Donnerstag, 15. Oktober 2020

abgestempelt

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.2020, über Epheser 4,22-32:
 
Ihr wurdet gelehrt,  
mit eurer früheren Lebensweise auch den alten Menschen abzulegen,  
der zugrunde geht im Verlangen nach dem Schein;
eure Einstellung durch den Geist zu erneuern
und den neuen Menschen anzuziehen,
der Gott gemäß geschaffen wurde in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum lasst das Lügen und „sprecht die Wahrheit,
jeder mit seinem Mitmenschen”
(Sacharja 8,16),
denn wir sind aufeinander angewiesen.
„Wenn ihr schon zornig sein müsst,
sündigt wenigstens nicht”
(Psalm 4,5).
Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen,
gebt auch dem Teufel keine Chance.
Wer bisher gestohlen hat, stehle nicht mehr,
vielmehr mühe er sich, mit seinen eigenen Händen das Gute zu bewirken,
damit er etwas hat, das er dem Bedürftigen geben kann.
Kein schlechtes Wort komme aus eurem Mund,
sondern wenn, dann ein Gutes,
das aufbaut, wo Bedarf dazu besteht,
damit es den Hörern Gottes Gnade mitteilt.
Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes,
durch den ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
Alle Bitterkeit, allen Fanatismus, allen Zorn,
alles Jammern und Lästern schafft weg von euch mit allem Schlechten.
Seid vielmehr zueinander gutmütig, barmherzig
und vergebt einander,
wie Gott euch durch Christus vergeben hat.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
in der langen, gut gemeinten Liste von Ermahnungen
bin ich über einen Satz gestolpert -
und Sie vielleicht auch:
„betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes”.
Wie soll man das verstehen?
Wie kann man den Heiligen Geist „betrüben”,
also traurig machen?
 
Der Heilige Geist kam bei unserer Taufe über uns.
Da war nichts zu sehen und nichts zu spüren.
Trotzdem ist er bei uns, in uns -
nicht so, dass wir ihn besitzen
und in irgendeiner Weise benutzen könnten.
Vielmehr sind wir mit ihm „versiegelt”,
also bezeichnet, abgestempelt,
wie mit einem Muttermal oder einer Tätowierung:
Ein unauslöschliches Zeichen dafür,
dass wir zu Gott gehören, Gottes Kinder sind.
 
Diesen Geist Gottes kann man offenbar traurig machen.
Aber wie, und wodurch macht man ihn traurig?
Der rätselhafte Satz befindet sich in einer Aufzählung von Dingen,
die man nicht tun soll:
Lügen. Zornig sein. Stehlen.
Bedeutet das, der Heilige Geist wird traurig,
wenn wir so etwas tun?
 
Es gibt eine Form schwarzer Pädagogik,
bei der Eltern ihren Kindern,
statt mit ihnen zu schimpfen,
wenn sie etwas ausgefressen haben,
oder ihnen zu erklären,
warum das nicht richtig war,
ein schlechtes Gewissen machen,
indem sie ihnen sagen:
„Damit hast du mich sehr, sehr traurig gemacht.”
Das Kind hat nicht nur etwas falsch gemacht,
es hat auch noch den liebsten Menschen verletzt, den es hat.
Jetzt lastet eine doppelte Schuld auf seinem Gewissen
und macht die Tat größer, als sie war:
Statt des zerbrochenen Tellers, der zerrissenen Hose
hat es Mutter oder Vater selbst auf dem Gewissen.
 
Im Glauben steht an Stelle von Mutter und Vater
aber nicht der Heilige Geist, sondern Gott.
Wenn Gott solche Mittel schwarzer Pädagogik anwenden würde,
hätten wir ihn traurig gemacht.
Aber Gott ist nicht betrübt.
Gott wird zornig:
Er konfrontiert uns mit dem, was wir taten.
Aber er macht uns kein schlechtes Gewissen.
Sobald wir unser Verhalten bereuen,
ist auch Gottes Zorn verraucht.
Da gibt es kein Schmollen, keine Vorwürfe, kein Nachkarten:
„Wer bisher gestohlen hat, stehle nicht mehr” -
das ist alles.
Was vorher war, interessiert nicht mehr.
Wichtig und entscheidend ist, was ich jetzt tue.
 
Wenn es also nicht unser falsches Verhalten,
mit biblischen Worten: unsere „Sünde” ist,
die den Heiligen Geist traurig macht,
dann sind es vielleicht die Folgen unseres Verhaltens
für unsere Mitmenschen?
Alles, was der Predigttext aufzählt,
betrifft ja das Miteinander:
Lüge, Zorn, Diebstahl geschehen zum Nachteil eines anderen.
In diesem anderen, dem Mitmenschen, begegnet uns Jesus.
Jesus, dem ich selbst Gutes tue,
wenn ich dem Mitmenschen helfe,
Jesus, den ich abweise,
wenn ich dem Mitmenschen die Hilfe versage (Matthäus 25,31-46).
 
Aber so falsch Lüge, Zorn und Diebstahl sind,
sie fallen nicht unter „unterlassene Hilfeleistung”.
Es ist wichtig, zu erkennen und zu unterscheiden,
dass die bessere Gerechtigkeit,
die Jesus von denen erwartet, die ihm nachfolgen (Matthäus 6,33),
nicht darin besteht,
dass man ein vorbildliches
und moralisch einwandfreies Leben führt.
Man kann das tun,
aber es ist weder besonders christlich,
noch ist es die Voraussetzung fürs Christsein.
Was Jesus von uns verlangt,
ist Nächstenliebe in Wort und Tat.
Wenn wir erkennen,
dass uns in unseren Mitmenschen Jesus selbst begegnet,
und wir ihnen deshalb helfen,
wird das uns selbst und unser Leben verändern.
Wir werden dadurch zu „besseren” Menschen,
die nicht mehr lügen, zornig sein oder andere bestehlen möchten.
Aber das ist nicht die Voraussetzung.
Erst kommt die Nächstenliebe,
dann kommt, mehr oder weniger von selbst, alles andere.
 
Was bleibt dann aber noch,
womit wir den Heiligen Geist traurig machen könnten?
Es muss ja etwas sein,
das jede und jeder von uns tun,
das jeder und jedem von uns passieren kann.
Sehen wir uns noch einmal das Beispiel an:
„Wer bisher gestohlen hat, stehle nicht mehr”.
An diesem Satz fällt auf, dass er so kurz ist.
Es heißt nicht:
”Wer bisher stahl, ist ein Dieb und soll sich schämen,
soll Reue zeigen und alle um Verzeihung bitten,
und wenn er viel Gutes getan hat  
und lange Zeit nicht rückfällig geworden ist,
dann kann man ihm vielleicht vergeben
und ihn wieder in die Gemeinschaft aufnehmen.”
Man würde meinen, dass es da stehen müsste,
aber das steht da nicht.
Da steht nur:
„Wer bisher gestohlen hat, stehle nicht mehr”.
Alles, was von einem Sünder verlangt wird,
ist, nicht mehr zu sündigen.
 
Das klingt großartig -
und ist doch auch befremdlich.
Wir sind es nicht gewohnt,
dass man einfach ein anderer werden kann.
Für uns gehören Beschämung und Reue,
Vorwürfe und Vorhaltungen dazu.
Und ein „gesundes Misstrauen”,
wie wir das nennen,
einem Menschen gegenüber,
der einmal etwas Falsches getan hat.
Es hängt ihm an, man vergisst es nicht.
Wir nehmen einem Täter erst ab,
dass er sich geändert hat,
wenn er sich reuig und zerknirscht zeigt.
Und wir sind erst zum Verzeihen bereit,
wenn wir unserem Ärger, unserer Verletzung und Enttäuschung
gehörig Luft machen konnten.
 
So sind wir.
Und so müssen wir sein.
Um unserer selbst, und um der Opfer willen
müssen wir darauf bestehen,
dass ein Täter Reue und ein anderes Verhalten zeigt,
bevor wir ihm seine Umkehr glauben.
Und wenn wir selbst zu Tätern wurden,
müssen wir es aushalten,
dass unser Opfer misstrauisch bleibt,
uns nicht vergeben kann oder vergeben will.
 
Wir sind so.
Aber Gott ist nicht so.
Wenn Gott vergibt, dann ist uns vergeben,
ohne Wenn und Aber,
außer dem „Sündige hinfort nicht mehr” (Johannes 8,11).
Und selbst, wenn uns das nicht gelingt,
was es meistens tut,
ist Gott zur Vergebung bereit.
Wieder. Und wieder. Und wieder.
70 mal 7 mal, mindestens (Matthäus 18,22).
Der Heilige Geist, der seit unserer Taufe in uns ist,
verbürgt sich dafür, dass das so ist.
Er ist das Siegel, unser Pfand, dass es stimmt.
 
