Samstag, 6. Januar 2024

heute ein König

Ansprache zu Epiphanias, 6.1.2024, über 1.Könige 10,1-15

Liebe Schwestern und Brüder,


zu den Dingen, die besonders schwer fallen,

bei denen man sich sehr überwinden muss,

gehört es, zuzugeben, dass der andere recht hat.

Oder dass jemand klüger ist, etwas besser kann als man selbst.

Wenn man es als Mutter oder Vater dem Kind,

als Lehrerin einer Schülerin gegenüber eingestehen muss,

ist es einigermaßen erträglich.

Denn da ist man die Überlegene,

man lässt sich sozusagen dazu herab,

dem Kind das Rechthaben, die Klugheit,

das besondere Vermögen zuzugestehen.

Und ist sogar stolz darauf, dass das Kind so begabt ist.


Wenn man jemandem gegenüber zugeben muss,

dass er im Recht ist, der gleichaltrig oder gleichrangig ist -

wenn es sogar jemand ist, den oder die man nicht leiden kann -,

dann ist das eine sehr bittere Pille, die man schlucken muss.

Wenn man es überhaupt über die Lippen bringt:

Ja, du hast recht. Ja, du kannst es besser als ich.


Andererseits: Wie gut fühlt es sich an, recht zu bekommen!

Wie süß ist der Triumph, wenn man es einmal besser weiß,

besser kann als die Eltern, die Lehrerin oder die Chefin -

und wenn sie das auch noch zugeben müssen!

Am schönsten ist es wohl für die, die immer Zweite waren,

immer zurückstehen mussten.

Wenn der, der beim Auswählen der Mannschaften

immer als letzter übrig blieb, das entscheidende Tor schießt.

Wenn die, der man es nicht zutraute, die Lösung findet.


Beim Besuch der Königin von Saba

treffen zwei Gleichrangige aufeinander.

Und fast scheint es, als hätte Salomo es gar nicht nötig,

in all seiner Pracht und Weisheit,

dass ihm die Königin von Saba bescheinigt,

wie weise und wie reich er ist.


Salomo, ein Sohn Davids, hat im 10. Jahrhundert v.Chr. gelebt.

Aufgeschrieben wurde diese Geschichte 500 Jahre später,

im babylonischen Exil.

Da gab es den Staat Juda nicht mehr.

Der Tempel und der Palast

mit ihren Schnitzarbeiten aus Sandelholz,

mit ihren Zithern und Harfen

waren zerstört und verbrannt.


Die Geschichte vom Besuch der Königin von Saba

beschwört nicht nur vergangenen Glanz und Glorie.

Sie erinnert die staatenlosen, gedemütigten

und in alle Lande zerstreuten Kinder Israels daran,

wer sie sind: Prinzen und Königinnen -

nicht der Abstammung nach,

schon gar nicht in den Augen ihrer Zeitgenossen.

Denen sind sie ein Dorn im Auge.

Sie machen die Kinder Israels für alles verantwortlich,

was schief läuft oder wofür sich kein Schuldiger findet.

Sie machen sie zu Sündenböcken - bis heute.

Aber in Gottes Augen sind sie Prinzessinnen und Könige.

Daran erinnert diese Geschichte.


Noch einmal 500 Jahre später

wird eine ähnliche Geschichte erzählt.

Über einen jungen Mann,

der in einem unbedeutenden Nest in der Nähe der Hauptstadt

in ärmlichsten Verhältnissen zur Welt kommt.

Der in Galiläa aufwächst und von dort auszieht,

um Menschen zu fischen

und ihnen die gute Nachricht zu verkündigen,

dass mit ihm das Reich Gottes nahe sei.

Doch wie kann der Christus aus Galiläa kommen,

fragen die Leute.

Aus Galiläa steht kein Prophet auf,

behaupten die Schriftkundigen (Joh 7,41.52).

Doch gerade zu ihm kommen,

als er als Neugeborener in einer Krippe liegt,

drei weise Könige mit Gold, Weihrauch und Spezerei,

um zu bezeugen, dass er der ist, der da kommen soll.

Dass dieses Kind ein Prinz und ein König ist,

ja mehr als das: der Sohn Gottes.


In seinem Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag”

beschreibt John Irving ein ganz besonderes Waisenhaus.

Sein Leiter, Dr. Wilbur Larch, hat die Angewohnheit,

noch einmal in den Schlafsaal zu schauen,

wenn das Licht schon ausgeschaltet ist,

und den Kindern gute Nacht zu wünschen:

„Gute Nacht - ihr Prinzen von Maine,

ihr Könige Neuenglands!”


Die da in ihren Betten liegen,

träumen vielleicht von Prinzessinen oder Prinzen,

die sie aus den Märchen kennen.

Aber sie kämen nie auf den Gedanken,

sich selbst so anzusehen.

Was sie für sich erhoffen,

ist, Eltern zu finden, die sie adoptieren.

Es müssen keine reichen, keine berühmen Eltern sein.

Hauptsache, es sind liebevolle Eltern.


Warum redet Dr. Larch diese Kinder

als Prinzen und Könige an?

Um ihnen ihren Wert zu vermitteln,

den sie als Menschen haben, nicht nur in seinen Augen.

Gerade ihnen, die nicht mit einem silbernen Löffel im Mund,

sondern mit einem Handicap ins Leben gestartet sind,

will er Selbstvertrauen schenken:

Ihr seid etwas Besonderes, obwohl -

oder vielleicht gerade weil ihr einen schweren Start hattet.


In diesen Worten des Doktors

schwingt der Amerikanische Traum mit,

der einmal nicht nur der Traum war,

das große Geld zu machen

und vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen.

Von denen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland

für eine Verfassung demonstrierten

und dafür mit Kerkerhaft bestraft wurden wie Fritz Reuter,

wanderten viele nach Nordamerika aus.

Sie hofften nicht auf das große Geld,

sondern auf Freiheit.

Für viele Menschen, die aufgrund ihrer Religion,

ihrer Meinung, ihrer Lebensweise verfolgt wurden,

waren und sind die USA das gelobte Land,

das ihnen ein Leben in Freiheit verspricht.


Die Kinder Israels hatten mit der Zerstörung des Tempels

und der Deportation ihr gelobtes Land verloren.

Im Exil entdeckten sie, dass sie das Land nicht brauchten,

um frei zu sein.

