Mittwoch, 22. November 2023

Brandmauer

Ansprache am Buss- und Bettag, 22.11.2023, über Ezechiel 22,23-31:

Das Wort Gottes kam zu mir:

Menschenkind, sag dem Land:

Du bist ein Land, das nicht für rein erklärt,

nicht vom Regen abgewaschen wurde am Tag des Zorns.


Die FÜHRER DER NATION in seiner Mitte

glichen einem brüllenden Löwen, der seine Beute reißt.

Sie fraßen Menschen,

nahmen Schätze und Kostbarkeiten,

vermehrten die Witwen im Lande.


Seine PRIESTER taten meiner Weisung Gewalt an

und entweihten, was mir heilig war.

Zwischen heilig und profan unterschieden sie nicht

und stellten nicht fest, was rein war und was unrein.

Vor meinen Sabbaten verschlossen sie die Augen.

So wurde ich mitten unter ihnen entweiht.


Die FÜRSTEN im Land waren reißende Wölfe,

die Blut vergossen, Menschenleben vernichteten,

damit sie ihren Profit machen konnten.


Und seine PROPHETEN übertünchten alles für sie.

Die Seher sahen Trug,

und die Wahrsager logen für sie.

Sie sagten: So spricht Gott, der Herr,

aber Gott hatte nicht gesprochen.


Die GRUNDBESITZER erpressten und raubten

und bedrückten die Elenden und Armen,

und den Fremden erpressten sie gegen jedes Recht.


So suchte ich unter ihnen jemanden,

der eine Mauer ziehen

und in die Bresche springen würde vor mir für das Land,

damit es nicht vernichtet würde,

aber ich fand niemanden.


Da goss ich meine Wut über sie aus,

mit dem Feuer meines Zorns vernichtete ich sie.

Ihren Lebenswandel ließ ich auf ihr Haupt kommen,

Spruch Gottes, des Herrn.



Liebe Schwestern und Brüder,


ein Donnerwetter ergeht da durch den Propheten Ezechiel.

Man zieht unwillkürlich den Kopf ein,

auch wenn wir gar nicht gemeint sind.

Und doch erkennen wir in seiner bildreichen Sprache

menschliche Grundzüge wieder,

die es auch heute noch gibt.


Der große Prozess in Italien diese Woche

gegen Mitglieder der kalabrischen Mafia hat gezeigt,

wie allgegenwärtig Raub und Erpressung unter uns sind.

In Putins Angriffskrieg gegen Ukraine,

beim Überfall der Hamas auf Israel

gehen Mächtige über Leichen,

und man weiß nicht einmal, wofür.


Ezechiel hält seine Strafpredigt dem kläglichen Rest,

der von Israels Gläubigen übrig geblieben ist

nach der Zerstörung Jerusalems

und der ins babylonische Exil verschleppt wurde.

Jeremia, der Prophet vor ihm,

hatte vor dem kommenden Unheil gewarnt,

zur Umkehr, zur Besinnung gerufen - vergebens.

Ezechiel findet Jeremias Mahnungen bestätigt

in dem Schicksal, das die Bewohner Israels ereilt hat.


Er stellt einen Zusammenhang her

zwischen dem heillosen Handeln derer,

die es eigentlich besser hätten wissen müssen,

und dem Unheil, das dann über sie hereingebrochen war.

Nicht den Zusammenhang von böser Tat und Strafe,

an den wir als erstes denken würden.

Sondern dass heilloses Handeln Unheil heraufbeschwören muss.


Menschen, die immer wieder gedemütigt,

ihrer Rechte beraubt, benachteiligt und übervorteilt werden,

erheben sich eines Tages und nehmen sich mit Gewalt,

was ihnen bisher verwehrt wurde.

Kurzsichtiges Macht- und Gewinnstreben

geht über die Rechte und Bedürfnisse von Menschen hinweg,

geht buchstäblich über Leichen.

Doch solche Taten rächen sich.

Aus ihnen kann nichts Gutes, nichts Bleibendes folgen.


So warnen heute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler,

Schülerinnen und Schüler

vor dem menschengemachten Klimawandel.

Vielleicht wird eines Tages,

wenn die Wellen der Meere weite Landstriche überflutet haben,

wenn Ackerboden von Regenmassen weggeschwemmt

oder von Gluthitze ausgedörrt ist,

ein Mensch wie Ezechiel aufstehen

und denen, die übrig geblieben sind,

den Zusammenhang aufweisen:

wie heilloses Handeln Unheil heraufbeschwört.


Aber der klägliche Rest der Gläubigen,

der zum Gottesdienst gekommen ist,

um Ezechiels Strafpredigt anzuhören,

hat es eigentlich nicht verdient, so angegangen zu werden.

Sie sind gekommen, um Gottes Wort zu hören.

Sie sind diejenigen, die nach Gottes Willen fragen

und sich an seine Gebote halten.

Ihnen muss man den Zusammenhang

zwischen ungerechtem Handeln und Unheil nicht erklären.

Sie werden auch nicht zu denen gehören, die Ezechiel aufzählt.

Die Führer der Nation, die Priester, Fürsten,

falschen Propheten und Grundbesitzer

werden sicher nicht zu Ezechiel in den Gottesdienst kommen.

Überhaupt wird die Zahl derer,

die damals über die Katastrophe des Exils

und ihre Folgen nachdenken wollten,

überschaubar gewesen sein, so wie heute.


Wenn Ezechiel die unheilvollen Taten aufzählt,

die für ihn zur Zerstörung Jerusalems führten,

kann er sich der Zustimmung seiner Zuhörer sicher sein.

Denn um Unrecht zu erkennen und zu benennen,

muss man sich erst einen Maßstab zu eigen machen.

Dieser Maßstab tritt in der Aufzählung Ezechiels deutlich hervor:

Respekt vor dem Leben,

das Gott allen Menschen geschenkt hat;

Respekt vor Gott und seinem Willen;

ein fairer Handel, der andere nicht übervorteilt

und ihnen nicht die Lebensgrundlage nimmt;

Liebe zur Wahrheit,

die man nicht verschweigt oder zu jemandes Gunsten verbiegt;

Rücksicht auf Schwache,

Hilfe für Notleidende und Bedürftige.

Seine Zuhörerinnen und Zuhörer teilen diesen Maßstab.

Ich sehe sie vor mir, wie sie bei jedem der Punkte

in der Aufzählung des Ezechiel zustimmend nicken.