Und jetzt ahnen wir vielleicht,
womit wir den Heiligen Geist traurig machen:
Wenn wir das nicht glauben können.
Wenn wir nicht darauf vertrauen,
dass Gott uns vergeben hat.
Wenn wir uns selbst unsere Fehler wieder und wieder vorwerfen.
Wir betrüben den Heiligen Geist,
wenn wir meinen, wir müssten uns schämen,
wir wären schlechte Menschen,
die in Sack und Asche gehen müssten,
damit Gott ihnen vielleicht eines Tages vergibt.
 
Wir betrüben damit den Heiligen Geist,
weil wir dadurch immer noch am Alten hängen,
am Alten Menschen, der wir einmal waren,
durch Gottes Vergebung aber nicht mehr sind.
Durch Gottes schöpferisches Handeln an uns
sind wir neue Menschen geworden.
 
Wenn wir das begreifen und ergreifen könnten,
dann könnte uns vielleicht sogar der nächste Schritt gelingen:
Auch unsere Mitmenschen so anzusehen.
Sie anzusehen als die, denen Gott vergeben
und aus denen er neue Menschen gemacht hat.
Dann könnten wir darauf verzichten,
sie auf ihre Vergangenheit festzunageln
und ihnen die Chance geben,
andere zu werden,
anders zu sein.
Das wäre etwas,
über das der Heilige Geist vor Freude springen würde.

Samstag, 3. Oktober 2020

Verantwortung übernehmen

Predigt zu Erntedank am 27.9.2020 über Markus 8,1-9
 
Zu dieser Zeit war wieder eine große Volksmenge bei Jesus zusammengekommen.
Da die Menschen nichts zu essen hatten,
rief Jesus die Jünger zu sich.
Er sagte zu ihnen:
»Die Volksmenge tut mir leid.
Sie sind nun schon drei Tage bei mir
und haben nichts zu essen.
Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke,
werden sie unterwegs zusammenbrechen –
denn einige sind von weit her gekommen.«
Seine Jünger antworteten ihm:
»Wo soll in dieser einsamen Gegend das Brot herkommen,
um diese Leute satt zu machen?«
Und er fragte sie:
»Wie viele Brote habt ihr?«
Sie antworteten: »Sieben.«
 
Und er forderte die Volksmenge auf,
sich auf dem Boden niederzulassen.
Dann nahm er die sieben Brote.
Er dankte Gott, brach sie in Stücke
und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen.
Und die Jünger teilten das Brot an die Volksmenge aus.
Sie hatten auch noch einige kleine Fische.
Jesus sprach das Segensgebet über sie
und ließ sie ebenfalls austeilen.
Die Menschen aßen und wurden satt.
Danach sammelten sie die Reste
und füllten damit sieben Körbe.
Es waren etwa viertausend Menschen.
Jetzt schickte Jesus sie nach Hause.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
eine Wundergeschichte ist das,
die Geschichte von der Sättigung von 4.000 Menschen
mit sieben Broten.
Und man fragt sich:
Wie hat Jesus das gemacht?
Wie hat er 4.000 Menschen mit sieben Broten satt bekommen?
Hat sich das Brot tatsächlich auf wunderbare Weise vermehrt,
sodass am Ende mehr übrig blieb,
als am Anfang da war?
Das würde unseren Erfahrungen
und den Naturgesetzen widersprechen.
Oder war es ein symbolisches Mahl,
ein Abendmahl,
bei dem jeder nur ein winziges Stück bekam,
aber es war so schön, so heilig,
dass sich trotzdem alle gestärkt und gesättigt fühlten?
Man kann trefflich spekulieren
und vielleicht noch ganze andere „Erklärungen” dieses Wunders finden.
Am Ende steht man wieder am Anfang,
beim Wunder.
 
Was aber, wenn die wunderbare Brotvermehrung gar nicht das Wunder wäre?
Wenn wir die ganze Zeit sozusagen auf die falsche Stelle schauten?
So, wie ein Zauberer sein Publikum ablenkt,
um heimlich etwas zu vertauschen oder verschwinden zu lassen.
Man hat nicht gesehen, wie er das gemacht hat,
weil man woanders hin geschaut hat.
Wir schauen auf die sieben Brote und fragen uns,
wie diese sieben Brote so viele Menschen sättigen konnten.
Aber das Wunder sind nicht diese sieben Brote,
oder die sieben Körbe mit Brocken, die am Ende übrig blieben.
Solche Wunder können wir mittlerweile selber wirken:
Unsere Landwirtschaft erzielt Erträge,
die unsere Altvorderen für unvorstellbar,
für ein Wunder gehalten hätten.
Mit unserem Wissen und unserer Technik lassen wir wahre Wunder geschehen.
Unsere Produktivität in der Landwirtschaft ist so hoch,
dass auf der Welt niemand hungern müsste,
wenn uns nur das Wunder gelänge,
die Erzeugnisse der Landwirtschaft gerecht zu verteilen.
4.000 Leute satt machen? - kein Problem!
Das eigentliche Wunder ist ein anderes,
und es geschieht an anderer Stelle der Geschichte.
Da, wo Jesus sagt:
„Die Volksmenge tut mir leid”.
Das ist das Wunder.
 
Warum ist das ein Wunder?
Was ist schon besonderes an diesem Satz:
„Die Volksmenge tut mir leid”?
Hört man das nicht immer wieder mal:
Die oder der kann einem leid tun.
Nicht immer ist der Satz so gemeint,
wie Jesus ihn spricht: Aus Mitleid.
Oft ist er aus der Position dessen gesagt,
dem es gut geht und der froh ist,
dass es einem nicht so geht wie denen,
die einem leid tun können.
Es ist die Position eines Beobachters,
der sich nicht verantwortlich fühlt,
nicht verpflichtet, zu helfen, einzugreifen.
 
Jesus aber fühlt sich verantwortlich.
Es fühlt sich verantwortlich für wildfremde Menschen,
die er wahrscheinlich nicht einmal kennt.
Was kann er dafür, dass sie ihm nachlaufen?
Was kann er dafür, dass sie nicht an Verpflegung dachten,
als sie ihm nachgelaufen sind?
Was kann er dafür, dass sie einen weiten Heimweg haben?
Das wären wahrscheinlich unsere Überlegungen.
Bevor wir helfen, fragen wir uns, ob wir zuständig sind.
Ob diese Leute uns etwas angehen.
Und ob es überhaupt an uns ist, zu helfen.
Nehmen wir z.B. die Flüchtlinge in Moria.
Was können wir dafür, dass sie ihre Heimat verlassen haben?
Was können wir dafür, dass ihr Lager abgebrannt ist?
Was haben wir mit denen zu tun?
Gibt es nicht noch andere Länder in Europa,
die sich um sie kümmern könnten und sollten?
 
Oft wird solches Kümmern auch  
als Einmischung in fremde Angelegenheiten empfunden,
die einen nichts angehen.
Man will mit fremden Leuten keinen Ärger bekommen
und es sich mit seinen Nachbarn nicht verderben.
Also hält man sich lieber heraus.
Man fühlt sich nicht verantwortlich
für den Müll, den ein anderer weggeworfen hat,
für die Kinder, die zuhause kein Mittagessen bekommen,
für die Jugendlichen, die nichts mit sich anzufangen wissen,
für die Alten, die einsam zuhause hocken.
Man fühlt sich nicht verantwortlich für die Gemeinde,
in der man lebt,
für den Staat, zu dem man gehört,
für die Erde, auf der wir zuhause sind.
 
Das eigentliche Wunder in dieser Geschichte ist,
dass einer, Jesus, sich verantwortlich fühlt
und Verantwortung übernimmt:
Er sorgt dafür, dass die 4.000 zu Essen bekommen.
Jesus fühlt sich verantwortlich
und übernimmt Verantwortung
auch für uns.
Das ist das Wunder:
Dass wir ihm nicht egal sind,
wie uns oft viele Menschen, viele Dinge egal sind.
Jesus sind wir nicht egal.
Er opfert sich für uns auf,
er opfert sich für uns,
weil wir ihm leid tun.
Nicht dieses Leidtun von oben herab,
aus dem sicheren Gefühl heraus,
dass es mir besser geht als diesem armen Kerl da.
Sondern ein Leidtun aus Mitleid,
aus dem Mit-Leiden mit uns,
dem Mitfühlen mit uns.
Jesus will nicht, dass es uns schlecht geht,
dass wir Kummer haben, Sorgen haben, leiden.
Jesus will nicht, dass wir Hunger haben
nach etwas, das wirklich satt macht:  
nach Liebe, nach Aufmerksamkeit,
nach Anerkennung, nach einem Sinn.
 