Mitten im Exil, mitten in Unterdrückung und Verfolgung

fanden sie die Freiheit in der Heiligen Schrift.

Sie versicherte ihnen, dass sie Prinzen und Königinnen waren,

und mehr als das:

„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig,

der Herr, euer Gott (Lev 19,2).”


Die Königin von Saba preist Gott,

weil der Salomo zum König eingesetzt hat,

damit er Recht und Gerechtigkeit übt.

Recht und Gerechtigkeit betreffen nicht nur

die Gleichheit vor dem Gesetz

und die materielle Fairness: dass jede:r genug zum Leben hat.

Zu Recht und Gerechtigkeit gehört auch,

dass die eigene Leistung anerkannt wird.

Dass man gesehen wird als die oder der, der man ist -

und nicht verachtet, klein oder zum Sündenbock gemacht

oder gemobbt wird.


Die Geschichte vom Besuch der Königin von Saba

und das Evangelium von den Weisen aus dem Morgenland

stellen Salomo und Jesus ins Licht,

sodass man sieht, wer sie in Wirklichkeit sind.

Im Licht dieser Geschichten

werden auch wir ins rechte Licht gerückt:

Wir sind Kinder Gottes.

Und als Kinder Gottes sind wir Prinzen und Königinnen -

nicht unserer Abstammung nach,

aber durch unseren Wert und unsere Würde.


Der Glaube verleiht uns diese Würde.

Eine Würde, die nicht arrogant oder hochnäsig daherkommt,

sondern uns und alle Menschen ins rechte Licht rückt:

In das Licht der Liebe Gottes,

der uns so liebt, wie wir sind.

Der sich mit uns über unsere großen und kleinen Erfolge freut,

auch wenn sie anderen nicht der Rede wert erscheinen mögen.

Der stolz auf uns ist - so stolz,

wie man als Vater und Mutter nur sein kann.


Im Licht des Glaubens zeigt sich, wer wir wirklich sind:

Gottes Töchter und Söhne,

wunderbare, einzigartige, über alles geliebte Menschen.

Weil Gott uns so ansieht, können wir selbst

unser Potenzial, unsere Fähigkeiten entdecken.

Vielleicht ist es nicht unser Schicksal,

Prinzessin oder König zu werden -

davon braucht es heutzutage immer weniger.

Aber es ist unsere Würde, Prinz und Königin zu sein -

eine Würde, die uns niemand nehmen kann.

Montag, 1. Januar 2024

wenn Gott will

Predigt am Neujahrstag, 1.1.2024, über Jakobus 4,13-15

Wohlan nun, die ihr sprecht:

Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt gehen

und dort ein Jahr verbringen,

Handel treiben und Gewinn erzielen:

Ihr wisst nicht, wie morgen euer Leben sein wird.

Ein Rauch seid ihr, der eine Weile zu sehen ist

und dann verschwindet.

Statt dessen sollt ihr sagen:

Wenn Gott will, werden wir leben

und dies oder jenes tun.



Liebe Schwestern und Brüder,


sind Sie abergläubisch?

Klopfen Sie auf Holz,

vermeiden es, unter Leitern durchzugehen

und nehmen sich vor schwarzen Katzen in acht?

- Ich vergesse immer,

ob sie nicht von rechts oder nicht von links kommen dürfen.


Geht das überhaupt zusammen,

Glaube und Aberglaube?

Auf Gott vertrauen und sich trotzdem zusätzlich absichern

gegen mögliche Unfälle, indem man z.B. auf Holz klopft?


Eigentlich dürften sich Glaube und Aberglaube nicht beißen.

Schließlich sind wir doch auch versichert,

als zusätzlicher Schutz gegen jede Art von Unbill.

Denn auf Gott vertrauen ist gut, versichert sein ist besser.

Kann es da schaden, wenn man auch Leitern

und schwarzen Katzen vorsichtshalber aus dem Weg geht?


Man könnte meinen, Jakobus habe so etwas im Sinn,

wenn er seiner Gemeinde rät,

sich nicht einfach etwas vorzunehmen,

sondern - sozusagen als Vorsichtsmaßnahme - zu sagen:

„Wenn Gott will, werden wir leben

und dies oder jenes tun.”


Bis heute wirkt dieser Satz aus dem Jakobusbrief nach.

Es gibt sogar einen Fachausdruck dafür:

„Sub conditio Iacobaea” - unter dem Vorbehalt des Jakobus,

abgekürzt: s.c.I.

Als „so Gott will und wir leben” ist der Satz

zu einer Redensart geworden.

Fast wird er als Beschwörung gesprochen,

wie um damit zu verhindern, dass etwas dazwischenkommt.

Der Glaubenssatz wurde zum Aberglauben.


Und Jakobus ist schuld.

Drängt er nicht dazu, sich nicht zu sicher zu sein,

sondern Bescheidenheit - manche sagen: christliche Demut -

an den Tag zu legen, wenn er schreibt:

„Ein Rauch seid ihr, der eine Weile zu sehen ist

und dann wieder verschwindet.”

Das kennen wir aus dem 90. Psalm:

Der Mensch ist „wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst

und des Abends welkt und verdorrt”, heißt es dort.

Angesichts unserer Vergänglichkeit tut man gut daran,

sich nach allen Seiten abzusichern

und lieber eine Vorsichtsmaßnahme mehr zu ergreifen

als am Ende feststellen zu müssen,

dass es eine zu wenig war.


Aber ist tatsächlich die schwarze Katze oder eine Leiter schuld,

wenn aus unseren Plänen nichts wird?

Meint der Vorbehalt des Jakobus nicht doch etwas anderes?

„Wenn Gott will, werden wir leben

und dies oder jenes tun” -

hängt am Ende alles von Gottes Willen ab?


Es gibt ein Abendlied, das auch meine Mutter mit mir sang,

als ich ein kleines Kind war: „Guten Abend, gut Nacht”.

Die letzte Zeile dieses Liedes hat es in sich.

Wenn man es genau nimmt, ist sie sehr verstörend:

„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.”

Als Kind habe ich mich gefragt: Was, wenn Gott nicht will?

Wache ich dann morgen früh nicht wieder auf?


Auch den Vorbehalt des Jakobus kann man so hören:

„Wenn Gott will, werden wir leben

und dies oder jenes tun.”

Wenn Gott will - da ist es wieder, dieses Wenn,

mit dem das Gottvertrauen infrage gestellt wird

und damit der Glaube.