Auch ihnen gilt ein Absatz in der Predigt Ezechiels:

„Ich suchte unter ihnen jemanden,

der eine Mauer ziehen

und in die Bresche vor mir springen würde für das Land.”

Gott, so sagt Ezechiel, Gott sucht jemanden,

der oder die Brandmauern errichtet

gegen Lüge, Fremdenhass, Menschenverachtung.

Jemanden, der oder die Grenzen zieht

und mahnt, wenn sie überschritten werden.


Im 6. Kapitel des Jesajabuches,

dessen erster Teil lange vor Ezechiel

und auch lange vor Jeremia geschrieben wurde,

hört Jesaja Gott fragen:

„Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?”

Die Frage Gottes können nur die hören,

die sich Gottes Maßstab zu eigen gemacht haben.

Die nicht mehr blind sind gegen das Unrecht,

gegen Not und Elend in der Welt.

Die nicht an „alternative Fakten” glauben,

die man so hindreht, wie es einem passt,

sondern an die Wahrheit dessen, der gesagt hat:

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben;

niemand kommt zum Vater denn durch mich.”


Diese Frage ergeht heute auch an uns.

Das ist der Sinn des Busstages:

nicht Selbstzerknirschung oder gar Scham.

Sondern sich der Frage zu stellen,

ob man Gottes Ruf folgen will und folgen kann,

Mauern zu ziehen und in die Bresche zu springen.


Es ist eine Frage, die dem Busstag angemessen ist.

Man kann sie nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Was mit Menschen geschieht,

die Grenzen ziehen und Nein! sagen,

die auf der Wahrheit beharren und sie verteidigen,

die sich an die Seite der Schwachen stellen,

das wissen wir nur zu gut.

Darum zwingt Gott niemanden,

für seine Sache einzutreten.


Wer aber bereit ist, dieses Wagnis auf sich zu nehmen

um des Landes, um der Zukunft, um der Menschen -

um Gottes willen,

der oder dem gilt die Verheißung,

die im letzten Teil des Jesajabuches steht.

Ein Teil, der am Ende des Exils geschrieben wurde.

Als die Möglichkeit einer Rückkehr nach Israel

am Horizont auftauchte und zur Wirklichkeit wurde;

die Möglichkeit zu Wiederaufbau und Neuanfang.

Lange nach Ezechiel wurden diese Verse geschrieben,

und doch mit seiner Botschaft im Hinterkopf:


Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst

und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,

sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt

und den Elenden sättigst,

dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen,

und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Und der Herr wird dich immerdar führen

und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken.

Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten

und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden,

was lange wüst gelegen hat,

und du wirst wieder aufrichten,

was vorzeiten gegründet ward;

und du sollst heißen:

»Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert,

dass man da wohnen könne«. (Jes 58,9b-12)

Sonntag, 12. November 2023

vanitas

Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 12.11.2023, über Römer 8,18-25

Ich meine, dass die Leiden unserer Zeit nicht ins Gewicht fallen

angesichts der kommenden Herrlichkeit, die an uns offenbart wird.

Die sehnsüchtige Erwartung der Schöpfung ist ja darauf gerichtet,

dass die Kinder Gottes offenbart werden.

Denn die Schöpfung wurde der Nichtigkeit unterworfen -

nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat -

auf die Hoffnung hin, dass auch diese Schöpfung befreit wird

von der Knechtschaft der Vergänglichkeit

zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.

Wir wissen doch, dass die ganze Schöpfung bis jetzt

insgesamt seufzt und miteinander leidet.

Nicht nur sie, sondern auch wir,

die wir den Vorschuss des Geistes erhalten haben,

auch wir seufzen und erwarten die Kindschaft,

die Erlösung unseres Körpers.

Wir wurden ja durch Hoffnung gerettet.

Aber eine Hoffnung, die man sieht, ist keine Hoffnung.

Denn wer hofft auf das, was man bereits sieht?

Wenn wir aber erhoffen, was wir nicht sehen, warten wir geduldig.



Liebe Schwestern und Brüder,


wie viel Zeit verbringt man mit Warten:

auf den Bus;

auf den Anschluss;

in Arztpraxen;

auf dem Behandlungsstuhl beim Zahnarzt;

auf ein Päckchen oder ein Paket;

auf einen Handwerker;

auf einen Anruf, einen Besuch.


Es ist tote Zeit.

Man kann nichts machen,

man muss da sein,

um bloß nicht zu verpassen,

worauf man so lange wartet.


Diesem untätigen Warten steht bei Paulus die Hoffnung gegenüber.

Die Hoffnung, Schwester des Glaubens,

insofern der Glaube eine lebendige Erwartung ist.

Eine Schwester auch der Liebe,

die den Geliebten, die Geliebte ersehnt.


Die Hoffnung, Schwester von Glaube und Liebe

ist kein diffuses Gefühl, das noch was kommen muss -

womöglich etwas besseres als das, was man gerade erlebt.

Sie ist keine vage Vermutung, kein Vielleicht.


Die Hoffnung, von der Paulus spricht,

weiß, dass da noch etwas kommt.

Weiß es ganz sicher.

In ihrem Wissen ist sie unbeirrbar.

Weil es kommen muss.

Es geht nicht anders, es kann nicht anders sein.

Sonst behielte die Vergänglichkeit die Oberhand,

und dann wäre alles umsonst:

der Glaube, die Liebe und die Hoffnung.


Aber ist Vergänglichkeit nicht unser Schicksal?

Alles vergeht, wir müssen alle einmal sterben.

Hat es Sinn, sich etwas anderes zu wünschen?

Und ist Glaube nicht genau dazu da,

uns angesichts der Vergänglichkeit hoffen zu lassen,

dass dermaleinst, am Ende der Zeiten,

alle Tränen abgewischt werden

und der Tod nicht mehr sein wird?


Wenn man Glaube und Hoffnung so verstehen will,

dass Erlösung von der Vergänglichkeit

erst nach unserem Tod stattfindet,

dann wäre unsere Zeit auf Erden bloß ein Übergang.

Etwas, das man erleiden, ertragen muss,

bis man endlich, endlich unter einem neuen Himmel

auf einer neuen Erde zum ewigen Leben erwacht.


Dann wäre aber genau genommen

dieses unser Leben gar kein Leben,

sondern nur ein Wartesaal,

in dem wir unsere Zeit absitzen,

bis wir endlich aufgerufen werden.


Vergänglichkeit meint aber nicht bloß die Tatsache,

dass wir alle einmal sterben müssen.