Wir müssen nicht wie Jesus sein.
Wir können nicht Jesus sein.
Aber heute, an Erntedank,
können wir es uns einmal eingestehen,
wie gut es tut,
dass wir einem, Jesus, nicht egal sind.
Wie gut es tut,
dass einer, Jesus, sich um uns sorgt
und sich für uns verantwortlich fühlt.
Dann fällt uns vielleicht ein und auf,
dass es nicht nur Jesus ist:
Dass da auch andere sind,
denen wir nicht egal sind,
die sich um uns sorgen,
und wie gut das tut,
wie schön das ist: ein Wunder.
 
Wenn uns das heute, an Erntedank,
bewusst werden sollte,
dann finden wir vielleicht Gelegenheit,
Danke zu sagen:
Danke, Jesus, dass du dich um uns sorgst,
dass du dich für uns verantwortlich fühlst,
dass wir dir nicht egal sind.
 
Vielleicht gelingt es uns auch,
denen unsere Dankbarkeit zu zeigen,
die so zu uns sind, wie Jesus es ist.
Und vielleicht geschieht sogar ein Wunder:
Das Wunder, dass auch wir uns verantwortlich fühlen
für die Menschen um uns
und für wildfremde Menschen,
für den Ort, an dem wir leben
und für diesen Planeten,
der unsere Heimat ist.
 
„Die Volksmenge tut mir leid”.
Damit dieses Wunder geschieht,
braucht es nicht viel.
Nur dieses eine:
Mitgefühl.
Gebe Gott,
dass wir dieses Mitgefühl empfinden.
 
Amen.

Freitag, 11. September 2020

Jäger des verlorenen Sünders

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 13.9.2020, über Lukas 19,1-10:
 
Jesus ging in die Stadt Jericho hinein und durchwanderte sie.
Da ist ein Mann, der Zachäus hieß, ein Oberzöllner, und reich.
Der wünschte sich, Jesus zu sehen, wer er sei,
aber er konnte es nicht wegen der Menge, denn er war kleinwüchsig.
Da lief er voraus und erklomm eine Sykomore, um ihn zu sehen,
denn dort musste er vorbeikommen.
Als Jesus zu dem Ort kam, sah er hinauf und sprach zu ihm:
„Zachäus, steig schnell herab,
denn heute muss ich bei dir zu Gast sein!”
Da stieg er schleunigst herunter und nahm ihn mit Freuden auf.
Aber alle, die das sahen, wurden unwillig und sprachen:
„Bei einem sündigen Menschen ist er eingekehrt!”
Zachäus aber trat hin und sprach zum Herrn:
„Da ist die Hälfte von dem, was ich besitze, Herr.
Ich gebe sie den Armen.
Und wenn ich etwas von jemandem erpresst habe,
erstatte ich es vierfach zurück.”
Jesus aber sprach zu ihm:
„Heute ist diesem Haus Rettung zuteil geworden,
weil auch er ein Kind Abrahams ist.
Denn der Menschensohn ist gekommen,
das Verlorengegangene zu suchen und zu retten.”
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
hin und wieder kommt es vor,
dass man die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchen muss.
Man benötigt z.B. ein wichtiges Dokument,
das man irgendwann irgendwo abgelegt hat -
wenn man nur wüsste, wo!
Oder man erinnert sich an eine Stelle in einem Buch -
dummerweise hat man vergessen, sie anzustreichen -,
und nun blättert man verzweifelt die Seiten durch.
 
Es gibt aber Leute, die finden auf Anhieb, was sie suchen.
Die haben nicht nur ein hervorragendes Gedächtnis,
ein durchdachtes Ablagesystem,
die haben auch Adleraugen.
Sie finden vierblättrige Kleeblätter, Münzen, Bernstein am Oststeestrand.
Sie würden auch eine Perle oder einen Schatz im Acker finden,
oder eben die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.
 
Jesus gehört zu dieser Art von Leuten.
Er ist ein Finder,
spezialisiert auf Verlorengegangenes.
Jesus ist, in Abwandlung eines Filmtitels,
Jäger des verlorenen Sünders -
nur, dass seine Jagd nicht so spannend und actiongeladen ist
wie die von Harrison Ford im Film.
Eigentlich überhaupt nicht spannend und actiongeladen.
Sünder gibt es schließlich wie Sand am Meer.
Selbst der Unbegabteste hätte keine Mühe,
einen Sünder, eine Sünderin zu finden.
Er müsste nur auf den Menschen neben sich zeigen.
Oder auf sich selbst.
Denn wir sind alle Sünder.
Das macht unser Menschsein aus:
Dass wir einander und dass wir Gott immer etwas schuldig bleiben.
Dass unser seelisches Konto nie ausgeglichen ist,
sondern wir immer auf Kredit leben -
Kredit in Form von Nachsicht, Verständnis,
Vergebung und Hilfe in jeder Weise.
 
Wenn es so lächerlich einfach ist, eine Sünderin, einen Sünder zu finden,
warum sollte Jesus dann zu den begabten Findern gehören,
die sogar eine Nadel im Heuhaufen entdecken?
Aus zweierlei Gründen:
 
Erstens macht es Zachäus Jesus nicht leicht, ihn zu finden.
Einen Menschen, der oben in einem Baum sitzt,
verborgen vom Laubwerk,
sieht man nicht so ohne weiteres -
besonders, wenn man nicht weiß, dass er da oben sitzt
und wenn man dabei noch in einer Volksmenge steht,
die einen ansieht, anlächelt, anstarrt und einen Blick erhaschen will,
sodass man eigentlich nirgendwo anders hinsehen kann.
 
Zweitens handelt es sich bei Zachäus um einen ganz besonderen Sünder.
Damit meine ich nicht die Schwere seiner Schuld.
Natürlich ist Erpressung ein schlimmes Verbrechen,
das jemanden zu einem besonders schweren Fall macht -
eher ein Fall für die Polizei als für den Beichtstuhl.
Doch ich möchte wetten,
dass in der Volksmenge, die Jesus umgibt,
einige waren, die Vergleichbares auf dem Kerbholz hatten.
 
Wenn es also nicht die Größe und Schwere der Schuld ist,
warum wendet sich Jesus dann Zachäus zu?
Die Reaktion der Menge gibt die Antwort:
„Bei einem sündigen Menschen ist er eingekehrt!”
 
Wir sind allzumal Sünder.
Das wussten auch die Zeitgenossen Jesu in Jericho,
oder hätten es wissen können,
wenn sie ein wenig in sich gegangen wären.
 
Aber wie das so ist:
Unter Sünderinnen und Sündern  
sind einige immer noch ein bisschen sündiger als die anderen.
Man hält es schwer aus,
dieses Wissen um die eigenen Fehler, das eigene Ungenügen.
Darum sucht man nach Sündenböcken,
die schlechter sind als man selbst,
damit man auf sie herabsehen
und sich selbst besser fühlen kann.
 
Solche „besonderen” Sünder werden aus der Gemeinde ausgegrenzt
oder sogar ausgeschlossen.
Darum wird Zachäus in dieser Geschichte auch als kleinwüchsig beschrieben:
Ein kleiner Mann, der durch seinen Reichtum ein Gernegroß sein möchte -
wie lächerlich, und wie peinlich!
Über so einen kann man sich lustig machen,
so einen kann man verachten.
 
Jetzt wissen wir, was Jesus an Zachäus gefunden
und warum er gerade ihn gefunden hat:
Jesus sucht Zachäus,
weil der die Gemeinde verloren hat,
und bietet ihm seine Gemeinschaft an.
 
Jesus, der Jäger des verlorenen Sünders,
findet auf Anhieb die, die ihren Platz in der Gemeinde verloren haben -
neben Zachäus und anderen Zöllnern
auch Prostituierte, Ehebrecherinnen und Ehebrecher,
Menschen von zweifelhaftem Ruf.
Ihnen, mit denen anständige Menschen nichts zu tun haben wollen
und vor denen man schon die Kinder warnt,
ihnen bietet Jesus seine Gemeinschaft an.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:
Die Gemeinde, die wir im Glaubensbekenntnis „Gemeinschaft der Heiligen” nennen,
bestand - jedenfalls in ihren Anfängen bei Jesus - aus Menschen,
die alles andere als Heilige waren!
 
