehen, dass sie, wie wir, Menschen sind, die genau wie wir einfach nur Ruhe, Frieden, Liebe und Glück suchen.

IV
Bevor Versöhnung geschehen kann, muss etwas Schreckliches passieren, etwas unfassbar Grausames und Ungerechtes: Ein Unschuldiger muss sterben, einen grausamen, schmerzvollen, erniedrigenden Tod. Der Tod dieses Einen, Christus, ist nötig, damit alles Äußerliche ein für allemal mit stirbt: Jeder erste Eindruck, jedes Vorurteil, jedes Beurteilen nach dem Aussehen, jedes Vertrauen auf eigene Schönheit, eigene Leistung, eigene Kraft. Sie sind mit Christus am Kreuz gestorben und gelten nicht mehr. Dafür gilt jetzt etwas Neues: das Neue, das mit dem Tod Jesu in die Welt gekommen ist, die Versöhnung. „Christ ist erschienen/ uns zu versühnen“, sangen wir schon zu Weihnachten. Christus hat die Versöhnung gebracht und hat uns mit Gott versöhnt.
Hat Gott denn Versöhnung nötig? Was haben wir ihm denn getan? Wer so fragt, den kann man zurückfragen: Was haben dir die Flüchtlinge getan? Wer den Flüchtlingen nur Schlechtes zutraut, sie für Menschen zweiter Klasse hält, der sollte sich sein Verhalten mal genauer ansehen, ob es über jeden Zweifel erhaben, ob Gott damit zufrieden ist.
Alle anderen aber müssen keine Angst vor Gott haben. Gott ist kein Oberlehrer, der pingelig jeden unser Fehler rot anstreicht und uns Noten für unser Verhalten gibt. Versöhnung mit Gott bedeutet nicht, dass wir Gott gegenüber etwas gut machen müssten - das können wir gar nicht, das hat Jesus für uns getan. Versöhnung mit Gott bedeutet vielmehr, dass wir mit unseren eigenen Ansprüchen, Idealen, Erwartungen versöhnt sind. Wir müssen nichts leisten, wir müssen nicht auf eine bestimmte Art und Weise sein, um vor Gott gut dazustehen. Und andere müssen das auch nicht. Gott erwartet nicht von uns, dass wir immer alles richtig machen. Gott erwartet nicht einmal, dass wir keine Angst vor Fremdem und vor Fremden haben. Aber er erwartet, dass, weil er uns diese Angst zugesteht; weil er uns zugesteht, dass wir fehlerhaft sind und Fehler machen, wir es auch anderen zugestehen. Also auch den Fremden zugestehen, dass sie Angst vor Terror, Gewalt und Krieg haben, die sie zur Flucht in unser Land treibt.

V
Durch Christus sind wir mit Gott versöhnt. Das ist eine gute und schlechte Nachricht zugleich. Gut ist sie, weil sie uns die Sorgen darüber nimmt, wie wir dastehen: Wir stehen gut da. Gott liebt uns so, wie wir sind. Schlecht ist sie, weil Gott möchte, dass wir auch alle anderen gut dastehen lassen, weil er sie genauso liebt wie uns. Das macht es uns schwer, die Versöhnung anzunehmen und gelten zu lassen. Darum wird immer wieder von ihr gepredigt. 
Hier, in der Gemeinde, im Gottesdienst ist der Ort, wo immer wieder und immer aufs Neue gebeten wird: lasst euch versöhnen mit Gott. Diese Bitte richtet sich nicht nur an die, die heute hier sind. Sie richtet sich an alle Menschen, auch an die Unversöhnlichen bei der AfD und bei PEGIDA.
Wir alle, die wir durch die Taufe zur Gemeinde gehören, sind Botschafterinnen und Botschafter dieser Versöhnung, für die Christus am Kreuz gestorben ist. Uns alle schickt er aus, seine Versöhnung zu predigen durch Wort und Tat. Christus hat den Tod auf sich genommen, damit wir unsere Unversöhnlichkeit aufgeben und uns um Versöhnung bemühen.

Lassen wir uns versöhnen.
Versöhnen wir uns mit unseren geplatzten Träumen, unseren verpassten Gelegenheiten, unseren falschen Entscheidungen.
Versöhnen wir uns mit unseren Vorurteilen über andere, mit unserer Angst vor ihnen, unserem Neid auf sie.
Versöhnen wir uns auch mit Gott, der so oft nicht will wie wir, der so oft schweigt, wenn wir nach einer Antwort suchen.

Lassen wir uns versöhnen und werden wir Botschafterinnen und Botschafter der Versöhnung! Führen wir die Sache Jesu weiter, für die er den Tod am Kreuz auf sich nahm!
Gerade heute, am Tag seines Todes, wiederholen wir für uns und für alle, die es hören wollen, seine Bitte und nehmen sie uns zu Herzen:
Lasst euch versöhnen mit Gott!
Amen.