Vergänglichkeit - oder Nichtigkeit,

vanitas im Lateinischen -,

beschreibt auch eine Eigenschaft.

„Vanitas vanitatum”, heißt es im Buch des Predigers,

Luther übersetzt es so: „es ist alles ganz eitel”.


Von diesem Eitlen, Nichtigen erzählen auch die Märchen:

Die Königin fragt ihren Spiegel:

„Wer ist die Schönste im ganzen Land?”,

und der König fragt seine Töchter:

„Wie lieb habt ihr mich?”

und verstößt seine jüngste, als sie ihm sagt,

sie habe ihn so lieb wie das Salz.


„Hans im Glück” ist ein Gegentyp zu diesen beiden,

einer, der nicht dem Eitlen und Nichtigen verfällt.

Er lässt sich bei jedem Tausch benachteiligen,

weil ihm der sogenannte Wert der Sache gleichgültig ist.

Als ihm am Ende sogar der wertlosen Schleifstein

in den Brunnen fällt, wähnt er sich am glücklichsten,

weil er nichts mehr besitzt.


Nicht nur Königinnen und Könige im Märchen

hängen dem Eitlen, dem Nichtigen an.

Auch uns ist es nicht fremd.

Man kann geradezu sagen:

Die Welt, wie wir sie uns geschaffen haben,

ist auf Nichtigkeiten aufgebaut.


Unser Wirtschaften z.B. ist darauf angewiesen,

dass die Dinge, die wir besitzen, schnell kaputt gehen,

damit wir uns bald wieder etwas Neues kaufen.

Wir produzieren unglaublich viel Müll

und verteilen ihn über unseren Planeten.

Inzwischen landet dieser Müll

in Form von kleinsten Partikelchen wieder in unserem Essen:

Der Kreislauf hat sich geschlossen.


Die Nichtigkeit bestimmt auch unser Verhältnis zur Welt:

Wir müllen sie nicht nur zu,

wir behandeln sie auch wie den letzten Dreck.

Wenn die Welt ein Gegenstand wäre,

dann nicht das wertvolle Meißner Porzellan,

das man mit Samthandschuhen anfasst.

Sie wäre der Plastebecher, den man aus dem Autofenster wirft.


Man spricht von „Re-Naturierung”,

weil es längst keine Natur mehr gibt,

bis auf ein paar lächerlich kleine Fleckchen.

Aber selbst da soll die Natur

sich nach unseren Vorstellungen richten.

Sobald ein Luchs, ein Wolf oder ein Bär

aus seinem Reservat ausbricht, wird er zum Problem

und zum Abschuss freigegeben.

Wundert es da, dass die ganze Schöpfung bis jetzt

insgesamt seufzt und miteinander leidet?


Aber nicht nur sie, sondern auch wir leiden.

Denn wie wir mit unserer Umwelt,

mit Pflanzen und Tieren umgehen,

so gehen wir auch miteinander um:

Menschen dienen als „Schutzschilde”,

gelten als „Kollateralschäden”.

Wir ertragen es, dass Menschen wie Müll leben müssen,

dass sie von unserem Müll leben müssen.

Und wir möchten die, die nicht so sind wie wir,

gern in Reservate sperren,

wo sie bitteschön bleiben sollen,

denn sonst werden sie für uns zum Problem.


Die Schöpfung leidet unter der Vergänglichkeit,

sie leidet unter uns und wartet darauf,

dass endlich, endlich die Kinder Gottes offenbart werden.


Kinder Gottes - das sind wir doch schon!

Mit unserer Taufe sind wir es geworden.

Seitdem dürfen wir Gott „Vater” nennen, „Vater unser”,

und unsere Mutter.


Wenn Kinder von ihren Eltern mit Liebe erzogen wurden,

wenn sie Geborgenheit und Anerkennung erfuhren,

wenn auf sie und ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen wurde,

dann darf man erwarten, dass sie als Erwachsene einmal

ebenso handeln werden.

Gott liebt uns, seine Kinder, über alle Maßen.

Gott vergibt uns und hat Geduld mit uns.

Gott hat uns diese Welt, seine Schöpfung, überlassen,

damit wir sie als Lebensraum für alle Lebewesen erhalten.


Können wir das vor unserem geistigen Auge sehen?

Können wir uns vorstellen, dass jedes Lebewesen

seinen Platz auf unserer Welt einnehmen darf?

Können wir uns vorstellen, dass jeder Mensch

leben und glücklich sein darf?


Und können wir uns vorstellen,

dass Menschen, um leben und glücklich sein zu können,

ihr schlechtes Leben hinter sich lassen, wenn sie es können,

um anderswo ein neues Leben zu beginnen?

Würden wir nicht auch so handeln?

Denn, so heißt es in einem anderen Märchen:

„Etwas besseres als den Tod finden wir überall.”


Und wenn wir uns das vorstellen können,

wünschen wir auch, dass es Wirklichkeit wird?

Möchten wir Wölfen, Luchsen und Problembären

ihren Platz in unserer Umwelt lassen,

wenn das bedeutet, dass wir auf sie Rücksicht nehmen müssen?

Möchten wir, dass Fremde neben uns wohnen,

wenn das bedeutet, dass sie uns befremden?


Wenn wir uns das wünschen können,

haben wir Hoffnung.

Eine Hoffnung, die sich nicht nur auf das Jenseits richtet.

Sondern die jetzt schon die Welt verändert,

weil das Seufzen der Kreatur uns zum Handeln drängt.


So ist die Hoffnung Schwester des Glaubens,

weil der Glaube es nicht hinnimmt,

dass es nun einmal so ist, wie es ist.

Er fragt nach Gottes Willen,

er ist bereit zu Buße und Umkehr

und bittet Gott um seine Hilfe.


Und so ist die Hoffnung auch Schwester der Liebe,

die sich nach dem sehnt, was sie liebt,

dem Geliebten, der Geliebten entgegeneilt

und ihr oder ihm das Beste wünscht und das Beste gönnt.


Hoffnung verändert die Welt,

wenn sie nicht unverbindlich und diffus bleibt,

sondern sich klar vor Augen stellt,

was Gott sich von uns für seine Schöpfung wünscht.

Wenn wir das sehen können

und wenn wir zu wünschen vermögen,

was Gott sich von uns wünscht,

dann werden wir sichtbar als Gottes Kinder.


Das wird der bedrängten Schöpfung

und das wird unseren Mitmenschen Hoffnung schenken:

Sie müssen nicht bis ans Ende der Zeiten warten.