Denn wie kann ich Gott vertrauen,

wenn ich mir nicht sicher sein kann,

dass Gott will, dass ich morgen früh wieder aufwache?

Kann man sich überhaupt vorstellen,

dass Gott das nicht wollen könnte?


Es ist ja vielmehr so, dass Gott will,

dass wir leben und den morgigen Tag,

ein neues Jahr erleben.

Gott will das unbedingt,

ganz unabhängig von unserem Wohlverhalten

oder unseren Leistungen:

„Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen,

spricht Gott, der Herr,

und nicht vielmehr daran,

dass er sich bekehrt von seinen Wegen

und am Leben bleibt?”, heißt es beim Propheten Ezechiel (18,23).

Gott will, dass alle Menschen leben,

auch die, die von ihm nichts wissen wollen,

sogar die Unmenschen - selbst sie sollen leben.

Wie viel mehr die, die auf Gott vertrauen!


„Wenn Gott will, werden wir leben”

kann also kein Bedingungssatz sein.

Denn Gott will, dass wir leben, daran gibt es keinen Zweifel.

Wenn aber Gott will, dass wir leben -

will er dann auch, dass wir dies und jenes tun?


Gott will, dass wir seinen Willen tun.

Darum bitten wir jedes Mal,

wenn wir das Vaterunser beten:

„Dein Wille geschehe.”

Durch wen geschieht Gottes Wille,

wenn nicht durch die, die ihn tun?


Der Vorbehalt des Jakobus zielt also nicht auf Gottes Willen ab -

der steht für uns in jeder Hinsicht fest:

sowohl als Gottes Wille, dass wir leben sollen,

wie auch als Gottes Wille für uns.

Der Vorbehalt des Jakobus zielt darauf ab,

ob unser Vorhaben diesem doppelten Willen Gottes entspricht:

Steht das, was wir vorhaben, Gottes Willen entgegen?


Worin aber besteht der Wille Gottes?

Einmal darin, dass wir leben sollen.

Dieses Leben, das Gott für uns will,

umfasst nicht nur das bloße Lebendigsein.

Zu diesem Leben gehören auch Freude und Glück,

gehört ein Sinn und gehört vor allem die Liebe -

die Liebe, die man empfängt, und die, die man schenkt.


Der Wille Gottes hat aber noch eine andere Seite

Das berühmte Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”

zeigt es: Gottes Wille bezieht sich auf uns

und auf unsere Mitmenschen, unsere Nächsten.

Und dazu gehören auch unsere Mitgeschöpfe,

gehört die ganze Natur, die Schöpfung Gottes,

über die er uns als Haushalterinnen und Haushalter gesetzt hat.


Wie finde ich denn nun heraus,

ob meine Pläne Gottes Willen entsprechen oder nicht?

Die Methode dafür nennt Ezechiel „Umkehr”.

Umkehr bedeutet nicht,

den selben Weg zurückzugehen, den man gekommen ist.

Umkehr bedeutet auch nicht,

am ersten Tag des neuen Jahres auf dem Hacken umzudrehen

und sozusagen gar nicht erst losgehen zu wollen.


Die Methode der Umkehr ist eine Besinnung,

ein zur-Besinnung-Kommen.

Eine Besinnung auf die beiden grundlegenden Gebote

der Gottes- und Nächstenliebe:

Kann das, was ich vorhabe oder das, was ich gerade tue,

diesen beiden Geboten standhalten?

Oder steht es der Ehrfurcht vor Gott und seiner Schöpfung,

allem Leben auf der Erde, entgegen?

Kann ich das, was ich vorhabe,

guten Gewissens im Angesicht Gottes tun,

oder entferne ich mich damit von Gott?


Der Vorbehalt des Jakobus müsste also eigentlich lauten:

„Was ich tue, will ich daraufhin prüfen,

ob es dem Leben dienlich ist.”

Denn das ist Gottes Wille:

dass ich lebe, glücklich sein und mich des Lebens freuen kann,

und dass auch alle anderen leben,

glücklich sein und sich des Lebens freuen können.


Was ich tue, soll dem Leben dienlich sein.

Das ist ein guter Vorsatz für das neue Jahr.

Dabei kommt es nicht darauf an,

gleich die ganze Welt zu ändern.

Es kommt auch nicht darauf an,

sich selbst zu ändern.

Es kommt nur darauf an,

dem Leben nicht im Wege zu stehen -

dem Leben, das Gott uns geschenkt hat

und mit dem er die ganze Welt erfüllt.

Sonntag, 31. Dezember 2023

ein neues Heft

Ansprache zum Altjahrsabend, 31.12.2023, über Kohelet 3,1-15

Für alles gibt es ein Datum,

und eine Zeit für jedes Geschöpf unter dem Himmel.

Eine Zeit, Leben zu schenken, und eine Zeit, zu sterben.

Eine Zeit, zu pflanzen, und eine Zeit, auszureißen.

Eine Zeit, zu töten, und eine Zeit, zu heilen.

Eine Zeit, abzureißen, und eine Zeit, zu bauen.

Eine Zeit, zu weinen, und eine Zeit, zu lachen.

Eine Zeit, die Totenklage zu halten, und eine Zeit, zu tanzen.

Eine Zeit, Steine zu werfen, und eine Zeit, Steine einzusammeln.

Eine Zeit, sich zu umarmen, und eine Zeit, die Umarmung zu lösen.

Eine Zeit, zu suchen, und eine Zeit, zu verlieren.

Eine Zeit, zu behalten, und eine Zeit, wegzuwerfen.

Eine Zeit, zu zerreißen, und eine Zeit, zu nähen.

Eine Zeit, zu schweigen, und eine Zeit, zu reden.

Eine Zeit, zu lieben, und eine Zeit, zu hassen.

Eine Zeit des Krieges und eine Zeit des Friedens.


Was hat der Arbeiter vom Gewinn,

um den er sich müht?

Ich sah die Aufgabe, die Gott den Menschenkindern gab,

dass sie sich damit abmühen.

Er hat alles gut gemacht zu seiner Zeit.

Auch die Ewigkeit hat er in ihr Herz gelegt,

nur dass der Mensch das Werk nicht erfassen kann, das Gott tut,

weder Anfang noch Ende.

Ich erkannte, dass es für den Menschen nichts Besseres gibt,

als fröhlich zu sein und es sich im Leben gut gehen zu lassen.