Jesus sammelt moralisch Verwerfliche,
vielleicht sogar verbrecherische Menschen um sich.
Und, das ist eigentlich noch schockierender,
er verurteilt sie nicht!
Er heißt allerdings auch nicht gut, was sie tun.
Einer Ehebrecherin sagt er:
„Sündige von nun an nicht mehr” (Johannes 8,11).
 
Bei Zachäus können wir beobachten,
was das mit diesen Menschen macht:
Sie ändern etwas.
Sie ändern sich.
Sie kehren um,
Zachäus z.B. wendet sich von einem Leben ab,
das auf Bereicherung ausgerichtet war.
 
Für diesen gewaltigen Schritt braucht es einen scheinbar nur winzigen Anstoß:
Das Angebot einer Gemeinschaft ohne Vorbedingungen.
Jesus sagt nicht: „Ich komme zu dir, wenn du dein Leben änderst
und deine Schuld begleichst.”
Sondern er sagt: „Heute muss ich bei dir zu Gast sein!”
Jesus bietet dem Sünder Zachäus seine Gemeinschaft an,
das ändert ihn,
das macht ihn fähig zur Gemeinschaft mit anderen.
 
Jesus gibt dem, mit dem die anderen nichts zu tun haben wollen,
Gelegenheit, es mit ihm zu tun zu bekommen -
und dabei zu erleben,
dass er nicht verachtet, gerichtet und verurteilt wird,
sondern angesehen als der, der er ist:
ein kleiner, einsamer Mann.
Und angesehen wird auf das, was er sein könnte:
ein großzügiger, gerechter Mensch.
Und unter dem liebevollen Blick,
durch die Annahme und das Verständnis Jesu
wird er zu dem Menschen,
der er die ganze Zeit hätte sein können.
 
Wir sind nicht Jesus.
Die Wenigsten von uns haben die Gabe,
Dinge auf Anhieb zu finden
oder gar Jäger*innen des verlorenen Sünders zu sein.
Aber wenn wir in uns gehen
und ehrlich zu uns sind,
dann haben viele von uns diesen liebevollen Blick Jesu schon auf sich gespürt.
Diese Einladung in seine Gemeinschaft
auch und gerade dann,
wenn andere einen vielleicht nicht dabei haben wollten.
 
Mit dieser Erfahrung können wir wissen und nachempfinden,
wie andere sich in einer solchen Lage fühlen.
Wie die sich fühlen, hinter deren Rücken man redet - auch wir reden.
Wie die sich fühlen, auf die man mit dem Finger zeigt - auch wir zeigen.
Wie die sich fühlen, die man nicht dabei haben möchte.
Vielleicht hilft uns dieses Einfühlen in andere,
etwas warmherziger, etwas herzlicher zu ihnen zu sein.
Etwas weniger selbstgerecht, und etwas weniger herablassend.
Vielleicht hilft es uns auch,
die Türen unseres Herzens,
die Türen unserer Kirche
und vielleicht sogar die Türen unseres Hauses
auch für sie zu öffnen.
 
Amen.

Samstag, 5. September 2020

Der Diakon, der macht das schon!

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 6. September 2020, über Apostelgeschichte 6,1-7:
 
In jenen Tagen, als die Zahl der Jünger zugenommen hatte,
kam bei den Griechen in der jerusalemer Gemeinde  
Unmut auf gegen die Hebräer,
weil man ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersah.
Da riefen die zwölf Apostel die Menge der Jünger zusammen und sprachen:
Es ist nicht gut, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen,
um für die Mahlzeiten zu sorgen.
Daher, liebe Geschwister, seht euch nach sieben Männern aus eurer Mitte um,
die einen guten Ruf haben, voller Geist und Weisheit sind.
Die werden wir zu diesem Dienst bestellen.
Wir aber werden uns dem Gebet und dem Dienst am Wort widmen.
Die Rede fand Anklang bei allen aus der Menge,
und sie wählten
Stephanus, einen Mann, erfüllt von Glauben und heiligem Geist,
Philippus und Prochorus,
Nikanor, Timon und Parmenas
und Nikolaus, den Konvertiten aus Antiochien.
Sie führten sie vor die Apostel
und nachdem sie gebetet hatten,
legten sie ihnen die Hände auf.
Und das Wort Gottes wuchs
und die Zahl der Jünger in Jerusalem nahm sehr zu.
Auch eine große Zahl an Priestern hing dem Glauben an.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
„der Diakon, der macht das schon!” -
dieser Spruch beschreibt die Situation
so mancher Diakoninnen und Diakone,
Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen:
Sie sind oft Mädchen für Alles,
übernehmen hin und wieder auch Aufgaben,
zu denen andere keine Zeit
oder schlicht keine Lust haben.
 
„Der Diakon, der macht das schon!”.
Dieser Spruch hat seinen Ursprung im heuten Predigttext.
Nicht wortwörtlich, aber dem Sinn nach:
Die Apostel segnen sieben Diakone eine,
die ihnen abnehmen sollen,
was sie selbst nicht tun wollen, aber
„der Diakon, der macht das schon!”
 
Auf den ersten Blick mag es scheinen,
als wollten sich die Apostel vor einer ungeliebten Aufgabe drücken.
Man könnte es jedoch auch so sehen,
dass die Apostel das Problem nicht allein lösen wollen
und daher den Ball an die Gemeinde zurück spielen:
Die Gemeinde soll selbst Verantwortung übernehmen,
in diesem Fall für die gerechte Versorgung der Witwen.
Dazu müssen sich Menschen finden,
die dazu bereit und in der Lage sind,
sich des Problems anzunehmen:
Das Amt der Diakonin/ des Diakons wird erfunden.
Es ist das erste und damit älteste Amt der christlichen Gemeinde,
noch vor dem des Priesters und des Bischofs.
 
Mit diesem neuen Amt des Diakons wird eine Arbeitsteilung eingeführt:
Die Diakone kümmern sich um die Versorgung,
die Apostel um das Wort Gottes.
Aber was sagt das Wort Gottes?
„Schafft den Waisen Recht,
führt der Witwen Sache!”
, sagt es (Jesaja 1,17).
Wo man die Bibel auch aufschlägt,
überall springt einem die Aufforderung geradezu entgegen,
sich der Schwachen und der Fremden,
der Unterdrückten und der Rechtlosen anzunehmen
und für sie Partei zu ergreifen,
weil Gott sich an ihre Seite stellt.
 
Die Versorgung der Witwen ist also AUCH Dienst am Wort Gottes,
weil sie das Wort beim Wort nimmt
und zur Tat werden lässt.
Es gibt keine Rangfolge der Dienste,
kein Dienst in der Gemeinde ist wichtiger oder besser.
Jede und jeder bemüht sich an seinem und ihrem Ort und Aufgabenbereich,
dass das Wort zur Tat wird.
Damit ist es auch nicht Sache nur Einzelner,
sondern Sache der ganzen Gemeinde,
das Wort zur Tat werden zu lassen.
 
Die Witwen werden also von den Diakonen versorgt,
das Problem, und damit die Ursache für den Unmut der Griechen,
ist gelöst - oder?
Bei genauerem Hinsehen ist zwar die Versorgung sichergestellt,
das Problem aber besteht weiter:
Das Problem der Unterscheidung zwischen „denen” und „uns”,
zwischen Einheimischen und Zugezogenen,
zwischen denen, die sich schon lange und gut kennen,
und denen, die neu dazugekommen sind.
 
Aus dieser Unterscheidung wurde ein Unterschied,
als es um die Versorgung der Witwen ging:
Die Einheimischen wurden bedacht,
die Zugezogenen übergangen.
Für die Fremden fühlte sich niemand von den Einheimischen
zuständig oder verantwortlich.
Das machte die Fremden verständlicherweise unglücklich
und ungehalten. Sie murrten,
und dieses Murren konnte man bald nicht mehr ignorieren.
Man musste etwas tun - aber was?
 
Bemerkenswert ist, dass die Apostel nicht von oben herab entschieden.
Sie hätten es tun können.
Sie hatten die Vollmacht dazu gehabt.
Schließlich waren sie Weggefährten Jesu,
handelten in seinem Namen und in seinem Auftrag.
Aber sie tun es nicht,
sondern berufen eine Gemeindeversammlung ein.
Die Gemeinde soll sich mit dem Problem befassen,
das im Grunde IHR Problem ist.
Von den Aposteln kommt nur der Lösungsvorschlag, Diakone einzusetzen,
damit jemand aus der Gemeinde die Verantwortung übernimmt
und die Last der Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird.
 