Es wird sich etwas ändern. Schon heute.

Sonntag, 5. November 2023

Du bist ein Könner!

Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis, 5.11.2023, über 1.Johannes 2,12-14

Ich schreibe euch, liebe Kinder:

euch sind die Sünden vergeben,

weil ihr seinen Namen tragt.

Ich schreibe euch Eltern:

ihr kennt den, der im Anfang war.

Ich schreibe euch Jugendlichen:

ihr habt den Bösen besiegt.


Ich schrieb euch, liebe Kinder:

ihr kennt den Vater.

Ich schrieb euch Eltern:

ihr kennt den, der im Anfang war.

Ich schrieb euch Jugendlichen:

ihr seid Könner,

das Wort Gottes ist unter euch gegenwärtig;

ihr habt den Bösen besiegt.



Liebe Schwestern und Brüder,


„was man schwarz auf weiß besitzt,

kann man getrost nach Hause tragen”


(Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil)


Worte allein genügen nicht immer.

Manchmal braucht man es schriftlich.

Wenn’s um Geld geht, zum Beispiel.

Früher reichte ein Handschlag,

um einen Kauf, eine Abmachung zu besiegeln.

Damit gibt sich heute niemand mehr zufrieden.

Wenigstens eine Quittung muss es schon sein.

Und es scheint, je größer und teurer etwas ist,

desto mehr Papiere und Unterschriften werden benötigt.


In Liebesdingen sind wir nicht so papierversessen.

Klar, man freut sich über ein schriftliches Liebesgeständnis.

Und natürlich hebt man Liebesbriefe auf,

mit Schleife drumrum, in einem besonderen Kästchen.

Aber als Beweis der Liebe genügen

ein Blick, drei Worte und ein Kuss.


Auch der Glaube kommt ohne Geschriebenes aus -

sieht man einmal von der Bibel ab.

Mit ihrer Hilfe vergewissern wir uns über unseren Glauben.

So haben wir es von Martin Luther gelernt.

Vieles geht nicht ohne Bibel:

Der Konfirmandenunterricht,

das Gespräch über den Glauben

und natürlich die Predigt.


Aber glauben kann man auch ohne Bibel.

Bis zu Luthers Übersetzung der Bibel

mussten die meisten Menschen ohne sie auskommen.

Damals konnte sich niemand eine Bibel leisten.

Die wenigsten konnten sie lesen.

Und was daraus im Gottesdienst vorgelesen wurde,

verstand man nicht. Es war Latein -

für die meisten ein Kauderwelsch, bis heute.


Auch wir haben geglaubt,

bevor wir das, was uns in Christenlehre,

Konfirmandenunterricht und Predigten erzählt wurde,

selbst nachlesen und nachprüfen konnten.

Am Anfang unseres Glaubens standen

nicht so sehr Worte oder Geschichten.

Vielmehr war es das Erleben von Gemeinschaft,

das Erlebnis eines guten und gleichberechtigten Miteinanders.

Das Erleben von Offenheit:

man durfte sein, wer man war,

und man durfte sagen, was man dachte.

Am Anfang stand Erlebnis einer gemeinsamen Feier, einer Andacht.

Das Licht von Kerzen;

das bewegt Werden von Liedern und Musik;

das Teilen von Brot und Wein.

Solche Erfahrungen standen am Anfang des Glaubens.

Die Worte kamen später dazu,

klärten und erklärten, was es bedeutete,

was man da erlebt hatte.


So ist es auch mit den Sätzen aus dem 1.Johannesbrief,

die den heutigen Predigttext bilden.

Auch sie erinnern an Erlebtes.

Sie belehren oder predigen nicht,

wie man das von den Briefen das Paulus kennt.

Sie schärfen ein, was schon da ist:

Ihr kennt den, der im Anfang war, Jesus Christus,

und ihr kennt den Vater.


Dieses Kennen ist besonders.

Kein Wissen über Glaubensdinge,

nichts, was man im Unterricht gelernt hätte.

Sondern eine Erfahrung:

Die Erfahrung, von Gott angenommen,

von Gott erkannt und geliebt zu sein.


Dieses Erfahrungswissen,

dass Gott mich annimmt und liebt, weckt ungeahnte Kräfte.

Es macht sogar fähig, den Bösen zu besiegen.

Christinnen und Christen wissen nicht nur von Gott;

durch ihn sind und vermögen sie auch etwas:

Sie sind Kenner und Könner.

Gottes Wort wird gehört, gelesen, gewusst.

Dieses Wissen wird zu einer Haltung, verändert das Handeln,

wenn man es annimmt und für sich gelten lässt.

Dadurch verändert sich die Einstellung zum Mitmenschen:

Wer vom Wort Gottes bewegt ist,

liebt seine Nächste, seinen Nächsten wie sich selbst.


Das Erfahrungswissen: Ich gehöre zu Gott

macht fähig, den Bösen zu besiegen.

Der Böse, darunter versteht der 1.Johannesbrief den Teufel.

Aber nicht als gehörnte Gestalt,

wie er uns im Kasperletheater oder an Halloween begegnet.

„Den Bösen” im Singular,

den Teufel, der Menschen verführt

und sich dann ihre Seelen schnappt,

den gibt es nicht.

Und zugleich gibt es ihn als Möglichkeit,

die auch in unserer Reichweite liegt.


Gut und Böse sind Möglichkeiten, die wir ergreifen,

Entscheidungen, die wir treffen.

Der Böse kommt nicht mit Feuer und Schwefel,

Hörnern und Bocksbeinen daher.

Er oder Sie kommt daher als jemand wie Sie und ich,

jemand, der Grenzen infrage stellt und verschiebt.


Wie im Paradies die Schlange zu Eva sagte:

„Sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen

von allen Bäumen im Garten?”,

so sagt der Böse vielleicht:

„Sollen wir uns unseren Wohlstand

von Asylschmarotzern wegnehmen lassen?”

Mit Worten werden Grenzen verschoben,

Tabus hinterfragt und schließlich gebrochen.

Und auf einmal ist es nicht mehr unvorstellbar,

gegen Jüdinnen und Juden zu hetzen.


Der Böse appelliert an unsere niederen Instinkte:

An den Neid auf das Wohlergehen der anderen.

An die Angst vor dem Fremden und Andersartigen.

An die Habgier, die nicht genug bekommen kann

und gleichzeitig anderen nichts gönnt.