Auch, wenn ein Mensch isst und trinkt

und Gutes erfährt bei all seiner Mühe:

das ist eine eine Gabe Gottes.

Ich erkannte, dass alles, was Gott tut, auf ewig besteht;

man kann nichts dazu hinzufügen,

und man kann nichts davon wegnehmen.

Und vor dem, was Gott tut, soll man sich fürchten.

Was geschieht, ist längst geschehen,

und was wird, ist längst gewesen,

und Gott sucht, was Entschwunden ist.



Liebe Schwestern und Brüder,


wieder schließt sich ein Jahreskreis.

In wenigen Stunden ist das alte Jahr Geschichte,

ein neues Jahr beginnt.

Das ist, wie wenn man ein neues Heft anfängt:

Frisch, sauber und leer liegt es vor uns

und wartet darauf, von uns beschrieben zu werden.


Manchmal empfindet man Hemmungen,

ein neues Heft zu beschreiben -

die neuen Seiten sehen so rein und schön aus,

man möchte sie am liebsten so lassen.


Manchmal macht so ein leeres Heft regelrecht Angst -

womit soll man es füllen?

Was, wenn die Handschrift nicht ordentlich ist,

man sich verschreibt oder mit Tinte kleckert?

Dann ist das schöne, neue Heft verdorben …


Solche Angst kann davon abhalten,

das neue Heft überhaupt zu benutzen -

dabei ist es genau dazu da,

wartet geradezu darauf, von uns gefüllt zu werden,

von einem x-beliebigen, austauschbaren

zu unserem ganz persönlichen Heft zu werden.


So ähnlich ist es mit dem neuen Jahr, das vor uns liegt.

Nur könnten wir den Beginn des neuen Jahres

nicht hinausschieben, bis wir uns trauen,

es mit unseren Taten zu füllen.

Es beginnt unweigerlich und zieht uns hinterher.

Am Neujahrsmorgen kann man noch so tun,

als wäre man nicht da,

und sich die Decke über den Kopf ziehen.

Aber irgendwann muss man aufstehen.

Spätestens dann beginnt man es zu füllen, das neue Jahr.


Dabei ist es mit der Zeit wie mit dem Heft:

Sie will von uns gefüllt werden.

Sie wartet geradezu darauf, dass wir etwas mit ihr anstellen.

Und wer sich noch fragt, was er, was sie bitteschön

anstellen soll mit seiner oder ihrer Zeit,

der, dem legt der Prediger Salomo eine lange Liste vor:

Sieh, das alles kannst du anfangen mit deiner Zeit.


Es sind immer Paare von Tätigkeiten,

die der Prediger aufzählt.

Und es sind Gegensätze:

pflanzen und ausreißen,

abreißen und bauen,

suchen und verlieren,

behalten und wegwerfen.


Beim ersten Hören sortiert man unwillkürlich die Begriffe

in gut und schlecht ein:

pflanzen ist gut, ausreißen ist schlecht;

abreißen ist schlecht, bauen ist gut.


Der Prediger macht da keinen Unterschied:

Beides hat seine Zeit, beides muss sein, beides geschieht.

Wer keine Pflanze ausreißt, kann nichts ernten,

kann nichts Neues einpflanzen.

Manchmal verliert man etwas,

manchmal sucht man etwas.

Man kann etwas Wertvolles oder Liebes verlieren,

dann ärgert man sich oder ist traurig.

Man kann aber auch seine Illusionen verlieren,

oder sogar seine Ketten.

Man kann eine Freundin, einen Freund suchen,

eine Arbeitsstelle, oder das Weite -

man kann aber auch die Nadel im Heuhaufen suchen.


Nicht alles, was der Prediger aufzählt,

wird uns im neuen Jahr begegnen.

Für manches ist es noch nicht Zeit,

anderes hat seine Zeit schon gehabt.

Aber was im neuen Jahr geschieht,

wird auf die eine und andere Weise geschehen:

zerreißen und nähen,

schweigen und reden,

lieben und hassen.


Nichts ist von sich aus schlecht,

auch wenn wir die Liebe dem Hass vorziehen.

Manchmal ist auch das andere dran,

muss abgerissen, zerrissen, weggeworfen werden.


Das neue Jahr liegt als leeres Heft

mit weißen Seiten vor uns,

das darauf wartet, von uns beschrieben zu werden.

Dieses Heft haben wir von Gott bekommen.

Nicht, damit er es am Ende des Jahres einsammelt,

unsere Fehler mit Rot anstreicht

und uns eine Note darauf gibt.

Sondern damit wir es zu unserem Heft machen.


Ein Heft, ein leeres Blatt ist nötig,

um etwas zu schreiben oder zu malen.

Was wir schreiben oder malen -

ob wir überhaupt etwas schreiben

oder eine Seite zerknüllen, bekleben,

durch den Kakao ziehen oder vergolden -

ist allein unsere Sache.

Gott redet uns da nicht rein,

und er bewertet es auch nicht.


Wir danken Gott für seine Gabe,

wenn wir das Heft des neuen Jahres füllen -

so füllen, dass wir daran Freude haben

und vielleicht nicht mit allen,

aber doch mit der einen oder anderen Seite im Heft

zufrieden sind.


Wie schreibt der Prediger?

„Es gibt nichts Besseres,

als fröhlich zu sein und es sich im Leben gut gehen zu lassen.

Auch, wenn ein Mensch isst und trinkt

und Gutes erfährt bei all seiner Mühe:

das ist eine eine Gabe Gottes.”

Diese Gabe gilt es anzunehmen,

ohne sich gleich mit einem schlechten Gewissen zu belasten,

weil so viele Menschen hungern und leiden,

weil unsere Umwelt so gefährdet ist.


Es kann sein, es wird wahrscheinlich sogar so sein,

dass wir einige Seiten unseres Heftes damit füllen,

dass wir uns für unsere Umwelt

oder für unsere Mitmenschen einsetzen.

Dabei dürfen wir Freude empfinden.

Dabei darf es uns gut gehen.

Denn nur so entfalten wir die Kraft und die Phantasie,

für andere da sein zu können.

Nur so füllen wir die Seiten unseres Heftes so,

dass wir später gern noch einmal darin blättern -

ja, dass es für uns darin überhaupt

etwas Schönes zu lesen oder anzusehen gibt.


Am Ende einer Klassenarbeit werden die Hefte eingesammelt.

Oft gibt man mit einem bangen Gefühl ab:

Ob es wohl gereicht hat?