Die Gemeinde geht auf diesen Vorschlag ein.
Sie wählt aus ihrer Mitte sieben Diakone.
Aber es ist auffällig,
dass alle Sieben griechische Namen tragen.
Da ist kein Einheimischer dabei.
Die Einheimischen haben sich zurückgehalten
und den Fremden die Lösung des Problems überlassen.
 
Lukas erzählt diese Lösung des Konfliktes,
die Einsetzung der sieben griechischen Diakone,
als Erfolgsgeschichte:
Nach ihrer Einsetzung wächst die Jerusalemer Gemeinde stark,
sogar Priester des Tempels schließen sich ihr an.
Wenn eine Gemeinde selbst Verantwortung übernimmt,
wenn Gemeindeglieder Initiative entwickeln
und nicht darauf warten, dass ein Amtsträger etwas tut,
wird die Gemeinde lebendig
und anziehend für andere -
sogar für andere Amtsträger wie die Priester.
Dann kann sie wachsen,
und die Gute Nachricht breitet sich aus
in Wort und Tat.
 
Aber trotz dieses glücklichen Ausgangs
ist es doch auch eine traurige Geschichte.
Das Problem der Versorgung der Witwen wurde zwar gelöst,
aber der Konflikt schwelt weiter,
weil es nicht gelang,
die Unterscheidung aufzuheben
zwischen Einheimischen und Fremden.
Der Unterschied besteht weiter:
Hier die Hebräer, da die Griechen.
 
Die Folge davon war,
dass sich parallel zur jüdischen Gemeinde
eine griechischsprachige Gemeinde entwickelte.
Nicht nur in Jerusalem,
sondern bald auch an anderen Orten.
Eine griechische Gemeinde,
die immer weniger mit der jüdischen gemein
und bald nichts mehr mit ihr zu tun hatte.
Schließlich kam es zum Bruch zwischen Christen und Juden -
mit den bekannten, schrecklichen Folgen.
 
Hätte die jerusalemer Gemeinde anders entscheiden,
hätte sie anders handeln sollen?
In der Gemeinde sind wir wie Geschwister in einer Familie.
Wir nennen uns Schwestern und Brüder,
und wir sind es auch,
weil Gott unser Vater ist
und Jesus unser Bruder wurde.
 
In der Gemeinde sind wir Geschwister.
Auch unter Geschwistern kommt es zum Streit,
man ist nicht immer einer Meinung.
Aber eines gibt es nicht,
trotz aller Unterschiede:
Keines der Geschwister ist liebenswerter, wichtiger, besser
oder weniger liebenswert, weniger wichtig, weniger gut als das andere.
 
Wenn aber doch ein Unterschied gemacht wird,
weil Mutter oder Vater ein Kind bevorzugen,
oder weil sich ein Geschwisterkind eine Sonderrolle herausnimmt,
gibt es Streit.
Manchmal geht der Streit so weit,
dass Geschwister nicht mehr miteinander reden,
sich nicht mehr kennen wollen.
 
Um das zu verhindern,
muss es Eltern und Geschwistern darum gehen,
KEINEN Unterschied zu machen,
die Gemeinschaft zu fördern und zu stärken.
Dazu muss man sich paradoxer Weise doch
Einzelnen mehr zuwenden als den anderen:
Damit Schwächere nicht übersehen werden und zu kurz kommen,
muss man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken als den Stärkeren.
Auch das springt einen geradezu an,
wenn man die Bibel aufschlägt -
wenn zum Beispiel Jesus das Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählt (Lukas 15),
oder wenn Paulus die Korinther bittet,
Rücksicht auf Schwächere zu nehmen (1.Korinther 8).
Bei diesen Geschichten wird auch deutlich,
dass Schwäche nicht nur körperliche Schwäche bedeutet.
Manchmal sind sogar die,
die ihre Meinung, ihre Position besonders lautstark vertreten,
die eigentlich Schwachen.
 
Wo es Starke und Schwache gibt, gibt es Unterschiede.
Wo Unterschiede gemacht werden, muss man fragen, warum,
BEVOR es zum Streit kommt.
Wenn der Streit da ist, genügt es nicht, ihn zu schlichten.
Man muss auch die Ursache des Streites ergünden und beseitigen.
 
„Der Diakon, der macht das schon!” -
wie gut, dass es Diakon*innen und Gemeindepädagog*innen gibt!
Wie gut auch, dass so viele in der Gemeinde
mit anpacken und Verantwortung übernehmen!
Aber die Verantwortung für die Gemeinde,
für die Gemeinschaft und die Geschwisterlichkeit,
die kann man nicht an Einzelne delegieren.
Jede und jeder muss diese Verantwortung übernehmen.
Damit eine Gemeinde tatsächlich eine Gemeinschaft wird,
in der alle gleich willkommen,
gleich viel wert und gleich wichtig - eben: Geschwister - sind,
muss jede und jeder ihren Beitrag leisten.
 
Der erste Schritt,
den jede und jeder dazu tun kann, ist,
keine Unterschiede mehr zu machen
und auch nicht mehr mitzumachen,
wenn andere Unterschiede machen wollen.
 
Und der zweite Schritt ist,
die eigenen Stärken und Gaben zu erkennen
und sich ihrer bewusst zu werden,
mit denen man sich in der Gemeinde einbringen
und mit denen man zugunsten Schwächerer
auch mal verzichten
und einen Schritt zurücktreten kann.
 
Amen.

Samstag, 29. August 2020

jede ein Tempel

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 30.8.2020,
über 1.Korinther 3,9-17:

 
Wir sind Gottes Mitarbeiter,
ihr seid Gottes Ackerland,
Gottes Gebäude.
Durch Gottes Gnade, die mir zuteil wurde,
habe ich als erfahrener Baumeister das Fundament gelegt,
doch ein anderer baut darauf auf.
Jeder aber soll zusehen, wie er darauf aufbaut.
Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, was gelegt ist,
das ist Jesus Christus.
Wenn aber jemand auf dem Fundament aufbaut
mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Stroh oder Schilf,
wird eines jeden Werk sichtbar werden,
denn der Jüngste Tag wird es offenbaren,
weil es durchs Feuer aufgedeckt wird.
Und wie eines jeden Werk beschaffen ist,
wird das Feuer erweisen.
Wenn jemandes Werk, das er aufgebaut hat, bleibt,
wird er Lohn empfangen.
Wenn jemandes Werk verbrennt,
wird er Schaden nehmen,
er wird aber gerettet werden,
doch wie durchs Feuer hindurch.
Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid
und der Geist Gottes in euch wohnt?
Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört,
wird Gott ihn vernichtend strafen.
Denn der Tempel Gottes ist heilig:
der seid ihr.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
„eigener Herd ist Goldes wert”,
sagt ein Sprichtwort.
Und es stimmt:
Wohl jede und jeder strebt danach,
wenn irgend möglich im eigenen Haus zu leben.
Entweder in dem, das man von den Eltern geerbt hat,
oder in dem, das man sich selbst gebaut
oder das man gekauft hat.
 
Der wichtigste Grund für das Streben nach einem Eigenheim ist wohl,
dass man darin sein eigener Herr ist.
Man kann es so gestalten und einrichten,
wie es einem gefällt.
Und man tut es auch.
Unsere Wohnung und ihre Einrichtung
sind wie eine zweite Haut:
Sie zeigen, wer wir sind
und als wer wir erscheinen wollen,
wie viel wir verdienen,
was uns wichtig ist
und was uns gefällt.
 
Kein Wunder, dass Paulus das Haus als Beispiel
für ein christliches Leben wählt.
Das Leben als Christin, als Christ ist wie ein Haus:
Wie man sein Leben führt und gestaltet, zeigt,
was einem wichtig ist.
 
Doch beim Hausbau wie beim Leben
kommt es nicht zuerst auf die Tapete an.
Es kommt auf das Fundament an.
Soll ein Haus ein Leben lang halten,
soll es Blitz und Donner, Sturm und Hochwasser standhalten,
muss es fest gegründet sein.
So ist es auch mit dem Leben.
 
Das Fundament, auf dem ein christliches Leben ruht,
ist nicht die Meinung irgendeines Pastors,
nicht der Brauch der Altvorderen
und auch keine religiöse Bewegung oder Modeerscheinung.
Es ist Christus selbst.
Darum war es Martin Luther und den anderen Reformatoren so wichtig,  
die Bibel ins Deutsche zu übersetzen.
Jede Christin, jeder Christ sollte in der Lage sein,
die Arbeit ihres religiösen Baumeisters
zu überprüfen und zu hinterfragen,
damit der Glaube auf einer festen, verlässlichen Basis aufsetzt.
 