An den Geiz, der nach Schnäppchen Ausschau hält,

aber nicht den Preis bezahlen will,

der für ein nachhaltiges Wirtschaften nötig ist

und auch nicht mit anderen teilen will.

Der Böse appelliert an Vorurteile und Ressentiments,

die die Welt in Schwarz und Weiß einteilen

und die Menschen in Freund und Feind.


Und der Böse vertauscht Gut und Böse miteinander.

Menschen, die sich um andere sorgen,

sich für Schwächere einsetzen,

werden als „Gutmenschen” verunglimpft.

Dagegen wird erklärt: „Geiz ist geil!”

Und wer sich rücksichtslos nimmt, was er will;

wer Schwächere zur Seite oder ins Abseits drängt;

wem jedes Mittel recht ist, sein Ziel zu erreichen,

wird als „Macher” bewundert, als „durchsetzungsstark”,

und als Vorbild hingestellt.


Schon früh müssen wir uns entscheiden,

auf welcher Seite wir stehen wollen:

Auf der Seite derer, die Mitschüler:innen mobben,

Schwächere drangsalieren,

über Kinder, die anders sind, lästern.

Oder auf der Seite derer, die Partei ergreifen,

die widersprechen und notfalls auch widerstehen,

die Schwächeren beistehen

und sich mit Außenseitern befreunden.


Wenn man Kind ist, erscheint alles noch als Spiel.

Aber es werden schon Verhaltensmuster eingeübt.

es wird Erfahrungswissen gesammelt:

Wie kriege ich, was ich will?

Wie setze ich mich durch?

Wie verschaffe ich mir Macht?

Aber auch:

Wem kann ich trauen und wem nicht?

Auf wen kann ich mich verlassen,

vor wem muss ich mich hüten,

wem gehe ich besser aus dem Weg?


Darum lobt der 1.Johannesbrief die Jugendlichen:

Sie haben den Bösen besiegt,

das heißt, sie haben den Bösen in sich besiegt:

Sie haben sich gegen die Möglichkeiten entschieden,

die ihnen auch offen gestanden hätten:

Die Möglichkeit zu Gemeinheit und Gier,

zu Hass und Rücksichtslosigkeit.

Statt dessen entschieden sie sich für Gott, den Vater,

den sie schon als Kind kennen gelernt hatten,

und für den Weg Jesu.


Sie entschieden sich dafür,

weil ihnen die Liebe Gottes begegnete.

Durch diese Begegnung verloren sie die Angst:

Die Angst, zu kurz zu kommen;

die Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden;

die Angst, nicht zu genügen

und die Angst, nicht dazuzugehören.


Die Liebe Gottes haben sie erlebt,

wie man das Licht einer Kerze erlebt.

Man erlebt, wie sich dieses kleine Licht

gegen die Dunkelheit behauptet;

wie es einfach nicht kleinzukriegen ist.

Wie selbst ein schwach glimmender Docht

wieder aufflackert und hell leuchtet

in einer lebendigen, strahlenden Flamme.

Dieses Licht hat sie angezogen.

Dieses Licht hat sie erfüllt

und erfüllt sie noch heute, wieder und wieder.


Solche Jugendlichen sind auch wir,

oder waren es einmal.

Auch wir haben Gott kennen gelernt

durch Worte und Taten:

Durch die freundliche Geste,

die uns auf den freien Platz einlud;

durch das Lächeln,

mit dem wir in der Gemeinde empfangen wurden;

durch die Bereitschaft zu Nachsicht,

Rücksichtnahme und Vergebung.

Durch Wohlwollen, das nicht aufgesetzt war,

sondern von Herzen kam.


So haben wir Gottes Liebe kennen gelernt.

So geben wir Gottes Liebe weiter.

Wir haben erkannt: Wir zünden damit ein Licht an,

das der Dunkelheit standhält

und das Menschen als Wegweiser dienen kann,

die den Weg nicht mehr wissen.


Auf diesem Gebiet der Liebe sind wir Könner.

Wir haben nur vergessen, dass wir Könner sind,

und wie viel wir können.

Wir vergessen manchmal die Hoffnung,

die in uns so hell gebrannt hat.

Wir vergessen manchmal, dass wir Gott kennen

und dass Gott uns kennt und uns erkannt hat;

dass Gott uns annimmt und vergibt -

sogar das, was wir uns selbst nicht vergeben können.


Wir sind Könner.

Das vergessen wir so leicht,

man muss uns wieder und wieder daran erinnern.

Darum gibt es diesen 1.Johannesbrief

mit diesen besonderen Zeilen,

die uns daran erinnern,

dass wir Kinder waren und Gottes Kinder sind;

dass wir als Jugendliche von einer neuen Welt träumten

und immer noch träumen,

und dass wir als Erwachsene wissen,

was Gut ist und was Gott von uns erwartet, nämlich:

Gottes Wort halten und Liebe üben

und uns nicht selbst für Gott halten.


Der 1.Johannesbrief schärft es uns ein:

Du bist eine Könnerin, du bist ein Könner!

Du verbreitest Licht in der Dunkelheit der Welt.

Du machst Menschen Hoffnung.

Du lässt sie Gottes Liebe spüren,

weil du die Liebe kennst

und an die Liebe glaubst

und aus der Liebe lebst.


Amen.

Sonntag, 8. Oktober 2023

bzw.

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis, 8.10.2023, über Exodus 20,1-17


Liebe Schwestern und Brüder,


wir leben in Beziehungen.

Das ist ein Allgemeinplatz, eine Plattitüde,

wie es die Feststellung wäre, dass wir überhaupt leben,

dass wir atmen, dass wir essen, wenn - - - ja, wenn

da nicht die Überzeugung wäre,

dass wir eigentlich ganz gut allein zurechtkommen,

oder eigentlich allein zurechtkommen müssten.

Viele haben das Gefühl,

sie müssten und könnten ihr Leben allein meistern.

Vielen gilt es als Schwäche, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Viele hegen Bewunderung für das einsame Genie,

das scheinbar ganz allein Großes vollbringt.


Aber auch das größte Genie muss etwas essen,

muss dafür einkaufen, muss mal zum Arzt oder zum Frisör.

Was es denkt oder erschafft, schöpft es nicht aus dem Nichts.

Es nutzt Wissen und Erkenntnisse anderer

und tauscht sich mit seinen Zeitgenoss:innen aus.


Selbst der größte Einzelgänger wurde von einer Mutter geboren,

war einmal ein hilfloser Säugling,

abhängig von der Liebe und Fürsorge seiner Eltern.