Ob man das Richtige geschrieben hat?


Auch Gott sammelt unsere Jahreshefte ein.

Nicht, um sie zu benoten.

Sondern, um sie aufzubewahren.

Damit wir rückblickend,

mit der Erfahrung und dem Wissen von morgen,

anders auf das vergangene Jahr zurückblicken:

Gnädiger mit uns und verständnisvoller.

Dankbarer und glücklicher.

Und dann mit neuem Elan, mit größerer Lust

und ohne Scheu das neue Heft des neuen Jahres aufschlagen,

voller Vorfreude darauf, seine erste Seite zu füllen.

Dienstag, 26. Dezember 2023

Geheimnisse

Predigt am 2.Weihnachtstag, 26.12.2023, über 2.Kor 8,7-9 und die Stölzel-Kantate „Kündlich groß ist das gottselige Geheimnis”

Wie ihr euch in allem hervortut -

im Glauben und im Predigen,

in der Erkenntnis und aller Bereitwilligkeit

und in der Liebe, die wir zu euch haben,

sollt ihr euch auch bei der Kollekte hervortun.

Ich sage das nicht als Befehl,

sondern wegen der Bereitwilligkeit der anderen,

und um die Echtheit eurer Liebe zu prüfen.

Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus:

obwohl er reich ist, wurde er am um euretwillen,

damit ihr durch seine Armut reich würdet.



Liebe Schwestern und Brüder,


darf ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen?


Wenn ich’s mir recht überlege:

ein Geheimnis, das man anderen anvertraut,

ist kein Geheimnis mehr -

vor allem, wenn es so viele sind wie hier.

Nicht, dass ich an Ihrer Verschwiegenheit zweifeln würde!

Aber ist es nicht der Sinn eines Geheimnisses,

dass es niemand erfährt, dass man es mit ins Grab nimmt?


Freilich, wenn niemand je von meinem Geheimnis erfährt,

wie sollte ich dann ein Geheimnis haben?

Ich würde zwar behaupten, ich hätte eins -

aber das kann jede:r sagen.

Ich muss also mindestens eine Person ins Vertrauen ziehen,

damit jemand bestätigen kann,

dass ich tatsächlich ein Geheimnis hüte.


Diese Person wäre jemand Besonderes,

weil sie als einzige etwas von mir wüsste,

was sonst niemand weiß.

Auf diese Weise arbeiten Geheimgesellschaften:

Sie teilen Geheimnisse, die für Außenstehend tabu sind.

Das sind meist sehr banale Dinge.

Aber weil man nicht weiß, was es ist,

beflügelt das Geheimnis die Phantasie.

Das macht einen Geheimbund so interessant,

dass man selbst gern Mitglied wäre,

um das Geheimnis zu erfahren.


Die christlichen Gemeinden waren

zur Zeit der Christenverfolgungen

notgedrungen auch Geheimgesellschaften.

In Rom traf man sich heimlich auf dem Friedhof,

in den Katakomben.

Das muss - neben dem Argwohn -

auch die Neugier Außenstehender erregt

und großes Interesse am damals noch neuen Glauben geweckt haben.


In der Kantate ist von einem „kündlich großen Geheimnis” die Rede.

Diesem Titel liegt ein Vers aus dem 1.Timotheusbrief zugrunde:

„Groß ist, wie jedermann bekennen muss,

das Geheimnis des Glaubens:

Er ist offenbart im Fleisch.”

Hier wird von einem Geheimnis gesprochen -

und im selben Moment wird es ausgesprochen:

Kündlich ist dieses Geheimnis:

„Gott ist offenbart im Fleisch.”

Nun ist es raus, nun ist es in der Welt.

Ein Geheimnis, das man ausgeplaudert hat,

ist kein Geheimnis mehr.

Oder doch?


Geheimnis meint hier nicht etwas, das niemand wissen darf.

Sondern etwas, das man nicht versteht,

wenn man nicht eingeweiht ist.

„Gott ist offenbart im Fleisch”:

Der unendliche, ewige, unbegreifliche und allmächtige Gott

liegt als neu geborenes, hilf- und schutzloses Baby in einem Futtertrog:

Das ist tatsächlich nicht zu begreifen.


Es ist ähnlich schwer vorstellbar wie der Urknall:

Alles, was existiert, das fast unendliche Weltall,

darin als winziger Punkt unsere Heimatgalaxie,

die unvorstellbar große Milchstraße,

in dieser, am Ende eines ihrer Spiralarme,

als winziger Punkt unser Sonnensystem,

in dem selbst die Reise zu unserem nächsten Planeten Mars

zwei Jahre dauert, und darin unsere Erde,

die ja auch nicht gerade klein ist -

dies alles soll einmal in einem Punkt konzentriert gewesen sein.


Aber das ist ja noch nicht alles.

Nicht nur, dass Gott in dem Kind in der Krippe

wie in einem Punkt konzentriert ist.

Nein, dieses Kind hat selbst etwas Unbegreifliches getan,

wie Paulus schreibt:

„obwohl er reich ist, wurde er arm um euretwillen,

damit ihr durch seine Armut reich würdet.”

Jetzt ist die Verwirrung komplett.

Dagegen scheint der Urknall noch relativ leicht vorstellbar.


Das doppelte Geheimnis der Menschwerdung Gottes

und unseres Reichtums durch seine Armut

braucht man nicht zu verheimlichen.

Es kann sowieso niemand verstehen.

Wie aber geht es uns damit,

denen die Worte der Kantate und die Worte des Paulus gelten?


Um solche Art von Geheimnissen verstehen zu können,

muss man in sie eingeweiht werden.

Geheimgesellschaften machen das mit einigem Brimbamborium,

verbundenen Augen und heiligen Schwüren.

Bei uns erfolgt die Initiation in das Geheimnis des Glaubens

vergleichsweise schlicht und unspektakulär:

durch die Taufe.


Moment mal:

Was hat die Taufe mit der Menschwerdung Gottes zu tun?

Nun, das ist auch wieder eines dieser Geheimnisse;

es würde zu weit führen, das auch noch zu besprechen.

Sagen wir: Die Taufe ist eine Adoption.

Gott nimmt uns mit der Taufe in seine Familie auf.

Jesus, Gottes Sohn, wird dadurch unser Bruder.


Und zwar unser großer Bruder.

Ein Bruder, der für uns durchs Feuer geht, wenn es sein muss -

und das tatsächlich auch getan hat.