Auf diesem Fundament errichtet man sein Lebensgebäude.
Ob es aus Gold und Silber oder aus Stroh und Schilf besteht,
ist dabei keine Frage des Vermögens oder des Einkommens.
Der „Wert” eines Lebens -
wenn man denn bei einem Leben überhaupt von Wert
sprechen darf und sprechen sollte -
der „Wert” eines Lebens als Christin oder Christ
bemisst sich nicht am Einkommen, am Besitz,
an Leistung oder Erfolg,
sondern an dem,
was man für seine Mitmenschen getan hat.
 
Was und wieviel das war,
darüber kann niemand urteilen außer man selbst.
Nur ich weiß, was ich getan und was ich unterlassen habe.
Nur ich weiß, wann meine linke Hand nicht wusste, was meine rechte tat (Matthäus 6,3),
und wann ich meine Hand und mein Herz verschlossen hielt.
Nur ich weiß das. Und Gott.
 
Und eines Tages,
so stellt es Paulus
und so stellten seine Zeitgenossen es sich vor,
eines Tages wird abgerechnet.
Paulus benutzt dafür ein Bild aus dem Goldschmiedehandwerk:
Die Feuerprobe.
Im Feuer reinigt der Goldschmied die Edelmetalle,
trennt das Gold oder Silber von allen Verunreinigungen.
Dem Feuer, so Paulus, wird auch unser Lebensgebäude ausgesetzt.
Dann wird sich zeigen, ob es standhält oder nicht.
 
Aus diesem Bild der Feuerprobe
entstand die Vorstellung vom Fegefeuer.
in dem die Seele brennen muss,
bis sich alles Schlechte und Falsche von ihr gelöst hat.
Diese Vorstellung flößte den Menschen des Mittelalters
eine so schreckliche Furcht ein,
dass sie Haus und Hof verkauften,
um sich und ihre Lieben durch einen Ablass
vor dem Fegefeuer zu retten.
Bis Martin Luther kam
und diesem Spuk mit seinen 95 Thesen ein Ende machte.
 
Doch bis heute hält sich in den Köpfen hartnäckig die Vorstellung,
wir müssten eines Tages vor unseren Schöpfer treten
und ihm über unser Leben Rechenschaft ablegen.
An dieser Vorstellung ist richtig,
dass wir unser Leben unter Gottes Augen führen.
Wir wissen, dass Gott sieht, was wir tun.
Wir wissen um Gottes Gebote und um seinen guten Willen für uns.
Und wir wissen auch,
wie oft wir Gottes gutem Willen widersprechen,
wie oft wir Gottes Geboten nicht Folge leisten,
wie oft wir Gott enttäuschen.
 
Doch dafür droht uns keine Strafe,
weder jetzt, noch an einem Jüngsten Tag.
Gott hat uns doch bereits alles vergeben.
In seinem Sohn hat er unsere Unfähigkeit zum Tun des Guten
und zum Halten der Gebote ans Kreuz getragen,
damit wir, um im Bild des Paulus zu bleiben,
nicht mit eingezogenem Kopf
in unserer Stroh- oder Schilfhütte hocken müssen,
voller Angst vor Regen, Sturm oder Feuer.
 
Vielmehr können wir heute werden,
was wir in Gottes Augen bereits sind:
Der Tempel Gottes.
Das wunderbarste, wertvollste Gebäude, das es gibt.
Kein Schloss, kein Palast,
und sei er aus Gold und Edelsteinen erbaut,
reicht da heran.
 
Wir SIND der Tempel Gottes,
jede und jeder Einzelne von uns.
Wir sind es nicht,
weil wir so schön sind, so schlau sind, so gut und fromm
- denn das sind wir nicht -,
sondern weil Gottes Geist in uns wohnt.
Gottes Geist, der bei unser Taufe bei uns eingezogen ist,
macht uns wertvoll, einzigartig und schön.
 
Und weil Gottes Geist in uns wohnt,
müssen wir auch keine Angst haben,
dass Gott uns verurteilt.
Wie könnte er?
Er erachtet uns doch für wert und würdig,
seinen Geist zu beherbergen!
 
Wir alle,
jede und jeder Einzelne von uns,
sind der Tempel Gottes.
Dadurch geschieht etwas Wunderbares:
Wir kommen im Namen Gottes zusammen
und bilden damit
den Tempel im Quadrat:  
Die Gemeinde.
Deshalb sagt Jesus:
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen” (Matthäus 18,20).
 
Wo so viel Heiligkeit zusammenkommt -
wohlgemerkt: nicht unsere Heiligkeit, Reinheit oder Frömmigkeit,
sondern der Heilige Geist,
den wir in und mit uns tragen  
und der hier unter uns ist -,
da muss Gott zum Greifen nah unter uns sein.
Da beflügelt uns sein Geist,
aus den vielen Häusern, die wir sind,
EIN großes Haus zu bauen:
Die Gemeinde.
 
Die Gemeinde, die erfüllt ist vom Heiligen Geist,
weil sie aus begeisteten Menschen besteht,
bei denen der Geist wie ein Funke  
von der einen auf den anderen überspringt,
bis ein Feuer entsteht,
das nichts und niemanden verbrennt,
sondern das die Seelen erleuchtet
und die Herzen erwärmt -
unsere,
und die Herzen derer, die es sehen.
 
Amen.

Samstag, 22. August 2020

herabsehen und hinaufsehen

Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 23.8.2020,
über Lukas 18,9-14:

 
Jesus erzählte einigen, die von sich selbst überzeugt waren, gerecht zu sein,  
und auf die anderen herabsahen, dieses Gleichnis:
 
Es stiegen einmal zwei zum Tempel hinauf, um zu beten;  
der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand aufrecht da und betete bei sich selbst so:
„Gott, ich danke dir,
dass ich nicht wie der Rest der Menschheit bin,
Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder wie dieser Zöllner:
Ich faste zweimal in der Woche,
ich gebe den Zehnten von meinen gesamten Einkünften”.
Der Zöllner aber hielt sich auf Distanz
und wollte auch nicht seine Augen aufheben zum Himmel,
sondern schlug sich an die Brust und sprach:
„Gott, lass dich mit mir Sünder versöhnen!”
Ich sage euch:
Dieser kam gerechtfertigt hinab in sein Haus, statt jenem.
Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt,
aber wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
beim Hören des Gleichnisses vom Pharisäer und Zöllner
lehnt man sich innerlich zurück und denkt sich:
„Wie gut, dass ich nicht so bin wie dieser Pharisäer …”
Und  indem man so denkt, wird einem plötzlich bewusst,
dass man in eine Falle getappt ist.
Man hat nicht anders gehandelt als dieser Phariser,
der im Gleichnis so schlecht wegkommt.
 
Erzählt Jesus deshalb dieses Gleichnis,
um uns in eine Falle zu locken,
damit wir uns ertappt fühlen
und uns zerknirscht eingestehen,
dass wir nicht besser sind als der Pharisäer?
 
Aber Jesus erzählt dieses Gleichnis ja gar nicht uns,
sondern „einigen, die von sich selbst überzeugt waren, gerecht zu sein,  
und auf die anderen herabsahen”,
wie es in der Einleitung heißt.
 
Das Gleichnis ist nicht für uns bestimmt,
sondern für die, die sich selbst für fromm und gerecht halten
und auf andere, die nicht so sind, herabsehen.
Das Gleichnis geht uns also eigentlich gar nichts an.
Man  könnte sich also ganz entspannt zurücklehnen und ---
NICHT wie der Pharisäer denken:
„Wie gut, dass ich nicht so bin” -,
sondern einfach mal abwarten,
was passiert und wie die Sache ausgeht,
nämlich: schlecht für den Pharisäer.
 
Jesus erzählt ein Gleichnis,
das nicht für uns bestimmt ist.
Warum überliefert Lukas es dann in seinem Evangelium,
und warum denken wir heute darüber nach?
Was geht uns ein selbstgerechter Frommer an,
wenn wir nicht so sind wie er?
 
Irgendetwas hat das Gleichnis vielleicht doch  
mit uns und unserem Leben zu tun.
Irgendeinen Grund muss es doch geben,  
dass Jesus dieses Gleichnis erzählt
und Lukas es in seinem Evangelium aufgeschrieben hat -
einen, der uns direkt betrifft.
 