Man bleibt ein Leben lang Tochter oder Sohn seiner Eltern.

Das gibt manchen lebenslang ein Gefühl der Geborgenheit.

Für andere bedeutet es eine lebenslange Auseinandersetzung.


Niemand ist eine Insel.

Niemand kann ohne Kontakt zu anderen,

ohne die Hilfe von anderen existieren.


Wie sehr wir in Beziehungen leben,

kommt auch darin zum Ausdruck,

wie wir uns und wie uns andere sehen:

Als Töchter oder Söhne,

als Mütter oder Väter, Großmütter oder Großväter,

Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Cousins und Cousinen.

Als Schüler:innen, Angestellte, Mitarbeiter:innen;

als Freund:innen oder Kolleg:innen,

oder als Schwestern und Brüder in Christus,

als die ich Sie in dieser Predigt anrede.

All diese Zuschreibungen bezeichnen auch -

oder sogar in erster Linie - Beziehungen.


Und dann gibt es da noch die wichtigste Beziehung,

die als erstes in den Sinn kommt, wenn dieser Begriff fällt:

Die zu dem Menschen, den man liebt.


Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit,

herauszufinden, wie es geht, das Leben in Beziehungen.

Kind sein ist dabei noch das einfachste,

das ist man ja von Anfang an.

Aber je älter man wird, desto schwieriger wird es.

Kommt man in die Pubertät,

dann ist es oft eine Herausforderung für beide Seiten,

Eltern und Kinder.


Am meisten Gedanken aber macht man sich

über die Liebesbeziehung.

Es gibt Naturtalente, die können virtuos

auf der Klaviatur der Beziehung spielen.

Alle anderen bekommen Herzklopfen und feuchte Hände,

fangen an zu stottern oder werden rot.

Zermartern sich das Hirn,

was dieser Blick, diese Geste wohl bedeuten könnte

und wünschten sich, es gäbe Regeln für die Liebe,

die man einfach lernen oder irgendwo nachlesen könnte.


Es gibt auch Regeln, aber die stehen nirgendwo geschrieben:

Man lernt sie durchs Leben kennen, durch Versuch und Irrtum.

Manchmal kann man sich etwas von anderen abgucken.

Manchmal bekommt man gute Ratschläge.

Aber am Ende zählt nur die eigene Erfahrung,

wird man nur aus Schaden klug.


Auch zu Gott stehen wir in einer Beziehung.

Anders als die zwischenmenschlichen Beziehungen

geht die Beziehung zu Gott nicht von uns aus.

Gott tritt zu uns in Beziehung.

Dem ging keine Entscheidung unsererseits voraus.

Wenn wir uns zu Gott in Beziehung setzen,

wenn uns bewusst wird, dass wir an Gott glauben,

hat Gott schon längst die Beziehung zu uns aufgenommen.

Jede Entscheidung, jedes Ja von uns

bestätigt nur, was schon längst existiert.


Für diese Beziehung zu Gott gibt es Regeln.

Regeln, die auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen

gelten und funktionieren: Die Zehn Gebote.


Gebot - das klingt so absolut,

als sei unser Leben von allen Seiten eingeschränkt.

Und so sind die Zehn Gebote auch formuliert:

„Du sollst nicht …”, als würden überall Verbotsschilder stehen.

Aber die Zehn Gebote sind keine Verbote,

kein Gefängnis, in das wir uns freiwillig einsperren,

wenn wir an Gott glauben.

Die Zehn Gebote beschreiben vielmehr Voraussetzungen,

die notwendig sind für eine Beziehung zu Gott

und auch für die Beziehungen zu unseren Mitmenschen.


Das erste ist die ungeteilte Aufmerksamkeit:

Ich möchte, dass die oder der andere ganz bei mir ist,

wenn wir zusammen sind.

Wir lieben nicht nur den einen Menschen.

Wir lieben, wenn es gut geht, unsere Eltern,

unsere Geschwister, unsere Kinder und Enkel,

unsere Freundinnen und Freunde.

Wir lieben vielleicht auch unseren Beruf, unser Hobby.

Wir lieben unseren Besitz, lieben das Geld.

Es ist nicht jedes Mal die selbe Art und Weise der Liebe,

aber sie ist jedes Mal ähnlich intensiv und verbindlich.

Wenn ich mit jemandem zusammen bin,

konzentriere ich mich auf diesen Menschen

und möchte, dass er oder sie auch ganz auf mich konzentriert ist.

Das selbe gilt für Gott; das ist das erste Gebot.


Eine Freundschaft, eine Liebe lebt davon,

dass ich nicht anders über einen Menschen denke und rede,

wenn ich mit ihm zusammen, als wenn ich von ihm getrennt bin.

Ich kann nicht mit jemandem befreundet sein,

und zugleich hinter ihrem Rücken über sie lästern

oder die Geheimnisse verbreiten, die sie mir anvertraute.

Und natürlich möchte ich niemals erleben,

dass jemand so mit mir umgeht -

dann wäre die Freundschaft für mich sofort beendet.

In gleicher Weise möchte Gott,

dass wir uns in unserem Denken und Reden bewusst sind,

dass er uns sieht und hört,

auch wenn wir uns nicht direkt an ihn wenden:

das zweite Gebot.


Für eine Beziehung braucht es Zeit:

Zeit, die man ausschließlich dem anderen widmet.

Also nicht nebenher etwas anderes tut,

sondern sich ganz auf den anderen, die andere einlässt.

Wir hoffen ja auch, dass der Mensch, den wir lieben,

dass Freund:innen oder Familie es genießen,

Zeit mit uns zu verbringen,

und es nicht nur aus Pflichtgefühl tun.

Ebenso möchte Gott,

dass wir ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit widmen.

Uns einmal in der Woche Zeit nehmen

für die Begegnung, das Gespräch mit ihm:

das dritte Gebot.


Die ersten drei Gebote beschreiben unsere Beziehung zu Gott.

Wir stellten dabei fest,

dass sie genauso für unsere anderen Beziehungen gelten.

Jetzt aber folgen Gebote, die sich ausschließlich

auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen richten.

Was haben sie mit unserer Beziehung zu Gott zu tun?


Wir leben in Beziehungen

und wollen das doch nicht immer wahr haben,

weil man sich dadurch schwach und abhängig fühlen kann

und auch manchmal das Gefühl hat,

in jemandes Schuld zu stehen.

Das vierte Gebot erinnert uns daran, dass wir Kinder sind:

Kinder unserer Eltern, und Kinder Gottes.