Wer „Die Brüder Löwenherz” von Astrid Lindgren liest,

bekommt eine Vorstellung davon, was ein großer Bruder ist und tut.


Jesus geht für uns durchs Feuer.

Er opfert sich für uns - aus Liebe,

wie auch wir uns manchmal aufopfern

für Menschen, die wir lieben.

Und nun sagt Jesus:

Durch mein Opfer seid ihr reich geworden.

Ich liebe euch so sehr,

dass ihr meine Liebe wie einen großen Schatz habt.

Ihr besitzt sie im Überfluss,

sie kann euch nicht verloren gehen,

und sie wird nie weniger, wie viel ihr auch davon verschenkt.

Eure Liebe soll deshalb nicht nur den Menschen gelten,

die ihr euch aussucht.

Weil ihr in Gottes Familie aufgenommen seid,

sind alle Menschen eure Geschwister,

stehen alle Menschen euch nahe.


Was Jesus da von uns verlangt,

bedeutet nicht, dass wir alle Menschen lieben müssen.

Das kann niemand, das überlassen wir ihm.

Es bedeutet, dass wir alle Menschen als Mitmenschen,

als Geschwister ansehen können.

Wir müssen sie nicht mögen,

wie sich auch Geschwister manchmal nicht mögen.

Trotzdem ist und bleibt man miteinander verbunden.


Diese Verbundenheit zeigt sich im Tun.

Paulus bittet seine Gemeinde in Korinth

um eine Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde.

Diese Kollekte soll die geschwisterliche Verbundenheit

der christlichen Gemeinden zum Ausdruck bringen.

Und offensichtlich hat Paulus den Ehrgeiz,

dass seine Gemeinde sich dabei hervortut,

mehr spendet als die anderen.


Diese Sammlung ist für Paulus auch ein Prüfstein,

wie es bei den Korinthern mit dem Glauben bestellt ist:

Nur wer wohlhabend ist, wer reichlich hat,

kann von seinem Überfluss etwas abgeben.

Das weiß auch Paulus.

Er würde niemals verlangen,

dass jemand sein letztes Hemd für diese Sammlung gibt.


Reichtum und Überfluss bemessen sich nicht nur am Geld.

Wer glücklich ist, braucht keine Millionen, nur die Musik.

Wer sich reich beschenkt fühlt, lebt im Reichtum,

obwohl er oder sie nach unseren Maßstäben arm sein kann.

Der Glaube lässt uns Reichtum und Glück an Orten entdecken,

wo man sie nicht vermuten würde.


Wer diesen Reichtum entdeckt hat,

braucht wenig von den Gütern dieser Erde,

um glücklich zu sein.

Wer den Reichtum entdeckt hat,

den das Kind in der Krippe verschenkt,

möchte ihn mit anderen teilen.


Die Kantate spricht von einem „frommen Leben”.

Wir müssen uns darunter nicht ein Leben vorstellen,

in dem man auf alles verzichtet, was Spaß macht.

Ein „frommes Leben” ist ein Leben,

das damit ernst macht, dass wir das Wichtigste für unser Leben

von Gott geschenkt bekommen

und deshalb vom Zweitwichtigsten -

Zeit, Geld, Macht, Besitz, unserer Kraft und unserem Wissen -

anderen abgeben, mit anderen teilen können.


Beim Teilen, beim Helfen und für andere da Sein

kann man die überraschende Erfahrung machen,

dass Gottes Geheimnis auf einmal kein Geheimnis mehr ist,

sondern unmittelbar einleuchtet.

Auf einmal erscheint es nicht mehr verrückt,

dass der große Gott ein kleines Kind wird.

Auf einmal ist es nicht mehr verwirrend,

wie Christi Armut uns reich macht.


So ein Aha-Erlebnis hat man manchmal auch in der Musik.

Vielleicht gerade eben bei der Kantate, die wir gehört haben.

Was beide, Musik und „frommes Leben”, gemein haben ist,

dass sie uns ohne Umweg über den Kopf direkt zu Herzen gehen.

Dann wird das Herz zu einem Ort, in dem Gott wohnen kann:

Eine Krippe, in der „der süße Immanuel” auch in uns geboren wird.

Sonntag, 24. Dezember 2023

Grund zum Loben

Predigt am Heiligen Abend, 24.12.2023, über Lukas 2, 13ff

Liebe Schwestern und Brüder,


es wird viel gelobt in der Weihnachtsgeschichte,

ist Ihnen das schon aufgefallen?

Die Menge der himmlischen Heerscharen lobt Gott:

GLORIA IN EXCELSIS DEO - „Ehre sei Gott in der Höhe”.

Und auch die Hirten,

nachdem sie das Kind in der Krippe gesehen hatten,

„priesen und lobten Gott”,

vielleicht mit den selben Worten:

GLORIA IN EXCELSIS DEO.


Nun haben weder die Engel noch die Hirten

damals Latein gesprochen -

das heißt, bei den Engeln bin ich mir nicht sicher,

immerhin war Latein über viele Jahrhunderte die Kirchensprache.

So fremd das Lateinische für uns klingt

und so wenig wir es verstehen,

so fremd ist uns auch das Lob Gottes.

Dabei haben wir Gott gerade eben selbst gelobt:

„Lobt Gott, ihr Christen alle gleich” haben wir gesungen.

Aber war uns das bewusst?

Wussten wir, was wir da taten, als wir vom „Loben” sangen?


Gemeinhin wird gelobt, wer etwas gut gemacht hat.

Dann gibt es freundliche Worte

und vielleicht sogar ein Fleißbienchen.

Oft wird man auch gelobt,

wenn man tat, was andere wollten:

„Fein, wie du dein Zimmer aufgeräumt hast!”


Auch ein Hund wird dafür gelobt,

dass er das Stöckchen bringt

oder kommt, wenn man ihn ruft.

Das Lob soll ihn dazu anspornen,

es nächstes Mal genauso zu machen.


Aber, Sie merken schon, das kann nicht gemeint sein,

wenn wir vom Lob Gottes sprechen.

Das Lob, um das es an Weihnachten geht,

muss noch etwas anderes sein.

So, wie es sich in der Weihnachtsgeschichte anhört,

ist es ein Jubeln vor Freude

über etwas Unerwartetes, Wunderbares.

Gott loben, das ist eigentlich ein Freudenschrei: Halleluja!