Ein naheliegender Gedanke ist,
dass dieses Gleichnis uns einen Spiegel vorhält:
Wir sind zwar nicht so wie dieser Pharisäer,
aber wir KÖNNEN so sein -
wir haben ja beim Hören gemerkt,
wie leicht man in diese Haltung des selbstgerechten Zurücklehnens verfällt,
die auf den, der da kritisiert wird, herabsieht.
 
Gewiss, eine Frömmigkeit,  
die so von sich überzeugt ist wie der Pharisäer im Gleichnis,
mag ärgerlich sein.
Aber sie schadet doch niemandem!?
Was der Pharisäer denkt, ist schließlich seine Sache.
Was das Tun angeht, da ist er jedenfalls vorbildlich:
Er gibt 10% seines Einkommens für gute Zwecke -
wer von uns tut das schon?
Er ist ein religiöser Mensch,
der seine Glaubenspflichten ernst nimmt und erfüllt,
der  sich von schlechten Menschen fernhält.
Von solchen Leuten könnte es ruhig mehr geben,
und von mir aus dürfen sie sich dann auch gern etwas darauf einbilden,
dass sie so vorbildlich leben.
 
Aber Jesus lobt nicht den Pharisäer,
sondern den Zöllner.
Habe ich etwas übersehen?
Sehe ich hier etwas falsch?
Ach ja! Ich habe den Zöllner ganz vergessen.
Er ist sozusagen der Gegenspieler des Pharisäers:
ein durch und durch schlechter und verkommener Mensch.
Einer, mit dem anständige Leute nichts zu tun haben.
Einer, der allen Grund hat, sich zu schämen
und sich an die Brust zu schlagen.
Aber ER wird gerecht gesprochen - der Pharisäer nicht.
 
Sollte das die Botschaft dieses Gleichnisses sein,
dass wir, wie der Zöllner, mit gesenktem Kopf herumlaufen sollen,
weil wir allzumal Sünderinnen und Sünder sind?
Sollten wir uns denn immerzu schämen dafür,
dass wir so schlechte Menschen sind?
Sollte denn das Gute, das wir tun, gar nicht zählen?
Darf man nicht mal ein bisschen stolz auf sich sein
und auch dankbar dafür, dass man auf der guten Seite steht?
 
Wir sind weder Pharisäer noch Zöllner.
Wir stehen irgendwo zwischen beiden -
ein bisschen fromm,  
und auch ein bisschen zweifelnd.
Bemüht, das Gute zu tun,  
und manchmal auch sehr nachlässig darin,

oder jedenfalls nicht sehr erfolgreich.
 
Als gläubiger Mensch ist man sich oft nicht sicher,
ob man „genug” glaubt,  
und ob man es auf die rechte Weise tut.
Der Grund dafür liegt darin,
dass Glaube eine persönliche Sache ist.
Glaube ist etwas sehr Intimes.
Und wie das so ist mit intimen Dingen:
Darüber spricht man nicht,
schon gar nicht mit anderen.
Deshalb gibt es diese Unsicherheit mit dem Glauben,
ob man alles richtig macht
und ob man genug glaubt.
Wenn dann jemand, wie dieser Pharisäer, auftritt,
der ganz genau weiß, wie Glauben geht,
was dabei richtig ist und was falsch,
kann man sich schon mal klein und armselig vorkommen,
so im Abseits wie der Zöllner,
der sich nicht aufzublicken traut.
 
Ich glaube,
genau diese Erfahrung möchte Jesus mit seinem Gleichnis beschreiben:
Das Gefühl, den Frommen gegenüber -
denen, die genau wissen, was und wie man zu glauben hat -
nicht ebenbürtig zu sein.
Wer sich in seinem Glauben unsicher fühlt,
traut sich dann oft auch nicht,
mit seinem scheinbar kleinen Glauben Gott unter die Augen zu treten.
 
Indem Jesus dem Pharisäer ausgerechnet den Zöllner gegenüberstellt -
das Gegenteil eines frommen und gottesfürchtigen Menschen -
und von ihm sagt, dass Gott ihm vergeben hat,
will er uns diese Angst nehmen,
unser Glaube sei zu klein, sei nicht ausreichend,
um damit Gott unter die Augen treten zu können.
 
Jesus möchte denen,
die an ihrer Gerechtigkeit und ihrem Glauben zweifeln,
etwas vom Selbstbewusstsein des Pharisäers abgeben.
Wir dürfen Gott gerade und aufrecht gegenübertreten,
denn wir sind Gott recht mit unserem kleinen Glauben
und mit unseren großen Zweifeln.
 
Unser Glaube ist nicht zu wenig,
er ist Gott recht so, wie er ist.
Wenn wir Gott um Vergebung bitten
und auf seine Liebe und Barmherzigkeit hoffen,
wird Gott uns erhören,
wie er auch den Zöllner erhört hat.
 
Amen.
 

Mittwoch, 12. August 2020

rück mal ein bisschen

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 16.8.2020, über Römer 11,25-35:
 
Paulus schreibt:
Liebe Geschwister,
mir liegt sehr daran, dass ihr dieses Geheimnis versteht,
damit ihr nicht auf euer eigenes Wissen baut,
dass nämlich Israel teilweise Verstockung widerfahren ist,
bis die Vollzahl der Heiden dazugekommen ist
und so ganz Israel gerettet werden wird,
wie geschrieben steht (Jesaja 59,20f):
    „Aus Zion wird der Retter kommen.
    Abwenden wird er die Gottlosigkeit von Jakob,
    und das wird mein Bund für sie sein,
    
wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde”.
Dem Evangelium nach sind sie zwar Feinde um euretwillen,
aber der Erwählung nach sind sie Geliebte um der Vorväter willen.
Denn die Gaben und die Erwählung Gottes sind unwiderruflich.
Wie ja auch ihr einst Gott ungehorsam wart,
jetzt aber Erbarmen gefunden habt durch ihren Ungehorsam,
so sind diese jetzt ungehorsam geworden,
sodass ihr Erbarmen finden konntet,
damit auch sie jetzt Erbarmen finden.
Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen,
um sich aller zu erbarmen.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
den allwissenden Erzähler gibt es nur im Roman.
Nur der Autor eines Buches kennt jeden einzelnen Charakter,
seine Geschichte, seine Gefühle, seine Ziele,
und weiß als einziger, ob die Geschichte am Ende gut ausgeht oder nicht.
Als Leser:in folgt man gespannt den Wendungen des Romans,
und erst am Ende ist man so klug wie sein:e Autor:in.
Man würde manchmal gern vorher wissen,
wie eine Sache ausgeht.
Man würde manchmal auch gern wissen,
was andere gerade denken, was sie vorhaben.
Aber im wirklichen Leben kennt man immer nur eine - seine - Seite.
Was die oder der andere denkt -
welche Beweggründe sie hat, was sie fühlt, was sie will -
darüber kann man bestenfalls Vermutungen anstellen.
Und wer im Zweifel oder im Streitfall recht hatte,
das zeigt sich immer erst ganz am Ende.
 
Die Bibel ist kein Roman,
auch wenn sie ein sehr dickes Buch ist.
Es gibt in ihr keinen allwissenden Erzähler,
der die Motive und Ziele aller seiner Figuren kennt.
Darin ist die Bibel mit unserer Wirklichkeit verwandt,
auch wenn man meinen könnte,
Glaube und Wirklichkeit würden sich ausschließen.
In der Bibel _kann_ es keinen allwissenden Erzähler geben,
weil Gott über und hinter allen Erzählungen der Bibel steht.
Gott allein ist allwissend.
Aber Gott lässt sich nicht in die Karten sehen -
auch wenn man zu gern mal spicken würde,
welche Trümpfe er so in der Hand hält.
Man sieht nur die Karten, die schon ausgespielt sind.
Von ihnen versucht man zu schließen,
welche Karten noch im Spiel sind,
und welches Blatt die anderen haben:
ob sie gute Karten haben oder schlechte.
 
II
Paulus, der ehemalige Pharisäer,
fragt sich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom,
warum seine jüdischen Glaubensgeschwister
im gekreuzigten und auferstanden Jesus von Nazaret
nicht den Messias, den Christus, erkennen wollen,
den er in ihm erkannt hat.
Damit greift er eine Frage auf,
die auch die römischen Christen bewegt
und die seitdem immer wieder aufgeworfen wurde:
Wenn die Menschen jüdischen Glaubens auf den Messias warten,
warum erkennen sie dann Jesus nicht als Messias an?
 