Aus der Sicht liebevoller Eltern bleiben Kinder nichts schuldig.

Solche Eltern geben ihren Kindern auch nicht das Gefühl,

von ihnen abhängig zu sein.

So können wir lernen,

dass das Leben in Beziehungen keine Schwäche ist,

sondern eine Stärke, für die wir dankbar sein können.


Unsere Freundschaft, unsere Liebe zu einem Menschen

vollzieht sich nicht im luftleeren Raum.

Die Freundin, der Freund hat andere Freund:innen.

Und vor allem hat er, hat sie bestimmte Vorlieben und Hobbys.

Wenn man befreundet bleiben will und vor allem,

wenn man mit der|dem Liebsten ein Leben verbringen will,

muss das schon irgendwie zusammenpassen.

Man muss nicht alles gemeinsam tun.

Aber das, was dem anderen am Herzen liegt,

sollte bei mir keinen Widerwillen hervorrufen.


Gott liebt alle Menschen ohne Unterschied,

ohne Ansehen der Person.

Wir dagegen unterscheiden

zwischen Ausländern und Einheimischen,

zwischen Guten und Bösen,

zwischen Sympathen und Unsympathen.

Mit Gott in Beziehung zu sein hat zur Voraussetzung,

dass wir diese Liebe Gottes zu allen Menschen akzeptieren.

Wir müssen nicht auch alle lieben -

das können wir gar nicht:

Es gibt Menschen, die uns weh taten oder weh tun,

die uns übelwollen, die uns feind sind.

Die können, die müssen wir nicht lieben.

Aber wir sollten uns bewusst sein,

dass alle, auch unsere Feinde,

von Gott geliebte Menschen sind.


Darum gilt, was wir für uns als selbstverständlich ansehen,

auch für unseren Umgang mit anderen:

Dass wir niemandem die Existenz,

das Recht auf Leben absprechen.

„Du sollst nicht töten”, das hat Jesus klargestellt,

bedeutet nicht nur, das Leben zu achten.

Es bedeutet auch, keinen Menschen herabzuwürdigen,

indem ich ihn als „Idiot”, als „Opfer” oder sonstwie bezeichne.

Es bedeutet, keinem Menschen das Menschsein

und das Recht auf Leben abzusprechen.


Und wie wir nicht als Ware,

als Objekt der Begierde angesehen werden wollen,

sollen auch wir niemandem zum Objekt machen.

„Du sollst nicht ehebrechen” -

das ist nicht als Schutz der Institution der Ehe gemeint

Sondern, sagt Jesus, der verstößt gegen dieses Gebot,

wer einen anderen Menschen zum Objekt macht:

zum Objekt seiner oder ihrer Begierde.


Auch die übrigen Gebote haben mit dieser Begierde zu tun:

Der Begierde nach dem, was ein anderer hat;

dem Biegen des Rechtes, um einem anderen zu schaden

oder sich seinen Besitz anzueignen;

dem Neid auf das Glück und den Wohlstand anderer,

die Missgunst, die ihnen nicht gönnt,

was man selbst für sich gern in Anspruch nimmt.


Zehn Gebote - keine lange Liste von Regeln.

Trotzdem fragt man sich, wie man das alles bedenken,

wie man das alles beherzigen soll.


Wenn man sein Leben im Licht dieser Gebote betrachtet,

fällt auf, wo man diesen Geboten nicht genügte:

Wo man die Maßstäbe, die man anderen anlegte,

für sich nicht gelten ließ.

Wo man den eigenen Idealen nicht gerecht wurde.

Wo man anderen nicht gerecht wurde,

besonders denen, die einem am meisten bedeuten.


Bei den Zehn Geboten kommt es nicht auf Perfektion an.

Niemand kann sie alle erfüllen -

vor allem dann nicht, wenn man sie, wie Jesus es tut,

nicht nur auf die vollbrachte Tat bezieht,

sondern sie auf die Begierde und die böse Absicht zuspitzt.


Wie Jesus nicht nur die Tat, sondern schon die Absicht

im Licht der Zehn Gebote betrachtet wissen will,

so ist es nicht entscheidend, dass man jederzeit alle Gebote erfüllt.

Es kommt nicht darauf an, immer alles richtig zu machen.

Wir dürfen scheitern. Wir dürfen uns irren.

Wir dürfen Fehler machen.

Es kommt nicht auf Perfektion, sondern auf die Absicht an:

ob sie gut ist oder böse.

Es kommt darauf an, es gut zu meinen

mit sich und seinen Mitmenschen -

nichts anderes bedeutet:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.”


Und es kommt darauf an, in unserer Abhängigkeit von Gott

keinen Mangel, keine Schwäche zu sehen,

sondern darin die Liebe zu erkennen,

die Gott zu uns hat.

Zu uns - und allen Menschen.

Sonntag, 1. Oktober 2023

worauf es ankommt

Dialogpredigt am Erntedanktag, 2.10.2023, über Lukas 12,15-21

Liebe Schwestern und Brüder,


im Lukasevangelium erzählt Jesus eine Geschichte

von einem Mann, dem große Ackerflächen gehörten.

In diesem Jahr hatten seine Felder

eine besonders reiche Ernte gebracht.

So viel, dass der Platz in seinen Scheunen nicht reichte

für all das Korn.


Er überlegte: Was soll ich bloß machen?

Ich kann doch die Ernte nicht draußen liegen lassen!

Dann verfault alles, oder die Vögel und Tiere fressen es auf.

Ich kann doch die Ernte nicht einfach wegwerfen!


Ja, was soll der arme reiche Mann machen?

Was soll er tun mit seiner großen Ernte?


Wir haben hier auch eine große Ernte zusammengetragen.

Im Dom wäre noch viel, viel mehr Platz -

bestimmt viel mehr, als der reiche Mann gebraucht hätte.


Wir haben hier zum Glück nicht so viele Erntegaben,

dass kein Platz mehr im Dom wäre:

wir haben aber sehr viele verschiedene Gaben.


Seht doch nur, wie prächtig der Altar geschmückt ist!

Hier ist ein großer Reichtum versammelt.

Wie viel unterschiedliche Früchte wir essen können, jeden Tag!


Wir müssen nicht warten, bis sie reif werden

und müssen nicht auf sie verzichten,

wenn es sie bei uns nicht zu ernten gibt.

Das ganze Jahr über können wir Äpfel

und vieles andere Obst kaufen,

das früher nur zu bestimmten Zeiten erhältlich war.