Dabei gibt es in unserer Welt zur Zeit keinen Grund zur Freude.

Es herrscht Krieg in der Ukraine und in Israel.

An vielen weiteren Orten in der Welt

gibt es Gewalt, Unterdrückung und Unfreiheit.

Unser Klima verändert sich -

das Wetter wird extremer, die Temperaturen steigen.

Auch das Klima unserer Gesellschaft verschlechtert sich:

Unterschiedliche Meinungen verhärten sich zu Fronten.

Politische Gegner reden nicht mehr miteinander,

ringen nicht mehr um einen Kompromiss,

hören einander nicht mehr zu.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird breiter und breiter.

Der Hass auf Geflüchtete ist groß,

ebenso der Antisemitismus.

Man könnte noch viel mehr aufzählen,

was gegen ein Jubeln an Weihnachten spricht.


Trotzdem - obwohl wir das ja wissen,

uns Sorgen um die Zukunft machen,

unter dem Zustand der Welt und unserer Gesellschaft leiden -

trotzdem ist uns an Weihnachten zum Jubeln zumute,

zum Lob Gottes - Gott sei Dank!


Was aber könnte der Grund für die Freude und das Lob sein,

wenn es um unsere Welt so schlecht bestellt ist?

Für die himmlischen Heerscharen ist es die Geburt des Heilandes,

des Christus.

Und für die Hirten ist es diese Botschaft des Engels:

„Euch ist heute der Heiland geboren”,

und dass sie den Heiland, das Kind in der Krippe, gesehen hatten:

Er ist tatsächlich gekommen!


Heiland, ein altes Wort, das man heute nicht mehr benutzt,

weil es ausschließlich den in die Welt gekommenen

Sohn Gottes bezeichnet.

Es stammt vom griechischen und lateinischen Wort für „Retter” ab.

Von diesem Retter singen wir an Weihnachten:

„Christ, der Retter ist da! ”


Ein kleines Kind in der Krippe soll unser Retter sein?

Ein Kind soll uns, unsere Gesellschaft, unsere Welt retten?

Was auf den ersten Blick unmöglich, geradezu unsinnig erscheint,

erweist sich als der einzige Weg,

wenn man genauer darüber nachdenkt:


Wer, wenn nicht ein kleines, neu geborenes Kind,

soll uns die Liebe lehren?

Die Liebe zu jedem Menschenkind,

dessen Leben genauso wertvoll und unersetzlich ist

wie unser Leben und das unserer Kinder.


Wer, wenn nicht das Kind in der Krippe,

soll uns Behutsamkeit lehren?

Rücksicht, Verantwortung und Sorge

für jeden Menschen, jedes Lebewesen dieser Erde?


Wer, wenn nicht der neu geborene Heiland,

bringt uns dazu, Streit, Hass, Gewalt und Krieg

beenden zu wollen,

damit dieses Kind nicht voller Schrecken erwachen muss?


Und wer sollte in uns den Wunsch wecken,

unsere Erde und das Leben auf ihr

für zukünftige Generationen zu erhalten,

wenn nicht das Christus-Menschenkind,

das uns heute so bewegt und anrührt

und uns damit spüren lässt,

wie wertvoll und wie schützenswert das Leben ist.


Das ist die Macht des Kindes in der Krippe,

die jede:n ergreift, die | der dieses Kind ansieht.

Wer das Kind in der Krippe ansieht,

dem geht das Herz auf.

Der möchte diesem Kind Gutes tun.

Die möchte die Welt zu einem guten,

lebenswerten Ort machen für dieses Kind.


Den bringt das Kind zum Jubeln vor Freude.

Denn auf einmal ist es nicht mehr nur ein Traum.

Es ist nicht mehr undenkbar, unmöglich,

sondern scheint zum Greifen nah:

Friede auf Erden.


Friede auf Erden wird erreicht

durch Freundlichkeit, Verständigung,

Mitgefühl und Gerechtigkeit.

Die Welt und alles, was auf ihr lebt,

kann dadurch gerettet werden.


Wir sehen, dass es möglich ist,

wenn wir das Kind in der Krippe ansehen.

Und wir erkennen mit einem Mal,

dass es uns möglich ist,

dass wir es in der Hand haben.


Wie ein kleines Baby in der Krippe

uns und die ganze Welt retten kann,

so macht die kleinste gute Tat, die wir vollbringen,

einen gewaltigen Unterschied.

Wie ein Stein, den man ins Wasser wirft,

zieht sie Kreise, die andere aufwecken

und ihnen Mut machen, es uns gleich zu tun.


Das Kind in der Krippe lässt uns darauf vertrauen,

dass Friede auf Erden kein Traum bleiben muss.

Dieser Friede beginnt damit,

dass dieses Kind uns Frieden schenkt,

wenn es uns freundlich ansieht

und uns spüren lässt, dass Gott uns liebt.

Gott liebt uns so, wie wir sind.

Gott umgibt, umhüllt uns mit seiner Liebe,

sodass wir davon erfüllt sind.

Seine Liebe strahlt aus uns heraus, fließt über auf andere

und wird doch niemals weniger.


Das ist ein Grund zur Freude,

zum Lob Gottes, zum Jubeln:

GLORIA IN EXCELSIS DEO!

Ehre sei Gott in der Höhe

und Friede auf Erden

bei den Menschen, die er liebt.

Wann es Weihnachten wird

Predigt am Heiligen Abend, 24.12.2023, über Galater 4,4-7:

Als die Zeit erfüllt war,

sandte Gott seinen Sohn,

geboren von einer Frau

und unter das Gesetz getan,

auf dass er die, die unter dem Gesetz sind, loskaufte,

damit wir die Kindschaft empfingen.

Weil ihr nun Kinder seid,

hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt,

der da ruft: Abba, lieber Vater!

So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind;

wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.


Liebe Schwestern und Brüder,


„als die Zeit erfüllt war,

sandte Gott seinen Sohn.”


Nicht nur damals, im Stall von Bethlehem,

jedes Jahr erfüllt sich die Zeit.

Die Kerzen auf dem Adventskranz geben den Takt vor,

in dem wir auf Weihnachten zugehen

und dabei dem Heiligen Abend immer näher kommen.


Heute endlich ist es soweit.

Es kann sich nur noch um wenige Stunden,

ach was!, Minuten handeln,

bis es wirklich Weihnachten ist.


Woran macht sich das fest?