Über die Jahrhunderte hinweg war dies einer der Gründe
für die erbarmungslose und unerbittliche Verfolgung,
Ausgrenzung und Stigmatisierung der Menschen jüdischen Glaubens.
Aber schon Paulus geht einen anderen Weg bei der Lösung dieser Frage.
Er wirft es seinen Glaubensgenossen nicht vor,
dass sie Jesus nicht als Messias anerkennen,
sondern stellt es als Tatsache fest - wenn auch nicht ohne Bedauern.
Es ist für ihn undenkbar,
dass seine Glaubensgenossen den Messias nicht erkennen würden.
Es muss daher - sozusagen von höchster Stelle - verhindert worden sein,
dass Jesus von ihnen erkannt wurde.
 
Aber zugleich ist es undenkbar,
dass Gott nicht wollte, dass sein Volk den Messias erkennt.
Israel ist Gottes erwähltes Volk,
daran gibt es keinen Zweifel,
„denn die Gaben und die Erwählung Gottes sind unwiderruflich”.
Anders wäre Glaube auch gar nicht möglich.
 
Wenn Gott jederzeit seine Meinung ändern
und sein Versprechen brechen würde,
wie sollte man dann sicher sein,
dass man zu Gott gehört?
 
Für Paulus kehrt sich damit die Frage um:
Nicht warum seine Glaubensgenossen nicht an Jesus glauben,
ist die Frage, sondern was das für die bedeutet,
die an Jesus glauben.
 
Christus ist gekommen und hat,
davon ist Paulus überzeugt,
einen neuen Zugang zu Gott eröffnet,
der besonders denen gilt,
die Gott bisher nicht kannten.
Dadurch entstehen zwei Gruppen:
Hier die Schar der Christen,
die sich dem neuen Weg anschließen,
wie Paulus ihn verkündigt.
Dort die Menschen jüdischen Glaubens,
die an den Überlieferungen ihrer Mütter und Väter
und am Gesetz des Mose festhalten,
an Gebot und Beschneidung.
Beide sind „Volk Gottes”,
beiden gelten Gottes Verheißungen -
den Menschen jüdischen Glaubens von Anfang an,
und den Christ:innen jetzt auch.
 
III
Wenn es zwei Gruppen gibt,
die miteinander im Wettbewerb stehen
um Gottes Gunst und Erbarmen,
erhebt sich die Frage:
Wer von beiden hat recht?
Wer gehört zum Volk Gottes:
„Wir” oder „die”?
 
Die Frage ist einfach zu entscheiden:
Weil die Gaben und die Erwählung Gottes unwiderruflich sind,
kann die Antwort nur lauten: beide.
 
Offenbar gibt es zwei Wege, zwei Möglichkeiten,
Gottes Kind zu werden:
durch den jüdischen Glauben und durch den christlichen.
Es gibt zwei Wege,
aber man kann sich nicht aussuchen,
welchen man gehen will,
weil man sich den Glauben nicht aussuchen kann.
Man kann nicht von jetzt auf gleich entscheiden:
Ich glaube, dass Jesus der Christus, der Messias ist.
Auch, wenn manche:r das im Rückblick so empfindet:
Dass wir glauben, ist nicht unsere Tat, nicht unsere Entscheidung.
Dass wir an Jesus als den Christus glauben, ist ein Geschenk.
Paulus nennt es: „Gottes Erbarmen”.
Der Glaube an Jesus kann einem nicht einleuchten,
man kann nicht davon überzeugt werden.
Er fällt einem sozusagen in den Schoß - oder nicht.
Nicht zu glauben ist der „Ungehorsam”,
von dem Paulus spricht.
 
„Ungehorsam” Klingt so, als habe man nicht gewollt,
als sei es die eigene Schuld gewesen,
dass man nicht glauben konnte, nicht geglaubt hat.
Aber so, wie Paulus es darstellt,
ist der Ungehorsam vielmehr eine Unfähigkeit:
Man kann nicht an Jesus als den Christus glauben,
wenn Gott es nicht will.
Paulus nennt es „Verstockung”,
wie Gott einst den Pharao verstockte,
damit er das Volk Israel nicht aus Ägypten ziehen ließ.
 
IV
Gott verstockt Menschen,
damit sie nicht an Jesus glauben -
kann man, darf man so von Gott denken und sprechen,
wie Paulus es tut?
 
Darf man Gott so beschreiben,
dass er scheinbar willkürlich der einen den Glauben schenkt
und ihn der anderen verweigert?
 
Paulus kann nicht wissen,
wie Gott ist und was Gott will.
Er kann nur anhand dessen, was er sieht und erlebt,
vermuten, was Gottes Wille sein könnte.
Paulus vermutet einen tieferen Sinn dahinter,
dass die „Heiden” zum Glauben an Christus finden,
seine jüdischen Glaubensgeschwister aber nicht.
Und er findet die Erklärung,
dass die Menschen jüdischen Glaubens sozusagen
ein wenig beiseite rücken und Platz machen mussten,
damit die, die bisher nicht zum Volk Gottes gehörten, dazukommen konnten.
Sie mussten „ungehorsam” werden, wie Paulus es nennt,
weil in Gottes Haus zwar viele Wohnungen sind,
wir aber die Tür nicht gefunden hätten,
wenn unsere jüdischen Glaubensgeschwister
nicht für uns Platz gemacht hätten.
Ohne ihre Hilfe wären wir an der offenen Tür vorbeigelaufen.
Was von außen als Ablehung und Unwille, als „Ungehorsam”, erscheint,
ist also in Wahrheit ein Entgegenkommen.
Ein unfreiwilliges Entgegenkommen,
denn die Menschen jüdischen Glaubens wussten nichts davon,
dass sie für die „Heiden” Platz gemacht hatten.
Sie konnten es nicht wissen.
Wenn man selbst nicht der allwissende Erzähler ist,
bleiben einem die wahren Gründe bis zum Ende verborgen.
 
V
Paulus stellt Vermutungen an -
auch er ist nicht allwissend.
Ob seine Vermutungen uns überzeugen können?
Es klingt nicht wirklich logisch, was er sagt,
es ist mehr ein Bild, das Paulus zeichnet:
Das Bild eines Hauses,
das eigentlich genug Platz hat,
aber dessen Eingang nicht zu finden ist,
wenn andere, die schon drin sind,
nicht ein wenig beiseite rücken.
 
Das Bild vom „Platz machen” ist ein schönes Bild.
Es gilt auch uns:
Es könnte ja sein,
dass auch wir manchmal Plätze besetzen,
und dadurch verhindern, dass andere dazukommen können.
Wenn wir ein bisschen rücken würden,
würden andere vielleicht entdecken,
dass auch für sie noch Platz in der Gemeinde,
ein Platz im Gottesdienst ist.
 
Man macht sich nicht nur körperlich breit.
Man nimmt auch Raum ein mit seinem:
„Das muss so-und-so gemacht werden!” oder
„das haben wir immer so gemacht!”.
Man nimmt anderen den Raum,
wenn man Aufgaben oder Verantwortung
nicht abgeben oder teilen kann.
Man nimmt anderen Raum,
wenn sie erst so sein, denken und leben müssen
wie man selbst es für richtig hält,
bevor man ihnen einen Raum bei sich zugesteht.
 
Vielleicht ist am Ende die Frage gar nicht so entscheidend,
warum es zwei Wege zu Gott gibt:
den des jüdischen und den des christlichen Glaubens -
und ob es vielleicht noch mehr Wege geben könnte.
Entscheidend ist, ob man Gottes Liebe und Erwählung,
wenn man sie gefunden und für sich angenommen hat,
mit anderen teilen kann,
die nicht so glauben, denken und sind, wie man selbst,
oder ob man sie eifersüchtig nur für sich allein haben will.
Entscheidend ist, ob man anderen zuliebe
im Glauben und im Leben ein bisschen zur Seite rücken kann.
 
In Gottes Haus sind viele Wohnungen.
Aber wie das so ist in Mehrfamilienhäusern:
Nicht immer kommen Nachbarn gut miteinander aus.
Darum schärft Paulus uns ein,
dass _alle_ ungehorsam waren.
Niemand kann von sich behaupten,
er oder sie hätte Gottes Barmherzigkeit verdient,
oder würde sie mehr verdienen als andere.
Darum sollten wir Gott dankbar sein,
dass er uns zu sich eingeladen hat,
und nicht scheel dreinschauen,
wenn er Leute einlädt,
denen wir es nicht gönnen
oder die wir nicht dabei haben möchten.
Wir sollten vielmehr froh sein,
dass Gottes Haus und Gottes Herz so groß sind.
Da ist für jede und jeden Platz -
auch für uns!