Wir müssen auch keine Vorräte anlegen,

weil es Mohrrüben, Zwiebeln oder Kartoffeln

im Supermarkt oder im Bioladen

das ganze Jahr über zu kaufen gibt.


Wir leben in einem reichen Land

und die meisten von uns haben mehr als genug zu essen.

Dafür können wir dankbar sein,

und heute sind wir es auch:

Heute sagen wir Gott Danke für die Fülle,

aus der wir schöpfen und leben können:


Danke für …


    (Früchte aufzählen und ggf zeigen,

    die um den Altar herum aufgebaut sind)


Wir haben nicht nur genug zu essen.

Wir haben auch Wohnungen oder Häuser,

wir haben es warm im Winter,

wir haben sauberes, fließendes Wasser,

Strom für Licht und für viele elektrische Geräte,

die uns das Leben leichter machen.


Die meisten von uns haben ein Auto zur Verfügung

oder ein Fahrrad.

Es gibt Busse und Bahnen, wenn auch nicht immer pünktlich.

Kinder können in den Kindergarten

und später in die Schule gehen;

können dann eine Ausbildung machen oder studieren.


Es gibt Ärztinnen und Ärzte, ein Krankenhaus in der Nähe.

Die Polizei beschützt uns.

Versicherungen helfen uns,

wenn ein Unfall passiert oder etwas kaputt geht.

Wer nicht arbeiten kann, bekommt Hilfe vom Staat,

und wer lange gearbeitet hat, bekommt Rente oder Pension.


Es kann einem ganz schwindlig werden

bei dieser Aufzählung.


Und dabei ist das noch längst nicht alles,

sondern nur ein kleiner Teil der Dinge,

die für uns selbstverständlich sind,

die viele andere Menschen aber nicht haben

und die auch viele von uns früher nicht hatten.


Vielleicht geht es uns manchmal wie dem reichen Mann:

Wir haben so viel und wissen gar nicht,

was wir mit all dem Überfluss anfangen sollen.

So vieles landet im Müll,

was andere noch gut gebrauchen könnten.

So viel Essen wird weggeworfen,

obwohl es gar nicht schlecht ist.


Vielleicht kann uns die Geschichte

von dem armen reichen Mann einen Hinweis geben,

was wir mit unserem Überfluss anfangen könnten.

So geht sie weiter:


Der arme reiche Mann,

dessen Scheunen zu klein waren für seine reiche Ernte,

hatte eine Idee. Er sagte sich:

Ich reiße die alten Scheunen ab und baue neue.

Da habe ich Platz für die ganze Ernte.

Ich habe so viele Vorräte, ich muss mir keine Sorgen mehr machen:

Sie werden für viele Jahre reichen.

Jetzt kann ich mein Leben genießen!


Der Reiche Bauer lebt im Überfluss, wie wir.

Auch wir könnten unser Leben genießen.

Und das tun wir auch:

Wir fahren in Urlaub,

wir machen uns unser Zuhause schön,

wir haben Spielzeug, Computer, Handys und Fernseher.

Wir treiben Sport - segeln, rudern, radeln oder wandern.

Oder wir erholen uns in unserem Garten.


Trotzdem sind viele Menschen unzufrieden.

Weil vieles teurer geworden ist.

Weil wir vielleicht etwas ändern,

weil wir unsere Gewohnheiten ändern müssen,

damit der Klimawandel nicht noch schlimmer wird.

Oder weil Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen,

die auch gern so im Überfluss, so sorglos leben würden wie wir.


Obwohl wir alles haben, sind wir unzufrieden.

Irgendwas fehlt noch - aber was?


Wenn man alles hat, merkt man irgendwann,

dass Überfluss und Reichtum allein

noch nicht zufrieden machen.

Um wirklich zufrieden zu sein braucht man etwas,

das man für Geld nicht kaufen kann:


Gesundheit.

Freundschaft.

Liebe.


Eine sinnvolle Arbeit, die Freude macht.

Mitspracherecht.

Anerkennung und Respekt.


So geht es auch dem armen reichen Mann:

Eigentlich kann er sich zurücklehnen,

weil er so viele Vorräte hat.

Er braucht sich keine Sorgen mehr zu machen.

Er müsste glücklich sein.

Aber in der Nacht hat dieser Mann einen Traum.


Gott sagt zu ihm: Du glaubst, du hast ausgesorgt

und hast alles, was du zum Glück brauchst?

Was aber, wenn du heute Nacht krank wirst,

oder wenn du sogar stirbst!?

Was wird dann aus dem, was du gesammelt hast?


Es ist schön, wenn man sich keine Sorgen machen muss.

Es ist toll, wenn man sich kaufen kann, was man möchte,

und eine große Auswahl hat.

Aber es macht nicht glücklich.


Was uns glücklich macht und uns erfüllt,

kann man mit Geld nicht kaufen.

Es wird uns von anderen Menschen geschenkt:

Von Eltern und Großeltern;

von dem Menschen, den wir lieben;

von unseren Kindern;

von Freundinnen und Freunden;

von Menschen, denen wir helfen können

und von Menschen, die uns helfen.


Weil uns das wichtigste im Leben

von anderen Menschen geschenkt wird,

darum können wir abgeben und teilen.

Darum können wir auf vieles verzichten,

was dem Klima schadet.

Es ist zwar bequem, aber es macht uns nicht glücklich

und ist auch nicht wirklich wichtig.


Das wichtigste im Leben wird uns geschenkt:

Daran erinnern wir uns heute, an Erntedank,

und dafür sagen wir Danke.


Dafür sagen wir Gott Danke,

denn Gott schenkt uns nicht nur,

was wir zum Leben brauchen -

uns und allen Geschöpfen auf dieser Erde.


Gott schenkt uns seinen Sohn.

Von ihm werden wir geliebt, wie wir sind.

Durch ihn wird uns vergeben,

wenn wir etwas falsch gemacht,

jemanden verletzt haben.


In ihm finden wir die Fülle,

die Erfüllung unseres Lebens,

die uns frei macht, abzugeben und zu teilen,

was wir im Überfluss haben.


Heute sagen wir Danke:

Danke, Gott, für dein Geschenk des Lebens.

Danke, dass wir alles haben, was wir zum Leben brauchen.


Danke, dass du uns Menschen zur Seite stellst,

die wir lieben und die uns lieben.


Danke, dass du uns deinen Sohn schenkst,

der mit uns durchs Leben geht. Amen.