Wann genau ist der Zeitpunkt,

an dem es Weihnachten wird?


Passiert es beim Weihnachtsevangelium,

wenn die Worte gelesen werden:

„Und sie gebar ihren ersten Sohn

und wickelte ihn in Windeln

und legte ihn in eine Krippe”?


Passiert es, wenn wir zum Ausgang

„O du fröhliche” singen?


Wird es Weihnachten,

wenn zuhause die Bescherung stattfindet?


Oder ist es Weihnachten,

wenn der ganze Trubel endlich vorbei ist,

man sich in den Sessel oder aufs Sofa fallen lässt

und spürt, wie die Anspannung nachlässt

und Müdigkeit langsam aufsteigt -

in dem wohligen Wissen,

dass man morgen nicht arbeiten muss?


Beginnt also Weihnachten in der Kirche,

mit den altvertrauten Worten und Liedern,

beginnt es mit dem Schenken

oder mit der Ruhe, die nach dem Trubel einkehrt?


„Als die Zeit erfüllt war,

sandte Gott seinen Sohn.”


Vielleicht ist die Vorstellung falsch,

dass es in einem bestimmten Moment Weihnachten wird,

wie zur Stunde der Geburt des Christuskindes,

bei der Bescherung, oder in der Ruhe danach.


Wenn man Mutter oder Vater wird,

ist man das noch lange nicht,

wenn das Kind zur Welt kommt.

Technisch ja, und auch vor dem Gesetz.

Aber man braucht Zeit, bis man begriffen hat,

dass man jetzt Mutter, Vater ist,

und was das bedeutet.


Eigentlich ist man nie Vater oder Mutter,

sondern wird es - die ganze Kindheit lang,

vielleicht sogar das ganze Leben.

Man bleibt ein Leben lang Mutter oder Vater,

selbst, wenn die Kinder aus dem Haus sind

und man sie nicht mehr „erzieht”.

Mutter- und Vatersein umfasst nicht nur den Moment der Geburt,

sondern das ganze Leben.


Wenn es also heißt: „als die Zeit erfüllt war”,

ist damit vielleicht nicht nur der Moment der Geburt gemeint,

sondern die Fülle der Zeit, die ein Menschenleben ausmacht.


In dieser Zeitfülle leben wir als Kinder Gottes.

Dazu hat uns Gottes Sohn gemacht.

Wir sind nicht mehr Knechte und Mägde des Gesetzes -

und, kann man hinzufügen,

auch nicht Mägde und Knechte der Wirtschaft, des Konsums,

irgendeiner hehren Idee oder eines Schönheitsideals.

Wir sind nicht Knechte und Mägde einer Ideologie,

eines Anführers oder einer Gruppe,

die über uns bestimmen wollen.

Wir müssen niemandes Erwartungen oder Wünsche erfüllen.


Als Kinder Gottes sind wir frei -

wir haben jetzt Gott zum Vater.

Wir bleiben zwar immer Kinder unserer Eltern,

wie unsere Eltern immer Mutter und Vater bleiben.

Aber weil Gott unser Vater ist,

können wir unsere Eltern loslassen und sie uns:

Gott kümmert sich jetzt um uns.


Die Freiheit der Kinder Gottes ist nicht die Freiheit,

zu tun und zu lassen, was man will.

Das kann man auch tun, ohne Gott zum Vater zu haben.


Die Freiheit der Kinder Gottes ist die Freiheit,

nichts tun zu müssen.

Aus dem Müssen wird ein Können, wird ein Dürfen.


Statt: Du musst mit deinen Geschwistern teilen,

heißt es nun: Du kannst deinen Geschwistern etwas abgeben.

Du kannst deinen Wohlstand, deine Freiheit

mit Menschen teilen, die das bisher nicht erleben konnten.

Gott hat dich reich beschenkt und sorgt dafür,

dass du alles hast, was du zum Leben brauchst.


Statt: Du musst die Natur schützen,

heißt es: Du brauchst das alles nicht,

was die Werbung dir aufdrängen will.

Dein Lebenssinn liegt nicht im Konsumieren und Besitzen,

sondern in den Beziehungen, die dich tragen

und durch die du andere trägst -

auch in deiner Beziehung zur Natur,

zu Pflanzen und Tieren.


„Du darfst” - das ist nicht nur eine Margarine.

Es ist vor allem die Erlaubnis,

sich von den Gesetzen zu trennen,

die unser Leben bisher bestimmten:


Du darfst freundlich zu anderen sein.

Du darfst ihnen ein Lächeln schenken.

Du darfst großzügig sein,

brauchst keine Angst haben, zu kurz zu kommen,

brauchst nicht neidisch zu sein

auf das Glück und den Wohlstand anderer.

Du darfst rücksichtsvoll sein, höflich, bescheiden.


Denn du musst niemandem beweisen,

was für ein harter Kerl,

was für eine starke Frau du bist.

Du darfst schwach sein.

Du darfst weinen.

Du darfst nicht mehr weiter wissen.

Gott wird für dich sorgen,

weil du sein Kind bist, seine Tochter, sein Sohn,

erfüllt, begleitet und getragen

vom Geist des Kindes in der Krippe.


„Als die Zeit erfüllt war,

sandte Gott seinen Sohn.”


Weihnachten wird es nicht in einem bestimmten Moment.

Weihnachten ist auch nicht nur heute

und an den kommenden beiden Tagen.

An jedem Tag sieht Gottes Sohn in der Krippe uns freundlich an.

An jedem Tag macht sein Geist uns zu Gottes Kindern.

An jedem Tag ist Gott wie ein guter Vater,

wie eine gute Mutter zu uns.


Jeden Tag neu liegt das Kind in der Krippe.

Und diese Krippe sind wir:

In uns wird das Christuskind geboren.


„So lass mich nun dein Kripplein sein;

komm, komm und lege bei mir ein

dich und all deine Freuden”,

dichter Paul Gerhardt in einem alten Weihnachtslied.


Wir tragen das Christuskind in uns.

Aus unseren Augen lächelt es andere an,

mit unserer Hilfsbereitschaft macht es anderen Mut,

mit unseren Worten tröstet es,

mit unseren Händen heilt es.


Durch Liebe und Mitmenschlichkeit kommt das Christuskind

alle Jahre wieder zu uns und zu anderen,

so dass es für uns und für sie Weihnachten wird.

Weihnachten - an jedem Tag des Jahres.